Romane

Lebensbeschreibung des Verfassers

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Lebensbeschreibung des Verfassers,

von ihm selbst

Einer, der vom Geschicke so hinausgestellt worden ist, daß voraussichtlich, ja schon bei seinen Lebzeiten, mythisch gestimmte Leute seine Lebensgeschichte nachdichten und weiter erzählen, ein solcher tut gut, wenn er ihnen zuvorkommt. Am Ende weiß doch jeder selbst am besten, was es mit ihm ist. Nur aufrichtig muß er sein. Bei einem Poeten tut sich das selten ganz leicht, weil die Erinnerung gerne ein wenig umgebogen wird durch eine zudringliche Phantasie.

In dem Berichte, der hier folgt, wird das nicht so sein. Knapp und der Wirklichkeit gemäß soll da mein unbedeutendes, aber nicht armes Menschenleben aufgeschrieben werden. –

Als ich mich auf dieser Erde fand, war ich ein Knabe auf einem schönen Berge, wo es grüne Matten gab und viele Wälder, und wo, so weit das Auge trug, andere Berge standen, die ich damals aber noch kaum angeschaut haben werde. Ich lebte mit Vater und Mutter und etlichen Knechten und Mägden in einem alten, hölzernen Hause, und es gab in Hof und Stall, auf Feld und Wiese und im Walde immer alle Hände voll zu tun, und das Arbeiten vom frühen Morgen bis in die späte Nacht war etwas ganz Selbstverständliches, sogar schon bei mir; und wenn ich auf dem Anger mit Steinchen, Erde, Holzstückchen usw. spielte, so hatte ich immer Angst, des Vaters Stimme würde mich jetzt und jetzt zu einer Arbeit rufen. Ich habe das Spiel mit Hast getrieben, um es noch vor der Arbeit Rande zu bringen, und ich habe die Arbeit mit Hast vollbracht, um wieder zum Spiele zu kommen. Und so hat sich eine gewisse Eilfertigkeit in mein Wesen eingewachsen, der – war es im Studium oder im Schaffen – die Geduld und Bedächtigkeit nicht immer die rechte Wage hielt.

Mein Geburtsjahr ist 1843. Den Geburtstag – 31. Juli – habe ich mir erst später aus dem Pfarrbuche zu Krieglach heraussuchen lassen, denn bei uns daheim wurde nur mein Namenstag, Petri Kettenfeier, am 1. August, und zwar allemal dadurch gefeiert, daß mir meine Mutter an diesem Tage einen Eierkuchen buk.

Unsere kleine Gemeinde, die aus etwa vierundzwanzig auf Höhen und in Engtälern zerstreuten Bauernhäusern bestand, hieß Alpel, oder wie wir sagten: die Alm; war von großen Wäldern umgeben und durch solche stundenlange Wälder auch getrennt von unserem Pfarrdorfe Krieglach, wo die Kirche und der Friedhof standen. Mitten in diesen schwarzen Fichtenwäldern, unweit von anderen kleinen Gehöften, die zerstreut lagen, und in denen es genau so zuging wie bei uns, lag denn meine Heimat mit den Hochmatten, Wiesen und Feldlehnen, auf denen das Wenige kümmerlich wuchs, was wir zum Leben brauchten.

Krieglach liegt im Mürztale, an der Südbahn, die damals schon eröffnet war. Wir waren nur drei Stunden von dieser Hauptverkehrsstraße entfernt, trotzdem aber durch die schlechten Wege, und besonders durch unsere Unbeweglichkeit, fast ganz von der Welt abgeschlossen.

Mein Heimatshaus hieß: beim Klupenegger. Mein Vater war auch in demselben geboren, ebenso sein Vater, Groß- und Urgroßvater; dann verliert sich der Stammbaum. Die Geschwister meines Vaters waren als Hausbesitzer oder Dienstboten in der Gegend zerstreut. Meine Mutter war die Tochter eines Kohlenbrenners, dieser konnte den Bücherdruck lesen, was in Alpel zu jener Zeit etwas Außerordentliches war. Er erteilte neben seinem Gewerbe auch Unterricht im Lesen, aber es sollen wenig Lernbegierige zu seiner Hütte gekommen sein. Seine Tochter – die nachmals meine Mutter geworden – hatte die Kunst in unser Haus mitgebracht. Die Geschwister meiner Mutter lebten als Holzleute und Köhler in den Wäldern.

Ich mochte fünf Jahre alt gewesen sein, als in Alpel die Mär ging, man höre auf unseren hohen Bergen die Kanonenschüsse der Revolution in Wien. Das war nun wohl nicht möglich, doch aber ein Beweis, wie die Beunruhigung auch in unsere stille Gegend gedrungen war. Was die Befreiung von Zehent und Abgaben, von Robot und Untertänigkeit bei meinen Landsleuten für einen Eindruck gemacht hat, weiß ich nicht; wahrscheinlich nicht den besten, denn sie waren sehr vom Althergebrachten befangen. Mir kleinem Jungen aber hatte die Revolution etwas Gutes gebracht.

In einer Nachbarspfarre jenseits der nahen oberländischen Grenze gerieten der Pfarrer und der Schulmeister in Zwiespalt, der Neuerungen wegen. Der Schulmeister hielt es so ein wenig mit der neuen Zeit. Als aber das Jahr 1849 kam, war der Pfarrer auf einmal wieder obenauf und verjagte den Schullehrer mit Verweigerung eines entsprechenden Zeugnisses. Nun war der Schulmann ein Bettelmann und kam als solcher auch in unsere Gemeinde Alpel. In dieser befanden sich ein paar Bauern, die dem streitbaren Pfarrer nicht grün waren und den Schulmeister aufnahmen. Der Schulmeister – sein Name war Michel Patterer – ging umher und lehrte den Kindern das Lesen, Schreiben und Rechnen. Er bekam dafür das Essen und Tabaksgeld. Die Kinder folgten ihm von Haus zu Haus, und unter ihnen war auch ich. Endlich wurde ihm ein bestimmtes Wohnhäuschen angewiesen, wo er im Jahre 1857 gestorben ist.

Mein Schulbesuch war aber ein sehr mangelhafter; da war's die größere Entfernung, oder ich wurde zu häuslichen Arbeiten – besonders zum Schafe- und Rinderhüten, oder als Botengeher, oder zum Futterschütten in der Mahdzeit, oder zum Garbentragen im Schnitt, oder zum Ochsenführen bei Fuhrwerken, oder zum Furchenaushauen beim Ackern – verwendet; dann wieder war's der ungestüme Winter, oder meine körperliche Schwächlichkeit und Kränklichkeit, die mich am Schulgehen hinderten. Ich als der Älteste unter meinen Geschwistern – wovon unser nach und nach sieben kamen – war das Muttersöhnchen, und bei meiner Mutter fand ich bisweilen sogar ein wenig Schutz, wenn ich mich der Schule entschlagen wollte; denn die Schule war mir im Grunde recht zuwider, weil ich erstens das viele Rechnen haßte und zweitens die Buben, die mich gern hänselten, da ich meine besonderen Wege ging und mich zu ihnen nicht schicken wollte. Indes, einen oder zwei Kameraden hatte ich immer, an denen ich hing und mit denen ich auch die Knabenwildheit redlich durchgemacht habe.

Noch bei Lebzeiten des alten Schulmeisters war die Rede gewesen, ich »täte leicht lernen«, hätte den Kopf voll von allerlei Dingen, ich sollte studieren. Unter Studieren verstand man gar nichts anderes, als nach Graz ins Seminar und später ins Priesterhaus gehen. Und es war richtig, ich war der eifrigste Kirchengeher und aufmerksamste Predigthörer, als welcher ich das erste Hochdeutsch vernahm; denn wir sprachen alle miteinander das »Bäurische«, nämlich die sehr altertümliche Mundart der Vorfahren, die vor Jahrhunderten aus Schwaben oder Oberbayern in unsere Gegend eingewandert sein sollen. Das Hochdeutsch des Predigers – so schlicht es von heimischen Landeskindern auch vorgetragen wurde – war wohl von den Wenigsten verstanden; für mich hingegen hatten die Kanzelreden einen großen Reiz, ich ahmte sie nach. Ich hielt, wo ich allein ging und stand, laute Predigten aus dem Stegreif, ich ging auf Suche nach geistlichen Büchern, schleppte sie – wenn ich dazu die Erlaubnis hatte – in mein Vaterhaus zusammen, las dort die halben Nächte lang laut im Predigerton, auch wenn mir kein Mensch zuhörte, und trieb allerhand mystische Phantastereien.

Also führte mich meine Mutter zu Geistlichen umher und bat um Rat, wie ich denn in die »Studie« zu bringen wäre, »daß es nichts tät' kosten.« Denn durch Unglücksfälle, Wetterschäden, Feuer, Krankheiten waren wir verarmt. Aber die geistlichen Herren sagten, wenn kein Vermögen da wäre, so könnten sie keinen Rat geben. Nur einer war, der Dechant von Birkfeld, welcher sich erbötig machte, mich selbst im Latein zu unterrichten und später für mein Fortkommen was tun zu wollen. Ich wurde also nach Birkfeld zu einem Bauer Waxhofer gebracht, wo ich Pflege genießen und von da aus vierklassige Marktschule, sowie den zugesagten Lateinunterricht des Dechants besuchen sollte. Allein einerseits die kecken Jungen meines Wohnungsgebers, andererseits das Heimweh nach Vater und Mutter setzten mir so sehr zu, daß ich schon nach drei Tagen bei Nacht und Nebel aufbrach und den fünf Stunden langen Berg- und Waldweg bis zu meinem Vaterhause zurücklegte. In jenen Tagen ist mein Heimweh geboren worden, das mich seither nicht verließ, auf kleineren Touren wie auf größeren Reisen in Stadt und Land mein beständiger Begleiter war und eine Quelle meiner Leiden geworden ist. Es war dasselbe Gefühl, das mich später zu Weib und Kind zog und immer wieder zurück nach den heimatlichen Bergen, als ihre steilen Hänge, ihre herbe Luft meiner schwachen Gesundheit längst schädlich und gefährlich zu werden begannen.

Nun, von Birkfeld zurückgekehrt, war ich entschlossen, mich dem Stande meiner Väter zu widmen. Indes aber steigerte sich meine Neigung zum Schrifttum. In Krieglach lebte eine alte Frau, welche die Hoffnung auf mein Weiterkommen nicht aufgab und mir ihre Bücherschränke zur Verfügung stellte. Da fand ich Gedichte, Jugendschriften, Reisebeschreibungen, Zeitschriften, Kalender. Besonders die illustrierten Volkskalender regten mich an. In einem solchen fand ich eine Dorfgeschichte von August Silberstein, deren frischer, mir damals ganz neuer Ton, und deren mir näher liegende Gegenstand mich zur Nachahmung reizte. Ich war damals etwa fünfzehn Jahre alt. Ich versuchte nun auch, Dorfgeschichten zu schreiben, doch fiel es mir nicht ein, meine Motive aus dem Leben zu nehmen, sondern ich holte die Stoffe aus den Büchern. Ich schrieb nun selbst Kalender, die ich auch eigenhändig illustrierte, Gedichte, Dramen, Reisebeschreibungen aus Ländern, in denen ich nie war, alles nach alten Mustern. Erst sehr spät kam ich darauf, daß man aus dem uns zunächst umgebenden Leben die besten Stoffe holt.

Wir hatten uns noch einmal angestrengt, daß ich in eine geistliche Anstalt käme, aber vergebens. Von jenen Herren, die später wiederholt das Bedauern ausdrückten, daß ich keiner der Ihren wäre, hat mir die Hand nicht einer gereicht. Und ich glaube, es ist gut so. Denn schon meine Weltanschauung von damals hätte im Grunde nicht mit der ihren harmoniert. Ich war mit ganzer Seele Christ. Vor mir stand der katholische Kultus groß und schön; aber meine Ideale gingen andere Wege, als die politischen der Kirche.

Durch das Wanken und Wähnen, was ich denn werden solle, war mir endlich alle Lust zum Bauernstande abhanden gekommen. Meine Körperbeschaffenheit war auch nicht dazu geeignet, und so trat ich im Sommer 1860 bei dem Schneidermeister Ignaz Orthofer Kathrein am Hauenstein in die Lehre. Bei demselben verblieb ich fast fünf Jahre und wanderte mit ihm von Haus zu Haus, um den Bauern die Kleider zu machen. Ich habe in verschiedenen Gegenden im kultivierteren Mürztale wie im verlassenen Fischbacher Walde und im sogenannten »Jackelland« in mehr als 60 Häusern gearbeitet, und diese Zeit und Gelegenheit war meine Hochschule, in der ich das Bauernvolk so recht kennen lernen konnte.

Nicht unerwähnt mag ich das Verhältnis lassen, in welchem ich damals zur Familie Haselgraber in Kathrein am Hauenstein stand. Der alte Haselgraber betrieb nebst einer kleinen Bauernwirtschaft und verschiedenen Gewerben auch eine Krämerei und stand also im Verkehr mit der Welt. In seinem Hause, in welchem ich wie daheim war, fand ich Bücher und Zeitungen, vor allem aber an Haselgrabers Söhnen und Töchtern gute Freunde, die wie ich ein Interesse an Büchern und geistiger Anregung hatten, denen ich auch meine Dichtungen zu lesen gab, teilweise sie ihnen widmete, und mit denen ich in langjährigem freundschaftlichsten Verkehr stand.

Die Erinnerung an diese Menschen, die heute größtenteils begraben, teils in der weiten Welt zerstreut sind, weckt jetzt noch das Gefühl der Dankbarkeit und Wehmut in mir.

Ich hatte in meiner Jugend das Glück, meist mit guten Menschen zusammenzusein; darunter vor allen zu nennen meine Mutter, meinen Vater und meinen Lehrmeister. Meine Mutter war die Güte, die Aufrichtigkeit, die Wohltätigkeit, Arbeitsamkeit selbst. Mein Vater voll herzlicher Einfalt, Redlichkeit, Duldung und echter Religiosität. Mein Lehrmeister war ein fleißiger Handwerker, der auf sein Gewerbe was hielt und mich mit milder Hand zur Arbeitsamkeit leitete. Für sein Leben gern wollte er einen tüchtigen Schneidermeister aus mir machen, aber er mag wohl früh geahnt haben, daß seiner Liebe Müh' umsonst sein werde. Trotzdem hat er mit herzlicher Neigung zu mir gehalten, bis ich ihm davonging.

Ich hatte nie das Bestreben, meinem Handwerke fortzugehen, obwohl ich mit meinen Leistungen nicht recht zufrieden sein konnte. Mich hat nämlich schon seit meiner Kindheit her eine wunderliche Idee geleitet, oder mißleitet. Sie entsprang aus meiner Kränklichkeit und war geeignet, einerseits mich zu verkümmern, anderseits mich zu erhalten. Mir war nämlich in allen meinen Zeiten zumute, daß mein Leben nur noch ein kurzes sein werde, und daher das Streben nach einer besseren Stellung zwecklos. So habe ich stets in einer gewissen, traumhaften Leichtsinnigkeit hingelebt, mit jedem nächsten Jahre den Tod, ja, mit jedem sich anmeldenden Unwohlsein resigniert das Ende erwartend. Der Weg, den ich machte, war demnach weniger ein Werk der Absicht, als des Zufalls – ich sage lieber der Vorsehung.

Auch während meiner Schneiderzeit hatte ich allerlei gedichtet und geschrieben, und durch Lobsprüche und Ratschläge veranlaßt, schickte ich eines Tages eine Auswahl von Gedichten nach Graz an das Journal: »Die Tagespost«. Ich war lüstern, einmal zu sehen, wie sich meine Poesien gedruckt ausnähmen. Der mir ganz fremde Redakteur des Blattes, Dr. Svoboda, veröffentlichte richtig einiges, war übrigens aber der Ansicht, daß mir das Lernen wohltätiger wäre, als das Gedrucktwerden. Er suchte mir durch einen warm und klug geschriebenen Aufsatz Gönner, welche mich vom Gebirge ziehen und mir Gelegenheit zur weiteren Ausbildung bieten möchten. Da war es vor allem der Großindustrielle Peter Reininghaus in Graz, der mir allsogleich Bücher schickte und mich materiell unterstützte, dann der Buchhändler Giontini in Laibach, welcher sich bereit erklärte, mich in sein Geschäft zu nehmen. Nun verließ ich völlig planlos, nur vom Drange beseelt, die Welt zu sehen, mein Handwerk und meine Heimat, fuhr nach Laibach, wo ich einige Tage deutsche, slowenische und italienische Bücher hin und her schob, dann aber, von Heimweh erfaßt, fast fluchtartig nach Steiermark zurückkehrte.

Ich habe mir den Vorwurf zu machen, Wohltätern gegenüber meine Dankbarkeit – trotzdem ich sie tief empfand – nicht immer genügend zum Ausdruck gebracht zu haben; so war's auch bei Giontini; das plötzliche Verlassen meiner neuen Stellung sah nichts weniger als dankbar aus. Trotzdem hat Herr Giontini mir das Ding nicht übelgenommen, sondern seine Wohlgesinnung mir in manchem Schreiben bewiesen und bis zu seinem Tode erhalten.

Meine Absicht war, nun nach Alpel zurückzukehren, dort wieder Bücher zu lesen und zu schreiben und die weite Welt – Welt sein zu lassen. Allein in Graz, das ich auf der Rückfahrt berührte, ließ mich Dr. Svoboda nicht mehr fort. Nun begann dieser Mann, dem ich meine Lebenswende verdanke, neuerdings tatkräftig in mein Leben einzugreifen. Er suchte mir Freunde, Lehrer und eine Anstalt, an der ich mich ausbilden sollte. Die Landesinstitute – aus denen später mancher Tadel laut wurde, daß es mir an klassischer, an akademischer Bildung fehle – diese Institute blieben vornehm verschlossen! Eine Privatanstalt war es, und zwar die Akademie für Handel und Industrie in Graz, die mich aufnahm, deren tüchtige Leiter und Lehrer den zweiundzwanzigjährigen Bauernburschen in Arbeit und geistige Pflege nahmen.

Schon in den ersten Tagen meines Grazer Lebens bot mir der pensionierte Finanzrat Frühauf in seiner Wohnung Unterstand und Pflege gegen ein lächerlich billiges Entgeld. Reininghaus ist nicht müde geworden, mit Rat und Tat mir beizustehen. In seinem Hause erlebte ich manche Freude, und an seiner Familie sah ich ein Vorbild deutscher Häuslichkeit. Später nahm mich der Direktor der Akademie für Handel und Industrie, Herr Franz Dawidowsky, in sein Erziehungsinstitut für Studierende der Handelsakademie, wo ich unter dem Deckmantel eines Haussekretärs ein frohes Heim genoß. Drei Jahre war ich im Hause dieses vortrefflichen Mannes, den ich wie einen Vater liebte und dessen nobler Charakter günstig auf meine etwas bäuerliche Engherzigkeit wirkte. Gleichzeitig lernte ich an den Institutszöglingen, es waren Deutsche, Italiener, Engländer, Serben, Ungarn, Polen usw. – verschiedenerlei Menschen kennen, und so ging der Erfahrungszuwachs gleichen Schrittes mit den theoretischen Studien vorwärts.

Meine weit jüngeren Studienkollegen waren zumeist rücksichtsvoll gegen mich, doch, wie ich früher das Gefühl gehabt, daß ich nicht recht zu den Bauernjungen passe, so war es mir jetzt, daß ich auch nicht zu den Söhnen der Kaufleute, Bankiers und Fabrikanten gehöre. Indes schloß ich Freundschaft mit einem Realschüler, später Bergakademiker, mit einem oberländischen Bergsohn, namens August Brunlechner. Wir verstanden uns, oder strebten wenigstens, uns zu verstehen; beide Idealisten, beide ein wenig sentimental, uns gegenseitig zu Vertrauten zarter Jugendabenteuer machend und dann wieder uns zu ernster Arbeit ermunternd, uns darin unterstützend – so hielten wir zusammen, und die alte Freundschaft währt heute noch fort.

Ferner finde ich in der Liste meiner damaligen Freunde und Gönner die Namen Falb (des bekannten Gelehrten und Reisenden, damaligen Religionsprofessors an der Handelsakademie, der mir die Aufnahme an dieser Anstalt vermittelt hat), ferner v. Rebenburg, Reicher, Oberanzmayr, Kleinoscheg, Födransperg, Grein, Friedrich, Steiner, Meyer usw. Die damaligen Theaterdirektoren Kreibig und Czernitz gaben mir freien Eintritt in ihre Kunstanstalten; freundlich zog man mich zu öffentlichen Vorlesungen, und so gedachte man meiner bei verschiedenen Gelegenheiten. Mir kann also nichts gefehlt haben.

Ich hatte aber noch gar nichts geleistet. Dr. Svoboda hat es eben verstanden, durch wiederholte warme Notizen, durch Veröffentlichung manches meiner Gedichte das Interesse des Publikums für mich warm zu erhalten.

Das Studieren kam mir nicht leicht an, ich hatte ein ungeübtes Gedächtnis und für kaufmännische Gegenstände eine Begriffsstützigkeit, wie man sie bei einem Poeten nicht besser verlangen kann. Doch arbeitete ich mit Fleiß und gelassener Ausdauer und nebenbei sehnte ich mich – nach Alpel. Die Südbahn schickte mir manche Freikarte, um mehrmals des Jahres dieses Alpel besuchen zu können.

Bemerken möchte ich den Umstand, daß ich trotz meines oft krampfhaften Anschmiegens an die engste Heimat doch stets, und wohl ganz unbewußt, von einem kosmopolitischen Geiste beseelt war, der aber allemal in die Brüche ging, so oft ich in Kriegszeiten die Volkshymne klingen hörte und die schwarzgelbe Fahne flattern sah. Die ganze Welt, alle Völker, alle Menschen liebte ich, sofern sie meinem Vaterlande nicht feindlich waren.

Andere Dinge gab es, an denen ich nicht so klar unterscheiden konnte, was das Richtige war.

So zum Beispiel in Sachen der Rückhaltslosigkeit und Offenheit. Als Knabe hatte ich selbstverständlich gar keine Meinung, lächelte jeden zustimmend an, der eine Meinung dartat und konnte mich des Tages von mehreren, die verschiedene Ansichten vertraten, überzeugen lassen. Diese Unselbständigkeit dauerte ziemlich lange. Und später, als ich zu einer persönlichen und festen Überzeugung gekommen war, hatte ich lange nicht immer den Mut, dieselbe zu vertreten. Leuten, die oft ganz das Gegenteil von meiner Ansicht behaupteten, konnte ich in mir nicht zu nahe gehenden Dingen gleichgültig beistimmen, erstens um nicht unhöflich zu sein, zweitens um mich nicht Rohheiten auszusetzen, mit denen der Brutale den weicher gearteten Gegner in jedem Falle schlägt.

Von diesem Fehler ging ich allmählich zu einer Tugend über, die aber auch mitunter wieder in einen Fehler auszuarten drohte. Ich wurde bei mir nahestehenden Personen und in mir naheliegenden Sachen die Rückhaltslosigkeit und Offenheit selbst. Ich war nicht mehr imstande, anders zu reden, als was in mir lebte. So wurde ich oft rücksichtslos selbst gegen meine Freunde; es schmerzte mich oft, wenn ich merkte, daß ich ihnen weh getan, aber angeregt oder gereizt, mußte meine Meinung unverblümt über die Zunge. Auch gegen meine öffentlichen Widersacher hätte ich rücksichtsvoller sein dürfen, insofern sie es mit ihrer Sache redlich gemeint haben. Daß ich die Tückischen und Falschen zornig bekämpft, ja manchmal empfindlich verwundet habe, das tut mir nicht leid.

So bin ich zu jenem Freimute gelangt, der dem Literaten wohl anstehen mag, dem Menschen im Verkehr mit Menschen aber nicht immer zur Zierde und zum Vorteile gereicht.

Ich bin schon frühe in den unverdienten Ruf eines liebenswürdigen Burschen gekommen; selbstverständlich hat sich von nun an dieser Ruf nicht mehr gesteigert, wodurch meine innere Festigung, Selbständigkeit und geistige Spannkraft allerdings nur gewonnen hat.

Indes behaupte ich nicht, daß ich an einer einmal gefaßten Ansicht nun immer unumstößlich festgehalten hätte. Obschon meine Weltanschauung in Ganzen gleich geblieben ist, so habe ich mich einer wirklich überzeugenden Macht niemals verschlossen, habe mich im Laufe meiner Jahre, meiner Erfahrungen und Studien verbessert und mich im Leben, in der Geschichte und Philosophie soviel umgesehen, daß ich nun von einem unumstößlich fest überzeugt bin, nämlich von der Fehlbarkeit aller menschlichen Erkenntnis.

Also verrannen die Studienjahre und ich wußte nicht, was aus mir werden sollte. Im günstigsten Falle konnte mich ein Grazer Kaufmann in sein Kontor nehmen, und für diesen Fall kam mir der Gedanke, daß ich ohnehin nicht mehr lange leben werde, wirklich recht bequem.

Auf meinen Landausflügen war mir das Auge aufgegangen für etwas, was ich früher immer gesehen, aber niemals geschaut hatte, für die ländliche Natur und für die Landleute. Ich hatte allerdings schon als Kind – und zwar ganz unbewußt – ein Auge für die für Landschaft. Wenn ich mich an die ersten Wanderungen mit Vater und Mutter zurückerinnere, so weiß ich nicht mehr, weshalb wir die Gänge machten, oder was dabei vorfiel oder gesprochen wurde, aber ich sehe noch den Felsen und den Bach und den Baumschlag und weiß, ob es Morgens war, oder Nachmittags. In dieser Zeit nun gegen Ende der Studien in der Handelsakademie – kam mir Adalbert Stifter zur Hand. Ich nahm die Werke dieses Poeten in mein Blut auf und sah die Natur im Stifterschen Geiste. Es ist mir später schwer geworden, Nachahmung meines Lieblingsdichters zu vermeiden und dürften Spuren davon in den älteren meiner Schriften wohl zu finden sein.

Den Landleuten gegenüber regte sich nun in mir ein lebhafter Drang, sie zu beobachten, und sie wurden der Gegenstand meiner Dialektgedichte.

Zahlreiche Proben davon brachte ich meinem Dr. Svoboda. Seine Beurteilung war nicht ohne Strenge; doch verstand er es, meinen oft herabgedrückten Mut allemal wieder zu wecken, was sehr not tat. Er verwies mich auf große Vorbilder; jedoch solche machten mich stets mutlos, während Leichteres, weniger Gelungenes – wenn es überhaupt in meiner Richtung lag – mich reizte und belebte, Besseres zu schaffen. Der Einfluß Dr. Svobodas auf meine geistige Entwickelung ist ein großer, obgleich mir sein hoher ästhetischer Standpunkt lange Zeit unverständlich und kaum zu erreichen schien. Als er mir einst sagte, ich müsse ein in ganz Deutschland gelesener Schriftsteller werden, lachte ich ihm dreist ins Gesicht, aber er lehrte mich Selbstzucht und die Selbstschätzung, den Ehrgeiz – damit hat er manches erreicht.

Um jene Zeit suchte ich in Graz einen Verleger für ein Bändchen Gedichte in steierischer Mundart. Ich fand einen einzigen, der sich bereit erklärte, das Büchlein herauszugeben, wenn mir Robert Hamerling dazu ein Vorwort schriebe. Schon einige Monate früher hatte ich die Kühnheit gehabt, mich selbst bei Hamerling vorzustellen. Sein mildes Wesen und das Interesse, das er für mich zeigte, ermutigten mich, ihm die Gedichte vorzulegen und dafür um ein Vorwort zu bitten. Und Robert Hamerling hat meinem »Zither und Hackbrett«, wie wir das Büchlein nannten, einen Begleitbrief mitgegeben, der mir fürs Erste bei dem Verleger, Herrn Josef Pock in Graz, ein ganz anständiges Honorar eintrug. Diesem Vorworte ist es zu verdanken, daß die Kritik dem Büchlein ihre Aufmerksamkeit zuwandte, und »Zither und Hackbrett« hatte einen schönen Erfolg.

Robert Hamerling war mir dieser ersten Tat ein treuer Freund geblieben. Sein schlichtes Wesen, seine gütige bescheidene Art, zu leiten und zu raten, seine liebreichen Gesinnungen, seine von jeder Überschwenglichkeit freie, ich möchte sagen, klassisch reine Weltanschauung war für meine Schriften, aber noch mehr für die Ausbildung meiner Denkungsart von wesentlichen Folgen. Dieser stets anregende, schöpferische Geist, dieser beruhigende versöhnende Charakter, dieses stille, aber entschiedene Hinstreben nach dem Schönen und Guten ist für mich in meinen verschiedenen Lebenslagen von unschätzbarem Werte geworden.

Ein freundlicher Zufall wollte es, daß »Zither und Hackbrett« gerade in den Tagen erschien (Juli 1869), als ich nach beendigten Studien die Handelsakademie verließ, um nun eine Stelle zu suchen. Dr. Svoboda jedoch sagte: »Jetzt suchen Sie keine Stelle, jetzt mieten Sie sich ein lichtes Zimmer und studieren und dichten, auch machen Sie Reisen, schauen die Welt an und schreiben darüber. Sie haben einen glücklichen Stil, werden Ihre Schriften in den Zeitungen abdrucken lassen, und dann als Bücher herausgeben. Das Land Steiermark wird Ihnen ein Stipendium verleihen, und Sie werden Schriftsteller sein.«

So ist es auch geworden. Schon für die nächsten Monate zog ich mich in meine Waldheimat zurück und schrieb ein neues Buch in steirischer Mundart: »Tannenharz und Fichtennadeln«; später das Buch »Stoansteirisch«. (Die Dialektwerke sind bei Leykam in Graz verlegt.) Diesem folgte bald das beschreibende Werkchen: »Sittenbilder aus dem steierischen Oberlande«, später erweitert unter dem Titel »Volksleben in Steiermark«. Die Winterszeit verlebte ich in Graz, wieder bei meinem alten Finanzrat Frühauf, besuchte Vorlesungen an der Universität und trieb fleißig Privatstudien. Im Sommer reiste ich. Ich bereiste Steiermark, besonders Oberland, Oberösterreich, Salzburg, Kärnten und Tirol.

Im Jahre 1870 machte ich eine Reise durch Mähren, Böhmen, Sachsen, Preußen bis auf die Insel Rügen. Ging dann nach Hamburg, zur See nach den Niederlanden und fuhr rheinaufwärts bis in die Schweiz. Ich hatte vor, die Schweiz genau zu studieren, doch zog es mich mit solcher Macht nach der Steiermark zurück, daß mir der ausbrechende deutsch-französische Krieg eine willkommene Veranlassung war, den unter meinen Füßen brennend gewordenen Boden eiligst zu verlassen.

Zwei Jahre später bereiste ich Italien. Ich wollte auch nach Sizilien, doch hat mich in Neapel das Heimweh derart übermannt, daß ich umkehrte und bei Tag- und Nachtfahrten den kürzesten Weg nach Hause suchte. In den heimatlichen Tälern lag der frostige Herbstnebel, aber ich stieg auf die Berge, in den Sonnenschein hinauf und war glücklich. Die Alpenhöhen waren meine Lust. Ich ging stets allein, und diesen Wanderungen verdanke ich hohe Genüsse.

Im Jahre 1870 von meiner Reise durch Deutschland heimgekehrt, fand ich auf meinem Tische eine Aufforderung des Pester Verlagsbuchhändlers Gustav Heckenast (mit welchem ich schon früher in bezug auf seinen Freund Adalbert Stifter in Briefwechsel gestanden), für seinen Verlag ein Buch zu schreiben. Das Buch war aber schon fertig und hieß: »Geschichten aus Steiermark«. Heckenast ließ es sogleich drucken und ermunterte mich zu neuen literarischen Arbeiten. Ein Jahr später besuchte ich den fein gebildeten Weltmann auf seinem Landgut in Maróth. Er schloß sich freundlich an mich, ich mich innig an ihn, es entwickelte sich zwischen dem vornehm denkenden Kunstmäcen, dem verdienstvollen Begründer der deutsch-ungarischen Literatur und dem noch etwas unsicher tappenden steirischen Poeten ein freundschaftliches Verhältnis, das bis zu Heckenasts Tode (1878) währte und, nebst vielfachen moralischen Vorteilen für mich, meine materielle Existenz als Schriftsteller begründet hat. Ich ließ bei Heckenast innerhalb 8 Jahren nicht weniger als 14 Bände erscheinen, außerdem noch 6 Jahrgänge eines Volkskalenders: »Das neue Jahr«, dessen Plan und Redaktion er mir übertragen hatte. Zwei weitere Jahrgänge dieses Kalenders gab ich nach Heckenasts Tod beim Hofbuchhändler Hermann Manz in Wien heraus. Heckenast war es auch, der mir den Rat Dr. Svobodas, alle meine Bücher früher in Zeitschriften zu veröffentlichen, wiederholte. Mir war das häufige Auftauchen meines gedruckten Namens fast peinlich, aber da ich sah, daß es auch bei anderen der Fall war, die vielleicht nicht so sehr auf den Ertrag der Ware angewiesen sein mochten, beruhigte ich mich und gewöhnte mich daran, wie sich das nachsichtsvolle Publikum daran gewöhnt hat.

In jenen Jahren kam mir gar nichts leichter an, als literarisches Schaffen, ja es war mir ein Bedürfnis geworden, alles was ich dachte und fühlte, niederzuschreiben. Jedem kleinen Erlebnisse entkeimte ein Gedicht, jeder bedeutendere Vorfall drängte sich mir zu einer Novelle auf und ließ mir keine Ruhe, bis die Novelle geschrieben war. Selbst in nächtlichen Träumen webten sich mir Erzählungsstoffe. Es war wohl auch einmal eine Zeit, da ich auf Jagd nach Gedanken für Gedichte, oder nach Stoffen für Novelletten ausging; aber das war immer das Unersprießlichste. So auch taugten mir die Stoffe nicht, die ich in Büchern las oder erzählen hörte. Nur unmittelbar Erlebtes, oder was mir plötzlich blitzartig durch den Kopf ging, das zündete und entwickelte sich.

Häufig ist mir der Rat erteilt worden, Wald und Dorf zu verlassen, meine Stoffe aus der großen Welt zu holen und durch philosophische Studien zu vertiefen. Ich habe das versucht, habe aus den Studien schöne Vorteile für meine Person gezogen, doch in meinen Bauerngeschichten haben sich die Spuren von Bücherstudien niemals gut ausgenommen. Nur der Geist der Toleranz und Resignation, den man aus der Geschichte der Menschen und ihrer Philosophie ziehen kann, mag meinen Büchern zu statten kommen. Weiteres fand ich nicht anwendbar, ja, es irrte und verwirrte mich und verflachte mich, wo es andere vertieft. Jedem ist es nicht gegeben. Mir ist es auch nicht gelungen, der sogenannten Welt genug Verständnis und Geschmack abzugewinnen; vieles, worin die »gute Gesellschaft« lebt und webt, kam mir flach, leer, ja geradezu abgeschmackt vor. Und aus den gelehrten Büchern schreckte mich nur allzu oft der Dünkel und die Menschlosigkeit zurück. Aus der Philosophie der modernen Naturgeschichte, so anregend dieselbe auch wirken mag, ist für Poeten nicht viel zu holen, und wo ich mich mit meinen ländlichen Stoffen einmal dem Zeitgeist anbequemen wollte, da kamen jene Produkte zustande, von denen mein literarisches Gewissen behauptet, sie wären besser ungeschrieben geblieben. Andere haben gerade auf diesem Felde Bedeutendes geleistet, aber ich, dessen Weltanschauung wenigstens in Grundstrichen schon gezogen war, als ich aus meinen bäuerlichen Kreisen trat, vermochte in der tausendstimmigen Klaviatur des Weltlebens den rechten Ton nicht mehr zu finden.

Es war mir auf solchen Wegen nicht wohl zu Mute, ein tiefes Unbefriedigtsein begann ich zu fühlen, auch hier kam etwas wie Heimweh über mich, und so habe ich zu mir gesagt: Du kehrst zurück in jene große kleine Welt, aus der so Wenige zu berichten wissen, du erzählst nicht, was du studierst, sondern was du er fahren hast, du erzählst es nicht in ängstlicher Anlehnung an ästhetische Regeln, erzähle es einfach, frei und treu. Und diesen Charakter, meine ich, soll nun die Mehrzahl meiner Schriften tragen. Bei vielen habe ich scheinbar meine Person zum Mittelpunkt gemacht, eine Form, von der sich freilich manche Beurteiler täuschen ließen, wonach sie vielleicht die starke Selbstgefälligkeit eines Autors betonten, der immer nur von sich selbst zu sprechen liebt.

Ich hatte darauf gebaut, daß die Leser in meinen betreffenden Erzählungen meine Person für den Stab am Weinstock halten würden. Was sich dran und drum rankt, daß ist die Sache. Ich erzähle von Menschen, die ich kannte, von Verhältnissen, die zufällig auch die meinen waren, von Erfahrungen, die vor meinen Augen gemacht worden sind und deren Wert an ihnen selbst liegen muß. Meine Person darin läßt sich, wenn man will, in den meisten Fällen durch eine andere ersetzen. Ich selbst hätte vielleicht eine fremde Figur als Träger hingestellt, wenn ich Raffinement genug besäße, etwas, was ich persönlich erfahren oder was in mir geistig entstanden, einem anderen anzudichten. Die Unmittelbarkeit und Wahrheit hätte dadurch nicht gewonnen.

Wer sich nach einer Richtung hin verkernt, der wird stets einer gewissen Einseitigkeit in Stoff und Stil verfallen, und allmählich wird man ihm »Manierirtheit« zum Vorwurfe machen. Die Gefahr, manierirt zu werden, ist gerade bei solchen Autoren, die man Originale nennt, vorhanden; ich suchte mich vor ihr zu hüten, indem ich sie mir stets vor Augen hielt. Man nebelt wohl lange zwischen Extremen herum, bis man zur Einsicht kommt, daß das Natürlichste das Beste ist.

Ich bin von der Kritik belobt worden. Besondere Anerkennung hat aber meine große Fruchtbarkeit gefunden; wo noch ein Weiteres getan wurde, da stand gerne von »Ursprünglichkeit« und »Waldfrische« zu lesen. Glimpflicher ist wohl kaum einer weggekommen, als ich, so daß mir nach Heckenasts Tode einer meiner Verleger ganz unwirsch schrieb: »Machen Sie doch, daß Sie endlich einmal ein Buch fertig bringen, welches ordentlich verrissen wird, sonst müßte ich für die Zukunft ihre Manuskripte ablehnen.« Und der Mann hat, als das nächste Buch die Rezensenten auch wieder »so waldduftig und taufrisch anmutete«, wirklich abgelehnt.

Allerdings haben kirchliche Fachblätter daran Ärgernis genommen, daß ich in meinen Schriften das allgemein Menschliche und Gute befürwortete, daß ich die Gebote Gottes höher stellte als die der Kirche, aber sie haben das genommene Ärgernis auch redlich wieder gegeben, und zwar durch die niedrige Art und Weise ihrer Angriffe. Auch andere Kreise und Stände haben sich zeitweilig von meiner rücksichtslosen Meinungsäußerung hart verletzt gefühlt. So mitunter Advokaten, Ärzte, Jäger, Lehrer, Studenten und Professoren, auch Journalisten, Gewerbsleute und Geldmänner – alle habe ich schon beleidigt, doch viele haben mir der ehrlichen Absicht willen nicht bloß die Irrtümer, sondern auch die Wahrheiten wieder verziehen. Wer aber nicht verträglich sein kann, wer keinen anderen Standpunkt, als den eigenen gelten lassen will, das sind die theoriestarren Parteifanatiker, die deshalb für den Dichter auch gar nicht vorhanden sein sollen.

Nach dem Eintritt in die städtischen Kreise, in die Welt, ist eine bemerkenswerte Wandlung in mir vorgegangen. Ich war nämlich enttäuscht. Ich hatte dort eine durchschnittlich bessere Art von Menschen zu finden gehofft als im Bauerntume, stieß aber überall auf dieselben Schwächen, Zerfahrenheiten, Armseligkeiten, aber auf viel mehr Dünkel und falschen Schein. Und diesen geschulten und raffinierten Leuten konnte ich die Niedertracht viel weniger verzeihen als dem Bauer. Es begann in mir eine Art von Mißtrauen gegen die so laut gepriesene Bildung und Hochkultur aufzukommen. Ich wendete mich schon darum mit Vorliebe den Naturmenschen zu. Selbstverständlich bin ich der Roheit auch im Bauerntume ausgewichen so gut es anging, und habe an ihm nur das Menschliche und Seelische in meinen Schriften zu fixieren gesucht. Das Elend, dem nicht zu helfen ist, kann kaum Gegenstand eines poetischen Werkes sein. Meine Schilderungen und meine Novellen aus dem Volksleben mögen sich hier und da scheinbar widersprechen; der Grund liegt darin, daß ich als Schilderer meine Stoffe aus der Regel, als Novellist meine Stoffe aus den Ausnahmen gezogen habe. Im Ganzen glaube ich die Ausdehnung und Bedeutung meines Gebietes erfaßt zu haben und die enge Beschränkung meines Talentes zu erkennen. Jenen, die mich darum etwa bedauern, sei bemerkt, daß ich mich in dieser Beschränkung niemals beengt, sondern stets frei, reich und zufrieden gefühlt habe.

Was ich jedoch fortwährend vermißte, das ist die Schulung, den gründlichen und systematischen Unterricht in der Jugend. Das läßt sich nicht mehr nachholen. In den Lehrbüchern unbewandert, hat man oft das Einfachste und Wichtigste für den Augenblick des Bedarfes nicht zur Stelle. Ein Beispiel aus der Grammatik: Ich kann über keine Deklination und Konjugation, über keine Wortbezeichnung und über keinen Satzbau wissenschaftlich Rechenschaft geben. Ich habe z. B. das Wort Anekdote wohl schon dreihundertmal geschrieben und weiß es heute noch nicht auf den ersten Moment, ob man Anektode oder Anekdote schreibt. So fehlte mir auch jene gewisse, fürschrift stellerische Arbeiten so vorteilhafte Gewandtheit, die aus allen Werken und Schriften rasch das Fördernde und Passende herauszufinden und zu verwerten weiß; das Studium ging, ohne mir seine Form als Handhabe zu überlassen, allerdings sachte in mein Blut über, so daß mitunter manches, was ich aus mir selbst zu schöpfen glaubte, fremden Ursprungs sein mag, während ich nicht leugnen will, daß anderes, was ich aus irgendwelchen Gründen mit fremdem Siegel versah, aus mir selbst gekommen ist.

In der ersten Zeit meiner schriftstellerischen Tätigkeit hat mich wohl auch die Eitelkeit ein bißchen geplagt. Die Rezensionen über meine Arbeiten fochten mich nur wenig an. Waren sie schmeichelhaft, so hielt ich's für selbstverständlich, daß man mit mir Rücksicht habe, daß man mein Wollen anerkenne und ermuntere. Waren die Rezensionen absprechend, so konnte es mich auch nicht wundern, daß man meine vielleicht schülerhaften, jedenfalls noch unreifen Erzeugnisse bemängelte. Ich hatte über mich keine Meinung, und so sehr mich meine Dichtungen während ihres Entstehens begeisterten, so gleichgültig waren sie mir, nachdem ich sie vom Halse hatte.

Als aber später verschiedenerlei Auszeichnungen kamen, Lobpreisungen vom Publikum, schmeichelhafte Zuschriften und Ehren von bedeutenden Persönlichkeiten, Huldigungen von Korporationen, Gemein den usw., da drohte mich einmal der Wirbel zu überkommen. Aber nur vorübergehend. Im Hinblick auf die Geschichte wirklich hervorragender Männer, die man nicht gefeiert, sondern gelästert hat, in Anbetracht der verschiedenen Ursachen, Höflichkeitssitten, des Lokalpatriotismus oder etwa eines versteckten Eigennutzes, wurde mir die Inhaltslosigkeit eines solchen Gefeiertwerdens bald klar. Und wenn ich den Tag erlebe, da jene, die den »steirischen Dichter« einst vergötterten, ihn vergessen oder mißachten werden, so kann mich das nicht mehr treffen. Liegt in meinen Schriften Wert, so werden sie sich durchschlagen; liegt keiner drin, so ist das rasche Vergessenwerden der natürliche und beste Verlauf.

Selbstverständlich freue ich mich offenmütiger Bezeugungen von Wohlwollen und Ehren, solche sind mir stets eine Bestätigung des wohltuenden Eindruckes, den ich durch meine Schriften auf die Mitmenschen gemacht.

Ich gestehe allerdings, daß meine schriftstellerische Tätigkeit längst nicht mehr ohne Absicht ist; ich will mitarbeiten an der sittlichen Klärung unserer Zeit. Habe ich Beifall, so wird er mich der Sache wegen freuen, wird mich der Freunde und Stütze berechtigen, deren ich bedarf.

Im Januar 1872 starb meine Mutter. Sie hatte noch Freude gehabt an meiner neuen Lebensbahn, die sie aber nicht begriff. Das Heimatshaus war den Gläubigern verfallen, sie starb nach jahrelangem Siechtum in einem Ausgedinghäuschen, das einsam zwischen Wäldern stand. Mein Vater zog später ins Mürztal, wo ihm nach mancherlei neuerlichen Drangsalen ein freundlicheres Daheim gegeben wurde.

Einige Zeit nach dem Tode der Mutter hatte es den Anschein, als wenn ich das Siechtum von ihr geerbt hätte. Ich kränkelte, konnte auf keine hohen Berge steigen und war schwerfällig in meinen Studien und Arbeiten. Heckenast lud mich auf sein Landgut zur Erholung. Aber dort wurde mir trotz der allerbesten Pflege und liebevollsten Behandlung noch übler, und schon nach wenigen Tagen mußte ich meinem Freunde gestehen, daß ich Tag und Nacht keinen Frieden hätte, daß ich heim müsse ins Waldhaus. Da fuhr Heckenast selbst mit in die Steiermark herein und um reiste, um mich zu zerstreuen, mit mir in Kreuz und Quer durch das schöne Land.

In demselben Sommer war es, als mir auf dem Waldwege nach meiner Heimat Alpel etwas Außerordentliches begegnete. Nämlich ein zwanzigjähriges Mädchen aus Graz, das mit seiner Freundin eine Bergpartie nach Alpel machte, um das Geburtshaus des Lieblingspoeten zu sehen. Sie glaubte mich auf einer Reise in weiten Landen und hatte mich vorher auch nicht persönlich gekannt. Die Liebe hat mich in meiner Jugend oft geneckt, und ich sie, wie es in meinen Schriften sattsam zu sehen. Aber als sie plötzlich da war, wirklich erschien – da war sie mir unerhört neu und gewaltig. – Die Folge jener Begegnung auf dem Waldwege ist, daß ein Jahr später (1873) im Waldkirchlein Mariagrün bei Graz Anna Pichler und ich uns fürs Leben die Hände reichen.

Nun kam für mich eine glückliche Zeit. Ich war wieder gesund. Wir führten ein ideal schönes häusliches Leben in Graz. Anna war die echte Weiblichkeit und Sanftmut, und ihre weiche heitere Seele regte mich zu den besten poetischen Schöpfungen an, deren mein begrenztes Talent überhaupt fähig war. In jenen zwei Jahren sind auch »Die Schriften des Waldschulmeisters« entstanden. Nach einem Jahre wurde uns ein Söhnchen geboren, in welchem sich unser Glück zur denkbarsten Höhe steigerte. Im zweiten Jahre kam ein Töchterlein, und zwölf Tage später ist mir mein Weib gestorben.

Ich begann wieder zu reisen, aber allemal schon nach kurzer Zeit zog's mich zu den Kindern zurück. Ich begann wieder zu kränkeln; zu größeren Arbeiten fehlte mir die Stimmung, und doch mußte ich nach einer strengeren, zerstreuenden Tätigkeit suchen. Nun fiel mir damals ein alter Lieblingsplan ein, eine Monatsschrift für das Volk herauszugeben, mit der Tendenz, den Sinn für Häuslichkeit, die Liebe zur Natur, das Interesse an dem Ursprünglichen und Volkstümlichen wieder zu wecken. Ich begründete 1876 die Monatsschrift »Heimgarten« und fand an der altrenommierten Firma Leykam in Graz einen tüchtigen Verleger. Mir gelang es, die meisten meiner literarischen Bekannten und Freunde, als Robert Hamerling, Ludwig Anzengruber, Eduard Bauernfeld, Alfred Meißner, Rudolf Baumbach, August Silberstein, Friedrich Schlögl, ja die besten Autoren der Zeit überhaupt zu Mitarbeitern des neuen Blattes zu gewinnen, das heute noch besteht, geleitet von meinem Sohne Hans.

Zu einer weiteren Tätigkeit veranlaßten mich verschiedene Körperschaften des In- und Auslandes, die mich einluden, in ihren Kreisen Vorlesungen aus meinen Werken in steirischer Mundart zu halten, womit ich schmeichelhafte Erfolge erzielte. Das wirkte ermunternd auf meinen Gemütszustand. (An dreißig Jahre lang hielt ich nachher solche Vorlesungen, die endlich wegen sich steigernder Kränklichkeit aufgegeben werden mußten.)

Trotz der unterschiedlichen Obliegenheiten und Aufgaben war ich unstet und haltlos. Die Freude an meinen wohlgearteten, gedeihenden Kindern hatte zu viel Schmerz in sich. Den kleinen Haushalt führte mir eine meiner Schwestern. Vielen Dank schulde ich den Eltern meiner verstorbenen Gattin, welche mir in dieser harten Zeit liebevoll beigestanden sind. Auf tatkräftiges Anraten Heckenasts entschloß ich mich 1877, unweit von dem mehr und mehr in Wald verfinkenden Alpel mir und den Kindern ein neues Heim zu schaffen. Ich baute in Krieglach ein kleines Wohnhaus, wo ich die Sommermonate zuzubringen pflege, während ich die Winter stets in Graz verlebe.

Die Sorgen und das Vergnügen, sowie die kleinen körperlichen Arbeiten, welche das neue Häuschen verursachte, taten mir wohl. Im Jahre 1878 erfolgte der Tod meines Freundes Gustav Heckenast, nach welchem ich meine Vereinsamung neuerdings hart empfand. Ich hatte ihn jährlich mehrmals in Preßburg besucht, wohin er übersiedelt war; er kam zu mir nach Steiermark, oder wir gaben uns in Wien ein Stelldichein. Auch standen wir in lebhaftem Briefwechsel, und seine Briefe enthalten Schätze von Herzlichkeit und Weisheit. In meiner Betrübnis über den neuen Verlust mied ich die Menschen und strebte am liebsten den finsteren Wäldern zu und schaute andererseits doch wieder nach Genossen und Freunden aus. In der Haltlosigkeit eines unsteten Gemütes war mein Tun und Lassen nicht immer zielbewußt, woraus mir manches Leid entstand – mir und anderen. – Da nahm es eine neue Wendung.

In Krieglach lebte den Sommer über die Familie Knaur aus Wien, die mir mit großer Freundlichkeit entgegenkam und der ich gerne nahte. Die Anmut, sowie die Vorzüge des Geistes und des Herzens der Tochter Anna veranlaßten in mir neuerdings die Sehnsucht nach einem verlorenen Glücke. Anna wurde (1879) mein Weib, und so hat sich der Kreis der Familie wieder geschlossen, dessen Wärme und Frieden für meine Existenz, sowie für meine geistige Tätigkeit das erste Bedürfnis ist.

Das Bild eines neuen, freundlichen Lebens breitete sich vor meinen Augen aus; ein zweites Söhnlein und unlang hernach zwei Töchterlein kamen, und sie erfüllten mich mit neuen Zukunftsträumen.

Im Jahre 1880 bewarb sich die bekannte Firma Hartleben in Wien um den Verlag meiner Werke, die dann nach meinem Rückkauf der Heckenastschen Rechte ihr übertragen wurden. Die in den ersten Jahren sich freundlich gestaltete Verbindung mit Hartleben mußte wegen Differenzen geschäftlicher und autorrechtlicher Natur 1893 gelöst werden. In diesem Jahre schloß ich einen Vertrag mit dem Hause L. Staackmann in Leipzig, das später auch meine Bücher aus dem Hartleben-Verlage erworben hat. So war ich auf ein ruhiges, sorgloses Geleise gekommen, und in dem wahrhaft freundschaftlichen Verhältnisse, das zwischen Staackmann und mir sich herausgebildet hat und das in den zwanzig Jahren durch keinen Hauch getrübt worden ist, habe ich meine Arbeitsfreudigkeit wieder gewonnen und meine reiferen Bücher geschrieben.

In meinem äußeren Leben hat sich nicht mehr viel Neues zugetragen. Den Frieden eines behaglichen Heims wahren mir Frau und Kinder, und beleben mir zeitweilig vier muntere Enkel.

Also ist aus dem Waldbauernbübel der Guckinsleben, aus diesem der Schneiderbub, aus diesem der Student, aus diesem der Schriftsteller, und aus diesem endlich der Großvater geworden. Innerlich aber ist mir beinahe ganz so wie in den fernen Jugendtagen. – –

So weit ist meine Lebensgeschichte vor Jahren aufgeschrieben worden. Seither haben sie viele andere nacherzählt, und wohl mit unbefangenerem Blick und größerem Geschick als ich tun konnte. Ich selbst habe noch das Buch »Mein Weltleben«, ersten und nun auch zweiten Band, geschrieben, in dem an die Jugend anknüpfend tiefer gründende Abschnitte meines seitherigen Lebens dargestellt werden.

Immer von neuem drängt mich meine Seele zur Arbeit, und immer von neuem mahnt mich mein erschöpfter Körper zur Rast. Es ist aber schwer zu ruhen, wenn man als Mensch noch so vieles zu tun, als Schriftsteller noch so Manches zu sagen hätte!

Ich ging als Schriftsteller einen Weg, der, wie sich's zeigte, nicht viel betreten war; ich fühlte mich auf demselben oft vereinsamt, aber ich bin nicht umgekehrt.

Mir scheint nicht alles was wahr ist wert, vom Poeten aufgeschrieben zu werden; aber alles, was er aufschreibt, soll wahr und wahrhaftig sein. Und dann soll er noch etwas dazugeben, was versöhnt und erhebt; denn wenn die Kunst nicht schöner ist als das Leben, so hat sie keinen Zweck. Furchen ziehen durch die Äcker der Herzen, daß Erdgeruch aufsteige, dann aber Samen hineinlegen, daß es wieder grüne und fruchtbar werde – so wollt ich's halten.

Ich habe es mit meinen Mitmenschen ja gut gemeint. Allerdings, sie haben mich oft verdrossen. Obgleich ich das Glück hatte, zumeist mit vortrefflichen Charakteren umzugehen, so habe ich doch auch die Niederträchtigkeit kennen gelernt und gesehen, mit welcher Wollust die Menschen imstande sind, sich gegenseitig zu peinigen – Schändlichkeiten und Übeltaten stets unter einem schönen, wenn nicht gar geheiligten Deckmantel verhüllend. Ich habe Zeiten durchlebt, da ich es für die größte Narrheit hielt, den Leuten Gutes tun zu wollen. Aber, wenn ich ihr Elend sah und das Übermaß ihrer Leiden, da dauerten sie mich. Ich bin ja einer von ihnen. Ich sehe den Jammer einer jahrtausendelangen Geschichte, den sie sich selbst im blinden Ringen nach glücklicheren Zeiten gemacht haben. Aber ich sehe auch, daß wir heute lange nicht auf dem rechten Fleck stehen. Lieber nach vorwärts und ins Ungewisse hineinstürmen, als hier stehen bleiben! Aber wenn ich sehe, wie im rasenden Flug, oder sagen wir, in der rasenden Flucht nach »vorwärts« das Gemüt zu Schaden kommt, dieses unser größtes Gut, und ich keinen Ersatz dafür zu ahnen vermag, so blase ich zur Rückkehr in die Wildnisse der Natur, zu jenen kleinen, patriarchalischen Verhältnissen, in welchen die Menschheit noch am natürlichsten gelebt hat. Und wenn das auch nicht geht, weil's nicht gehen kann, dann ....!

Nein doch, ich vertraue der Zukunft. Es werden Stürme kommen, wie sie die Welt noch nicht gesehen; aber wenn wir die großen Anbilder und Tugenden der Besten unserer Vorfahren und der Wenigen von heute, die Schlichtheit, die Opferwilligkeit, den Familiensinn, den Frohsinn, die Liebe, die Treue, die Zuversicht in die Zukunft hinüberzutragen vermögen, um sie neu zu beleben und zu verbreiten, dann wird es gut werden.

Ich habe mein schwaches Talent nicht vergraben. Ich habe mich nicht betören lassen von jener Lehre, daß der Poet neben dem Schönheitsprinzipe keine Absicht haben solle, und auch nicht von jener, die im Dichterwerk nur Zweck will, sei es nach dem Moralischen oder dem Materiellen hin. Ich habe die Gestalt genommen, wie sie das Leben gab, aber sie nach eigenem Ermessen beleuchtet. Ich habe die hellsten Lichtpunkte dorthin fallen lassen, wo ich glaube, daß das Schöne und Gute steht, damit entschwindende Güter wieder ins Auge und Herz der Menschen dringen möchten. Des Niedrigen habe ich gespottet, das Verderbliche bekämpft, das Vornehme geehrt, das Heitere geliebt und das Versöhnende gesucht. Mehr kann ich nicht tun.

Soll es nun heute sein, oder in noch späteren Tagen, willig mag ich meinen morschen Wanderstab zur Erde legen, willig meinen Namen verhallen lassen, wie des heimkehrenden Älplers Juchschrei verhallt im Herbstwind. Aber ich – ich selbst möchte mich an dich, du liebe, arme, unsterbliche Menschheit klammern und mit dir sein, durch der Jahrhunderte Dämmerung hin – und Weg suchen helfen – den Weg zu jener Glückseligkeit, die das menschliche Gemüt zu allen Zeiten geahnt und gehofft hat.

Peter Rosegger.

»Weg nach Winkelsteg.«

Diese Worte standen am Holzarm. Aber der Regen hatte die altförmigen Buchstaben schier verwaschen und der Balken selbst wackelte im Wind.

Ringsum ist struppiger Tannenwald; über demselben stehen ein paar uralte Lärchen empor, deren kahles Geäste weit hineinragt in den Himmel. In der Tiefe einer felsigen Schlucht braust Gewässer. Unzähligemale hat die alte Bergstraße mittels schiefer, halb eingesunkener Holzbrücken über diesen Alpenbach geführt, bis da herein, wo der Bergwald rechts sich lichtet und zwischen den Wipfeln zum erstenmale die Gletscher niederleuchten auf den Wanderer, der aus bevölkerten Gegenden kommt.

Der Wildbach gießt von den Gletschern her. Die Straße aber wendet sich links, milderen Waldgeländen zu, um nach Öden und Wildnissen endlich wieder in belebte Ortschaften einzuziehen. Dem Flußgebiet entlang zieht nur ein verschwemmter steiniger Hohlweg, über welchen der Sturm Fichtenstämme geworfen hatte, die nun seit Jahrzehnten lehnen und dorren.

Hier am Scheidewege auf dem Felsen stand ein hohes hölzernes Kreuz mit drei Querbalken und den bildlich dargestellten Marterwerkzeugen, der heiligen Leidensgeschichte, als: Speer, Schwammstab, Zange, Hammer und den drei Nägeln. Das Holz war wettergrau und bemoost. Eng daneben stand der Balken mit dem Arme und der Inschrift: »Weg nach Winkelsteg«.

Dieses Zeichen wies den verwahrlosten steinigen Weg mit dem Gefälle – gegen das enge Hochtal, in dessen Hintergrunde die Schneefelder liegen. In fernster Höhe, über den licht sich hinziehenden Schneetüchern ragt ein grauer Kegel auf, an dessen Spitze Nebelflocken hängen.

Ich saß auf einem Felsblock neben dem Kreuze und blickte zu jener grauen Spitze empor. Das war der weit und breit berühmte und berüchtigte graue Zahn – das Ziel meiner Gebirgsreise.

Als ich so dasaß, hauchte jenes Gefühl durch meine Seele, von dem kein Mensch zu sagen weiß, wie es entsteht, was es bedeutet und warum es so sehr das Herz beklemmt, gleichsam mit einem Panzer der Ergebung umgürtet, auf daß es gerüstet sei gegen Etwas, das kommen muß. Ahnung nennen wir den wundersamen Hauch.

Ich hätte vielleicht noch länger geruht auf dem Steine und dem Tosen des Wildwassers gelauscht; allein mir schien, als strecke sich Holzarm immer länger und länger aus, und zum Mahnrufe wurden mir die Worte: »Weg nach Winkelsteg«.

Und wahrhaftig, als ich mich erhob, da sah ich, daß mein Schatten schon ein gut Stück länger war, als ich selbst. Und wer weiß, wie weit ab es noch lag, das letzte und kleinste Dorf Winkelsteg.

Ich ging rasch und sah nicht viel um. Ich merkte nur, daß die Wildnis immer größer wurde. Rehe hörte ich röhren im Wald, Geier hörte ich pfeifen in der Luft. Es begann zu dunkeln, und es war noch nicht Zeit zum Nachten. Über dem Gebirge lag ein Gewitter. Ein halb ersticktes Murren war zu hören, und nicht lange, so erhob sich ein Grollen und Rollen, als ob all die Felsen und Eiswuchten des Hochgebirges tausend- und tausendfach aneinander prallten. Die Bäume über mir bogen sich mächtig hin und her und in den breiten Blättern eines Ahorn rauschten schon die großen eiskalten Tropfen.

Das Gewitter ging bis auf diese wenigen Tropfen vorüber. Weiter drin aber mußte es ärger gewesen sein, denn bald brauste mir im Hohlweg ein wilder Gießbach mit Erde, Steinen, Eis- und Holzstücken entgegen. Ich rettete mich an die Lehne hinan und kam mit großer Mühe vorwärts.

Über der Gegend lag nun Nebel und an den Ästen der Tannen stieg er nieder bis zu dem feuchten Heidekraut des Bodens.

Als er gegen die Abenddämmerung ging und als die Waldschlucht sich ein wenig weitete, kam ich in ein schmales Wiesental, dessen Länge ich des Nebel wegen nicht ermessen konnte. Die Matten waren bedeckt mit Eiskörnern; der Bach hatte sein Bett überschritten und hatte die Brücke fortgerissen, die mich hätte hinübertragen sollen auf das jenseitige Ufer, von wo mir durch das Nebelgrauen ein weißes Kirchlein und die Bretterdächer einiger Häuser zuschimmerten.

Es war frostig kalt. Ich rief hinüber zu den Leuten, die am Wasser arbeiteten, Holzblöcke auffingen und den Fluß zu regeln suchten. Sie schrien mir die Antwort zurück, sie könnten mir nicht helfen, ich müsse warten, bis das Wasser abgelaufen sei.

Bis so ein Gießwasser abläuft, das kann die ganze Nacht währen. Ich wage es und will durch den Fluß waten. Aber als sie drüben diese meine Absicht bemerken, winken sie mir warnend ab. Und bald stemmt ein großer, hagerer, schwarzbärtiger Mann eine Stange an und schwingt sich mittels derselben zu mir herüber. Dann häuft er hart am Ufer einige Steine übereinander und legt auf dieselben das Brett, welches die anderen über die Fluten herüberschieben. – Dann nahm er mich an der Hand und sagte: »Nur fest anhalten!« und führte mich über das schaukelnde Brett an das andere Ufer.

Während wir über dem Wasser schwebten, hub das Aveglöcklein an zu klingen und die Leute zogen ihre Hüte ab.

Der große schwarze Mann geleitete mich über die knisternden Eiskörner zum Dörfchen hinan. »So ist es,« brummte er unterwegs, »läßt der Herrgott was aufwachsen, haut's der Teufel wieder in die Erden hinein. Die Kohlpflanzen sind hin bis auf Stammel; und das letzte Stammel auch. Der Hafer liegt auf dem Hintern und reckt seine Knie gegen den Himmel hinauf.«

»Das Wetter hat so viel Schaden getan?« sagte ich.
»Das seht Ihr,« versetzte er.
»Und weiter draußen, da hat's kaum getropft.«

»Das glaube ich. 's ist allemal nur uns Winkelstegern vermeint. Vom heutigen Tag an darf sich eins den ganzen Sommer über wieder nicht satt essen, wollen wir für den Winter den Magen nicht in den Rauchfang hängen.« So antwortete er.

Das Dorf bestand aus drei oder vier größeren hölzernen Häusern, einigen Hütten, rauchenden Kohlstätten und dem Kirchlein.

Vor einem der größeren Häuser, an dessen Tür ein breiter, von vielen Tritten zerschleifter Antrittstein lag, blieb mein Begleiter stehen und sagte: »Kehrt der Herr bei mir ein? Ich bin der Winkelwirt.« Er deutete bei diesen Worten auf das Haus, als ob das sein Ichselbst wäre.

Bald hernach war ich in der Stube. Die Wirtin nahm mir gar behende die Reisetasche und den feuchten Überrock ab und brachte mir ein paar Strohschuhe herbei. »Nur gleich das nasse Leder und die Schliefschuhe anstecken; nur fein gleich, fein gleich, ein nasser Schuh auf dem Fuß läuft zum Bader!« Nicht lange, so saß ich trocken und bequem an dem großen Tische unter dem Hausaltar und unter Wandleisten, auf welchen der Reihe hin buntbemaltes Ton- und Porzellangeschirr lehnte. Auf dem Gläsergestelle war eine Unzahl von Kelchfläschchen umgestülpt und der Wirt fragte mich gleich, ob ich Branntwein begehre. Ich verlangte Wein.

»Ist wohl kein Tröpfel im Keller gewesen, so lang' das Haus steht,« sagte der Wirt unmutig, »aber Holzapfelmost hätt' ich einen rechtschaffenen guten.«

Das war mir schon recht; doch als er in den Keller gehen wollte, trippelte sein Weib herbei, nahm ihm hastig den Schlüssel aus der Hand: »Geh, Lazarus, schneuz' dem Herrn das Licht; sein geschwind, Lazarus, wirst schon dein Tröpfel noch kriegen.«

Ein wenig brummend kam er zum Tisch zurück, reinigte den Docht der Unschlittkerze, sah mich eine Weile so an und fragte endlich: »Der Herr ist zuletzt gar unser neuer Schulmeister? – Nicht? So, auf den grauen Zahn hinauf geht die Wander? Wird morgen wohl nicht gehen. Ist auch diesen Sommer noch kein Mensch hinaufgestiegen.

Das muß einer im Frühherbst tun; zur andern Zeit ist kein Verlaß auf das Wetter. – Nu, wie man halt schon so nachgrübelt; ich hab' gemeint, der Herr dürft' der neue Schulmeister sein. Es versteigt sich sonst wunderselten einer da herein, der nicht herein gehört. Auf den neuen Schulmeister warten wir schon alle Tag. Der alte ist uns durchgegangen; – hat der Herr nichts gehört?«

»So, Lazarus, tu schön fein plaudern mit dem Herrn,« sagte die Wirtin im zärtlichen Tone zu ihrem Manne, als sie mir den Most und zugleich auch die Abendsuppe vorsetzte.

Das Weib war nicht mehr zu jung, aber es war das, was die Wäldler »kugelrund« nennen. Sie hatte ein zweifaches und unter demselben, um den vollen Hals, eine Silberkette. Ihre Äuglein guckten klug und mild hervor, wenn sie sprach, und wenn sie, mit jedem Winkel und Nagel des ganzen Hauses bekannt und verwachsen, lustig in allen Ecken und Enden herumregierte. Wie im Scherze regelte sie alles und redete mit dem Gast und lachte mit dem Gesinde in der Küche und im Vorhause. Daß jetzt der Schauer wieder alles zerschlagen, sei freilich nicht gar lustig, meinte sie, aber besser sei es allerwege, das Eis falle vom Himmel auf die Erde, als wenn es von der Erde auf den Himmel fiele und da oben auch noch alles in Scherben schlüge. Da hätt' eins schon gar nichts mehr zu hoffen. Und wie sie so die Sache auslegte, sprudelte die Fröhlichkeit ordentlich aus ihr hervor, und der ganze Kreis um sie war heiter; und jedes schien sich so gehen zu lassen in dem, was es tat, empfand und sagte; aber es ging doch alles nach der Schnur.

»Ihr habt eine treffliche Wirtin,« sagte ich zum Wirt.

»Das wohl, das wohl,« bestätigte er leise und lebhaft, »brav ist sie, meine Juliana, aber halt – aber halt –« Das Wort blieb ihm im Halse stecken, oder vielmehr, er zerbiß es, drückte und preßte es hinab; auf sprang er und die Hände am Rücken geballt schritt er über die Stube und wieder zurück und goß sich ein Glas Wasser in die Gurgel.

Dann setzte er sich auf die Bank und war ruhig. Aber es war noch nicht ganz gut, er hatte die Fäuste geschlossen und starrte auf den Tisch. – Ich habe einmal auf einem Jahrmarkt einen Araber gesehen, eine mächtig hohe Gestalt, knochig, hager, rauh und lederbraun, schwarz und vollbärtig, glutäugig, mit langer, scharf gebogener Nase, schneeweißen Zähnen, mit dichten Brauen und einem weichen, wollartigen Haarfilze – völlig so sah der Mann aus, der jetzt schier unheimlich vor mir brütete.

»s gibt kein Weibel mehr, so herzensgut und getreu,« murmelte er plötzlich; weitere Worte zermalmte er zwischen den Zähnen.
Ich sah, der Mann war in einer peinlichen Stimmung; ich suchte ihn aus derselben zu erlösen.
»Also durchgegangen, sagt Ihr, ist der alte Schulmeister?«

Da hob der Wirt seinen Kopf: »Man kann just nicht sagen, daß er durchgegangen ist; es hat ihm nichts weh getan bei uns. Ich denk', wer fünfzig Jahr in Winkelsteg Schullehrer, oder was weiß ich, alles ist, der läuft im einundfünfzigsten nicht davon wie ein Roßdieb.«

»Fünfzig Jahre dahier Schullehrer!« rief ich.
»Schullehrer und Arzt und Amtmann und eine Weil' auch Pfarrer ist er gewesen.«

»Und ein Halbnarr ist er auch gewesen!« schrie einer vom Nebentische her, wo sich mehrere schwarze Gesellen, etwa Holzer und Kohlenbrenner, bei Schnapsgläsern niedergelassen hatten. »Ja freilich,« rief die Stimme, »da draußen bei der Wacholderstauden ist er die längste Zeit gehockt und hat mit dem Wisch geschwätzt, und ich vermein', den Gimpeln hat er das Singen lehren wollen nach Noten. Hat er wo einen scheckigen Falter erspäht, so ist er ihm nachgeholpert den ganzen halben Tag; – ein Halterbübl könnt' nicht kindischer sein. Hat ihn 'leicht gar so ein Tier fortgelockt, hat der Alte nimmer heimgefunden, ist liegen blieben im Wald.«

»Zur Weihnachtszeit fliegen keine Falter herum, Josel,« sagte der Wirt halb berichtigend, halb verweisend, »und daß er in der Christnacht ist in Verlust geraten, das wirst wissen.«

»Der Teufel hat ihn geholt, den alten Sakermenter!« gröhlte eine andere Stimme in dem finsteren Winkel der Stube am großen Kachelofen. Als ich hinblickte, sah ich in der Dunkelheit die Funken eines Feuersteines sprühen.

»Mußt nit, Schorschl, mußt nit so reden!« sagte einer der Köhler, »mußt bedenken, der alte Mann hat schneeweißes Haar gehabt!«

»Ja, und Hörner unter demselben,« rief's vom Ofen her, »'leicht hat ihn keiner so gekannt, den alten Schleicher, wie der Schorschl! Meint Ihr, er hätt's nit abgemacht gehabt mit den großen Herren, daß wir keine was haben gewonnen beim Lotterg'spiel (Lotterie)! Wesweg hat denn der Kranabetsepp gleich in der zweiten Woch', da der Schulmeister ist weggewesen, einen Terno gemacht? Der bucklig' Duckmauser selber hat freilich Geld gehabt; hat's vergraben, auf daß, was er selber nit braucht, die armen Leut' auch nit brauchen sollen. O – 'leicht könnt' einer andere Geschichten erzählen, wären nicht so gewisse Leut' in der Stuben.«

Die Stimme schwieg; man hörte nur das Pauffen der rauchsaugenden Lippen und das Zuklappen eines Pfeifendeckels.

Der Wirt stand auf, warf seinen Lodenwams weg und ging in flatternden Hemdsärmeln einige Schritte gegen den Ofen. Mitten der Stube stand er still »So, gewisse Leut' sind in der Stuben,« sagte er gedämpft, »Schorschl, dasselb' deucht mich selber; aber nit beim redlichen Tisch sitzen sie vor aller Leut' Augen; im stockfinsteren Winkel ducken sie sich, wie nichtsnutzige Schelm', –« Er brach ab, man merkte es, wie er sich Gewalt antat, gelassen zu bleiben; er zog sich schier krampfhaft zusammen, aber er bleib stehen mitten in der Stube.

»Freilich, freilich, die Branntweinbrenner haben den Alten nicht leiden mögen,« sagte einer der Köhler. Dann zu mir gewendet: »Bester Herr, der hat's gut gemeint! Gott tröst' seine arme Seel'! – Hat noch die Orgel gespielt in der heiligen Nacht, aber in der Christtagsfrüh ist kein Gebetläuten gewesen. Den Reiter Peter – das ist halt unser Musikant – hatt' er in der Nacht noch angeredet, daß der sollt' die Musik für den Christtag übernehmen; das ist sein letztes Wort gewesen, und weg ist der Schulmeister. – Du heiliger Antoni, was haben wir den Mann nicht gesucht! Spüren hat man ihn nicht können, der Schnee ist weit und breit, und gar im Wald drin, steinhart gewesen; hat jeden tragen, so weit er hat wollen gehen. Ganz Winkelsteg ist auf gewesen, ist alle Wälder abgegangen und alle Straßen draußen im Land.«

Der Mann schwieg; ein Achselzucken und eine Handbewegung deuteten an, sie hätten den Schulmeister nicht gefunden.

»Und so haben wir Winkelsteger keinen Schulmeister,« sagte der Wirt. »Ich für mich brauch' keinen; ich hab' nichts gelernt und werd' nichts mehr lernen – ich leb' so. Aber einsehen tu' ich's wohl, ein Schulmeister muß sein. Und so sind wir Gemeindebauern und Holzleute halt zusammengestanden, daß wir einen neuen –«

Ich hatte in diesem Augenblick das Mostglas an den Mund gesetzt, um den Rest des frischenden Trankes zu schlürfen. Und das war, als hätte es dem Manne die Sprache verschlagen. Er starrte nun auf das leere Glas, wollte dann sein Gespräch wieder fortsetzen, schien aber kaum mehr zu wissen, wovon geredet.

»Ich denk' mir meinen Teil,« versetzte einer der Kohlenbrenner, »und ich sag' dasselb', just und gerade dasselb' was der Wurzentoni sagt. Der alte Schulmeister, sagt er, hat ein Stückel mehr verstanden, als Birnsieden, ein gut Stückel mehr. Der Wurzentoni – nicht einmal, zehn- und hundertmal hat er den Schulmeister gesehen aus einem kleinwinzigen Büchlein beten, und sind alles so Sprüchel drin gewesen und Zauber- und Hexenzeichen, lauter Hexenzeichen. Wär' der Schulmeister im Wald wo gestorben, sagt der Wurzentoni, so hätt' man den Toten finden müssen, und hätt' ihn der Teufel geholt, so wär' das Gewand zurückgeblieben, denn das Gewand, sagt der Wurzentoni, ist unschuldig, über das hat der Teufel keine Gewalt, hat keine! – Ganz was anders ist geschehen, meine Leut'! Der Schulmeister – verzaubert hat er sich, und so steigt er unsichtbar Tag und Nacht in Winkelsteg herum – Tag und Nacht, zu jeder Stund'. Das ist, weil er will wissen, was die Leut', in der Heimlichkeit tun und über ihn reden, und weil – –. Ich sag' nichts Schlechtes über den Schulmeister, ich nicht. Wüßt auch nicht was, bei meiner Treu, wüßt nicht was!«

»Ei, tät der Teufel nicht mehr wissen, wie der schwarz' Kohlenbrenner,« hüstelte die Stimme hinter dem Ofen, »noch heut' tät der alt' Grauschädel die Winkelsteger bei der Nasen herumführen!«

Ein gereizter Löwe könnte nicht wütender aufspringen, als es jetzt der derbe, finstere Wirt tat. Ordentlich stöhnend vor Begier, stürzte er hin in den Ofenwinkel, und dort war ein angstvolles Aufkreischen.

Da eilte die Wirtin »Geh, Lazarus, wirst dich scheren mit diesem dummen Schorschel da! Ist nicht der Müh' wert, daß du desweg einen Finger krumm tust. Geh, sei fein gescheit, Lazarus; schau, jetzt hab' ich dir dort dein Tröpfel hingestellt.«

Lazarus ließ nach; der Schorschl huschte wie ein Pudel zur Tür hinaus.

Lazarus hatte Haarlocken in der Faust. Knurrend schritt er gegen den Kasten, auf welchem ihm sein Weib ein Glas Apfelmost gestellt hatte. Fast lechzend, zitternd griff er nach dem Glase, führte es zum Mund und tat einen langen Zug. Dann hielt er starren Auges ein wenig inne, dann setze er wieder an und leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen. Das mußte ein fürchterlicher Durst gewesen sein. Langsam sank die Hand mit dem leeren Gefäß nieder; tief aufatmend glotzte der Wirt vor sich hin.

So verging die Zeit, bis die Wirtin zu mir kam und sagte: »Wir haben ein gutes Bett, da oben auf dem Boden; aber sag's dem Herrn fein g'rad heraus, der Wind hat heut' ein paar Dachschindeln davongetragen und da tut's ein klein wenig durchtröpfeln. Im Schulhaus oben wär' wohl ein rechtschaffen bequemes Stübel, weil es für den neuen Lehrer schon eingerichtet ist; und fein zum Heizen wär's auch, und wir haben den Schlüssel, weil mein Alter Richter ist und auf das Schulhaus zu schauen hat. Jetzt, wenn sonst der Herr nicht gerade ungern im Schulhaus schläft, so tät ich schon dazu raten. Ei beileib', es nicht unheimlich, gar nicht; es ist fein still und fein sauber. Mich däucht, das ganze Jahr wollt' ich darin wohnen.«

So zog ich das Schulhaus dem Dachboden vor. Und nicht lange nachher geleitete mich ein Küchenmädchen mit der Laterne hinaus in die stockfinstere, regnerische Nacht, den Hütten entlang, an der Kirche hin über den Friedhof, an dessen Rande das Schulhaus stand. Das Rasseln des Schlüssels an der Tür widerhallte im Innern. Im Vorhause war es öde und die Schatten der Laternsäulchen zuckten wie gehetzt an den Wänden hin und her.

Da traten wir in ein kleines Zimmer, in dessen Tonofen helle Glut knisterte. Meine Begleiterin stellte ein Licht auf den Tisch, schlug die braune Decke des Bettes über und zog aus dem Wandkasten eine Lade hervor, damit ich meine Sachen dort unterbringe. Da rief sie auf einmal: »Nein, das ist richtig, daß wir uns alle miteinander schämen müssen, jetzt liegen diese Fetzen noch da herum!« Sofort faßte sie einen Armvoll Papierblätter, wie sie in der Lade wirr herumlagen: Will euch gleich helfen, ihr verzwickelten Wische, in den Ofen steckt' ich euch!«

»Mußt nicht, mußt nicht,« kam ich dazwischen, »vielleicht sind Dinge dabei, die der neue Lehrer noch brauchen kann.«

Verdrießlich warf sie die Blätter wieder in die Lade. Es wäre ihr in ihrer Aufräumungswut sicher eine große Lust gewesen, sie zu verbrennen, wie ja unwissende Leute häufig das Verlangen haben, alles, was ihnen nutzlos dünkt, sogleich zu vernichten.

»Der Herr kann des alten Schulmeisters Schlafhauben aufsetzen,« sagte das Mädchen hernach etwas schelmisch und legte eine blaugestreifte Zipfelmütze auf das Kopfkissen des Bettes. Dann gab es mir noch einige Ratschläge wegen der Türschlüssel, sagte: »So, in Gottesnamen, jetzt geh' ich!« – und sie ging.

Die äußere Tür sperrte sie ab, an der inneren drehte ich den Schlüssel um, und nun war ich allein in der Wohnung des in Verlust geratenen Schulmeisters.

Was war das für ein sonderbares Geschick mit diesem Manne, und was waren das für sonderbare Nachreden der Leute? Und wie verschieden waren diese Nachreden! Ein guter, vortrefflicher Mann, ein Narr, und gar einer, den zuletzt der Teufel holt! –

Ich sah mich in der Stube um. Da war ein wurmstichiger Tisch und ein brauner Kasten. Da hing eine alte, schwarze Pendeluhr mit völlig erblindetem Zifferblatte, vor welchem der kurze Pendel so emsig hin und her hüpfte, als wollte er nur hastig, hastig aus banger Zeit in eine bessere Zukunft eilen. – Und meint ihr, ich hätte von draußen herein nicht auch die Unruh der Kirchturmuhr gehört?

Neben der Uhr hingen einige aus Wacholder geschnittene Tabakspfeifen mit übermäßig langen Rohren; ferner eine Geige und eine alter Zither mit drei Saiten. Sonst war überall das gewöhnliche Hausgeräte, vom Stiefelzieher unter der Bettstatt bis zu dem Kalender an der Wand. Der Kalender war von vorhergegangenem Jahre. Die Fenster waren bedeutend größer, als sie sonst bei hölzernen Häusern zu sein pflegen, und mit gepflochtenen Gittern versehen. In diesen Gittern steckten verdorrte Birkenzweige.

Da ich einen der blauen Vorhänge beiseite geschoben hatte, blickte ich hinaus ins Freie. Es war finster, nur von einer Ecke des Kirchhofes her schimmerte es wie ein verlorener Strahl des Mondes. Das war wohl das Moderleuchten eines zusammengebrochenen Grabkreuzes oder eines Sargrestes. Der Regen rieselte; es zog ein frostiger Windhauch durch die Luft wie gewöhnlich nach Hagelgewittern.

Ich hatte die Alpenfahrt für den nächsten Tag aufgegeben. Ich beschloß, entweder in Winkelsteg schön Wetter abzuwarten, oder mittels eines Kohlenwagens wieder davonzufahren. Brauen im Gebirge selbst zur Sommerszeit ja doch oft wochenlang die feuchten Nebel, während draußen im Vorlande der helle Sonnenschein liegt.

Ehe ich mich ins Bett legte, wühlte ich noch ein wenig in den alten Papieren der Schublade herum. Da waren Musiknoten, Schreibübungen, Aufmerkblätter und allerhand so Geschreibe auf grobem, grauem Papier. Es war teils mit Bleistift, teils mit gelblichblasser Tinte, bald flüchtig, bald mit Fleiß geschrieben. Und da lagen zwischen Blättern gepreßte Pflanzen, entstaubte Schmetterlinge und eine Menge Tier- und Landschaftszeichnungen, auch eine Karte von Winkelsteg, zumeist gar recht unbeholfen gemacht. Aber ein Bild fiel mir doch auf, ein mit bunten Farben bemaltes, komisches Bild. Es stellte einen alten Mann dar. Der kauerte auf einem Baumstrunk und schmauchte eine langberohrte Pfeife. Auf dem Haupte, dessen Haare nach rückwärts gekämmt warn, hatte er eine plattgedrückte, schwarze Kappe mit einem breiten, wagrecht hinausstehenden Schilde. Aber ein Künstler war es doch, der das Bild gemacht; im Ausdruck des Angesichts war er zu spüren. Aus dem einen Auge, das ganz offen stand, blickte eine ernste und doch milde Seele heraus; aus dem andern, das halb geschlossen nur so blinzelte, sah ein wenig Schalkheit hervor. In einem Hause, aus dessen Fenstern lugen, ist's nicht gar sonderlich arm und öde. Über den, vom wohlwollenden Künstler vielleicht doch zu rosig gehaltenen Wangen war es aber fast, als ob seinerzeit Wildbäche Furchen gerissen hätten. Völlig spaßhaft hingegen nahm sich auf dem sonst glattrasierten Gesichte der lange weiße Spitzbart aus; er war unter dem vorgebeugten Kopfe wie ein vom Kinne niederhängender Eiszapfen. Um den Hals war ein hellrotes Tuch mehrfach geschlungen und vorne mehrfach zusammengeknüpft. Dann kam der Wall des Rockkragens und der blaue Tuchrock selbst, ein Frack mit niederstrebenden Taschen, aus deren einer der launige Künstler gar ein Zipfelchen hervorlugen ließ. Der Rock war eng zugeknöpft bis hinauf unter dem Eiszapfen. Die Hofe war grau, eng und sehr kurz; die Stiefel waren auch grau, aber weit und sehr lang. – So kauerte das Männchen da und hielt mit beiden Händen genußselig das lange Pfeifenrohr, und schmauchte. Leichte Ringelchen und Herzchen bildete der Rauch ....

Der das Bild gemacht, ist ein großer Kauz gewesen; nach dem es gemacht, der ist noch ein größerer gewesen. Einer oder der andere war sicher der alte Schulmeister, der auf unerklärliche Weise verschwunden, nachdem er fünfzig Jahre im Orte Lehrer gewesen. – »Und unsichtbar stieg er in Winkelsteg herum, Tag und Nacht – zu jeder Stund'!«

Ich stieg ins Bett und lag und sann. Ich ahnte freilich nicht, wer es gewesen war, der das Haus gebaut und vor mir auf dieser Stätte geruht.

Die Glut im Ofen knisterte matt und matter und war im Absterben. Draußen rieselte der Regen, und doch lag eine Stille über allem, so daß mir war, als hörte ich das Atemholen der Nacht. – Ich war im Einschlummern; da erhob sich plötzlich ganz nahe über mir ein lebhaftes Schallen, und mehrmals hintereinander laut und lustig klang der Wachtelschlag. Ganz täuschend ähnlich waren die Laute dem lieblichen Rufe des Vogels im Kornfelde. Die alte Uhr war es gewesen, die mir so seltsam die elfte Stunde verkündet hatte.

Und der süße Wachtelschlag hatte mein Sinnen und Träumen entführt hinaus auf das lichte sonnige Kornfeld zu den wiegenden Halmen, zu den blau leuchtenden Blumenaugen, zu den gaukelnden Schmetterlingen – und so war ich eingeschlafen an demselben Abende, im geheimnisvollen Schulhaufe zu Winkelsteg.

Wie mich der Wachtelschlag eingelullt hatte, so weckte mich der Wachtelschlag wieder auf. Es war des Morgens zur sechsten Stunde.

Im Stübchen atmete noch die weiche Wärme des Ofens; an den Wänden und auf der Decke lag es blaß wie Mondlicht. Und es mußte die Sonne schon am Himmel stehen; es war im Juli. Ich erhob mich und zog einen der blauen Fenstervorhänge zurück. Die großen Scheiben waren grau angelaufen; nur hie und da löste sich eine Tropfenperle und rollte hin und her zuckend nieder durch die unzähligen Bläschen und Tröpfchen, hinter sich einen schmalen ziehend, durch welchen das Dunkel des braunen Kirchendaches hereinblickte.

Ich öffnete das Fenster; frostige Luft ergoß sich in das Zimmer. Der Regen hatte aufgehört; an der Friedhofsmauer lag ein Wall zusammengeschwemmter Eiskörner, mit niedergeschlagenen Baumrinden und gebrochenen Reisigwipfeln gemischt. An der Kirchenwand lagen Schindelsplitter des Daches; die Fenster der Kirche waren mit Brettern geschützt. Einige Eschen standen am Platze, da tropfte es nieder von den wenigen Blättern, die der Hagel verschont hatte. Noch ragte dort das verschwommene Bild eines Rauchfanges; was weiter hin war, das deckte der Nebel.

Ich hatte den Gedanken an die Alpenwanderung heute gar nicht mehr hervorgeholt. Langsam zog ich mich an und betrachtete das Triebwerk der alten Schwarzwälderuhr, welches durch zwei aneinanderschlagende Holzplättchen den schmetternden Schlag der Wachtel so täuschend gab. Hernach wühlte ich, da es mir zum Frühstück noch zu zeitig war, eine Weile in den Papieren der Lade herum. Ich bemerkte, daß außer den Zeichnungen, Rechnungen und jenen Bogen, die zu Pflanzenmappen dienten, alle beschriebenen Blätter eine gleiche Größe hatten und mit roten Seitenzahlen versehen waren. Ich versuchte die Blätter zu ordnen und warf zuweilen einen Blick auf deren Inhalt. Es waren tagebuchartige Aufzeichnungen, die sich auf Winkelsteg bezogen. Die Schriften waren aber so voll von eigenartigen Ausdrücken und regellos geformten Sätzen, daß Studium und eine Art Übersetzung nötig schien, um sie der Verständlichkeit zuzuführen.

Die Mühe däuchte mir gleich anfangs nicht abschreckend, denn ich hoffte hier Urkunden des so entlegenen Alpendörfchens und vielleicht gar aus dem Leben des verschwundenen Schulmeisters zu finden. Indem ich emsig weiter ordnete und mit dieser Arbeit schon völlig zur Rüste kam, entdeckte ich plötzlich ein dickes graues Blatt, auf welchem mit großen roten Buchstaben geschrieben stand: Die Schriften des Waldschulmeisters.

So hatte ich nun gewissermaßen ein Buch zusammengestellt; und das Blatt mit den roten Lettern legte ich aufs Geratewohl obenan, als des Buches Überschrift.

Mittlerweile hatte meine Wachtel die achte Stunde verkündet und auf dem Kirchturme läuteten zwei helle Glöcklein zur Messe. Der Pfarrer, ein schlanker Mann mit blassem Angesichte, schritt von seinem Hause die kleine Steintreppe heran zur Kirche. Einige Männer und Weiber zogen ihm nach, entblößten noch weit vor der Tür ihr Haupt, oder zerrten die Rosenkranzschnur hervor und besprengten sich andächtig am Weihwasserkessel des Einganges.

Ich ging zur Tür hinaus und über den hügeligen Sandboden hin. Und ich ging, weil die Orgel gar so freundlich klang, zur Kirche hinein. Da war es auf den ersten Blick, wie es in jeder Dorfkirche ist – und doch ganz anders.

Je ärmer sonst so ein Kirchlein ist, je mehr Silber und Gold sieht man an ihm funkeln; alle Leuchter und Gefäße sind von Silber, alle Verzierungen und Heiligenröcke und Engelsflügel und gar die Wolken des Himmels sind von Gold. Aber es ist nur Schein. Ich kann jenem Bauersmann nicht Unrecht geben, der, als er in der Kirche einmal Meßnerdienste verrichten mußte und dabei in nähere Bekanntschaft mit den Bildnissen und Altären gekommen, ausrief: »Wie unsere Heiligen von weitem funkeln und vornehm sind, so meint man, was der tausend wir für Himmelsmänner haben, und wenn man sie in der Nähe anschaut, ist alles Holz.«

In der Kirche zu Winkelsteg fand ich das anders. Freilich war auch da alles aus Holz und größtenteils aus ganz gewöhnlichem Fichtenholz, aber es war nicht geschminkt mit Goldglanz, schreienden Farben, Geflunker und Gebänder und was sonst solchen Zierat gibt; es war, wie es war, und wollte nicht anders sein.

Die Kirchenwände standen in mattem Grau und waren fast leer. In einer Ecke des Schiffes klebten ein paar Schwalbennester, deren Bewohner heute auch bei dem Gottesdienste bleiben und dem Herrn nach ihrer Art das »Sanctus« sangen. Den Chorboden da oben und den Beichtstuhl und die Kanzel und die Betstühle – man sah es wohl – hatten heimische Zimmerleute ausgeführt. Der Taufstein hatte auch sein Lebtag keinen Steinmetz und der Hochaltar keinen Bildhauer gesehen. Aber es war Geschmack und Zweckmäßigkeit in allem. Der Altar war ein würdevoll dastehender Tisch, zu welchem drei breite Stufen emporführten. Er war bedeckt mit einfachen weißen Linnen, und in einem Gezelte aus weißer Seide, zwischen sechs schlanken, aus Lindenholz geschnitzten Leuchtern stand das Heiligtum. Was mir aber am meisten auffiel, was mich rührte, fast erschreckte, das war ein nacktes großes Kreuz aus Holz, welches über dem Zelte ragte. Dieses Kreuz mochte nicht immer da oben gestanden haben; es war wettergrau, der Regen hatte die Fasern hervorgewaschen, die Sonne hatte Spalten gezogen. – Das war der Winkelsteger Altarbild. Ich habe nie einen Prediger ernster und eindringlicher sprechen gehört, als es dieses stille Kreuz tat auf dem Altare.

Dann fiel mir noch ein Zweites auf, was fast abstach von der Armut und Einfachheit, so in diesem Gotteshause herrschte, was aber die Stimmung und Ruhe nur noch erhöhte. An beiden Seiten des Altares waren zwei schmale hohe Fenster mit Glasmalereien. Sie tauten ein rosiges Dämmerlicht über den Altar.

Der Priester verrichtete die Handlung; die wenigen Anwesenden knieten in den Stühlen und beteten still; und die mild tönende, wie in Ehrfurcht leise zitternde Orgel betete mit, war wie eine flehende Fürsprache vor Gott für die arme Gemeinde, die seit gestern, da das Ungewitter die Feldfrucht vernichtet, neuen Kummer trug.

Als die Messe zu Ende war und die Leute sich erhoben, bekreuzten, die Kniebeugung machten und davongingen, stieg ein hübscher junger Mann die Chorstiege herab. Ich fragte ihn vor der Kirchtür, ob er es sei, der die Orgel gespielt habe. Er neigte den Kopf. Er schritt gegen das Dörfchen hinab; ich ging mit ihm und suchte ein Gespräch anzufangen. Er sah mir mehrmals treuherzig ins Gesicht, aber er sagte kein Wort; und er wendete sich bald und schritt abseits gegen den Bach. Nachher habe ich erfahren, daß er stumm ist.

Und endlich saß ich im Wirtshause bei meinem Frühstück. Es bestand aus einer Schale Milch mit gebranntem Kornmehl gewürzt. Das ist der Winkelsteger Kaffee.

Und nun – was gedachte ich zu tun?

Ich teilte der heiteren Wirtin meine Absicht und meinen Wunsch mit: das ungünstige Wetter in Winkelsteg abzuwarten, im Stübchen des Schulhauses zu wohnen und die Schriften des Schulmeisters zu lesen – »wenn ich dazu Erlaubnis hätte«.

»O mein Gott, ja, von Herzen gern!« rief sie, »wen wird der Herr denn irren, da oben! Und das alte Papierwerk schaut sonst auch kein Mensch an – wüßt' nicht, wer! Davon kann sich der Herr aussuchen, was er will. Der neue Schulmeister wird schon selber so Sachen mitbringen. Glaub's aber dieweil noch gar nicht, daß einer kommt. Ja freilich mag der Herr oben bleiben und ich laß ihm fein warm heizen.«

So ging ich wieder hinauf zum Schulhause. Nun sah ich es von außen an. Es war recht bequem und zweckmäßig gebaut, es hatte ein flaches, weit vorspringendes Schindeldach, und es hatte in diesem Vorsprunge und in seinen hellen Fenstern eine Art Verwandtschaft mit dem gutmütig schalkhaften schildkäppchenbedeckten Antlitze jenes Alten auf dem Bilde.

Dann trat ich in das Stübchen. Es war bereits aufgeräumt und im Ofen knisterte frisches Feuer. Durch die hellen Fenster starrte zwar der düstere Tag mit dem tief auf die Bergwälder hängenden Nebel herein, aber das machte das Stübchen nur noch traulicher und heimlicher.

Die Blätter, die ich am Morgen in Ordnung gebracht hatte, die rauh und grau vergilbt waren und eng beschrieben, Zeile an Zeile, die nahm ich nun aus der Schublade und setzte mich damit zum rein gescheuerten Tisch am Fenster, so daß das Tageslicht freundlich auf ihnen ruhen konnte.

Und was hier ein seltsamer Mann niedergeschrieben hatte, das begann ich nun zu lesen.
Was ich las, das gebe ich hier, besonders dem Inhalte nach, schlecht und recht wieder.

Doch mußte an der Urschrift in der Form manches geändert und geglättet, es mußte gestrichen, ja beigefügt werden, wie es zum Verständnisse nötig, und so weit es mir nach Durchforschung der Zustände erlaubt und möglich war. Ferner mußten die absonderlichen Ausdrücke in Klarheit, die regellos hingeworfenen Sätze in Regeln und Zusammenhang gebracht werden. Indes sei bemerkt, daß ältere Sprachformen und Wendungen, die in den Blättern sich vorfanden, tunlichst beibelassen wurden, um der Schrift von ihrer Eigenart zu wahren.

– – – Das erste Blatt sagt nichts und alles; es enthält vier Worte:

Quelle: Peter Rosegger: Die Schriften des Waldschulmeisters. Leipzig 1913, S. 1-40.