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Das Schweigen im Walde

Das Schweigen im Walde
Roman



»Wer nur das Wirkliche gelten läßt, an der Sehnsucht nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute übrig hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden – wie arm ist der!«

Erstes Kapitel

Man hörte noch den Lärm des Dorfes, den all verschwommener Stimmen und das Geläut einer Kirchenglocke, die zur sonntäglichen Vesper rief. Dann verschwanden die letzten Häuser hinter Büschen und Bäumen. Entlang dem zerrissenen Ufer eines Wildbaches ging's eine Weile an Bergwiesen und zerstreuten Feldgehölzen vorüber, und sacht begann das schmale Sträßlein zu steigen. Während die Kutsche mit langsamer Fahrt in den von Sonnenglanz umwobenen Hochwald einlenkte, klang vom Dorfe her noch ein letzter Glockenton, als möchte das im Tal versinkende Treiben der Menschen Abschied von dem einsamen Manne nehmen, der sich aus dem Wirbel des Lebens in die abgeschiedene Stille der Berge flüchtete.

Die Straße stieg in immer dichteren Wald hinein. Der klomm zur Rechten gegen die Hochalmen empor, zur Linken senkte er sich in eine Schlucht, aus deren Tiefe sich die Stimme des Wildbaches nur wie leises Murmeln vernehmen ließ. Unter den Bäumen war Stille, als wollte der Wald nach der drückenden Hitze des Julitages schon lange vor Abend in Schlummer sinken. Man hörte nur den müden Hufschlag und das Räderknirschen im groben Kies der Straße.

Vor die schwerfällige Landkutsche waren zwei Maultiere gespannt. Sie machten dem alten, weißbärtigen Bauernknecht, der sie zu lenken hatte, nur geringe Mühe. Er konnte ab und zu ein kleines Nickerchen erledigen, aus dem ihr das Holpern des Wagens wieder aufrüttelte. Wurde er munter, so versuchte er mit seinem Nachbar auf dem Bocksitz ein Gespräch anzuknüpfen, verstummte aber bald wieder, eingeschüchtert durch das vornehm ablehnende »Ach?« und »So!«, das er sich mit seiner gutmütigen Redseligkeit als einzige Antwort verdiente. Man sah diesem Nachbar den »hochherrschaftlichen Lakai« an der Nasenspitze an, die er trotz einer siebenstündigen Wagenfahrt noch immer in würdevoller Höhe zu erhalten wußte. Er trug einen Reiseanzug aus dunklem Cheviot, dazu ein schwarzes Hütchen, unter dessen schmaler Krempe sich das peinlich frisierte Blondhaar gleich einer polierten Bernsteinschale um den Kopf legte. Ein noch junges Gesicht und hübsch, so daß es hätte gefallen können. Aber in seiner rasierten Glätte und bei dem Bestreben, eine geheimnisvolle Wichtigkeit in den Blick der graublauen Augen zu legen, glich es dem stilvollen Antlitz eines mittelmäßig begabten Schauspielers, der seine beste Rolle außerhalb der Bühne spielt. Es lag auch, neben halber Ehrlichkeit, ein bißchen Komödianterie in der Art, wie der Diener sich nach dem Fond der Kutsche umwandte, als wäre er in Sorge um das Befinden seines jungen Herrn.

»Fühlen sich Durchlaucht von der langen Fahrt nicht sehr ermüdet?«

Der Fürst schien ihn nicht zu hören – wenigstens gab er keine Antwort. Regungslos, den Kopf mit dem grauen Jägerhütchen seitwärts geneigt, lag er in die Lederkissen der Kutsche geschmiegt und ließ die Hände auf der Reisedecke ruhen, die um seine Knie geschlungen war – zwei schlanke Hände, deren durchscheinende Blässe von schwerer, kaum überstandener Krankheit erzählte. So bleich wie die Hände war auch das schmale, streng geschnittene Gesicht, von dessen Blässe sich das dünne Bärtchen über den herb geschlossenen Lippen und der linde Flaum, der sich um Kinn und Wangen kräuselte, als tiefer Schatten abhob. Der seltsame Widerspruch dieser Züge hatte etwas Fesselndes. Jede Linie so rein gezeichnet wie das Erbteil einer schönen Mutter, das einer Tochter geschenkt sein wollte und sich zu einem Sohn verirrte; und dennoch der Ausdruck eines klar geprägten Willens, in jedem Zug das Merkmal einer festgefügten männlichen Natur; dazu ein Körper, schlank und sehnig aufgeschossen, dessen jugendliche Kraft durch die überstandene Krankheit nicht gebrochen, nur gebändigt schien und sich auch in der müden Haltung noch verriet, mit welcher der Fürst im Wagen ruhte.

Er hielt die Augen geschlossen; doch er schlief nicht; das Leben, das in seinen Zügen spielte, verriet es. Hatte er die Lider geschlossen, weil ihn nach dem blendenden Sonnenglanz der langen Fahrt die Augen schmerzten? Oder wollte er das Bild der Landschaft vor seinem Blick erloschen machen, um die Bilder seiner Gedanken ungestört vor seiner Seele zu schauen? Freundliche Bilder schienen das nicht zu sein. Das bittere Lächeln, das einen tiefen Zug um die Lippen schnitt, erzählte von Leiden, die besiegt, doch nicht vergessen sind und in der Seele nachwirken wie das Brennen einer Wunde.

Bei diesem Sinnen atmete der stille, freudlose Träumer in tiefen Zügen die Waldluft, ihre Frische wie Erquickung genießend.

Da unterbrach ein heller Laut die Stille der Landschaft. Von einer fernen Höhe tönte der schwebende Jodelruf einer Mädchenstimme, verschwamm in den sonnigen Lüften und weckte an den Felswänden, die der Wald verhüllte, noch ein leises Echo.

Der Fürst hörte nicht. Aber der Lakai auf dem Bock lächelte erwartungsvoll und fragte den Kutsche: »Gibt es hier Sennerinnen?«

»No freilich. Und eine is dabei, ja, vor der muß man 's Hütl ziehen. Die Burgi von der Tillfußer Alm. Was wahr is, muß wahr sein. Dös is aber bildsaubers Madl.«

»Die Tillfußer Alm? Wo liegt die?«

»Gleich dem Jagdhaus vor der Nasen.« Der Wagen rollte aus dem dichtgeschlossenen Wald auf eine offene Höhe hinaus, und der Kutscher deutete mit der Peitsche. »Da schauen S' her! Jetzt kann man 's ganze Geißtal überschauen, drei Stund weit aussi bis gegen Ehrwald.«

Hastig wandte sich der Lakai: »Bitte, Durchlaucht, von dieser Stelle kann man da ganze Jagdgebiet übersehen.«

Der Fürst schlug die Augen auf – große, dunkle Augen von metallenem Glanz – und erhob sich im Wagen, den der Kutscher auf einen Wink des Lakaien angehalten hatte.

Beim Anblick der weitgedehnten, in ihrer wundervollen Größe doch ruhigen Landschaft stieg eine warme Röte in die bleichen Wangen des Fürsten. Es war aber auch ein Bild, das einem für Schönheit der Natur empfänglichen Menschen die Seele mit Staunen erfüllen mußte.

Zu Füßen der Straße zog sich ein schmales Hochtal mit fast ebener Sohle bis in weite Ferne, kaum merklich gewunden, eine einzige große Linie, gezeichnet von der weit ausholenden Hand des Schöpfers. Durch das lange Tal hin schlängelte sich die Geißtaler Ache, in eng gedrängtem Bette aus- und einbiegend um vorspringende Felsen und Waldecken, bald grünlich schimmernd bei ruhigem Gefäll, bald wieder blitzend in der Sonne und zersprudelt zu weißem Schaum. Da ganze Tal entlang reihte sich zur Linken ein Felskoloß an den anderen; neben der ungestüm aufstrebenden Munde erhebt sich die wuchtige Hochwand, hinter dem klobigen Igelstein drängt sich der steile Tejakopf hervor, und den wirkungsvollen Abschluß bildet die Sonnenspitze mit ihrer schlanken, auf breitem Sockel ruhenden Pyramide. Von dunklem Blau umschleierte Kare schneiden in den Leib der steinernen Riesen ein, und über die steilen Felsrippen klettern die Fichtenwälder empor als schmale Zungen und verlieren sich mit einsam vorgeschobenen Bäumen zwischen den Latschenfeldern, die um die Brust der Berge hängen wie eine grüne Samtverbrämung. Verstaubter Schnee, den immerwährender Schatten auch gegen die Sonne des Juli schützte, füllt mit zerrissenen Formen alle tieferen Buchten im Gestein, und von ihm aus ziehen, den lebenden Wald zersprengend, die Lawinengassen nieder mit verwüstetem Gehäng. Der Stelle zu Füßen, wo der Wagen hielt, lagen Hunderte von gebrochenen Stämmen wirr über den Bach geschleudert. In der Tiefe sah dieser zerstörte Wald sich an wie Spielzeug, das Kinderhände im Übermut durcheinander geworfen. Aus diesem Wirrsal streckte sich eine seltsame Rute hervor: eine gewaltige, wohl hundertjährige Fichte, die eine Lawine aus dem Grunde gerissen, durch die Luft gewirbelt und mit dem Gipfel wieder in die Erde gebohrt hatte, so daß der Stamm mit seinem Wurzelwerk zum Himmel ragte.

Gegenüber diesem ernsten Bild des Schattens lag, von flimmerndem Glanz umwoben, die Sonnenseite des Tales. Grüne Wälder wechselten mit goldig überglänzten Almgehängen. Sanft verschwommen klangen die Glocken der weidenden Rinder von den Höhen, und auf den lichten Weideflächen erkannte man die zerstreuten Tiere der Herde als helle, bewegliche Punkte. Über den Almen lagen wieder die Wälder, aus denen sacht gerundete, nur selten von einer kahlen Wand durchschnittene Kuppen aufwärts stiegen; und wie eine letzte steinerne Weltgrenze, stolz und steil, erhob sich über diese grünen Wellen der gezahnte, stundenlange Grat des Wettersteingebirges, im Glanz der Sonne wie ein goldenes Gebild erscheinend. Je weiter die Wand sich hinzog, desto blauer tönten sich die Felsen, so daß sie in der Ferne mit der golddurchwobenen Farbe des Himmels in eins zerflossen.

»Wie schön!«

Tief atmend hatte der Fürst dieses Wort vor sich hin gesprochen; und als die Kutsche über die fallende Straße niederrollte, lag er nicht mehr mit stillem Brüten in die Kissen des Wagens versunken, sondern schickte in lebhafter Achtsamkeit die Augen nach allen Seiten auf die Reise.

Eine Weile führte der Weg zwischen einem latschenbewachsenen Hang und dem Ufer der Ach dahin, nun wieder durch schütteres Gehölz und dann im Bogen über ein weites Almfeld gegen eine Waldfläche empor, in deren Mitte, durch aufsteigenden Rauch verkündet, das von mächtigen Fichten umschützte Jagdhaus stehen mußte. Der Fürst beugte sich aus dem Wagen, in Spannung nach dem Jägerheim ausspähend, das ihm die Fürsorge eines Freundes in dieser Bergeinsamkeit erworben und bereitet hatte. Als sich die Kutsche einem aus Steinen am Waldsaum erbauten Stalle näherte, hörte man unter den Bäumen eine erregte Männerstimme rufen: »Er kommt! Er kommt!«

Der Fürst lächelte. Da waren wohl Vorbereitungen für einen feierlichen Empfang getroffen?

Etwa hundert Schritt ging der Weg noch durch schattigen Hochwald, dann traten die Bäume auseinander, im Kreis das sanft geneigte, von heller Sonne überglänzte Weidefeld der Tillfußer Alm umschließend. Inmitten des Feldes lag eine steinerne Sennhütte mit rauchendem Schindeldach, und vor der Tür der Hütte stand mit gekreuzten Armen eine junge Sennerin, die dem anfahrenden Wagen neugierig entgegenguckte.

Der Kutscher stieß den Lakai mit dem Ellbogen an und blinzelte gegen die Hütte hinunter. Da wurde der Hoheitsvolle überraschend menschlich und reckte neugierig den Hals; doch eines der Jägerhäuschen, die neben dem Wege standen, verdeckte ihm die Aussicht.

Kleine Fähnchen mit den Tiroler Farben schmückten die Giebel der Jägerhütten, eine Flagge wehte auf dem Dach des größeren Fremdenhauses, und ein hoher, von grüner Fichtengirlande umschlungener Mast, auf dem zwischen der deutschen und österreichischen Fahne eine Flagge mit den Farben des fürstlichen Hauses flatterte, erhob sich vor dem Staketenzaun, der den Hofraum des großen, zweistöckigen Jagdhauses umschloß. Auf einem das Almfeld überblickenden Hügel ruhend und angelehnt an den bergwärts steigenden Fichtenwald, grüßte das schmucke, mit rötlichem Zirbenholz verschalte Gebäude freundlich seinem jungen Herrn entgegen, leuchtend in der Sonne, mit blinkenden Fenstern, halb versunken in einen gut gemeinten, aber nicht besonders zierlich geratenen Aufputz von Kränzen, Girlanden und Zweigen, an denen in dicken Büscheln die roten Tannenzapfen baumelten.

Neben der Haustür hatten in schmucker Feiertagstracht fünf Jäger Aufstellung genommen, und vor ihnen, wie ein Korporal vor seinen Rekruten, stand der Förster, eine klobig stramme Gestalt mit breiten Schultern, ein derbes Gesicht mit rötlich gekraustem Vollbart und mit braunen Augen, gutmütig wie Kinderaugen; doch ein paar verdächtig angeschwollene Äderchen an Stirn und Schläfen ließen vermuten, daß der Förster zeitweilig an »gachen Hitzen« zu leiden hatte.

Als die Kutsche in den Hofraum einfuhr, warf der Förster noch einen musternden Blick über die Jäger, dann schwang er den Hut und rief mit einer Stimme, die heiser gegen seine Aufregung kämpfte: »Unser neuer, hochverehrter Jagdherr, Seine Duhrlaucht Fürst Heinrich Ettingen-Bernegg, er lebe hoch!«

Die Stimmen der Jäger fielen ein. Nur ein einziger von ihnen schwieg und blickte dem anfahrenden Wagen gleichgültig entgegen; als er den Fürsten sah, streckte sich seine Gestalt, und der Blick seiner Augen schärfte sich, als gäbe ihm der Anblick seines jungen Herrn zu denken.

»Hoch! Hoch!« klangen die Stimmen der anderen. Dann kam noch ein unerwarteter Nachklang, drunten bei der Sennhütte, hell wie der Ton eines Silberglöckleins: »Hooooch!« Und diesem Ruf folgte ein Jauchzer, der hinaufkletterte bis in die höchste Stimmlage einer kräftigen Mädchenkehle.

Die Jäger schmunzelten, während der Förster etwas aus der Fassung geriet, denn er schien nicht recht zu wissen, ob diese programmwidrige Zugabe zur Empfangsfeierlichkeit ernst oder spöttisch gemeint war. Aber der Fürst lächelte, und freundlich grüßend nickte er der Sennerin zu, die kichernd um die Ecke der Almhütte verschwand.

Der Lakai war vom Bock gesprungen und hatte den Wagenschlag geöffnet.

Fürst Ettingen stieg aus, und nun sah man erst, wie kräftig und schlank er gewachsen war. Der Jagdanzug aus schottischem Loden, mit hohen braunen Schnürschuhen, paßte kleidsam zu der jugendlichen Gestalt, aus der alle Schwäche und Ermüdung verflogen schien.

Er bot dem Förster die Hand. »Ich danke Ihnen! Das ist ein lieber Empfang, dem Sie mir bereitet haben.« Freundlich bestaunte er den etwas plump geratenen Schmuck des Hauses. »Und wie hübsch Ihnen das gelungen ist! Wirklich, Sie haben mir die Ankunft im Jagdhaus zu einer Freude gemacht.«

Der Förster bekam ein Gesicht so rot wie ein Krebs, der im besten Kochen ist. »Is's wahr? Gfallt's Ihnen? No, Gott sei Dank! Da is mir a ganzer Stein von der Seel! Denn daß ich's gradweg raussag, auf d'Letzt hab ich schon selber a bissl gforchten, es gfallt Ihnen net. Unsereiner versteht sich schlecht auf solchene Deggerazionsgschichten. Plagt haben wir uns gnug, aber angstellt haben wir uns alle mitanand wie der Holzknecht, wann er a Grillenhäusl macht. Aber Gott sei Dank, weil's Ihnen nur gfallt!« Er nahm die Hand des Fürsten in den Schraubstock seiner Fäuste. »Und da sag ich halt jetzt Grüßgott und Weidmanns Heil, Herr Fürst! Jetzt lassen Sie's Ihnen recht gut gehn bei uns da heraußen! Wir haben uns schon verzählen lassen, wie schwer krank als S' gewesen sind. Ja, meiner Seel, a bißl gring schauen S' noch allweil aus am Leib – wie a Hirscherl, dös mit knapper Not über an schiechen Winter ummigrutscht is!«

Der Lakai warf einen erschrockenen Blick auf seinen Herrn. Der aber betrachtete den Förster mit Wohlgefallen.

»Passen S' nur auf, Duhrlaucht, unser Lüftl da heraußen, dös richt Ihnen schon wieder zamm aufn Glanz!«

Der Fürst lächelte. »Ja, ich merke schon, ich werde mich wohlfühlen hier! Die Luft, in er Sie sich so kerngesund ausgewachsen haben, wird auch mir bekommen!« Er gab dem Lakaien einen Wink, ins Haus zu treten. »Und nun will ich meine Jäger kennenlernen. Ich bitte, mein lieber – wie heißen Sie, Herr Förster?«

»Kluibenschädl!«

Der Fürst schien nicht zu verstehen. »Wie, bitte?«

Verlegen schwieg der Förster, und sein rotes Gesicht wurde noch röter. Dann platzte er heraus: »Wenn Duhrlaucht nix dagegen haben, heiß ich halt amal Kluibenschädl! Da is nix dran z'ändern!«

Der Fürst konnte nur schwer seinen höflichen Ernst bewahren. »Mein Ohr ist nicht gewöhnt an die hier üblichen Ausdrücke«, sagte er, »verzeihen Sie also, Herr Förster, wenn ich nicht gleich verstanden habe.«

»Klui–ben–schädl!« buchstabierte mit etwas gereizter Deutlichkeit der Förster, dem die Adern an Stirn und Schläfen schwollen.

»Jetzt habe ich verstanden!« Erheitert bot Ettingen dem Förster die Hand. »Aber wollen Sie nun die Güte haben, mir die Jäger vorzustellen?«

Der Förster trat vor seine Leute hin. »Bitte, Duhrlaucht, die ersten zwei, das sind der Kassian Birmoser und der Krispin Ruef, die zwei Jager von Leutasch draußen. Der dritte da, dös is der Silvester Beinössl, der Jager von Ehrwald drunt. Und die letzten, dös sind die zwei Tillfußer Jager, der Toni Mazegger und der Praxmaler-Pepperl.«

Der Fürst hatte jedem Jäger die Hand gereicht und jeden mit prüfendem Blick betrachtet. Mazegger und Praxmaler schienen sein besonderes Interesse zu wecken. Die beiden standen nebeneinander, wie unfreundlicher Schatten neben warmer, gesunder Helle. Mazegger, der jüngste von allen mochte etwa dreiundzwanzig Jahre zählen. Auffällig unterschied sich seine Gestalt von dem derben, bäuerischen Typus der anderen. Fast glich er einem Städter, der sich mit gesuchter Echtheit in die malerische Tracht der Hochlandsjäger gekleidet hat. Das hagere, von dunklem Flaum umkräuselte Gesicht war sonnverbrannt wie die Gesichter der anderen, und trotzdem erschien es blaß und ohne Blut. Ein Zug von unwilliger Verschlossenheit lag um den scharf gezeichneten Mund, und unter dem Schatten, den die schwarzen, in dicken Büscheln vorfallenden Haare über die Stirne warfen, brannten die tiefligenden Augen mit düsterem Feuer.

»Sind Sie hier in der Gegend geboren?« fragte er Fürst, dem der südländische Typus des junge Jägers auffiel.

»Nein, Durchlaucht!« erwiderte Mazegger in einem Hochdeutsch von kaum merklicher Dialektfarbe. »Ich bin in der Nähe von Trient daheim.«

»Und Ihre Eltern? Was sind die?«

Dem Jäger schien die Frage seines Herrn nicht willkommen zu sein; er gab seine Antwort zögernd, während er den Hut zwischen den Händen zerknüllte. »Mein Vater war Lehrer. Als man bei uns im Dorf die deutsche Schule aufhob und die italienische einführte, wurde mein Vater abgesetzt. Das hat er nicht überlebt. Er ist ins Wasser gesprungen.«

Der Fürst trat einen Schritt zurück, peinlich berührt. Aber sein Mitgefühl war stärker als das Befremden, das der gallige Ton des Jägers in ihm geweckt hatte. »Sie haben Trauriges erlebt. Das trägt sich schwer. Und deshalb verließen Sie Ihre Heimat?«

Eine Furche grub sich zwischen Mazeggers schwarze Brauen. »Nach dem Tod meines Vaters habe ich nicht weiterstudieren können und bin zu Verwandten gekommen, die draußen in der Leutasch wohnen. Ich hab verdienen müssen. Die zwei letzten Jahre, solang der Herr Herzog die Jagd noch hatte, hab ich Aushilfsdienste geleistet. Vor sechs Wochen, wie die Jagd an Durchlaucht übergegangen ist, bin ich von Graf Sternfeldt als Jäger angestellt worden.« Während er diese letzten Worte eintönig hersagte, musterten seine schwarzen Augen den Fürsten mit einem halb scheuen, halb feindseligen Blick, wie man einen Menschen betrachtet, von dem man in unbehaglicher Ahnung eine Gefahr befürchtet.

Ettingen schien dieses Widerstreben zu fühlen. Leichte Röte glitt ihm über die Stirn. Die Regung überwindend, sagte er freundlich: »Sie sollen es gut bei mir haben. Ich hoffe, Ihr Beruf macht Ihnen Freude und läßt Sie die Schule verschmerzen, die Sie aufgeben mußten.«

Mazegger schwieg. Und Förster Kluibenschädl sagte lachend: »Mir scheint eher, die Schul hat ihn aufgeben! 's Parieren is bei ihm net die stärkste Seiten. Aber er wird sich schon machen mit der Zeit.« Das war gewiß gut gemeint, aber aus Mazeggers Augen huschte ein zorniger Blick über das lachende Gesicht des Försters. »Ja, ja! Wenn er möcht, der Toni, könnt er sich zu eim tüchtigen Jager auswachsen. Wenigstens hätt er 's beste Beispiel an seim Tillfußer Kameraden. Unser Praxmaler-Pepperl is a Jager, allen Respekt!«

»Aber, aber, Herr Förster!« stotterte Praxmaler, so stolz verlegen wie ein Kind, das der Lehrer vor der ganzen Schule lobt. Die Fußspitzen nach einwärts drehend, wand er die Schulter unter der Joppe und blinzelte verwirrt zu seinem Herrn auf.

Mit Wohlgefallen ruhten die Augen des Fürsten auf dem gesunden, anheimelnden Bild des Jägers, der ein paar Jahre älter als Mazegger sein mochte. Eine Gestalt wie aus Eisen gefügt, strotzend vor Kraft und Jugend. Die nackten Knie waren durchrissen von Narben, die verrieten, daß Praxlmaler beim Klettern über die Felsen um seine Haut nicht sehr besorgt war. Das runde, dunkel gebräunte Gesicht war an Kinn und Wangen rasiert, und auf der vollen Oberlippe, die bei stetem Lächeln die festen Zähne sehen ließ, saß ein zausiges Blondbärtchen. Das Hübscheste an diesem Gesicht waren die hellblauen Augen mit ihrem strahlenden Glanz. Das aschblonde, schimmerige Haar umhüllte den Kopf mit hundert winzigen Ringeln – »Kreuzschneckerln« nennt sie ein Volkswort –, und das war anzusehen, als hätte man dem Praxmaler-Pepperl ein gekraustes Lammfell über die Ohren gestülpt.

Immer verlegener wurde der Jäger, je länger ihn der Fürst mit schweigendem Lächeln betrachtete. Und schließlich, als könnte er die stumme Musterung nicht länger ertragen, stotterte er: »Herr Fürst! Wenn S' morgen gleich an guten Gamsbock schießen möchten, ich weiß a paar sichere. Mögen S'! Ja?«

Ich danke, lieber Praxmaler! Mit dem Jagen hat es noch Zeit. Vorerst muß ich ein paar Tage Ruhe haben. Aber wenn ich meinen ersten Pirschgang mache, sollen Sie mich führen! Ja? Bis dahin auf Wiedersehen! Und macht euch heut einen vergnügten Abend, laßt euch aus Küche und Keller geben, was euch schmeckt! Aber trinkt nicht mehr, als ihr vertragen könnt! Ein Jäger, der sich bekneipt? Das gefällt mir nicht.« Grüßend lüftete Ettingen den Hut und schritt, vom Förster begleitet, zur Tür des Jagdhauses. Während sie über die steinerne Treppe zum Flur hinaufstiegen, fragte er: »Haben Sie Familie, Herr Förster?«

Kluibenschädl machte ein erschrockenes Gesicht. »Familli? Ich? So an unguts Frauenzimmer im Haus? Na, na! Da bleib ich lieber allein. Die Weiberleut! Auf die bin ich gar net gut zum Reden. Bloß hinschauen därf so a Frauenzimmer auf a gsunds Platzl, so schießt schon an Unkräutl in d' Höh, und a bravs Mannsbild stolpert drüber. Na, na! Da mag ich nix wissen davon. Wenn S' gscheit sind, Duhrlaucht, machen Sie's gradso! Hüten S' Ihr liebe, kostbare Jugend vor die Weiberleut! Man hat net viel mehr davon als Wehdam und Ärger. Is schon wahr!« Der Förster lachte mit breitem Behagen.

Schweigend wandte der Fürst sich ab und blickte von der Schwelle hinaus über Wald und Berge.

»Hier, Duhrlaucht«, sagte Kluibenschädl, der im Flur des Jagdhauses die erste Tür öffnete, »da hat der Herr Kammerdiener sein Stüberl.«

Der Fürst nickte zerstreut und warf einen flüchtigen Blick in das kleine Zimmer.

»Und hier is die Gschirrkammer!« Der Fürst öffnete die gegenüberliegende Tür; man sah in einen weiß getünchten Raum, der rings um die Wände bestellt war mit Schränken und Geschirrleisten. An der nächsten Tür ging Kluibenschädl vorüber, ohne die Klinke zu berühren. »Da schlaft die Jungfer Köchin. Und nebendran is die Holzleg. Dahinter is der Hausmagd ihr Kammerl. Und die ander Tür da – man merkt's schon am feinen Grücherl –, die führt in die Kuchl. Die fürstlichen Zimmer – bitte, Duhrlaucht, sich gefälligst hinaufbemühen zu wollen –, die liegen droben im ersten Stock.«

Sie stiegen über die Treppe hinauf, und der Förster öffnete die zunächstliegende Tür. Das wäre das Gastzimmer, in welchem Graf Sternfeldt drei Wochen gewohnt hätte, um den Betrieb der neu übernommenen Jagd zu ordnen und das Jagdhaus einzurichten. Es war eine freundliche Stube, in ihrer Ausstattung für den Geschmack eines Mannes berechnet, der keine Ansprüche machte.

Nun ging's zum Speisezimmer. Ein großer dreifenstriger Raum von heller, blinkender Frische. Die weiße Kalkmauer war rings um das Zimmer bis über die halbe Wandhöhe mit rötlichem Zirbenholz getäfelt. Aus dem gleichen Holz waren die Möbel angefertigt. Um zwei Ecken zog sich – die Einrichtung einer Bauernstube nachahmend – eine massive Holzbank, vor der zwei Kreuztische standen, mit rot gestickten Leinwanddecken belegt. Eine runde Bank umzog den weißen Tiroler Ofen, und in einer Wandecke war ein »Herrgottswinkelchen« geschaffen, dessen Kruzifix mit grünen Latschenzweigen und blühenden Alpenrosen geschmückt war. An der Wand, die über der Täfelung frei blieb, hingen zwischen Gemskrickeln und Hirschgeweihen zwölf Aquarelle, die in kräftigen Farben die Jagd des ganzen Jahres von Monat zu Monat schilderten.

»Wie hübsch und gemütlich!« Die Hände in die Mufftaschen der Jagdbluse vergrabend, ließ sich der Fürst auf die Ofenbank nieder. »Hier muß ich mich behaglich fühlen.« Heiter begann er mit dem Förster zu plaudern, bis ihr Gespräch durch den Lakaien unterbrochen wurde, welcher fragen kam, für welche Stunde Durchlaucht das Diner befehle. Der Fürst sah nach der Uhr. »In zwei Stunden, gegen halb acht. Ich will mich noch in der Umgebung des Jagdhauses umsehen. Für jetzt nur eine Tasse Tee!«

Eine Weile plauderte er noch mit dem Förster, dann ließ er sich hinüberführen in die »Fürstenzimmer«, wie Kluibenschädl mit unterstrichenem Respekt betonte.

Da gab es für den Fürsten eine Überraschung, die ihm Freude machte. In seinem Stadtpalais befand sich ein kleines Jagdzimmer, in dem er sich mit Vorliebe aufzuhalten pflegte. Die Einrichtung dieses Zimmers fand er fast bis in das kleinste Detail hier nachgebildet, als sollte ihm der schmucke Raum zum Willkommen sagen: Fühle dich hier zu Hause von der ersten Stunde an!

Das war das gleiche Holzplafond, in hellem und dunklem Braun gehalten, die gleiche Ledertapete mit eingepreßten Tierbildern, der gleiche Waffenschrank – sogar die beiden Jagdstücke von Snyders, die im Stadtpalais den kostbaren Wandschmuck seines Lieblingszimmers bildeten, fand er hier durch zwei treffliche Kopien ersetzt. Auch der gleiche Diwan und die gleichen mit Seehundsfell bezogenen Lehnstühle. Nur zwei Möbelstücke des Stadtzimmers waren hier durch andere vertreten: statt des Spieltisches ein Schreibtisch, und statt eines Schrankes, der eine Sammlung Ridingerscher Holzschnitte und alter Stiche nach berühmten Jagdbildern enthielt, stand hier eine kleine Bibliothek mit ein paar hundert Bänden.

Und noch etwas war anders als in der Stadt: die Lust, die würzig hereinströmte durch die zwei offenen Fenster, und der Ausblick, den sie boten. In der Stadt lag vor den Fenstern die graue Häuserwand der von Kohlendunst überschleierten Straße, hier zeigte das eine Fenster das Almfeld mit der Sennhütte und darüber den von blauem Schattenduft umwobenen Felskoloß der »Hochwand«, das andere den grünen Wald und über seinen goldig umleuchteten Wipfeln die Spitzen und Wände sonnbeglänzter Berge.

An dieses Fenster war der Fürst getreten. Er sah hinaus über Wald und Berge und preßte die Fäuste auf seine Brust, die sich wölbte unter einem trinkenden Atemzug. Lange stand er so, in Sinnen versunken, als vergleiche er das Bild, das in sonnigem Frieden vor seinen Augen glänzte, mit dem Wirbel des Lebens und allem Sturm der Leidenschaft, der hinter ihm lag. Er nickte vor sich hin, und ein müdes, bitteres Lächeln zuckte um seinen Mund.

Geduldig stand der Förster neben der Tür und wartete.

Lautlose Minuten vergingen, bis ein Geräusch den Fürsten aus seinen Gedanken weckte. Der Lakai hatte die Tür des anstoßenden Raumes geöffnet und sich wieder entfernt; man sah in das große, weiße Schlafzimmer und durch eine zweite Tür in ein kleines Badestübchen, in dem der Lakai bei der Wanne beschäftigt war. Der Fürst hatte sich von dem Fenster abgewandt. »Verzeichen Sie, lieber Herr Förster –«

Kluibenschädl wurde dunkelrot über das ganze Gesicht. »Aber Duhrlaucht, jesses na, ich hab eh schon gemerkt, daß ich überflüssig bin. Gern hätt ich mich stad aussidruckt zur Tür. Aber wie ich Duhrlaucht so sinnieren hab sehen, meiner Seel, da hab ich mich nimmer z'rühren traut.«

Dieses unbeholfen sich äußernde Zartgefühl schien den Fürsten warm zu berühren. Lächelnd reichte er dem Förster die Hand. »Sie sind ein lieber, guter Mensch! Und ich danke Ihnen für alle Mühe, die ich Ihnen heute schon verursacht habe. Morgen früh, um neun Uhr, bitte ich Sie, mit mir zu frühstücken. Dann machen wir zusammen einen Orientierungsmarsch durch das Geißtal. Ja?«

»Dank der Ehr, Duhrlaucht! Werde pünktlich zur Stelle sein!«

Das Gesicht des Fürsten noch mit einem prüfenden Blick überhuschend, schob sich Kluibenschädl zum Zimmer hinaus. Als er draußen stand und die Tür zugezogen hatte, spitzte er gedankenvoll die Lippen. »Psssss, mir scheint, mir scheint! Entweder ich kenn mich net aus, oder den hat a Frauenzimmer in die Klupperln ghabt!« Bedächtig griff er sich an die Nase. »Mannderl, Mannderl, dös laß dir wieder zur Warnung sein!« Auf den Fußspitzen schlich er die Treppe hinunter.

Draußen im Hof traf er mit dem Praxmaler-Pepperl zusammen, der um die Hausecke geschossen kam, die beiden Arme mit Weinflaschen vollgepackt. »Da schaun S', Herr Förster! Da hab ich was Kühls für a hitzigs Züngerl. Den Wein trag ich nunter zur Burgi. Da sind die andern schon drunt. Und die Burgi muß mittrinken. Der hängen wir heut a Schwipserl an. Da müssen S' mithelfen!«

»Dank schön!« erwiderte Kluibenschädl mit Würde. »Machts eure Dummheiten allein! Und beim Weintrinken bin ich Filosoff. Dös heißt auf deutsch: a Freund der stillen Genüsse.« Sprach's, zog dem Praxmaler-Pepperl eine Weinflasche unter dem Arm hervor und ging einer Jägerhütte zu.

Praxmaler lachte und sprang zur Sennerhütte hinunter.

Eine Weile später trat der Fürst aus der Tür des Jagdhauses. Er hatte sich umgekleidet und trug einen grünen Hausanzug mit verschnürtem Sakko und eine kleine Mütze aus braunem Hirschleder. Langsam schritt er den Fahrweg hinunter und durch den schmalen Waldstreif, der das Ulmfeld umschloß. Er kam zu einer weiten Blöße, die schon im Schatten lag; nur durch die Lücken, die sich zwischen den Wipfeln in den Waldkamm senkten, warf die Sonne noch lange, schimmernde Goldbänder über das Weideland. Weiße Kühe mit leise bimmelnden Glocken zogen durch das niedere Gesträuch, andere lagen im Gras und wandten träg die Köpfe, wenn der einsame Spaziergänger an ihnen vorüberschritt.

Ettingen wanderte über die Lichtung, bald mit stillen Augen die klare Schönheit des Abends trinkend, bald wieder versunken in Gedanken, die ihn der Umgebung und des Weges nicht achten ließen. Auf lindem Rasen schreitend, merkte er nicht, daß er den schmalen, wenig ausgetretenen Pfad verlor und aus farbiger Dämerhelle in tiefen Schatten trat. Als er, aus seinem Brüten erwachend, einmal aufblickte, sah er, daß er mitten im Hochwald stand, der eine Strecke sich eben hinzog und dann sacht zu steigen begann.

»Wie still dieser Wald! Wie schön in seinem Schweigen!«

Zwischen den Wurzeln einer mächtigen Fichte ließ sich der Einsame zur Ruhe nieder. So saß er, den Kopf an den Stamm gelehnt, die Hände um das Knie geschlungen. Lächelnd, als wäre die Ruhe und das Nimmerdenken über ihn gekommen, staunte er träumend hinein in die wundersame Stille. Kein Halm zu seinen Füßen und kein Zweig zu seinen Häupten bewegte sich. Auch nicht der leiseste Lufthauch atmete durch den Wald. Stark und ruhig stiegen die hundertjährigen Bäume zum Himmel auf, jeder ein König in seiner sturmerprobten Kraft. Alle kleinen, niederen Gewächse waren verkümmert und gestorben im Schatten dieser Großen; sie allein bestanden, und bescheidenes Moos nur webte zwischen ihren weitgespannten Wurzeln seinen grünen Samt über Grund und Steine. Sogar vom eigenen Leibe hatten diese Riesen alle niedrig stehenden Äste abgestoßen und gesundes, saftiges Leben nur den strebenden Zweigen bewahrt, die sich aufwärts streckten bis zur Höhe des Lichtes. Das flutete goldleuchtend um die Wipfel her, ließ selten einen verlorenen Schimmer niedergleiten in den Schatten, der zwischen den braunen Stämmen lag, und dort nur, wo der Grund zu steigen anfing, brach es, einer Lichtung folgend, mit breiter, brennender Wellt quer durch den Wald.

»Wer das so könnte wie der Wald: alles Schwächliche und Niedrige von sich abstoßen, nur bestehen lassen, was stark ist und gesund! So stolz und aufrecht hinaussteigen über den Schatten der Tiefe und die Helle suchen, die hohen, reinen Lüfte! Wer das so könnte!«

Langsam glitt der Blick des einsamen Träumers über einen der Stämme empor zum grünen Wipfel, der sich in der Sonne badete. Da huschte pfeilschnell ein kleiner Schatten durch den Sonnenglanz, in der Höhe schwankte ein Zweig, wiegte sich eine Weile sacht und kam wieder in Ruhe. Ein paarmal ließ sich ein leises Schnalzen vernehmen, und dann schallte ein süßer Vogelruf durch das Schweigen des Waldes. Nach kurzer Stille wiederholte sich der Ruf, und spielend kam der Vogel über die Zweige niedergeflattert, immer tiefer, bis zu den dürren Stümpfen der abgestorbenen Äste – ein grauer Vogel, mit weißem Streif um die Kehle. Es war eine Ringdrossel. Hurtig drehte sie das schlanke Körperchen, guckte mit den kleinen Augen nach allen Seiten und flötete immer wieder ihr schmachtendes Liedchen. Nun streckte sie aufmerksam den Hals. Fast im gleichen Augenblick huschte sie davon und schwang sich schräg hinauf in die sonnigen Wipfel.

Dort, wo der rote Schein den Schatten des Waldes durchschimmerte, hatte Geröll sich bewegt, wie unter dem Tritt eines Tieres.

Was kam da? Hochwild, das bei sinkendem Abend auf Äsung zog?

Spähend neigte der Fürst das Gesicht, um zwischen den Stämmen einen Ausblick zu finden. Und da sah er kommen, was er in dieser verlorenen Waldeinsamkeit am wenigsten erwartet hätte – eine Reiterin.

Er lächelte. »Sieh doch! Mein stiller Wald hat auch sein Märchen!«

Eine Reiterin! Und welch eine seltsame! Ein junges Mädchen, nach ländlicher Art gekleidet, saß auf einem Esel, der mit roter Decke gesattelt war. Wohl führte die Reiterin einen Zügel in den Händen, doch sie hielt ihn lässig, versunken in der Betrachtung des Waldes. Und das Grautier ging, wie es wollte, hier ein paar Halme von der Erde zupfend, dort wieder von den Zweigspitzen der Stauden naschend, dir mit wirrem Astwerk den Saum der Lichtung verschleierten. Nun trat das Tier unter den letzten Bäumen hervor in die Sonne, und durch eine Gasse zwischen den Stämmen konnte der Fürst die ganze Gestalt der jungen Reiterin gewahren, deren Haupt und Schultern er umschimmert sah vom Feuer des Abendlichtes. Er lächelte. »So könnte ein Märchendichter die Bergfee schildern, wie sie aus den Felsen tritt, umstrahlt von dem Goldglanz, der geheimnisvoll aus den Tiefen des geöffneten Berges hervorglüht.«

Doch das Gewand der »Bergfee« war nicht aus Zindel gewoben, wie's bei den Elfen Mode ist. Ein braunes, schlichtes Röcklein schwankte faltig bis auf die Füße nieder, an deren kleinen, aber ländlich plumpen Schuhen die Nägel blitzten. Ein rot und weiß geblümtes Leibchen, einem Mieder ähnlich, umspannte die Brust; die bauschigen Ärmel des Hemdes, das mit loser Krause den Hals umschloß, verhüllten die Arme bis zu den zarten Handgelenken. Am braunen Ledergürtel hing ein kleiner Strohhut mit weißer Hahnenfeder und daneben – wie das Schulränzlein eines Bauernkindes – eine Tasche aus ungebleichter Leinwand mit roten Säumen.

Die Tochter eines Bauern? Nein! Dem widersprach nicht nur der tadellose Schnitt und die saubere Frische des wohl ländlichen, aber doch von auffälligem Sinn für malerische Wirkung zeugenden Gewandes. Solch einen schlanken, bei jugendlicher Kraft doch zart geformten Körper hatte keine Bauerndirne – noch weniger solch eine sichere, selbstbewußte Haltung, um die eine Dame von Welt dieses Mädchen hätte beneiden können. Dazu dieses stolze Köpfchen! Das Gesicht war von der Sonne gebräunt, doch es hatte fein geformte Züge, ein klar und schön geschnittenes Profil. Das braune Haar, das im roten Glanz der Sonne wie blankes Kupfer schimmerte, war in zwei Zöpfe gebändigt, die sich wie ein schwerer Kronreif um die Stirne schlangen.

Ohne sich um das Grautier zu kümmern, sah die Reiterin zu den leuchtenden Wipfeln auf, und für nichts anderes schien sie Augen zu haben als für das brennende Farbenspiel der abendlichen Lüfte. Aus diesem Schauen erwachte sie erst, als das Tier, talabwärts schreitend, wieder in den Schatten des Waldes trat. Mit ruhiger Hand lenkte sie den Grauen zwischen den bemoosten Felsblöcken zu einer breiteren Waldgasse. Dann wieder begann sie das träumende Schauen, mit einem Lächeln, so innerlich und wissend, als vernähme sie aus dem Schweigen des Waldes eine Stimme, die kein anderer hörte und verstand nur sie allein.

Das Grautier stutzte. Und da gewahrte die Reiterin den Einsamen. Nicht erschrocken, nur verwundert, machte sie mit dem Zügel eine Bewegung, verhielt das Tier und betrachtete den Regungslosen mit einem Blick, der zu fragen schien: Wer bist du? Was hast du in meinem Wald zu schaffen?

Und was für Augen sie hatte! Groß und klar und seetief. Recht die Augen, wie das Märchen sie hat!

Der Blick dieser Augen verwirrten den schauenden Träumer. Halb sich aufrichtend, griff er nach der Mütze.

Da nickte die Reiterin einen stummen Dank – unter einem Lächeln, als hätte seine Verwirrung auch ihr sich mitgeteilt –, und mit leisem Zuruf brachte sie das Grautier in Gang.

Er sah ihr nach. Wie der schlanke Leib beim Auf- und Niedersteigen des Tieres sich elastisch bewegte, wie sie sich neigte und das Köpfchen bald zur Rechten und bald zur Linken beugte, um den dürren Ästen auszuweichen – wieviel Schönheit lag in dieser Bewegung! Als sie talabwärts ritt und zwischen den Stämmen schon zu verschwinden drohte, erhob sich der Fürst, um sie noch einmal zu sehen. Jetzt verschwand sie im Dämmerschatten des tieferen Waldes. Manchmal war noch ein gedämpfter Tritt des Tieres zu hören, immer ferner, immer leiser. Dann wieder Schweigen im Wald.

Die Drossel schlug.

Der Fürst hörte sie nicht. Er stand an die Fichte gelehnt und blickte der Tiefe des Waldes zu, wo es grauer und immer grauer wurde zwischen den Stämmen.

»Wo hab ich nur diese Augen schon gesehen?«

Er sann und forschte. Dann plötzlich fiel es ihm ein: auf einem Bild!

»Seltsam! Wie der phantastische Traum eines Künstlers sich in Wirklichkeit erfüllen kann!«

Aufatmend hob er den Blick zu den Wipfeln, deren Glanz erloschen war.

»Es dunkelt?«

Das klang wie eine erstaunte Frage – als könnte er nicht begreifen, daß jetzt die Nacht beginnen sollte.

Ohne zu wissen, daß er es tat, stieg er durch den grauen Wald bergaufwärts der Richtung zu, aus der die Reiterin gekommen war. Kaum hundert Schritt hinter der Lichtung fand er einen breiten Pfad, der zur Höhe führte – man sah im Dunkel des Waldes die steigenden Serpentinen schimmern.

»Von dort oben kam sie?«

In der Höhe des Waldes meinte er einen Schritt zu hören. Er lauschte. Aber da war's wieder still.

»Ist jemand hier?«

Nur ein dumpfes Echo gab die Antwort.

Eine Weile noch stand der Fürst und lauschte. Dann stieg er den Pfad hinunter, der nach kurzer Strecke in den am Ufer des Wildbaches laufenden Talweg einmündete. Hier stand ein Wegweiser, dessen Arm zur Höhe zeigte, von welcher der Fürst gekommen war. Mit einiger Mühe entzifferte er bei der sinkenden Dämmerung die Inschrift: »Zum Steinernen Hüttl.«

Da hörte er eine rufende Stimme: »Durchlaucht!«

»Martin! Hier!«

Der Lakai kam atemlos gerannt. »Gott sei Dank! Ich war schon in Sorge, daß Durchlaucht sich verirrt hätten.«

»Ich danke, Martin. Aber deine Sorge war überflüssig. Mich verirren? Hier? Das ist unmöglich. Rechts und links die Berge. Man hat nur dem Bach zu folgen. Du brauchst mir ein andermal nicht wieder nachzugehen. Ich finde schon meinen Weg.«

Martin verneigte sich stumm und blieb zehn Schritte hinter seinem Herrn zurück.



Zweites Kapitel

Der letzte Dämmerschein des Abends war erloschen, und über dem Jagdhaus lag eine sternschöne Nacht.

Im Wohnzimmer des Fürsten standen die Fenster offen, und die Lampenhelle warf rötliche Lichtbänder über das dunkle Almfeld hinaus. Das Gebimmel der Glocken war verstummt, doch in Burgis Sennhütte ging es noch lustig zu; Schwatzen und Lachen wechselte mit Gesang und Zitherspiel.

In einem Lehrstuhl saß der Fürst am offenen Fenster, und während er den Rauch der Zigarette vor sich hin blies, lauschte er bald dem unermüdlichen Frohsinn, der durch die Nacht zu ihm heraufklang, bald wieder blickte er sinnend über die schwarzen Wipfel hinüber zu den Felswänden, die sich grau emporhoben in das tiefe Stahlblau des Himmels. Wie stark und feurig in der reinen Höhenluft die Sterne funkelten! Als wären es andere, schönere Sterne als jene, die man dort unten sieht, in der staubigen Ebene und im Ruß der Stadt!

Tief atmend erhob sich der Fürst. Ein paarmal wanderte er durch das Zimmer, dann setzte er sich an den Schreibtisch, um einen Brief zu beginnen.


»Mein lieber, treuer, väterlicher Freund!

Ich danke Dir von Herzen! Und ich kann nicht schlafen gehen, bevor ich Dir das nicht gesagt haben. Als meine Ärzte befahlen: drei Monate nach dem Süden und dann ungestörte Ruhe in reiner Höhenluft! – und als Du sagtest: Bis du wiederkommst, will ich für dich einen Fleck Erde aussuchen, der dir Ruhe gibt! – da wußte ich schon, wie gut Du für mich sorgen würdest. Aber heute hab ich mehr gefunden, als ich selbst bei einer ungebührlichen Rechnung auf Deine Freundschaft erwarten konnte. Welch ein schönes Waldheim hast Du mir da bereitet! Und Dank für die behagliche Stube! In ihr sitze ich und schreibe. Ich habe mich hier daheim gefühlt von der ersten Stunde an. Und so viel Ruhe ist hier! Sie beginnt auch schon zu wirken. Kein Brennen meiner Wunde mehr. Und wenn mich eins noch quält, so ist es die Bitterkeit gegen mich selbst. Von einem kalten Grauen durchrieselt, betrachte ich den Taumel, der mich ausgestoßen, und atme auf. Jetzt fühle ich mich erlöst von der letzten Kette dieser wahnsinnigen Leidenschaft. Jetzt bin ich frei.

Frei! Könntest Du dieses kleine Wort so lesen, wie ich es im Niederschreiben fühle! Frei! Das war ich noch gestern nicht. Nicht weniger in den Tagen zuvor. Diese Irrfahrtswochen im Süden! Der Ekel schüttelte mich bis auf die Knochen. Doch mitten im bitteren Nachgeschmack immer wieder eine Erinnerung, die sich wie Sehnsucht fühlte! Dann fragte ich mich erschrocken: lieb ich sie noch, kann ich sie denn noch lieben? Dazu diese Menschen, diese Begegnungen! Als hätte sich unser ganzer Kreis von zu Hause systematisch über meine Reiseroute verteilt, um mich zu martern. In Capri, Amalfi, Rom, Bordighera, überall lief mir einer über den Weg, und die erste Frage war immer eine Frage nach ihr!

Man wird in unserer guten Gesellschaft durch keine Großtat so berühmt, als wenn man sich vergißt und vom sauberen Bürgersteig des Lebens hinuntertappt in die Gosse.

Heute früh noch, bei der Abfahrt in Innsbruck, wer steht vor mir? Der Edle von Sensburg! Der ›kleine süße Mucki‹! Du weißt, wer ihn so zu rufen liebte. Und seine erste Frage: ›Vous seul, mon prince?‹ Ich hätte ihn mit der Faust ins Gesicht schlagen mögen. Und als er mir's abgequetscht hatte, wohin ich ging, schien er auf eine Einladung zur ›Gamsjagd‹ zu warten –– er sagt natürlich nicht Gemse, sondern ›Gams‹, immer echt, der kleine süße Mucki! Während der ganzen Fahrt verfolgte mich sein Kattungesicht, und immer roch ich seine peau d'Espagne – er hatte, während er mit mir sprach, den Arm auf die Wagenlehne gestützt. Um das Parfüm loszuwerden, nahm ich mir in Leutasch eine Bauernkutsche. Es half nicht. Nun quälte mich die Erinnerung an die Tage und Nächte, die ich mit diesem Menschen verbringen mußte, weil sie es als lustigen Sport betrachtete, ihren scheckigen Narren aus ihm zu machen. Ach, zum Teufel mit dem ganzen Ekel! Ich bin ihn doch los, bin erlöst, bin frei! Seit heute, seit ich hier bin! Und ich fühl es wie ein Wunder, das an mir gewirkt wurde. Das Wald aus seinem schönen Schweigen hat zu mir gesprochen: sieh, wie ruhig ich bin, sei du es auch! Und ich hab's gehört, verstanden und befolgt.

Wie ganz genesen ich bin, mag Dir beweisen, daß ich fragen kann: ›Hast Du schon mit ihr gesprochen?‹ Ich bitte Dich, spare da nicht in meine Tasche! Ich will nicht, daß sie ›darben‹ muß, und sie ›darbt‹, wenn sie nicht mindestens die Revenue einer Million zur Verfügung hat. Dir hab ich es vor einem Jahr nicht glauben wollen. Jetzt weiß ich es: mein Name, meine Stellung, mein Besitz – das war's, was ihre ›große Feuerseele‹ bezwang. Sie soll sich in ihren ›stolzen Hoffnungen‹ nicht ganz getäuscht haben. Du weißt, für die Enttäuschten im Leben hab ich immer ein schwaches Herz gehabt. Das ist gewiß Ironie, aber es gesellt sich zu ihr auch ein Hauch von Ernst und Heiterkeit. Feilsche nicht! Und dann ist's vorüber. Für immer!

Aber was soll ich nun mit mir beginnen? Ich habe noch ein Leben vor mir. Was soll ich ihm geben? Heut und für lange Wochen bin ich zufrieden mit der Ruhe, die ich hier gefunden habe. Doch wenn mich der Winter von hier verjagt? Was dann? Arbeit? Gewiß! Doch welche Arbeit? ›Da stock ich schon‹ – und muß mir erst überlegen, was ich schreiben will.«

Er legte die Feder fort und trat ans Fenster. –

Aus der Stube, die unter dem Jagdzimmer des Fürsten lag, fiel ebenfalls die Helle einer Lampe über den Hof hinaus, doch nur als matter Schein, denn am Fenster waren die Gardinen vorsichtig zugezogen.

In dieser Stube saß Martin vor einer Briefmappe. Er hatte eine schon halb geleerte Flasche Bordeaux vor sich stehen, schmauchte eine Zigarette seines Herrn und hielt studierend den Federkiel in der Hand.

Der Klang der Schritte, die über seinem Kopf hin und her wanderten, ließ ihn zur Decke blicken.

»Wenn ich wüßte, was er denkt da droben, dann wüßte ich auch, was ich schreiben soll!«

Bedächtig blies er eine Rauchwolke über den Briefbogen hin und begann mit zierlichem Schnörkel die Überschrift:


Hochverehrte Frau Baronin!
Meine gnädigste Gönnerin!

Obwohl ich Bemerkenswertes nicht zu melden habe, erlaube ich mir, Frau Baronin doch heute noch eine Nachricht zu senden, um kurz zu berichten, daß unsere allverehrte Durchlaucht heute nachmittag, etwas angegriffen von der langen Fahrt, aber doch bei wünschenswert gutem Gesundheitszustand, im Jagdhaus eingetroffen sind. Selbes liegt in einer vollständig unkultivierten Berggegend, was vermuten läßt, daß es Durchlaucht nicht sehr lange hier aushalten werden. Für den Komfort Seiner Durchlaucht im Jagdhause haben Graf Sternfeldt leidlich gesorgt. Dagegen befinden sich die Zimmer im Fremdenhaus und auch das einzige Gastzimmer im Fürstenhaus in einem sehr primitiven Zustand. Letzteres Zimmer, welches von den Jägern das ›Grafenstüberl‹ genannt wird, wurde durch mehrere Wochen von Graf Sternfeldt bewohnt. Das Meublement genügt kaum den bescheidensten Ansprüchen, und da bei einem Besuche der gnädigen Frau Baronin nur dieses Zimmer in Betracht kommen kann – es liegt auf dem gleichen Flut mit den Zimmern Seiner Durchlaucht –, so werde ich einem verläßlichen Menschen in Innsbruck sofort den Auftrag geben, bis zum Eintreffen der gnädigen Frau Baronin alles Nötige zu beschaffen, damit das Zimmer würdig des zu erwartenden Gastes gestaltet werden kann. Da diese Änderung ohne Wissen Seiner Durchlaucht ausgeführt werden muß, bitte ich gnädige Frau Baronin untertänigst, meine Eigenmächtigkeit Seiner Durchlaucht gegenüber zu vertreten und die Sache so darzustellen, als hätte ich mich nur deshalb für diesen delikaten Auftrag gewinnen lassen, weil es sich um eine freudige Überraschung für Seine Durchlaucht gehandelt hätte.

Sonst habe ich nur zu melden, daß Durchlaucht heute früh in Innsbruck mit Herrn von Sensburg zusammentrafen und selben sehr ungnädig behandelten, wofür sich Herr von Sensburg in gewohntem Takt mit doppelter Liebenswürdigkeit revanchierten. Hier in dieser menschenverlassenen Wildnis sind Begegnungen, welche die gnädige Frau Baronin beunruhigen könnten, nicht zu befürchten. Doch hatten wir heute abend, bei der Vorliebe Seiner Durchlaucht für einsame Spaziergänge, bereits einen kleinen Schreck zu überstehen. Durchlaucht hatten gegen sechs Uhr das Jagdhaus verlassen, um etwas Motion zu machen. Für halb acht war das Diner befohlen, aber es wurde acht Uhr, es wurde finster –«

Martin hielt im Schreiben inne und blickte zur Decke hinauf.

Dort oben waren die hin und her wandernden Schritte verstummt. –

Der Fürst hatte sich wieder zum Schreibtisch gesetzt, um seinen Brief zu vollenden:

»Mir will die Erleuchtung nicht kommen. Arbeit? Ja! Mich seht nach ihr. Ich glaube doch wohl, daß sie fürs Leben eine Notwendigkeit ist wie Luft und Freude. Aber da seh ich Dich lächeln, Du liebenswürdigster aller Residenzbummler, und höre Dein paradoxes Lieblingswort: Arbeit ist ein Fluch, das hat schon die Bibel gesagt, und das ist ein kluges Buch! Aber ich weiß auch, daß Du im Grunde Deiner Seele anders denkst. Das ist ja überhaupt Deine Art so: anders zu sprechen, als Du denkst – nein, so gesagt wär's eine Unhöflichkeit, ich hätte schreiben sollen: anders zu denken, als Du sprichst! Und mir gegenüber hast Du immer eine Ausnahme gemacht. Tu es auch jetzt! Gib mir einen Rat! Was soll ich beginnen, um aus meinem in die Irre geratenen Leben einen Zweck zu machen? Und gibt es für mich keine Arbeit, welche Ziel und Zweck hat, gut, so will ich das Zwecklose schaffen. Nur etwas leisten! Und hätte ich auch keinen besseren Dank davon als einen müden Abend und einen festen Schlaf. Aber was soll ich? Ins Regiment zurück? Noch heute, wenn Krieg in Aussicht wäre! Für die Parade und den bewaffneten Frieden? Nein! Oder soll ich mich ins Parlament wählen lassen? Ich wüßte nicht, für welche Partei. Was ich politisch denke, verträgt sich mit keiner. In mir mischt sich der Absolutist mit dem extremen Republikaner. Ich müßte heute mit den Junkern stimmen, morgen mit den Sozialisten. Eine parlamentarische Unmöglichkeit. Und überhaupt, das Parlament! Soll ich arbeiten für eine Sache, von der ich überzeugt bin, daß sie sich überlebt hat? Und bei aller Freiheit des Denkens – ich bin empfindlich gegen Ungezogenheiten. Wer sich heute ins Parlament wählen läßt, muß unter dem Schutze der mißbrauchten Immunität sich Verdächtigungen, Grobheiten und Ausdrücke gefallen lassen, die man im gewöhnlichen Leben mit einer Kugel oder besser noch mit einer Ohrfeige erwidert. Nein, ich danke! Aber Holzhacken, wörtlich und bildlich genommen, kann ich doch nicht. Dazu sind meine Hände nicht robust genug. Es wird mir also nichts anderes übrigbleiben, als mich auf meine Scholle zu setzen. Seinen Acker bewirtschaften und seinen Besitz bei gesundem Leben zu erhalten, ist schließlich auch eine Arbeit. Auf meinen Gütern beschäftige ich ein paar hundert Menschen. Für die als Herr zu sorgen, ihr Dasein zu einem menschlich erträglichen, nach Möglichkeit zu einem behaglichen zu machen? Ist das nicht auch ein Zweck? Dazu noch ein guter? Für die große Menschheit arbeiten zu wollen, ist Donquichotterie – aber meine paar hundert Leute daheim, das ist eine Menschheit im kleinen, und für die kann ich arbeiten.

Daheim? Hab ich denn noch ein Daheim? Mein Haus in der Stadt ist mir verleidet. Und unser schönes Bernegg? Seine Mauern sind mir tot geworden, seit das Leben erlosch, das in ihnen wirkte – seit meine Mutter starb. Ich kann mir nicht denken, wie ich dort leben soll, ich, allein! Das wirst gerade Du mir nachfühlen können. Ich weiß, wie groß Du von meiner Mutter dachtest. Wenn ich mit Dir plaudre von ihr, wird dein spottendes Auge ernst und Dein sarkastisches Lächeln ein anderes. Und vor Jahren, wenn Du mir von allem Lob das beste sagen wolltest, dann sagtest Du zu mir: ›Du Sohn deiner Mutter!‹ Das Lob war unverdient. Was sie aus ihrer Seele gab, das hab ich nur äußerlich angenommen. Die klare Harmonie des Lebens, die willensstarke Fähigkeit, eine Freude auch noch im bittersten Weh zu finden – das war dem Wesen meiner Mutter angeboren. Sie hatte das, wie man Augen hat, mit denen man sieht. Dieses Ruhige floß von ihr auf den verschüchterten Knaben über, aus jedem Blick, der mit Liebe auf mir ruhte. Aber es wurzelte nicht in meinem Herzen, es war bei mir nur ein Angelerntes und war vergessen bei der ersten verwirrenden Frage, mit der mich das Leben prüfte.

Ob es auch so gekommen wäre, wenn ich die Mutter nicht verloren hätte? Nein! Ihre lebende Nähe wäre mir ein Schutz gegen jeden häßlichen Aufruhr meines Blutes gewesen. Denkst Du noch an unseren alten Suttner, der früher als Förster in der einsamen Hirschau diente? Im Jähzorn mißhandelte er seine Frau und seine Kinder und machte seinen Untergebenen den Dienst zu einer Marter. Da nahm ihn meine Mutter als Parkmeister ins Schloß –und ihr Blick verwandelte den Wildfang in einen ruhigen Menschen. Hätte meine Mutter noch gelebt, es wäre nie geschehen, was ich jetzt, da ich mit allem Katzenjammer einer Menschenseele von diesem Rausche ernüchtert bin, mit Fäusten hinausstoßen möchte aus meinem besudelten Leben.

Aber als dieser Irrsinn meines Herzens begann, da ahnte ich nicht, wie er enden würde. Das war in mir, als hätte ich das Heiligste und Herrlichste des Lebens gefunden. Und wenn ich zurückdenke an den Feuersturm jenes ersten Gefühls, dann wird es mir schwer, zu wünschen: ich hätte besonnen meine glatte Straße gegen und mir ein temperiertes ›Glück‹ mit ruhiger Überlegung schaffen können, um Sommer für Sommer als guter Mann meiner guten Frau kohlbauend auf meinem Gute zu sitzen und während des Winters in der Stadt keine Opernpremiere, keinen Rout und keinen Hofball zu versäumen. Der Gedanke, daß solch ein ›wohlgeordnetes‹ Glück mich hätte treffen können, weckt in mir ein gelindes Grauen. Dennoch steckt in mir ein schmerzliches Bedauern, daß es nicht so kam! Aber wenn ich es ›so gut‹ gefunden hätte? Wäre dieses windstille Treibhausglück von Dauer gewesen? Bis zu einem sanften, in Gott ergebenen Lebensabend? Vielleicht hätte sich auch dann einmal in dunkler Stunde das Blut meines Vaters in mir geregt, um die gläserne Herrlichkeit in Scherben zu schlagen, irgendeinem Unwert oder einer Häßlichkeit zuliebe?

Mein Vater! – – Das Wort ist kalt für mich. Als mein Vater jenen tödlichen Sturz auf der Rennbahn tat, war ich noch ein halbes Kind. Sein Tod hatte keinen Schmerz für mich, nur einen Schreck, den ich halb verstand, als ich einen unserer Gäste sagen hörte: ›Der gute Ettingen hat sich den Hals recht à propos gebrochen, sonst hätte er noch seinen Namen und seinen Besitz, seine Frau und seinen Jungen in den Sumpf geritten!‹ Dieses böse Wort brachte das eine Gute, daß ich mich noch zärtlicher an die Mutter anschloß, wie in der Ahnung, daß meine Liebe sie vor einem Leid zu beschützen hätte. Weiß Gott, lieber Freund, es geht mir warm durchs Herz, wenn ich mir sage: ich habe meiner Mutter, solange sie lebte, keine Enttäuschung bereitet. Sie konnte lächelnd die Augen schließen und sterbend glauben, daß sie in ihrem Sohn ein wohlgebautes Werk ihrer Liebe und ihres Lebens hinterließe.

Und nun? Wie steht es vor Dir, dieses Werk meiner Mutter? In meiner Seele sieht es aus wie in den löcherigen Taschen eines Bettlers. Ich hätte leben sollen als meiner Mutter Sohn und hab's meinem Vater nachgetan. Übel hat mich bei diesem Rennen um das Glück das zügellose Tier meiner Leidenschaft in den Sand geworfen! Sand? Wie höflich das Wort gewählt ist! Wohl hab ich mich leidlich wieder aufgerichtet. Aber ich spüre den Sturz an Leib und Seele. Und da konnt ich vor einer halben Stunde noch schreiben: ich bin genesen, ich fühle mich frei. Nein! Ich bin es nicht. Oder weiß ich nur die quälender Stimmung dieses Augenblickes nicht klar zu erkennen? Was mich mit so brennender Unruhe bedrückt? Eine letzte Kette, die mich noch fesselt an das Vergangene? Nein! Es kann auch das Grauen sein – vor der Leere und dem Unwert meines kommenden Lebens! Eine heiße Sehnsucht, die begehrt und dennoch weiß, daß sie unstillbar ist! Heiliges Glück – das ist Finden auf reinem Weg. Wer durch Sumpf gewatet ist, darf keinen Tempel mehr betreten.

Ein böser Gedanke! Der hätte mir nicht kommen sollen! Ich will's versuchen, ihn wieder aus mir hinauszustoßen, will zufrieden sein, nur weil ich einsam bin, stadtferne und mir selbst gegeben. Und wie häßlich auch das Leben ist, dem ich entfloh und das mich erwartet – schön ist doch die sommerduftende Stille, in der ich hier atme. Schön ist die Nacht, die da draußen mit großen Sternen leuchtet. Schön ist das tiefblaue Rätsel des schlafenden Himmels und das graue Wunder der nachtverschleierten Berge!

Hättest Du nur den Abend gesehen, der diese Nacht voranging! Aber solche Schönheit läßt sich nur fühlen, nicht mit Worten sagen! Und wie sicher vor allen bösen Gedanken, wie ruhig war ich, als ich einsam da draußen unter den Bäumen saß!«

Da stockte dem Schreibenden die Feder. Er lehnte sich in den Stuhl zurück und blickte nach dem offenen Fenster, in dessen Rahmen sich der schwarz gezahnte Wipfelkamm des nahen Waldsaumes und darüber ein Stück des stahlblauen Himmels mit zwei funkelnden Sternen zeigte.

So saß er eine Weile. Dann schüttelte er unter leisem Lächeln den Kopf – und begann wieder zu schreiben:

»Die schöne Ruhe, die ich draußen gefunden habe, überkommt mich wieder! Ein Trost für die Nacht – ich glaube, daß ich schlafen werde.

Nun Gott befohlen, lieber Goni! Wüßt ich nicht, daß Du in der Stadt bleibst, um als Freund für mich zu handeln, so würd ich Dir schreiben: komm, und laß uns die Schönheit teilen, die mich hier umgibt! Aber ich hoffe doch, daß dieser unbehagliche Freundschaftsdienst Dich nicht allzulange zurückhalten wird, und daß ich Dich bald bei mir begrüßen kann. Mit diesem Herzenswunsch bin ich Dein

dankbar getreuer Heinz.«


Der Fürst schloß den Brief und schrieb die Adresse: »Graf Egon von Sternfeldt –Wien.« Er wollte dem Diener läuten, doch lächelnd nahm er den Brief noch einmal aus dem Kuvert.

»Als Nachschrift eine Bitte. Ein Zufall hat mich heut an Arnold Böcklins Bild ›Das Schweigen im Walde‹ erinnert. Du kennst das Bild: auf dem Einhorn reitet die weiße Waldfee unter den Bäumen, mit großen Märchenaugen, und lauschend, als hätte das Waldschweigen redende Stimmen, die kein Menschenohr vernimmt, nur sie allein. Schon vor drei Jahren, als ich das Bild in einer Ausstellung sah, hätte ich es gerne gekauft. Es hatte schon seinen glücklichen Besitzer. Wie schade! Nun sind Erinnerung und Wunsch in mir wieder wach geworden. Aber wer einen solchen Schatz besitzt, überläßt ihn keinem anderen. Ich werde mich mit einer Reproduktion begnügen müssen. Willst Du mir die besorgen? Einen Stich oder eine Radierung. Willst Du? Ja? Meinen Dank im voraus.

Heinz.«


Der Fürst siegelte den Brief und läutete dem Diener, dann trat er ans offene Fenster.

Drunten in der Sennhütte ging es lustig zu. Der Wein schien in den Köpfen der Jäger seine Wirkung zu üben, ihre fröhliche Stimmung hatte sich in wirres Kreischen und Lachen aufgelöst. Das schwieg zuweilen. Dann klang's wieder auf. Und der Übermut dieser konfusen Stimmen hörte sich seltsam an in der schwarzen, schweigenden Einsamkeit der Bergnacht.

Der Lakai trat in das Zimmer. »Durchlaucht befehlen?«

»Dort liegt ein Brief. Hast du dich schon erkundigt, wie die Post besorgt wird?«

»Die Leutascher Jäger sind noch hier. Einer von ihnen wird den Brief zur Besorgung übernehmen. Von morgen an wird ein regelmäßiger Postdienst eingerichtet.«

Der Fürst nickte und ging zur Tür des Schlafzimmers; als ihm der Lakai folgen wollte, sagte er: »Danke, Martin, geh nur, ich brauche dich nicht mehr.«

Von der Sennhütte klang eine Lachsalve herauf, so toll und lärmend, daß der Fürst aufblickte.

Martin runzelte die Stirn. »Ich werde die Leute sofort zur Ruhe verweisen.«

»Nein! Laß sie nur! Sie sollen sich amüsieren, solang es ihnen Freude macht. Ich werde deshalb nicht schlechter schlafen. Morgen früh sieben Uhr das Bad. Für neun Uhr hab ich den Förster zum Frühstück gebeten. Gute Nacht!« Der Fürst trag in das Schlafzimmer und zog hinter sich die Tür zu.

Martin schloß die beiden Fenster; dann glitt er lautlos auf den Schreibtisch zu. Er nahm den Brief, las die Adresse und lächelte. Vorsichtig, um das Siegel nicht zu verletzen, drückte er den Brief an den Kanten zusammen, so daß sich die Klappe des Kuverts ein wenig ausbauchte. Da konnte er ein paar Worte lesen: »– heut an Arnold Böcklins Bild ›Das Schweigen im Walde‹ erinnert. Du kennst das Bild; auf dem Einhorn reitet –«

Beruhigt schob Martin den Brief in die Brusttasche und blies auf dem Schreibtisch die Lampe aus.



Drittes Kapitel

In der Sennhütte schien die weinfröhliche Stimmung in bedenkliche Wärme zu geraten. Man hörte zwei streitende Stimmen, neben einem rauhen Baß den kräftigen Tenor des Praxmaler-Pepperl. Aber die beiden Gegner schienen ihre Fehde nicht sonderlich ernst zu nehmen. Ihr Zankduett löste sich bald wieder in Gelächter auf, die Gläser klapperten, und ein übermütiger Jauchzer tönte in die stille Nacht hinaus.

Förster Kluibenschädl, der in einem der Jägerhäuschen noch lesend bei einer trüb brennenden Petroleumlampe saß, tat beim Hall dieses Jauchzers einen tiefen Zug aus der Pfeife, ohne zu merken, daß sie schon erloschen war, und las mit erregter Spannung weiter. Sein rundes Gesicht glühte, obwohl die Sommernacht nicht allzu schwül und der eiserne Sparherd, auf dem er sich zum Nachtmahl den gewohnten Schmarren bereitet hatte, schon längst erkaltet war. Förster Kluibenschädl war ein Freund literarischer Genüsse, hatte eine unglückliche Leidenschaft für »schöne Bücheln«, dazu eine leicht zu rührende Seele, und obwohl er in der Praxis des Lebens dem schönen Geschlecht nicht sonderlich freund war, bevorzugte er in der Kunst gerade jene »Büchel«, die von treuer Liebe handelten. Die aufregende Geschichte, die er just verschlang, heizte seinem in Spannung zitternden Herzen so schrecklich ein, daß ihm die innerliche Glut den Schweiß auf die Stirne trieb.

Die Erregung des Lesers war aber auch begründet. Man denke nur: in dem dreibändigen »frei nach dem Englischen bearbeiteten« Roman »Das Geheimnis von Woodcastle« hielt er soeben bei der wichtigen Szene, in welcher Lord Fitzgerald, der enterbte, von Unglück und Feinden verfolgte Held, die heimliche Botschaft seiner Geliebten empfängt und in mitternächtiger Stunde sich aufmacht zur heiß ersehnten Unterredung mit Lady Maud, der holdseligen, von Haß und Eifersucht bewachten Herrin von Woodcastle. Die Nacht ist rabenschwarz, eine Eule wimmert um die zerfallenen Zinnen, unheimlich murmelt der Fluß, und geheimnisvoll flüstern die alten Rüstern des Parkes. Wohl ahnt der Lord die Gefahr, die ihn umlauert; doch keine Macht der Welt kann ihn zurückhalten, in die Arme der Geliebten zu eilen, und so schreitet er furchtlos durch die finstere Nacht, nur begleitet von seinem treuen Neufundländer, der gleich dem Schatten eines Löwen an seiner Seite wandelt. Rosige Träume von Glück und Liebe erfüllen die große stolze Seele »unseres Helden«, und so ganz versunken ist er in die Gedanken an seine holde Maud, daß er die zischelnde Stimme überhört, die sich plötzlich im schwarzen Schatten der alten Mauer hören läßt: »Das ist er!« Doch Lion, der treue zottige Freund, hat blitzschnell die Gefahr erkannt, die seinen Herrn bedroht; seine Haare sträuben sich, er stößt ein drohendes Knurren aus, aber im gleichen Augenblick –

»Mar' und Joseph!« stotterte Kluibenschädl, dessen Augen sich erweiterten. »Jetzt gschiht ihm ebbes!« Wütend schlug er die Faust auf den Tisch. »Aber gleich hab ich mir's denkt, und grad heut muß er sein Revolver daheimlassen! So a verliebts Rindviech, so an unvorsichtigs!« Schnaubend legte er sich mit beiden Ellbogen über den Tisch und beugte die glühende Nase auf das Heft.

– Im gleichen Augenblick stürzen vier vermummte Gestalten aus der Mauernische hervor. Wohl springt der treue Hund dem ersten der Banditen heulend an die Kehle, doch ein wohlgezielter Dolchstoß streckt das mächtige Tier zu Boden.

»Ah, da hört sich aber doch alles auf!« Dem Förster traten vor Erbarmen um das schöne Tier die Tränen in die Augen. »Jetzt bringen s' mir den Hund um, der mir der liebste von allen gwesen is!« Nur mit mühe konnte er durch den Schleier seiner tropfenden Zähren weiterlesen.

Schon ist Lord Fitzgerald an Händen und Füßen gefesselt, ein Knebel erstickt seine Stimme, und während die Schurken ihn zu dem »in der Nähe bereitstehenden, dichtverschlossenen Wagen« schleppen, verblutet der arme Lion verlassen und hilflos im Staube. Noch einmal richtet er sich mit letzten Kräften auf, versucht der Spur seines geliebten Herrn zu folgen, doch die Füße tragen ihn nicht mehr; mit einem Winseln, welches »fast dem Todeslaut einer schmerzgebrochenen Menschenseele« gleicht, bricht er zu Boden und haucht auf den Fußtapfen seines Herrn die treue Seele aus.

Zwei große Tirolertränen fielen auf das schauerliche Geheimnis von Woodcastle nieder. Sie zerflossen auf dem schlechten Papier, und die Flecken wurden so schwarz, als hätte der Förster nicht klares Wasser, sondern Tinte geweint. In atemloser Beklemmung überflog er die nächsten Seiten, aber da half nichts mehr, der Hund war tot, kein Wunder geschah, um ihn wieder lebendig zu machen.

»Meiner Seel! Jetzt is er richtig hin!« Aus Kluibenschädls tiefer Ergriffenheit brach es mit heiligem Zorn heraus: »Die Raubersbuben, die gottverfluchten! Und dös will a Dichter sein? Der so a treus, unschuldigs Tierl z'grund gehn laßt? Ah nah! Der kann mir gstohlen werden!« Er packte mit grober Faust das Heft. »So martern muß ich mich doch net lassen!« Wütend schleuderte er das Heft in die Tischschublade, in deren schwarzem Schatten das Geheimnis von Woodcastle zwischen aufgedröseltem Rollknaster und alten Patronenhülsen verschwand.

Seufzend erhob er sich vom Tisch und ging auf die große zweischläfrige Bettstatt zu, um seine Ruhe zu suchen. Er war nun auch so weit schon Herr seiner Sinne, um den fidelen Spektakel nicht mehr zu überhören, der von der Sennhütte heraufklang. »Is denn da noch allweil net Feierabend?« Er sah nach der Uhr. »Halb zwölfe! Da muß ich Polizeistund machen!«

Aus der Almhütte quoll ein matt beleuchteter Qualm hervor, als wäre Feuer in der Sennstube ausgebrochen.

Der große, von einem flackernden Talglicht und dem schon erlöschenden Herdfeuer beleuchtete Stubenraum war so dick mit Pfeifenrauch erfüllt, daß Kluibenschädl, als er auf die Schwelle trat, die Gestalten der Sennerin und der vier Jäger, die um den mit Flaschen und Gläsern bestellten Tisch saßen, kaum zu unterscheiden vermochte. »A saubers Dampfl! Da könnt einer ersticken, da herin!«

Er wurde von der fidelen Kneipgesellschaft mit lautem Hallo begrüßt. Die junge Sennerin, die dem »kleinen Schwipserl«, das ihr der Praxmaler-Pepperl zugedacht hatte, schon bedenklich nahe schien, empfing den unerwarteten Gast mit einem trillernden Juhschrei, und Pepperl, das gefüllte Schoppenglas in der Hand, sprang auf, daß der dreibeinige Stuhl einen Purzelbaum machte. »Jeh, der Herr Förster!« jubelte er und schwang das Glas, wobei er seine zerzausten »Kreuzerschneckerln« mit einem ausgiebigen Spritzer taufte. »Der Herr Förstner soll leben! Hoooch!«

Burgi und die drei anderen Jäger fielen lachend ein, so daß der Förster den fröhlichen Spektakel kaum zu überbrüllen vermochte. »Stad, sag ich! Himmelkreuzteufel! Seids denn ganz verruckt? Droben im Fürstenhaus sind lang schon d' Lichte ausglöscht, und ös machts in der Nacht um halb zwölfe noch an Aufruhr wie a Träupl Rekruten! An unsern guten Herrn Fürsten denkt wohl gar keiner nimmer, was? Ös Lackeln überanand!«

Bei diesem Schlußwort knöpfte der Förster energisch seine Joppe zu.

In der Sennstube war es mäuschenstill geworden. Burgi fuhr sich verlegen mit der Schürze über das glühende Gesicht, und Pepperl stand so erschrocken , als hätte man ihm unversehens einen Kübel eiskalten Wassers über den Kopf gegossen. Und weil man bei solchem Stimmungswechsel, wenn man sein Gewissen nicht völlig rein weiß, die erste Schuld immer Gerd auf einen anderen schiebt, fuhr er mit heiserem Geflüster einen der Leutascher Jäger an: »No also, da hast es jetzt! Mit deiner Streiterei!«

»Ah, da schau!« brummte Birmoser in seinem tiefen Baß. »Du selber hast ja viel ärger gschrien als ich!«

Pepperl kam aus der Fassung. Er schien zu fühlen, daß seine Ausrede auf krummen Füßen ging; dazu begann der Wein unter seinen Kreuzerschneckerln zu rumoren. In Zerknirschung warf er einen Trauerblick auf die beiden noch ungeleerten Flaschen und stotterte: »Tuts mir die zwei Flaschen zustöpseln! Heut trink ich kein Tröpfl nimmer!«

Dieser ehrlichen Reue gegenüber hielt Kluibenschädls Ärger nicht stand. »No, no, no, no! Übers Knie muß man auch net alles abbrechen! Bleibts halt in aller Ruh noch a halbs Stündl sitzen, bis der Wein austrunken is. Und damit's gschwinder geht, hilf ich a bißl mit, in Gotts Namen!« Er füllte ein Schoppenglas und leerte es auf einen Zug. »Sooooo!« Als er das Glas niederstellte, gewahrte er, daß nur vier Jäger am Tische saßen. »Wo is denn der ander«, fragte er verwundert, »der Mazegger-Toni?«

»Fort is er«, antwortete Beinößl, der Jäger von Ehrwald, »schon gleich am Nachmittag, wie der Fürst kommen is.«

»Was? Fort? Da muß ich a bißl nachschauen.« Kluibenschädl ging zur Tür und brummte über die Schulter: »Also! Gscheit sein! Um zwölfe is Polizeistund!«

»Ja, ja! Gut Nacht, Herr Förstner!« erwiderten die Jäger. Nur Pepperl schwieg. Er hatte seinen Stuhl wieder aufgerichtet, saß mit gespreizten Beinen und machte ein Gesicht, als ginge ihm ein widerhaariger Wirbel im Kopf herum. Die Sennerin brach, als sie die trübselig verwandelte Gesellschaft sah, in Kichern aus. »Ui jegerl! Der hat enk bei der Kittelfalten derwischt! Und du?« Sie puffte den Praxmaler-Pepperl mit der Faust in den Rücken. »Was ist denn mit dir?«

»Gnug hab ich, scheint mir!« gestand Pepperl in ehrlicher Selbsterkenntnis. »Dir hätt ich 's Räuscherl gern anghängt, und ich selber hab's kriegt!«

Das Mädel lachte, daß ihr die Jäger beschwichtigend zuwinkten. Da drückte sie die Hand auf den Mund, huschte zur Hüttentür und guckte in die schwarze Nacht hinaus.

Der Fürst war in der Finsternis verschwunden. Nur seine stolpernden Schritte waren noch zu hören.

Aus dem kleinen Fenster des Hegerhäuschens, auf das er zutappte, schimmerte Licht. »No also, er muß ja daheim sein!« Kluibenschädl ging auf das offene Fenster zu, packte die Gitterstäbe und steckte den Kopf hinein.

Eine rußende Petroleumlampe brannte in dem Stübchen, das mit den zwei Betten, dem Tisch und dem eisernen Kochherd so reichlich angeräumt war, daß knapp noch schmaler Platz blieb, um aus und ein zu gehen. Das eine Bett war leer, auf dem anderen lag Toni Mazegger ausgestreckt, völlig angekleidet, die Hände hinter dem Kopf verschlungen, mit offenen Augen, die zur Decke starrten.

»He! Du!«

Mazegger fuhr auf. Als er den Förster am Fenster sah, nickte er wortlos.

»Was is denn mit dir? Wo warst du denn am Abend?«

»Dienst hab ich gemacht.«

»So? Wo denn? Leicht draußen beim Sebensee?«

»Nein!« Glühende Röte flog über das bleiche Gesicht des Jägers. »Im Hämmermoos.«

»Gegen Leutasch naus?« Kluibenschädl zog die Augenbrauen hoch. »Die Gschicht kommt mir a bißl brenzlig vor. Die gnädig Duhrlaucht gibt enk an freien Abend, und derweil sich deine Kameraden amassieren, schießt dir gahlings der Pflichteifer ein? Und du machst Dienst bis in d' spate Nacht? Und dös soll und glauben?«

Mazegger hob die Schultern und trat zum Tisch, um die rußende Flamme der Petroleumlampe herunterzuschrauben. Kluibenschädl musterte den Jäger mißtrauisch. »Leg dich nieder! 's Petroli für nix und wieder nix verbrennen? Dös leid ich net.«

Mazegger blies die Lampe aus, stieß in der finsteren Stube die Schuhe von den Füßen und warf sich aufs Bett.

Der Förster schüttelte seufzend den Kopf; mehr gutmütiges Bedauern als Ärger sprach aus seiner Stimme: »Paß auf, Toni, 's Leben wird dich noch zwiefeln! Und morgen in der Fruh machst Dienst gegen Leutasch zu, ins Hämmermoos! Verstanden?« Während Kluibenschädl langsam davonging, kalkulierte er: »So is er doch sonst net gwesen! Möcht nur wissen, was er hat die ganze Zeit her?« Ein paar Ländlertakte pfeifend, nickte er vor sich hin. Nun lachte er. »O du narrische Welt! Der Lapp, der dumme! Was der sich einbildt!« Da sah er vom Fürstenhaus das Licht einer kleinen Blendlaterne durch die Finsternis einherschwanken, gleich einem Stern, der auf unsichtbaren Stelzen wandert. »He? Wer kommt denn da?« Es war der Lakai des Fürsten. »Sie, Herr Kammerdiener? Was suchen S' denn so spat in der Nacht?«

»Zwei Briefe hab ich zu bestellen. Sind die Leutascher Jäger noch hier?«

»Ja, drunt bei der Sennerin.«

Vorsichtig leuchtete Martin auf die Erde, um nicht über die Steine und Krautbüschel des Almfeldes zu stolpern. Vor der Tür der Sennhütte nahm er das kleine Lodenmäntelchen ab, das er um die Schultern trug. Vermutete er in wärmere Luft zu kommen? Oder wollte er durch Enthüllung seiner kleidsamen Dienstgala den Eindruck seiner Persönlichkeit verstärken?

Sein lautloser Schritt störte die kleine Zechgesellschaft nicht in ihrer tuschelnden Heiterkeit.

Zum Gaudium der anderen Jäger hatte Pepperl, dem die weinselige Stimmung aus den Augen leuchtete, die Sennerin an beiden Armen gefaßt und suchte sie auf seinen Schoß zu ziehen. Unter Lachen und Schelten wehrte sich das Mädel. Aber Pepperl hielt fest, und seine derben Fäuste drückten, als hätte er nicht zwei warme, mollige Mädchenarme, sondern ein paar Holzscheite in der Hand.

»Au weh! Du Narr du! Brichst mir ja d' Arm ausanander!« Um sich frei zu machen, zerrte die Sennerin wie eine Forelle, die am Haken hängt. Dennoch schien sie dieses grobe Neckspiel nicht übelzunehmen. Jeder Wehlaut, den sie ausstieß, wurde durch neues Kichern abgelöst. »Auslassen! Oder –«

»Oder was?« Lachend griff Pepperl noch derber zu. »Her da! Deiner Lebtag bist noch nie auf eim schönern Bankl gsessen.«

»Au weeeh – ich weiß mir a bessers! Mein hölzerns Bankl hat feste Füß. Die deinigen wackeln schon!«

»So? Wackeln? Meinst?« Pepperl zog, daß der schwere Tisch, gegen den das Mädel sich stemmte, ins Rutschen kam. »Wenn s' wackeln, kannst dich schön hutschen drauf!«

»Ich mag net, 's Hutschen vertrag ich net. Au! Du Narr du! Jessesmaria, mein Arm!«

Ein paar leere Flaschen rollten über den Tisch, die Gläser klirrten, und das gab einen Lärm, daß Beinößl mahnte: »Der Förstner!« Um die Neckerei zu beenden, wollte er der Sennerin zu Hilfe kommen. Aber das war überflüssig. Pepperl, von einem blenden Lichtstrahl ins Gesicht getroffen, hatte die Arme der Sennerin fahren lassen. Burgi taumelte und wäre über die hölzerne Bank hinübergepurzelt, wenn sie nicht flink noch die Tischkante hätte erhaschen können. Das lustige Lachen, mit dem sie sich aufrichtete, erstickte zu einem leisen Schrei, als sie plötzlich die schwarze Gestalt mit der Blendlaterne gewahrte. »Alle guten Geister –« Sie wollte schon mit dem Daumen zur Stirn fahren, um sich zu bekreuzen. Da erkannte sie den Gast, kicherte vor sich hin und bestaunte den Lakaien vom glattfrisierten Kopf bis zu den blinkenden Schnallenschuhen. Für die vornehme Erscheinung, die er in dem rund geschweiften Frack, in den Eskarpins aus schimmerndem Atlas und in den schwarzen Seidenstrümpfen machte, hatte sie augenscheinlich nicht das richtige Verständnis. Wohl sprach aus ihren verdutzten Augen etwas wie Respekt und Scheu. Dennoch mußte sie schmunzeln.

Schweigend saßen die drei Jäger hinter dem Tisch und kauten an den Pfeifen. Pepperl hatte die Fäuste in die Joppentasche geschoben, saß zurückgelehnt auf dem Sessel, die Beine lang ausgestreckt, und machte mit aufgerissenen Augen ein höchst sonderbares Gesicht. Er wußte wohl, daß droben im Fürstenhaus ein Kammerdiener eingezogen war. Aber hier in der Hütte sah er zwei Kammerdiener, und die beiden hatten die wunderlichen Eigenschaft, daß sie sich im Kreis um ihn herumdrehten. Dabei hatten sie ein verdächtiges Lächeln, das dem Praxmaler-Pepperl, je länger er es ansah, das Blut immer heißer in die Stirn trieb. Schwül atmend griff er nach seinem Kopf und wühlte in den Kreuzerschneckerln. Da sah er plötzlich nur einen Kammerdiener. Der lächelte noch immer so – und in prüfender Beschaulichkeit hob er die Blendlaterne, um das Gesicht der Sennerin besser zu beleuchten. Wie hübsch dieses Mädel war! In dem strahlenden Lichtkreis, mit dem kirschroten Schnabel, mit den Schmunzelgrübchen in den runden, brennenden Wangen, mit den dunklen Feueraugen und dem wirr gezausten Braunhaar über der glühenden Stirn! Und von der Nachwirkung des energischen Widerstandes, den Burgi im lustigen Ringkampf mit Pepperl geleistet hatte, atmete der feste Busen so ungestüm, als möchte er den groben Kittel sprengen. Gleich einem wissenschaftlichen Forscher ließ Martin den Schein der Blendlaterne über die Sennerin gleiten. Er verstand sich in solchen Dingen genügend aufs Rätsellösen, um den jungen, stramm gesunden Mädchenkörper zu erraten, der sich in dem derben Arbeitskleid versteckte. Der Kenner nickte zustimmend und lächelte.

Burg verstand dieses Lächeln nicht. Aber das Schweigen währte ihr zu lang. Lustig sagte sie: »Der Herr Kammerdiener? Gelt? Und ich hab schon gmeint, der Leibhaftige steht vor mir in der schwarzen Stiefelwichs!«

Kichernd drückte sie das Kinn auf die Brust.

Martin wurde verdrießlich. »Na, hören Sie, mein schönes Kind, das ist gerade kein Kompliment. Ich glaube eher, daß ich Ihnen als rettender Engel erschien, um Sie aus den Fäusten dieses groben Lümmels zu befreien.«

»Oho!« Pepperls Gesicht war anzusehen, als hätte man ihm Zinnober auf die Stirn gestrichen.

»Sie wünschen?« Martin hob die Laterne. »Ist das einer von unseren Jägern?« fragte er die Sennerin und musterte wieder mit kühlem Blick die stumme Gesellschaft am Tisch. »So viel Manieren könntet ihr wohl haben, um zu wissen, daß man aufsteht, wenn jemand von der Herrschaft eintritt.«

Die Jäger hinter dem Tisch guckten einander mit großen Augen an und erhoben sich schwerfällig.

Pepperl blieb sitzen. Seine Augen funkelten. »Da muß schon wer andrer kommen, bis ich aufsteh. Wegen Ihnen reiß ich mir keine Haxen aus.«

»Aber Pepperl, geh, was hast denn?« stotterte Burgi erschrocken. Und Beinößl griff über den Tisch hinüber und schüttelte den Erregten mit derber Faust an der Schulter: »Peppi? Bist denn verruckt?«

»Na! Ich net! Aber in Ruh lassen soll er mich! Der!« Die Mahnung zum Frieden schien Pepperls Zorn noch geschürt zu haben. »Wenn er auch so pikfein dreinschaut wie an auszogner Tintenspritzer, deswegen is er doch net mehr als wie a Stiefelputzer, der sei' Bürsten daheim lassen hat!«

Martin legte vornehm den blonden Kopf zurück.

Der kalte Blick rührte in Pepperl den Zorn zum Sieden auf. »Sie! Bleankeln S' net so mit Ihrem ausgwaschnen Gschau! Mich verschlucken S' noch lang net! Und mit solchene Augen können 'S enkere Frauenzimmer in der Stadt drin anschauen, aber kein Madl bei uns da heraußen!«

Ohne auf Pepperl zu hören, war Martin zum Tisch getreten. »Geht einer von den Leutascher Jägern noch heut nach Hause?«

»Jawoll!« erwiderten Birmoser und Ruef.

Dem letzteren, der von beiden der minder bekneipte zu sein schien, reichte Martin ein großes Kuvert, das er aus der Brusttasche zog. »Übergeben Sie dieses Kuvert, das zwei Briefe enthält, morgen früh in Leutasch dem Postboten. Die Briefe sollen erst auf der Post in Seefeld aus dem Kuvert genommen werden. Das ist strenger Befehl Seiner Durchlaucht. Haben Sie verstanden?«

»Jawoll!«

Mit gnädigem Lächeln wandte sich Martin zur Sennerin, die wortlos dastand. »Gute Nacht, mein schönes Kind!« Freundlich klopfte er sie auf die Wange, dann hob er die Laterne, um seinen Weg zu beleuchten, und verließ die Hütte.

Mit keinem Blick sah Burgi dem Abziehenden nach, sondern hielt ihre zornblitzenden Augen auf Pepperl gerichtet. Die drei Jäger hinter dem Tisch begannen zu lachen und wollten mit derben Späßen über den unbehaglichen Augenblick hinüberturnen. Da trat die Sennerin vor Pepperl hin. »Du! Jetzt will ich dir was sagen!« Ihre Stimme zitterte. »Wir sind zwei gute Freunde gwesen in aller Lustbarkeit. Net mehr und net weniger. Aber von heut an hat's an End. Solchene Sachen leid ich net in meiner Hütten. Da kannst dir an anders Platzl suchen!«

»So? So?« kollerte Pepperl. »Is dir am End schon Angst um ihn, weil ich ihm seine schmalzigen Haar a bißl aufkampelt hab?« Höhnend deutete er mit beiden Armen nach der Tür. »So geh doch, geh – main scheenes Gindd – und führ ihn am Armerl, daß er net stolpert. Wann er sich's Nasenspitzl verstaucht, wer weiß, leicht gfallt er dir morgen nimmer.«

Den Ärger verbeißend, sagte das Mädel ruhig: »Sei stad, gelt! Du rauschiger Unfürm du! Und kümmer dich lieber, daß du an Helfer findst, der dich heut noch auf'n Strohsack lupft! Und der ander? Der soll mich anschaun, wie er mag! Dich frag ich noch lang net drum. Net heut und net morgen. Und überhaupt, heut hab ich gnug – von enk alle mitanander!« Sie packte den hölzernen Wassereimer und goß seinen Inhalt über das müde flackernde Herdfeuer, so daß unter dem plätschernden Guß auch das letzte Flämmchen erlosch. Es wurde ein bißchen duster in der Hütte. Das tränende Kerzenlicht, das die große Stube nicht aufzuhellen vermochte, sah aus wie das hilflose Waisenkind einer verlorengegangenen Sternmutter.

»Aber Madl, geh!« fiel Beinößl beschwichtigend ein.

»Der ander gibt eh schon Ruh. Jetzt sei net du die Narrische.«

Burgi warf den Eimer zu Boden, ging zum Tisch und pustete das in einer leeren Flasche steckende Talglicht aus.

»So! Polizeistund!« grollte sie in der Finsternis. »Gut Nacht mitanand!«

Die Jäger lachten, nur Pepperl nicht. Als er in der Dunkelheit die Kammertür gehen und drinnen den schweren Eisenriegel klirren hörte, sprang er auf. »He! Burgi! Du! Ich muß dir was sagen!« Als keine Antwort kam, begann er mit beiden Fäusten gegen die Kammertür zu trommeln.

Während Birmoser auf dem Tisch herumtappte, um die noch ungeleerte Flasche für sich zu retten, legten sich Ruef und Beinößl bei der Kammertür ins Mittel und lotsten den Praxmaler-Pepperl unter gütlichem Zureden hinaus in die stille, sternschöne Sommernacht.

Pepperl wehrte sich wie ein Wilder. »Laßts mich aus! Ich rat's enk im guten! Ich muß ihr was sagen! Laßts mich aus!«

Die beiden hielten ihn fest und zogen, daß Pepperl auf den vorgestemmten Füßen eine Rutschpartie übers Almfeld machte.

»Na! Und na! Und ich geh net heim! Ich muß ihr was sagen!«

»Jetzt halt dein Schnabel, du Giftgockel, du eifersüchtiger!« schnauzte ihn Beinößl an.

»Was? Eifersüchtig? Daß ich net lach!« Und richtig, Pepperl lachte laut in die Nacht hinaus. »Was geht denn mich die Burgi an! Die is mir net mehr als der Wind hinterm Ohrwaschel! Auf Ehr und Seligkeit! Und ich will und ich mag nix von ihr! Und net um d' Welt! Ös seids mir die richtigen Freund! Dös muß ich sagen! Saubere Freund! Und bringen eim solchene Sachen auf! Was? Helfts am End auch schon zum anderen? Ja?«

»Geh, du Narr! Was hast denn davon? Der wird dich ghörig verklampern beim Fürsten!«

»Verklampern? So? Meintwegen! Soll er mich halt verklampern! Und meine Freunderln, meine guten? Die machen ihm leicht noch an Zeugen? Ja? Öl seids mir die richtigen Freund! Laßts aus! Mit enk will ich nix mehr z'schaffen haben! Auslassen! Himmelherrgottsackerment!«

Mit einem Athletenruck befreite Pepperl seine Arme und rückte trotzig das Hütl übers Ohr, wie einer, der weiß: jetzt hat mich alles verlassen, jetzt bin ich auf mich allein gestellt! Und während ihm die Jäger lachend nachsahen, stolperte er einsam durch die Finsternis seiner nahen Hütte zu.

In seinen Ohren war ein böses Wort zurückgeblieben: »Verklampern! Der wird dich ghörig verklampern beim Fürsten!«

Aus bedrückter Seele seufzend, erreichte Pepperl die Tür des Försterhäuschens. Ohne zu prüfen, ob sie offen oder geschlossen wäre, suchte er eine Viertelstunde lang in allen Taschen nach dem Schlüssel. Als er ihn nicht fand – weil der Schlüssel im Schloß steckte –, ließ er sich in einem Anfall dumpfer Seelenzerknirschung auf die Schwelle nieder und nahm seinen sumsenden Kopf in die Hände. Verworren tauchten die Ereignisse, die sich in der Sennhütte abgespielt hatten, vor seinem wach gerüttelten Gewissen auf, an dem schon die Reue zu nagen begann wie die Maus an der Speckschwarte. »Teufi, Teufi, Teufi! Was hab ich denn da für Sachen gmacht! Jetzt glaub ich schon selber, daß ich a bißl z'viel derwischt hab!«

Schwül atmend erhob er sich, tappte unter den Bäumen bis zum Röhrenbrunnen und steckten den heißen Kopf in den Wasserstrahl. Unter Schnauben und Prusten stand er über den Rand des Troges gebückt. Das eiskalte Wasser, das ihm die Ohren und das Gesicht umpritschelte und durch den Joppenkragen über den Rücken rann, machte ihn schauern und zittern. Geduldig hielt er den kalten Guß so lange aus, bis es in seinen vom Wein umdusterten fünf Sinnen wieder hell zu werden begann. Dann zog er die Joppe herunter und rüppelte mit ihr den Kopf, bis die Kreuzerschneckerln wieder leidlich trocken waren. Seufzend kehrte er zur Hütte zurück. Und da war es ihm fast leid, daß er die radikale Wasserkur unternommen hatte. Im Weindusel hätte er bald den Schlaf gefunden und wäre die verwünschten Gedanken losgeworden. Jetzt, da er zur klaren Erkenntnis der »Dalkerei« gekommen war, die er in der Sennhütte angestiftet hatte, jetzt wußte er, daß es für diese Nacht vorbei war mit Schlaf und Ruhe.

Ob's nicht am besten wäre, gleich alles dem Förster ehrlich zu beichten?

Trotz dieser Einsicht zog Pepperl vor der Tür die Schuhe herunter, um durch kein Geräusch den Förster aus seinem Schlaf zu wecken. Als er in das finstere Stübchen trat, hörte er dumpfes Stöhnen und abgerissene Worte, wie sie ein Kranker im Fieber redet. Erschrocken machte er Licht und leuchtete mit einer Kerze über das Bett.

Kluibenschädl, der halb entkleidet, mit der Lederhose, auf der Matratze lag, hatte die wollene Decke über die Knie hinuntergestrampelt und arbeitete mit den Fäusten in der Luft herum. Sein Gesicht war dunkelrot, und röchelnd sprach er im Schlaf: »Raubersbuben! Abfahren! Laßts mir den treuen Hund in Ruh! Abfahren, sag ich! Oder es kracht!«

Pepperl griff zu und rüttelte, bis der Förster wach wurde und mit schlaftrunkenen Augen aufblickte. »Was – was is denn?«

»Ich hab Ihnen wecken müssen. An schiechen Traum haben S' ghabt. Von Raubersbuben haben S' gredt, und von eim treuen Hundl!«

Kluibenschädl setzte sich auf und rieb die Augen.

»Schau, da is mir jetzt richtig der arme Lion im Schlaf kommen! Weißt, heut aufn Abend hab ich noch a bißl im Geheimnis von Wohdekastel glesen – ja, denk dir, Pepperl, jetzt haben s' mit den guten Lion derstochen, die Haderlumpen!«

»Geh! Is's wahr?«

»Und den Lord Fitzgerald haben s' überfallen und knebelt und bunden und davongschleppt – der Teifel weiß, wohin.«

»No mein, trösten S' Ihnen, es wird ihm schon wieder einer helfen!« meinte Pepperl sanguinisch.

»Dös will ich hoffen! Wenn so aber bravs Mannsbild z'grund gehn muß, nacher wird's mir z'dumm! Nacher schreib ich dem Buchhändler in Innsbruck a Briefl! Der soll sich gfreun! Und 's Geld muß er mir wieder zruckgeben. Für so was zahl ich net. Derschlagen und derstechen und betrügen und belügen tun sich d'Leut sowieso schon im Leben gnug. Was brauch ich denn da noch a Büchl dazu? Wenn ich a Büchl lies, möcht ich mei' Freud dran haben! Daß ich 's ganze Sauleben drüber vergessen kann! Und 's Herz muß mir sein, als hätt's a frisch gwaschens Hemmed an und a Feiertagsgwandl! Sonst pfeif ich auf die ganze Dichterei!« Kluibenschädl zog die Decke bis zum Hals herauf, mummelte sich ein und drehte sich gegen die Wand. »Sei froh, Pepperl, daß du net der Dichter vom Geheimnis von Wohdekastel bist! Sonst tätst heut deine Prügel kriegen!«

Pepperl seufzte. »Wer weiß, ob ich's net so auch verdient hätt!«

»Na, na! Ich bin dir schon werden gut! Ös seids halt lustig gwesen! Schwamm drüber! Gut Nacht!«

Schweigend starrte Pepperl die Kerze an und stocherte mit dem kleinen Finger in die Flamme. Dann seufzte er wieder, blies das Licht aus, legte die Joppe über einen Stuhl, streifte die Hosenträger von den Schultern und kroch unter die Decke.

Schon nach kurzer Weile verriet ein sanftes Schnarchen, daß Förster Kluibenschädl seinen Schlummer wiedergefunden hatte. Pepperl lag mit offenen Augen und kaute an einem Seegrasstengel, den er aus der Matratze gezogen hatte.

»Teufi, Teufi, Teufi! Morgen in der Fruh, bis ich heimkomm von der Pirsch, da hat er mich schon verklampert!« – Und was der Herr Fürst wohl sagen würde? – »Nobel, Pepperl, nobel! Fein hast dich aufgeführt!«

Er dachte sich diese Worte nicht, nein, er hörte sie, hörte so klar die ernste Stimme seines Herrn und sah so deutlich seine vorwurfsvollen Augen auf sich gerichtet, daß ihm vor Zerknirschung und Reue der Schweiß aus den Schläfen brach. Und wie sollte er sich verteidigen? Wie seinen Herrn wieder freundlich stimmen? »Teufi, Teufi, Teufi! Was tu ich denn nur?« Da fiel ihm der herrliche Vierzehnender ein, der in den Latschenfeldern über dem Sebensee seinen Standort hatte. Wenn es das Glück wollte, daß er den Fürsten auf diesen Staatshirsch zum Schuß bringen könnte, gleich bei der ersten Pirsch! Solche Weidmannsfreude würde den Groll seines Herrn gewiß besänftigen, oder ihn doch in eine Stimmung bringen, in der siech Pepperl alle Reue über seine »rauschige Lümmelei« vom Herzen schwatzen und sich halbwegs verteidigen konnte.

Aber wie verteidigen?

Daß ihm der Blick, mit dem der Kammerdiener die Sennerin gemustert hatte, wie Feuer ins Blut gefahren war? Das konnte er doch dem Fürsten unmöglich sagen. Was hat sich ein Jäger um die Augen zu kümmern, die der fürstliche Herr Kammerdiener macht? Und was ging den Praxmaler-Pepperl die Burgi an? Gott behüt! Das wär doch die reine Narretei! Wenn ein Jäger, der selber nicht viel mehr als seine Büchse hat, an so was denkt, muß er doch ein bißchen rechnen, muß schauen, daß er sich ein Bröserl einheiratet. Die Burgi? Ui jegerl! Wenn sich die nicht im Winter ein Paar Strümpfe strickt, dann kann sie im Sommer barfuß laufen! Das Mädel eine hungrige Sennerin und der Vater ein alter Notnickel, der für fünfzig Kreuzer Monatszins in einem Stüberl hauste, in dem die Mäuse am Strohsack nagen mußten, weil's was anderes nicht zu knuspern gab! »Na! Da dank ich schön! So was fallt mir net ein!« Und was seine Mutter sagen würde, wenn er eines Tages mit der Nachricht käme: »Du, Mutter, ich denk mir, ich nimm die Burgi!« Das alte Weibl würde vor Schreck und Jammer die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: »Ja, Bub, ja, Pepperl, bist denn narrisch? Hast selber nix zum Beißen, vierhundert Gulden liegen vom Vater her noch Schulden auf unserem Häusl, und da bringst mir so a Weibsbild, dös bloß an einzigen Rock für Kirch und Arbeit hat!«

Gott bewahre! Für solche einen Narrenstreich war der Praxmaler-Pepperl viel zu gescheit! Und überhaupt, wenn er an die Burgi hätte denken wollen – sie war doch auf der Tillfußer Alm schon Sennerin im zweiten Sommer –, da hätte er doch nicht warten müssen bis heut! Bis ihm der fürstliche Herr Kammerdiener die Nase auf das Butterlaibl stieß! Daß die Burgi ein nudelsauberes Mädel war, das brauchte sich Pepperl von keinem anderen sagen zu lassen, am allerwenigsten von so einem. Er hatte doch selber Augen im Kopf. Aber zum Heiraten gehört eben mehr als ein rotes Göscherl. Diese praktische Weisheit steckte dem Pepperl so tief im Blut, daß er an die Burgi gar nicht denken konnte!

Wo käme da Eifersucht her? Zum Lachen! Eifersucht! Die Burgi und er, sie waren halt zwei junge, lustige Leut, und da sitzt man gern beisammen und kudert und lacht. Mehr will man nicht voneinander. Gott bewahr! Auf Ehr und Seligkeit! Und das Lachen ist noch lang kein Sünd. »'s Leben is eh nur lauter Plag, und hätt man dös bißl Lachen net, wär gar nix dran.« Und aufs Lachen verstand sich die Burgi! Mit ihren Grübchen und ihren Blitzäugerln! Wenn einer aufs Heiratsgut nicht anstehen müßt und könnt die Burgi nehmen, wie sie geht und steht – »Teufi, Teufi, Teufi! Der krieget a lustigs Leben! Der wär zum Neiden!«

Als Pepperl zu diesem Gedanken kam, spürte er auf der linken Brustseite einen merkwürdig schmerzenden Druck. Er meinte, das käme von der unbequemen Lage auf der harten Matratze, und wälzte sich auf die andere Schulter. Aber das Mittel half nicht – ganz natürlich, denn die Matratze wurde nicht linder, weil der Praxmaler-Pepperl sich umgedreht hatte.

Er atmete schwer, und unter der wollenen Decke begann ihm schwül zu werden. So viel wie in dieser nächtlichen Stunde hatte er schon lange nicht gedacht. Die ungewohnte Kopfarbeit machte ihn völlig schwitzen. Aber nach aller Gedankenmühe war er doch wenigstens zu der beruhigenden Überzeugung gekommen, daß er »von der Burgi nichts wollte«, und daß es »reine Narretei« war, wenn ihn seine Kameraden mit der Eifersucht aufzogen. Was ihn zu der »rauschigen Wut« gegen den fürstlichen Herrn Kammerdiener verführt hatte, war etwas ganz, ganz anderes! Der Praxmaler-Pepperl war mit einem »gschamigen Gmüt« behaftet, und da hatte jener Blick des Lakaien auf ihn gewirkt, als hätte man ihm eine Handvoll Schmutz ins Gesicht geworfen. Das wäre auch so gewesen, wenn es sich um ein Nannerl oder um eine Stasie gehandelt hätte. Wenn Menschen in der Einsamkeit nebeneinander hausen, müssen sie füreinander einstehen in Not und Gefahr, jedes ist verantwortlich für das Wohl und Wehe des anderen. Und da sitzt nun solch ein junges, bildsauberes, dummes Ding in der unbewachten Sennhütte, ist an nichts anderes gewöhnt als an den gefahrlosen Verkehr mit »so unfürmigen Lümmeln«, wie der Praxmaler-Pepperl einer war – und da kommt nun so ein Pikfeiner aus der Stadt, mit silbernen Schnallen auf den Schuhen, mit seidenen Strümpfen und mit süßen Redensarten wie »Main scheenes Gindd!« – ja du lieber Herrgott, da ist doch ein Unglück geschehen, eh man sich umschaut! Und da sollte Pepperl nicht die heilige Pflicht haben, das zu verhindern? Der Burgi zulieb? Gott bewahr! Aber nun hatte das arme Mädel doch schon die Mutter verloren, und ihr alter Vater stand auch nur noch ein Katzensprüngl vom Grab entfernt! Freilich hatte Pepperl sich in den vergangenen Jahren sehr wenig um den alten Brenntlinger gekümmert. Jetzt aber war der gewissenhafte, unter Verantwortungsdruck und selbstlosem Pflichtgefühl heftig schwitzende Praxmaler-Pepperl in seinen Gedanken plötzlich ein Herz und eine Seele mit dem »guten, braven Mannderl«. Wohl hatte der alte Brenntlinger eine bedenkliche Vorliebe für den Doppeltgebrannten, aber er trug doch auch ein richtiges Vaterherz in seiner Brust! Und was wird er sagen, wenn er's einmal erfahren muß – das ganze schreckliche Unglück der Burgi!

Bei dieser Vorstellung krampfte sich Pepperls Herz in stechender Qual zusammen, wie sich ein Igel wollt, wenn der Hund ihn apportieren will. Er dachte mit keinem Gedanken an die Burgi, Gott behüt, nur an den armen, alten, braven Vater! Er sah ihn durch den Wald einherkommen, wankend und gebeugt, wie zu Boden gedrückt durch die Last dieses Kummers. Und nun stand der Unglückselige vor dem Praxmaler-Pepperl, schaute ihn todestraurig mit den rot geränderten Säuferaugen an, in denen das Wasser glitzerte, und sagte mit seiner Stotterstimme: »Aber, Pepepepepperl, hörst, das hätt ich mir doch net denkt von dir, daß d' mir gar net aufpassen tust aufs Madl! Und jetzt schschschau dir dös Unglück an!«

Dem Pepperl wurde fürchterlich weh um die selbstlose Menschenseele. »Himmelkreuzteufi noch amal!« Er streckte drohend die Arme in die Finsternis. »Zerreißen und schlitzen tu ich den Kerl in der Luft, wann er 's Madl net in Ruh laßt!« Schnaufend schob er die wollene Decke von der Brust. »Herrgott, so was von Hitz! Da steh ich schon lieber auf. Schlafen kann ich eh nimmer.«

Achtsam, um den schnarchenden Bettkameraden nicht zu wecken, erhob er sich, strich ein Zündholz an und sah nach der Uhr. Ein paar Minuten fehlten noch bis drei. »No also, is ja eh schon Pirschzeit!« Sinnend stand er in der finsteren Stube und starrte das Zündholz an, das sich im Erlöschen krümmte wie ein feuriger Wurm. Dann packte er mit der einen Hand seine Joppe und die Schuhe, mit der anderen den Hut, die Büchse und den Rucksack.

Lautlos zog er hinter sich die Tür zu und machte sich unter freiem Himmel zum Pirschgang fertig.

Schon begann im Ostern ein mattes Dämmern, und die Sterne wollten erlöschen. Schwarzgrau dehnte sich das betaute Almfeld, der Brunnen plätscherte, und halblaut bimmelte die Glocke eines Rindes, das irgendwo im Grase lag. Ganz deutlich unterschied man schon im Zwielicht die grobe Mauer der Sennhütte und in dem trüben Morgengrauen das schwarze Fensterchen.

Dieses Fenster betrachtete Pepperl unter angestrengtestem Nachdenken. Das heilige Pflichtgefühl, die Verantwortung, die er dem alten Brenntlinger gegenüber zu tragen hatte, war ihm in solcher Heftigkeit »eingeschossen«, daß er ganz unmöglich zur Morgenpirsche ausziehen durfte, ohne dem »dalketen Madl« eine ernste Warnung zu erteilen.

Mit langen Sprüngen rannte er über das Almfeld hinunter, wie einer, der gestohlen hat. Da hörte er im nahen Hegerhäuschen den rasselnden Wecker gehen. Erschrocken hielt Pepperl inne. »Dös braucht ja keiner z'wissen, daß ich ihr a bißl predigen muß!« Und just, als hinter den trüben Scheiben des Jägerstübchens der Lichtschein aufging und Mazeggers Silhouette im hellen Fenster erschien, drückte Pepperl sich um die Ecke der Almhütte. Die verriegelte Tür verursachte dem Tugendwächter mit den Kreuzerschneckerln nicht das geringste Kopfzerbrechen. Er kannte den primitiven Mechanismus dieses Schlosses. Mit dem Messer fuhr er durch eine Spalte der Bretter und hob innen ohne Mühe den Riegel auf. In der Sennstube herrschte rabenschwarze Finsternis. Da war der Weg zu Burgis Kammertür ohne einiges Stolpern und Gepolter nicht zu finden.

Hätte die junge Sennerin auch den Schlaf einer alten Bärin gehabt, sie hätte bei diesem Spektakel erwachen müssen. »Mar und Joseph! Was is denn?« klang die schlaftrunkene Stimme des Mädels aus der Kammer.

»Nix is 's! Gar nix! Na, na! Bloß ich bin's!« flüsterte Pepperl durch die Klumsen der Kammertür, sanft und freundlich, wie ein guter Hirte zu seinem Schäflein reden muß. »A bißl was sagen muß ich dir! Ganz ebbes Wichtigs! Geh, sei gscheit und komm a bißl aussi!«

»Fahr ab, du da draußen! Und laß mich schlafen!«

Diese widerspenstige Antwort brachte dem Praxmaler-Pepperl die bittere Erkenntnis bei, welch eine undankbare Aufgabe es ist, den Menschen das Gute zu predigen. Einige Sekunden blieb er lautlos vor der schwarzen Tür stehen. Dann pochte er schüchtern mit dem Knöchel an die Bretter und flüsterte: »Schau, Burgerl, tu net trutzen! Sei gscheit und mach a bißl auf! Ich mein' dir's gut. Soviel sorgen tu ich mich um deintwegen.«

»Schlafen laß mich!«

»Na, Burgerl! Heut därf ich dich net schlafen lassen! Ich muß dir a paar Wörtln sagen. Ich hab die Verpflichtung.«

»Was? Verpflichtung? Ja, freilich«, klang es gereizt aus der Kammer, »die Verpflichtung hast, daß dich niederlegst auf deine Ohrwaschln und dein Dampus verschlafst!«

»Auf Ehr und Seligkeit, Madl, ich bin so nüchtern wie der Pfarr vor der Fruhmeß!«

»Laß die heiligen Sachen aus'm Spiel! So was vertrag ich net. Z'mittelst in der Nacht schon gar net!«

»Madl, ich sag dir's im guten, tu mich net abweisen! Dein Glück ich am Spiel. Mach auf, sag ich! Oder es reut dich noch amal, daß d' ein' abgwiesen hast, der's ehrlich mit dir gmeint hat.«

»Jetzt wird's mir aber z' dumm!« Heißere Unmut bebte in der Stimme der Sennerin. »Bis um zwölfe hab ich enker rauschige Metten in der Hütten leiden müssen. In der Fruh muß ich wieder frisch bei der Arbeit sein. Und da soll ich net amal die paar Stündln schlafen können? Fahr ab! Mit dir bin ich fertig! Verstehst? Dös is 's letzte Wörtl gwesen. Gut Nacht!«

Pepperls Geduld war zu Ende. Er sah es ein: bei dieser verstockten Seele war in Güte nichts auszurichten. Dem heiligen Zweck zuliebe mußte er »sanfte Gewalt« gebrauchen. Also faßte er mit beiden Fäusten die Klinke und rüttelte an der Kammertür, daß die Bretter rasselten. »Mach auf! Ob d' willst oder net. Anhören mußt mich! In meiner Verpflichtigung steh ich da, als ob ich dein armer, alter Vater wäre. Oder als ob d' an Bruder hättst an mir, der sich in Kümmernis um d' Schwester sorgen tut! Zum letztenmal sag ich dir's: mach auf!«

Das wirkte. Noch ehe Pepperl völlig ausgesprochen hatte, öffnete sich die Kammertür, freilich nur um einen schmalen Spalt. Aus diesem Spalt, in welchem undeutlich etwas Weißes schimmerte, kam etwas Schwarzes herausgeflogen, wie eine Nachteule aus ihrem finsteren Felsenschlupf. Dieser sonderbare, aber sehr gewichtige Vogel flog dem Praxmaler-Pepperl grob in die Kreuzerschneckerln, fuhr ihm wie mit scharfen Klauen übers Ohr und klatschte zu Boden. Im gleichen Augenblick schloß sich die Kammertür wieder, und der Riegel klirrte.

»Da hört sich aber die Gemütlichkeit auf!« brummte Pepperl, weniger beleidigt als verblüfft. In begreiflicher Neugier bückte er sich, tappte mit den Händen auf dem Boden herum – und als er den merkwürdigen Vogel haschte, zeigte es sich, daß er keine Flügel hatte, sondern sich anfühlte wie ein Pantoffel mit genagelter Sohle. Bei dieser Entdeckung schoß dem Praxmaler-Pepperl eine »gache Hitz« bis unter die zerzausten Schneckerln hinauf, wie überschürtes Feuer in den Schornstein fährt. »So also? So dankst mir du?« Seine Stimme klang, als wäre ihm die Kehle zugeschnürt. »Meinetwegen!« Dabei schleuderte er den Pantoffel gegen die Kammertür, daß es krachte wie ein Schuß. »So renn halt ins Verderben, wie 's Hehndl in' Fuchsbau! Dir sag ich nix mehr!«

Er griff nach seiner Büchse und stürmte zur Hüttentür hinaus. Da vernahm er Schritte. Um nicht gesehen zu werden, duckte er sich hinter den Holzstoß, der an der Hüttenmauer aufgeschichtet war.

Im fahlen Grau des Morgens schritt Mazegger an der Hütte vorüber, die Büchse auf dem Rücken, das bleiche Gesicht tief vorgebeugt und zu Boden starrend, wie einer, der sucht, was sich nimmer finden läßt.

Trotz allem Aufruhr, den Pepperl in seiner enttäuschten Hirtenseele toben fühlte, hatte er doch noch Augen für das Gedrückte, das aus Mazeggers Haltung sprach. »Mir scheint, der spinnt schon wieder! Der arme Narr!« Den fremden Kummer nicht minder schwer als die eigene Sorge fühlend, guckte er dem Jäger nach, bis Mazegger zwischen den Bäumen verschwunden war. Dann schlich er um den Holzstoß herum, warf einen spähenden Blick zum Fürstenhaus hinauf und rannte mit langen Sprüngen dem nahen Walde zu.

Sobald ihn die Bäume deckten, fiel er in ruhigen Schritt, als wäre jäh aller Sturm in seinem Innern still geworden.

Er konnte sich sagen, daß er seine »Verpflichtigung« gewissenhaft erfüllt hatte. Wenn er nicht dazu gekommen war, seine Warnung auszusprechen, so war das nicht seine Schuld! Und sollte, Gott behüt, der alte Brenntlinger einmal kommen und ihn ansehen mit den traurigen Vateraugen, so konnte Pepperl mit reinem Gewissen erklären: »Ich kann nix dafür!« Das war unleugbar ein Trost. Dennoch war dem Praxmaler-Pepperl so seltsam schwül zumute, daß er das Hütl lüften und mit dem Ärmel über die Stirn wischen mußte.



Viertes Kapitel

Förster Kluibenschädl machte am Morgen keine Pirsche, nur einen kleinen Waldmarsch gegen Leutasch hinaus, um sich für das Frühstück im Fürstenhaus den pflichtschuldigen Appetit zu holen.

Im Hochwald, der das Weidefeld der Hämmermoosalpe umschließt, traf er mit Mazegger zusammen, der in Gedanken versunken daherkam.

»He! Toni!«

Der Jäger fuhr auf wie ein Träumer, der unsanft geweckt wird.

Mißmutig schüttelte der Förster den Kopf. »Wie schaust denn aus? Bist denn du noch a Jager? Schamst dich denn gar net?«

Mazegger, über dessen bleiches Gesicht eine Spur von Röte huschte, schien nicht recht zu wissen, wie ihm geschah. Er betrachtete seine Büchse. Die war spiegelblank, ohne Rost. Er guckte suchend an seinen Kleidern hinunter. Die waren tadellos sauber. »Was ist denn?« murrte er, und seine schwarzen Augen schossen einen gereizten Blick auf den Förster. »Wo fehlt's denn schon wieder?«

»Dein Hütl schau dir an!«

Toni nahm den Hut ab und sah, daß er von seiner Spielhahnfeder die Sichel verloren hatte.

»Die muß ich mir gestern am Abend abgestoßen haben! Aber wenn der Herr Förster schon wegen so was brummt –«

»So? Meinst? Laß an Heiligen sein' Heiligenschein verlieren, und er is halt kein Heiliger nimmer!« Der Förster drehte dem Jäger den Rücken und wanderte durch den Wald hinunter ins Bachtal.

Auf dem Heimweg hörte er aus einem nahen Jungholz die Stimme der Sennerin, die ihre Kühe zum Melken trieb. Sonst pflegte Burgi bei diesem Geschäft vergnügt zu singen und zu jodeln; heut schalt sie mißlaunig auf das widerspenstige Vieh.

Das fiel dem Förster auf. »Was hat denn dös Madl heut?«

Als er gegen neun Uhr die Tillfußer Alm erreichte und ins Försterhäuschen trat, sah er den Praxmaler-Pepperl, mit einem nassen Handtuch um die Stirn, in schwerem Schlaf auf der Matratze liegen.

»No also! Jetzt brummt ihm der Schädel! Ja, ja, 's Leben hat allweil seine Zwidrigkeiten, und aller Zucker schmeckt eim sauer auf d'Letzt!«

Lautlos, um den Schläfer nicht zu wecken, machte er Toilette zum Frühstück, das heißt, er wischte mit einem Handtuch die Schuhe sauber und bürstete einen Scheitel ins Haar.

Als er hinaufkam ins Herrenhaus, hatte er seine Freude an dem frischen Aussehen des Fürsten, der fest und gut bis in den Morgen geschlafen hatte. Und da gab's gleich was zu lachen. Weil der Fürst versicherte, er hätte einen Schlaf getan wie ein Bauer, philosophierte der Förster lustig: »Duhrlaucht, dös is gspaßig! Sie sagen: wie an Bauer! Und unsereiner, wann er gut gschlafen hat, unsereiner sagt: heut hab ich gschlafen wie a Fürst! Bschaut man's gnau, so hat's im Leben jedweder gleich. Und jeder meint, der ander hat's besser.«

Während des Frühstücks behielt das Gespräch die heitere Stimmung, mit der es begonnen hatte, und Ettingen amüsierte sich über die drollig derben und doch von einem gesunden Kern erfüllten Lebensweisheiten, die ihm der rauhborstige Philosoph in der Jägerjoppe zu hören gab.

Nach dem Frühstück machte Ettingen sich fertig für den »Orientierungsmarsch«, der bis zum Abend dauern sollte. Martin war dem Fürsten beim Umkleiden behilflich, und als er ihm die Schuhe zuschnürte, sagte er mit dem süßesten seiner Töne: »Ich bitte um Vergebung, wenn ich Durchlaucht eine Unbehaglichkeit bereite, aber ich sehe mich leider gezwungen, gegen den Jäger Praxmaler Beschwerde zu führen. Der Mann hat sich gestern mehr als ungehörig gegen mich benommen. Die Art, in der er sich mit mir zu sprechen erlaubte –«

»War jedenfalls begründet!« unterbrach der Fürst. »Ich kenne dich, mein guter Martin! Deshalb sag ich dir ein für allemal: Verschone mich hier im Jagdhaus mit deinem Klatsch! Und laß die Jäger in Ruhe! So! Jetzt kannst du mir den Hut bringen.«

Als der Fürst aus dem Jagdhaus trat, stand Kluibenschädl schon wegbereit vor der Tür, mit der Büchse hinter dem Rücken.

Auf der Schwelle blieb der Fürst eine Weile stehen und blickte lächelnd hinaus in den reinen Glanz des Morgens. »Wie schön! Und diese Luft!«

»Ja, bei uns, da schnauft man sich leicht! Und a Tagerl is dös heut! Da müssen wir schon a bißl auffisteigen, damit S' die richtig Aussicht kriegen. Gleich hinterm Jagdhaus haben wir den schönsten Reitsteig bis zum Steinernen Hüttl!«

Der Fürst blickte auf, als wäre bei diesem Namen eine Erinnerung in ihm wach geworden. »Zum Steinernen Hüttl?« Er lächelte. »Gut! Steigen wir hinauf! Wohnen Leute da droben – beim Sternen Hüttl?«

»Aber freilich! Der Senn und sein Bub.«

»Sonst niemand?«

»Na! Kein Mensch sonst. Es steht bloß die einzig Sennhütten droben.«

»Aber gestern am Abend, als ich den kleinen Spaziergang machte, kam jemand von dort oben herunter.« Wieder lächelte der Fürst. »Das war nicht der Senn. Auch nicht sein Bub.«

»Wird halt a Tourist gwesen sein. Da droben is an Übergangl von der Zugspitz rüber. Da kommen oft Touristen vom Bayrischen her. Der Weg is net grob und is gut zum Gehn.«

»Auch für Damen?«

»Ah ja! Ich bin schon öfters einer begegnet. Und dös muß ich sagen: die haben mir allweil gfallen. Ich bin net gut auf d' Weiberleut z'reden. Aber wenn ich merk, daß eine ihr Freud an der lieben Natur und an die Berg hat, da lupf ich mein Hütl net ungern. A bißl Gerechtigkeit muß der Mensch auch bei die Weiberleut gelten lassen.«

Sie waren zum Försterhäuschen gekommen, unter dessen Tür der Praxmaler-Pepperl stand, mit hängenden Armen und einwärts gedrehten Fußspitzen: das verkörperte schlechte Gewissen. Scheu blickte er seinem Herrn entgegen, und dieser Blick schien in banger Sorge zu fragen: »Bin ich jetzt schon verklampert oder net?«

Lächelnd nickte der Fürst ihm zu: »Ausgeschlafen, Pepperl?«

Die freundliche Ansprache verwandelte den Jäger in einen anderen Menschen. Seine Gestalt streckte sich, als wäre ihm alle Müdigkeit der durchwachten Nacht aus den Gliedern geblasen. »Grad hab ich noch a Stünderl nachgeholt«, sagte er mit verlegenem Lachen, »denn dös is wahr, Herr Fürst, heut nacht hab ich a bißl z'viel derwischt.« Kleinlaut, als bedürfte diese Tatsache einer Entschuldigung, fügte er bei: »Enker Wein is so viel stark. Allweil brummt's mir noch a wengerl unter die Haar.«

Das kam so drollig heraus, daß Ettingen lachen mußte. Auch der Förster lachte und sagte gutmütig: »No also, leg dich halt wieder nieder auf d' Ohrwaschln! Die gnädig Duhrlaucht gibt dir dienstfrei übern Tag. Aber bis zur Abendpirsch mußt wieder a lichts Kopfl haben. Oder ich wasch dir deine Schneckerln!«

»Wird's net brauchen!« stotterte Pepperl. »Und schlafen? Dös gibt's net! Jetzt pack ich zamm und marschier aussi zum Sebensee.« Er wandte sich an den Fürsten. »Wissen S', Duhrlaucht, beim Sebensee draußen, da steht unser bester Hirsch. A Vierzehnergweih hat er droben, nix Schöners gibt's nimmer auf der Welt. Heut am Abend schau ich mir sein Auszug an, und wenn er am richtigen Fleckl steht, so müssen S' mit, Duhrlaucht, gleich morgen in der Fruh! Die Freud, Herr Fürst, daß S' Enkern ersten Hirsch mit'm Pepperl schießen – die Freud, die müssen S' mir machen! Recht schön tät ich bitten drum. Gelten S', ja?«

»Ja, Pepperl, den holen wir uns morgen.«

In seiner Glückseligkeit schrie Pepperl einen klingenden Jauchzer in die Sonne. Dabei fuhr er mit dem Kopf so derb gegen einen vorspringenden Balken der Hütte, daß der Förster rief: »Hö, hö, hö, laß mir wenigstens 's Häusl noch stehn!«

»Ja, schiergar hätt' ich's mit umgrissen!« lachte Pepperl, rieb sich die Haare und verschwand mit brennendem Eifer in der Hütte.

Als er nach einer Weile, fertig für den Pirschgang, wieder aus der Tür trat, war der Förster mit dem Jagdherrn schon im Wald verschwunden. Lustig blinzelnd lugte Pepperl zum Fürstenhaus hinauf und gewahrte an einem offenen Fenster den Kammerdiener. »Ja, Mannerl! Morgen fallt der Vierzehner. Nacher kannst mich verklampern, wie d' magst!« Schon wollte er mit langen Schritten seinen Weg beginnen. Da blieb er erschrocken wieder stehen und blickte sorgenvoll zur Sennhütte hinunter. »So, schön! Jetzt bleibt dös dumme Madl den ganzen Tag ohne Aufsicht! Mar und Joseph, was tu ich denn da?« In dieser Sorge bekam der Praxmaler-Pepperl zu merken, daß es im Himmel einen gütigen Herrgott und draußen in der Leutasch einen gestrengen Bauern gab, der wöchentlich von der Tillfußer Alm seine zwanzig Pfund Butter sehen wollte.

Drunten an der Sennhütte wurde die Tür gesperrt, und Burgi, mit der hohen, gegen die Sonnenwärme dick vermummten Butterkraxe auf dem Rücken, schritt über das Almfeld hinunter.

Ein Aufglänzen selbstloser Schutzengelfreude leuchtete über das Gesicht des Jägers. »Gott sei Lob und Dank! 's Madl muß abtragen. Da kommt's vor Abend nimmer zruck!« So rechnete Pepperl in Gedanken. »Derweil is der Herr Fürst wieder daheim. Und da muß er bei der Arbeit sein, der Gschniegelte!« Mit einem seelenvergnügten Jauchzer quittierte er das Ergebnis dieser Rechnung und rief – unverkennbare Schadenfreude im Ton der Stimme – über das Almfeld: »He! Burgi! Tu dein braven Vatern schön grüßen, gelt!« Und mit langen Sprüngen hetzte er schräg durch den Wald hinunter.

Es dauerte nicht lang, da erschien unter der Tür des Fürstenhauses der Herr Kammerdiener in weiß und grün gestreifter Hausjacke, eine Zigarre zwischen den Zähnen und ein weißes Hütchen auf dem schön frisierten Kopf. Den Rauch in die Sonne blasend und dazwischen eine Arie aus »Rigoletto« pfeifend, spazierte er über das Almfeld hin und her. Wie zufällig geriet er vor die Sennhütte – und fand die Tür verschlossen.

»Fräulein Burgi!« rief er leis durch die Ritzen der Bretter. »Fräulein Burgi!«

Als er keine Antwort erhielt, wanderte er verstimmt davon. Beim Jägerhäuschen blieb er stehen und blickte durch das offene Fenster.

Drinnen lag Mazegger angekleidet auf dem Bett, das Gesicht in die Arme vergraben.

»Heda! Sie!«

Der Jäger erhob sich. Seine Augen waren heiß gerötet.

»Halten Sie sich fertig bis in einer Stunde. Sie haben einen Brief nach Leutasch zu bringen, der noch heut mit der Post nach Innsbruck muß.«

Mazegger biß die Zähne übereinander.

Als gält' es ein hochwichtiges und unaufschiebbares Geschäft zu erledigen, eilte Martin ins Fürstenhaus hinauf, holte aus seiner Kammer ein Notizbuch und ein Zentimeterband, begab sich in das »Grafenstübchen« und verriegelte hinter sich die Tür. Hier saß er eine Weile und betrachtete nachdenklich den anspruchslos möblierten Raum und die weiß getünchten Wände. Dann maß er alle Mauern und Fenster ab – und begann in sein Notizbuch eine lange Liste zu schreiben:

   1. Zartgeblümte Seidentapete auf mattblauem Fond, für 46 qm Wandfläche; Plafond 16 qm.
   2. Für zwei Fenster seidene Gardinen von etwas tieferem Blau; Spitzen als Unterlage; Leisten in Weiß und Silber; Stors in gedämpftem Rosa oder zartem Heliotrop, mit allem Zubehör.
   3. Portieren für eine Tür, Stoff und Farbe der Gardinen; ohne Spitzen; mit allem Zubehör.
   4. Englischer Teppich, 16 qm, 4:4, dem Blumenmuster der Tapete entsprechend.

So schrieb und schrieb er, bis die Liste über fünf Seiten seines Notizbuches ausgewachsen war. Dann verließ er das Stübchen, versperrte die Tür und steckte den Schlüssel zu sich.

Eine halbe Stunde später trug Mazegger einen Brief davon, der an einen Hotelier in Innsbruck adressiert war. –

Für fünf Uhr nachmittags war das Diner befohlen. Wenige Minuten früher kehrte der Fürst zurück.

Trotz der siebenstündigen Wanderung, die kreuz und quer durch Wälder und Latschenfelder und über steile Almen gegangen war, verriet seine Haltung keine Spur von Müdigkeit. Sein Gang war fester als am Morgen, seine Augen hatten Leben und Feuer, und die heiße Julisonne hatte ihm das Gesicht verbrannt, daß es glühte – nur die Stirn, soweit sie im Schatten der Hutkrempe lag, war weiß geblieben.

»Martin!« rief er dem Diener zu, der in seiner schwarzen Gala schon wartend am Zauntor stand. »Nur flink die Suppe! Mich hungert.«

Mit einem Sprung nahm der Fürst die drei Stufen, die zur Haustür hinaufführten.

Eine minder gute Laune schien Förster Kluibenschädl von dem weiten Weg nach Hause zu bringen. Beim Steigen mußte ihm ein kleines Malheur passiert sein: von der Lederhose, die auch sonst sehr übel zugerichtet war, hing ein handgroßer Rißlappen herunter. Ohne beim Försterhäuschen anzuhalten, ging er auf die Jägerhütte zu; es gewitterte in seinen kleinen Blitzaugen. Als er die Hütte leer fand, lachte er.

»So, so? Net daheim bist? Aber wart nur, Bürscherl, auf d' Nacht, da kommst mir schon!«

Nach einer Weile kräuselte sich vom Dach des Försterhäuschens der blaue Rauch mit spielenden Ringeln hinauf in die linde, reine, sonnige Abendluft.

Der einsame Koch – an Stelle der blessierten Lederhose trug er ein graues Beinkleid von wahrhaft vorsintflutlichem Schnitt, mit großen Buckeln an den Knien – hatte den Schmarrenteig angerührt und ließ ihn aus der Holzschüssel in das prasselnde Schmalz rinnen.

Nachdem er gespeist und das Geschirr wieder säuberlich gespült hatte, nahm er das »Geheimnis von Woodcastle« aus der Schublade und begann zu lesen. Recht zum Übel für seine ärgerliche Stimmung kam er da gerade an das Kapitel, in dem die Feinde Lord Fitzgeralds, über ihren gelungenen Schurkenstreich triumphierend, sich zu einem üppigen Mahl zusammenfanden, bei dem die Austern mit Chablis, der Lachs mit Burgunder und die gebratenen Fasanen mit Champagner begossen wurden. Den Leser empörte diese ungerechte Verteilung der irdischen Freuden: während der gute, schuldlose Lord im tiefsten Kerker »lechzete«, inzwischen schwelgten und schlemmten die »ruchlosen Buben« auf seine Kosten!

»Himmelkreuzteufel noch amal! Da sollt doch der liebe Herrgott dreinfahren mit'm Dreschflegel. Müssen denn die schlechten Kerln allweil obenauf sein und die Guten allweil unterliegen? Meiner Seel! Da könnt ein' 's Leben verdrießen!« Das »Geheimnis von Woodcastle« sauste wieder in einen finsteren Winkel der Schublade.

Seufzend erhob sich der Förster, nahm die zerrissene Lederhose vom Zapfenbrett und betrachtete den Schaden. »Flicken wir s' halt wieder!« Aus einer Truhe, die unter dem Bett stand, holte er sein »Nahtereischachterl« hervor, und da es im Stübchen schon dämmerig wurde, setzte er sich mit seiner Flickerei auf die Schwelle der Hüttentür.

Es wurde ihm schon heiß, noch ehe die Arbeit recht begonnen hatte. Auch die gröbste Nadel, die er besaß, war zu »gring« für seine dicken Finger; er konnte sie kaum fassen und halten; der grobe Zwirn wollte nicht durch die Öse gleiten und dröselte sich auf; und weil der Förster den doppelt genommenen Faden zu stark gewichst hatte, glitschte er ihm beim Schlingen des Knotens immer wieder aus. Endlich war er so weit, um den ersten Stich zu machen. Da stach er sich auch gleich in den Finger. Seufzend leckte er den kleinen Blutstropfen ab, hielt den Finger übers Knie und klopfte ihn mit der Faust. Dann nähte er weiter. Nach jedem Stich zog er so grimmig an, daß der Faden sich spannte wie eine Saite. Dabei wurde die Naht so pfriemig wie ein schlecht geheilter Studentenschmiß.

Als die harte Arbeit mit Not und Seufzen vollendet war, begann es schon zu dunkeln. Da sah er am Fenster der Jägerhütte den Lampenschein aufblinken. »So, Bürscherl, bist daheim? Jetzt kommst mir aber grad in Wurf!« Er trug die geflickte Hose und das Nähzeug in die Stube und ging hinüber zum Jägerhaus.

Mazegger kniete vor dem eisernen Sparherd, um Feuer anzuschüren.

»Du? Wo warst denn heut?«

Zögernd erhob sich der Jäger. Er schien es gleich zu merken, daß sich ein Gewitter über ihm entladen sollte. »Der Kammerdiener hat mir einen Brief übergeben. Den hab ich nach Leutasch getragen.«

»So? Da kannst freilich aufs Wild net aufgschaut haben. Aber was hast denn gestern gsehen? Auf der Abendpirsch?«

»Nichts.«

»So? Gar nix? Und gegen Leutasch naus bis gwesen? Im Hämmermoos?«

Mazegger wandte sich zum Herd und nickte.

Da brach das Gewitter los. »Du Lugenschüppel, du gottverlassener! Da schau her!« Der Förster griff in die Joppentasche und warf dem Jäger die Sichel einer Spielhahnfeder vor die Füße. »Da hast dein Federl wieder! Am Steig zum Steinernen Hüttl droben hab ich's gefunden. Warum lügst mich denn so an?«

Brennende Röte war über das bleiche Gesicht des Jägers geflogen. Seine Augen funkelten.

Der Förster betrachtete ihn vom Kopf bis zu den Füßen. Dabei verrauchte sein Zorn, und er sagte mit ruhigem Ernst. »Toni! Jetzt will ich dir die letzte Verwarnung geben. 's Lugen vertrag ich net. Alles kann ich eim Jager verzeihen, a Jager ist auch nur a schwacher Mensch. Aber 's Maul, wenn er aufmacht im Dienst, muß ich a wahrs Wörtl hören. Und drum sag ich dir's jetzt als dein Fürgsetzter: lügst noch an einzigs Mal, so kannst deine sieben Zwetschgen packen.«

Schweigend starrte der Jäger in die Lampenflamme und nagte an der Lippe.

»So! Und jetzt reden wir noch von was anderm mitanander, weißt, Tonerl, als Mensch und Mensch.«

Mazegger drehte langsam das Gesicht über die Schulter, und seine Augen wurden klein.

»Ich bin dir gut gwesen, Toni, wie ich gut bin zu alle Leut. Oft, wenn du deine gachzornigen Streich so gmacht hast, hab ich mir denkt: trag's ihm net nach, er is verwildert, hat als Kind viel Unglück erfahren, hat d' Mutter hergeben müssen und hat den Vater verloren. Aber wer in verstandsame Jahr kommt, muß in ihm a bißl aufrichten, was bucklet graten is. In dir, Toni, wachst sich was aus, was mir Sorgen macht. Und da fallt dir jetzt noch so an Unsinn ins Blut –«

Der Jäger fuhr auf: »Herr Förster!« Es blitzte in seinen Augen. »Sagen Sie mir meinetwegen als Vorgesetzter, was Sie wollen. Das muß ich anhören. Was über den Dienst hinaus und mich allein angeht, bitt ich in Ruh zu lassen!«

»So?« Dem Förster schwollen an den Schläfen die Adern; seine Stimme blieb ruhig. »So sag ich dir's halt im Dienst: mach du deine Pirschweg und lauf net allweil deiner Narretei nach, statt dem Jagdschutz! Meinst, ich weiß net, warum mich gestern wieder anglogen hast und heimlich beim Steinernen Hüttl droben warst? Ich müßt ein' Eselstritt von einer Hirschfährten net unterscheiden können. 's Fräuln wird auf der Alm droben gmalt haben, und da bist ihr wieder nachgstiegen, Toni! Denk a bißl, wer du bist und wer dös Fräuln is! Ja, schau mich nur an! Und laß mir dös Fräuln in Ruh! Sonst hast es mit mir z'tun! Brock dir a Blüml, dös für dich gewachsen is am Weg! Aber streck deine Hand net aus nach eim Sterndl, dös am Himmel glanzt.«

Mazegger lachte, und ein häßlicher Zug legte sich um seinen Mund. »Ein Sterndl? So? Da muß freilich ein anderer kommen! Vielleicht so einer wie unser gnädiger Herr Fürst? Bieten Sie 's ihm doch an! Er hat ihr gestern eh schon nachspekuliert mit seinen hochfürstlichen Augen –«

Weiter kam Mazegger nicht; eine schallende Ohrfeige schnitt ihm die höhnische Rede ab. Einen Augenblick stand er mit aschfahlem Gesicht. Dann sprang er wie ein wütendes Raubtier dem Förster an den Hals.

»Du! Ah, schau! So einer bist du!« Sie rangen miteinander, und es gehörte die zähe Kraft des schweren Mannes dazu, um die Fäuste von sich abzuwehren, die seinen Hals umschlossen. Ein Ruck, ein Schwung dieser stählernen Arme, und Mazegger taumelte gegen die Wand. »So, du!« Schwer atmend brachte Kluibenschädl den aufgerissenen Hemdkragen wieder in Ordnung. »Über vier Wochen such dir an anderen Dienst! Müßt ich mich net schenieren, daß ich dem Herrn Fürsten den Grund sag, so tät ich dich heut auf d' Nacht noch davonjagen. Dem Herrn Fürsten z'lieb soll's heißen, daß selber kündigt hast! Verstehst? Und solang 's Fräuln am Sebensee draußen is, gehst mir nimmer aussi! Dös sag ich dir!« Er drehte dem Jäger den Rücken und schritt zur Tür.

Leichenblaß und zitternd an allen Gliedern starrte Mazegger ihm nach. Als der Förster schon in der Tür verschwinden wollte, riß der Jäger das Messer von der Hüfte. Er machte einen Schritt. Dann sank ihm der Arm. Er schleuderte das Messer fort und preßte die Faust an seine Stirn.

Das hatte der Förster nicht mehr gesehen. Er stand schon draußen in der Nacht und spuckte aus, als hätte er damit einen symbolischen Punkt hinter die erledigte Geschichte der letzten Minuten gesetzt. Unschlüssig blickte er zum Fürstenhaus hinauf, dessen Fenster hell in den dunklen Abend leuchteten. Ob er nicht doch seinem Herrn den Vorfall melden sollte? Er schüttelte den Kopf zu diesem Gedanken, ging in seine Hütte und zündete in dem finsteren Stübchen die Lampe an. Als er auf dem Bett die geflickte Lederhose liegen sah, nahm er sie und betrachtete beim Lampenschein die wulstige Naht. »Sakra, sakra«, brummte er seufzend vor sich hin, »die wird mich drucken!« Er hängte die Lederhose an den Kleiderrechen und sah sie mißtrauisch noch einmal an. Dann holte er das Geheimnis von Woodcastle aus der Tischlade.

Im gleichen Augenblick kam der Praxmaler-Pepperl zur Tür hereingestürmt, atemlos von einem zweistündigen Dauerlauf. »Herr Förster! Der Hirsch is heut am richtigen Fleck! Wenn der Herr Fürst morgen in der Fruh mit mir aussi marschiert zum Sebensee, kommt ihm der Hirsch auf hundert Schritt.«

»No also, geh nur gleich nauf und mach Rapport!«

Pepperl stellte die Büchse fort und rannte davon. Als er nach einer Viertelstunde zurückkam, berichtete er mit aller Freude, deren er in seiner Erschöpfung noch fähig war: »Morgen kracht's. Der Herr Fürst geht mit. Um zwei in der Fruh wird abmarschiert.« Ans Kochen und Essen dachte er nimmer. So müd war er. Nur den Wecker stellte er. Dann stieß er die Schuhe von den Füßen und warf sich angekleidet auf die Matratze.

Eine Minute, und er schlief bereits. Wohl war ihm droben im Försterhaus der »Schwarzlackierte« begegnet. Aber der Gedanke an des »dumme unbetreute Madl« und am Burgis »armen alten Vater« ging ihm unter in diesem Bärenschlaf seiner Müdigkeit. Und während Pepperl sägte, saß Kluibenschädl bei der Lampe und las im Geheimnis von Woodcastle das spannende Kapitel von Lord Fitzgeralds wunderbarer Rettung. Und die standhafte Liebe der jungen, »berückend schönen« Lady Maud wirkte so zaubermächtig auf das Herz des Lesers, daß er dem Dichter sogar den Tod des armen Lion verzieh.

Er las noch immer, als gegen halbzwei Uhr morgens mit Gerassel der Wecker ging.

»He, Pepperl! Auf!«

Der Erwachende machte große Augen. »Mar und Joseph! Herr Förstner! Halb zwei? Und sie schlafen noch net?«

»Na!« Kluibenschädl wischte sich die Tränen seiner Rührung aus den Augen. »Aber jetzt haben s' anander, der Lord und die Laadi. Jetzt kann ich meine Augen zumachen!« Langsam begann er sich zu entkleiden. »Pepperl, dös Büchl mußt lesen! So was is schön: wenn zwei treue Liebsleut nach aller Gfahr anander kriegen. Da könnt man schier selber wieder ans Heiraten denken!« Er seufzte. »Wenn alle Weibsbilder so wären wie die Laadi!« Trübselig schüttelte er den Kopf und tauchte, während Pepperl in die Schuhe fuhr, bis an die Nasenspitze unter die Decke.

Ein paar Minuten, und Praxmaler war wegfertig. Als er die brennende Kerze in die Laterne steckte, fragte er plötzlich: »Bleiben Sie heut daheim, Herr Förstner?«

»Ja.«

»Da sollten S' Ihnen doch a bißl um den Herrn Kammerdiener kümmern.«

»Warum denn?« klang's mit Gähnen unter der Decke hervor.

»Weil er Langweil haben muß, wenn der Herr Fürst net daheim is.«

»Soll er halt 's Geheimnis von Wohdekastel lesen!«

»Plauschen, mein' ich, tut er lieber.«

»Soll er mit der Köchin plauschen!«

»Oder mit der Burgi? Net?« Pepperls Hände zitterten, daß die Laterne klirrte.

»Meintwegen! Mir is alles recht.«

»Aber wissen S', der Burgi gfallt er net recht. Die kann die Stadtischen net leiden. Und wann er plauscht mit ihr, da könnt s' ihm leicht an unbschaffens Wörtl sagen, dös ihn verdrießt. Ich mein', da sollten S' dabei sein. Daß sich 's Madl a bißl zruckhalt, wissen S'!«

»Ja, ja, is schon recht! Laß mich nur jetzt in Ruh! Und schau, daß der Herr Fürst den Hirsch kriegt! Und halt dich ordentlich auf der Pirsch, gelt! Daß d' mir kei' Schand net machst!«

»Na, na, da wird sich nix fehlen!« Pepperl holte noch einen schweren Seufzer aus dem tiefen Brunnen seiner Sorge herauf. Dann ging er. Vor dem Jagdhaus wartete er mit der Laterne, bis der Fürst aus der Tür trat.

»So, da bin ich, Praxmaler! Es scheint, wir werden gutes Pirschwetter haben.«

»A Morgen, Duhrlaucht, wie er net schöner sein könnt!«

Martin war hinter dem Fürsten in der Tür erschienen und fragte: »Bis um welche Stunde werden Durchlaucht wieder zurück sein?«

»Das weiß ich nicht. Pepperl, was meinen Sie?«

Pepperl zog diplomatisch die Achseln auf und schmunzelte, wie man bei einem glücklichen Einfall lächelt. »Da wird sich was Gnaus net sagen lassen. Jagd is Jagd. Da kann's gehn, wie's mag. Es kann lang dauern, aber wir können auch in aller Fruh schon daheim sein. Ja, Herr Kammerdiener, rühren S' Ihnen nur net weg von Ihrem Posten, damit S' net am End den Herrn Fürsten verpassen, wann er gahlings heimkommt. So! Und jetzt geben S' mir Ihr Büxl, Duhrlaucht! Da marschieren S' leichter. So! Hab die Ehre, Herr Kammerdiener!«

Auch Martin lächelte, während er geschmeidig den Rücken krümmte. »Weidmanns Heil, Durchlaucht!«

»Weidmanns Dank!«



Fünftes Kapitel

Sie wanderten hinaus in die Nacht, Pepperl mit der gesenkten Laterne voran und hinter ihm der Fürst, etwas unsicher auf dem holprigen Weg, über den die schwankende Laterne ihren trüben, gaukelnden Schimmer warf. Aber es währte nicht lang, und das Auge des Fürsten hatte sich an die Dunkelheit gewöhnt, sein Schritt an den rauhen Pfad.

»Sie können die Laterne löschen«, sagte er, »das Licht stört mich nur. Ich hab es gerne, in der Nacht zu gehen.«

Pepperl blies die Kerze aus, verbarg die Laterne in einem Busch und ließ seinen Herrn vorangehen auf dem Weg, der sich in dem schütteren Walde mit mattem Grau von dem schwarzen Rasen abhob.

Die Nacht war windstill; bald laut, bald wieder leiser werdend, plauderte der Wildbach wie im Halbschlaf; in tiefer Schwärze stieg der schweigende Wald bergan, und über den grauen Wänden funkelten am stahlblauen Himmel die zahllosen Sterne. Die Milchstraße, die draußen in der dunstigen Ebene auch in hellen Nächten nur matt erkennbar ist, schlängelte sich über den Sternenhimmel hin wie ein lichter Silberstrom, unterbrochen von schwarzen Inseln.

Zuweilen ging ein sanftes Hauchen durch die finsteren Bäume, als hätte die Natur im Schlummer wohlig aufgeatmet. Und wenn es kam, dieses kurze linde Hauchen, trug es von den Almen den Wohlgeruch der Brunellen ins Tal herunter, einen süßen Duft, der an köstliches Gewürz erinnert.

Immer wieder blieb Ettingen stehen, auf den Bergstock gestützt, und träumte hinein in das nächtliche Schweigen des Waldes.

»Wie schön! Und so viel Ruhe!«

Als er leise diese Worte vor sich hin murmelte, zuckte es über die langen Bergwände der Hohen Munde wie ein falbes Leuchten. Das währte nur einen Augenblick, doch alle Farben des Waldes, der Felsen und Almen erwachten in dieser Sekunde, um mit der nächsten wieder in Schlaf und Finsternis zu versinken.

»Was war das? Der Himmel ist klar –«

»Weit draußen im Flachland muß aber Wetter stehn. Da draußen hat's blitzt. Dös war der Widerschein.«

Ettingen lauschte, als müßte er den fernen Donner hören. In den sternfunkelnden Lüften blieb's ruhig und still.

Er lächelte. »Sturm und Wetter da draußen. Hier die Ruhe! Das Schweigen im Wald!«

Sie schritten weiter.

Zwei Stunden waren sie fast gewandert, und über den östlichen Bergen begann sich schon der Himmel zu lichten, als ihnen durch den Wald, in dem der Weg immer steiler wurde, leichte Nebelschleier langsam entgegenschwebten.

»Das Wetter von da draußen schickt seine Vorreiter in die Berge hinein«, sagte Ettingen, »der Tag wird trüb werden.«

»Gott bewahr, Duhrlaucht! An schönern Tag haben S' noch nie net gsehn! Der Nebel da, dös is bloß der Seedampf. Wissen S', zwischen die Felsen droben, da liegt der Firnschnee umanand. Da bleibt auch im heißen Sommer d' Nacht schön frisch. Und in der Fruh, da fangt der Sebensee zum Rauchen an. Dös muß so sein, dös is 's allerfeinste Wetterzeichen.«

Es währte nicht lang, und sie waren völlig eingehüllt von den ziehenden Dämpfen. Man konnte auf zwanzig Schritte kaum noch einen Baum unterscheiden. Daß in den Lüften der Tag erwachte, sah man nur an dem Grau des Nebels, der immer lichter und lichter wurde.

»Wie lange haben wir noch zu steigen?« fragte Ettingen.

»A Viertelstündl. Da is schon der See.«

Aber vom See war keine Spur zu gewahren. Es hoben sich nur ein paar grobe Felsblöcke des Ufers von dem weißlichen Rauch mit verschwommenem Dunkel ab, man hörte das leise Geplätscher, mit dem das Wasser die Steine umspülte, und tief aus dem Ehrwalder Tal herauf summte das Brausen des Wasserfalles, der den Abstrom des Sees hinunterwarf über turmhohe Wände.

Der Pfad stieg immer mehr und verlor sich in ein steiles Latschenfeld. Als die Jäger einmal rasteten, hörten sie auf dem Weg die Steine klirren. Wie ein dunkler Schatten huschte ein großes Tier an ihnen vorüber und verschwand im Rauch.

»War das ein Stück Hochwild?«

»Ja, ja, wird schon so was gwesen sein!« Pepperl schmunzelte. Er brachte es nicht übers Herz, seinem Jagdherrn ins Gesicht zu sagen, daß er im Nebel einen Maulesel für Hochwild angesehen hätte. »Gar weit haben wir nimmer hin bis zum Hirsch, jetzt müssen wir d' Füß a bißl in acht nehmen.«

Lautlos kletterten die beiden Jäger zwischen den Latschen hinauf. Je höher sie kamen, desto häufiger schüttelte Pepperl den Kopf. »Jetzt dürft sich der Nebel bald verziehen! Oder es spuckt in der Fechtschul!«

Minute um Minute verging, und es wurde nicht lichter. Wohl hauchte manchmal ein frischer Windzug von den unsichtbaren Wänden nieder, aber der Nebel lag fest und wollte nicht weichen.

Sie hatten im steilen Latschenfeld einen Rasenbuckel erreicht, als Pepperl flüsternd im Klettern innehielt:

»Jetzt können wir nimmer weiter! Der Hirsch muß in der Nähe sein, auf'n schönsten Schuß. Was machen wir jetzt? Teufi, Teufi, Teufi! Wenn's schief geht, Duhrlaucht, so kann ich nix dafür! So a Hundsnebel, so a miserabliger!«

Ettingen tröstete leise: »Machen Sie sich keine Sorgen, Pepperl! Wenn auch die Pirsche fehlschlägt, der Weg war wunderschön und hat mir Freude gemacht.«

»Der Weg? No ja, a schöner Weg is auch was Schöns. Aber lieber wär mir der Hirsch. Wenn nur der Teufel den Nebel kreuzweis reiten möcht!«

Als wäre der fromme Wunsch des Jägers an die richtige Adresse geraten, so fuhr im gleichen Augenblick ein scharfer Windstoß über das Latschenfeld herunter und riß die wallenden Schleier entzwei.

»Mar und Joseph!« lispelte Pepperl. »Duhrlaucht! Der Hirsch!«

Kaum hundert Schritte von den Jägers entfernt, kam der Hirsch gemächlich durch die Latschen gezogen und gabelte mit dem mächtigen Geweih wie spielend in die Büsche. Doch ehe Praxmaler die Büchse spannen und dem Fürsten reichen konnte, war der Nebel schon wieder zusammengeflossen, alles grau verhüllend.

Pepperl zitterte vor Aufregung an allen Gliedern und flüsterte: »Teufi, Teufi, Teufi, jetzt is gfehlt! Jetzt hat er uns gleich im Wind. Und nacher bhüt dich Gott, Hirscherl!«

Da hörten sie in nächster Nähe das Brechen von Zweigen und den Schritt des Wildes. Wie ein großer, grauer Schemen tauchte dicht vor ihnen der Hirsch im Nebel auf. Nun verhoffte er und wandte sich zur Flucht – aber da krachte auch schon der Schuß. Im Nebel war der Hall der Büchse dumpf und kurz, man hörte kein Echo, nur ein mattes Gepolter im Geröll, über das der Hirsch gegen das Seetal hinunter flüchtete. Dann Stille.

Dem Praxmaler-Pepperl klopfte das Herz, daß man es hören konnte wie dumpfen Hammerschlag. Und die Hände um die Ohren höhlend, lauschte er talwärts.

Scharf blies der Wind von den Felsen. Der Nebel kräuselte sich um die Büsche und flatterte, wurde lichter und lichter, und in der Höhe begann es schon zu schimmern wie mattes Blau und wie ein Rätsel des Sonnenglanzes. Da rissen die Schleier entzwei –wie sich ein Vorhang teilt, der ein heiliges Wunder verhüllte. Leuchtende Matten sah man, ein steiles Latschenfeld in blauem Schatten, hier eine graue Wand und dort eine Reihe scharf geschnittener Spitzen, rosig angeflogen vom Schein der Morgensonne. Nur wenige Minuten, und die Höhe, auf der die Jäger ruhten, war völlig nebelfrei. Groß und schweigend dehnte sich rings um sie her die Felsenwildnis, in mächtigem Halbkreis umzogen von starrendem Gewänd. Ihnen zu Füßen lag der Nebel ausgegossen, flach und weiß wie Milch, und drüben stiegen aus dem Meer dieser silbernen Dünste wie Steinkolosse der Wetterschrofen auf, über deren wild zerrissenen Grat die goldleuchtenden Schneegehänge der Zugspitze herüberblinkten.

Immer rascher zog und streckte sich der Nebel, und während seine tieferen Massen gegen Osten hinausströmten über das Geißtal, lösten seine höheren Ränder und Zungen sich auf in blaue Luft. Allmählich enthüllten sich im Westen die schön gewellten Waldberge von Lermoos und Reutte, das Ehrwalder Tal entschleierte sich mit seinem blitzenden Bach, mit seinen Wiesen und ausgestreuten Häusern. Schon sah man die Ehrwalder Alm, auf der sich mit dem fernen Gebrüll der Rinder die jauchzende Stimme eines Hirtenbuben mischte. Schon stachen die Wipfel des Sebenwaldes schlank und spitz aus dem Nebel heraus. Noch eine kurze Weile, und aus den in Luft und Sonne zerfließenden Dünsten leuchtete ein stilles grünes Wasserauge aus der Tiefe herauf: der Sebensee, ein kreisrundes Felsenbecken, erfüllt mit einer Flut von so kristallener Klarheit, daß man jeden Steinblock und jeden versunkenen Baum auf dem Grunde deutlich unterscheiden konnte. Steinhalden und flache Almfelder umsäumten auf der einen Seite den See, auf der anderen wurde sein Ufer gebildet durch mächtige Felsklötze, durch schroffe Wände und steile Latschenbeete, zwischen deren vereinzelten Zirbenbäumen und Fichten das Schindeldach einer kleinen Hütte leuchtete.

»Solch einen Morgen zu sehen! Ist das nicht schöner als alle Jagd?«

Zum Glück für den weidmännischen Respekt, den ein Jäger vor seinem Jagdherrn haben soll, überhörte Pepperl diese stille, lächelnde Weisheit. Denn ehe der Fürst noch ausgesprochen hatte, war Praxmaler aufgesprungen, als hätte er plötzlich bemerkt, daß er auf glühenden Kohlen säße.

»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Der Hirsch! Da drunten liegt der Hirsch!« Die Freude schien den Pepperl in einen Wahnsinnigen verwandelt zu haben. »Jessesmaria! Da liegt der Hirsch! Da liegt er ja! Da liegt er! Da liegt er!« Ein Jauchzer, daß alle Wände widerhallten von diesem jubelnden Schrei. Und in der einen Hand den Bergstock, in der anderen die Büchse, hetzte Pepperl über Büsche und Geröll hinunter, daß es anzusehen war, als müßte er sich bei jedem Sprung überstürzen, um Hals und Bein zu brechen. Jetzt verschwand er in den Latschen. Ein heller Jauchzer kündete an, daß er den Hirsch erreicht hatte.

Nun stieg auch Ettingen hinunter, und als er die Mulde erreichte, zwischen deren Büschen der Hirsch, mit der Kugel im Herzen, verendet niedergebrochen war, kam Pepperl ihm schon entgegen, mit einem Sträußl blühender Almrosen in der zitternden Hand. Die Augen des Jägers blitzten vor Freude, seine Wangen brannten vor Erregung. »Gratalier, Herr Fürst! Gratalier zum ersten Hirsch bei uns! Da kommen S' her! Schauen S' ihn an! Was dös für a Hirsch is! A Gweih hat er droben – Teufi, Teufi, Teufi, is dös aber Gweih! Und den Schuß, den er hat! Im Nebel so an Schuß machen! Wie naufzirkelt aufs Blatt! Gelten S', Duhrlaucht! Gelten S', dös freut Ihnen? Gelten S', ja? Und schauen S', Duhrlaucht – weil S' jetzt die allerschönste Freud haben –, jetzt muß ich gleich was raussagen! Gestern auf d' Nacht, meiner Seel, es is wahr: da hab ich mich schauderhaft aufgführt! An Rausch hab ich ghabt, daß ich mich selber schenier! Und im Rausch, da bin ich mit'm Herrn Kammerdiener zammgwachsen und hab ihm schieche Sachen gesagt. Schieche Sachen, Duhrlaucht, schieche Sachen!«

Er schnaufte wie ein von schwerer Bürde Erlöster. »Jetzt is's heraußen! Gott sei Dank!« In Zerknirschung guckte er an seinem Herrn hinauf: »Ich bitt schön, Duhrlaucht, tun S' mir halt gnädig verzeihen! Gschehen soll's nimmer, da leg ich mei Hand dafür ins Feuer! Tun S' mir halt verzeihen! Gelten S', ja?«

Lächelnd hatte Ettingen diese drollig wirkende Beichte angehört. Nun klopfte er dem Jäger freundlich auf die Schulter. »Ja, Pepperl, die Sünde soll vergeben und vergessen sein! Aber nehmen Sie ein andermal Ihren Durst in festere Zügel! Und nun sagen Sie mir – hat Ihnen Martin Ursache gegeben, daß Sie grob gegen ihn wurden?«

Eine dunkle Blutwelle schoß dem Jäger ins Gesicht, aber er sagte entschieden: »Na, na, Duhrlaucht, gwiß net! Der angfangt hat, der bin schon ich gwesen!« Ein Glück, daß sich Ettingen zu dem erlegten Hirsch wandte, um das Geweih zu betrachten. Länger hätte Pepperl den forschenden Blick seines Herrn kaum ertragen, ohne in Verlegenheit zu geraten. Nun atmete er erleichtert auf, kreuzte die Fäuste über der Brust und tat einen dankbaren Blick zum Himmel, wie einer, der sagen will: »Gott sei Dank, jetzt bin ich wieder gesund!« Dann warf er die Joppe ab und zog das Messer, um an dem erlegten Hirsch das weidmännische Handwerk zu üben.

»Das seh ich nicht gerne«, sagte Ettingen, »bei dieser Arbeit laß ich Sie lieber allein. Ich steige zum See hinunter und warte dort, bis Sie nachkommen.«

Die Büchse zurücklassend, folgte er einem Almsteig, der in Windungen durch das Latschenfeld zum Seeufer hinunterführte. Als er zu den lichter stehenden Bäumen kam, vernahm er den süßen Schlag einer Ringdrossel. Er lächelte. Der zärtliche Vogelruf erweckte in ihm die Erinnerung an jenen ersten Abend, an jene seltsame Begegnung im schweigenden Wald.

In Gedanken versunken folgte er dem Pfad und blickte erst wieder auf, als er den See erreichte. Still und schimmernd lag die grüne Flut zu seinen Füßen, durchsichtig wie Glas. Die glatte Oberfläche war durchzogen von langen Silberstrichen und spiegelte mit reinen Linien und grün behauchten Farben alle Felsblöcke des Ufers, die Bäume und einen sonnbeglänzten Berg. Hunderte von den kleinen Blütenkelchen der Alpenrose waren ausgestreut über den See und schwammen gleich winzigen Blutstropfen im stillen Grün.

Lange stand Ettingen in Schauen vertieft, bevor er dem linken Ufer folgte, auf dem sich zwischen Wasser und steilem Berggehäng ein halb verschütteter Pfad erkennen ließ.

Durch eine tief geschnittene Bergscharte glänzte schon die Sonne herein ins Seetal und durchleuchtete am Ufer einen breiten Streif des Wassers. Große Forellen standen so dicht am Spiegel, daß ihre sacht spielenden Rückenflossen halb aus dem Wasser ragten. Wenn sie den einsamen Wanderer gewahrten, machten sie eine jähe Wendung, schwammen pfeilschnell der grünen Tiefe zu, und wo sie gestanden, blieb eine silberblitzende Linie zurück.

Ettingen hatte den Pfad verloren und konnte nicht mehr weiter. Ein hoher, überhängender Felsblock stieg vor ihm aus dem Wasser auf und sperrten den Weg. Aber die Nische, die der mächtige Steinwall bildete, bot ein freundliches Plätzchen zum Rasten –und das mußte auch schon ein anderer gefunden haben, denn unter dem Fels war eine Bank aus Steinen zusammengetragen und mit Fichtenzweigen und Moos belegt.

Er ließ sich nieder. Hatte der Weg ihm so warm gemacht? Er fühlte ein heißes Brennen auf den Wangen und schöpfte mit der Hand von dem kalten Wasser, um die Glut seines Gesichtes zu kühlen.

Dann saß er, die Arme übers Knie gelegt, und während er träumend in die stille grüne Flut blickte, spann er lächelnd die Gedanken weiter, die ihn begleitet hatten, seit er den Schlag der Drossel vernommen.

Und seltsam! Wie kann nur eine Erinnerung sich so lebhaft vor den Augen gestalten? Als wäre sie aus seiner Seele herausgetreten in die Luft, vor seinen Füßen versunken im See! Zwischen dem Spiegelbild der Alpenrosen, die über den Saum des Felsens niederhingen, sah das schöne »Schweigen im Walde« aus der Flut zu ihm herauf wie ein ernstes Nixengesichtchen mit großen Augen! Die lockig aufgelösten Haare, die das Gesicht umschwankten, schienen im grünen Wasser zu schwimmen und aus der Tiefe heraufzustreben. Jetzt kam eine Hand und strich die Locken zurück – im gleichen Augenblick verschwand das Gesicht, und jäh erweckt aus seiner träumenden Märchenstimmung, fuhr Ettingen betroffen auf. Nicht seine eigenen Gedanken hatte er gesehen, sondern ein Spiegelbild der Wirklichkeit. Und als er hinaufspähte zum Rand des Felsens, hörte er das Rieseln kleiner Steine und einen leichten Schritt, der sich entfernte. Dann wieder Stille. Von den überhängenden Büschen flatterten ein paar Almrosenkelche wie rote Käferchen durch die Luft herunter und fielen in die Flut.

»Das schöne Wunder geht um! Auf jedem meiner Wege!« murmelte Ettingen lächelnd vor sich hin und wanderte am Ufer zurück, um den verlorenen Weg zu suchen.

Da fühlte er wieder jenes Brennen im Gesicht, und wieder schöpfte er Wasser mit der Hand, um die schmerzenden Wangen zu kühlen.

Er fand den Pfad, der steil durch die Latschen hinaufkletterte und zur Höhe des überhängenden Felsens führte. Und da versperrte ihm ein lebendiger Riegel den Weg – ein Esel, der von den dürren Ästen einer altersmüden Fichte die zarten Fäden der Bartflechte herunterschmauste.

»So? Bist du auch da? Guten Morgen!«

Ettingen streckte die Hand, um das Grautier zu locken. Aber der Esel machte scheue Augen, schüttelte trotzig die langen Ohren, schlug mit den Hinterfüßen aus und sauste durch die Latschen gegen den See hinunter.

Lachend sah ihm Ettingen nach: »Wenn deine märchenhafte Herrin nicht freundlicher ist –«

Über den Zweigen einer Erlenstaude sah er ein dunkelblaues, noch feuchtes Schwimmkleid und einen weißen Bademantel zum Trocknen ausgebreitet.

Besonders empfindlich und verzärtelt schien sie nicht zu sein, die schweigsame Waldfee! An solch einem frischen Bergmorgen in 1600 Meter Höhe ein Seebad mit 10 Grad Reaumur? Das war ein etwas gruseliges Vergnügen, gegen das sich unter Umständen auch eine gesunde Männerhaut energisch wehren konnte Und solch ein knospenhaftes, zierlich schlankes Ding, das die Zwanzig kaum überschritten haben konnte. Schon überschritten? Nein! Aus den großen ruhigen Augen blickte wohl ein klarer Lebensverstand, wie ihn frühe Jugend nicht besitzt. Doch die schmalen Wangen hatten noch etwas Kindhaftes, und der schöne Mund erzählte von der unberührten Reinheit einer Mädchenseele, die nur Sonne erlebt haben konnte, keinen Sturm und Schmerz.

Wer sie sein mochte? Und was suchte und trieb sie hier? Daß sie die Natur liebte, sich selbst genug war und sich wohl fühlte in der Einsamkeit, das war ein gutes Zeugnis für ihr Wesen und ihre Geistesbildung. Wer die Welt nicht nötig hat, ist immer reicher als die Welt. Und die Einsamkeit verträgt nur jener, der sich selbst in jeder Stunde etwas zu sagen hat.

Wer war sie? Vielleicht die Tochter stadtmüder Leute, die dort unten im Ehrwalder Tal ihre Sommerfrische genossen? Nein! Wenn sie noch Eltern hätte? Die würden ihrem Kinde solche Freizügigkeit nicht gestatten, auch nicht einem Kinde, das neben eigenen Gedanken auch Mut und eigenen Willen hat. Denn Mut gehört dazu, wenigstens für ein Mädchen, so einsam in menschenferner Bergwildnis zu hausen.

Aus dem dichten Latschenfeld war Ettingen auf eine von wenigen alten Wetterfichten überschattete Lichtung getreten, die einen freien, herrlichen Ausblick bot über den See und gegen das Geißtal hinaus, über den Sebenforst und das Ehrwalder Tal. Inmitten des Platzes erhob sich ein kleines Blockhaus, aus dessen eisernem Kaminrohr sich milchblaue Rauchwölklein emporkräuselten in die sonnige Morgenluft. Überall an den Balken der Hütte schlangen sich Efeuranken bis unter das vorspringende Dach, bildeten über der halb offenen Tür eine kleine Laube und ließen von den Holzwänden nicht viel mehr gewahren als zwei kleine, mit grünen Läden versehene Fenster, hinter deren blanken Scheiben rote Vorhänge schimmerten. Neben der Tür zog sich eine Holzbank hin, auf der eine Messingpfanne zwischen hölzernen Tellern und weißem Teegeschirr zum Trocknen in der Sonne stand. Ein Stangenzaun, an dem eine Zeile junger Fichtenbäumchen angepflanzt war, zog sich im Geviert um die Hütte und umschloß einen sorgsam gepflegten Garten, der sich mit seinen leuchtenden Blumenbeeten und seinen weißen, kiesbestreuten Wegen gleich einer lieblichen Oase von der wilden Unkultur der Umgebung abhob.

Auf diesen Beeten blühten keine Zierblumen, wie sie in den Gärten des Tales heimisch sind. Eine kundige Gärtnerhand hatte hier gesammelt und durch Pflege veredelt, was zwischen der Waldgrenze und den Schneefeldern der Berge an Blumen gedeiht. Neben feurigen Alpenrosen schimmerten die blauen Glocken des Enzians; Speik und Edelraute blühten neben dem Almrausch, dessen zarte, rosige Dolden schon zu verwelken begannen, Mardaun und Brunellen neben Arnika und zierlichen Orchisarten, und ein aus Felsen aufgebauter Hügel trug in seinem mit Erde ausgefüllten Spalten die kleinen blaßgrünen Stauden des Edelweiß, dessen Stöcke, nach den frischen saftigen Blättern zu schließen, hier gut zu gedeihen schienen, obwohl sie ohne Blüten waren. Die Farben dieser Bergblumen, die hier in reicher Fülle gesammelt waren, hatten etwas Ungewöhnliches und Seltsames, und zu dem überraschenden Anblick gesellte sich der fremdartige, süße Duft, den die blühenden Beete in den reinen Morgen hauchten.

Ein einziger Baum stand im Garten, in einer Ecke des Zaunes. Und der wunderliche Wuchs dieses Baumes stimmte zu allem übrigen, als hätte ihn die romantische Laune eines Künstlers unter Tausenden ausgewählt und hierhergestellt, um den ungewöhnlichen Eindruck dieses Gartenbildes noch zu erhöhen. Es war kein Baum – es waren sieben Bäume in einem: eine uralte riesige Zirbe, auf deren harfenförmig ausgebogenem Hauptstamm sieben senkrecht nebeneinander aufsteigende Äste sich zu starken Stämmen ausgewachsen hatten. Der Baum war anzusehen wie eine gewaltige grüne Leier. Und diese Leier klang auch! Wenn der sachte Wind die Äste bewegte, ging ein lindes Rauschen durch die zottigen Nadelbuschen, und mit diesem Grundton klangen feine Glockenstimmchen zu einem weichen, traumhaften Akkord zusammen.

Verwundert – recht wie einer, der im Märchen die Pforte einer bezauberten Stätte betritt –, zur Neugier gereizt und doch von einer seltsamen Scheu zurückgehalten, stand Ettingen vor der Umfriedung des Gartens. Bald glitt sein Blick über die Blumen hin, bald suchten seine Augen in den Wipfeln des Harfenbaumes die tönenden Glöckchen, bald wieder musterte er die Hütte und spähte nach Tür und Fenstern.

Er lächelte. »Hier muß es wohnen – mein Märchen!«

Da kam es auch schon gegangen, auf der anderen Seite des Gartens, vom See herauf, nicht schwebenden Schrittes, nicht mit dem Lilienstab, gar nicht märchenhaft, sondern festen Ganges, gut ausholend bei jedem Schritt. Und während sie den linken Arm, um das Gleichgewicht zu halten, seitwärts streckte, trug sie in der rechten Hand eine große, wassergefüllte Gießkanne, deren schwere Last jede Linie des geschmeidigen Mädchenkörpers straffer spannte – ein Bild gesunden, jungen Lebens, kraftvoll und schön zugleich.

Auch anders gekleidet war sie als an jenem Abend im schweigenden Wald. Sie trug eine helle Bluse aus leichtem Flanell und dazu einen braunen Lodenrock, unter dessen Saum noch ein Stücklein jener grauen Wollstutzen zu sehen war, wie die Sennerinnen sie zu tragen pflegen. Das reiche Haar, nach dem Bade noch nicht völlig getrocknet, fiel ihr mit wirrem Geringel über Nacken und Schultern bis auf die Hüften nieder, und die um Stirn und Schläfen sich kräuselnden Härchen leuchteten in der Sonne so goldig, daß der schöne Mädchenkopf wie von einem zitternden Schimmerkranz umgeben war.

Als sie mit dem Knie das Gartentürchen vor sich aufstieß, gewahrte sie drüben am Zaun den stillen, lächelnden Gast. Kaum merklich zuckte es um ihren Mund, als hätte sie in Gedanken zu sich gewagt: Das ist er wieder, der von neulich, aus dem Geißtaler Wald!

Ettingen lüftete das Hütchen. »Guten Morgen, mein Fräulein!«

Schweigend dankte sie, wohl freundlich, aber doch nicht anders, als man auf der Straße den höflichen Gruß eines Fremden erwidert.

»Wollen Sie einem müden Sterblichen erlauben, daß er Ihren blühenden Zaubergarten betritt, um eine Minute zu rasten? Dort, unter Ihrem singenden Baum?«

Eine Furche lag zwischen ihren Brauen. Hatte ihr seine Frage wie Spott geklungen? Oder wie die Redensart eines Zudringlichen? Doch als ihr Auge dem seinen begegnete, lächelte sie und sagte ruhig: »Treten Sie nur ein! Das Türchen hat keinen Riegel. Man sieht Ihnen an, daß Sie heute schon einen Weg hinter sich haben, der Ihnen warm gemacht hat. Dort bei der Zirbe finden Sie eine Bank. Die hat Schatten.«

Während sie das sagte, ging sie auf die Hütte zu. Nun stellte sie die Kanne nieder und verschwand in der Tür.

Welch einen linden Klang ihre Stimme hatte!

Ettingen umschritt die Fichtenhecke und betrat den Garten. Gerne hätte er einen Blick in das Innere der Hütte geworfen, aber die Tür war zugelehnt. Einem der weißen Kieswege folgend, ging er auf die Zirbe zu, in deren Schatten er einen schwer gezimmerten Holztisch fand und eine aus bizarr gewachsenen Latschenzweigen geformte Bank, deren Holz unter dem Schnee vieler Winter schon völlig schwarz geworden war.

An diesem Tische mußte schon manch ein müder Wanderer gerastet haben; zahlreiche Buchstaben, ganze und halbe Namen, Jahreszahlen und absonderliche Zeichen waren in die morsche Tischplatte eingeschnitten. Auch der Stamm des Harfenbaumes war bedeckt mit solchen Zeichen, alten und neuen, unter denen eine Reihe von Einschnitten, die in der Mitte des Baumes regelmäßig übereinander angebracht waren, eine Art von Hausherrnrecht in dieser Rinde zu beanspruchen schien. Da stand zuoberst in der Reihe: »Lolo, aetatis suae XIV – Papa, aetatis suae XLV« – dabei eine Jahreszahl, und diese Zeichen waren umzogen von einer tief eingeschnittenen Herzlinie mit einer Flamme. Diese Inschrift war sieben Jahre alt, die Schnitte begannen schon in der Rinde zu vernarben. Darunter standen noch, ersichtlich von der gleichen Hand geschnitten, die Zahlen von fünf aufeinanderfolgenden Jahren, und die letzte dieser Zeilen – sie schimmerte noch weiß im Holz und hatte erst einen einzigen Winter überstanden – war umgeben von einem Kränzlein frischer Alpenrosen. Das berührte, als hätte die Spenderin dieser Blumen sagen wollen: »Du letztes Jahr! Wie warst du schön! Ich werde dich nie vergessen! Nie!«

Von seltsamer Stimmung umfangen, betrachtete Ettingen die Zeichen und Blumen, während der Wind durch die buschigen Zweige der Zirbe strich und leis die melodischen Glockenstimmchen tönen machte.

»Lolo? Ob das ihr Name ist?« Dann hatte ihr Vater dieses kleine Paradies geschaffen, hier in der einsamen, friedlichen Wildnis der Berge? Und mit ihrem Vater lebte sie hier? Sieben Sommer? Sieben schöne Sommer, so schön und reich, daß ihre Freude sich in die Rinde dieses Baumes grub, um ein Zeichen der Dauer zu haben? Und weshalb war dieses jüngste Jahr noch nicht eingeschnitten? Zählte es nicht mehr? War die Hand erkaltet, welche die anderen Zeichen eingegraben? Hatte sie den Vater verloren im vergangenen Jahr? Deshalb diese Blumen um die letzte Zahl?

Da weckte ihn ein leises Klirren aus seinen Gedanken.

Drüben, beim Blockhaus, ging das Mädchen langsam an der Holzwand entlang, um den Efeu zu begießen.

Ettingen hatte überhört, daß sie aus der Hütte getreten war. Nun trug sie die Haare aufgesteckt, nur lose über dem Scheitel zu einem Knoten geschlungen. Das stand ihr noch besser zu Gesicht als das offene ungezügelte Gelock. Wie der Knoten die Fülle des Haares nicht bändigen wollte, wie die kleinen widerspenstigen Ringel sich lösten und bei jedem Schritt um Stirn und Schläfen zitterten gleich zartem Goldgespinst, wie fein das anzusehen war!

Sie hatte die letzten Wassertropfen über den Efeu gesprengt und stellte die Kanne nieder, um einige der langen Grasschmelen zu brechen, die bei der Hecke wuchsen. Achtsam zog sie die zarten Halme durch die Finger, um sie geschmeidig zu machen, und begann mit ihnen die herabhängenden Efeuranken an der Hüttenwand anzubinden.

»Wie gut sie das verstehen!« sagte Ettingen. »Als ob Sie eine gelernte Gärtnerin wären!«

»Ach nein! Meine Gärtnerkünste sind recht bescheiden. Daheim, in unserem Gemüsegärtchen, ist mir die Mutter über. Aber hier, was der kleine Garten da verlangt, das hab ich gelernt in sieben Jahren. Das versteh ich.« So plauderte sie, ohne ihre Arbeit zu unterbrechen. »Sehr viel Mühe verlangen diese Beete nicht. Das sind keine verzärtelten Gartenpflänzchen. Das sind kräftige, dauerhafte Bergblumen. Nur der Efeu – den haben wir aus dem tieferen Walde heraufgebracht, und drum hält er im Hochsommer die Hitze nicht gut aus und will immer Wasser haben. Anfangs glaubten wir nicht, daß er durchzubringen wäre. Erst sei drei Jahren ist er so kräftig in die Höhe gegangen und hat die großen vollen Blätter bekommen, deren saftiges Grün mit dem rötlichen Holzton der Balken so warm zusammenstimmt.«

Sie trat ein paar Schritte zurück, wie um die Harmonie dieser leuchtenden Farben besser genießen zu können.

»Sie sind Künstlerin, Fräulein?«

»Ich Künstlerin?« sagte sie fast erschrocken. Sie schüttelte den Kopf. Und schweigend nahm sie die Arbeit wieder auf.

Ettingen saß zu entfernt, um sehen zu können, daß ihre Hände zitterten. »Verzeihen Sie meine Frage! Sie kam mir so, weil Ihre letzten Worte mich an die Sprache erinnerten, die ich manchmal von Malern habe reden hören. Und weil mit der erste Eindruck, den dieser entzückende Fleck Erde mit seiner blühenden Schönheit auf mich macht, den Gedanken eingab: das kann nur ein Künstler geschaffen haben!«

Der Ernst ihrer Züge wandelte sich in ein stilles Lächeln. Und so leise, daß Ettingen es kaum noch hören konnte, fragte sie: »Weshalb glauben Sie das?«

»Der wunderbare Baum! Steht er nicht schon ein paar hundert Jahre hier? Und der schöne Bergsee da drunten hat wohl im Laufe der Zeiten schon viele Besucher aus dem Tale heraufgelockt. Mancher von ihnen mag diesen Baum gefunden haben. Und blieb eine Minute stehen, betrachtete den Baum und schüttelte den Kopf und dachte: Merkwürdig, was für sonderbare Bäume wachsen! Aber dann kam einmal ein anderer, keiner mit Alltagsgedanken unter der Stirn, einer mit träumerischer Künstlerseele, die sich von der Natur um so inniger angezogen fühlt, je unbehaglicher ihr der Lärm des Marktes ist. Der sah den Baum. Und da muß er in seiner bilderschauenden Art doch gleich gedacht haben: Wie eine Harfe! Und diesen Gedanken spann er fort: Eine Harfe soll tönen, ich will ihr Stimme geben! Vielleicht war es zuerst nur eine heitere, naive Künstlerlaune, welche die sieben Glocken dort hinaufhängte in die Wipfel. Dann aber, als er hier im Schatten saß, an einem Tag wie heute, als über ihm die Zweige der grünen Harfe rauschten und die Glocken klangen – wieviel schöne, reine Künstlerträume mögen da in seinem Herzen erwacht sein, schnell reifend in der Stille, die ihn umgab, ins Große wachsend beim Anblick der Steinriesen dort oben, beim Anblick dieser herrlichen Natur. Wie selbstverständlich, daß er denken mußte: Hier möchte ich bleiben, hier träumen und schaffen, hier wohnen, nur mir gehören und die Welt vergessen! So baute er sich diese Hütte. Und da gefiel ihm der kahle Grund nicht mehr, auf dem sie stand. Er hatte Augen, die nach Farbe dürsteten, und muß wohl ein Freund der wilden Bergblumen gewesen sein. So begann er den Schmuck dieser Beete zu sammeln...«

»Nein, das kann man nicht so erraten!« unterbrach sie ihn plötzlich. Mit der einen Hand sich an die Hüttenwand stützend, stand sie in der leuchtenden Sonne und sah zu ihm hinüber mit einem Blick, dessen Glanz ihm verriet, daß seine Worte ihr Freude bereitet hatten. »Jemand muß Ihnen das erzählt haben! Draußen in der Leutasch? Oder einer von den Jägern? Die haben meinen Vater gekannt. Sagen Sie mir, wer hat Ihnen das erzählt?«

»Niemand, Fräulein! Das hab ich mir so gedacht, vorhin, als ich da draußen stand und über den Zaun hereinschaute in dieses blühende Idyll. Und wirklich? Ich habe erraten, wie es war?«

»Ja! So war es!« Langsam kam sie einige Schritte näher. Ihre Augen glitten über die Wände der Hütte, über die Blumen hin und hinauf zu den Wipfeln des klingenden Baumes. »So war es! So hat mein Vater den Baum gefunden. So hat er die Hütte gebaut. Aber das mit den Glocken, nein, das haben Sie nicht erraten. Das war keine Spielerei, keine Künstlerlaune. Das war eine Freude, die seine Liebe sich ausdachte – für mich. Ich war damals noch ein Kind. Aber der Baum ist mir heute noch lieber als damals. Wenn er so klingt wie jetzt – das erzählt mir.«

Sie verstummte. Wie schön sie war! Und wieviel rührend Kindliches redete aus der still versunkenen Art, mit der sie regungslos zwischen den blühenden Blumen stand und verträumt hinaufblickte zu den leis klingenden Wipfeln.

Langsam strich sie mit der Hand über die Stirn. Dann nickte sie. »Aber alles andere? Ja! Wie gut Sie das erraten haben! Daß dieser Platz ihm lieb war wie kein anderer auf der Welt – weil es hier so schön ist, so weit von den Menschen. Und wie gerne er hier immer saß und träumte! Das Beste, was er schuf, hat er hier gefunden. Und er war ein Künstler. Wenn das auch nur wenige gewußt haben. Er war ein Künstler.«

Wie sie das sagte! Ein Frommer, in dessen Seele der Gottesglaube eingewachsen ist mit tausend Wurzeln, kann nicht anders sagen: »Ich glaube an Gott, und daß er gut ist und groß!«

Sie hatte sich gebückt und eine der süß duftenden Brunellen gebrochen, die sie wie küssend mit den Lippen streifte.

»Wie gut erst müßten Sie von ihm denken, wenn Sie sehen könnten, was er geschaffen hat. Ich glaube, Sie hätten ihn verstanden. Sein Bestes war seine Liebe zur Natur, und wie er sie kannte, wie er sie zu deuten wußte. Das hätten Sie ihm nachempfunden. Sie lieben die Natur und verstehen sie. Das habe ich Ihnen angesehen, schon neulich, als ich Sie da draußen traf, im Tillfußer Wald. Da hab ich mir gleich gedacht: Der weiß was es da zu sehen und zu hören gibt. Sie werden sich meiner nicht mehr erinnern, ich bin nur so an Ihnen vorbeigeritten. Aber ich –« Sie lächelte und schob die Blume in ihr Haar. »Ich habe Sie gleich wiedererkannt, als ich Sie heute dort unten sitzen sah, am See – auch wieder an einem Platz, der nicht jedem gefällt, nur einem, der das Schauen liebhat und das stille Vorsichhindenken. Nicht war, es ist schön da drunten? Diese Farben im Wasser! Wenn es manchmal so glitzert auf dem Grund, man weiß nicht, war es ein Widerschein der Sonne oder ein weißes Steinchen, das sich bewegte, oder ein spielender Fisch – da denkt man so mancherlei, oft etwas Törichtes, ganz Unmögliches, aber es ist doch schön! Wer nur das Wirkliche gelten läßt, an der Sehnsucht nach dem Unmöglichen keine Freude findet und nie eine Minute übrig hat, um sie an einen schönen Traum zu verschwenden – wie arm ist ein solcher Mensch in seiner Seele!«

Ettingen nickte nur. Er schien sich anders nicht zu wünschen, als sie immer anzusehen, wie sie so ruhig in der Sonne stand, und ihr immer zu lauschen, wie sie so still und lächelnd vor sich hinplauderte, als spräche sie gar nicht mit ihm, nur mit sich selbst.

»Mir geht es immer so!« plauderte sie weiter. »Wenn ich in einer nachdenklichen Stunde vergessen kann, daß meine Füße auf Stein und Rasen stehen, wenn ich meine Träume lebendig werden sehe, als hätten sie Fleisch und Blut, und wenn ich beinahe körperlich empfinde, daß meine Gedanken mich emporheben über die Erde, dann bin ich immer am glücklichsten und fühle am tiefsten, daß ich lebe.«

Da klang vom Gehänge des nahen Latschenfeldes herauf der helle Jauchzer einer Knabenstimme.

Sie antwortete mit einem Jodelruf und wandte sich lächelnd zu Ettingen: »Da kommt mein kleiner Küchenbote, der für mich sorgt wie der biblische Rabe für den Elias.« Während sie auf das Gartentürchen zuschritt, blickte sie über die sonnigen Berge hin. »Ein Tag ist das heute! Ein Tag!«

Ettingen nickte.

»Er könnte nicht schöner sein!«



Sechstes Kapitel

Ein mager aufgeschossenes vierzehnjähriges Bürschlein kam in den Garten gesprungen – wohl ein Hüterbub von einer der nahe liegenden Almen. Er trug ein mürbes, verwaschenes Kittelchen aus blauer Leinwand und ein abgewetztes Lederhöschen. Die hageren Beinchen waren von der Sonne so kupferbraun gebrannt, daß ihre lange Nacktheit gar nicht auffiel. Für einen Sennbuben, dessen Arbeit täglich sechzehn Stunden durch Schmutz und Unrat geht, war er auffällig sauber gewaschen. Und das glatte Blondhaar, das unter dem verwitterten Filzhütl hervorlugte, klebte ihm so naß an den Ohren, als hätte er vor wenigen Minuten erst den Kopf unter einer Brause herausgezogen. In der Hand trug er an einem Strick ein kleines Holzgeschirr, das mit Fichtenzweigen überbunden war.

So ehrfürchtig, als wäre er in eine Kapelle getreten, zog der Bub sein Hütl. »Recht schön guten Morgen, Fräuln Petri!«

Nun wußte Ettingen ihren ganzen Namen: Lolo Petri.

»Guten Morgen, Loisl! Bringst du mir war?«

»Ja, Fräuln! Aber den Vater muß ich verentschuldigen, daß er heut nix anders hat als bloß a Bröserl Butter und a Töpferl Milli. Morgen bring ich schon werden was. Gelten S', ich därf morgen wiederkommen?« Der Bub stellte diese Frage, als wär es für ihn ein Geschenk, wenn er kommen durfte.

»Morgen, Loisl? Büberl, morgen wird's schlecht ausschauen!« sagte sie, den Dialekt des Buben so geläufig plaudernd, als hätte sie von Kind auf keine andere Sprache geredet. »Weißt, morgen fahr ich heim zur Mutter.«

»Aber gelten S', Sie kommen bald wieder?«

»Ja, Loisl! Heut über drei Tag, da darfst du dich wieder einstellen bei mir.«

»Und gelten S', da erzählen S' mir wieder was?«

»Ja, Bürschel, komm nur! Und schau, wie nett und sauber du dich heut gemacht hast! So! Brav! So laß ich mir's gefallen!«

Der Bub kicherte in verlegener Freude. »Ja, wissen S', seit S' mich neulich so ausgscholten haben, trau ich mich nimmer eini mit eim schmierigen Gsicht. Aber gelten S', heut bin ich sauber?«

»Sauber, ja! Aber da schau her –« Sie nahm das Bürschlein bei der Hand und drehte an seiner Joppe den Ärmel vor, der einen spannenlangen Riß über den Ellbogen hatte. »Was is denn das?«

Der Bub wurde rot. »Mir scheint, dös is a Loch!«

Da lachte sie, hell und herzlich. »Ja, du, das scheint mir auch. Nur runter gleich mit'm Jöpperl!«

»Tun S' mir's flicken, Fräuln?«

»Freilich! Und bis ich fertig bin, kannst du das Gießkanndl nehmen und kannst mir Wasser holen, gelt? Jede Guttat muß der Mensch verdienen.«

»Ja, Fräuln!« Hurtig zog der Bub das Jöpplein herunter. »Und tausendmal vergelt's Gott derweil!« Er schoß auf die Gießkanne zu, packte sie und rannte davon. Während er durch die Latschen hinuntertrollte, nahm er die Brause von der Kanne, um das Rohr als Trompete benutzen zu können. So mißtönig diese Laute klangen, sie schienen dem Buben eine Feiertagsfreude zu bereiten. Und als er sich müd geblasen hatte, begann er unter lustigem Jodeln auf der Kanne zu trommeln.

Lolo war in die Hütte getreten, um zu verwahren, was der Bub ihr gebracht hatte. Dann kam sie mit Nähzeug, setzte sich auf die Türschwelle und begann die Wunde des Jöppleins in die Kur zu nehmen. Die Sonnenlichter, die durch das Rankenwerk der Efeulaube drangen, spielten mit Leuchten und Gezitter um ihre Gestalt.

Ettingen sah ihr lächelnd zu. »Geben Sie acht, Fräulein«, sagte er nach einer Weile, »wenn der Bub das nächste Mal wiederkommt, wird er sein Kittelchen übel zurichten, um Ihnen Arbeit zu machen und länger bleiben zu dürfen.«

Sie schüttelte den Kopf. »Bevor er das nächste Mal wiederkommt, wird er sein Jöpperl genau untersuchen und die Alm nicht verlassen, bevor ihm nicht die Mutter jeden Schaden ausgebessert hat.«

»Wie gut Sie von dem Jungen denken!«

»Wie er es verdient! Er ist ein braver, lieber Bub und wird einmal ein tüchtiger, guter Mensch werden.«

»Denken Sie von allen Menschen so freundlich?«

»Von den guten, ja.«

»Aber von denen, denen Sie neu begegnen? Von denen Sie nicht wissen können, ob sie gut oder schlecht sind?«

»Auch von denen. Wer mißtrauisch ist, begeht ein Unrecht gegen andere und schädigt sich selbst. Ich glaube, daß wir die Pflicht haben, jeden Menschen für gut zu halten, solang er uns nicht das Gegenteil beweist.«

»Das ist eine warme und schöne Lebensregel.«

»Nur eine selbstverständliche, eine, die keiner entbehren kann, der am Verkehr mit den Menschen Freude haben will.«

»Ja, Fräulein, Sie haben recht! Im Grunde genommen denke auch ich nicht anders, nein, trotz allem nicht!« Es ging wie ein trüber Gedanke über seine Stirn. Gleich wieder lächelte er. »Und ich hörte das gerne von Ihnen sagen. Nun weiß ich doch, daß Sie auch mich für gut halten. Oder nicht?«

Sie hob das Gesicht, als hätte ihr diese Frage nicht gefallen. »Ich wüßte nicht, womit Sie mir das Gegenteil bewiesen hätten.«

»Vielleicht durch die unbescheidene Hartnäckigkeit, mit der ich mich hier festgesetzt habe?«

»Das beweist nur, daß es Ihnen hier gefällt.«

Der letzte Bergschatten, der noch auf einzelnen Beeten gelegen, war über die Hecke zurückgewichen, und Hütte und Gärtchen lagen in voller Morgensonne. Der Wind war still geworden, und in den Wipfeln des Harfenbaumes schwiegen die Glocken. Man hörte nur nach den Wasserfall, der fern in der Tiefe rauschte, und das leise Gesumm der wilden Bienen, die von überall zu den blühenden Beeten geflogen kamen und gleich schwirrenden Funken die sonnige Luft durchschnitten.

Da brachte der Bub die zum Überlaufen gefüllte Wasserkanne. »So, Fräuln, da bin ich schon wieder!«

»Ich dank dir, Bürscherl, und schau, dein Jöpperl hab ich auch schon fertig!«

Lolo hielt dem Buben das Kittelchen hin, und er fuhr mit beiden Fäusten in die Ärmel. »Vergelt's Gott tausendmal!«

»Jetzt mach, daß du heimkommst! Drunten brauchen sie dich bei der Arbeit.«

Loisli drehte das mürbe Hütl zwischen den Händen, sah mit glänzenden Augen zu dem Mädchen auf und bettelte: »Krieg ich noch a Blümerl, Fräuln?«

»Ja, Bürschel, was willst du für eins?«

»A Brunellerl tät ich gern haben. Die Enkern schmecken viel feiner als die anderen von der Alm draußen.«

Lolo pflückte ein paar von den braunen Blütenköpfchen und reichte sie dem Buben. Sein Gesicht strahlte vor Freude, während er die Blumen achtsam hinter die Hutschnur schob. Und mit einem Jauchzer rannte er davon.

Das Mädchen nahm die Gießkanne und begann den Efeu zu besprengen.

»Der Bub hat recht, Fräulein«, sagte Ettingen, »die Blumen gedeihen in Ihrer Pflege, sie sind schöner als die anderen dort oben und draußen im Wald.«

»Gewiß nicht. Sie sehen in der Blüte nur reicher aus, weil sie dichter stehen. Ich tue nicht viel mehr, als daß ich sie wachsen lasse.«

»Da sind Sie aber wirklich zu bescheiden. Wie sehr diese Blumen Ihre Hand empfinden, kann ich Ihnen gleich beweisen.« Ettingen nahm das kleine Rosensträußlein von seinem Hut. »Ich habe ein paar Almrosen von dort oben mit heruntergebracht. Sehen Sie nur, wie klein die Blüten sind und wie matt in ihrem Rot! Die sind mit den Almrosen, die Sie im Garten haben, nicht zu vergleichen. Wie groß und üppig die Kelche hier sind, wie feurig in der Farbe!«

»Das ist richtig, ja. Aber der Unterschied kommt nicht von der Pflege, er liegt in der Gattung. Was Sie haben, das sind die gewöhnlichen Steinrosen, aber die meinen hier, das sind Edelrosen.«

»Edelrosen? Gibt es eine Aristokratie auch unter den freien Bergblumen?«

»Sie scheinen kein allzu eifriger Hochtourist zu sein, weil Sie diesen Unterschied nicht kennen.« Lolo stellte die Kanne nieder, brach von den mit glühenden Blüten übersäten Rosenstauden einen der schönsten Zweige und kam zur Bank. »Der Unterschied ist am besten an den Blättern zu erkennen. Das Blatt der Steinrose hat mattes Grün und ist behaart, die Blätter der Edelrose sind glatt, von tiefem wachsglänzendem Grün und auf der Unterseite braun angeflogen.« Sie wollte ihm das Rosenzweiglein reichen und sah ihn an. Da erschrak sie und lächelte wieder. »Ach Gott! Nun seh ich es Ihnen auch im Gesicht an. Sie sind wohl erst kurz aus der Stadt gekommen? Und noch nicht lang in den Bergen?«

»Seit drei Tagen erst.«

»Und gestern haben Sie wohl einen langen Marsch in der heißen Sonne gemacht?«

»Ja, das war gesunde Hitze gestern! Ich bin wohl sehr abgebrannt?«

»Mehr, als Ihnen lieb sein wird! Haben Sie denn keine Schmerzen im Gesicht?«

»Schmerzen? Ich? Aber ja, es ist wahr, mein Gesicht brennt wie Feuer.«

»Sie haben sich einen tüchtigen Sonnenstich geholt. Auf der Nase und auf den Wangen geht Ihnen die Haut schon los. Wenn Sie noch einen weiten Heimweg in der Sonne haben, wird die Sache schlimm werden. Dagegen müssen Sie was tun. Warten sie –«

Während Ettingen verblüfft zurückblieb, eilte sie in die Hütte und brachte eine kleine Schatulle und ein Spiegelchen in dünner Goldleiste. »Hier! Sehen Sie sich einmal an!«

Zögernd nahm Ettingen den Spiegel, und kaum hatte er einen Blick in das Glas geworfen, als er mit drolligem Entsetzen ausrief: »Ach, du lieber Himmel, was hab ich für ein Gesicht! Wie Zinnober, so lieblich!« Er lachte. Aber daß er nun so vor ihr sitzen mußte, das schien ihm nicht angenehm zu sein. »Ich bitte Sie, Fräulein – daß ich den Schaden habe, merk ich –, ersparen Sie mir wenigstens den Spott und lachen Sie mich nicht aus!«

»Auslachen? Im Gegenteil ich weiß doch selber, wie das tut.«

»Das Ausgelachtwerden?«

»Nein, der Sonnenstich! Ich bin wohl an Hitze wie Kälte gewöhnt. Aber wenn ich oft lange Stunden in der Mittagsglut sitze und arbeite, erwischt es mich auch noch manchmal. Aber ich weiß, was dafür hilft. Und dann ist's am anderen Tag wieder gut. Hier, nehmen Sie!« Sie hatte aus der Schatulle ein kleines Holzbüchschen mit weißer Salbe und frische Watte ausgekramt. »Das wird Ihnen gleich die Schmerzen lindern. Kommen Sie, ich will Ihnen den Spiegel halten.«

Er sah erlegen zu ihr auf. »Aber ich bitte, liebes Fräulein, ich kann doch unmöglich –«

»Was können Sie nicht?«

»Hier vor Ihnen die Toilette meiner Schmerzen machen und mich einsalben!«

»Warum denn nicht?«

»Nein! Das tu ich nicht!«

Nun schien sie den Grund seiner Weigerung zu verstehen. Leichte Röte überzog ihre Wangen. »Seien Sie doch nicht töricht! Wenn Sie so fortgehen, mit trockenem Gesicht und bei dieser Sonne, dann wird die Sache schlimmer, und Sie haben eine Woche damit zu tun.« Es zuckte leis um ihre Mundwinkel. »Und dann werden Sie noch übler aussehen als jetzt!«

»Ja, Fräulein, Sie haben recht, meine Weigerung war kindisch. Also? Wollen Sie mir assistieren?«

»Natürlich.« Sie setzte sich an seiner Seite auf die Bank und hielt ihm das Spiegelchen.

Er sah ihr lachend in die Augen, dann tauchte er die Watte in die Salbe und begann zu reiben. Da er die Sache ein bißchen eilig nahm, mahnte sie: »Nein, nein, machen Sie es nur genauer! Namentlich auf der Nase!«

»Ja, die sieht auch am schlimmsten aus!«

Als die Kur erledigt war, sprang er auf, warf die benützte Watte über den Zaun und säuberte mit dem Taschentuch die Finger.

Nun lachte sie.

»Na also, sehen Sie, da hab ich nun doch den Spott davon!« sagte er heiter. »Mein Gesicht muß aber auch aussehen wie –« Er fand keinen Vergleich, der ihm drastisch genug erschien.

»Wie ein gebratener Apfel, so schön glänzend! Aber nicht wahr«, fragte sie wieder völlig ernst, »Sie fühlen, daß es besser ist?«

»Wirklich, ja, das Brennen beginnt schon nachzulassen. Ich danke Ihnen herzlich für den Dienst, den Sie mir geleistet haben. Und da ich bereits den Namen meines freundlichen Arztes kenne –«

»Sie kennen meinen Namen?«

»Zur Hälfte hab ich ihn hier auf dem Baum gelesen. Dann kam der Bub und grüßte Sie: Fräulein Petri! Nun darf sich wohl auch der dankbare Patient Ihnen vorstellen? Ich heiße Ettingen.«

Sie nickte flüchtig, als wäre sein Name für sie etwas Nebensächliches. »Wenn Ihnen nur geholfen ist! Aber Dank? Nein! Wer in den Bergen lebt, ist das gewöhnt, daß man hurtig läuft, wenn der Nachbar ruft: Ich brauche dich! Nun gar in solcher Einsamkeit wie hier. Da sind die Menschen, die sich begegnen, aufeinander angewiesen.« Sie begann in der Schatulle Ordnung zu machen. »Mein kleines Kästchen hat sich schon oft auftun müssen. Nicht nur für einen leidenden Touristen wie heute. Viel häufiger noch für die Sennleute.«

Ettingen hatte sich wieder auf die Bank gesetzt. »Und da leben Sie hier so allein den ganzen Sommer?«

»Den ganzen Sommer nicht, aber doch jede Woche ein paar Tage.«

»Aber in diesen paar Tagen sind Sie doch immer allein?«

»Heuer, ja, heuer bin ich allein.« Sie beugte sich tiefer über die Schatulle.

»Daß Ihnen die Tage nicht zu lang werden, das begreif ich. Es ist so schön hier. Jede Stunde muß Ihnen eine Fülle tiefer Eindrücke bringen. Aber so einsam hier auszuhalten, dazu gehört für ein junges Mädchen ein seltener Mut.«

Das schien sie nicht zu verstehen. »Mut? Ist man nicht am sichersten, wenn man allein ist? Und was sollte ich hier zu fürchten haben? Der Sommer in den Bergen hat keine Gefahr, wenigstens hier in dieser Höhe nicht. Und der Platz, auf dem mein Häuschen steht, ist sicher gegen Wildwasser. Lawinen und Schneestürme gibt es im Sommer nicht. Und eine Gewitternacht? Da sitz ich am liebsten dort auf der Türschwelle und schaue hinaus in das Toben und Leuchten.«

»Aber die Menschen, die der Zufall vor Ihre Tür führt! Und alle Menschen, mein liebes Fräulein, alle sind nicht gut!«

»Die Bauern in der Gegend kennen mich, und ich weiß mit ihnen umzugehen. Von ihnen hab ich nur Gefälligkeiten zu erwarten, keine Roheit zu fürchten. Und die fremden Touristen, die manchmal vor meine Tür kommen? Das sind nette, manierliche Leute, mit denen ich gerne plaudere. Wenn ich auch keine Sehnsucht habe nach der Stadt, so hör ich doch gerne von ihr erzählen. Wer Freude an der Natur hat, der hat auch immer ein gutes Herz. Und wenn manchmal einer kam, der ein bißchen übermütig und zudringlich wurde, weil er sah, daß ich allein war und jung bin und nicht häßlich –«

»Sehen Sie!« rief Ettingen, wie von einer bangen Sorge um das schöne, einsame Geschöpf befallen, »sehen Sie, das ist also doch schon geschehen!«

»Nicht oft.« Sie blickte freundlich zu ihm auf, als hätte sie gefühlt, was aus dem Klang seiner Stimme redete. »Ich habe dann immer das rechte Wort gefunden, auf das sie hörten.« Sie lächelte. »Nein! Ich habe nichts zu fürchten hier. Die einzige Sorge, die ich habe, geht nur meinen Garten an. Den haben sie mir manchmal bös geplündert, wenn ich ein paar Tage fort war. Wenn ihnen die Blumen nur Freude machten, in Gottes Namen! Ich hab mir wieder neue geholt von da draußen. Nur das Edelweiß – sehen Sie, dort auf dem Steinhügel hab ich ein paar Stöckchen eingepflanzt – das Edelweiß ist im Wettersteingebirge selten, und ich bekomme nur manchmal von den Jägern einen Setzling –, aber da kann ich mit aller Pflege kein Blümchen aufbringen. Kaum guckt ein Sternchen heraus, da ist es schon wieder weg, mitgenommen von einem, der's gefunden hat. Da muß ich mir eben denken: wer drunten im Tal das weiße Sternchen auf seinem Hut herumträgt, hat an ihm noch größere Freude, als ich sie gehabt hätte. Nein! Sonst hab ich nichts zu fürchten. Und es ist so schön hier! Ich bin auch nicht allein. Hier wohnt mein Erinnern mit mir, als wär es noch immer ein Wirkliches, und jeder neue Tag ist für mich eine neue Freude, die mein Leben reich macht.«

Ettingen betrachtete sie schweigend, gefesselt von dem Reiz dieses ruhigen Lächelns, von dem reinen Glanz der stillen, tiefen Mädchenaugen. Dann sagte er: »Wie glückliche sind Sie in Ihrem guten Glauben, in Ihrer furchtlosen Freude, in Ihrer reichen Einsamkeit!«

»Glücklich? Ja, ich war es. Und ich bin es.«

Ein leichter Windhauch, wie sanftes Sonnenatmen, strich über den blühenden Garten hin, und durch die Zweige des Harfenbaumes ging ein leises Flüstern. Doch die Glocken schwiegen.

Ettingen sah zu den Wipfeln hinauf, als hätte er sich gefragt: »Warum klingen sie nicht?« Und da gewahrte er, was er noch nicht gesehen hatte: daß an einem der Stämme ein kleines Bild mit hölzernem Dächlein angebracht war, nach Art jener Martertäfelchen, die das Landvolk zu frommem Gedächtnis an Stellen errichtet, an denen ein Unglück geschah oder eine fromme Rettung sich vollzog.

Um das hoch hängende Bildchen besser betrachten zu können, erhob sich Ettingen.

Das kleine Gemälde war von Schnee und Regen schon übel zugerichtet, doch in Zeichnung und Farbe noch deutlich zu erkennen. Man merkte gleich, daß die Hand eines geschulten Malers dieses Bildchen geschaffen hatte, obwohl es ganz den steifen, naiven Stil und die grellen Farben der ländlichen Marterbildchen zeigte – es sprach beabsichtigter Humor aus dieser Anlehnung an den bäuerlichen Kunstgeschmack. Die Landschaft war trotz aller Karikaturen unverkennbar: dieser blaue Kreis, das war der Sebensee, diese giftgrünen Zungen, das waren die Almgehänge und Latschenfelder, diese gelben Zuckerhüte stellten die beleuchtete Sonnenspitze und ihre Nachbarberge vor, und die sieben grün gefransten Spieße, die an die Bäumchen eines Nürnberger Spielbaukastens erinnerten, das waren die sieben Wipfel des Harfenbaumes. In seinem Schatten kniete ein bärtiger Mann mit steif gefalteten Händen und einem schwebenden Kreuzlein über dem Scheitel. Vor ihm stand, mit segnend ausgestreckten Händen und von einem Heiligenschein umgeben, die Gestalt eines Weibes, das an Genoveva denken ließ, denn die gelösten Haare umhüllten gleich einem Mantel den streng gezeichneten Leib, dessen einziger Schmuck ein grünes Kränzlein war. Die Erscheinung dieser heiligen Frau, die auf den betenden Mann erlösend und friedlich wirkte, schien zwei abenteuerliche Spukgestalten in entsetzte Flucht zu jagen: eine üppige Teufelin in bedenklich dekolletierter Balltoilette und einen schmerbäuchigen Faun, der ein Schwein am Stricklein führte und einen Kranz von Würsten um den Leib geschlungen trug. Die beiden Unholde schnitten in ihrem Schreck so drollige Gesichter und waren mit so heiterer Laune karikiert, daß Ettingen lachen mußte.

»Ein köstlicher Scherz!« sagte er. »Und der Humor dieses Bildchens wirkt auf mich, obwohl ich das Wunder, das hier verherrlicht ist, nicht recht verstehe. Darf ich wissen, was es bedeutet? Aber da steht ja auch eine Inschrift! Und gar eine lateinische!« Er übersetzte: »Ich bete dich an und singe mein Lob dir, göttliche Mutter Natur, deren schönes Wunder mich erlöste aus den Klauen des Teufels, die da heißen: Unverstand des Pöbels und eitle Torheit der Menschen! Mein Leben soll dir, o heilige Mutter, zum Dank geopfert sein wie ein Lämmlein mit schneeigem Fell, und meine Kunst, die vor die Säue geworfen war, soll einsam und sorglos blühen zu deinen Füßen, frei und schön wie eine Blume deiner Berge!«

Der Klang seiner Stimme war ernst geworden. Die seltsame Inschrift ließ ihn vermuten, daß hinter dem Scherz dieser Farben sich ein tiefes Weg verbarg. Und als er aufblickte, sah er, daß die Augen des Mädchens in Tränen schwammen.

»Fräulein?«

Sie wandte sich schweigend ab. Seine Frage schien in ihrer Seele ein Heiliges berührt zu haben, das sie dem Fremden nicht preisgeben wollte. Und als möchte sie auch ihre Bewegung vor ihm verbergen, nahm sie die Schatulle vom Tisch, um sie in die Hütte zu tragen.

Ettingen vertrat ihr den Weg. »Nein, Fräulein, so dürfen Sie nicht gehen. Mag ich für Sie auch ein Fremder sein, an den Sie schon morgen nicht mehr denken – aber ich habe hier eine so schöne Stunde verlebt, daß ich es mir nie verzeihen könnte, wenn ich Ihnen Ursache zu einer Verstimmung gegeben hätte. Ich fühl es, daß ich Sie durch meine Neugier und durch mein Lachen verletzt habe. Aber ich wußte nicht, daß ich es tat. Seien Sie mir nicht böse!«

Da reichte sie ihm die Hand. »Ich bin Ihnen nicht böse. Dazu hätte ich kein Recht. Sie konnten nicht wissen, daß Ihr Lachen mir weh tat. Das Bildchen muß doch auch so heiter auf jeden wirken, der nicht weiß, was es bedeutet. Ehe mein Vater das lustige Ding da malen konnte, mußte er alle Enttäuschungen seines Lebens überwinden. Als er das Bildchen an den Baum hängte, das bedeutete für ihn, daß er jede Hoffnung begrub, für sein Talent die Anerkennung der Welt zu gewinnen. Deshalb dürfen Sie nicht glauben, daß ihm der Mut oder die rechte Kraft gefehlt hätte.«

»Nein, liebes Fräulein! Was ich hier sehe und was ich von Ihnen hörte, läßt mich vom Wesen Ihres Vaters manchen Zug erraten. Er muß als Mensch und Künstler gesucht haben, was abseits von der Landstraße und ihren ausgefahrenen Geleisen liegt. Alles Ungewöhnliche begegnet leicht dem Mißverstand. Und ich kann mir denken, daß eine fein besaitete stolze Künstlernatur auf die Dauer des Kampfes müde wird und der Welt verbittert den Rücken wendet.«

Sie nickte. »Das war es! Sein Stolz war zu tief verwundet. Kunst, das war für ihn nur das Große, Reine und Schöne. Auch das Wahre. Aber er hatte Augen, denen die Dinge anders erschienen, als sie sonst den Menschen erscheinen. Da malte er nun alles, wie er es sah, nicht so, wie es die Leute sehen wollten. Das verstanden sie nicht –« es zuckte wie Schmerz um ihren Mund, »und lachten über ihn. Das konnte er nicht ertragen, dieses Lachen immer! Das hat seinen Mut gebrochen. Nur den Mut des Künstlers. Als Mensch ist er ein fester und ganzer Mann gewesen. Das hat er bewiesen, als er starb.«

»Sie haben Ihren Vater verloren?«

»Verloren?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Was man tief in seinem Herzen besitzt, was mit uns verbunden ist in jedem Gedanken und Gefühl, das kann man nicht verlieren. Er starb. Das ist nur ein Wort, das den Überlebenden weh tut. Mehr ist es nicht.«

Vom nahen Latschenfeld ließ sich das Klirren eines Bergstockes und der Hall schwerer Tritte hören.

Sie blickte auf, wie erwachend. »Ich muß gehen. Dort unten wartet meine Arbeit.«

Er meinte ihr nachzufühlen, weshalb sie diesen raschen Abschied nahm. Sie sah den Jäger kommen und wollte jetzt nach allem, was sie gesprochen hatte, nicht von alltäglichen Dingen reden oder das lustige Geschwatz des Jägers anhören. Deshalb machte er keinen Versuch, zurück zurückzuhalten.

Da reichte sie ihm plötzlich die Hand, sah mit feuchten Augen zu ihm auf und sagte: »Ich danke Ihnen!«

Das kam so überraschend, daß er im ersten Augenblick nicht wußte, was er sagen sollte. Und da löste sie schon ihre Hand aus der seinen und ging, um die Schatulle in die Hütte zu tragen. Als sie ins Freie trat, hatte sie einen grob geflochtenen Basthut aufgenommen, dessen breite Krempe ihr Gesicht überschattete. Sie versperrte die Hüttentür, und ehe sie den Garten verließ, nickte sie noch einen Gruß zu Ettingen hinüber. Während sie langsam zwischen den Büschen gegen den See hinunterstieg, kam Praxmaler von der anderen Seite auf den Garten zugegangen.

Ettingen war an den Zaun getreten und sah dem Mädchen nach. Er fühlte sich von dieser Begegnung tief ergriffen. Was hatte ihn nur so sehr bewegt? Der stille, schöne Reiz dieses Ortes? Oder die Erscheinung dieses Mädchens, ihre freie, ruhige Art, sich zu geben und zu sprechen? Oder der Einblick, den er in das wunderliche Schicksal ihres Vaters gewonnen hatte, dieses weltflüchtigen Künstlers, der alle Dinge anders sah, als die Menschen sie zu sehen pflegen? Und wie mußte diese Tochter ihn geliebt haben, wie mußte auch jetzt noch der Gedanke an ihn ihr ganzes Leben füllen, da sie es wie ein kostbares Geschenk betrachtete, daß sie eine Stunde von ihm hatte sprechen dürfen! »Ich danke Ihnen!« Wie gut ihm dieses Wort gefiel! Es war ein Wort, das so tief blicken ließ wie der klare See dort unten. Was ihr Vater auch als Künstler aus seiner träumerischen Seele herausgebildet haben mochte – er hatte sicher der Welt kein edleres Werk seines Blutes und Geistes hinterlassen als dieses junge, schöne Menschenkind mit seiner freien und furchtlosen Lebensruhe, mit seinem tiefen, reinen Gefühl und seinem guten Denken.

Da weckte ihn die Stimme des Jägers. »Grüß Gott, Herr Fürst! A bißl lang hat's dauert, gelt? Aber der Tag wird heiß, da hab ich den Hirsch net liegen lassen können. Drum bin ich gleich ummi gsprungen auf d' Sebenalm und hab a paar Leut auftrieben, die den Hirsch heut noch aussi liefern ins Jagdhaus.« Pepperl hatte den Garten erreicht und schwang sich über den Zaun. »Gleich hab ich mir denkt, daß ich Ihnen da im Gartl von der Fräuln Petri find.« Er guckte zur Hütte hinüber. »Schad! Sie muß net daheim sein, 's Hüttl is gsperrt. Aber gelten S', schön is daherin! So a Platzerl findet man net leicht in der Welt. Dös hat er verstanden, ihr Vater!«

»Sie haben ihn gekannt?«

»Den Maler-Emmerle? Freilich hab ich den kennt!«

»Wie sagten Sie, daß er hieß?«

»Emmerich Petri hat er gheißen. Aber d' Leut haben allweil gsagt: der Maler-Emmerle. In der ersten Zeit, wie er von der Münchnerstadt kommen is und hat sich in der Leutasch dös Häusl kauft, da haben d' Leut a bißl glacht über seine gspaßigen Sachen. Aber spater haben s' ihn gern mögen. Er is aber auch a lieber, guter Mann gwesen.«

»Er war ein Künstler?«

»A Künstler? Ah na! Gott bewahr! Der is schon was Bessers gwesen!« beteuerte Pepperl, der nach ländlicher Anschauung unter »Kienschtler« nur die »Seiltanzler« und »Komödispieler« verstand. »Wissen S', a Taferlmaler is er gwesen. A Marterl hat keiner net schöner malen können als wie der Herr Petri. Und die Heiligen, die er an d' Häuser hingmalen hat, die schauen nobel aus. Für ihn selber hat er diemal auch so Bildln gmalen, kleine und endsgroße.«

»Sie haben solche Bilder von ihm gesehen?«

»Aber freilich! Hängen ja draußten in seim Häusl alle Stuben voll. Herr Fürst, dö Bildln müssen S' Ihnen mal anschauen!« Pepperl kicherte. »Was da für narrische Sachen dabei sind! Am liebsten hat er allweil die jungen Buben gmalen, und völlig nacket – aber bloß in der oberen Hälft. Statt die menschlichen Füß hat er ihnen Geißbockhaxln hingmalen. Und Rösser hat er gmalen mit Mannsbilderköpf. Und Tigerkatzen mit Frauenzimmergsichter. Und Weibsbilder mit Karpfenschwanzl statt die Füß. Und lauter so verruckte Gschichten!« Pepperl schüttelte sich vor Lachen. »Gleich hinwerden könnt man vor lauter Gaudi, wann man so was anschaut!«

Auch Ettingen lächelte. Zentauren, Faune, Tritonen und Sphinxe – und dazu der Kunstverstand des guten Praxmaler-Pepperl: in diesem Kontrast lag eine Komik, der auch die ernste Stimmung Ettingens nicht zu widerstehen vermochte. Aber es widerstrebte ihm, noch weitere Fragen zu stellen. Schweigend trat er zum Tisch, warf die schon welk gewordenen Steinrosen über den Zaum und schmückte seinen Hut mit der Edelrose, die ihm Lolo Petri gereicht hatte.

Praxmaler riß die blauen Augen auf, als hätte er etwas Unerhörtes erlebt. »Aber Duhrlaucht! Mar und Joseph! Dö Blümeln, dö S' da wegwerfen – dös is ja der Bruch für'n Hirsch!«

»Dieser Zweig gefällt mir besser.«

Pepperl schwieg; doch er schüttelte die Kreuzerschneckerln und sah seinen Herrn von der Seite an. Daß es einen blühenden Zweig auf Erden geben konnte, der einem Jäger besser gefiel als der grüne Bruch für einen Vierzehnender? Das war für den Praxmaler-Pepperl etwas Unverständliches.

Ettingen setzte den Hut auf und griff nach dem Bergstock.

Da sagte der Jäger, als hätten seine Gedanken eine jähe Wendung gemacht: »Ja, schauen wir, daß wir heimkommen. Der Herr Kammerdiener wird eh schon auf der Paß liegen!«

Sie gingen zum Zauntürchen. Lächelnd blickte Ettingen noch einmal über die blühenden Beete hin und empor zu den still gewordenen Wipfeln des Harfenbaumes, die mit umleuchtetem Grün hinaufstiegen in das reine Blau des Himmels.

»Welch ein schöner Morgen! Wie diese Luft sich atmet! Wie leicht und froh man sich fühlt! Als ginge man einer großen Freude entgegen!«

Pepperl seufzte. Denn er – in seinem verantwortungsvollen Herzen war der Gedanke an das »unbetreute dumme Gansl« wach geworden – er ging einer schweren Sorge entgegen.

Während sie auf schmalem Pfad über das Latschenfeld hinunterstiegen, fuhr Praxmaler plötzlich aus seinen Gedanken auf: »Was is denn dö gewesen jetzt?«

»Was haben Sie?« fragte Ettingen.

»Gwesen is mir, als hätt ich was ghört in die Latschen drin. Ich muß mich aber täuscht haben. Es rührt sich nix mehr.«

Sie schritten weiter und verschwanden im Schatten des nahen Waldes.

Als ihre Schritte verhallt waren, tauchte aus den Latschen das bleiche Gesicht Mazeggers auf. Eine Weile stand der Jäger unbeweglich und spähte mit funkelnden Augen gegen den Wald hinunter. In hartem Lächeln preßte er die schmalen blutlosen Lippen zusammen. Dann wand er sich durch die lichten Büsche auf den Pfad heraus. Hier legte er Büchse und Bergstock ab, kniete auf den Boden nieder und holte mit zitternder Vorsicht aus seinem Rucksack ein blühendes Edelweißstöcklein hervor, dessen Erdballen mit einem Taschentuch umbunden waren. Er entfernte das Tuch, kniff mit den Nägeln ein paar welk gewordene Blätter fort, schöpfte mit der Hand von dem Wasser, das neben dem Pfad in dünnem Faden sickerte, und besprengte den dürr gewordenen Wurzelballen und die erst halb entwickelten weißgrünen Blütensterne. In Unruh und dennoch geduldig wartete er fast eine halbe Stunde, bis sich die schmachtenden Pflänzchen wieder erholt hatten und frisch erschienen. Dann erhob er sich und stieg zum See hinunter. Als er den Waldsaum erreichte, schlug ihm brennende Röte über das bleiche Gesicht. Hastig lehnte er Bergstock und Büchse an einen Baum

Am Ufer einer seicht verlaufenden Seebucht saß Lolo Petri auf einem Stein. Vor ihr stand eine leichte Feldstaffelei mit kleiner Leinwand, deren frische Farben eine begonnene Studie zeigten: ein Stück des Ufers mit dem Spiegelbild der überhängenden Blumen und einem halb versunkenen Wurzelstock. Die Skizze war nur erst in den Grundtönen angelegt, und dennoch verriet sie schon, mit welcher Treue die klaren ruhigen Mädchenaugen alle Farben der Natur zu erfassen wußten. Aber sie schien mit ihren Gedanken nicht bei der Arbeit zu sein. Der Arm mit der Palette hing lose nieder, und während sie lächelte wie in freundlichem Erinnern, glitt ihr Blick über den stillen See.

Da weckte sie der Schritt des Jägers. Als sie Mazegger erkannte, glitt ein Schatten des Unbehagens über ihr Gesicht. Doch als er sie mit seiner rauhen, erregten Stimme grüßte, dankte sie ruhig. Dann nahm sie die Arbeit auf, als wäre sie allein.

Er stand hinter ihr und umklammerte mit der Hand so fest den Wurzelballen der kleinen Pflanze, daß die Erde zu Boden bröselte. »Schauen Sie doch her, Fräulein, was ich Ihnen gebracht hab!«

Sie hob das Gesicht, und der Anblick der seltenen Pflanze schien ihr Freude zu machen. »Ein Edelweiß! Wo haben Sie das gefunden?« Schon wollte sie die Blume nehmen. Da begegnete ihr Blick seinen heißen Augen. Sie zog die Hand zurück. »Ich danken für Ihren guten Willen, Mazegger, aber ich kann diese Blume nicht nehmen.«

Aus dem Gesicht des Jägers war alles Blut gewichen. »Nicht nehmen? So? Und warum nicht?«

»Weil – weil die Pflanze in der Blütezeit ausgegraben ist und verwelken muß. Sie gewöhnt sich nicht mehr an neuen Boden.«

»Das ist eine Ausred! Vorige Woche hat Ihnen der Förster ein Edelweiß gebracht. Das hat doch auch schon geblüht. Warum soll das meinige nicht fortkommen? Oder wollen Sie es nur nicht nehmen, weil es von mir ist?«

Sie schwieg und mischte auf der Palette eine Farbe.

»Fräulein?« Die Stimme des Jägers zitterte. »Ich bin um das Blüml einen harten Weg gestiegen. Schauen S' hinauf zur Tejawand! Von da droben hab ich's heruntergeholt. Weil ich gemeint hab, das Blüml macht Ihnen Freud. Jetzt frag ich in allem Ernst: wollen Sie das Edelweiß nehmen?«

»Nein!« erwiderte sie ruhig.

Mit ersticktem Fluch zerquetschte er die Pflanze in der Faust und schleuderte sie weit in den See hinaus.

Da sah sie zu ihm auf. Dann rückte sie die Staffelei beiseite, um das Motiv, das sie begonnen hatte, breiter überschauen zu können.

Mit geballten Fäusten stand er hinter ihr und wartete, als müßte sie ihm noch ein Wort zu sagen haben. »Also wirklich?« unterbrach er die Stille mit heiseren Worten. »Das einzige kurze Wörtl ist alles gewesen? Alles für mich?«

Sie schwieg und setzte die gemischte Farbe mit sicheren Pinselstrichen auf die Leinwand.

»Und vor den anderen hat man sich hinstellen können eine geschlagene Stund, daß ein End schier nicht zu erleben war?«

Sie schien nicht zu hören, was er sagte.

»Aber der! Natürlich! Der ist halt was Feineres als unsereiner! Ein Fürst! Da rentiert sich's freilich, daß man 's Göscherl aufmacht! Aaah! So ein gnädiger Herr Fürst!«

Nun blickte sie doch verwundert auf. »Ein Fürst? Wer?«

Mazeggers Antwort war ein Lachen, das sein ganzes Gesicht verzerrte. »Gut verstellen können Sie sich auch, das muß ich sagen! Aber Sie wissen schon, wen ich mein'! Er hat sich ja so gnädig bei Ihnen verhalten, daß er schier aufs Fortgehn vergessen hat!«

Da huschte eine leichte Röte über ihre Wangen. »Das war der Fürst? Der die Jagd im Geißtal gepachtet hat?«

»Geh, Fräulein, tun S' nur nicht, als ob Sie das nicht gewußt hätten!«

»Nein, das hab ich nicht gewußt.« Sie wandte sich wieder zu ihrer Arbeit.

»Aber gefallen hat er Ihnen, gelt? Natürlich, wenn so einer kommt, mit seinem hochfeinen Spinnwebengsicht und seinen glanzigen Frauenzimmeraugen, aaah, da springen gleich alle verriegelten Türen auf!«

Ohne die Arbeit zu unterbrechen, sagte sie mit kaum merklicher Erregung in der Stimme: »Wenn es der Fürst ist, von dem Sie sprechen, dann ist es auch Ihr Herr, dem Sie Achtung schulden. Ich will mir danken, daß Sie nicht wissen, was Sie da geredet haben. Und jetzt gehen Sie, Mazegger! Sie sehen, ich arbeite.«

Sein rauhes Lachen unterbrach sie. Er würgte an Worten, die ihm nicht über die Zunge wollten, und plötzlich faßte er mit rohem Griff ihren Arm. Aus ihren Augen traf ihn ein so ruhig stolzer Blick, daß ihm die Hand hinunterfiel wie gelähmt. Schweigend legte sie den Farbenkasten zu und stellte ihn mit der Staffelei in den Schatten eines nahen Baumes. Prüfend betrachtete sie noch einmal ihre Arbeit, nahm den Basthut ab und strich die Haare von den Wangen zurück. Dann stieg sie gegen die Hütte hinauf.

Mazegger stand wie versteinert, solange er sie noch sehen konnte. Als sie verschwunden war, reckte er seine Gestalt, wie von einem Bann erlöst, und brach in ersticktes Lachen aus. Das Gesicht von Blässe überzogen, ging er zu dem Baum zurück, an den er seine Büchse gelehnt hatte. Zitternd klammerten sich seine Hände um die Waffe, während sein Blick die Höhe suchte, über deren Büsche das von Efeu umsponnene Dächlein herunterblickte. Eine wilde Drohung flammte aus den brennenden Augen des Jägers.

Er warf die Büchse auf den Rücken und schritt in den Wald hinein. Jeden Pfad vermeidend, kletterte er zwischen dem Gewirr der bemoosten Blöcke an der Lehne des Berges hin. Und plötzlich warf er sich ins Moos und grub das Gesicht in die Arme. Fast eine Stunde lag er so. Müd, als wären ihm alle Glieder wie gebrochen, richtete er sich endlich auf. Sein Gesicht brannte, und die Falten des Ärmels hatten ihm Striemen auf die Wangen gedrückt.

Er zog die Uhr. Es war Mittag geworden. Da konnte er ins Tal hinuntersteigen, ohne fürchten zu müssen, daß ihm der Förster oder einer der Jäger auf dem Weg begegnen könnte, der ihm verboten war.



Siebentes Kapitel

Es ging auf ein Uhr mittags, als Praxmaler im Tempo eines Wettläufers bei den Jagdhäusern eintraf. Auf halbem Wege war er vorausgegangen unter dem Vorwand, die Heimkehr des Fürsten anzumelden, damit der »Herr Kammerdiener« alle Bequemlichkeiten für seinen Herrn in Bereitschaft halten könnte. Ettingen hatte dem etwas auffälligen Diensteifer des Jägers gerne zugestimmt, da es ihm lieb war, mit seinen Gedanken allein zu sein. Da hatte nun Pepperl, sobald er seinem Herrn aus dem Gesicht gekommen war, einen Dauerlauf angeschlagen, bei dem er schließlich das letzte »Bröserl« seines Atems auspumpte.

Als er die Tillfußer Lichtung erreichte, schnappte er nach Luft, wie ein aufs Trockene geratener Fisch nach Wasser. Die Faust auf die arbeitende Brust drückend, spähte er nach allen Seiten, ohne was Verdächtiges zu gewahren. Friedlich lagen die Jagdhäuser mitsamt der Sennhütte in der weißen Mittagssonne, kein Mensch war zu sehen, nur ein paar Kühe grasten mit bimmelnden Glocken über das Almfeld hin. Das Bild dieses sonnigen Friedens wirkte wie Öl auf die erregten Wogen in Pepperls Seele. Er atmete auf und stieg zum Jagdhaus hinauf. »He! Herr Kammerdiener!« Keine Antwort. Er wird wohl in der Kuchl sein! dachte Pepperl und ging auf die Tür zu, aus der ihm so wundersame Düfte entgegenquollen, daß er schnuppernd die Nase hob. »Sakra! Sakra! Da gibt's was Nobels!« Er stellte Büchse und Bergstock nieder, nahm das Hütl ab und trat in die Küche. Sein erster Blick suchte den Kammerdiener, und da er ihn nicht fand, vergaß er, die Jungfer Köchin zu grüßen, und fragte nur: »Wo is er denn?«

»Wer?«

»Der Herr Martin.«

»Wahrscheinlich sitzt er wieder drunten in der Almhütt und schneidet der Sennerin die Cour. Ein rundes, gesundes Mädl! Das ist der Werktagsgusto von unserem Kammermops!«

»So, schön!« stotterte Pepperl, dem der Schreck in alle Glieder fuhr. Er stolperte zur Tür hinaus und rannte über das Almfeld hinunter. Als er den Stall erreichte, blieb er stehen und faßte sich bei der Joppe. »Nimm dich zamm, Pepperl! Sei du der Gscheiter!«

Lautlos bog er um die Ecke der Sennhütte, hörte aus der Almstube die beiden Stimmen und guckte aufgeregt durch eines der kleinen Rauchlöcher, welche die Wand durchbrachen.

Da drinnen saß der Kammermops in seiner schwarzen Gala und mit glänzend frisiertem Scheitel am Tisch, hielt in vornehmer Nonchalance die Beine mit den Schnallenschuhen übereinandergeschlagen und schmauchte eine Zigarette. Seinen hochgezogenen Brauen war anzumerken, daß er mit dem Ergebnis der zärtlichen Stunden nicht ganz zufrieden war. Vor ihm stand die Sennerin am Herd und rührte mit langem Holzlöffel in dem großen Kupferkessel herum, der über dem flackernden Feuer hing. Das hübsche Gesicht des Mädels brannte. Das schien nicht nur von der Hitze des Feuers zu kommen, denn eine Furche des Unwillens lag zwischen ihren Brauen.

»Nun?« fragte Martin. »Warum so schweigsam, schönes Kind? Soll ich keine Antwort bekommen?«

Es schien kein freundliches Wort zu sein, das dem Mädel auf der Zunge lag. Schon wollte sie sprechen. Da hörte sie mit ihrem feinen Ohr ein leises Rascheln an der Mauer. Und es fiel ihr auf, daß an einem der Rauchlöcher die Sonnenhelle, die durch die Öffnung geleuchtet hatte, plötzlich verschwunden war. Ein feindseliges Lächeln zuckte um den kirschroten Schnabel der Sennerin. Dieses böse Lächeln verwandelte sich in schadenfrohes Schmunzeln. Und während sie mit blitzenden Augen über die Schulter zu Martin hinüberguckte, sagte sie zögernd, als müßte sie sich jedes Wort überlegen: »Ja, wissen S', mit Ihnen hat a Madl a harts Reden! Sie sind so a stadtischer Pfiffikus! Da muß man Obacht geben – wenn S' mir auch sonst net gar so übel gefallen täten, ja!« Diese letzten Worte sprach sie mit auffallend lauter Stimme.

Martin schien die jähe Schwenkung im Verhalten des Mädels mit Vergnügen zu bemerken und gab seiner Antwort einen Herzton schöner Ehrlichkeit: »Aber ich bitt Sie, mein liebes Kind, einen aufrichtigeren Menschen, als ich bin, gibt es gar nicht mehr. Wenn ich was sage, könne Sie sich drauf verlassen, daß es so ist!«

»Ja, freilich!« Burgi lachte. »Die Mannsbilder alle mitanander sind Lugenschüppel, schon gar, wenn s' zu einem Madl von der Lieb reden. Da sind unsere Burschen auch net anders als die nobligen Herrn aus der Stadt. Und erst die Jager! Eh so einer s' Mail aufmacht, hat er schon dreimal glogen. Schauen S' den Pepperl an, der sich neulich auf d' Nacht so fein gegen Ihnen benommen hat! Dös is schon gar der Ärgste! Zwiderer, wie mir der is, kann mir net leicht einer sein!«

»Na, hören Sie, mein liebes Kind, Sie werden mich doch hoffentlich nicht mit solch einem ungebildeten Lümmel vergleichen wollen?«

»Ah, Gott bewahr! So viel Augen hab ich schon, daß ich an Unerschied merk.«

»Das ist nett von Ihnen, daß Sie mir das so ehrlich sagen. Und eine Ehrlichkeit für die andere: so gut wie Sie, liebe Burgi, hat mir im Leben noch kein Mädel gefallen. Sie haben so was Heiteres, Gesundes, Frisches und Herziges –«

»Hören S' auf, Sie süßer Schmalger, Sie!« erwiderte die Sennerin lachend, wurde aber dabei doch rot bis über die Ohren, als hätte dieses schmeichelnde Bekenntnis völlig wirkungslos an das verriegelte Türchen ihrer Mädchenseele gepocht.

»Das dürfen Sei mir glauben, daß ich noch nie einem Mädel so was gesagt habe!« sprach Martin mit Eifer weiter. »Wahrhaftiger Gott, ich habe mich nie besonders viel um die Frauenzimmer gekümmert. Mein Dienst und mein Herr, das war für mich immer das Höchste. In einer so wichtigen Stellung hat man keine Zeit für Dummheiten übrig.«

»Dummheiten?« Burgi guckte nachdenklich in den brodelnden Kessel. »No, gar so was Dumms kann d' Lieb ja doch net sein!«

»Jaaa! Wenn es die richtige Liebe ist! Treu, aufrichtig und ehrenhaft! Aber wie sich das in der Stadt gewöhnlich macht? Nein, dafür dank ich! Wenn ich da wollte, an jedem Finger könnt ich eine haben.«

Burgi musterte den feinen Herrn. »Ah ja! A nobligs Mannsbild! So nobel wie Sie geht net amal der Herr Fürst umanand. Dös tut doch net leicht a Mensch, daß er sein Dienstboten 's bessere Gwand zum Tragen gibt, und er selber tragt a geringers. Der Herr Fürst muß Ihnen gern haben!«

»Er weiß, was er an mir hat!« sagte Martin, über das naive Mißverständnis des Mädels mit heiterem Lächeln hinübergleitend. »Und wenn es an der Zeit ist, wird er mir auch für meine treuen Dienste entsprechend danken!« Er blies eine Rauchwolke vor sich hin und lehnte sich behaglich zurück. »Ich bin ja mit meiner Stellung ganz zufrieden. Aber man will doch auch einmal selbständig werden und eine Familie gründen.«

»Familie gründen?« Dieses Bild schien für Burgi eine Nuß zu sein, die man erst knacken mußte, um auf den Kern zu kommen. »Ah so! Heiraten, meinen S'?« Sie hatte augenscheinlich großen Respekt vor dem Worte: »Heiraten!« Das verriet die ehrfürchtige Breite, mit der sie es aussprach.

»Heiraten! Ja!« Martin schmunzelte. »Es ist nicht gut, wenn der Mensch allein bleibt. Das steht in der Heiligen Schrift.«

»A fromms und gottgfälligs Wörtl, ja!«

»Und wenn ich einmal das Frauerl gefunden habe, das mir gefällt, dann brauch ich nur mit meinem Herrn zu sprechen. Da kann ich mir auf seinem Gut einen Posten als Inspektor aussuchen. Aaah, meine Frau, die wird's einmal gut haben! Denken Sie nur, liebe Burgi, Licht, Holz, und Wohnung, alles frei! Dazu ein Gehalt von drei- bis viertausend Gulden im Jahr.«

»Was! Vier – tausend – Gulden! Mar und Joseph! Is dös a Geld!« Burgi machte Augen, als wäre Martin plötzlich für sie ein anderer Mensch geworden, einer, den man mit Achtung behandeln mußte. Dabei erlosch in ihr der Gedanke an jenes kleine Rauchloch, aus dem die Sonne verschwunden war. »Vier – tausend – Gulden! Mehr hat ja bei uns in Tirol kein Bischof! Sie, Herr Martin, da können S' Ihnen a nobels Stadtfräulein aussuchen!«

»Na, wissen Sie, mit denen aus der Stadt –« Martin schüttelte den Kopf und schnellte die Asche von der Zigarette. »Ich hab mir immer was anderes gedacht. So was Urwüchsiges und Unverdorbenes! Das war mein Geschmack. Und dann – in einem unbewohnten Schloß die Zimmer lüften, das paßt mir auch nicht recht.«

»Um Gotts willen, Herr Martin, lassen S' dö viertausend Gulden net aus!«

»Wenn ich mir was Besseres wüßte?«

»Noch was Bessers? Dös gibt's ja gar nit!«

»Wer weiß!« Martin lächelte geheimnisvoll. »Wenn Sie mir versprechen, daß Sie nichts weiterschwatzen, sag ich Ihnen was.«

»Ich! Und an Tratsch machen? Da tät ich mir lieber 's Züngl abbeißen. Zu mir können S' unscheniert reden.«

»Hand drauf?«

Burgi wischte die Hand an der Schürze ab, bevor sie einschlug. »Hand drauf, ja!«

Vertraulich zog Martin das schmucke Mädel an seine Seite und streichelte die sonnverbrannte Hand. »Das wissen Sie doch, daß unsere Durchlaucht die große Jagd da auf zehn Jahre gepachtet hat?«

»Freilich, ja! Und der Pacht, und 's Winterfutter, und die Jager alle! Mein Gott, mein Gott, dös muß a schauderhafts Stückl Geld kosten!«

»Das glaub ich! Und da können Sie sich denken, daß da ein verläßlicher Mensch hergehört, der alles leitet und überwacht, die Verrechnung führt –«

»Dös macht ja der Förstner! Sie, dös is an ehrenhafter Mensch. Auf den kann sich der Herr Fürst verlassen.«

»Ja, ja! Ich will ihm auch von seinen guten Eigenschaften nichts abstreiten. Aber auf einen solchen Posten gehört ein Mensch von Bildung, der alles so zu richten versteht, wie es unserer Durchlaucht angenehm ist.«

»Um Gotts willen! Der gute Herr Förstner wird doch net seinen Posten verlieren?«

»Gott bewahre! Der kann bleiben, was er ist. Aber über ihn wird noch ein Jagdverwalter gesetzt, verstehen Sie?«

Ganz verstand sie die Sache nicht; aber sie nickte: »Ah ja! Ah ja!«

»Das wird noch heuer im Herbst gemacht. Unsere Durchlaucht hat bereits mit mir über die Sache gesprochen. Und im Frühjahr wird draußen in Leutasch für den Verwalter ein neues Haus gebaut, natürlich zweistöckig, mit einem großen Garten, mit einem Stall für zwei Pferde und vier Milchkühe –«

»Da ghört a Heustadl und a Holzschupfen auch dazu!«

»Natürlich! Wird gebaut!« Martin warf die Zigarette über den Tisch und zog das Mädel fester an sich. »Na, und jetzt raten Sie mal, wer das sein wird? Der neue Jagdverwalter?« Lächelnd tätschelte er den runden, molligen Arm der Sennerin und zwinkerte vergnügt zu ihr hinauf.

Da begriff sie und platzte los: »Am End gar Sie, Herr Martin!«

Er nickte.

»Hören S', da därf man Ihnen gratalieren!«

»Nicht wahr? Aber – einen Haken hat die Sache noch.«

»Was denn für ein'?«

»Der Verwalter hier, das muß einer sein, der verheiratet ist.«

»No ja, so heiraten S' halt! Für so an Posten kann man's riskieren.«

»So? Meinst du?«

Sie merkte gar nicht, daß er sie duzte.

»Aber wo find ich so schnell eine, die mich nimmt?«

»Ui jegerl!« sagte sie ernst. »Bei so was greift doch jede zu mit alle zwei Händ.«

»Na ja! Aber ich kenn eben keine.« Martin legte den Arm um Burgis Hüfte. »Und jetzt sag mal, Burgerl? Möchtest du mir nicht eine suchen helfen?«

»Ich?« Nun lachte sie, als hätte sie in ihrem Leben was Lustigeres nicht gehört. »O du mein lieber Herrgott! Mit so einer, wie s' mir bekannt sind, da wären S' sauber aufgricht! Sie! Und a Bauernmadl!«

»Na, weißt du, das wird doch wohl nicht anders gehen. Eine vom Land werd ich mir nehmen müssen. Eine, die sich auf den Stall versteht. Von Kühen und Pferden versteh ich nichts, rein gar nichts. Das muß eben dann meine Frau übernehmen.«

»Ah ja!« Das leuchtete ihr ein. »Dös is wahr, da brauchen S' eine, die ihr Sach versteht und ghörig schaffen kann.«

»Na also! Und da mußt du mir suchen helfen! Denk mal ein bißchen nach! Ich mein' immer, daß du gar nicht weit zu suchen brauchst, um so eine für mich zu finden, so recht eine Hübsche, Frische, Gesunde!«

So fühlte den zärtlichen Druck seines Armes, spürte seinen heißen Atem, sah seine dürstenden Augen – und da begriff sie. Das wirkte, als hätte der Blitz vor ihr eingeschlagen. Sie versuchte erschrocken, seinen Arm von sich abzuwehren. Bei diesem Befreiungsversuch schien ihr die rechte Kraft zu fehlen. Er gelang nicht.

Was in ihr vorging, war deutlich auf ihrem Gesicht zu lesen. Ihr erster Gedanke war Unglaube. Der Menschenverstand in ihrem hübschen Zauskopf war, so anspruchslos ihn die Natur auch geschaffen hatte, doch zu gesund, um sie nicht vor dem großen Köder zu warnen, den sie vor ihren Augen winken sah. Aber sie hätte nicht das praktisch rechnende Kind des Dorfes sein müssen, wenn ihr neben allem Zweifel nicht auch die Erwägung gekommen wäre: »Vielleicht is doch was dran! Und wenn was dran is, därf ich mir's net verscherzen!« Und sie hätte nicht das arme, mit aller Not des Lebens kämpfende Mädel sein dürfen, um nicht auch die scheue Sehnsucht zu empfinden, die der Traum vom großen Los erweckt. Ihr Herz war frei, sie dachte an keinen andern – der Praxmaler-Pepperl war ihr ja »so zwider wie net leicht einer«. Und wenn der gesunde Verstand ihr auch sagte: »Glaub dem Schmalger nix, er lügt dich an!« – so hinderte das nicht, daß in ihrem sumsenden Köpfl ein winkendes Luftschloß zu glänzen begann. Sie sah das zweistöckige Haus, den Garten mit Sellerie und Kopfsalat, die große Wiese, den Stall mit Pferden und Kühen. Sie sah den Vater, den sie seit Jahren ernährte, unbesoffen und zufrieden in seinem Stübchen. Sie sah sich im seidenen Kleid zur Kirche gehen und im ersten Betstuhl knien. Sie sah sich am Sonntagnachmittag bei Kaffee sitzen, während die Tür sich auftat und die Jäger zum Rapport erschienen, voran der Praxmaler-Pepperl, der höflich das Hütl von den trauernden Kreuzerschneckerln herunterzog: »Recht schön guten Abend, Frau Jagdverwalterin!« –

Bei diesem Traumbild stotterte sie zu Tod erschrocken: »Mar und Joseph!« Sie hatte plötzlich an das Rauchloch da drüben denken müssen, in dem die Sonne verschwunden war. »Lassen S' mich aus! Ich bitt Ihnen, lieber Herr Martin, lassen S' mich aus!«

»Aber Burgerl, Kind, sag mir doch –« Martin versuchte das Mädel auf seinen Schoß zu ziehen. Da verfinsterte sich die Tür, und eine Stimme, die kaum merklich bebte und dennoch ganz anders war als die gewohnte Stimme des Praxmaler-Pepperl, klang in die Dämmerung herein: »Recht schön guten Abend beinander!« Im gleichen Augenblick stand Burgi schon am Herd und begann im Kessel ein verzweifeltes Rühren.

Martin streckte die Beine, brannte sich eine frische Zigarette an und schielte über das flackernde Zündholz nach dem Jäger.

Pepperl stand wie ein Baum unter der Tür, die Daumen in die Hosenträger eingehakt. »Sie, Herr Kammerdiener! Tummeln S' Ihnen! Der Herr Fürst wird gleich heimkommen.«

»Also ist er noch nicht da? Na, dann wird's nicht so pressieren!« meinte Martin. Er stäubte eine Aschenflocke von seinem Frack, erhob sich, zog die Weste herunter und ging zur Tür. »Wollen Sie gefälligst den Weg freigeben?«

Pepperl rührte sich nicht. »Ja, gleich! Aber z'erst noch a Wörtl! Neulich auf d' Nacht hab ich an Rausch ghabt. Und da hab ich mich a bißl unghörig aufgführt. Dös reut mich, ja! Aber heut bin ich nüchtern.«

Martin runzelte die Brauen. »Was soll das heißen?«

»Es is nur, daß der Herr Kammerdiener weiß, wie er dran is mit mir.« Pepperl trat von der Tür weg. »So!«

»Sie scheinen zu glauben, daß ich an Ihr unqualifizierbares Benehmen von neulich eine Minute später noch gedacht habe? Da tun Sie sich zuviel Ehre an, junger Mann.«

»Is schon möglich! Unsereins halt eben a bißl was auf Ehr. Deswegen zwick ich Ihnen von der Ihrigen nix ab. Die tät mir net in d' Joppen passen.«

Martin zuckte hochmütig die Schultern, und während er zur Tür hinausschritt, grüßte er freundlich: »Adieu, Burgerl!«

»Bhüt Ihnen Gott, Herr Martin!« klang es so dünn wie ein Zwirnsfaden vom Herd herüber.

Draußen waren Martins Schritte schon verhallt, und Pepperl stand immer noch stumm und regungslos neben der Tür.

Burgi tat, als wäre der Jäger Luft für sie. Bald hantierte sie mit dem Geschirr, bald wieder legte sie ein frisches Scheit in das flackernde Feuer, und bei allem drehte sie der Tür immer den Rücken zu.

»Jiija!« sagte Pepperl endlich, ging auf den Tisch zu, setzte sich auf den leer gewordenen Stuhl und begann in aller Gemütsruhe sein Pfeiflein zu stopfen. Als diese umständliche Arbeit erledigt war, hob er das Bein und strich an der Schattenseite seiner Lederhose das Zündholz an.

»Ja, ja, ja!« nickte er vor sich hin, während er nachdenklich den brennenden Schwefel betrachtete. »So geht's auf der Welt!« Mit langen Zügen begann er zu paffen.

Burgi schoß einen wütenden Blick nach dem Jäger. »Mußt denn du allweil grad bei mir da sitzen?«

»Da gfallt's mir halt, weißt!«

»Wär mir schon lieber, es tät dir woanders gfallen!«

»Die Zeit kann auch noch kommen.«

»Hoffentlich bleibt's net gar z'lang aus!«

»Is schon möglich. Es gibt Sacherln auf der Welt, die haben gschwinde Füß.«

Unter trockenem Lachen faßte Burgi den langen Holzlöffel, um den Inhalt des Kessels aufzurühren. Eine Weile hörte man nur das Knistern des Feuers und das angestrengte Paffen des Praxmaler-Pepperl. Dieses Schweigen zog sich immer zäher in die Länge.

»Heut macht's an staden Tag!« sagte Pepperl endlich. »Plauschen wir lieber a bißl was!« Ein kurzes Auflachen. »No also, wie geht's, wie steht's denn allweil, Frau Jagdverwalterin? Haben S' heut den herrschaftlichen Stall schon ausgputzt? Ja?«

Burgi fuhr auf wie von einer Natter gestochen. Im ersten Augenblick wußte sie nicht, was sie sagen sollte. Dann trat sie schneidig auf den Jäger zu, beugte den Kopf bis zu seiner Nase hinunter und zischelte ihm ins Gesicht: »Du! Jetzt will ich dir was sagen! Um alles andere frag ich net – aber beim Herrn Martin seiner Privatsach, die er mir anvertraut hat, da hab ich d' Hand drauf geben, daß nix weiterkommt. Und dös möcht ich mir verbitten, daß du jetzt an Tratsch machst, und daß 's hintnach heißen tät, ich hab's gsagt! Verstehst mich?«

Pepperl blies ihr den Rauch ins Gesicht, daß sie husten mußte. »Dös kann ich halten, wie ich mag. Ich hab nix versprochen.«

»So? So?« Fuchtelnd wehrte sie mit beiden Händen den Rauch von sich ab. »Gleichschauen tät 's dir schon, dir, daß d' umanand rennst in der ganzen Gegend und alles ausschreit! Gelt?«

Das Blut stieg im ins Gesicht, doch er blieb ruhig. »So? Schaut's mir gleich? No ja!« Und paff, hatte sie wieder eine Wolke unter der Nase.

»Jetzt hör amal auf!« fuhr sie ihn hustend an. »Blas mir net allweil dein Stinkadores ins Gesicht!«

»Freilich, du vertragst halt bloß so a feins Zigarettendampfl. Übrigens, wenn dir sonst kei' Sorg net aufliegt, als daß ich an Tratsch mach, da kannst dich trösten. Lugen red ich net weiter. Denn daß ich den Schwindel mit der Jagdverwaltung glaub, für so strohkalbdumm möcht ich mich von die Leut net halten lassen.«

Burgi atmete erleichtert auf und kehrte zum Herd zurück. Einen »Tratsch« brauchte sie nicht zu fürchten, das wußte sie jetzt. Und über das Loch, das Pepperl mit dem Wörtlein »Schwindel« in ihre halbe Hoffnung gerissen hatte, machten ihre Gedanken einen großen Sprung. »Bist ihm halt neidisch, gelt?«

»Dem? Na!«

»Und ärgern tust dich, daß er sich mit dir net abgibt.«

»Ich hab halt nix so ›Urrwixikäs‹ und ›Härzikäs‹, wie er's gern hat.«

»Natürlich, so a Lümmel wie du!«

»Freilich! Ich hab's ja hören können, daß dir net leicht einer so zwider is wie ich.«

»So?« Die Schadenfreude blitzte in ihren Augen. »Hast es aufgschnappt? Ich hab's eh nur gsagt, damit du's hörst.«

»Geh?«

»Ja! Meinst, ich hab dich net umraspeln hören hinter der Wand da draußen?« Als sie die verdutzten Augen sah, die er machte, versetzte sie der Wahrheit einen gelinden Puff und sagte: »Hätt's da herin was zum Verheimlichen geben, meinst, ich hätt den Herrn Martin weiterreden lassen, wenn ich weiß, wer draußen steht mit die gespitzten Luser! Übrigens, schenieren möcht ich mich! Mit die Ohrwascheln umanand rutschen hinter der Mauer! Aber – ›Der Lauscher an der Wand hört die eigene Schand!‹ – Kennst es ja, dös Sprüchl, gelt?«

»Ja!« Pepperl biß in die Pfeifenspitze, daß es knirschte. »Schand hab ich gnug ghört. Aber net die meinig.«

»Du!«

Das Wort war wie ein Dolch. Und das brennende Scheit, das Burgi gerade tiefer ins Feuer schieben wollte, hatte sie in der Hand behalten und aus der Glut gerissen. Der Rauch quoll an ihr hinauf, und die Flamme züngelte nach ihrer Schürze.

Da war es um Pepperls Ruhe geschehen. Ein Sprung, und er stand an ihrer Seite, riß ihr das Scheit aus der Hand, um es ins Feuer zu werfen, und schrie ihr mit alles Überzeugung eines ehrlichen Menschen ins Gesicht: »Madl! Er schmiert dich an! Der!«

Sie wurde bleich. »So was laß ich mir net sagen! Von dir schon gar net. Und zum Anschmieren ghören zwei. Da müßt ich auch noch dabei sein. Aber weil du vom Herrn Martin bloß allweil 's Schlechte glaubst, deswegen mußt noch lang net recht haben!«

»Madl! Madl!« Pepperl fuhr ihr mit den fuchtelnden Händen fast ins Gesicht. »Wie kannst denn so was glauben! Der? Und Jagdverwalter? Da macht man ehnder an Pudel zum Pfarrer! Und wieviel hat er gsagt? Viertausend Gulden? Ja! Viertausend Pfifferling mit Schneckensoß und den Buckel voll Prügel zum Eintunken! Dös verdient er! Der!«Der Brustton, mit welchem Pepperl predigte, schien den zornigen Trotz des Mädels schon ins Wanken zu bringen. Aber was der Jäger im heißen Eifer weiter noch vorbrachte, verdarb wieder alles. »Meinst, ich hab's net gmerkt, gleich am ersten Abend, wie der dich angschaut hat? Kümmern tut's mich freilich nix. Ich? Und von dir was mögen? Ah na! Fallt mir net ein! Aber als gute Seel hab ich mir denkt, muß ich dös dumme Madl doch a bißl verwarnigen. Drum hab ich in der Nacht an deiner Kammer klopft. Ja! Sonst wegen nix. Aber hast dir ja nix sagen lassen. Natürlich, und jetzt is der Teufel los! Jetzt hat er dich anplauscht. Und glauben tust ihm auch schon und möchtest am liebsten gleich mit alle zwei Füß ins Unglück einihupfen, gelt? Aber da is noch was gut dafür! Da bin ich noch da! Verstehst mich? Du gehst mich net so viel an, weißt! Aber die gute Repadazion von unserer Gegend liegt mir am Gwissen. Und daß 's bei die Leut umanand heißen soll: auf der Tillfußer Alm, wo d' Jager hausen, geht's zu wie auf der ungraden Hochzeit, die der Pfarrer verschlafen hat – dös laß ich net zu! Verstehst mich?«

»Du, mir scheint, dir hat d' Sonn a bißl z'heiß aufs Dachl brennt!« fiel Burgi mit zornbebender Stimme ein. »Komm her, du, ich kühl dich ab!« Und ehe Pepperl den Sinn dieser Worte zu deuten vermochte, hatte sie den Tränkzuber gepackt und schüttete dem Jäger einen Guß ins Gesicht, daß das Wasser in plätschernden Fäden an ihm hinuntertroff.

»So? No wart nur, du!« Pepperl schüttelte sich, daß die Tropfen nach allen Seiten flogen. »Wir zwei sind fertig miteinander! Du und ich! Für ewige Zeiten! Jetzt soll dir an andrer ins Gewissen reden! Jetzt muß dein Vater her! Dein Vater soll's wissen, wie's steht um dich! Ja, schau mich nur an, du! Heut noch laß ich ihm Botschaft sagen. Dein Vater muß her! Und jetzt bin ich fertig, so!« Er quetschte das Wasser aus den Ärmeln und schleuderte die Tropfen von den Händen. »Mich siehst nimmer in deiner Hütten!«

Wie er zur Tür hinauskam, das schien er selber nicht recht zu wissen. Er merkte nur plötzlich, daß er draußen in der Sonne stand, und da schob er das Hütl zurück und griff sich an die Stirn, als müßte er sich erst besinnen, was denn eigentlich geschehen wäre. Der Anblick seiner pritschelnassen Kleider schien ihm alles wieder in Erinnerung zu bringen. »An saubern Dank hat man von der moräulischen Gwissenhaftigkeit!« Er zog die Joppe herunter, trocknete mit dem Sacktuch das Gesicht und drückte das Wasser aus der Lederhose, die sich anfühlte wie ein vollgesogener Schwamm. Und da er in dem Zustand, in dem er sich befand, das Försterhäuschen nicht betreten wollte, sprang er gegen Wald hinunter und legte sich auf einer kleinen, versteckten Lichtung in die Sonne, um trocken zu werden. »Grad zerreißen könnt ich dös Weiberleut!« murrte er mit geballten Fäusten vor sich hin, als er zwischen den Stauden hockte und sich von der Mittagshitze braten ließ.

Er hatte »seine Schuldigkeit getan«, hatte sein Gewissen entlastet. Aber der Ausdruck seiner Züge war nicht der friedliche des guten Hirten, der sein bedrohtes Schäflein gerettet weiß.

Es dauerte eine gute Stunde, bis Pepperl in der sommerlichen Backofenhitze trocken wurde – wenn auch nicht trocken bis auf die Haut. »Unterschichtig« klebte ihm noch das Gewand am Körper, aber auswendig, meinte er, »tut's es schon!«

Um nur ja nicht an der Sennhütte vorüber zu müssen, machte er zum Försterhäuschen einen weiten Umweg durch den Wald, bis hinunter zum Bach. Da begegnete ihm der Bote, der für den Fürsten die Post aus Leutasch gebracht hatte und jetzt wieder heimwanderte. Pepperls Augen funkelten vor Freude. »So! Du kommst mir recht. Kannst mir eine Botschaft tragen?«

»Was denn?«

»Triffst du den alten Brenntlinger heut noch?«

»Der Burgi ihren Vater?«

»Ja.«

»Heut nimmer, na! Aber morgen, wann ich am Wirtshaus vorbeikomm, da hockt er schon drin.«

»Richt ihm aus, daß ich ihm ganz ebbes Wichtigs sagen muß. Er soll mich aufsuchen. Je bälder, je lieber.«

»Sagen tu ich's ihm schon.« Der Mann lachte. »Ob ihm der Schnaps aber Urlaub gibt, dös weiß ich net.«

»Versprich ihm halt, daß er bei mir auch sein Stamperl kriegt.«

»No, da kann's sein, daß er kommt!«

Pepperl lüftete die Joppe, lachte spöttisch vor sich hin und spähte durch den Wald hinauf. »Gelt, sag's ihm fein gwiß! Ich tu dir an andersmal auch wieder an Gfallen dafür. Und tummel dich, daß d' heimkommst und den Postwagen net versaumst. Hast viel mitkriegt vom Herrn Fürsten?«

»Schier gar nix, na! Bloß a Telegramm, dös er gschwind noch gschrieben hat, grad jetzt, wie er heimkommen is.«

»No also, da mußt doppelt flinke Füß machen! Bhüt dich Gott!«

Während Pepperl seine Lederhose auf ihre »unterschichtige« Feuchtigkeit prüfte, wanderte der Bote davon.

Die Depesche, die er mit forttrug, war an den Grafen Sternfeldt adressiert und lautete: »Erkundige Dich, bitte, nach einem Maler Emmerich Petri, der vor zehn oder fünfzehn Jahren in München lebte. Jedes Wort, das Du über ihn erfahren kannst, hat Interesse für mich. Dank und herzlichen Gruß. Ich bin gesund und guter Dinge wie ein Fisch in klarem Wasser. – Heinz.«



Achtes Kapitel

Ein stiller Tag verging, an dem das Blau des Himmels gegen die Nebel kämpfte, die überall aus der Luft herauswuchsen und sich wie graue Kappen über alle Zinnen der Berge stülpten.

Gegen Abend begann es zu regnen.

Förster Kluibenschädl war im Fürstenhaus zu Tisch geladen. Als er sich nach heiter verplaudertem Mahl von seinem Jagdherrn verabschiedete, erbat er sich Urlaub für den nächsten Tag. Neue Jagdsteige wären zu bauen, und da müßte die Zustimmung der weidberechtigten Gemeinde eingeholt werden.

»Sie gehen nach Leutasch?« fragte der Fürst. »Wollen Sie mich mitnehmen?«

»Wollen? Ich bitt, Duhrlaucht, es wär mir ja die größte Ehr! Aber 's Wetter, mein' ich, wird Mannderln machen. Und viel is in der Leutasch draußen net zum Sehen.«

Ettingen lächelte.

»Es wär net der Müh wert, daß Duhrlaucht naß werden.«

»Ich hoffe, das Wetter bessert sich wieder bis morgen, und dann gehen wir.«

Der Wunsch des Fürsten erfüllte sich. Die halbe Nacht währte das Strömen und Gießen, aber der Morgen brachte wieder klares Wetter, sonnig und dennoch kühl.

Auf zehn Uhr morgens war der Abmarsch nach Leutasch festgesetzt – für Pepperl ein triftiger Grund, schon um neun Uhr von der Frühpirsche heimzukehren. Wenn der Fürst das Jagdhaus verließ, hatte der Kammerdiener einen freien Tag, und da mußte ein Riegel vor die Tür der Sennhütte geschoben werden. Freilich war Pepperl mit »der da drunten« für alle Ewigkeit »fertig«. Aber er hatte nun einmal die »Verantwortigung« auf sich genommen, und solch eine Gewissenspflicht wirft ein ehrlicher Christenmensch nicht von sich ab, bevor er nicht sicher ist, daß ein anderer sie auf seine Schultern nimmt. Für diesen anderen war bereits gesorgt. »Leicht kommt er schon heut, der Brenntlinger? Da bin ich's endlich amal los, die verwünschte Sorg! Bei so was hat man Tag und Nacht kei' Ruh!«

Als Pepperl in die Hüttenstube trat, machte Kluibenschädl sich wegfertig. »Gelten S', Herr Förstner, heut därf ich mich ausschnaufen und daheim bleiben?«

»Ja, Bub! Hast a paar harte Täg hinteranander ghabt. Laß dir d' Ruh heut schmecken!«

»Ruh?« brummte Pepperl vor sich hin, während der Förster zum Fürstenhaus hinaufstieg. »Wenn ich mein Schmarren drunten hab, hock ich mit'm Gheimnis vom Wohdekastel vors Hüttentürl her. Den ganzen Tag! Da kommt mir nix aus.«

Eine Viertelstunde später wanderte Ettingen mit dem Förster über das Almfeld hinunter. Als sie an der Sennhütte vorübergingen, kam Burgi mit einem Schaff Wasser vom Brunnen und grüßte stumm, bevor sie in den Stall trat. »Ist das sie Sennerin?« fragte Ettingen. »Ein hübsches Mädel!«

»Ja, gar net übel! Aber was in dös Madel einigfahren is, dös weiß der Kuckuck. Sonst hat's den ganzen Tag allweil gsungen wie a Starl im Frühjahr. Jetzt macht's a Gsicht wie neun Tag Regenwetter. Sie muß krank sein.«

»Oder verliebt. Das gäb eine schmucke Jägersfrau.«

»Die?« Kluibenschädl machte große Augen. »Die hat ja nix!«

Ettingen lachte. »Was haben? Gehört das zum Glück? Auch hier im Dorf? Ich dachte, daß die Leute in den Bergen das Leben natürlicher nehmen als wie verbildeten Kulturkinder in der Stadt.«

»Die Bauern? O du mein! Wann a Bauer heiret, wird um jeden Kuhschwanz ghandelt. Und d' Leut haben recht. Von der Lieb hat noch keiner zehrt. Steigen d' Sorgen zum Fenster eini, so fahrt d' Liebesfreud auf'm Besenstiel zur Haustür aussi! Und nachher wird grauft und gscholten.«

Ettingen sah den Förster von der Seite an. »Sie waren wohl nie verliebt?«

»Ich?« Kluibenschädl schlug ein Kreuz. »Gott soll mich bewahren!« Dem Ton dieser Worte war es anzumerken, daß der Förster über eine böse Erinnerung seines Lebens wegsprang. »Na, na! Mein Dienst, meine Berge und mein Wald! Mehr verlang ich nimmer im Leben.«

Ettingen nickte.

»Schauen S' ihn nur an, unsern Wald! Kann's denn was Schöners gegen? Oft, wenn mich 's Leben völlig verdrossen hat, da hab ich mir gsagt: ›Marsch, Brüderl, naus in dein Wald, da verleidst es schon wieder!‹« Er lachte. »Und wahr is gwesen. Wieder lustig bin ich worden. Noch jedsmal!«

Sie waren aus dem Schatten des Waldes in die Sonne getreten und hatten die Straße erreicht, die am Ufer des rauschenden Wildbaches hinlief. Die beiden Wegstunden bis zum Dorfe vergingen dem Fürsten so rasch, daß er, als das weite Wiesental der Leutasch sich vor ihnen öffnete, verwundert fragte: »Wir sind schon da?«

Sie konnten das schöne Tal bis zu den Bergen, die es in der Ferne begrenzten, frei überblicken. Gleich blinkenden Silberwürfeln lagen die weiß getünchten Häuser zwischen dem Grün der Obstgärten, zwischen dem gelben Geröll des Bachlaufes und den Goldgevierten der reifenden Haferfelder. Auf den Wiesen waren die Leute mit dem Heu beschäftigt, und die kleinen Figürchen in Hemdärmeln, die Wagen, die beladen wurden, die Zugtiere, alles glimmerte im Sonnenglanz. Eine Kette sanft gerundeter Waldberge schloß das Wiesental, und hinter ihren zierlichen Wipfelkämmen hoben sich die Felsenpaläste des Karwendelgebirges empor, die einsame Seefeldspitze und am Horizont die langgestreckten Inntaler Berge, deren fernste Zinnen nur noch wie bläulicher Hauch in die schimmernde Luft gezeichnet waren.

Bei den ersten Häusern sagte der Förster: »Duhrlaucht! Vor wir ins Dorf einmarschieren, müssen S' mir was versprechen!«

»Was?«

»Daß ich wegen die Steigbauten allein mit'm Bürgermeister reden darf. Zu dem laß ich Ihnen net in d' Stuben eini.«

»Halten Sie es nicht für gut, daß ich als Jagdherr selbst mit den Leuten spreche?«

»Gott bewahr! Wenn sie Bauern an Jagdherrn sehen, wissen s' gleich gar nimmer, was s' verlangen müssen. Schaut wo a Zehner aussi, so reißt der Bauer d' Augen gleich auf für an Tausender. Deswegen is er net schlechter und net besser wie andere Leut. Aber einbilden tut er sich: er is der Gscheite, und der Stadtherr is allweil der Dumme. Und hat er ihn übers Ohr ghaut, so lacht er ihn hintnach aus. Jetzt gar noch a Jagdpächter! Der is eh schon der Kiniglhaas! Von dem wird abigrissen, was runter geht an Woll. Na, na! Bleiben S' davon, Duhrlaucht! Sie mit Ihrer Güt möchten schön grupft ins Jagdhaus zruckkommen! Aber a Stündl wird's allweil dauern, bis ich d' Erlaubnis für unsere Steigbauten ohne Blutgeld aussidruckt hab. Wie wollen S' Ihnen denn derweil unterhalten, Duhrlaucht?«

»Ich mache einen Spaziergang durch das Dorf. Oder – neulich am Sebensee hab ich eine junge Dame kennengelernt, ein Fräulein Petri –«

»Ah so! Die Fräuln Lo?« Der Förster blieb stehen, und es leuchtete warm in seinen Augen. »Net, Duhrlaucht, die muß Ihnen doch gefallen haben? Dös is a Frauenzimmerl, dös sogar ich gelten laß, und dös will viel sagen! Aber mit der Fräulein Lo, da wirds schlecht ausschaun heut. Die is an so eim Tag allweil im Wald oder z'höchst in die Berg droben. Die treffen S' heut net daheim, Duhrlaucht!«

»Die junge Dame hat mir manches von ihrem Vater erzählt, und das merkwürdige Schicksal dieses Mannes interessiert mich lebhaft. Es wäre mir eine Freude, die Bilder zu sehen, die von ihm noch vorhanden sind.«

»Nix leichter wie dös! D' Frau Petri hat die größte Freud, wann einer kommt und die Sachen anschaut.«

»Sind die Bilder verkäuflich?«

»Na, Duhrlaucht, da wird sich nix machen lassen. Es hätt schon oft a Sommerfrischler so a Taferl gern mitgnommen. Aber was vom Herrn Petri noch da is, dös halten die zwei Frauenleutln fest wie mit eiserne Händ.«

»Also ist die Familie in guten Verhältnissen und hat ohne Sorge zu leben?«

»Aber gwiß. Erstens amal sind s' zfrieden mit allem und verstehen sich drauf, wie man 's Leben schön sparsam einrichten muß. Und nacher haben s' auch a bißl was. Der Herr Petri is a fleißigs Mannsbild gwesen. Der hat sich in die fufzehn Jahr bei uns da schön was verdient. So gut wie der hat's net leicht einer verstanden, wie man die Marterln macht, die Votivitaferln und die Heiligen an die Häuser. Von der ganzen Gegend hat er die Kundschaft kriegt und is gut zahlt worden, acht Gulden für a Marterl, zwölfe für an ganzen Heiligen. Freilich, diemal hat er seine narrischen Zeiten ghabt und hat wochenlang bloß für ihm selber gmalen. Da hat er Sachen gmacht, auf die der Herr Pfarr net gut zum reden war. Und ich muß selber sagen – ich bin keiner von die Mucker, die meinen, es müßt alles zuknöpfelt sein bis zum Nasenspitzl – aber da hat er vor drei, vier Jahr so an Endstrumm Tafel gmalen: die Versuchung Christi – und da hat er a Frauenzimmer vor unsern Heiland hingstellt – Kreuzsakra, die hätt a Gwandl brauchen können! Und so was hängt er mitten in d' Wohnstuben eini, daß 's jeder Mensch gleich sehen hat müssen. Was sagen S' jetzt zu so was, Duhrlaucht?«

Ettingen schwieg.

»Aber da is der Pfarr eingruckt über ihn! Da hat's in dem stillen Häuserl a hitzigs Stündl geben! Z'erst is der Herr Petri grob worden. Und 's Grobsein, dös hat er doch sonst net in der Manier ghabt, is allweil a guter, freundschäftlicher Patron gwesen. Aber selbigsmal hätt er den Pfarr bald zur Tür aussigworfen. Der hat aber net auslassen und hat ihm androht, daß er ihn aussidruckt zum Dorf, wann dös Bild net wegkommt. Da müssen dem Herrn Petri doch die Grausbirn aufgstiegen sein. Gahlings hat er 's Gsicht in d' Händ einidruckt und hat zum weinen angfangen.«

In Gedanken nickte Ettingen vor sich hin, als verstände er diese Tränen und die zerbrochene Seele, aus der sie geflossen waren. »Und das Bild?«

»Dös is verschwunden. Was er angstellt hat damit, dös weiß ich net. Gsehen hab ich's nimmer derzeit. Und a Glück war's für'n Herrn Petri, daß er selbigsmal in der Feuerkapellen den schönen heiligen Laurenzi am Bratspieß gmalen hat, dem aus'm Göscherl raus a Bandl geht, wo draufgeschrieben is, was der Heilige im Martyri gsagt hat zu die Schindersknecht: ›Schüret das Feuer noch heißer, es brennt mich nicht, denn mir ist kühl!‹ Ja, der schöne Laurenzi, der hat den Pfarr wieder ausgsöhnt. Aber wissen S', Duhrlaucht – der Pfarr hat mir's selber gesagt – dös unschenierte Frauenzimmer hätt ihn noch gar net amal so arg verdrossen. Was den Pfarr am schiechsten g'ärgert hat, dös war der Teifel. Der is viel schöner gmalen gwesen als wie der Heiland. Und dös geht ja doch net, daß eim der höllische Versucher besser gfallt als wie der Herrgott. Na, na! Der Herr Petri wär gscheiter bei seine Heiligen blieben. Auf die hat er sich verstanden. Schauen S', Duhrlaucht, da kommt grad so a Haus, dös er gmalen hat!«

Ein großer Bauernhof trat mit der fensterreichen Giebelfront an die Straße vor. Bis unter das Dach war die Wand mit Darstellungen aus dem Leben der heiligen Maria geschmückt.

Ettingen mußte etwas anderes erwartet haben, als es hier zu sehen gab; der erste Blick auf die bunte Bilderei enttäuschte ihn so sehr, daß er schweigend den Kopf schüttelte. Diese Heiligen mit ihren blauen und grünen Mänteln, mit ihren roten Gesichtern und schwefelgelben Strahlenkronen, mit ihren eckigen Bewegungen und grellen Farben unterschieden sich wenig von den handwerksmäßigen Malereien, die in den Gebirgsdörfern zahlreich auf den Wänden der Häuser zu finden sind. Hatte der Künstler seine Sache nicht besser verstanden? War er von jenen Unglücklichen einer, die zum Schaffen allen Willen haben, und denen nur eines fehlt: die Kraft? Hatte er sich, ein schwärmerischer Stümper, in die Rolle des verkannten Genies hineingeredet, für dessen Geisteshöhe und Seelentiefe der »Unverstand des Pöbels« zu kurze Augen hat – eine Rolle, in der ihn alle verlachten, zwei Menschen ausgenommen: die Frau, die in ihm den Gatten liebte, und das Kind, das in ihm den Vater vergötterte?

Während Ettingen in Gedanken diese Fragen stellte, fiel seinem Blick ein nebensächliches Detail auf, das ihn fesselte: ein kleines, stilisiert geflecktes, drolliges Hündchen, das die flüchtende Maria am Mantel zurückhalten will – ein Hündchen von einer Rasse, die der Natur nicht eingefallen war, nur der spielenden Laune einer krausen Künstlerphantasie. Und wie dieses unmögliche Tierchen lebte! Wie es die Füße zornig in den Sand stemmte! Wie es an dem Mantel zerrte, als ob es sagen wollte: »Du heilige Frau, wenn auch die Menschen dich verkannten, ich, das Tier, ich fühle, wer du bist, und möchte dich bitten, dich zwingen: bleib!«

Und dort das kosende Taubenpaar! Oder waren es weiße Raben? Wie natürlich ihre Schwingen sich bewegten! Mit wie zärtlichem Leben sie sich aneinanderschmiegten! Und jener Star? Oder war's ein Spatz, der in die Tinte gefallen? Wie er wütend eine Blumenknospe der Girlande zerzauste, die sich in sonderbaren Schlangenwindungen um alle figuralen Szenen ringelte! Das waren Blätter von seltsamer Form, Blumen von merkwürdiger Farbe und wunderlicher Gestalt – Blumen, die sich ansahen wie werdende Vögel und Schmetterlinge –, und dennoch waren es Blumen, die auf gesunder Erde gewachsen und nicht nur zu blühen, auch zu duften schienen.

Wer dieses naiv gedankenvolle, so unwirkliche und doch so lebendig berührende Beiwerk schaffen konnte, mußte auch die künstlerische Kraft besessen haben, um die Gestalten dieser Heiligen leben und sprechen zu machen. Und wenn er sich selbst verleugnet und diesen schreienden Unwert gepinselt hatte, weshalb tat er es? Weil er sich nach dem Geschmack der Besteller richten mußte, um zu verdienen? Oder weil er in Selbstironie sich sagte: »Jene anderen, die mich verstießen, mußten nehmen, was ich zu geben hatte – euch aber, ihr Einfältigen des Geistes, will ich geben, was ihr verlangt von mir!« Ob nun das eine oder das andere der Fall war – die Arbeit, die der weltflüchtige Künstler auf der Wand dieses Bauernhauses geleistet hatte, mußte ein Martyrium gewesen sein.

Je länger Ettingen die grellen Schildereien und ihr schönes Beiwerk betrachtete, desto deutlicher erwachte in seiner Erinnerung jedes Wort, das er draußen am Sebensee gehört hatte. Und aus dem Anblick dieser Farben floß eine Stimmung auf ihn über, die er empfand wie einen Schmerz. Er wandte sich ab und folgte schweigend der Straße.

Der Förster musterte das nachdenkliche Gesicht seines Herrn. »Mir scheint, Duhrlaucht, die Heiligen haben Ihnen net gefallen?«

Da lächelte Ettingen wieder. »Sie gefallen doch dem Pfarrer und gewiß auch dem Bauer, der sie bezahlte. Da sind sie wohl so, wie sie sein müssen. Aber sagen Sie, lieber Förster – der Teifel auf jenem Bilde war so schön, daß er den Pfarrer ärgerte?«

»Ja! A bißl a verruckts Frauenzimmer hätte sich in so an Satanas über Hals und Kopf verlieben können!«

»Sie sind doch ein guter Christ?«

»Ich?« der Förster war über diese Frage ganz verblüfft. »No ja, es tut's! Der Mensch is a schwachs Röhrl. Aber gar so leicht laß ich mich net biegen von der Sünd, und mit Wissen tu ich nix Unrechts.«

»Wenn nun der Teufel erschiene, um Sie zu versuchen?«

»Mar und Joseph! Duhrlaucht! Malen S' ihn net an d' Wand!«

»Und er käme, wie ihn der Pfarrer von der Kanzel herab den Bauern schildert: mit schwarzer Kaminfegerfratze und langer Zunge, mit Ziegenhörnern, Kuhschweif und Pferdefüßen? Würden Sie sich von dem verführen lassen?«

»Na, Duhrlaucht! Da möcht ich gschwind sagen: ›Pfui Teufel, fahr ab, du!‹«

»Nun also? Muß denn die Versuchung nicht schön sein, wenn sie uns gewinnen will? Zu unterlassen, was wir selbst für abscheulich halten, das ist doch kein Verdienst. Wenn wir uns einer Sünde in die Arme werfen, welche Entschuldigung hätten wir denn, wenn nicht die eine: daß die Sünde schön war?« Ettingens Stimme bebte, als hätten seine Worte noch einen anderen Sinn als nur jenen, den der Förster hören konnte.

Der runzelte die Stirn, ein Zeichen, daß ihm ein Gedanke zu schaffen machte. Dann rückte er verlegen den Hut. »Duhrlaucht! Jetzt haben S' mich auf ebbes bracht. Aber so is der Mensch! Zu meine Jagdgehilfen kann ich allweil sagen: z'erst denken und nachher reden! Und ich selber hab jetzt grad so blind in Tag einigredt. Jetzt schaut sich die Sach mit dem Herrn Petri seiner Versuchungstafel anders an. Dös is ja grad, als ob er sagen hätt wollen: ›Schauts amal her, so wunderschön is die Verführung zu unserm Heiland kommen, und dengerst hat er sich zruckghalten – da nehmts enk a Beispiel dran!‹ Ja, meiner Seel, da is eigentlich der Herr Petri viel christlicher gwesen als wie der Pfarr!«

Ettingen schien auf die Worte des Försters nicht mehr gehört zu haben; plötzlich verhielt er den Schritt und sagte erregt: »Das hier? Das muß das Haus sein! Nicht wahr?«

Sie hatten einen grünen Staketenzaun erreicht; gleichlaufend mit einer gestutzten Holunderhecke umschloß er einen kleinen Besitz, der sich zwischen den anderen Häusern und Gehöften ausnahm wie ein schön gefaßter Schmuckstein neben den grauen Kieseln der Straße. Das Haus, das im Garten stand, war früher wohl ein bescheidener Bauernhof gewesen. Das verriet noch die an den Wohntrakt angebaute Tenne. Aber es hatte größere Fenster und ein grünliches Schieferdach bekommen, dessen Kanten und Firste geschmückt waren mit wunderlichen Tierzieraten. Das Unterdach und die vorspringenden Balken, das Tennentor, die Kreuzstöcke und Fensterläden waren blaugrün bemalt und mit weißen und blaßroten Linienornamenten ausgezeichnet. Vor allen Fenstern, durch deren spiegelnde Scheiben die schneeweißen Vorhänge herausleuchteten, waren zierlich gegitterte Blumenbretter mit blühenden Stöcken angebracht, und daneben verschwanden die weißen Mauern unter dem Grün der sorgsam gezogenen Obstspaliere, deren Zweige von der Erde bis zum Schatten des Daches mit reifenden Früchten behangen waren.

Heiter und farbig, schmuck und freundlich erhob sich das kleine Haus wie auf einem breiten Sockel blühender Blumen. Geranienbüsche zogen sich am Fuß der Mauern hin, und der Vorgarten war in vier große Beete geteilt, mit Rosen und Nelken in allen Farben. Zwei lange Blumenbeete liefen zu beiden Seiten des Hauses gegen den weiten Hintergarten, zwischen dessen Obstbäumen und Gemüsebeeten eine große schattige Laube und ein luftiges Sommerhäuschen stand, das ganz aus wunderlich gewachsenen Ästen geschränkt und geflochten war. Silberweiße Kieswege schieden die Beete voneinander und umzogen in der Mitte des Vorgartens ein mit Tropfsteinen ausgelegtes Wasserbassin, in dem zwei murmelnde Brünnlein über eine moosige Felsgruppe niederrannen. Aus diesen Felsen erhob sich ein hoher, bunt bemalter Balken und trug das Taubenhaus, das mit seinen Türmchen und Erkern sich ansah wie das Modell einer gotischen Burg. Überall in den Kronen der Bäume und auf schlanken Stangen waren Starenhäuschen und Meisenkästen angebracht, und mit dem Gezwitscher der hundert Vögel, die hier nisteten, mischte sich das Geflatter und Gurren der weißen Tauben.

Wie einen Gedanken schließend, der ihn auf dem Wege begleitet hatte, schüttelte Ettingen den Kopf und murmelte: »Nein! So wohnt kein Verzweifelter! So wohnen nur zufriedene Menschen, die ihr Glück gefunden und über die stille Schönheit ihres Lebens hinaus keinen Wunsch mehr haben.«

Der Förster wollte in den Garten treten, blieb stehen und sagte: »Ich bitt schön, Duhrlaucht, wenn d' Frau Petri daheim is – tun S' das Frauerl net viel um ihren Seligen fragen! Da wird ihr 's Reden a bißl hart.« Er ging auf das Haus zu und sprach eine Magd an, die mit eisernem Rechen die Wege ebnete. Dann kam er wieder. »Es is kein Mensch net daheim, außer der Hausmagd.« Er öffnete vor seinem Herrn das grüne Gitter. »'s Fräuln is in der Fruh vom Sebensee heimkommen, aber sie is schon wieder fort, in d' Fischzucht ummi. Und d' Frau is heut auf Innsbrucki abi, ihr Studenterl heimholen in d' Vakanz.«

»Fräulein Petri hat einen Bruder?«

»Ja! A vierzehnjährigs Bürscherl. Gustl heißt er. Der is den dritten Winter auf'm Gymnasi drunt. A liebs Mannderl! Und gsund. 's richtige Gebirgsblut, ja! Is a Leutascher! Gleich nach'm ersten Jahr is er kommen, wie 's heraußen waren. Und ganz seim Vatern schlagt er nach. Wie das Büberl den Wald schon gern hat! Allweil draußen mit der Schwester! Und kaum sieht er ein von uns Jager, da hängt er eim schon am Kittel: ›Ich bitt schön, Herr Förster, darf ich mit?‹ Und anschauen tut er ein' mit seine Guckerln – da kannst net na sagen!« Sie hatten das Haus erreicht, und der Förster sprach die Magd an: »So, Nanni, jetzt tust mir den Herrn schön rumführen im ganzen Haus und zeigst ihm jedes Taferl!«

»Wohl!« sagte das Mädel und lehnte den Rechen an das Spalier. Es war eine derbe Bauerndirn mit unschönem, grobknochigem Gesicht, aber mit hellblauen Augen, die gutmütig und zufrieden blickten; sie war einfach und doch mit auffallender Sauberkeit gekleidet und trug die Haare so fest geflochten, als wären die Zöpfe aus Eichenholz geschnitten.

Der Förster verabschiedete sich mit dem Versprechen, seinen Herrn in einer Stunde wieder abzuholen.

Neben der Schwelle streifte die Magd ihre Schuhe ab, klopfte den Sand von den blauen Strümpfen, schlüpfte in ein Paar Strohpantoffeln, und die Haustür öffnend, sagte sie: »So, Herr, kommen S'!«

Als ihr Ettingen in den Hausflur folgen wollte, gewahrte er über der Tür, schon halb von den Zweigen des Spaliers überwachsen, eine lateinische Inschrift – drei Worte: Hic rideo ego! – »Hier lache ich!«

Welche eine Stunde reiner und tröstender Freude mußte es für jenen Weltflüchtigen gewesen sein, als er auf der Schwelle dieser schönen Heimstatt sich sagen konnte: »Das Lachen der anderen, das mich marterte, ist fern, und ich hör es nicht mehr. Hier lacht nur einer. Ein Glücklicher, der die Ruhe fand! Und der bin ich.«

Ettingen nahm den Hut ab und trat ins Haus.

Schon im Flur hing bis an die Decke hinauf eine Leinwand neben der anderen, jede von einer schmalen, braun gebeizten Holzleiste umzogen: Skizzen, unvollendete Studien und leicht untermalte Entwürfe, die oft kaum das Motiv des Bildes erkennen ließen, das hier hätte entstehen sollen. Blumenstudien wechselten mit Luftstimmungen, Felspartien mit Waldszenen, naturtreue Tierskizzen mit mythologischen Träumereien. Manche Leinwand zeigte deutlich, wie geduldig und liebevoll sich der Künstler in das kleinste Detail eines Modells vertieft hatte. Oft war die gleiche Blume ein dutzendmal nebeneinander gemalt, in verschiedenem Licht, frisch erblüht mit Knospen, mit entblättertem Kelch, im Beginn des Welkens, mit gebrochenem Stengel. Man sah, wie aufmerksam der Künstler die Natur beobachtet hatte, um sie seinen Phantasiegebilden dienstbar zu machen. So war auf einer Leinwand ein schwarz und rot gefleckter Bergsalamander abgebildet, wie er mühsam aus dem Gras auf eine Steinscholle kletterte – und daneben, größer, doch ganz mit der gleichen Körperbewegung, suchte ein fetter Triton, der triefend dem Meer entstieg, ein Riff zu erklimmen. Eine andere Skizze zeigte eine graue Hauskatze, die mit gekreuzten Pfoten liegt und funkelnden Blickes eine grüne Mücke verfolgt, die ihr um die Nase summst; daneben der Entwurf einer Sphinx, die aus der Waldschlucht einen Wanderer kommen sieht, den es nach Rätseln gelüstet. Dieser tragische Vorwurf war in einer Ecke der Leinwand lustig parodiert: die Sphinx, und vor ihr, klein wie die Mücke, ein grüner Polizist mit der Pickelhaube, der auf eine Tanne kletterte, um dem lächelnden Ungeheuer einen Polizeibefehl vor die Nase zu halten.

Langsam ging Ettingen von einer Leinwand zur anderen, und inzwischen stand die Magd geduldig und still in einer Ecke und zog immer wieder den Saum der Schürze durch die Finger. Als Ettingen das letzte Bild betrachtet hatte, öffnete sie vor ihm die Tür eines Zimmers.

»Der Frau Petri ihr Stüberl.«

Ein bescheidener Raum mit schlichtem Gerät. Durch eine offene Tür sah man in das Nachbarstübchen, das den jungen Feriengast, das »Studenterl«, zu erwarten schien, denn auf weiß gedecktem Tisch prangten ein herrlicher Rosenstrauß und ein mandelgespickter Kuchen, von einem Kränzlein frischer Bergblumen umschlungen.

Auch hier, in beiden Räumen, waren alle Wände mit Bildern bedeckt: tanzende Nymphen, spielende Najaden; ein Faun, der die Zotten seiner Bocksfüße kämmt und dazu ein Liedchen pfeift; ein Tritonweibchen, das in eine Fischreuse geraten ist und den Ausweg nicht mehr findet; auf weißer Marmorsäule ein Hermeskopf, dem eine Natter auf die Schulter kriecht; der von Ekel geschüttelte Gott ist festgewachsen auf dem Stein und kann nicht fliehen, er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich abzuwehren.

Fast eine ganze Wand war von einem großen Gemälde bedeckt: von einem Triptychon, dessen drei Bildflächen die Hauptszenen einer phantastischen Geschichte zeigten, während die Zwischenszenen mit blassen Farben auf die breiten Leisten der Holzumrahmung gemalt waren. Eine städtische Gesellschaft junger Mädchen und modisch gekleideter Jünglinge hat sich auf einer Bergpartie im Walde verirrt; sie nehmen das Unglück von der heiteren Seite und trösten sich mit einem tollen Ringelreihen um die Bäume; eine übermütige Schöne mit koketten Augen ist ihrem Galan, der sie haschen wollte, davongeflattert – wollte sie ihm wirklich entfliehen? oder wollte sie ihn nur in das einsame Dunkel des Waldes locken? Plötzlich sieht sie sich allein, verirrt sich noch weiter und gerät vor eine tief in den Berg gesenkte Höhle, deren blaugrüne Dämmerung wie ein Geheimnis ihre Neugier weckt; scheu und dennoch lächelnd tritt sie ein und findet im Zwielicht der Höhle einen schlafenden Zentaur, halb bedeckt vom Geröll der Felsen, halb überwachsen von Moos und Geschling; noch redet aus ihren Zügen der erste Schreck, den sie empfunden, aber schon regt sich in ihr die Spottlust der klugen Städterin und der prickelnde Reiz, dieses nie Gesehene, dieses unglaublich und unmöglich Scheinende auf seine Wirklichkeit hin zu prüfen; sie zupft den Schlummernden am Bart; der Schläfer regt sich nicht; sie besteigt seinen Rücken und schlägt mit dem Fächer auf den Scheitel; da erwacht der Zentaur und bäumt sich; in tollen Sprüngen trägt er die entsetzte Reiterin durch den Wald und über steile Felsen, bis sie den Halt verliert und stürzt; Groll in den gefurchten Brauen und doch einen Blick des Erbarmens unter den Wimperschleiern seiner Augen betrachtet er die Zerschmetterte, während ihre schreckensbleichen Gefährten schon heraufklimmen durch den Bergwald; langsam, mit dem buschigen Schweif die Flanken peitschend, steigt der Zentaur zum Grat des Berges empor und schaut von einem schroffen Felsen ins Tal hinunter, in dessen Tiefe man die blutige Leiche hinausträgt durch den stillen Wald.

Lange stand Ettingen vor diesem Bild, erfüllt von fragenden Gedanken. Erzählen zu wollen, und gleich eine ganze Tragödie, ob das nicht außerhalb der Grenzen lag, die der darstellenden Kunst gezogen sind? Aber er fühlte doch den Eindruck dieses Werkes, das klar und deutlich zu ihm redete. Und ist denn in aller Kunst die reine, tiefe Wirkung nicht ein Beweis? Hat sie denn einen anderen für ihren Wert? – Und wie dieses Bild wohl entstanden sein mochte? War es nur die Ausgeburt einer träumenden Künstlerphantasie? Oder eine Tat des Zornes gegen jenen irrenden »Unverstand«, der nur das Greifbare glauben will und mit Spott und Gelächter beleidigt, was seinem banalen Urteil sich nicht erschließen will auf den ersten Blick?

»Ja, Herr«, sagte die Magd, und das kam fast wie eine Antwort auf Ettingens stumme Frage, »dö Gschicht da, dö is fein passiert! Dös hat mir der Herr Petri selm verzählt. Und solchene Roßmanner gibt's fein, ja – in Griechenland drunt! Aber gelten S', da sind S' noch net hinkommen?«

»Doch.«

Die blauen Augen der Magd erweiterten sich. »Und haben S' solchene Roßmanner gsehen?«

»Nein. Aber dein Herr hat sie gesehen. Und ihm glaub ich auch, daß sie leben.«

»Gelten S', ja? Der hat net lügen können!«

»Der? Und lügen? Nein! Hätte er lügen können, er wäre in der Stadt geblieben und hätte gute Geschäfte gemacht.«

»So? Meinen S'?« Die Magd studierte. Aber sie gab die Mühe, das Rätsel dieses Wortes zu lösen, gleich wieder auf. »Jetzt geben S' acht, jetzt kommt erst 's Allerschönste, ja!« Sie ging in den Flur und öffnete die Tür des Wohnzimmers. »Da herin, da haben wir die heiligen Sachen, wissen S', weil der Herr Pfarr diemal zuspricht in der Stuben.«

Ettingen trat in einen hellen, freundlichen Wohnraum, dessen behagliches Gerät dem Gaste zu sagen schien: »Hier fühle dich wohl!« In der Herrgottsecke hing statt des Kreuzes ein Bild: auf weißem Grunde der Kopf des Erlösers, ohne Dornenkrone und Heiligenschein, ein schmales, bleiches, kummervolles Gesicht, die Wangen halb bedeckt von den schlicht fallenden Haarsträhnen, mit großen und tiefen Augen, die schmerzvoll in weite Ferne zu blicken schienen. – Ob dieser Kopf nicht eine Studie zur »Versuchung« war?

Sonst hingen im Zimmer nur drei Bilder. Zwei kleinere, die nicht vollendet schienen: eine »Flucht nach Ägypten«, von stiller und rührender Stimmung – Maria sitzt erschöpft an einen Baum gelehnt, und während Joseph mit Anstrengung das harte Brot zerbricht, zieht das mit Schaum bedeckte Maultier grasend in den Wald; und eine »Heilige Nacht« –Maria mit dem Kindlein im Stall bei Kuh und Esel, denen ein alter Hirte das Futter vorschüttet, während die Tiere nicht an Fraß denken, sondern die Köpfe vom Barren abkehren und ihre stummen Glotzaugen auf das von Schimmer umflossene Kindlein richten.

Ein drittes, größeres Gemälde füllte die ganze Wand zwischen dem Ofen und der Tür einer Nebenstube. Beim Anblick dieses Bildes glitt ein leiser Ausruf der Bewunderung über Ettingens Lippen. So tief ergriff ihn der Gedanke, der aus dieser Leinwand redete und mit naiver Allegorie zu ihm sagte: »Wahrhafte Liebe fühlt Erbarmen auch für die häßliche Mißform des Lebens, mildes Denken und reine Güte versöhnen sich auch mit aller Roheit der ungezügelten Natur.«

Das Bild stellte eine von wüstem Dorngestrüpp umzogene Wiese dar, in der Blüte des Frühlings. Mitten in leuchtenden Blumen sitzt ein Knabe, das nackte, zarte Körperchen wie Silber schimmernd; aus einer Wolkenlücke des Himmels fällt ein breiter Strahl der Sonne auf ihn nieder; zwei verflochtene Dornzweige des nächsten Busches ragen in diesen Glanz und schweben wie ein schimmerndes Kränzlein über dem Scheitel des Knaben; kein anderes Zeichen sonst – nur diese krönenden Dornen sagen: das ist Jesus, welcher leiden wird um seiner Liebe willen. Und diese Liebe redet schon aus dem Blick und Lächeln dieses Kindes, das seltsame Gesellschaft fand. Aus den Dornbüschen, aus Erdlöchern und Sumpftümpeln ist eine Schar von Faunkindern hervorgekrochen, kleine, häßliche Bürschlein mit plumpen, unentwickelten Bocksfüßen und schmutzig wie Ferkel, die sich im Schlamm gewälzt. In Schreck oder Neugier starren die einen auf das holde Wunder des göttlichen Knaben, andere greifen nach Steinen und heben sie zum Wurf – nur einer sitzt von den erregten Brüdern entfernt, sucht eine Dornranke von sich abzulösen, die ihm ihre Stacheln in die Hüfte bohrte, und der Schmerz, der aus seinem verzerrten Gesichte redet, macht ihn gleichgültig gegen alles andere. Diesem Leidenden gilt der gute Blick des Knaben, während er allen anderen, die ihn fürchten oder bedrohen, herzlich die Arme öffnet: »Kommet zu mir, ich will euch lieben!«

Keines von den anderen Bildern, die Ettingen gesehen, hatte so klar wie dieses in ihm die Frage geweckt: »Wie war es möglich, diesen Künstler zu verkennen, über ihn zu lachen?«

Mußte der Wert, der hier aus jeder Leinwand redete, nicht jeden überzeugen? Oder hatte sich der Genius dieses Künstlers erst nach seiner Weltflucht so reich entwickelt, aus der Bitterkeit seines Schicksals heraus, in der stillen Ruhe, die er in diesem Winkel der Berge gefunden, im Schweigen des Waldes? Hatte er in früheren Jahren denen, die ihn verlachten, nichts anderes zu bieten vermocht als die Form ohne den Kern, ohne die Gedankenfülle, die alle Wunderlichkeiten seiner Technik übersehen ließ? Denn bei aller Wirkung, die Ettingen fühlte, mußte er zugestehen, daß diese Bilder für den ersten Blick etwas Befremdendes hatten, etwas kindlich Unbeholfenes, das mit dem dargestellten großen Gedanken sich oft in einem Widerspruch befand, über den man wohl den Kopf schütteln konnte. Es war an allen Bildern etwas Flaches und Unkörperliches, es fehlte die Tiefe in der Luft, jedes Detail war gleichwertig neben das andere gesetzt, als hätte es der Künstler nicht übers Herz gebracht, das Nebensächliche zum Vorteil des Wichtigeren zu verkleinern und abzutönen. Auch lag ein bläulichgrüner Hauch wie zarter Schleier über allen Farben, auch über dem hellsten Licht – wie über einem Spiegelbild in grünem Wasser –, und das gab den Bildern etwas Naives, Vergilbtes und Altertümliches. Wollte das der Künstler so? Oder konnte er nicht anders? Hatte er Augen, die anders organisiert waren, als es sonst die Augen der Menschen sind? Oder sah er richtig – er verstand und kannte doch die Natur wie keiner – und ging mit dem Geschauten, bevor es durch seine Seele den Weg auf die Leinwand fand, diese seltsame Wandlung vor sich, beider alles Häßliche sich verschönte und alles Wirkliche die Form des Niegewesenen und des Erträumten gewann?

Aber wie man über diese äußerliche Seltsamkeit auch denken mochte – der gute, reine, tief empfindende Mensch, den man aus der wunderlichen Sprache dieser Linien und Farben reden hörte, war denn nicht der die Hauptsache? Die klare Schönheit seiner Gedanken, die Wärme seines Herzens, dieses Träumen und Lächeln, dieses Stille und Schlichte, dieses rührend Kindliche? Mußte das nicht jeden überzeugen, gewinnen und bezwingen? Oder gehörte die rechte, stille Stunde dazu, um solche Sprache zu hören, sie zu verstehen? –

Hätte Ettingen vor diesen Bildern das gleiche gedacht und empfunden, wenn er im Lärm und Trubel einer Ausstellung an ihnen vorübergegangen wäre, im Kopf den klappernden Alltag, beeinflußt vom Lachen und Achselzucken der Unverständigen? Wie mag da manch einem Künstler bitteres Unrecht geschehen, das bitterste gerade jenen, die das Beste zu sagen haben, und deren Stimme immer anders klingt als die Stimme der großen Schreier auf dem Markt, die allen Ohren schnell geläufig ist!

Solch ein Unrecht hatte das Urteil der Welt an Emmerich Petri begangen. Sie hatte über den merkwürdigen Hut gelacht, den er trug, und dabei versäumt, ihm durch die Augen ins Herz zu sehen. –

War der Magd die schweigende Zeit, die Ettingen vor diesem letzten Bilde stand, zu lang geworden? Oder hatte sie es ihm vom Gesicht abgelesen, was er von den »Taferln« ihres Herrn dachte? »Gelten S'«, sagte sie plötzlich, »unser Herr hat's können! Ja! Und kommen S' – da därf ich sonst kein' net einiführen –, aber Ihnen muß ich schon zeigen, wie er ausgschaut hat.« Sie öffnete die Tür der Nebenstube. »Da hängt er, schauen S', wie er sich selm verkonterfeit hat. Dös is der Fräuln Lolo ihr Stüberl. Vor zwei Jahr auf Weihnächten hat sie's kriegt von ihm, die Taferl da.«

Ettingen zögerte einzutreten, und lächelnd blickte er von der Schwelle in den Raum. Es war von allen Zimmern, die er gesehen hatte, das bescheidenste. Ein schmales Stübchen, mit einem einzigen Fenster nur. Weiße Wände, das eiserne Bett mit weißem Tuch überhangen, ein kleiner Tisch mit einfachem Holzstuhl vor dem Fenster, durch das die Blumen hereinleuchteten, der Tür gegenüber ein Pianino und ein Holzgestell mit Notenheften, neben der Tür ein bis zur Decke reichendes Bücherregal und an der Rückwand des Stübchens eine große schwere Kommode, über der, als einziger Schmuck des Raumes, das Selbstporträt des Künstlers hing, umgeben von einem Kranze frischer Edelrosen. Und dieses Bild war für Ettingen ein neues Rätsel. Er hatte ein schmales, fein geschnittenes Gesicht zu sehen erwartet, einen Kopf, der auf einen Musiker raten ließ, mit bleichen Wangen, tiefliegenden Augen und langem Haar. Und da sah er einen derben, grobknochigen Kopf mit dichtem, kurz geschnittenem Braunhaar und starkem Bart, mit hoher, kräftig gewölbter Stirn und gesundem, sonnverbranntem Gesicht, dem das schöne Antlitz der Tochter in keinem Zuge glich. Nur die Augen, wenn sie auch von anderer Farbe waren, hatten den gleichen träumerischen und warmen Blick, und um die streng geschnittenen Lippen spielte das gleiche sinnende und milde Lächeln.

Das Bild war nur wenige Jahre alt; aber nach Zeichnung und Farbe hätte man auf ein Werk aus der Zeit des jüngeren Holbein raten können. In einer Ecke des graugrünen Hintergrundes sah man ein verschnörkeltes weißes Schildchen, das eine rote Inschrift in lateinischer Sprach trug: »Emmericus Petri in seinem fünfzigsten Lebensjahre. Eines Menschen Gesicht ist seine Seele nicht. Willst du das Wesen seines Geistes erkennen, so betrachte seine Taten und seine Kinder.« Wie stolz mußte der Mann auf seine Tochter gewesen sein, um auf diese Leinwand schreiben zu dürfen: »Betrachtest du, was ich schuf, so wirst du mich nur halb erkennen – ganz wirst du nur an meinem Kinde sehen, wer ich war!«

Während Ettingen noch vor dem Bilde stand, kam der Förster zurück, und zwar in übelster Laune. Er hatte die Erlaubnis für die Steigbauten mit schwerem »Blutgeld« vom Bürgermeister erkaufen müssen, der allen Überredungskünsten des Försters nur immer die eine Weisheit entgegengehalten hatte: »Der Herr Fürst kann zahlen! Der hat's!« Bei dem Ärger, den Kluibenschädl von diesem »Scharfrichtergang« mitbrachte, hatte er weder Sinn für die »Taferln« des »Maler-Emmerle«, noch für die Stimmung seines Herrn, und schwatzte wortreich seinen Zorn heraus. Ettingen schwieg zu allem und warf, bevor er das Stübchen verließ, noch einen letzten Blick über die Wände und alles Gerät.

Draußen im Flur, als der Förster schon in den Garten getreten war, fragte Ettingen das Mädchen: »Haben Sie mir alles gezeigt? Ich habe ein Bild nicht gesehn, von dem mir erzählt wurde: ›Die Versuchung Christi‹?«

»Na, Herr, da weiß ich nix!« sagte die Magd. Aber sie wurde rot.

Also existierte das Bild noch!

Ettingen trat ins Freie, blickte wieder zu der Inschrift hinauf, die über der Haustür stand, und nickte vor sich hin, als wollte er sagen: »Ich sah, was du schufst, und kenne dein Kind. Nun weiß ich, wer du warst, und weiß: du hattest ein Recht zur Freude!«

Da bot ihm die Magd eine schöne dunkle Rose und sagte verlegen: »Da, Herr! Unser Fräuln, wenn s' daheim is und einer kommt, schenkt s' allweil a Blüml her!«

Lächelnd nahm er die Rose. »Ich danke Ihnen.«

Er wollte der Magd eine Banknote reichen. Aber sie schüttelte den Kopf, nahm den Rechen von der Wand und begann auf dem Kiesweg die Trittspuren zu ebnen, die der Förster mit seinen schweren Schuhen zurückgelassen hatte.

Ettingen, dem das Blut ins Gesicht gestiegen war, zerknüllte den Schein in der Hand. Und als sich draußen auf der Straße ein alter, weißbärtiger Bauer, der im Schatten der Holunderhecke saß, etwas schwerfällig erhob und den mürbem Deckel zog, warf ihm der Fürst die Banknote zu. Der Alte riß die rot geränderten Augen auf. Dann versuchte er mit seiner heiseren, zittrigen Stimme einen Jauchzer. Das machte den Förster aufmerksam. »Ui jögerl, Duhrlaucht! Haben S' dem Brenntlinger was geben? No, ich dank schön! Der kauft sich wieder an saubern Dampus dafür.« Nach wenigen Schritten kamen sie zu einer Stelle, an der sich von der Straße ein Fußweg gegen die Felder abzweigte. »Gehen wir lieber über d' Wiesen naus!« meinte der Förster. »'s Dorf haben S' ja gsehen. Und drüben im Weiherwald, bei der Fischzucht, kriegen wir den schönsten Schatten.« Sie wanderten über die vom frischen Heugeruch umdufteten Wiesen hin. Immer wieder blickte Ettingen nach den im Sonnenglanz verschwimmenden Baumkronen zurück, über deren leuchtendes Gezweig sich blinkend das grüne Schieferdach erhob. Dann plötzlich unterbrach er das Schweigen: »Sagen Sie mir, wie starb dieser Mann?«

»Der Herr Petri? Ja, Duhrlaucht, dös is a rechts Unglück gwesen! Der Mann is dagstanden wie a Baum im besten Saft. Und den hat d' Nächstenlieb am Gwissen. Im letzten Herbst war's – da is in der Leutasch und im Geißtal a Wolkenbruch niedergangen, daß ich meiner Lebtag so war net mitgmacht hab. Wie S' da die Wiesen sehen, is alles an einziger Bach gewesen, mit Gröll und Baumstämm, die's dahertrieben hat. Und droben, wo sich 's Tal a bißl zuspitzt, da war's am ärgsten! Zwei Häuser hat's mitgnommen, gleich am ersten Abend. Und am andern Tag, wie 's Wasser von die Geißtaler Berg herkommen is, da hat ein' 's Grausen packt. Wie die Verruckten sind d' Leut umanander grennt und haben völlig ihr bißl Verstand verloren. Bloß an einziger hat 's Köpfl in der Höh bhalten.«

»Herr Petri!«

»Ja! Gschafft hat er wie a Holzknecht, und Ratschläg hat er gfunden, wie man's dem traumhappeten Mannderl gar net zutraut hätt! Sell droben, wo 's Geißtal anfangt und von links und rechts zwei Waldhügel einisteigen gegen 's Wasserbett – da, hat er gsagt, da müssen wir an Riegel legen und 's Wasser brechen, damit's den Gewalt verliert. Mit die ersten Leut, die beinander waren, hat er d' Arbeit gleich angfangt, und derweil is d' Fräuln Lo im Galopp auf ihrem Muli von eim Haus zum andern gritten und hat aus'm ganzen Tal alle Mannsleut zammgrufen, daß in der ersten Nacht noch über zweihundert Menschen bei der Arbeit waren! Am linken Ufer vom Wildbach is der Herr Petri gstanden mit seine hundert Leut. Und mit eim Sprachrohr, dös er aus einer Baumrinden gmacht hat, hat er 's Kommando ummi gschrien über 's Wasser, wo die andern hundert gschafft haben. D' Weibsbilder haben 's Pech und 's Staudenwerk zammtragen müssen und 's Feuer unterhalten, daß man zur Arbeit gsehen hat in der Nacht. Und d' Manner und die Buben haben die Bäum gschlagen zum Wehr. In der Fruh um zehne, am zweiten Tag, da haben die ersten Bäum im Wasser schon ghalten, und wie's auf'n Abend gangen is, hat man schon hoffen können: 's Wehr verhebt den ärgsten Schub. Aber d' Leut sind fertig gwesen mit ihrer Kraft, und schier mit Gwalt hat der Herr Petri die letzten noch bei der Arbeit halten müssen. Wo's am schiechsten ausgschaut hat, da is er allweil vorndran gwesen. ›Mut, Leut, nur Mut‹, hat er allweil gschrien und hat schon kaum nimmer reden können, ›nur diese letzte Nacht noch, dann ist geholfen!‹ Und recht hat er bhalten! Am dritten Tag in der Fruh hat sich 's Wasser gegen 's Geißtal auffi zum Stauen angfangen, und is mit aller Ruh über die Wehrbäum abglaufen, und die ganzen Häuser sind aus der Gfahr gwesen!«

Sie hatten den Wald erreicht und traten in den Schatten.

»Gwiß is's wahr: wär der Herr Petri net gwesen, so hätt unser Leutascher Dörfl heut um a Dutzend Häuser weniger. Aber teuer hat er's zahlen müssen, sein christliches Werk. Ausghalten hat er am gleichen Fleck zwei Nächt und anderthalb Tag, tropfnaß bis auf d' Haut. Nach der zweiten Nacht in der Fruh, wie er noch d' Schildwachen aufgstellt hat am Wehr, hat er sich gahlings verfärbt, und seine Knie haben auslassen. Es wird gleich wieder besser, hat er gmeint und hat sich an Trunk Wein von der Fräuln geben lassen die so verschrocken war, daß ihr 's Gsicht ganz weiß worden is. A halbs Stündl hat er noch ausghalten. Nacher hat ihn 's Fräuln heimgführt auf'm Muli. Und da hat's kein Helfen nimmer geben. Lungenentzündung, hat der Doktor gsagt. Die ganze Nacht sind d' Leut ums Haus rum gstanden und haben gmeint, es müßt und müßt ihm wieder besser gehn. Auf Mittag um elfe hat er sein letzten Schnaufer gmacht. Und der Doktor hat mir gsagt: so hätt er noch nie kein Menschen net sterben sehen! Im ärgsten Fieber hat er die Bsinnung net verloren, hat bloß allweil dös arme Frauerl tröstet, hat plauscht mit'm Büberl, als ob gar nix wär, und 's Fräuln hat er allweil bei der Hand ghalten und hat's anglacht ein ums andermal. Z'letzt hat er noch von seim Gartl draußen am Sebensee gredt. Und dös sind seine letzten Wörtln gwesen: ›Meine Blumen!‹ Nacher hat er aufgschnauft und d' Augen zugmacht wie einer, der weiß: jetzt fahr ich grad auf in Himmel, jetzt geht's mir gut!«

Ettingen sagte leise vor sich hin: »Wer so zu leben wüßte, um sterben zu können wie dieser Mann!«

»Ja, Duhrlaucht, recht haben S'! So sollt sich der Mensch sein Leben einrichten, daß er d' Augen zumachen könnt in jeder Stund und lachen dabei! Aber der Mensch is so viel dumm. Und leben heißt narrisch sein. Was den richtigen Wert hat, schlagt man um kein Kreuzer net an, und für jeden nixigen Pfifferling legt man seim Leben a Zentnergwicht auf'n Buckel. Bagaschi überanand! Und ich ghör selber dazu!«

Der Pfad hatte im Wald auf eine Höhe geführt. Man sah in ein schmales Tal hinunter, aus dem drei große Weiher mit sonnglänzendem Spiegel durch die Bäume heraufleuchteten. Ein sanftes Murmeln klang von den Teichen her wie das Geplätscher vieler Quellen.

Der Förster blieb stehen und spähte durch den Wald hinunter. »Da, Duhrlaucht! Da schauen S' abi: bei die Ursprüng drunten malt d' Fräuln Petri an ihrem Taferl!«

Ettingens Augen leuchteten auf, und ohne ein Wort zu sagen, stieg er rasch durch den Wald hinunter gegen die Weiher.



Neuntes Kapitel

Als der Wald ein wenig lichter wurde, konnte Ettingen zwischen den Weihern ein großes Blockhaus sehen, eine Schilfhütte, und am Ausgang des schmalen Tales ein villenartiges Gebäude.

Das wäre die Fischzuchtanstalt, erklärte der Förster und meinte: »Weil wir schon grad da sind, dös müssen S' Ihnen anschauen, Duhrlaucht! Wie die jungen Fischerln gfüttert und aufzogen werden, dös is lieb zum Betrachten. Wenn S' Lust haben, lauf ich und schau, daß ich an Fischknecht find, der Ihnen rumführt.« Er wartete eine Antwort nicht ab und eilte schräg durch den Wald davon.

Ettingen blieb unter den letzten Bäumen stehen. Doch er schien kein Auge für das liebliche Bild des kleinen Tals zu haben. Und das hätte doch einen Blick verdient. Von stillem Fichtenwald begrenzt und von blumigen Grasborten umzogen, lagen drei Weiher mit glitzernden Spiegeln stufenförmig übereinander, so daß sich aus dem einen das Wasser mit blitzendem Gefäll in den anderen ergoß. Weiße Seerosen und grüne Blätter schwammen in sachter Bewegung im Wasser, und bald hier, bald dort sprang eine silberne Forelle auf.

Vom obersten Weiher zog sich gegen den Wald eine schräge Felswand hin, die in allen Farben schimmerte und gleich einem Sieb von hundert Löchern durchbrochen war, aus deren jedem ein weißes Brünnlein sprudelte. Dieses sonnige Waldidyll mit allem Gefunkel und Lichtgezitter des rauschenden Wassers gab ein Bild, das einen Künstler zur Nachgestaltung reizen konnte. Und Lolo Petri saß auch vor der Staffelei so ganz in ihre Arbeit vertieft, daß sie die Schritte nicht hörte, die sich ihr näherten.

Sie trug jenes ländliche Gewand, das sie damals an jenem ersten Abend getragen hatte, im Tillfußer Wald.

Ettingen war dich zu ihr herangetreten und sah ihr über die Schulter auf die kleine Leinwand, die einen Teil der Felsplatte mit den sprudelnden Quellen in fast vollendeter Arbeit zeigte; es war kein Bild, das hier entstehen sollte – nur ein Versuch, das Lichtgefunkel des über die rauhen Felsformen rinnenden Wassers festzuhalten. Und dieser Versuch war ihr gelungen. Wie diese Farben leuchteten! Wie sie zitterten und zu rinnen schienen! Ettingen staunte über die Kraft des Lichtes und über die Wahrheit in dieser verblüffenden Wiedergabe der Natur. Wie hatte dieses Mädchen ihm sagen dürfen, daß sie keine Künstlerin wäre? Hatte sie das aus übertriebener Bescheidenheit getan? Das sah ihr nicht ähnlich. Also legte sie einen überstrengen Maßstab an sich selbst, während sie von anderen Menschen so nachsichtig dachte? Oder kannte sie ihr eigenes Talent nicht? Sollte ihr Vater dafür kein Auge gehabt, ihr das nie mit einem Worte gesagt haben? Denn sie war doch seine Schülerin? Bei diesem Gedanken fiel ihm auf, daß ihre Art zu malen auch nicht die leiseste Ähnlichkeit mit der Art des Vaters hatte. Da war nichts Absonderliches und Befremdendes, keine erträumte Farbe, keine fabulierte Linie. Was die Leinwand zeigte, war nichts anderes als eine treue Wiederholung der Natur.

Plötzlich, als hätte sie seinen Atem gehört oder seine Nähe empfunden, blickte sie auf. Leichte Röte huschte ihr über die Wangen, und sie erhob sich.

»Herr Fürst –«

Er grüßte und sah ihr in die Augen, noch ganz unter dem Eindruck, den er aus ihrem Hause mit fortgetragen hatte und der ihm von der Erzählung des Försters zurückgeblieben war. »Sehen Sie, Fräulein, damals am Sebensee, das war nicht umsonst gesagt: Auf Wiedersehn!«

Sie hatte nach der ersten leichten Verwirrung ihre ruhige Sicherheit wiedergefunden und reichte ihm die Hand. »Ja! Und heute weiß ich auch, wer Sie sind. Jetzt hab es noch an jenem Morgen erfahren, von einem Ihrer Jäger. Und dann war's mir leid, daß ich Ihren Namen überhörte. Hätte ich damals am Sebensee gewußt, wer Sie sind, dann hätt ich die gute Gelegenheit gleich benutzt und hätte eine Bitte ausgesprochen, mit der ich ohnehin zu Ihnen kommen mußte.«

»Zu mir? Mit einer Bitte? Die ist bewilligt, liebes Fräulein, bevor ich sie kenne.«

»Sie ist auch nicht unbescheiden. Es handelt sich um unser Häuschen draußen am See. Papa hätte, bevor er damals vor acht Jahren baute, den Grund gerne gekauft. Aber das ging nicht. Der Grund ist ärarischer [staatlicher] Boden. Papa mußte zufrieden sein, daß er wenigstens die Erlaubnis bekam, zu bauen, auf Widerruf und unter der Bedingung, daß der Jagdpächter seine Erlaubnis gäbe.«

»Und diese Erlaubnis meines Vorgängers soll ich wiederholen?«

»Ja, ich bitte darum.«

Ettingen hielt noch immer ihre Hand in der seinen. »Schade, daß ich mein Plazet nicht mit irgendeiner besonderen Feierlichkeit erteilen kann! Solange ich Pächter der Jagd bin, und ich hoffe, das noch lange zu bleiben, sollen Sie ungestört bei Ihren Blumen wohnen.« Seine Stimme und seine Augen wurden ernst. »Und bei Ihren Erinnerungen!«

»Ich danken Ihnen.«

»Aber eine Bedingung muß ich stellen.«

Ihre Hand befreiend, blickte sie zu ihm auf.

»Die Bedingung, daß Sie gute Nachbarschaft mit mir halten wollen. Und daß es mir vergönnt ist, ab und zu ein Stündchen bei ihnen zu rasten und mich wohlzufühlen – bei Ihren Blumen?«

»Daß ich Ihnen das verwehren könnte«, sagte sie lächelnd, »das haben Sie doch nicht im Ernst gemeint?«

»Nein! Aber Sie stehen, Fräulein, und ich bitte sehr, daß Sie sich durch mich nicht in Ihrer Arbeit stören lassen. Darf ich Ihnen ein wenig zusehen?«

»Gern. Ich fürchte nur, Sie werden dabei nicht viel zu sehen haben.« Sie nahm die Palette und ließ sich vor der Staffelei auf den kleinen Feldstuhl nieder.

Als er sie eine Weile schweigend beobachtet hatte, wie sie aufmerksam die Felswand mit den Quellen betrachtete und dann die kleinen weißen Lichter in den Goldglanz des fließenden Wassers setzte, sagte er: »Wissen Sie auch Fräulein, daß Sie sich neulich vor mir verleugnet haben?«

»Ich? Verleugnet?«

»Doch! Denn Sie sind eine Künstlerin!«

Sie schien sich nicht gleich an jenes Wort zu erinnern. Dann schüttelte sie wieder den Kopf, ganz so entschieden wie damals. »Nein! Nur weil ich ein bißchen malen gelernt habe? Das macht mich noch lange nicht zur Künstlerin. Dazu fehlt mir alles, Talent, Gedanke und Phantasie. Ich eine Künstlerin? Nein! Und eine Handwerkerin will ich nicht sein. Ich zeichne und male nicht aus Beruf. Ich tu es nur, um besser sehen zu lernen, um mir das Schöne, das ich liebhabe, recht tief einzuprägen, damit es Dauer hat in mir. Mit dem Betrachten allein kommt man der Natur gegenüber nicht aus. Da sieht man nur, was jeder sieht, das Oberflächliche, das zuerst in die Augen springt. Die stille Seele eines solchen Bildes und den innersten Reiz übersieht man immer, auch wenn man seine Wirkung fühlt, und deshalb will auch das Bild, so schön, wie es war, nicht in unserem Erinnern haften. Man hat immer was Verschwommenes im Gedächtnis. Sie haben doch auch Verständnis für die Natur und Liebe zu ihr. Ist es Ihnen noch nie aufgefallen, daß Sie sich an ein schönes Landschaftsbild schon wenige Stunden später nicht mehr genau erinnern konnten? Man sieht noch irgendeine große Linie, irgendeine auffällige Farbe. Aber das will in der Erinnerung nicht mehr wirken.«

»Ja, Fräulein, das ist wahr. Ich hielt das immer für einen Mangel an Gedächtnis. Aber Sie mögen recht haben: es war Mangel an richtiger Beobachtung.«

»Früher war das auch bei mir nicht anders. Aber wenn ich ein paar Stunden geduldig vor solche einem Bild saß, wenn ich jede kleinste Linie nachzuzeichnen, jeden Reiz des Lichtes und jeden Ton des Schattens nachzuahmen versuchte – gleichviel, ob mir das gelingt oder nicht –, dann hab ich das Große ich das Kleinste so genau gesehen, daß ich das Bild habe, in mir, fest und für immer. Und das Schöne so zu besitzen, das ist eine große Freude, die das bißchen Mühe wert ist. Zeichnen Sie nicht auch?«

»Ich? Nein!«

»Warum versuchen Sie es nicht einmal?«

Ettingen lachte. »Da möchte was Hübsches herauskommen!«

»Gewiß nichts Schlimmeres als bei meinem ersten Versuch.«

»Zu dem hat wohl Ihr Vater Sie veranlaßt?«

»Ja! Und das werde ich nie vergessen. Ich war damals noch ein Kind, sieben Jahre, und Papa hatte eine Ulmer Dogge gekauft, die er zu einem Bilde brauchte. Das Tier war so entsetzlich groß, daß ich Angst vor ihm hatte. Ein paar Tage überwand ich's. Aber als der Hund einmal auf mich zukam, fing ich zu schreien an: ›Papa, Papa, ich fürchte mich vor dem Hund!‹ Da lachte er, gab mir ein Blatt Papier und einen Rotstift und sagte: ›Versuche es, Lo, und zeichne den Hund, aber recht, recht genau mußt du ihn ansehen!‹«

»Und das haben Sie getan?«

»Ja!« Lächelnd blickte sie zu ihm auf. »Als das Kunstwerk fertig war, meinte Mama, das wäre ein Lehnstuhl. Aber Papa sagte ganz ernst: ›Nein, Mutter, das ist ein gute, braver Hund, der keinem Kinde was zuleide tut!‹ Und Papa hatte recht. Ich habe den Hund nicht mehr gefürchtet. Jetzt wußte ich, daß er schöne braune Augen hatte, und daß er die Lippe verziehen konnte, als ob er lachten möchte. Wir haben den Hund viele Jahre gehabt, auch hier in Leutasch noch, und als er im Alter so leidend wurde, daß man ihn aus Erbarmen erschießen mußte, das ist für uns alle ein trauriger Tag gewesen. Besonders für Papa.«

Ettingen nickte. »Ihr Vater muß ein großer Tierfreund gewesen sein und muß für das Seelenleben der Tiere ein seltenes Verständnis besessen haben.« Er sah den fragenden Blick ihrer Augen und fügte bei: »Daß ich diese Beobachtung machen konnte, das ist nur der bescheidenste Teil des Gewinnes, den der heutige Tag Ihnen brachte. Soll ich Ihnen sagen, woher ich komme? Wo ich zwei Stunden verbrachte, die ich nie vergessen werde? Im Haus Ihres Vaters!«

Sie atmete tief und sah mit schimmernden Augen über den Weiher hin. Und es zitterte ihr die Hand, mit der sie die Palette hielt.

»Sie schweigen? Und fragen nicht, welchen Eindruck ich von der Kunst Ihres Vaters empfing?«

»Nein!« erwiderte sie leis und beugte sich über die Leinwand, als wollte sie die Arbeit wieder beginnen.

»Nein?« Fast schien es, als hätte ihn dieses Wort verletzt. Doch er lächelte schon wieder. »Halten Sie mein Kunstverständnis für so zweifelhaft, daß es bei einem Urteil über die Bedeutung Ihres Vaters nicht in Frage kommt?«

Da blickte sie zu ihm auf, fast erschrocken. Dieser Blick gab ihr die Ruhe wieder, und es lag nur noch ein wenig Beklommenheit in ihrer Stimme, als sie sagte: »Daß Sie mich so sehr mißverstehen könnten, das glaub ich nicht. Wer die Natur liebt wie Sie, muß doch auch Verständnis und Liebe für die Kunst haben. Und daß ich ein hartes Wort über meinen Vater nicht hören würde, das wußte ich doch. Hätten Sie nicht Anteil an seinem Schicksal genommen, so hätten Sie unser Haus nicht besucht. Und würden Sie nicht anerkennend über seine Arbeit urteilen, so hätten Sie zu mir von diesem Besuche nicht gesprochen. Aber wie gut Sie auch von meinem Vater denken mögen, ich selbst denke doch wohl noch besser von ihm. Für Sie kann er immer nur der Künstler sein, von dem Sie das oder jenes halten. Für mich ist er auch der Vater, das Liebste, was ich auf der Welt besaß. Und hätten Sie über ihn – nicht einen Tadel, nur ein Befremden geäußert –, nicht über sein Denken und Fühlen, denn da müssen Sie ihn verstanden haben – vielleicht nur über seine Art zu sehen, über die Eigenart seines Schaffens –, ich hätte es doch wie einen Tafel empfunden, und mir, seinem Kinde, hätte das weh getan, gerade von Ihnen! Weil ich das fürchtete, deshalb schwieg ich.« Sie legte die Palette fort und erhob sich. »Aber ich sehe ein, daß ich unrecht hatte. Verzeihen Sie mir!«

Ettingen nahm ihre beiden Hände und sah ihr so herzlich in die Augen, daß sie vor diesem Blick in Verwirrung geriet. »Soll jetzt in Ihrem Herzen nicht ein leiser Zweifel zurückbleiben, dann muß ich sprechen!« Er hörte Stimmen, und als er aufblickte, sah er am Ufer des großen Weihers den Förster mit dem Fischer um die Waldecke biegen. »Schade! Da kommen Leute, die mich holen. Aber ich hoffe noch die Stunde zu finden, die mich ungestört mit Ihnen plaudern läßt. Ich habe Ihnen viel mehr zu sagen, als ich jetzt in ein paar Worte fassen kann. Und habe manche Frage zu stellen, die Sie mir beantworten müssen, über das Leben Ihres Vaters, über den Entwicklungsgang seines Schaffens, über die Zeit, in der diese Bilder entstanden. Ich denke nicht sonderlich gut von der Urteilsfähigkeit der Welt, die mit dem Tage lebt und schreit. Aber sie hat trotz allem Augen und hat doch auch ein Herz. Und wäre Ihr Vater vor seiner Flucht in die Berge als Künstler schon der gleiche gewesen, der er war, als er den Hermeskopf mit der Viper und den Jesusknaben mit den Faunkindern schuf – die Welt hätte ihn anerkennen müssen, mehr noch, ihn bewundern und lieben!« Fester umspannte er ihre zitternden Hände. »Ihr Vater war ein großer Künstler. Ich schränke dieses Wort durchaus nicht ein, wenn ich sage, daß in ihm der Mensch und Dichter vielleicht noch größer war als der Maler. Ich kann Ihnen gar nicht schildern, welch einen tiefen Eindruck ich heut aus Ihrem Hause mit forttrug. Es war ein Eindruck, der den Wunsch in mir weckte: hätt ich diesen seltenen Menschen doch gekannt, hätt ich doch mit ihm leben dürfen! Aber ich glaube doch, daß ich ihn kenne. Ich habe schon so viel von seinem Leben erfahren, durch Sie und durch andere. Seit heute weiß ich auch, wie er starb – wie nur ein großer und guter und starker Mensch zu sterben vermag, der seinem Leben keinen Vorwurf zu machen hat. Und ich habe in seinem Haus die Luft des reinen Glückes geatmet, das er sich und den Seinen erkämpfte, habe gesehen, was er schuf – und ich kenne sein Kind. Nun weiß ich, wer Ihr Vater war, und kann Ihnen nachfühlen, was Sie bei jedem Gedanken an ihn empfinden müssen. Sie sind ein glückliches Kind!« Er küßte ihre Hand, und rasch, als möchte er jede störende Begegnung von ihr fernhalten, ging er auf die beiden Männer zu, die schon über das Wehr des letzten Weihers kamen.

Unbeweglich, die großen schönen Augen feucht umschleiert, stand Lolo Petri am Ufer und blickte über das Wasser zum Wehr hinüber. Sie sah nur den einen, der von ihr gegangen war, sah nicht, daß der Förster ihr zuwinkte mit dem Hut, und hörte den Gruß nicht, den er laut, um das Wasser zu übertönen, zu ihr herüberschrie. So stand sie, bis die drei Männer im Tor eines Blockhauses verschwanden. Dann atmete sie auf, und wie in einem Sturm von Empfinden preßte sie die Hand, die er geküßt hatte, an ihre Lippen – als möchte sie ihm danken für seine Worte und wüßte keinen anderen Dank als diesen. Dann kam es über sie wie treibende Ungeduld. Sie klappte den Feldstuhl zusammen, brachte den Malkasten in Ordnung und schabte hastig mit einem Messer das ganze fertige, noch nasse Bildchen von der Leinwand fort, daß auf dem Tuche nur noch ein trüber Schimmer der entfernten Farben zurückblieb. Während sie die zerlegte Staffelei mit dem Sessel zusammenschnallte, blickte sie nach dem Stand der Sonne. »In einer Stunde müssen sie kommen!«

Das Malgerät an einem Riemen tragend, eilte sie zwischen Wald und Wasser das kleine Tal hinunter und folgte einem Fußpfad, bis sie die von Leutasch nach Seefeld führende Landstraße erreichte. Einen Fuhrmann, der ihr mit leerem Wagen entgegenkam, bat sie, ihr Malgerät mit ins Dorf zu nehmen – und sie brauchte den Mann nicht viel zu bitten, man sah es ihm an, daß es ihm Freude machte, ihr eine Gefälligkeit erweisen zu können.

In sachter Steigung klomm die Straße durch den Wald hinauf, und Lolo folgte ihr mit so erregter Hast, daß ihr die Wangen zu brennen begannen. Als sie die Höhe erreichte, öffnete sich vor ihr eine Waldwiese. An einem Quellbach, der sich an die Straße heranschlängelte, waren die Ufer reich mit Blumen bewachsen. Lolo begann zu pflücken, und während sie am Saum der Wiese hinging, sammelte sie zu ihrem Strauß noch immer neue Blumen. Sie erreichte wieder den Wald und ließ sich im Schatten der Bäume nieder, um die Blüten zu ordnen. Nur ihre Hände waren bei dieser Arbeit, nicht die Gedanken. Bald spielte ein träumendes Lächeln um ihren Mund, bald wieder blickte sie ernst in den blauen Schatten des Waldes. Nun ließ sie den Strauß, den sie gebunden hatte, in den Schoß fallen. »Vater! Vater!« Sie bedeckte das Gesicht mit den Händen und brach in Schluchzen aus. Das war kein Weinen in Schmerz – es war ein Weinen in heißer Freude.

Jetzt fuhr sie lauschend auf, sprang zurück auf die Straße und jauchzte. Aus dem Tal, in das sich der Wald hinuntersenkte, antwortete eine Knabenstimme, hoch und schrill wie der Ton einer Weidenpfeife.

»Ja! Ja! Sie sind es!« stammelte Lo und begann zu laufen. Eine kleine, mit einem Pferd bespannte Kutsche kam. Der Knecht ging neben dem Wagen her, um dem Rößlein die Last über den Berg hinauf zu erleichtern. In der Kutsche saßen eine Frau und ein Knabe, der mit beiden Armen winkte.

Mit klingender Stimme rief Lo den Namen des Bruders. Und da ließ sich der kleine Bursch nicht länger im Wagen halten, sprang auf die Straße, noch ehe der Knecht das Pferd zum Stehen brachte, warf das Hütl in die Kutsche zurück und begann den Berg hinaufzurennen, daß ihm die Mutter in Sorge nachrief: »Gustl! Gustl! Nur langsam! Ich bitte dich! Sie wartet ja, bis du kommst!«Der Junge hörte nicht, rannte und rannte, und schon auf hundert Schritt vor der Schwester breitete er die Arme aus und jubelte: »Lo! Lo! Meine liebe, gute, gute Lo!« Mit so wilder Freude flog er an ihre Brust, daß sie wankte unter dem Ansturm dieses schmächtigen Knabenkörpers. Wortlos hielt sie ihn umschlungen. Als sie sich aufrichtete, hing er mit erloschenem Atem an ihrem Hals, hielt die Wange an ihre Brust gedrückt und brachte nur mühsam die Worte heraus: »Ach, Lo, ich kann dir's gar nicht sagen, wie ich mich freue! Weil ich dich wiederhabe! Lo! Dich! Weißt du, es ist so nett vom lieben Gott, daß er die Ferien erschaffen hat!«

Lächelnd kühlte sie ihm mit ihrem Tuch die Wangen und hielt ihn umschlungen, bis er ruhiger wurde. Dann gab sie ihm die Blumen.

»Lo? Für mich?«

»Für dich und für die Mutter.«

»Ich danke, danke dir, Lo!«

Da nahm sie sein Gesicht zwischen die Hände und sah ihm lang in die Augen. Wie zwei klare Sterne blickten die leuchtenden Knabenaugen zu ihr empor. Sie atmete auf und sagte leis: »Ja! Du bist es! Du kommst wieder heim, wie du gegangen bist!« Lächelnd schob sie ihn ein wenig von sich und betrachtete sein hager aufgeschossenes Figürchen in dem sauber gehaltenen schwarzen Anzug und in den engen Höschen, die ihm zu kurz geworden. »Und wie du gewachsen bist!«

»Ja!« sagte er stolz und reckte sich. »Jetzt reich ich dir schon fast an die Schulter.«

Die Kutsche kam, und jubelnd schwenkte der Junge seine Blumen. »Muttl! Sieh doch! Sieh! Die hat uns Lo gebracht!«

Das Mädchen eilte dem Wagen entgegen und faßte die Hand der Mutter.

Frau Petri hatte schon graue Haare, die glatt gescheitelt unter dem schwarzen, altmodischen Kapotthut hervorsahen. In weißem Oval, wie aus Wachs gebildet, hob sich aus den schwarzen Bändern das schmale Faltengesicht, das von Kummer und Schmerzen erzählte, die nur zur Ruhe kamen, doch nicht überwunden sind. Aber so welk und müde dieses Gesicht auch war, es zeigte noch Spuren einstiger Schönheit und glich mit seinen feinen, vornehmen Zügen dem Antlitz der Tochter. Nur andere Augen hatte die Mutter, von mattem Blau – Augen, die nicht anders blicken konnten als in Sorge. Und sie hatte ihrer Tochter kaum ins Gesicht gesehen, als sie schon beklommen fragte: »Kind? Was ist dir? Du bist anders als sonst! Ich bitte dich, sag mir, ist etwas geschehen? Was hast du?«

»Mutter!« Lo umklammerte die Hand der alten Frau, während sie neben der Kutsche herging; sie war so erregt, daß sie nicht zu sprechen vermochte.

»Aber Hans!« schmollte Frau Petri mit dem Kutscher. »So halten Sie doch den Wagen an. Lo kann doch nicht immer so nebenherlaufen!«

Der Knecht hielt das Pferd an und suchte auf der kahlen Straße nach einem Stein, den er unter das Rad legen könnte.

»Was hast du, Kind? Aber so sprich doch!«

»Mutter! Denke nur, wer heute bis uns war! In unserem Hause! Er, Mutter! Er!«

»Er? Wie soll ich denn wissen, wer das ist?«

»Aber Mutter! Ich habe dir doch heute früh erzählt von ihm. Daß ich ihn draußen am Sebensee kennenlernte. Und daß ich so viel vom Vater mit ihm gesprochen habe.«

»Der Fürst?« fragte Frau Petri betroffen.

»Heute kam er zu uns, um Vaters Bild zu sehen.«

»Und du warst bei ihm?«

»Nein! Aber ich traf ihn. Bei den Weihern. Ach, Mutter! Wärst du doch bei mir gewesen! Hättest du nur gehört, wie er vom Vater gesprochen hat! Das wäre für dich eine Freude gewesen. Eine Freude! Weißt du, was er sagte? Ein großer Künstler, den die Welt hätte bewundern und lieben müssen! Und vielleicht war der Mensch und Dichter in ihm noch größer als der Maler! Das sagte er. Wort für Wort. Wir, Mutter, wir wissen es ja! Aber daß es nun auch die anderen erkennen und sagen! Ach, Mutter, dieses Wort war ein Geschenk für mich, so schön, ich kann es dir gar nicht sagen!«

Frau Petri schwieg, und während sie zitternd die Hand ihres Kindes umklammert hielt, fielen ihre glitzernden Zähren auf das Hutband.

Da sagte der Kutscher: »Liebe Frau, jetzt muß ich aber weiterfahren, 's Rößl kann den Wagen auf der steilen Straßen nimmer derhalten!«

Frau Petri seufzte. »Ach, Lo! Warum kommt das so spät? Zu spät für ihn!« Sie trocknete die Augen und sagte begütigend zum Kutscher: »Ja, Hans, fahren Sie nur weiter! Aber du, Lo?«

»Fahre nur voraus, Mutter! Ich gehe mit Gustl.«

»Wo ist er denn?«

»Dort, im Wald. Einem Schmetterling läuft er nach oder einem Eichhörnchen.«

»Ach, wie sich der Bub wieder erhitzen wird!« Frau Petri reichte dem Mädchen den Hut des Jungen und ein seidenes Tuch. »Er soll den Hut gleich aufsetzen, wenn er auf die Straße kommt. Hier zieht es. Und bind ihm das Tuch um! Tust du es aber auch wirklich?«

Lolo lächelte. »Ja, Mutter!«

Als der Wagen davonfuhr, kam Gustl aus dem Wald gerannt, rief der Mutter einen jauchzenden Gruß nach und warf sich wieder mit stürmischer Zärtlichkeit in die Arme der Schwester. Sie drückte ihm das Hütl aufs Haar und band ihm das Tuch lose um den Rockkragen, daß es den Hals nicht berührte. Dann wanderten sie Arm in Arm neben der Straße hin, und während Gustl mit sprudelndem Eifer die lange Geschichte seiner kurzen Reise erzählte, schmiegte er sich eng an die Schwester an, als gäbe es für ihn keine süßere Freude, als so mit ihr zu wandern, ihre Hand zu streicheln und mit leuchtenden Augen immer wieder zu ihr aufzublicken. Doch plötzlich, mitten in seiner plaudernden Freude, verstummte er.

Sie beugte sich zu ihm nieder, sah ihm ins Gesicht und sagte leis: »Ich weiß, an was du denkst!«

»Ach, Lo!« Seine Augen füllten sich mit Tränen. »Die ersten Sommerferien – ohne Vater!« In Schluchzen ausbrechend, umklammerte er die Schwester.

Während auch ihr die Tränen über die Wangen rollten, hielt sie den Knaben an sich gepreßt. Dann wanderten sie langsam und schweigend durch den Wald. Sie kamen zur Höhe, und aus dem Tal herauf grüßte das Dorf mit seinen Wiesen und Gärten.

»Lo! Unser Haus! Ich sehe unser Haus!« Mit einem gellenden Jubelschrei, aus dem noch die Tränen zitterten, schwang der Junge sein Hütl.

Lolo legte den Arm um seine Schulter und sagte flüsternd: »Gelt, so schön wie daheim ist's nirgends in der Welt!«

»Daheim! Ach, Lo, wo sollt es denn schöner sein?«

»Aber eins mußt du mir versprechen! Wenn wir heimkommen, wollen wir klug und stark sein. Und lieb und gut mit der Mutter. Wir dürfen ihr nicht weh tun mit unserm Schmerz. Sie soll nichts anderes sehen als deine Freude, daß du wieder daheim bist und wieder bei ihr!«

»Ja, Lo! Ich verstehe, was du meinst! Und das versprech ich dir: lieber beiß ich mir die Zunge ab, eh ich weine, wenn Muttl es sehen kann!«

Sie nickte ihm zu. »Und eins sag mir noch! Wenn der Vater dich jetzt erwarten könnte? Dürfte er Freude an dir haben?«

Ruhig hielt er den Blick der Schwester aus. »Ja, Lo, ich glaube schon! Mein Zeugnis hab ich ganz zuoberst im Kofferchen liegen, und gleich wenn wir heimkommen, zeig ich es dir! In allen Fächern hab ich Eins mit Auszeichnung bekommen. Nur in Betragen – ich bitte dich, sei nicht bös, aber im Betragen hab ich Zwei auf Drei. Neulich hat mir der Religionslehrer in die Liste geschrieben: ›Der Knabe August hat sich während der Stunde umgesehen.‹ Weißt du, ich passe in der Schule immer so viel auf, aber ich kann nicht stillsitzen, ich will's immer, aber ich kann nicht!«

Lächelnd streichelte ihm die Schwester das Haar. »Deshalb brauchst du dir keinen Kummer zu machen. Das wirst du schon noch lernen! Und umsehen muß man sich in der Welt ein bißchen.« Sie nahm seinen Arm und nun schritten sie rasch ins Tal hinunter. »Und weil du so gute Zeugnisse heimbrachtest, sollst du auch schöne Ferien haben. Muttl und ich, wir werden zusammen helfen, um dir recht viel Freude zu machen! Aber weißt du, Bubi, ganz darfst du in den Ferien das Lernen nicht aussetzen. Ich habe schon den Stundenplan eingeteilt. In der Früh wird Muttl eine Stunde mit dir lernen, und nachmittags oder am Abend, da setzen wir beide uns ein paar Stündchen zusammen. Willst du?«

»Ja, Lo, ja! Aber gelt, jetzt gleich, da hab ich doch ein paar Tage ganz frei? Weißt du, ein bißl ausrennen möcht ich mich schon.«

»Aber natürlich! Bist du zufrieden mit vierzehn Tagen?«

»Vierzehn –« Das Wort ging unter in einem seligen Jauchzer. »Und darf ich auch wieder fischen? Schon morgen?«

»Wenn du willst, noch haut am Abend. Der Fischer hat die neue Angelgerte für dich schon fertig.«

»Ach, Lo, das wird herrlich, herrlich!«

»Vier Tage bleiben wir jetzt zu Hause bei Muttl, und dann darfst du drei Tage mit mir – rate, wohin?«

»Lo? Zum Sebensee?«

»Erraten! Ja!«

Die erste Regung des Knaben war stürmischer Jubel. Dann wurde er still, und die Wange an den Arm der Schwester schmiegend, flüsterte er: »Ach, Lo! Da draußen sein, und an den Vater denken, wenn ich seinem Blumen sehe und seinen Baum singen höre – ich kann's nicht erwarten, gar nicht erwarten! Wie schön das sein wird!« Und hastig, als müßt er für solche Freude danken, sagte er: »Lo! Da nehm ich meine Bücher mit. Da draußen, weißt du, da muß und lernen.«

Zärtlich drückte ihn die Schwester an sich, und wieder gingen sie schweigend am blumigen Saum der Straße hin. Als sie zu den ersten Häusern kamen, wurde ihr Gang immer rascher. Wenige Schritte noch, und sie hatten ihr Haus erreicht.

Das Gold des Nachmittages lag über dem Schieferdach, die weißen Tauben flogen, die Stare zwitscherten, und die sonnige Luft war erfüllt vom Wohlgeruch der Blumen.



Zehntes Kapitel

Über den schattenschwarzen Bergwald sank schon die Sonne hinunter, als Ettingen mit dem Förster wieder im Jagdhaus eintraf.

Pepperl, der auf der Schwelle des Försterhäuschens hockte, erhob sich, als er die beiden kommen sah, und schüttelte die Füße, als wären sie ihm eingeschlafen. Das Viertelstündchen ausgenommen, das er um die Mittagszeit in der fürstlichen Küche verbrachte, hatte er vom Morgen bis zum Abend auf seinem Lauerposten ausgehalten, mit dem »Geheimnis von Woodcastle« auf den Knien. In diesen sieben Stunden war er bei der Lektüre nur um ein einziges Kapitel vorwärtsgekommen. Aber der Miene, mit der er die roten Hefte jetzt in die Schublade warf, konnte man es ansehen, daß er mit dem Ergebnis des Tages nicht unzufrieden war. Nicht das geringste war geschehen, was die »Verantwortigung« seiner moralischen Seele belastet hätte. Wohl hatte Martin ein paar verdächtige Spaziergänge im Umkreis der Sennhütte unternommen, aber ein freundlicher Zuruf des Praxmaler-Pepperl hatte den Kammerdiener immer wieder zur Umkehr nach dem Fürstenhaus veranlaßt. Drum konnte Pepperl, als der Förster in die Hütte trat, seinen Vorgesetzten in bester Laune empfangen. »Grüß Gott, Herr Förstner! Schon wieder daheim? Dös is recht! Jetzt kann ich grad noch a bißl Dienst machen bis auf d' Nacht. Jetzt is ja der Fürst wieder da!«

Der Förster schien den Zusammenhang zwischen Pepperls Diensteifer und der Heimkehr des Fürsten nicht recht zu begreifen und guckte verwundert dem Jäger nach, der, einen Ländler pfeifend, seine Büchse nahm und flink hinauswanderte in den schattigen Wald. –

Zwei Tage vergingen. Ettingen hatte keine Lust, eine Pirsch zu unternehmen. Er wollte ruhen, wie er sagte. Das hinderte nicht, daß er an jedem Morgen zeitig munter war und einsam einen mehrstündigen Spaziergang durch den Bergwald machte. Am Nachmittag saß er mit einem Buch im Wald, und die Abendstunden verplauderte er mit den Jägern.

Auch der Almhütte stattete er mit dem Förster einen Besuch ab und saß eine Stunde lang bei der Sennerin, die ihm ihre Arbeit schildern mußte. Das gedrückte Wesen des Mädels fiel ihm auf. »Haben Sie eine Sorge, Burgi?«

»Ich? Und Sorgen? Gottbewahr! 's Vieh is gsund, was will ich denn mehr?«

»Sie sind nicht heiter. Wenn ich Ihnen helfen kann, tu ich es gern. Haben Sie etwas auf dem Herzen?«

Sie wurde rot bis unter die Haare, aber gleichmütig sagte sie: »Ich? Auf'm Herzen? Den Janker! Sonst nix! Aber der Mensch kann net allweil lustige Fasnacht halten. Diemal muß er auch sein sinnierlichen Tag haben. So ein' hab ich halt heut grad, weiß selber net, warum!« –

Am dritten Morgen unternahm Ettingen mit dem Förster einen Pirschgang auf Gemsen.

Pepperl, der zwei Tage strengen Dienst gemacht hatte, blieb an diesem Morgen zu Hause. »Man kann net wissen, ob net d' Jungfer Köchin oder der Herr Martin wen braucht.« Und auf der Hüttenschwelle hielt er in brennender Sonne mit dem »Geheimnis von Woodcastle« bis Mittag aus. Da kam der Postbote. Den fragte. er: »He! Du! Was is denn mit'm Brenntlinger? Hast ihm die Botschaft ausgricht'?«

»Ja.«

»Warum kommt er denn net?«

»Der Schnaps laßt ihn net aus. Heut in der Fruh hab ich ihn wieder troffen im Wirtshaus. Da hockt er schon den dritten Tag.«

Pepperl fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. Die Sonne hatte ihm eingeheizt. Und in schwüler Sorge brummte er vor sich hin: Mar und Joseph! Is dös a Mensch! A Vater! Und hat a Madl, dös in der ärgsten Gfahr is!« Dann sagte er laut: »Geh, ich bitt dich, red ihm zu, daß er kommt. Sag ihm: es pressiert!«

Während die beiden noch miteinander sprachen, kam der Fürst von der Pirsch zurück. Der Förster trug einen Gemsbock auf dem Rücken. »Und a zweiter liegt noch droben«, sagte er, »tummel dich, Pepperl, daß d' ihn runterbringst vor Abend!« Aber ehe Pepperl sich »tummeln« konnte, gab's vor dem Försterhäuschen noch ein langes, fröhliches Schwatzen über den Verlauf des glücklichen Pirschganges.

War es die seltene Jägerfreude, zwei gute Böcke erlegt zu haben, war es die ungetrübte Stimmung der vergangenen Tage oder die reine Bergluft, die an dem ernsten Flüchtling der Großstadt diese freundlich Wandlung bewirkt hatte – Ettingen war in so prächtiger, von Heiterkeit übersprudelnder Laune, daß die beiden Jäger ihre Freude an ihm hatten. Seine Augen blickten froh, sein sonnverbranntes Gesicht hatte so gesunde Farbe, als hätte er nie die Luft der Krankenstube geatmet und als wäre auch die letzte Erinnerung an allen Sturm und Schmerz, vor dem er in die Einsamkeit der Berge geflohen, in ihm versunken und erloschen. Und wie kräftig sein Schritt war, wie frei seine Haltung! Als hätte ein neuer und heißer Trieb des Lebens jeden Tropfen seines Blutes befeuert. Er selbst schien der Wandlung, die sich in ihm vollzogen hatte, mit keiner Frage nachzuspüren. Er fühlte sie nur, wie man mit geschlossenen Augen die Sonne fühlt, war heiter und zufrieden, dachte mit keinem Gedanken an das Gewesene, hatte keinen Wunsch an die Zukunft und freute sich in dieser lächelnden Ruhe jeder Stunde, wie sie kam und ging.

Der folgende Tag aber brachte ihm den Lebensgewinn, den er im Frieden des Waldes gefunden hatte, doch zum Bewußtsein. Da kam mit der Post ein Brief. Als Ettingen an der Adresse die Schrift des Freundes erkannte, an den er in jener ersten Nacht die lange Epistel gerichtet hatte, zögerte er einen Augenblick, den Brief zu erbrechen. Dann schüttelte er lachend den Kopf. »Mein Wald hat mich gesund gemacht!« Was dieser Brief auch enthalten mochte – es konnte seine Ruhe nicht mehr stören, keine Bitterkeit in seiner Seele wecken. Er hatte überwunden und vergessen, war geheilt und frei. Wie auch die häßliche Katastrophe jener Tollheit ausklingen mochte, er konnte das so ruhig und gleichgültig anhören wie das schale Ende einer Geschichte, die ein anderer erlebt hatte.

Er öffnete den Brief und las:


»Wien, den 30. Juli.

Mein lieber Heinz!

Die weißt, wie stark ich unter Umständen für andere sein kann. Meinen eigenen Wünschen gegenüber bin ich ein Schwächling. Und mein Wunsch wär es, Dir für Deinen lieben langen Brief recht ausführlich zu danken, mit Dir zu plaudern, Dich zu warnen, Dir zu raten. Das muß ich mit für den Tag versparen, der mich zu Dir führt. Ich hoffe, das wird bald geschehen. Für heute geht's nicht, man tut mir Gewalt an. Vor kaum einer Minute hab ich mich zum Schreiben gesetzt, und da trommeln sie schon wieder an meine Tür und schreien: ›Onkel Goni, was machst du? Onkel Goni, wo bleibst du? Onkel Goni, so komm doch!‹ Seit drei Tagen hab ich ›Familie‹. Meine Schwester, deren Mann zu den Jagden nach Steiermark absauste, hat ihre vier Jungen aus den weißen Pfoten der Jesuiten in Empfang genommen. Da ist mir nun die liebe Seele mit ihrem tollen Viergespann unvermutet ins Haus gefahren, und die Jungen stellen mir meine friedliche Hütte auf den Kopf. Aber ich lasse mich geduldig martern. Jugend zu sehen, das ist für mich immer wie eine neue, große Entdeckung. Das nimmt meiner Borstigkeit jeden scharfen Stachel. Aber es macht mich auch schwermütig. Nicht, weil ich die eigene Jugend zurücksehne. Kein Kluger will ein zweites Mal leben. Nur, weil ich fühle, wie wenig mir von der Jugend geblieben ist. Graue Haare, die ›einstens‹ braun gewesen – sonst nichts. Warum ich nicht glücklich wurde? Das weiß ich. Aber warum ich nicht geheiratet habe? Das ist mir dunkel. Tu es, Heinz! Tu es! Und werde Vater! Mir scheint, als wäre in dieser Schatztruhe, die man Leben nennt, die Freude am Kind der einzig wirkliche Wert, auch wenn seine Süßigkeit sich ›mengt mit Bitternis‹! Oder glaub ich das nur, weil das am Leben das einzige ist, was mir fremd geblieben? Alles andere kenn ich. Und weiß, daß es die Spesen der Erfahrung nicht aufwiegt. Aber nein! Dieser einzige Lebensglaube – der Glaube an einen Gott, zu dem ich niemals beten durfte – soll mir bleiben für den Rest meiner Tage. Ich habe Deiner Mutter Freude an Dir gesehen. Und ich begriff, daß sie um dieser einzigen Freude willen alles andere verschmerzen konnte. Im kleinen seh ich es auch an meiner Schwester. Wenn die vier Fohlen sie gepeinigt haben, daß sie vor Wut und Verzweiflung heult – fünf Minuten später spielt sie ›Mutter der Gracchen‹ und sagt mit Aplomb und strahlenden Augen: ›Meine Söhne!‹ Da nasch ich nun ein bißchen an ihrer Freude mit, bin ›Onkel Goni‹ und lasse mich schinden, daß ein ehrgeiziger Märtyrer von mir lernen könnte. Ich tu es, weil ich Zeit habe. Denn meiner Freundschaft für Dich sind die Hände gebunden. Ich bin in der Schlichtung Deiner Affäre zu einem far niente verurteilt, das mir durchaus nicht ›süß‹ erscheint.

Wohl habe ich das möglichste versucht, um eine Auseinandersetzung herbeizuführen. Aber sie macht sich unsichtbar. Ihre Villa in Hietzing hat scheinbar im Sommerschlaf die Augen geschlossen, und der Portier schwört falsche Eide, daß die gnädige Baronin ›unbekannten Aufenthaltes. Aber sie macht sich unsichtbar. Ihre Villa in Hietzing hat scheinbar im Sommerschlaf die Augen geschlossen, und der Portier schwört falsche Eide, daß die gnädige Baronin ›unbekannten Aufenthaltes‹ wäre. Ihr Anwalt erklärte, daß er ›keinerlei Auftrag‹ hätte, und ›vermutet‹, daß sie in Ostende wäre. Aber sie ist hier, in ihrer Villa. Gestern früh brachte mir mein Agent die Mitteilung, daß am 28. abends neun Uhr ein Kupee vor der Villa angefahren wäre und eine Stunde gewartet hätte. Und weißt Du, wem das Kupee gehörte – am 28. Juli ein geschlossenes Kupee? –, dem ›süßen kleinen Mucki‹! Dem Sensburg! Er brachte ihr wohl die Neuigkeit, daß er Dich in Innsbruck traf. Hoffentlich hast Du ihm nicht klipp und klar gesagt, wohin Du fährst? Na also, gestern mittag fuhr ich zu ihm, mit den vier Jungen im Wagen. Ausrede: ob er nicht einen jungen Engländer wüßte, der meine neveus im Tennis perfektionieren könnte. Den wußte er natürlich. Und dann fragte ich so nebenbei: ob er nicht bei der Pranckha gewesen wäre. Er wurde rot und leugnete. Das wunderte mich. Nicht, daß er log. Aber daß diese abgelaufene Gesellschaftswanze noch erröten kann. Und das ist alles, was ich Dir zu berichten haben. Aber ich warne Dich, lieber Heinz! Was sie mit diesem monatelangen Blindekuhspiel bezweckt, versteh ich nicht. Irgend etwas plant sie. Daß sie Dich ›friedlich ziehen‹ läßt, das bilde Dir ja nicht ein! Fürst Ettingen zu Bernegg ist ein liebes Hühnchen, das allzu schöne Federn besitzt. Sie wartet nur den günstigen Augenblick ab, um Dich wieder einzufangen. Daß sie dabei mit Deinem Herzen rechnen kann, das brauch ich wohl nicht mehr zu befürchten. Aber sie wird ihren Kalkul auf Dein Blut setzen. Ich warne Dich, Heinz! Wenn Dir die schöne Katze mit süßem Schnurren an den Hals springt – schüttle sie ab! Gleich! Nur in der ersten Sekunde wirst Du die Kraft dazu haben. Nicht mehr in der zweiten Minute. Da hat sie Dich.

Hörst Du: sie trommeln schon wieder! ›Onkel Goni, du bist unausstehlich!‹ Diesen Vorwurf muß ich entkräften. Also Schluß!

Dein ›Schweigen‹ sollst Du in wenigen Tagen bekommen. Ich habe eine herrliche Radierung aufgetrieben und einen richtigen Künstler beauftragt, dem Blatt einen Hauch Farbe nach dem Original zu geben. Morgen oder übermorgen wird das Bild an Dich abgehen. Am liebsten wär's mir, ich könnt es Dir selber bringen. Aber sobald ich die vier Jungen wieder los bin und sehe, daß ich Deinem ›Frieden‹ hier in Wien nicht weiter nützen kann, dann komm ich. Und dann wollen wir selbander schöne Klapphornverse erleben:

Zwei Knaben gingen durch einen Wald,
Der eine jung, der andre alt –

Die heitere Pointe wird sich finden. Bis dahin mit Gruß, mit herzlicher Treu, aber auch in Sorge

Dein alter
Goni Sternfeldt.«



Als Ettingen gelesen hatte, trat er, den Brief noch in der Hand, zum offenen Fenster und blickte lächelnd über den Bergwald hinaus.

»Sorge? Nein!«

Eine Stelle des Briefes las er ein zweites Mal: »Dein ›Schweigen‹ sollst Du in wenigen Tagen bekommen –«

Nun bemerkte er erst, daß die letzte Seite des Briefes noch eine Nachschrift hatte:

»Soeben kommt Deine Depesche. Emmerich Petri? Wo hast Du nur diesen Namen so plötzlich aufgefischt? Auf der Gemspirsche? Ist das einer, von dem die Steine reden, da die Menschen von ihm schweigen? Ich habe in einem Lexikon der ›Kunstentwicklung des 19. Jahrhunderts‹ nachgeschlagen. Der Name fehlt. Doch glaub ich mich dunkel zu erinnern, daß ich diesen Namen während des letzten Winters mehrmals in Künstlerkreisen nennen hörte. Aber dieser Winter! Da hatte ich doch meine liebe Sorge mit Dir und Deinem Wahnsinn! Wie wäre ich da kapabel für Kunstgespräche gewesen! Emmerich Petri? Der Name klingt mir im Ohr, doch meine Erinnerung ist leer. Aber ich fahre noch heut ins Künstlerhaus, um einen Augur in moderner Kunstgeschichte zu erfragen, und dann will ich sehen, was sich erfahren läßt.« –

Mit der gleichen Post, die diesen Brief gebracht hatte, war auch ein anderer gekommen – an Martin. Und sein Inhalt versetzte den sonst so gemessenen Herrn in solche Erregung, daß er in der gleichen Stunde noch den Förster aus seinem Mittagsschläfchen aufrüttelte.

»Herr Förster! Ich komme mit einer Bitte. Sie müssen mir helfen!«

»No also! Schießen S' los! Was is denn?«

Es handle sich um eine »freudige Überraschung« für Seine Durchlaucht, erklärte Martin. Eine hohe Dame, natürlich eine nahe Anverwandte des Herrn Fürsten, käme nächster Tage zu Besuch ins Jagdhaus – wann, das wäre noch nicht genau bestimmt –, aber um Seiner Durchlaucht die »ungeahnte Freude« nicht zu verderben, müsse die Sache so geheim wie möglich gehalten werden. Vor allem müsse für den hohen Besuch das Grafenstüberl entsprechend eingerichtet werden, und da hätte er nun soeben von Innsbruck die Mitteilung erhalten, daß der Wagen mit dem Mobiliar und der Dekorateur mit seinen Gehilfen schon am nächsten Abend eintreffen würden. Und da müsse nun um jeden Preis ein Mittel gefunden werden, um die Durchlaucht für zwei Tage vom Jagdhaus zu entfernen – zwei Tage wären zur »Adaptierung« des Zimmers unumgänglich notwendig.

Der Förster, der sich ehrlich freute, bei einer angenehmen Überraschung für seinen Herrn mithelfen zu dürfen, brauchte nicht lang zu überlegen. Die Sache wäre leicht zu machen: man müsse dem Herrn Fürsten zureden, einen längeren Jagdausflug zu unternehmen, vielleicht zum Sebensee. »Denn wissen S', der Sebensee, der gfallt ihm. Dös hab ich schon gmerkt. Morgen um Mittag kann er mit'm Pepperl abmarschieren, in der Sebenwaldhütten bleibt er über Nacht – dös Hütterl is gut im Stand –, am ersten Tag macht er an Pirschgang übern Sebensee nauf, und für den zweiten Tag verarranschier ich a netts Treibjagderl. Dös macht ihm Freud. Da geht er.«

Mit Eifer nahm der Förster auch gleich die »Verarranschierung« in Angriff und schickte durch den Postboten die Nachricht an die Leutascher Jäger, binnen zwei Tagen mit sechs Treibern im Jagdhaus einzutreffen. Als er dabei hörte, daß Mazegger, den er die Tage her nicht gesehen hatte, am Abend zuvor in Leutasch gewesen wäre, gab's ein Gewitter mit Blitz und Hagelschlag. Und damit ihm Mazegger, wenn er spät am Abend in die Hütte zurückkehren würde, nicht wieder auskäme, legte er ihm einen Zettel auf den Tisch: »Morgen bleibst Du daheim. Ich muß was reden mit Dir! Förster Kluibenschädl.«

Beim Diner trug er dem Fürsten sein »Planerl« vor und schilderte ihm die Weidmannsfreuden einer Gemspirsche beim Sebensee und einer Treibjagd auf Hirsche im Geißtal mit so verlockenden Farben, daß Ettingen sofort einverstanden war. Martin, der dieses Gespräch beim Servieren hören konnte, atmete erleichtert auf.

Pepperl aber, als er von diesem »Planerl« hörte, schien nicht erbaut zu sein. Er machte ein langes, höchst bedenkliches Gesicht.

»Was hast denn?« fragte der Förster. »Zwei Tag mit'm Herrn Fürsten jagen? Dös muß dir doch Freud machen?«

»No ja, schon! Aber –« In beklommener Sorge scheuerte Pepperl über dem Scheitel die Kreuzerschneckerln durcheinander.

»Was, aber?«

»Die ganze Zeit her wart ich schon allweil auf den Brenntlinger. Morgen oder übermorgen, hätt ich gmeint, müßt er kommen.«

»Was willst denn von dem Schnapsbruder?«

»Was z'reden hätt ich halt mit ihm – wegen meiner Mutter, ja, und – a bißl arbeiten sollt er halt.«

»Der? Und arbeiten? Laß dich net auslachen! Auf den kannst lang warten! Neulich, in Leutasch, is er an der Straß im Graben gsessen, und da hat ihm der Herr Fürst an Zehner gschenkt.«

»So is schön!« stotterte Pepperl erschrocken. Und im stillen kalkulierte er gleich: einen Gulden bringt der Brenntlinger durch am Tag, da braucht er sich nicht zu plagen; fünf Tage sitzt er bereits; also hat er noch einen Fünfer, und bevor er mit dem nicht fertig ist, kommt er nicht. »Da kann ich freilich noch lang warten! Derweil bin ich wieder daheim!« –

Am anderen Vormittag gab's in der Jägerhütte zwischen Mazegger und Kluibenschädl einen erregten Auftritt. Das heißt, erregt war nur der Förster, Mazegger lächelte und schwieg. Und je länger der Jäger mit diesem stummen Lächeln dastand, in desto heißeren Zorn geriet der Förster. »Jetzt sag ich dir im guten 's letzte Wörtl! Wenn du von morgen an den Dienst net in der Ordnung machst, so wachsen wir zamm. Weil in drei Wochen den Kufer packen mußt, deswegen därfst net glauben, daß d' mit deiner Zeit jetzt machen kannst, was dir einfallt! Übrigens – was hast denn vorgestern in Leutasch draußen zum Suchen ghabt?«

»Nichts.« Das war das erste Wort, das Mazegger sprach.

»So? Nix? Warum bist denn nacher naus?«

Der Jäger hob schweigend die Schultern und grub die Hände in die Taschen.

»Gelt, du, kegel dir nur dein Züngl net aus! Aber ich kann mir schon denken, was dich naustrieben hat. Ich weiß ja, wer draußen is. Du bist ja rein wie der hungrige Fuchs im Winter, wo er die Hasenfährt gleich gar nimmer auslaßt. Ja, schau mich nur an mit deine wällische Guckerln!«

Mazeggers Gesicht wurde fahl wie Kalk; doch er schwieg.

»Morgen gehst nunter nach Ehrwald und bleibst beim Jager über Nacht. Und übermorgen in der Fruh um drei, da seids alle zwei beim Sebener Almzaun. Da haben wir 's Randewuh zum Treibjagen. Und dös sag ich dir, Toni: wenn ich erfahren sollt, daß d' an andern Schritt machst, als den ich dir vorschreib, da brauchst deine drei Wochen nimmer warten. Da kannst marschieren auf der Stell und kannst –«

Erschrocken verstummte der Förster.

Unter der Tür der Jagdhütte stand der Fürst. Bei einem Spaziergang über das Almfeld hatte er die laute Stimme gehört, und nun sagte er lächelnd: »Nicht ärgern, lieber Förster!«

»Ich bitt um Entschuldigung, Duhrlaucht«, stotterte Kluibenschädl, während Mazegger den Fürsten mit funkelnden Augen maß, »aber wenn ich mein Gallenhinkerl gleich zubinden möcht mit sieben ausglühte Dräht, es hilft ja nix. D' Leut reißen's wieder auf.«

»Sie haben Verdrust gehabt?«

«Ja! Wieder amal! Und weil Duhrlaucht grad dazukommen – sagen hätt ich's doch amal müssen –, der Mazegger-Toni hat die vorig Wochen den Dienst aufgsagt.«

»Weshalb?« Ettingen wandte sich an den Jäger und sagte freundlich: »Fühlen Sie, daß Ihnen der harte Gebirgsdienst zu beschwerlich ist? Sie sind nicht in den Bergen geboren, und da kann ich begreifen, daß Ihnen der Dienst nicht so leicht fällt wie den anderen Jägern. Aber deshalb brauchen Sie die Stelle nicht aufzugeben. Der Herr Förster wird Ihnen jede Rücksicht gewähren und nicht mehr von Ihnen verlangen, als Sie ohne Überanstrengung leisten können. Oder haben Sie eine andere Klage? Was macht Sie unzufrieden? Sie können sich offen aussprechen. Wenn Ihre Wünsche nicht unbillig sind, wird sich über alles reden lassen. Deshalb brauchen Sie nicht gleich zu gehen! Nun? – Aber so sprechen Sie doch! – Kommen Sie vielleicht mit Ihrem Gehalt nicht aus?«

Ein paarmal hatte Mazegger die Lippen geöffnet, ohne daß ihm ein Laut von der Zunge kam. Es schien, als könnte er den freundlichen Blick des Fürsten nicht ertragen. Die brennenden Augen senkend, preßte er mühsam die Worte heraus: »Ich habe keine Klage, Herr Fürst! Gehalt bekomm ich mehr, als ich verdien. Aber der Förster hat nicht die Wahrheit gesagt. Den Dienst hab nicht ich gekündigt. Der Herr Förster hat mir aufgesagt.«

Ettingen sah verwundert auf den Förster.

Dem schoß das Blut ins Gesicht. »Ja, Duhrlaucht, stimmt! Aber wenn ich d' Wahrheit a bißl übers Knie bogen hab – es is bloß geschehen, daß ich's dem Burschen leichter mach, und daß ich ihm net schad.«

»Was hat er verschuldet?«

»Er hat sich – er hat –« Nein! Daß Mazegger ungebührlich über den Fürsten gesprochen hatte, das konnte Kluibenschädl seinem Herrn nicht ins Gesicht sagen. »Er hat sich unanständig geäußert. Über mich. Ja, über mich.«

Aber der Förster verstand sich so schlecht aufs Lügen, daß Ettingen die Wahrheit leicht erriet. Er betrachtete den Jäger, und da begegnete ihm ein so glühender Blick des Hasses, daß Ettingen befremdet zurücktrat. Was hatte er diesem Menschen getan, um solchen Haß in ihm zu erwecken? War das der törichte Zorn des widerwillig Dienenden gegen seinen Herrn? Die Eifersucht des Unbemittelten gegen den Besitzenden? Oder war es etwas anderes?

Ettingen hatte sich aufgerichtet. Auch ihm war das Blut in die Stirne gestiegen. Doch ruhig sagte er: »Wenn der Jäger sich unziemlich gegen Sie benommen hat, so bitt ich Sie, Herr Förster, ihm das nachzusehen. Ich hätt es auch getan, wenn er sich ungebührlich über mich geäußert hätte. Und würde mir gedacht haben, er weiß nicht, was er redet. Will er bleiben, so erweisen Sie mir den Gefallen, Herr Förster, und seien Sie gut zu ihm. Machen Sie ihm den Dienst so leicht wie möglich! Es sollte mich freuen, wenn er sein Unrecht einsähe und seine Stellung bei mir noch liebgewänne.« Ettingen nickte einen stummen Gruß und verließ die Hütte.

Der Förster vermochte vor Erregung kaum zu sprechen. »Da schau her, du!« sagte er, dicht vor Mazegger hintretend. »So is der Herr Fürst! Und wie bist du? Jetzt tu, was d' magst! Geh oder bleib! Ich will's halten, wie's der Herr Fürst von mir verlangt hat. Der gachzornige Katzensprung von neulich soll dir vergessen sein! Aber wenn ich dir noch a letztes Mal im guten raten därf – sei gscheit, Toni, und schlag dir um Gottes willen die unsinnige Narretei aus'm Kopf! Nimm Vernunft an, Bub, und verscherz dir wegen nix und wieder nix net an Posten, wo dir an ehrenhafte Stellung fürs ganze Leben machen kannst! Mehr hab ich nimmer z'sagen. Bhüt dich Gott!« Er ging.

Als er draußen am Fenster vorüberschritt, sah er, daß der Jäger noch immer mitten in der Stube stand, wie er ihn verlassen hatte.

Mazegger lächelte. Er durfte bleiben, wo es ihn festhielt mit allen Klammern seiner Leidenschaft. Alles andere war ihm gleichgültig.

Als er den Schritt des Försters verklingen hörte, hob er das Gesicht. »Nach Ehrwald?« Wieder lächelte er. Nach Ehrwald gab es zwei Wege, von denen der eine nicht weit am Sebensee vorüberführte. Und am verwichenen Abend, als Mazegger neben der Geißtaler Almstraße im Wald gelegen, war Lolo Petri an ihm vorübergewandert, das Grautier führend, auf dem ihr Bruder ritt. –

Nachmittags, gegen vier Uhr, wanderte Ettingen mit Pepperl, der im schwer gepackten Rucksack den Proviant für zwei Tage trug, zur Jagdhütte im Sebenwald.

Ettingen was schweigsam. Der Auftritt mit dem Jäger ging ihm nach, und immer wieder mußte er sich fragen: Was hab ich diesem Menschen getan, warum haßt er mich?

Und Pepperl trug auf seinem Herzen einen Binkel Sorgen , nicht minder schwer als der Pack auf seinem Rücken. Ein Zufall hatte ihm wohl seine »Verantwortigung« ein bißchen erleichtert; von Innsbruck war am Nachmittag eine Touristengesellschaft, die zur Zugspitze wollte, auf der Tillfußer Alm eingetroffen und hatte sich für die Nacht in der Sennhütte einquartiert. Bis zum nächsten Morgen also war das »dumme Gansl« außer Gefahr! Aber dann? Zwei unbehütete Tage! Bei dem Gedanken, was in einer solchen »Ewigkeit« alles geschehen konnte, lief es dem Praxmaler-Pepperl kalt durchs Herz, obwohl ihm von der Stirn die heißen Perlen über den Schnurrbart kollerten. Seufzend nahm er das Hütl ab, trocknete sich mit dem Taschentuch das Gesicht und erklärte innerlich dem alten Brenntlinger: »Mein lieber Mensch! Wenn jetzt was gschieht – ich kann nix dafür! Ich bin außer Verantwortigung!« –

Während des stillen Marsches dieser beiden ging es im Jagdhaus laut und lebendig zu. Schon um fünf Uhr war ein mit vier Pferden bespannter Planwagen eingetroffen, der hoch mit großen Ballen und Kisten beladen war. Und während der Dekorateur und seine Gehilfen im Grafenstüberl schon zu hämmern und zu kleistern begannen, überwachte der Förster im Hof das Auspacken der Kisten und Ballen, aus denen so zierliche und kostbare Geräte, so zarte Seidenstoffe und so merkwürdige »Sacherln« zum Vorschein kamen, daß Kluibenschädl und die Küchenmagd sich vor Staunen und Wundern kaum zufassen wußten. Bis zum Einbruch der Dunkelheit ging es im Jagdhaus zu wie in einem Bienenkorb. An diesem Hasten, Schleppen und Rennen beteiligte sich nur eine einzige nicht: die Jungfer Köchin.

Sie erschien nur manchmal unter der Küchentür, sah mit zornrotem Gesicht dem Lärm und Treiben eine Weile zu und nickte verdrossen vor sich hin. Als ihr Martin zumutete, ein wenig mitzuhelfen, murrte sie mit bösem Blick: »Ich dank schön! Mit der Arbeit hab ich nichts zu schaffen!« Sprach's und warf hinter sich die Küchentür zu.

»Was hat denn die Jungfer?« fragte der Förster. »Vergunnt s' leicht unserem guten Herrn Fürsten die freudig Überraschung net?«

Martin zuckte die Schultern und schmunzelte.



Elftes Kapitel

Ein Morgen, sonnig und mit wolkenlosem Himmel. Aber der Wind zog unruhig durch das Bergtal empor. Die höchsten Spitzen der Wände waren von milchigem Dunst umwoben, und der Sebensee leuchtete nicht wie sonst. Sein matt gekräuselter Spiegel hatte ein dunkles, schwermütiges Grün. Trotz alles Sonne redete etwas aus dem Bilde der Natur wie leise Angst.

Von der Unruhe des Windes merkte man nicht viel beim kleinen Seehaus, dessen Blumengarten im Schutz des nahen Waldes lag. Nur selten tönten in den Wipfeln des Harfenbaumes die Glocken.

Lolo kniete am Saum eines Beetes, um die verwelkten Almrauschdolden von den Stöcken abzulösen. Ihr Bruder, den die Joppe und das Lederhöschen besser kleidete als das schwarze Studentenröckl, saß im Schatten des Harfenbaumes am Tisch. Trotz der vierzehn »ganz freien« Tage hatte er seine Schulbücher mit zum Sebensee genommen, und da saß er jetzt über einer schriftlichen Aufgabe aus der römischen Geschichte. An der Feder war ihm die Tinte trocken geworden. Mit der Hand den Kopf stützend, blickte er sinnend zum dunstigen Blau des Himmels auf.

»Bubi?« fragte die Schwester. »Wo bist du mit deinen Gedanken?«

Aufatmend schob er die Feder hinters Ohr und nahm die Wangen zwischen die beiden Fäuste. »Weißt du, die Geschichte dieser Gracchen gibt mir furchtbar zu denken! Die haben es doch wirklich gut mit dem armen römischen Volk gemeint. Und doch haben sie unrecht bekommen und sind zugrunde gegangen. Eine solche Ungerechtigkeit sollte der liebe Gott nicht zulassen. Freilich, die alten Römer haben noch an ihre heidnischen Götter geglaubt, die doch in Wirklichkeit gar nicht existierten. Wir Christen glauben doch jetzt an den rechten, wahren Gott. Aber es ist doch eigentlich heutzutage auch nicht viel anders als im Altertum.«

Die Schwester lächelte. »Hast du das in der Schule gelernt?«

»Gottbewahre! Von so was reden sie doch in der Klasse nicht. Aber man hört und sieht doch so viel Unglück und so viel Trauriges. Weißt du, da muß ich immer drüber nachdenken, und da fallen mir oft Dinge ein, die ich mir gar nicht erklären kann.«

»Sag mir so ein Ding!«

»Alles Gute und Schöne in der Welt, das kommt doch von Gott, nicht wahr?«

»Ja, Bubi.«

»Und dann, ich weiß schon, es gibt ja auch Unglücksfälle – zum Beispiel, wenn ein Haus einstürzt, wie neulich in Innsbruck, und sieben arme Menschen erschlägt –, da kann natürlich der liebe Gott nichts dafür. Die Menschen hätten das Haus eben besser bauen sollen.«

»Da hast du recht!«

»Aber es gibt doch auch viel Unglück, an dem die Menschen nicht schuld sind. Ein Bergsturz oder eine große Überschwemmung. Oder der Blitz, der in ein Haus schlägt. Denkt nur, er schlägt sogar am liebsten in die Kirchen! Wie darf denn der liebe Gott so was zulassen? Oder eine Lawine, die einen ganzen Wald verschüttet? Das kann ich mir nicht vorstellen, daß Gott eigens den Wald hat wachsen lassen, nur damit er zugrunde geht. Und dann die Raubtiere zum Beispiel! Wo kommen denn die her? Und das Ungeziefer? Und die giftigen Pflanzen? Und alle die anderen bösen Dinge? Sag mir, Lo, wer hat denn das alles gemacht?«

»Gott! Wer sonst?«

»Aber Lo! Wie kann Gott dann lieb und gut sein?«

»Doch! Er ist es.«

»Das versteh ich nicht. Ich bitte dich, Lo, das mußt du mir erklären!«

»Sieh dir einmal die Sonne an! Ist Gott, der sie erschaffen hat, nicht groß und gut? Und die Berge dort? Wie schön sie sind! Und hier, sieh nur, die Blumen!«

»Freilich, ja, das alles ist gut und schön, das kann nur Gott erschaffen haben. Aber das Böse, Lo?«

»Das Böse? Ich kenne nichts Böses.«

»Aber Lo!« Mit großen, erschrockenen Augen sah Gustl die Schwester an.

»Sag mir, Bubi, was nennst du denn eigentlich böse?«

In seiner Verwunderung wußte der kleine Bursch nicht gleich eine Antwort zu finden. »Ich – weißt du, ich meine, was den Menschen nicht gefällt – und was ihnen schadet, das alles ist doch böse.«

»Meinst du?« Lo erhob sich und schüttelte die welken Blüten von ihrem Schoß in ein Körbchen, das auf dem Kiesweg stand. »Also, die Henne ist gut, weil sie Eier legt, sagt der Bauer. Und der Fuchs, sagt er, ist böse, weil er die Henne frißt. Und gut ist das Pulver, und gut ist die Bleikugel, mit der man den bösen Fuchs erschießen kann. Aber ist denn der Fuchs nicht auch ein Geschöpf, das leben will? Wird der Fuchs nicht sagen: ›Ich bin gut, und bös und grausam ist der Jäger, der mich erschießt‹? Wer hat nun recht von den beiden?«

Gustl begann diesen Widerspruch von der heiteren Seite zu nehmen und lachte.

»Nein, Bubi, da sollst du nicht lachen. Ich mein es ernst. Wer von den beiden hat recht?«

»Freilich, wenn ich ein Fuchs wäre, würd ich auch sagen: ›Bös sind die Menschen, die mich erschießen.‹ Aber ich bin doch kein Fuchs. Ich bin ein Mensch.«

»Und deshalb willst du recht haben? Aber jetzt denk einmal: neulich bin ich unserem Nachbar begegnet. Der war vor Zorn ganz rot im Gesicht. Und weißt du, warum?«

»Weil der Fuchs ihm die Henne gestohlen hat?«

»Nein! Weil der böse Jäger den guten, nützlichen Fuchs erschoß, er auf dem Feld des Nachbars alle Maulwürfe und Engerlinge verspeiste.«

Gustl schwieg, und während er die Brauen furchte, blickte er sinnend zur Schwester auf, die zur Bank kam und sich an seine Seite setzte. Dann sagte er langsam. »Du, Lo! Ich glaube, jetzt versteh ich, wie du es meinst. Da hat doch eigentlich jeder recht. Und keiner. Und der Fuchs ist nicht gut und nicht bös. Er ist halt ein Fuchs. Und wie er ist, so muß man ihn nehmen – weil er einmal da ist.«

»Ja, Bubi! Siehst du, wenn du ruhig nachdenkst, dann kommst du schon selbst auf das Richtige. Wie mit dem Fuchs, so ist es mit allen anderen Dingen. Alles in der Welt ist so, wie es sein muß, wie es immer war und immer bleiben wird. Gut und bös? Das hat mit den Dingen der Welt nichts zu schaffen. Das sind nur Worte, die der Mensch in seinem Eigennutz erfunden hat. Und den Bau der großen unendlichen Welt, das ganze herrliche Wunderwerk der Schöpfung nur nach den kleinen Dingen zu beurteilen, die uns Nutzen oder Schaden bringen, ist das nicht töricht und unschön?«

»Ja, Lo, da hast du wirklich recht!«

»Und sieh nur, Kind, es gibt doch so viel schöne Dinge auf der Welt, die uns lehren, die Schöpfung zu lieben und zu bewundern. An die müssen wir uns halten, wenn wir Freude am Leben haben wollen – nicht an die anderen, die uns böse, grausam und ungerecht erscheinen, und weil wir sie nicht verstehen, nur weil wir sie gerne anders hätten, so, wie es uns paßt. Denke nur, Kind: die Welt ist so groß, und wir Menschen sind so klein. Da kann sich doch nicht alles um uns allein drehen. Was uns schadet, was uns weh tut? Wer kann wissen, ob das nicht notwendig ist zum Wohl und Nutzen der ganzen Schöpfung? Wir müssen von dem, was wir als schön und gut erkennen, einen Schluß auf alles andere ziehen und sagen: In jedem Ding der Welt, ob es tot ist oder atmet, lebt der große, weise Wille des Schöpfers. Uns kleinen Menschen fehlt nur der Verstand, um diesen Willen zu begreifen. Wie alles ist in der Welt, so muß es sein. Und wie es auch immer sein mag, immer ist es gut im Sinne des Schöpfers.«

»Aber dann müßte man doch immer mit allem zufrieden sein? Und eigentlich hätte dann auch kein Mensch ein Recht, daß er sich beklagt?«

»Dieses Recht, Kind, hat jeder Schwache, der nicht die Kraft besitzt, seinen Schaden zu verschmerzen und das Unabänderliche zu tragen.«

»Wenn man aber die Kraft nicht hat? Kann man das lernen, Lo?«

»Ja! Man kann es. Und wer das lernte: stark sein im Schmerz; nicht wünschen, was unerreichbar oder wertlos ist; zufrieden sein mit dem Tag, wie er kommt; in allem das Gute suchen und Freude an der Natur und an den Menschen haben, so, wie sie nun einmal sind; für hundert bittere Stunden sich mit einer einzigen trösten, die schön ist; und aus Herz und Können immer sein Bestes geben, auch wenn es keinen Dank erfährt – wer das lernte, der ist ein Glücklicher! Frei und stolz! Sein Leben ist immer schön und reich. Und nichts kann ihm geschehen. Er kann nur sterben und lächeln dabei.«

In tiefer Bewegung legte sie den Arm um den Hals des Bruders. »Und weißt du, wer solch ein Glücklicher war?«

Heiße Röte flammte über das Gesicht des Knaben. »Ja, Lo, ich weiß es! – Unser Vater!«

Die Schwester nickte nur. Dann saßen sie schweigend und blickten zu den leis tönenden Wipfeln des Harfenbaumes auf. Doch jäh verwandelte sich dieses sanfte Klingen. Ein starker Windstoß kam über den Wald gebraust und schüttelte die Zirbe, daß die Glocken wirr durcheinander klirrten. Mit ernsten Augen sah Lo zum Himmel und zu den Bergen auf. »Sieh nur, der Wind hat gewechselt!« sagte sie zögernd. »Ich fürchte, wir bekommen heute noch böses Wetter.«

»Aber Lo!« Gustl versuchte zu lachen. »Du? Und fürchten?«

»Du bist bei mir!« sagte sie und strich dem Bruder das Haar aus der Stirn.

Da klang ein gellender Jauchzer aus dem Wald.

»Das ist der Loisli!« rief Gustl und ließ zur Antwort seine Stimme schrillen.

Der Hüterbub kam zum Gartenzaun gesprungen, so atemlos, daß er den Gruß kaum herausbrachte. Während er nach Luft schnappte, tauschte er schon mit Gustl einen wichtigen Blick und blinzelte zum See hinunter.

»Aber Bub«, sagte Lo, »weswegen hast du denn wieder so rennen müssen?«

»Daß ich – gschwinder da bin – und länger bleiben kann!«

»So? Na also, dann bleib halt!« Sie nahm den Proviant, den er gebracht hatte, und stellte das Geschirr in den Schatten der Hütte.

Diesen Augenblick benützte der Bub, um Gustl zuzuflüstern: »Heut beißen s', d' Fisch! A Wetter kommt!«

Gustl rannte mit heißem Eifer hinter die Hütte und brachte die Angelrute.

»Ach so? Ihr wollt fischen?«

»Ja, Lo! Gelt, ich darf? Weißt du, der Loisli kann's so gut.«

Wieder fuhr ein Windstoß über den Wald, und wieder blickte das Mädchen in Unruhe zum Himmel auf. »Kind! Ich glaube fast, es wäre klüger, wenn wir heimgingen.«

»Schon heute, Lo?« dem Knaben schossen Tränen in die Augen.

»Ein schweres Wetter wird kommen.«

»Aber Lo! Es ist doch der ganze Himmel blau.«

»Jetzt, ja! In ein paar Stunden wird's anders aussehen.«

»Ja, Fräuln«, fiel Loisl höchst undiplomatisch ein, während er an der sonnigen Hüttenwand eine Fliege nach der anderen fing, um Köder für die Angel zu sammeln, »heut wird's grob auf d' Nacht.«

»Hörst du? Und denk nur, wie Muttl sich wieder sorgen wird.«

»Aber schau, Lo, sie weiß doch, ich bin bei dir. Da bin ich gut aufgehoben. Auf dich kann Muttl sich doch verlassen. Ich bitt dich, Lo!«

Es wurde ihr schwer, dieser Stimme und diesen nassen Augen zu widerstehen.

»Und schau, Lo, ein Gewitter ist doch wirklich nichts Böses. Das ist halt auch, wie es sein muß. Und wir haben doch fünf Stunden bis hinaus. Da könnten wir doch erst recht ins Wetter kommen.«

Sie lächelte. »Du kleiner Schlaukopf, du! Na, meinetwegen, geh fischen! Ich will ein paar Zeilen heimschreiben. Der Sebener Senn trägt heute ab, und dem geb ich sie mit. Dann hat Muttl den Brief vor Abend, und wenn es zu gießen anfängt, weiß sie, wir sind unter Dach.«

Ein stürmischer Kuß. Und mit lachender Freude tollten die beiden Jungen zum See hinunter.

Lolo setzte sich an den Tisch. Die Hände im Schoß und den Kopf an den Baum gelehnt, blickte sie in Gedanken zu den wehenden Zweigen auf. Sie schien das Schwanken und Neigen der vom Wind bewegten Äste nicht zu sehen, die tönende Stimmen der Wipfel nicht zu hören. Plötzlich, wie aus einem Traum erwachend, strich sie mit der Hand über die Stirn und begann mit raschen, kräftigen Zügen zu schreiben.

Sie hatte den Brief noch nicht vollendet, als vom See herauf ein jubelnder Schrei tönte. »Lo! Lo! Wir haben eine riesige Forelle gefangen.« Und Gustl jauchzte, daß es weit hinaufhallte über die steilen Berge.

Als Lolo den Brief an die Mutter geschlossen hatte, ging sie zum See hinunter.

Gustl kam ihr entgegengesprungen, mit der Forelle in den erhobenen Händen. »Schau nur, Lo! Und drei andere haben gebissen. Aber die ist schön, gelt? Die ist schön?«

Gar so »riesig« war die Forelle nun freilich nicht, aber ein Pfund mochte sie immerhin wiegen.

»Ja, die ist schön. Ich nehme sie dann gleich mit hinauf. Die koch ich dir heut zu Mittag.«

»Aber Lo! Ich habe die Forelle doch für dich gefangen.«

Lächelnd sah sie dem Knaben in das vor Freude glühende Gesicht. »Wie gut du bist! Aber wir teilen, gelt?« Sie wandte sich an den Hüterbuben. »Loisli! Du wirst heim müssen. Jetzt warst du schon über eine Stunde da, und der Vater wird dich bei der Arbeit brauchen. Magst du mir noch einen Gefallen erweisen?«

Der Bub legte die Angelrute nieder.

»So trag mir diesen Brief zum Sebener Senn hinunter. Er soll ihn mit hinausnehmen nach Leutasch, für meine Mutter.«

Zwei Stunden später wurde im Schatten des Harfenbaumes Tafel gehalten. Nach der blauen Forelle gab's noch einen Pfannkuchen, von welchem Gustl meinte, daß er den Pfauenzungen des Lukullus unbedingt vorzuziehen wäre. Und in den Gläsern funkelte »vinum sacrum Sebenianum«, heiliger Sebenwein, wie Gustl das klare Quellwasser getauft hatte. Fast aber wäre die ganze schöne Bescherung dieses Mahls auf der Erde gelegen, denn ein Windstoß blähte das Tischtuch wie ein Segel auf. Das war für Gustl eine lustige Würze des Schmauses, und lachend trocknete er den vinum sacrum von seiner Lederhose, auf die das umgeschleuderte Glas gefallen war.

Als er der Schwester bei Abdecken des Tisches half, rollte ein dumpfer Hall über die Berge hin.

»War das Donner, Lo?«

»Nein.«

Hoch droben in einem der Felsenkare, in stundenweiter Ferne, war ein Schuß gefallen.

Schweigend spähte Lo zu dem Felsgewirr hinauf, dessen Konturen in weißlichem Dunst verschwammen. Während zarte Röte ihre Wangen färbte, sprach es wie Sorge aus ihrem Blick. Wenn Jäger dort oben waren, dann durften sie sich eilen mit der Heimkehr!

»Wenn nicht Donner, was war es dann?«

Lo überhörte die Frage des Bruders, und nach einer Weile sagte sie: »Das Wetter kommt. Hinter der Sonnenspitze ziehen schon die ersten Wolken herauf. Eine Stunde, und der ganze Himmel wird grau sein!«

Wohl schob sich die stahlblaue Wolkenmasse mit ihren zerrissenen Rändern nur langsam über die Berge. Aber von allen Wänden begann es aufzudampfen, überall in den Lüften wuchsen die Nebel aus dem Blau und flossen mit dem heranziehenden Gewölk zu einer dichten, grauen Decken zusammen, die alle Höhen verhüllte. Dennoch schien es, als wollte die Spannung der Atmosphäre sich friedlich wieder lösen. Windstille trat ein, das Ziehen und Drängen der Wolken wurde ruhiger, und gegen fünf Uhr nachmittags begann ein leichter, gleichmäßiger Regen zu fallen.

Auf der Schwelle der Hüttentür saßen die Geschwister im Schutze des vorspringenden Daches. Gustl, der jeden Wechsel im Wolkenbild des Himmels gespannt verfolgte, plauderte mit erregter Unermüdlichkeit. Die Schwester hörte nur halb. In Sorge blickte sie immer wieder zu den umschleierten Bergen auf und über den See hinüber zu den Latschenfeldern, zwischen deren Büschen man die im Nebel verschwindenden Serpentinen eines Steiges kaum noch gewahren konnte. Das beklommene Wesen der Schwester fiel dem Knaben auf, und er fragte: »Lo? Was hast du denn?«

»Ich weiß nicht. Aber dieses Wetter heute –«

»Der Regen läßt ja schon nach. Wirst sehen, wir werden heute noch den schönsten Abend bekommen.«

»Meinst du?« Ein seltsames Lächeln.

Während der Knabe sein Geplauder wieder begann, wurde der Regen immer dünner. Aber es war etwas Schwüles und Unheimliches in dieser trüben Stille der Natur. Das Gewölk hing regungslos in der Luft und färbte sich immer dunkler. Zu einer Stunde, in der es bei klarem Himmel noch heller Tag hätte sein müssen, begann es schon zu dämmern. Und da hörte man fernen Donner. Der Sturm fiel ein und jagte mit brausenden Stößen den Nebel in dichten Schwaden über das Seetal herunter, so daß die kleine Hütte wie von wirbelnden Schleiern umhangen war. Immer näher tönte das Rollen des Donners, dieses Grollen und Dröhnen setzte nicht mehr aus; das Echo eines Schlages rollte so lange, bis mit Geschmetter ein neuer Schlag wieder einfiel.

Als der Sturm gekommen, hatte Lo in der Hütte die Lampe entzündet und an den zwei kleinen Fenstern die Läden geschlossen. Bei Einbruch der Dunkelheit öffnete sie plötzlich den Laden des Fensters wieder, das gegen die Berge blickte.

»Lo? Warum tust du das?«

»Damit die Lampe hinausleuchtet.«

»Meinst du, es könnten noch Menschen draußen sein? Jetzt?«

»Ja, ich fürchte.«

Schweigend begann sie den Tisch zum Tee zu decken und schürte im Herd ein kleines Feuer an.

Gustl, der unter die Tür getreten war, fuhr plötzlich erschrocken zurück. Der erste Blitz war in das finstere Seetal hinuntergefahren. Man hatte keinen Strahl gesehen, aber der Nebel, den der Sturm an der Hütte vorüberjagte, war wie in lohendes Feuer verwandelt, und dazu rasselte ein Donnerschlag, als wäre von den Bergen eine Felswand niedergebrochen.

Lo trat unter die Tür und faßte wortlos die Hand des Bruders.

Wieder flammte ein Blitz, und schwer begann der Regen zu fallen. Plätschernd ging von allen Kanten des Daches die Traufe nieder, und mit dem Rauschen des Regens mischte sich das Brausen des wachsenden Sturmes. Da erwachte auch in Gustl eine Sorge. Er hatte an die Mutter gedacht und fragte: »Lo? Meinst du, daß es draußen bei uns in Leutasch auch so schlimm ist?«

»Nein.«

Der Sturmwind peitschte die Wasserfäden der Traufe bis auf die Schwelle der Hüttentür.

»Komm, Lo, wir müssen die Tür schließen. Dein Kleid wird naß.«

Sie schwieg und blieb auf der Schwelle stehen.

»Aber Lo, was hast du denn nur? Ach, du, wie deine Hand zittert! Lo?«

Ohne zu antworten, drückte sie den Knaben an sich. Plötzlich fuhr sie lauschend auf, sprang in den Regen hinaus und stammelte: »Sie kommen!«

Nun konnte auch Gustl das Klirren eines Bergstockes und eine vom Sturm verwehte Stimme hören.

Lo hatte einen klingenden Laut in die Nacht hinausgeschrien, und als zwei Stimmen Antwort gaben, rief sie: »Herr Fürst? Sind Sie es?«

»Ja, Fräulein!« Man hörte ein Lachen, das im Lärm des Regens unterging. »Ihre Hütte kommt uns gut in den Weg.«

Lo sprang in den Schutz des Daches zurück, schüttelte die Regentröpfen aus dem Haar und lächelte, als wäre alle Sorge der letzten Stunde von ihr abgefallen.

Man hörte die Schritte der beiden Männer, die den Zaun umgingen, und die Stimme des Jägers: »Da bin ich, Duhrlaucht, da! Zehn Schritt gradaus! Jetzt wieder links! Soooo, jetzt haben wir's gleich.«

Gustl erkannte die Stimme. »Lo! Das ist ja der Pepperl! Wer ist denn der andere?«

»Fürst Ettingen!« sagte sie und nahm den Knaben um den Hals.

»Der so lieb und gut vom Vater gesprochen hat?«

»Ja!«

»Gott sei Dank, daß der jetzt unterstehen kann bei uns!«

Ein Blitz durchleuchtete grell den Nebel, als die beiden Männer in den Garten traten. Die Helle blendete die Augen, und in der schwarzen Finsternis, die ihr folgte, verlor Ettingen den Weg und strauchelte die Rabatte eines Beetes. Aber da hatte schon eine Hand die seine gefaßt und zog ihn unter das vorspringende Dach.

»Ihre Hand, Fräulein, führt gut. Ich danke Ihnen. Schlimm wär's ja nicht geworden, ich wäre nur in Blumen gefallen.«

»Aber in nasse«, meinte sie heiter, »und ich glaube, Sie könnten schon zufrieden sein mit dem Wasser, das von Ihnen herunterläuft?«

»Das ist nur der Mantel!« Lachend befühlte Ettingen unter dem triefenden Loden seine Kleider. »Wirklich, unter dem Mantel bin ich leidlich trocken. Aber lange hätt es nicht mehr dauern dürfen. Dann wär's durchgegangen.«

»Ja, heut hätt's uns schiech derwischen können!« sagte Pepperl, während er sich schüttelte, daß die Tropfen wie Sprühregen um ihn herflogen. Er war weit übler weggekommen als Ettingen, denn er trug um die Schulter nur ein dünnes Radmäntelchen, mit dem er mehr die Büchse seines Jagdherrn als sich selber vor dem gießenden Regen geschützt hatte. »Teufi, Teufi, Teufi! Dös is aber schon 's reine Glück heut –« Ein krachender Donnerschlag erstickte, was Pepperl noch weiter sagte. Er stellte die Büchse an die Hüttenwand, half seinen Herrn aus dem klatschenden Loden wickeln und hängte die beiden Mäntel an das Efeuspalier, damit von dem Zeug die ärgste Nässe abtropfen konnte.

Ein rauschender Windstoß fegte unter das Dach herein und machte in der Hütte die Lampe flackern.

»So kommen Sie doch, ich bitte!« mahnte Lo, während sie die Tür geöffnet hielt. »Im Mantel muß Ihnen warm geworden sein. Kommen Sie! Und eine Tasse Tee darf ich Ihnen doch anbieten?«

»Ja, Fräulein! Und wenn Sie noch was dazu haben, nehm ich es auch. Ich habe heut eine leise Ahnung von dem, was man einen Wolfshunger nennt.« Er reichte ihr die Hand, mit frohen, glänzenden Augen, und trat in die Stube.

Groß war sie nicht, diese Stube im Sebenhäuschen. Aber gemütlich! In der einen Ecke stand das mit einer weißen Decke verhangene Bett, in der anderen ein alter Schlafdiwan, der schon zum Nachtlager für Gustl gerichtet war; darüber ein kleiner Wandschrank; und in der dritten Ecke der gemauerte Herd. Außer einer niederen Truhe und einem Rahmen für das Geschirr bestand die ganze übrige Einrichtung aus zwei Holzstühlen und einem Tisch, der in der Mitte des Stübchens, unter der brennenden Hängelampe, schon zum Tee gedeckt war. Neben dem singenden Teekessel schmückte eine Borkenvase mit Edelrosen den weißen Tisch. Überall an den hübsch getäfelten Wänden waren große Waldschwämme und Rindentrichter mit Blumen- und Gräsersträußen angebracht, und die Ecken waren geziert mit Latschenzweigen, deren kräftiger Harzduft den ganzen Raum erfüllte.

Ettingens Augen blieben an dem Knaben haften, der sich bescheiden in die Ecke neben dem Herd zurückgezogen hatte. »Das ist Ihr Brüderchen, Fräulein? Das Studenterl, das vorige Woche in Ihrem Haus erwartet wurde?«

»Ja, Herr Fürst.«

»Na, schönen guten Abend, kleiner Mann! Und da du der Herr im Hause bist, bedank ich mich für die gastliche Aufnahme unter deinem Dach.«

Der Junge trat stramm auf den Fürsten zu, reichte ihm die Hand und machte ein tiefes Kompliment.

»Wie heißt du denn?«

»Gustl.«

»Augustus? Oh! Das ist ein Name, der verpflichtet. Wer Augustus divinus war, das weißt du doch sicher schon?«

»Natürlich! Wir sind zwar heuer in der römischen Geschichte erst bis zur Verschwörung des Catilina gekommen. Aber wer die Kaiser waren, das weiß man doch!«

Mit wachsendem Wohlgefallen betrachtete Ettingen den Jungen. »Das ist eine Antwort, aus der ich errate, daß du ein fleißiger Student bis. Hab ich recht?«

»Ja, das darf ich bestätigen«, sagte Lo, deren Blick mit zärtlichem Stolz auf dem Bruder ruhte, »er hat ein Zeugnis heimgebracht, das sich sehen lassen darf.«

Die Genugtuung, mit welcher Gustl dieses Lob zu hören schien, vertrug sich nicht mit seiner Gewissenhaftigkeit. Seine Wangen färbten sich, während er sagte: »Aber Lo! Die Betragensnote hätte doch wirklich besser sein können.«

Ettingen lachte. »Warum? Ist die nicht so gut ausgefallen wie die Note für römische Geschichte? Na, da tröste dich mit mir, kleiner Mann! Mein Betragen war auch nicht immer das beste. Junges Blut muß das Recht haben, daß es flinker läuft als Professorenwürde.« Ettingen zog den Knaben in den Schein der Lampe. »Es ist überraschend, Fräulein, wie sich in diesem schmalen Gesichtl schon die kräftigeren Züge Ihres Vaters erkennen lassen: die Form der Stirne, hier die Linie von der Wange gegen das Kinn, der Schnitt der Augen und der Nase. Nur in der sanften Zeichnung des Mundes – da gleicht er Ihnen! Und schlägt wohl der Mutter nach?« Er strich mit der Hand über Gustls Haar. »Ja, kleiner Mann, du gleichst deinem Vater. Da mußt du ihm auch in allem übrigen ähnlich werden. Aus dir muß sich im Leben was Tüchtiges auswachsen. Du trägst einen Namen, dem du Ehre machen mußt. Es ist der Name deines Vaters!«

Gustls Augen blitzten.

Dann war's eine Weile still in der kleinen Stube. Draußen trommelte der Regen, und unaufhörlich rollte der Donner. Weil der Sturm die Traufe gegen das Fenster peitschte, schloß Gustl auf einen Wink der Schwester die Läden. Sie selbst bestellte den Tisch mit einer Freude, die aus ihrem ganzen Wesen sprach.

Ettingen hatte sich behaglich auf einen Holzstuhl niedergelassen. »Wenn Sie wüßten, Fräulein, wie wohl mir ist! Ich habe den Wunsch, hier immer so zu sitzen und nicht mehr aufzustehen. Das macht nicht der trockene Unterstand, den ich nach unbehaglichem Marsch in der Finsternis und unter gießendem Regen hier gefunden habe. Das macht Ihre Nähe. Die zufriedene Lebensfreude, die ruhige Heiterkeit, die in Ihnen wohnt, geht auch auf andere über. Das fühlt man, wie man Licht und Wärme fühlt.«

In Verwirrung suchte Lo nach Worten. Da kam Pepperl über die Schwelle gestolpert. »Teufi, Teufi, Teufi!«, lachte er und riegelte hurtig hinter sich die Tür zu, »jetzt bin ich froh, daß ich ins Trückene komm. Ich hab 's Büchsl gschwind noch aber bißl sauber gmacht und hab die Mändel ausgwunden.« Er streckte die Arme und guckte an sich hinunter. »Oben tut's es. Aber 's Untergstell! Saxen noch amal, meine Kurzlederne, die schaut gut aus! Aber no: die is ans Wasser gwöhnt.« Er dachte an die gründliche Taufe, die seine »Kurzlederne« in der Sennhütte empfangen hatte. »Gelten S', Duhrlaucht, heut haben wir's nobel troffen!« Lachend stellte er sich an den Herd und ließ sich von der Wärme anstrahlen. »Jetzt kann ich's ehrlich sagen: wie wir da droben im Nebel umanand krabbelt sind, und wie d' Nacht und so a Wetter eingfallen is, da hat mir graust!«

»Haben Sie denn das Wetter nicht kommen sehen?« fragte Gustl.

»No, da wär ich a sauberer Jager! Aber wissen S'«, wandte Pepperl sich an Lo, welche die kochenden Eier überwachte, »gegen Mittag, wie's wetterig worden is, waren wir droben auf der Schneid, wo's von die Sebenberg nuntergeht ins Prantlkar. Gleich hab ich gsagt: Duhrlaucht, jetzt müssen wir heim! Durchs Prantlkar wären wir leicht zur Schutzhütten nunterkommen bis auf'n Abend. Aber der Herr Fürst hat positiv übern Sebensee heim wollen. No ja, und wie der Nebel eingfallen is, sind wir dagstanden wie der Schuster, wann er an Kittel machen soll.«

Ettingen lachte.

»Ja, gelten S', jetzt können S' lachen? Aber da droben hat's schiech ausgschaut! Ich sag Ihnen, Fräuln, aufgschnauft hab ich, wie ich dös gottsliebe Lichtl von Ihrem Hüttl gsehen hab!«

»Siehst du, Lo!« fuhr Gustl in Erregung auf. »Siehst du, es hat geholfen! Ja, Pepperl, Lo hatte die Läden schon geschlossen und hat sie wieder aufgemacht, damit das Licht hinausleuchtet.«

»Fräulein?« fragte Ettingen. »Sie haben vermutet, daß wir kommen?«

»Ich hatte Ihren Schuß gehört.«

»Da müssen wir Ihnen doppelt dankbar sein!« Er nahm ihre Hand und sah ihr in die Augen. »Wie geborgen müssen sich die Ihrigen fühlen, da Ihre Sorge schon so warm für fremde Menschen redet!«

Sie erwiderte lächelnd: »Fremde Menschen? Menschen, die man in Gefahr weiß, stehen uns immer nah. Und Sie, Herr Fürst? Nach allem, was Sie mir von meinem Vater sagten? Sie sind kein Fremder für mich und die Meinen.« Aufatmend löste sie ihre Hand und ging zum Herd. »Haben Sie Erfolg auf der Jagd gehabt?«

Pepperl kicherte. »So, Duhrlaucht, jetzt können S' Ihnen sauber schenieren vor'm Fräuln! Auf fufzig Schritt is ihm der Gamsbock dagstanden. Und nobel hat er ihn gfehlt! So a Schütz, wie der Herr Fürst! An was S' da denkt haben, Duhrlaucht, dös weiß der heilige Peterl droben. Und der net gwiß!«

»Ja, Pepperl«, versicherte Ettingen mit herzlichem Lachen, »An Ihren Gemsbock hab ich nicht gedacht. Das stimmt!«

Der Tee duftete aus der Kanne, Lo brachte die in eine Serviette gehüllten Eier zum gedeckten Tisch, und das Mahl konnte beginnen. Da ergab sich eine Schwierigkeit: vier Tischgäste und nur zwei Sessel! Pepperl zog für sich die Truhe zum Tisch, und auf ihr saß er so tief, daß er gerade noch mit dem Kinn über die Tischplatte reichte. Lolo wollte den Platz auf ihrem Sessel mit dem Bruder teilen, aber Gustl holte sich zwei Holzscheite vom Herd, stellte das eine senkrecht, legte das andere quer darüber, und so hatte er den »schönsten Schaukelstuhl«, mit dem er freilich bei jeder leisen Bewegung umzukippen drohte. Die glückliche Lösung der Platznot leitete den Schmaus mit Heiterkeit ein, und während draußen der Regen prasselte, der Donner krachte und der Sturmwind rüttelnd um die Holzwände fuhr, wurde im Schutze des kleinen Daches mit Lachen geplaudert und gespeist.



Zwölftes Kapitel

Ein Glück war's, daß Loisli am Morgen frischen Vorrat an Butter und Ehrwalder Weizenbrot gebracht hatte. Sonst würde sich das kleine Seehaus als zu arm erwiesen haben für den gesunden Appetit der beiden Jäger, die seit dem Frühstück um drei Uhr morgens keinen Bissen mehr genossen hatten. So wurden, wie Ettingen versicherte, »die Wölfe allmählich zahm«. Je toller es draußen zuging, desto fröhlicher steigerte sich die Laune am Tisch. Die wohlige Stimmung inmitten des rumorenden Ungewitters leuchtete von allen Gesichtern, am hellsten aus den Augen des Fürsten. In jedem seiner Blicke war dankbares Wohlgefallen an der stillen, aufmerksamen Art, in welcher Lo ihren Gast bediente und für ihn sorgte. »Wer das immer so haben könnte«, sagte er, »nicht nur für eine Stunde, für immer: sich in allem Sturm, den das Leben bringt, so sicher und froh zu fühlen, wie wir da sitzen, während draußen alles drunter und drüber geht!«

»Das können S' haben, Duhrlaucht!« meinte Pepperl lachend, während er zum fünftenmal seine Tasse füllte. »Bleiben S' da bei uns und verangaschieren S' d' Fräuln Petri als Wirtschafterin ins Jagdhaus! Da kriegen wir's gut.«

Heiter ging Lo auf den Scherz des Jägers ein. Gustl schien die Sache ernst zu nehmen und betrachtete beklommen bald die Schwester, bald den Fürsten, der keinen Blick von Lo verwandte und jedes Wort von ihr wie eine neue Freude zu empfangen schien.

Auch Pepperl war nachdenklich geworden. Das »Jagdhaus« mochte ihn an ein anderes Gebäude erinnert haben, das nicht weit davon lag. Mit seufzendem »Vergelt's Gott!« zog er, als Ettingen die Serviette faltete und Lo den Tisch zu räumen begann, die Truhe an ihre Stelle zurück, setzte sich wieder und lehnte sich mit gekreuzten Armen an die Hüttenwand. Und Gustl, den das Turnen auf seinem Schaukelstuhl ermüdet hatte, trug die beiden Scheite zum Herd und schmiegte sich in die Ecke des Diwans. So blieben Ettingen und Lo allein am Tisch, überschimmert vom Lichtkreis der Lampe, während alle Ecken und Wände der Hüttenstube in tiefem Schatten lagen. Und sie allein nur sprachen. Ettingen fragte, und Lo gab Antwort.

Wie einer, der am Weg eine seltene Blume findet, an ihrer Schönheit sich nicht satt zu schauen vermag, und die Sehnsucht empfindet, das liebliche Wunder dieser Farben ganz zu verstehen – so fühlte sich Ettingen diesem Mädchen gegenüber. Er fragte und fragte, als sollte für ihn auf dem Grund dieser klaren Menschenseele kein Licht und keine Regung verborgen bleiben. Wie mußte er staunen über die seltene Bildung dieses »Dorfkindes«! Und wie ruhig und einfach sie das Leben ansah! Alle schreienden Fragen der menschlichen Daseinsnot waren für sie gelöst durch ihre wunschlose Zufriedenheit, durch die Herzensgüte, mit der sie alles umschloß, durch ihren Glauben an das Schöne und an die zweckvolle Notwendigkeit alles Bestehenden, auch des Schmerzes. »Leben und leiden, das klingt zusammen und läßt sich nicht trennen. Und könnten wir uns denn eine Freude denken, wenn wir den Schmerz nicht kennen würden? Wir lieben doch die Sonne nur, weil sie wiederkommt, wenn sie gesunken ist.«

Wohl mußte Ettingen bei seiner größeren Lebenskenntnis den Kopf zu manchem Gedanken schütteln, den sie aussprach. Aber aus allem, was sie sagte, hauchte ihn eine Wärme an, die sein ganzes Wesen durchdrang. »Wie Sie von Welt und Menschen denken, liebes Fräulein, das ist so gut, so schön! Aber die Wirklichkeit des Lebens ist rauh und zwecklos häßlich, ist grundverschieden von dem abgeklärten Bild, mit dem Ihre Seele alles widerspiegelt. Doch ich bin der letzte der Sie in Ihrem Glauben irremachen könnte! Und wer weiß, vielleicht haben Sie recht – und wir Allerweltsklugen sind die Toren, die alle Weisheit für sich haben, aber auch allen Schaden. Schließlich ist Wahrheit doch wohl etwas anderes als Wirklichkeit. Wahrheit, die sich greifen läßt und für alle gilt? Die gibt's nirgends. Nicht die greifbare Form der Dinge macht ihr Bild, sondern der Blick, mit dem wir sie sehen, die Höhe oder Tiefe, aus der wir sie betrachten. Und wie wir sie sehen, so sind sie für uns, und so sind wir selbst. Das Leben ist gut für Sie, weil Sie gut sind. Sie stehen hoch, und Ihr Blick ist hell. Wer so sehen könnte wie Sie!«

»Liegt das nicht im Willen eines jeden?«

»Meinen Sie?« Er schwieg und lächelte, als hätte er zu sich gesagt: »Ich will's versuchen.«

Da hörten sie einen schweren Atemzug und blickten auf.

»Ach Gott! Der arme Junge!«

Gustl war eingeschlafen. In unbequemer Lage hing ihm der Kopf über die Lehne des Diwans.

Während Lo zum Bruder hinüberging, riß auch Pepperl die Augen auf, der ebenfalls ein Nickerchen gemacht hatte und nun erwachte, weil die Stimmen so plötzlich schwiegen.

Die Ermüdung der beiden mahnte Ettingen an die Zeit, an die er seit dem Eintritt in die Hütte mit keinem Gedanken gedacht hatte. Er sah nach der Uhr und sprang erschrocken auf. »Ach, du lieber Himmel! Zwölf Uhr, Fräulein! Ich habe Sie um die halbe Nacht gebracht. Wie soll ich meine Unbescheidenheit entschuldigen? Ich kann es nur, wenn ich Sie zur Mitschuldigen mache. Der Gast ist geblieben, weil ihn die Wirtin hielt. Jetzt aber fort! Auf, Pepperl! Wir gehen!«

Gehorsam erhob sich der Jäger. Aber Lo sagte: »Sie können und dürfen nicht gehen. Das Gewitter scheint ja vorüber zu sein, man hört keinen Donner mehr. Aber dieser Regen, wie das gießt! Und jetzt, in der Nacht? Dieser Weg! Nein. Ich erlaube nicht, daß Sie gehen.«

»Duhrlaucht, 's Fräuln hat recht!« fiel Pepperl ein und öffnete die Tür. Ein sausender Luftstrom fuhr in die Hütte und peitschte den Regen über die Schwelle. »Da schauen S' aussi, wie's tut! Und so was von Finsternis! Da könnten wir den Hals riskieren. Na, na, die Verantwortigung übernimm ich net. Jetzt müssen wir bleiben. 's Fräuln wird net harb sein drum. Gelten S', na?«

Lo reichte dem Fürsten die Hand. »Wenn Sie gingen, würden Sie mir eine Sorge machen. Ich bitte Sie, zu bleiben.«

Ihre Hand festhaltend, ließ Ettingen sich auf den Sessel nieder. »Gut! Ich weiche der Majorität. Aber Gewissensbisse mach ich mir doch! Und eine Bedingung stell ich: der arme Junge ist müd, er soll sich niederlegen. Nicht wahr, Gustl, vor mir genierst du dich nicht?«

»Nein!« sagte der Junge mit seiner schlaftrunkenen Stimme. Er wartete nur, bis die Schwester ihm zunickte, dann zog er sein Jöpplein aus und legte es sorgsam gefaltet über die Diwanlehne. In den Strümpfen und mitsamt dem Lederhöschen schlüpfte er unter die Decke, in deren Schutz er sich vollends entkleidete. »Lo, jetzt lieg ich!« Das sollte heißen: Komm und sag mir gute Nacht! Als fünfjähriger Bub hatte er sich's angewöhnt, vor dem Einschlafen die Schwester so zu rufen. Daran änderte die Tatsache nichts, daß er im letzten Semester schon angefangen hatte, den Cäsar zu lesen.

Sie ging zu ihm, und als er sie mit beiden Armen um den Hals nahm, küßte sie ihn auf die Wange und sagte ihm leis ins Ohr: »Denk an den Vater!«

Ettingen betrachtete schweigend die Geschwister, und ein tiefer Atemzug hob seine Brust, als wäre ein Wunsch in ihm erwacht, den er fühlte, ohne ihn zu verstehen. Während Lo zum Tisch zurückkehrte und eine grüne Blende um den Lampenschirm hängte, blickte er lächelnd zu ihr auf: »Wie gut der kleine Mann da drüben jetzt schlafen wird!«

Nun saßen sie wieder am Tisch. Damit der Junge den Schlummer leichter finden möchte, plauderten sie mit gedämpften Stimmen. Das machte auch Pepperl sich zunutze und schloß die Augen wieder. Nur die beiden am Tisch empfanden keine Müdigkeit, kein Verlangen nach Schlaf. Das leise Sprechen beim eintönigen Rauschen des Regens gab jedem Wort, das sie sagten, einen heimlichen, tieferen Sinn und umwob die Plaudernden mit einer Stimmung, die sie genossen, ohne ihr nachzufragen. Manchmal, nach einem ernsten Wort, verstummte ihr Geplauder. Dann saßen sie sich eine Weile schweigend gegenüber, als hätten ihre nachklingenden Gedanken an diesem Worte noch zu raten. Nach solch einer Stille sagte Ettingen unvermittelt: »Die ganze Zeit schon, während ich plaudere mit Ihnen, bei jedem Wort, das Sie sprechen, hab ich immer eine seltsame Empfindung.«

»Welche?«

»Daß wir nicht allein wären hier am Tisch! Daß noch ein Dritter bei uns wäre. Ihr Vater!«

Wie es aufleuchtete in ihren Augen! Das verriet ihm, mit welcher Sehnsucht sie darauf gewartet hatte, daß er von ihrem Vater sprechen würde.

»Bei vielem, was ich von Ihnen hörte, hab ich mir immer denken müssen: Er ist es, der zu mir redet. Oft überkam mich die Täuschung, als vernähme ich eine andere Stimme, nicht die Ihrige, seine Stimme. Ich stelle mir vor, daß er ein tiefes, klangvolles Organ hatte – eine von jenen Stimmen, nach denen man sich umsieht, wenn man sie hört.«

»Nein!« Sie lächelte. »Papa hatte eine ganz unauffällige Stimme, nicht stark und beinahe herb, fast immer ein wenig erregt und etwas ungeduldig. Aber wie weich und zärtlich konnte diese Stimme klingen!« Träumend blickte Lo vor sich hin. Ein Schatten tiefer Wehmut glitt über ihre Züge. Dann atmete sie auf und sagte leis: »Das kommt nicht wieder. Da hilft kein Erinnern.«

Um die schmerzliche Stimmung zu verscheuchen, die sie befallen hatte, begann er von seinem Besuch in ihrem Haus zu sprechen und schilderte ihr den Eindruck, den er von jedem einzelnen Bild empfangen hatte. Lange hörte sie ihm schweigend zu, keinen Blick von seinen Lippen verwendend. Dann sprach sie manchmal ein paar flüsternde Worte dazwischen, um seine nicht völlig zutreffende Auffassung eines Bildes richtigzustellen, oder um zu sagen, aus welchem zufälligen, scheinbar unbedeutenden Erlebnis ein besonders wirksames Motiv hervorgewachsen wäre. So kam sie allmählich ins Erzählen, schilderte das Schicksal ihres Vaters, die Anfänge seiner Kunst, das zähe Streben des verwaisten Bauernsohnes, der zum Priester bestimmt war und aus dem Alumnenseminar hinübersprang auf die Akademie. Sie schilderte das stille Glück seiner Liebe, als er in der Erzieherin eines vornehmen Hauses, in dem er Zeichenstunden gab, seine Frau gefunden hatte, schilderte seinen häuslichen Sorgenkampf, seine Verzweiflung über das lachende Unverständnis, dem er mit seinem eigenartigen Schaffen begegnete, seine Verbitterung und die Flucht aus der Stadt. Noch ausführlicher erzählte sie, was sie selbst, als heranwachsendes Kind, mit dem Vater erlebt hatte: sein Aufatmen im Verkehr mit der Natur, die schönen Traumwochen am Sebensee, die Liebe zu den Seinen und die Freude an seinem Haus, den Anfang jener handwerksmäßigen Schilderei, die er im Zorn der Verbitterung begann, um sie weiterzutreiben mit heiterer Ironie, fast mit einer Art von Freude an ihr, weil sie anderen Freude machte. Sie erzählte von seiner Rückkehr zu neuem, reiferem Schaffen, von der Ängstlichkeit, mit der er die entstandenen Werke in seinem Haus verschloß, damit sie keinem »Kunstaugur« und »Bildungstiger« vor Augen kämen, von seinem ganzen Leben bis zu jenem letzten Tag nach dem Wolkenbruch, bis zu seinem lächelnden Sterben und seinem letzten Wort: »Meine Blumen!«

Stunde um Stunde verging. Und die beiden merkten nicht, daß über dem kleinen Dach das Rauschen des Regens immer leiser wurde, und daß durch die Ritzen der Fensterläden schon ein mattes Grau des erwachenden Morgens hereinschimmerte.

»So starb er.«

Lange saßen sie schweigend, bis Ettingen ihre Hand nahm. »Ich kann es Ihnen nachfühlen. Wie müssen Sie ihn schwer verloren haben!«

»Ja!«

Sie sagte sonst kein anderes Wort. Erst nach einer Weile konnte sie wieder sprechen. »Das Lächeln, mit dem er starb, der leichte Seufzer, mit dem er die Augen schloß – das war mein Trost. Und das hat mir hinübergeholfen über das Schlimmste, so daß ich die Mutter und den Bruder stützten konnte. Er hat mich doch gelehrt, das Leben liebzuhaben, aber auch den Tod nicht zu fürchten, nichts anderes in ihm zu sehen als einen Wandel der Form und eine schöne Ruhe, in die kein Schrei und Weh des Lebens mehr hineinklingt. Und weil er starb, deshalb hat er uns nicht verlassen. Immer seh ich ihn, immer ist er bei mir. Als ob er noch lebte, so seh ich ihn vor mir stehen. Nur so still!« Ihre Stimme schwankte. »So schweigsam! Wie ich auch mein Erinnern sammle – seine Stimme hör ich nicht mehr, auch nicht im Traum! Und wenn ich sie zu hören meine, klingt sie anders. Nicht mehr so, wie sie war. Das ist eine Sehnsucht, die mich nie verläßt: seine Stimme noch einmal zu hören – nur jenes Wort, das er immer zu mir sagte, wenn ich ihm eine Freude machte – mit der gleichen Zärtlichkeit, mit dem gleichen Ton: ›Meine gute, liebe, kleine Lo!‹ Das möchte ich noch einmal hören, nur ein einziges Mal! Aber das kommt nicht wieder.« Zwei Tränen lösten sich schwer von ihren dunklen Wimpern und sickerten langsam über die Wangen.

»Fräulein!«

Das war ein Laut wie aus quälendem Schmerz heraus.

Und da erwachte der Jäger. Der erst Blick seiner verschlafenen Augen galt dem Dach, über dem es stille war. Ein bißchen mühsam – alle Glieder schienen ihn zu schmerzen – erhob er sich und öffnete die Hüttentür. Weiße Helle und frische Morgenluft quollen in den Lampenschein der Stube. »Da schauen S' her, Herr Fürst! Der schönste Morgen!« Lachend rieb der Jäger sich die Augen und trat über die Schwelle hinaus.

Die beiden am Tisch erhoben sich.

»Wahrhaftig, der Tag ist da!« Ettingen faßte Lolos Hände. »Ich danke Ihnen, Fräulein, für diese Nacht! Und wenn ich jetzt gehe, nehme ich um Ihretwillen einen Wunsch mit fort.«

»Einen Wunsch?«

»Daß Sie das noch einmal hören möchten in Ihrem Leben, mit der gleichen Zärtlichkeit und mit dem gleichen Ton: Meine gute, liebe, kleine Lo!« Zögernd ließ er ihre Hände, ging zum Diwan hinüber und küßte den schlummernden Jungen auf die Stirn.

Gustl erwachte, richtete sich in den Kissen auf, blinzelte mit den Augen und sagte: »Guten Morgen!«

Das wirkte so drollig, daß sie lachen mußten, alle beide.

Zärtlich streichelte Lo dem Buben die Wange. »Guten Morgen, Bubi! Aber leg dich nur wieder hin und schlaf noch ein Weilchen! Es ist noch gar nicht Tag, erst vier Uhr früh!«

»So? Aber gelt, wenn die Sonne kommt, dann weckst du mich, Lo?«

»Ja, Bubi!«

Gustl drehte sich auf die Seite. Nach einer Minute schlief er schon wieder.

Lo und Ettingen traten vor die Hütte.

Im weißen Frühlicht lebten schon alle Farben der Landschaft auf, und diese Farben hatten etwas Neues, Ungewöhnliches und Kraftvolles. Doch nur in der Ferne erschienen sie klar. Über allen Farben der Nähe lag's wie ein grauer Seidenschleier. Und unter der Schwere zahlloser Wassertropfen waren die Kelche der Blumen gebeugt, ihre Blätter und Zweige zu Boden gedrückt. Während Tropfen um Tropfen von ihnen niederrollten, begannen sie schon langsam sich wieder aufzurichten, frischer und schöner, wie von neuem Leben erfüllt. Von den schweren Nadelzweigen des Harfenbaumes ging ein unaufhörliches Geriesel nieder, und das war in der Stille des Morgens wie eine leise, heitere Murmelstimme, in die sich mit tiefem Orgelton das ferne Rauschen der wasserreichen Wildbäche mischte.

Ruhig dampfte der See. Die Dünste, die von ihm aufstiegen, zerflossen wieder in den Lüften. Vereinzelte Nebelsäulen rauchten über die schwarzgrünen Kämme der Wälder empor und zogen sich an den Gehängen der Berge hin, die bei dieser lauteren Klarheit der Luft wie zum Greifen nah und von doppelter Größe erschienen. An den Wänden, die gegen Westen blickten, waren mit nassem Blau alle Formen verwaschen. In hartem Bleigrau und scharf gezeichnet starrten die Felsen, die gegen Osten sahen, von wo die Sonne kommen sollte. Sie kam noch nicht. In kalter Helle leuchtete das dünne Blau des Himmels, und mit erlöschendem Schimmer zitterte ein großer Stern noch zwischen dem letzten grauen Gewölk, das langsam davonzog über den Grat der südlichen Berge. Aber hoch am Himmel, hoch, eine kleine Herde winziger Lämmerwolken – die begann sich schon mit zartem Rot zu überhauchen. Und als sie leuchteten, diese Wölklein, wie in die Lüfte gestreute Rosen, schwamm fern im Osten über einen langen dunklen Bergzug ein Glimmen und Glasten herauf, in dem alle Grate mit doppelter Linie gezeichnet waren: die eine Linie blauschwarz und die andere gleißend wie ein goldener Faden.

Von den Wänden zog ein frischer Windhauch über das stille Seetal hinunter, bewegte sacht alle Zweige an Busch und Bäumen, machte die Tropfen in Menge fallen und strich über die Blumen und Gräser hin wie eine Flüsterstimme: »Sie kommt, sie kommt!«

Leise rauschten die Wälder im tieferen Tal. Und jählings war es, als hätte strömend der Duft aller Blumen sich gelöst, als stiege würzig und stark aus dem Schiß der Erde herauf, was ihre getränkte Scholle an Wohlgeruch besaß.

In solcher Luft! Wie war das ein leichtes und frohes Wandern!

Bald klangen die Schritte der beiden Jäger auf kahlem Gestein wie Hammerschlag, bald wieder erloschen sie, wenn der Weg über feuchten Rasen ging.

Ettingen atmete, als wäre in seiner Brust ein unersättlicher Durst nach aller Frische dieses Morgens. Immer wieder blieb er stehen, winkte mit der Hand und grüßte mit dem Hut zurück nach dem kleinen Haus da droben, auf dessen Schwelle die regungslose, schlanke Mädchengestalt wie von nebelhaftem Feuerglanz umwoben war – vom rötlichen Lampenschein, der aus der Stube quoll.



Dreizehntes Kapitel

Alle Gipfel der Berge strahlten im Widerschein der Sonne, als Ettingen und Praxmaler gegen fünf Uhr morgens die Jagdhütte im Sebenwald erreichten. Hier fanden sie einen aufgeregten Menschen: den Förster Kluibenschädl. Der war mit Anbruch des Tages gekommen, um die Treibjagd abzusagen, die erst am folgenden Tag gehalten werden sollte, weil – ja, weil der Wind nicht günstig wäre –, in Wahrheit, weil man im Jagdhaus in zwei Tagen mit der Einrichtung des Grafenstüberls so weit nicht fertig wurde, daß es tadellos und bereit wäre, die »freudige Überraschung« aufzunehmen. Als Kluibenschädl in der Schutzhütte die Betten unberührt und den Herd ohne Glut gefunden, war ihm die Sorge mit »gacher Hitz« in den Kopf geschossen. Schon wollte er in seiner Angst zur nächsten Almhütte rennen, um mit den Sennleuten die Suche nach seinem Herrn zu beginnen. Da kamen die beiden, gesund und mit heiterem Geplauder. Es hätte nicht viel gefehlt, und Kluibenschädl wäre in der ersten Freude dem Fürsten um den Hals gefallen. Während Pepperl das ganze Abenteuer lustig erzählte, umklammerte der Förster die Hand seines Herrn. Dann sah er ihm lachend ins Gesicht und sagte:

»Sakrawolt! Duhrlaucht! Die heutig Nacht auf'm hülzernen Sessel muß Ihnen gut angschlagen haben. Ausschaun tun S' wie's Leben!«

Sie traten in die Hütte, und Pepperl schürte Feuer zum Frühstück an.

»No, Gott sei Lob und Dank, Duhrlaucht, weil S' nur wieder da sind! Und bei der Fräuln Petri, da is man nobel aufghoben. Da hat Ihnen freilich nix gschehen können!«

In froher Laune nahmen die drei das Frühstück ein. Dann machte der Förster sich auf den Heimweg zum Jagdhaus. Als er schon ein paar hundert Schritte davongewandert war, kam Pepperl ihm atemlos nachgerannt, mit einem jagdlichen Zweifel, dessen Lösung so klar auf der Hand lag, daß der Förster seiner Antwort kopfschüttelnd die Worte beifügte: »Na hörst, das hättst doch selber wissen können! Da hättst doch nicht so rennen müssen.«

»Ja, ja, is schon wahr! Und jetzt marschieren S' heim, gelten S'?«

»Natürlich! Wohin denn sonst?«

»Ja, freilich! Und – wie geht's denn allweil daheim?«

»Wie soll's denn gehn? Gut halt!«

»Was macht denn – sag ich zum Beispiel, der Herr Kammerdiener?«

»D' Nasen streckt er in d' Höh und faulenzen tut er, derweil die anderen schaffen. Und den halben Tag hockt er bei der Sennerin. Könnt was Gscheiters tun, als dem dalketen Madl den Kopf verdrahn. Aber was geht's denn mich an? Bhüt dich Gott, Pepperl!«

Mit traurigen Augen guckte Pepperl dem Förster nach, strich mit schwerer Hand über die aufgedröselten Kreuzerschneckerln, zog das blaue Sacktuch aus der Joppe und wischte die Lederhose ab, als hätte er das Gefühl, daß er mit Wasser begossen wurde. Freilich, feucht war das Leder noch vom Abend her.

In der Hütte fand er den Fürsten auf seinem Lager schon eingeschlummert. Seufzend betrachtete Pepperl seinen Herrn. »Ah, der schlaft gut! Könnt ich nur auch so schlafen heut!«

Nicht nur gut schlief Ettingen, auch lange.

Um drei Uhr nachmittags, als Toni Mazegger an der Hütte vorüberging, um den Ehrwalder Jäger für die Treibjagd zu bestellen, waren Tür und Läden des kleinen Balkenhauses noch geschlossen.

Mazegger schien Eile zu haben. Sein Gang war von treibender Hast. In brütender Unruhe starrte er vor sich hin, während er durch den Sebenwald hinaufeilte gegen das Seetal. Das Almfeld öffnete sich vor ihm, und wieder begann der Wald. Auf einer Lichtung wurde der Pfad gekreuzt vom Sebener Almzaun, der das Jungvieh verhindern sollte, vom höheren Seetal durch den Wald hinunterzusteigen und die reichere Weide der vom Milchvieh bezogenen Niederalm aufzusuchen. Der Zaun war ein mannshoch aufgetürmter Wall von dürren Bäumen, von denen die untersten wohl schon hundert Jahre oder noch länger lagen. Wo das dürre Zeug vermoderte und im Winter unter dem Druck des Schnees zusammenbrach, wurden im Frühjahr neue Reisighaufen und dürre Bäume auf den Wall geworfen, der die ganze Breite des Seetals quer durchzog und zur Linken und Rechten hinaufreichte bis zu den kahlen Wänden.

Bei diesem Almzaun war für drei Uhr morgens das Stelldichein der Treiber und Jäger angesagt, die das Hochwild des Sebenwaldes hinunterdrücken sollten gegen den bei der Geißtaler Ache liegenden Fürstenstand.

Wo der Pfad ging, hatte der Wall eine Lücke, die durch ein hohes Stangengatter versperrt war. Mazegger öffnete das Tor und schloß es wieder. Immer langsamer wurde sein Gang. Als er neben dem Pfad einen Baumstock sah, legte er Büchse und Bergstock nieder, trocknete die Stirn und rastete. Mit zitternden Fingern glättete er den feucht gewordenen Hemdkragen, band die Krawatte frisch, säuberte mit einem Büschel Moos die Schuhe und wusch in einem Regentümpel die Hände. Seine schmucke Jägerkleidung musternd, nahm er den Marsch wieder auf. Nur wenige Minuten hatte er durch den Wald noch aufwärts zu steigen, bis er zwischen den Bäumen den Seespiegel flimmern sah. Bevor er den Waldsaum erreichte, spähte er nach allen Seiten. Am Ufer sah er den Knaben mit der Angelrute stehen. Lautlos wich Mazegger in den Wald zurück und stieg auf einem Umweg über das Latschenfeld zu dem kleinen Haus hinauf.

Unter dem Harfenbaum, an dem sich in der Goldstille des Nachmittags keine Nadel rührte, saß Lo am Tisch. Sie hatte den Basthut abgelegt. Umzittert von den Sonnenlichtern, die durch den Schatten des Baumes fielen, saß sie über ein Schulheft des Bruders gebeugt, der unter dem Eindruck des vergangenen Abends einen deutschen Aufsatz geschrieben hatte: »Gewitter im Hochgebirg.« Der mit großen Worten spielende Schwung der kindlichen Schilderung wirkte erheiternd auf Lo; doch ihr eigenes Erinnern plauderte so viel in die harmlosen Zeilen hinein, daß ihr die Wangen glühten.

»Schon sinket bei diesem Aufruhr der gesamten Natur die schwarz geflügelte Nacht auf die Berge herab.« So führte Gustl mit klassischen Reminiszenzen und mit allen Stimmungseffekten seiner jungen Schilderungskunst die kühne Prosadichtung zu einem erbaulichen Schlusse. »Es heult der Sturm, alle Schleusen des Himmels sind geöffnet, unaufhörlich kracht der Donner, und flammend zuckt aus den finsteren Wolken der Wetterstrahl. Da horch, eine Stimme! Sind Menschen in Not? Ja, so ist es! Zwei verirrte Wanderer sind zum Spielball des Sturmes und der Finsternis geworden. Ach, die armen, guten Menschen! Wie wird es ihnen ergehen? Aber schon ist die Hilfe näher, als sie denken. Ein Licht blinket in der Nacht, und mit dankerfülltem Herzen betreten die mit dem Schrecken davongekommenen Verirrten das gastliche Haus, welches sie unerwartet in der Not gefunden haben. Der Herr des Hauses heißet die Gäste freundlich willkommen, und während auf dem Herde das wärmende Feuer flackert, bereitet die gute, emsige Schwester schon das Mahl. Trotz fühlbaren Mangels an Betten weilen sie in fröhlicher Eintracht beieinander, bis der Morgen nach allem Aufruhr der Natur wieder das herrlichste Wetter bringt. Da scheiden diese Menschen, die einander zum Teil ganz fremd gewesen, als treue Freunde für das Leben. Daraus möge sich jeder die Lehre ziehen, daß man eine Hilfe, wo man kann, auch immer leisten muß.

Wer hartherzig ist, schadet nur sich selbst. Wie leicht kann es ihm geschehen, daß er selbst in Not kommt, und wie würde es ihm dann ergehen, wenn andere Menschen ebenso hartherzig wären wie er selbst! Ist es denn nicht die schönste Freude, einem Hülfsbedürftigen beizuspringen? ›Regina crede mihi‹, so sagt schon der lateinische Dichter, ›res est succurrere lapsis‹, wahrlich, eine königliche Sache ist es, die Gestürzten wieder aufzurichten!«

Längst hatte Lo zu Ende gelesen, und noch immer blickte sie träumend auf die kleinen, mit steifer Sorgfalt gemalten Buchstaben. Da trat Mazegger in den Garten. »Guten Abend, Fräulein!« Die Erregung zerbrach ihm die Stimme. Er stellte Gewehr und Bergstock an die Hüttenwand, nahm den Hut ab und ging langsam auf den Tisch zu. Scheu, zwischen Hoffnung und Zweifel, hingen seine heißen Augen an dem Gesicht des Mädchens.

Betroffen hatte Lo das Heft geschlossen und erhob sich.

»Mazegger? Was suchen Sie bei mir?«

»Ein gutes Wort. Und Hilfe.«

Sie schwieg.

Den Hut zwischen den Fäusten zerknüllend, stieß er mühsam hervor: »Sie sind die Heilige fürs ganze Dorf und Tal. Jeder kommt zu Ihnen und nie umsonst. Ihre Herzensgüte ist ein Brunnen für jeden armen und durstigen Menschen. Und ich? Bin ich nicht auch ein Mensch? Dazu noch einer von den ganz elenden! Mir ist zumut wie einem, der sich in einer schiechen Wand verstiegen hat. Jeder Weg hat ein End. Und tief geht's hinunter. Da steht er und schreit. Und wenn er schon merkt: jetzt muß ich fallen – da hofft er noch allweil auf die gute Hand, die ihm helfen könnt!« Er sprach nicht weiter.

»Kommen Sie, Mazegger«, sagte Lo mit tiefem Ernst. Sie rückte in die Bank und bot ihm den Platz an ihrer Seite an. »Sagen Sie, was Sie mir sagen müssen. Hier sind wir allein. Mein Bruder ist drunten am See, sonst ist niemand in der Nähe.«

Wie eine Flamme schlug es über das Gesicht des Jägers. Eine Hoffnung war erwacht in ihm, und er stammelte: »Fräulein? Sie sind mir also nicht mehr bös?«

»Böse? Weshalb?«

»Wegen neulich?«

»Nein.

»Ich hab's auch bereut.« Mazegger hielt ihren Blick nicht aus und senkte die Augen. »Daß man von Ihnen ein gutes Wörtl in Güt erwartet, das hätt ich wissen müssen. Wie ein jähzorniger Bub hab ich mich benommen. Verzeihen Sie mir's, Fräulein?«

»Ja, Mazegger!« sagte sie freundlich, als hätte dieses Wort sie selbst von einem Alp erlöst.

Zögernd schob er den Hut auf den Tisch und setzte sich auf die Ecke der Bank.

»Sprechen Sie, Mazegger! Was macht Ihr Leben elend?«

»Daß Sie das verstehen, dazu müßt ich Ihnen viel erzählen. Darf ich?«

»Ja!«

Jedes Wort mußte er sich abringen, während er von seiner Heimat sprach, von aller Bitterkeit seiner Jugend. Als er sah, mit welcher Teilnahme Lo auf ihn hörte, schien es, als wäre eine Fessel in seiner Brust gesprungen, und in heißer Erregung floß ihm die Sprache von den Lippen.

Es war eine trübe Kinderzeit, von der Mazegger zu erzählen hatte. Und als er in das Alter kam, in dem die Knaben schon mit einer Zukunft zu rechnen beginnen, war vor seinen Füßen die Brücke niedergebrochen, die ihn hätte hinübertragen können zu einem freundlichen Leben. Seine Mutter, Carmè Luzzotti, war die Tochter eines italienischen Bahnarbeiters in einem Dorfe bei Trient. Als junges Mädel verlor sie die Eltern und wurde von einer Schwelle zur anderen gestoßen, bis sie ein Winkelchen im Haus des deutschen Lehrers fand. Der erbarmte sich der Verwaisten – weil sie jung und hübsch war. Zuerst diente sie bei ihm als Magd; dann nahm er sie zur Frau. Es war kein Glück in dieser Ehe; die beiden Menschen waren so verschieden voneinander wie ihre Sprache – und die Sprache, das war es auch, was immer zwischen ihnen lag wie eine Mauer. Damals begann, wie überall, auch in dem Südtiroler Dorf der nationale Hader. Von der Straße und aus der Gemeindestube schlich er sich in die Familien ein, auch in das Haus des Lehrers. Als Frau eines Deutschen blieb Carmè Mazegger die Italienerin mit ihrem »Wällisch«, das ihr eigener Sohn nicht reden sollte. Der sollte sprechen wie sein Vater, der ihm alles erlaubte, nur um ihn vom Herzen der Mutter wegzureißen. Dieser Hader ging immer über den Kopf des Knaben hin und her, und als er in die Jahre kam, um die häßlichen Worte zu verstehen, war es ihm selber lieb, daß man ihn fortschickte von daheim, nach Innsbruck auf die Gewerbeschule, mit vierzehn Jahren. In Innsbruck gefiel es ihm, da konnte er war sehen vom Leben und lernte Menschen kennen, die es gut haben in der Welt. Das weckte den Ehrgeiz in ihm. »Auch aus mir soll etwas werden, was Rechtes und Tüchtiges.« Aber vor lauter Wünschen kam er nicht recht zum Lernen. Am liebsten wäre er schon mit sechzehn Jahren gewesen, was andere, wenn sie Glück haben, mit dreißig werden. Und dann kam dieses Unglück zu Hause. Die italienische Schule wurde eröffnet und bald darauf die deutsche geschlossen. Das überlebte sein Vater nicht – er ging ins Wasser. Und die Mutter? Die wartete knapp ein halbes Jahr, und dann nahm sie einen anderen, einen, der ihre Sprache redete und mit dem sie sich verstand.

»Mit dem ist sie fortgegangen. Ob sie noch lebt oder ob sie schon gestorben ist, das weiß ich nicht. Mich hat eine Schwester meines Vaters ins Haus genommen, deren Mann in Leutasch draußen ein kleines Gütl hat. Die Schule habe ich aufgeben müssen. Und alles dazu! Leben und Glück!« Mazegger fuhr sich mit zitternder Hand über die Stirn. »Das Brot der Verwandten essen? Schlechteres kann über einen nicht kommen in der Welt. Da hab ich zuletzt noch froh sein müssen, daß ich den Posten als Jäger gefunden hab. Jetzt hab ich mein Auskommen, aber keine Ruh in mir! Allweil muß ich denken, was aus mir hätt werden können. Aber ich mein, es wär noch allweil nicht zu spät für mich. Das hab ich nie so fest geglaubt wie jetzt.« Seine Augen brannten, und seine Stimme wurde heiser. »Nur müßt ich wen haben, für den ich's tu. Das tät mich treiben, allweil höher hinauf, bis ich droben steh, wo ich sagen könnt: jetzt verdien ich mein Glück und kann's vergelten! Daß ich das fertig brächt? Ich glaub's von mir! Ich glaub's! Und Sie? Sagen Sie mir, daß Sie es auch glauben! Sagen Sie mir das, und alles bring ich fertig!«

Sie vermochte nicht gleich zu sprechen. Es schien ihr weh zu tun, daß sie ein Ja nicht sagen konnte, nicht sagen durfte. Sie sah in ihm nicht den Menschen mit dem leeren Wort von der eigenen Kraft, die nur eines winkenden Lohnes bedarf, um ein Wunder zu vollbringen. Was sie sah in ihm, war sein in die Irre geratenes Leben und war das Kind, das nie an der Brust einer Mutter sein Haupt geborgen hatte. Das Erbarmen redete aus ihrem Blick, als sie endlich Worte fand. Doch während sie ihm Mut einredete, ihn mahnte, sein Leben ruhiger zu betrachten und dankbar auch den bescheidenen Gewinn zu genießen, statt sich die Freude an ihm durch den Vergleich mit dem glücklicheren Los der anderen zu vergällen – während dieser Worte schien Mazegger nur zu sehen, nicht zu hören. Seine Augen erweiterten sich mit fieberhaftem Glanz, aus dem der Durst seiner Leidenschaft und zugleich ein Staunen sprach, als hätte er das Mädchen, nach dem seine Sinne zitterten, noch nie so schön gesehen wie in dieser Stunde. Solch einem Blick begegneten ihre Augen. Sie erhob sich erschrocken, so bleich, als hätte sie einen Schimpf erlitten, gegen den sie wehrlos war – als Weib.

Verstört sah Mazegger zu ihr auf. »Viel haben Sie geredet, Fräulein! Schier weiß ich selber nimmer, was es war. Aber ich hab genug verstanden.« Sein Mund verzerrte sich. »Was einer nicht hat, das kann er nicht geben.« Mit heiserem Lachen erhob er sich. »Wenn der Brunnen Ihrer Güt auch laufen tät wie ein Wetterbach – aber Lieb hergeben, wo man Lieb nicht hat?« Langsam trat er auf sie zu. »Kann man das? Oder kann's so kommen, daß man muß?«

Sie wich nicht zurück vor ihm. Aber als sie seine Augen sah, die wir mit Fäusten nach ihr griffen, rann es ihr doch mit kalter Angst durch die Glieder. Sie schrie den Namen des Bruders.

Mazegger lachte.

Mit dem Laut, den die Furcht ihr ausgepreßt, hatte sie die verlorene Ruhe wiedergefunden. »Zu sagen hab ich Ihnen nichts mehr. Aber ich hab noch eine Bitte an Sie, eine letzte.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie zur Hütte, brachte einen Sessel und ein graues Buch.

Er sah ihr mit verblüfften Augen zu, wie sie sich auf den Sessel niederließ, das Buch öffnete – ein Skizzenbuch – und den Bleistift nahm.

»Was heißt das?«

»Ich will Sie zeichnen«, sagte sie ernst, »dabei lernt man sehen. Und das hilft. Ich habe das schon als Kind erfahren.«

Ratlos an seinem Bart zausend, ließ er sich auf die Bank nieder – und dann hielt er sich ruhig. Seine Augen brannten.

»So, ja, sehen Sie mich nur immer an!«

Er ließ keinen Blick von ihr. Aber wenn sie ihn ansah, so ruhig prüfend, ging aus ihren Augen etwas über auf ihn, daß er aufatmete, wenn sie das Gesicht wieder senkte, um ein paar rasche, kräftige Striche in das Buch zu zeichnen. Ein paarmal zuckte es durch seine Glieder, als wollte er aufspringen. Doch er blieb ruhig. Ein andermal bewegte er die Lippen, wie um zu sprechen. Doch er schwieg.

Die Sonne war hinuntergegangen, das ganze Seetal lag vom Abendschatten überwoben, und die Dämmerung begann.

Mit der langen schwankenden Angelgerte über der Schulter kam Gustl vom See herauf.

»Hast du was gefangen, Bubi?«

»Nein, Lo, heut bin ich Schneider geworden. Morgen scheint es wieder das wunderbarste Wetter zu geben, denn heute beißen sie nicht an.« Freundlich nickte Gustl dem Jäger, den er nicht kannte, einen guten Abend zu, stellte die Gerte an die Hüttenwand, kam zum Tisch und wollte neugierig über die Schulter der Schwester in das Buch blicken.

Sie schob ihn fort, als wäre das ein Bild, das er nicht sehen sollte. »Räum deine Bücher zusammen und trag sie in die Hütte. Wir bekommen Tau. Dann kannst du auch in der Stube gleich die Lampe anzünden und Feuer machen zum Tee.«

Sie sah dem Knaben nach, bis er in der Hütte verschwunden war. Dann verglich sie mit einem letzten prüfenden Blick ihre Zeichnung und das Modell, nickte ruhig vor sich hin und erhob sich. »So, ich danke Ihnen!« Sie löste das Blatt aus dem Buch.

Mazegger fragte unsicher: »Darf ich das Bildl sehen?«

»Gewiß!« Sie legte das Blatt auf den Tisch. »Ich schenk es Ihnen.«

Zögernd, als wäre ihm die Sache nicht ganz geheuer, griff Mazegger nach dem Blatt. Kaum hatte er einen Blick auf das Bild geworfen, da schoß ihm das Blut ins Gesicht. »Das bin ich? Und solche Augen hab ich?«

»Ja, Mazegger! Jetzt kenn ich Sie und fürchte mich nicht mehr!« Sie ging zur Hütte.

Er zerknüllte das Blatt in seiner Faust und schleuderte den Knäuel mit einem Fluch unter die Büsche des Gartenzaunes. Wie sie nach ihrer hilflosen Angst diese stolze, sichere Ruhe gefunden hatte, das verstand er nicht. Aber er fühlte, daß alles für ihn verloren war und daß sie ihn fortschickte wie einen geprügelten Hund. Mit dem unsicheren Schritt eines Betrunkenen nahm er seine Büchse. Als er den Garten verlassen hatte und über das Latschenfeld hinunterstieg, erkannte er auf der feuchten Erde die Trittspuren zweier Männer. Die plumpe breite Sohle mit dem schweren Eisenbeschlag und dem Nagelkreuz in der Mitte – das war die Fährte Praxmalers. Aber die andere Spur? Dieser schlanke, schmale Fuß?

»Ach so?« Mit galligem Lachen nickte Mazegger vor sich hin. Und während der Zorn in seinen Augen funkelte, zerstörte er mit einem Fußtritt die Fährte.

Hastig schritt er über das Latschenfeld und trat in den Wald. Im Dunkel der Bäume blieb er stehen. Und als er das Mädchen aus der Hütte treten sah, lachte er, hob die Büchse, spannte den Hahn und legte das Gewehr an die Wange.

Man konnte hören, wie Lo mit dem Bruder plauderte, während sie an einem Fenster die Läden schloß.

Zielend, den Finger am Drücker, folgte Mazegger mit dem Lauf der Büchse jedem Schritt des Mädchen, in seiner Eifersucht mit grausamer Freude den Gedanken genießend: Ein leiser Druck nur, und auch der andere wird sie nicht haben! Keiner!

Gustl war in der Tür erschienen, hemdsärmelig, mit den Händen in den Taschen des Lederhöschens. »Und wann, Lo, wann gehen wir morgen?«

»Um sechs Uhr früh.«

»Ach Gott!«

»Ja, Bubi, wir müssen bis Mittag zu Hause sein.«

»Freilich, ja, und ich freu mich doch selber heim! Aber weißt du, in der Früh, da beißen sie so gern. Vielleicht hätt ich noch eine bekommen, eine recht schöne, oder zwei. Die hätten wir dem Muttl bringen können.«

»Dann steh nur um vier Uhr auf! Da hast du zwei Stunden Zeit, bis ich gepackt und die Hütte geräumt habe.« Lo war zur Tür zurückgekommen. Den Arm um die Schulter des Bruders legend, wollte sie in die Hütte treten.

In dem bleichen Gesicht des Jägers spannte sich jeder Zug. Die Pein, die in ihm wühlte, redete aus seinem brennenden Blick. »Tu ich es? Nein oder ja?« Fester, als wäre der Entschluß zur Tat in ihm aufgestiegen, preßte er das Gewehr an die Wange.

Da hörte er hinter sich das Brechen eines dürren Reises und ein Geräusch wie von einem leichten Schritt. Erschrocken ließ er die Büchse sinken und spähte scheu um sich her. Der Wald war öde – aber da fiel ein Tannenzapfen aus einem Wipfel herunter, und schnalzend, mit weitem Sprung, schwang sich ein Eichhörnchen von dem Baum hinüber zum nächsten.

Einen Fluch murmelnd, hob Mazegger die Büchse wieder.

An der Hütte droben hatte sich schon die Tür geschlossen. Der Garten war leer. Im Abendwinde tönten leis die Glocken des Harfenbaumes.

Gallig lachte Mazegger vor sich hin, warf die Büchse über die Schulter und schritt durch den Wald hinunter.

Es wurde finstere Nacht, bis er zu den ersten Häusern von Ehrwald kam. Lange mußte er am Haus des Jägers an die Tür trommeln, bis ihm geöffnet wurde. »Was is denn?« fragte Beinößl aus dem schwarzen Hausflur.

»Ich bin's!«

»Der Toni! Was willst?«

»Treibjagd is morgen. Um drei müssen wir droben sein beim Sebener Almzaun.«

»So? Da können wir allweil noch schlafen a paar Stündln. Aber Bett hab ich keins für dich, mußt dich halt aufs Ofenbankl legen, wir schlafen eh schon z'viert in zwei Trücherln.« Er mit dem Buben in einem Bett, die Frau mit dem Mädel im anderen.

Als sie in die finstere, von schwülem Dunst erfüllte Stube traten, fragte das Weib, was es gäbe. »Nix! Drah dich nur wieder um, Alte! Der Mazegger is da.« Die Bettstelle krachte. Beinößl schob seinen Gast im Dunkel zur Ofenbank und nahm ihm die Büchse ab, um sie an den Rechen zu hängen.

»Na hörst, Toni, du hast ja den Hahn gspannt! So was, du mit deim Leichtsinn, du richtest heilig noch amal an Unglück an!«

Mazegger schwieg.

Drei Stunden vergingen. Der Hausherr schnarchte wie ein Bär, sein Weib sang die Oberstimme dazu, und ein paarmal seufzten die beiden Kinder, wenn sie die harte Bettkante spürten und sich umdrehten.

Um ein Uhr rasselte der Wecker. Mazegger hatte noch kein Auge geschlossen. Eine Viertelstunde später traten die beiden Jäger in die Nacht hinaus. »Gut wird's heut«, sagte Beinößl, »droben liegt der Seenebel.« Sie stiegen bergwärts in der Nacht, und Beinößl kürze den mühsamen Weg mit heiterem Geschwatz – er war einer von jenen »Gscheiten«, die den Zwirnsfaden des Lebens lustig um die Finger wickeln, so kurz und dünn er auch geraten ist.

Als sie die Ehrwalder Alm überstiegen hatten und die Höhe des Sebenwaldes erreichten, sahen sie im dünnen Morgennebel den Schein des Feuers, das die beim Almzaun wartenden Treiber auf der Lichtung angezündet hatten, um »Glut für die Pfeifen« zu haben. In dem Augenblick, als die beiden Jäger zum Feuer kamen, gab's einen Schreck. Einer der Treiber hatte an einem brennenden Reis seinen Stummel angepafft, das Flämmchen ausgeblasen und das glühende Holz über die Schulter geworfen. In der Luft flammte das Reis wieder auf und fiel in einen Haufen dürren Zeuges. Das brannte wie Zunder. Nach allen Seiten lief und züngelte die Flamme und erreichte den Almzaun, aus dem eine knisternde Lohe aufschlug. Zu Tod erschrocken arbeiteten die Leute aus Leibeskräften, um das Feuer zu ersticken. Ein Glück war es, daß die unteren Reisigschichten des Walles noch feucht waren vom Gewitterregen. Sonst hätte keine Arbeit mehr geholfen, auch nicht die flinkste, und der ganz Almzaun wäre in Flammen aufgegangen.

Als das Feuer gelöscht war, halfen sie alle zusammen, um den Zaun wiederherzustellen und das angebrannte Loch mit zusammengeschlepptem Reisig zu füllen. In jener wohligen Erregung, die jedem schadlos überstandenen Schreck zu folgen pflegt, wurde breit erörtert, welch ein »schönes« Unglück da hätte entstehen können.

Brennt der Zaun einmal, von einer Felswand über das schmale Tal hinüber bis zur anderen, dann brennt auch der ganze Sebenwald bis über den See hinauf, und alles Jungvieh, das droben im Seetal auf der Weide steht, ist verloren. Wenn auch der Brand nicht höher gehen kann als bis zu den letzten Latschenfeldern, und wenn auch das Vieh hinaufflüchtet in die Felsenkare – droben erstickt es im Rauch. »Kreuzsakra!« meinte Beinößl. »Da möcht ich net droben sein im Seetal! Oder ich müßt den letzten Juchezer machen und 's Leben so billig verkaufen wie an alten Strumpf!«

Draußen im Karwendelgebirg, erzählte ein anderer, wäre vor Jahren ein großer Waldbrand durch einen Almzaun entstanden, in den der Blitz geschlagen hätte. Ähnliche Fälle erzählten zwei andere, und man kam zu dem Schluß, daß es auch im Geißtal an der Zeit wäre, diese »Zunderhecken« durch Legmauern aus Steinen zu ersetzen, wie es längst schon überall geschehen wäre, wo die Leute Verstand und kein Sägmehl im »Hirnkastl« hätten. »Daß man an die alten Bräuch hängt, dös is ja gut und schön, aber a bißl Furtschritt is net ohne!«

Plötzlich verstummte diese Weisheit – der Förster kam mit den zwei Leutascher Jägern. Wohl begann es schon Tag zu werden, aber der Nebel verschleierte den Aschenhaufen, und so merkte der Förster nicht, was geschehen war. Er ließ die Jäger und Treiber im Halbkreis Aufstellung nehmen: »Also, Leut! Daß wir unserer lieben Duhrlaucht heut a saubers Jagderl machen! Am Almzaun auffi wird die Treiberketten angstellt. Den Losschuß mach ich um Punkt halb sechse. Da is die Duhrlaucht auf'm Stand, und da wird sich auch der Nebel schon verzogen haben. Und wie der Losschuß fallt, fangen wir 's Drucken an. Und langsam, Leut, langsam, nur langsam, daß die Hirsch net aussifahren zum Loch wie die narrischen Mäus. Verstanden? Also, in Gotts Namen, packen wir's an!«

Neben dem Almzaun stiegen sie bergan, während das Frühlicht zu wachsen und der Nebel sich schon zu verziehen begann. Hinter den halblaut Schwatzenden blieb Mazegger unschlüssig zurück. Sein Gesicht war übernächtigt, seine Augen lagen tief, von dunklen Ringen umzogen. Sein Flackerlicht hing an dem kalt gewordenen Aschenhaufen, glitt hinüber zum Almzaun und folgte dem braunen Reisigwall bergauf und wieder bergab, über das ganze schmale Tal, von einer Felswand bis zur anderen.

Dann nickte er vor sich hin, und langsam stieg er hinter den anderen her.



Vierzehntes Kapitel

Zögernd schwammen die Schleier des Morgennebels durch das Geißtal hinaus und wurden immer dünner. Eine Waldzunge nach der anderen gaben sie frei, enthüllten hier eine sonnbeglänzte Bergzinne, dort ein Almfeld in blauem Schatten, und selbst schon angestrahlt und durchwärmt von der steigenden Sonne, verwandelte sich ihr trübes Grau in zarten Schimmerduft, der spurlos in den Lüften zerfloß.

Fast war das ganze Tal schon nebelfrei, und mit leuchtender Klarheit spannte sich der Morgenhimmel über Tal und Berge, als Ettingen und Praxmaler gegen sehr Uhr morgens in der Talsohle das breite Kiesbett der Ache überschritten, um durch einen steilen Waldstreif emporzusteigen zum Fürstenstand. Der lag am Waldsaum auf einem Latschenrücken und gewährte freien Ausblick über eine von Erlengestrüpp erfüllte Mulde und eine spärlich bewachsene Lawinengasse, die sich vom Fuß der steilen Felswand hinunterzog bis ins Tal. Drunten sah man das weiße Kiesfeld und eine lange Strecke des Pfades, der zum Sebensee führte. Über dunkle Fichtenhügel konnte man hinausblicken zum Sebenwald und zu der vom Seeufer aufsteigenden Sonnenspitze, die ihren goldumstrahlten Felskegel schlank in den blauen Himmel hob.

Den Stand, auf dem zwischen den Wurzeln einer Fichte ein bequemer Sitz gerichtet war, umzog eine kleine Legmauer als Deckung für die Jäger.

Während Pepperl den Wettermantel über den Sitz breitete und den Feldstecher aus dem Futteral nahm, blickte Ettingen immer dort hinaus, wo jener schlanke, sonnige Felds in die Lüfte stieg.

»So, Duhrlaucht, jetzt haben S' a nobels Platzl!«

Ettingen ließ sich nieder, und Pepperl, der sich seinem Herrn zu Füßen setzte, zeigte ihm die beiden Wildwechsel, von denen der eine unter der Felswand hinlief, während der andere schräg über die Lawinengasse hinunterging ins Tal und gegen das Kiesbett des Baches. »Auf dem, mein ich, auf dem sollt was anlaufen!«

Ettingen nickte. Und Pepperl schwieg. Während aus den Augen seines Herrn ein frohes Träumen redete, ein freudiges Ausgenießen der schönen Morgenstunde, sprach grämliche Verdrossenheit aus dem Gesicht des Jägers. Für ihn lag der Fürstenstand auf einem unbequemen Platz. Wenn er den Hals streckte, konnte er draußen im Geißtal den Tillfußer Almwald sehen und zwischen den Wipfeln den Flaggenmast, dessen drei Fahnen sich wie eine Reihe winziger Farbkleckse vom Grün des Hintergrundes abhoben. Immer wieder beugte Pepperl sich vor, von der unbequemen Stellung begann ihn das Genick zu schmerzen, und immer schwerer seufzte er. Scheu hatte er schon ein paarmal zu seinem Herrn aufgeguckt, als läge ihm was auf der Seele, was nicht heraus wollte. Und plötzlich sagte er mit einem Ton, als ging es um Wohl und Weh eines Menschen:

»Ja, Duhrlaucht, passen S' auf, heut schießen S' an guten Hirsch!«

Ettingen hörte nicht.

Pepperl drückte die Hand in den Nacken. »Ja, ja! Heut kommt was! Unser Jagdl is gut. Aber kosten tut's! Dös is a sauberer Haufen Geld, der da verwaltet werden muß! Verwaltet!« Immer weiter öffneten sich Pepperls Augen, während er in heißer Spannung zu seinem Herrn hinaufguckte. »So an Jagdbezirk verwalten! Teufi, Teufi, Teufi! Dös macht Arbeit! Und verstehn muß man's. Dös is d' Hautpsach. Aber der Förstner, gelten S', der versteht's! Der macht alles allein. Der braucht keinen andern. Der versteht's halt, gelt?«

»Ein tüchtiger Jäger«, sagte Ettingen, »auf den man sich verlassen kann, in allen Dingen!«

Aus Pepperls Augen blitzte die Freude, und in allen Tonarten begann er das Lob des Försters zu singen, um mit der diplomatischen Wendung zu schließen: »Aber no, freilich, vom Land einer is er halt doch, und da kennt er sich halt net so aus mit die fürnehmen Sacherln, wissen S'! Und da hab ich mir schon diemal denkt: kunnt sein, daß der Herr Fürst amal ein' anstellt, so an Herrischen, an Jagdverwalter, oder wie man's heißt – wie sag ich denn gleich – no ja, wie der Herr Martin einer is?«

»Martin? Und Jagdverwalter?« Das war eine Vorstellung, die den Fürsten lachen machte. »Nein! Wenn ein Jagdverwalter nötig wäre, wüßte ich mir einen anderen zu finden. Aber der Förster mach seine Sache so gut, da ich mir das besser gar nicht wünschen kann.«

Pepperl grinste im Triumph seiner Schadenfreude wie ein Indianer, der den Skalp des Todfeindes eroberte. »Wart, Frau Verwalterin, heut auf'n Abend kriegst was z'hören!« dachte er und streckte den Hals, daß ihm die Schultern fast aus der Joppe sprangen. »Aber jetzt, Duhrlaucht, jetzt müssen S' Ihnen stad halten! Die Zeit wird kritisch. Allbot kann was daherspringen.«

Lautlos saßen sie eine halbe Stunde.

Da ließ sich aus dem Waldstreif hinter der Lawinengasse das leise Rollen von Steinen hören. Pepperl, jetzt ganz bei der Sache, spitze die Ohren. Im gleichen Augenblick faßte Ettingen mit hastigem Griff den Feldstecher. Doch während der Jäger hinüberspähte zum Wald, hielt Ettingen das Glas nach dem Tal gerichtet.

Dort unten auf dem Pfad war Lolo Petri erschienen, den Basthut mit einem Kranz von Blumen geschmückt. Ihr folgte der Bruder, dessen Hütl unter Almrosen ganz verschwand; er führte an losem Zügel den Esel, der mit dem Gepäck und mit einem riesigen Busch von Rosen und anderen Blumen beladen war.

»Obacht!« flüsterte Pepperl, der drüben aus dem Waldsaum ein Alttier sichernd auf die Lichtung treten sah. Als aber Ettingen die Büchse nicht faßte, blickte der Jäger verwundert auf. Da sah er, wie seinem Herrn das Glas in den Händen zitterte. Mar und Joseph, dachte Pepperl, der kriegt 's Hirschfieber! Er zischelte: »Net aufregen, Duhrlaucht! Bloß d' Ruh net verlieren bei so was! Heut haben S' Glück, passen S' auf! Lassen S' dös Frauenzimmer nur schön vorbei!« Er meinte das Alttier. »Und Obacht geben! Da kommt schon was nach!« Es wurde lebendig drüben im Wald, und dem Alttier folgte ein Rudel, bei dem ein paar schwache Hirsche waren. »Es is nix Gscheits dabei! Nur warten!« flüsterte Pepperl so leis wie ein Hauch.

Ettingen sah und hörte nicht, was um ihn vorging, sondern folgte mit dem Glas jedem Schritt des Mädchens dort unten.

Ruhig und sorglos trat das Rudel auf die Lichtung. Plötzlich wandten alle Tiere die Köpfe gegen den Wald zurück, wurden flüchtig, und zwischen den hohen Erlenbüschen der Mulde verschwindend, nahmen sie den Wechsel gegen das Tal. »Der Hirsch kommt! Richten S' Ihnen!« zischte Pepperl. »Der Hirsch, Mar und Joseph, und was für einer!«

Deutlich konnte Ettingen durch das Glas das Gesicht des Mädchens sehen, ihr Lächeln, die Bewegung ihrer Lippen, wenn sie mit dem Bruder plauderte. Nun hatten die Geschwister den steilen Rain erreicht, über den sie niedersteigen mußten, um das Kiesbett zu überschreiten. Da plötzlich sah Ettingen im Glas ein flüchtendes Rudel Hochwild auftauchen. Links und rechts von den beiden Geschwistern jagten die Tiere vorüber, erschrocken wollte Lo nach dem Zügel des Esels greifen, aber da scheute der Graue schon und rannte mit bockenden Sprüngen über den Rain in das Kiesbett hinunter, den Knaben am Riemen mit sich schleifend. Erblassend sprang Ettingen auf, und den Feldstecher wegschleudernd, stammelte er: »Um Gottes willen! Das gibt ein Unglück, Praxmaler! Kommen Sie! Schnell! Ich fürchte –« Er hatte den Bergstock gefaßt, schwang sich über die Mauer – und während er hinuntereilte über den steilen Hang, stand drüben auf der Lichtung ein Hirsch mit herrlichem Geweih, äugte dem springenden Menschen dort unten nach, trollte ein paar Schritte, äugte wieder und verschwand in den Latschen. Jetzt ermunterte Pepperl sich aus seiner sprachlosen Verblüffung und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Mar und Joseph! O du heilige Fasnacht! Rennt mir der Fürst davon und fürcht sich vor eim Hirschen! Teufi, Teufi, Teufi –«

Da klang aus dem Wald herauf die schreiende Stimme seines Herrn: Praxmaler! Kommen Sie! Schnell!« Es war in dieser Stimme ein Ton, der den Jäger ahnen ließ, daß hier doch wohl etwas anderes geschehen wäre als nur ein drolliges Jägerstücklein. In Sorge begann er zu rennen und erreichte das Kiesbett in dem Augenblick, als Ettingen und Lolo Petri den Knaben fanden. Lo war blaß vor Schreck, als sie den Kopf des Knaben aufhob an ihre Brust. Die Sache schien übler auszusehen, als sie war. Gustl zitterte wohl, doch er lächelte, um die Schwester zu trösten, und sagte: »Sorg dich nicht! Mir ist nichts geschehen. Gewiß nicht! Und Schmerzen hab ich gar keine.« Im Gesicht und an den Händen hatte er ein paar leichte Schürfwunden, sonst schien er unverletzt. Doch als sie ihn aufrichteten, konnte er nicht stehen und wäre wieder zu Boden gesunken, hätte ihn Ettingen nicht aufgefangen. »Kind! Kind!« stammelte Lo.

»Beruhigen Sie sich, Fräulein«, sagte Ettingen, obwohl ihm selbst vor Erregung die Stimme kaum gehorchte, »es kann nicht so schlimm sein! Der Fuß ist nicht gebrochen. Hier eine Untersuchung vorzunehmen und den armen Jungen zu quälen, das ist nutzlos. Kommen Sie, wir tragen ihn zum Jagdhaus, da kann alles leichter und besser für ihn geschehen! Kommen Sie!« Bei diesen Worten hatte er Gustl schon auf seine Arme gehoben und eilte mit ihm über das Kiesbett hinüber gegen den Weg.

Pepperl erbot sich, den Knaben zu tragen. Auch bei raschem Gang war's eine halbe Stunde bis zum Jagdhaus, und »so a Bub hat sein Gewicht«. Aber Ettingen schüttelte den Kopf. »Der Junge trägt sich wie eine Feder so leicht!« Auch Lo mahnte mit scheuer Bitte, daß Ettingen den Dienst des Jägers annehmen und seine Kräfte schonen möchte. Er sah ihr in die Augen, schüttelte wieder den Kopf und flüsterte dem Knaben zu: »Leg nur die Arme um meinen Hals, Bubi! So! Nicht wahr, so ist's bequemer?«

»Ja.«

Während sie auf ebenem Pfad durch den Wald hinauseilten, klang hinter ihnen auf dem Latschengehäng das Klopfen und halblaute Rufen der anmarschierenden Treiber: »Hup, hup, hup! Brrr! Hup, hup!« Pepperl guckte sich einmal um, und da wollte es ein böser Zufall, daß er zwei gute Hirsche gemütlich über die Lawinengasse spazieren sah. »Teufi, Teufi, Teufi, drei Hirsche hätten wir haben können!« träumte seine Jägerseele mit Kummer.

Ettingen plauderte während des ganzen Weges mit dem Knaben. Gustl hielt sich wie ein kleiner Held, verbiß den Schmerz und schwatzte unverdrossen, um der Schwester alle Sorge auszureden. Viel mehr als sein verletzter Fuß beschäftigte ihn die Frage, was wohl aus Hansi, dem Grauen, geworden wäre.

»Der kommt schon wieder!« tröstete Lo.

»Ja, schon, aber die Forellen, Lo! Die Forellen! Wenn er mit dem Netz einen halben Tag in der Sonne herumläuft, hab ich sie umsonst für Muttl gefangen!« Im Schmerz verzog sich der Mund des Knaben, und das Wasser schoß ihm in die Augen; doch er seufzte nur: »Ach Gott, ach Gott, die schönen Forellen!«

Sie hatten das Jagdhaus fast erreicht, als Hansi nachgetrottet kam, in höchst nervöser Stimmung. An den locker gewordenen Gurten war ihm die Packtasche mit dem Almrosenbusch unter den Bauch gerutscht, und weil ihn die Zweige kitzelten, schlug er fortwährend mit den Hinterfüßen aus, schüttelte die Ohren und machte drollige Sprünge.

Als Pepperl den Esel in den Stall führte, rief Ettingen dem Jäger nach: »Tragen Sie das Fischnetz gleich in die Küche hinauf! Man soll die Forellen auf Eis legen, damit sie nicht verderben.« Seine Stimme klang gepreßt, so daß Lo besorgt in das erhitzte Gesicht blickte. Er hatte doch wohl seiner Kraft zuviel zugemutet. Als er den Knaben über den letzten Hang zum Jagdhaus hinauftrug, ging sein Atem müd, und seine Arme zitterten.

Martin kam aus der Sennhütte gelaufen, mit dunkelrotem Gesicht, als hätt es dort mit dem »unbehüteten Madl« eine Szene gegeben, die nicht ganz nach seinen Wünschen ausgefallen war. Verwundert musterte er seinen Herrn und das schöne Mädchen.

»Schnell, Martin! Hinauf! Und richt das Bett im Grafenzimmer!«

Erschrocken verfärbte sich der Lakai; doch wortlos eilte er ins Haus.

Im Flur kam Martin seinem Herrn über die halbe Treppe entgegen und stotterte: »Ich bitte um Vergebung, Durchlaucht, das Zimmer ist abgesperrt, und im Augenblick weiß ich nicht, wo die Leute den Schlüssel haben.«

»Aber Mensch! So mache doch mein Zimmer auf! Siehst du denn nicht –«

Martin rannte, und als sein Herr mit dem Knaben in das sonnige, weiße Zimmer trat, war das Bett schon abgedeckt. Während Lo dem Bruder half, sich zu entkleiden, brachte Ettingen das ganze Haus in Aufruhr. Der Lakai, die Köchin und die Küchenmagd, alles mußte laufen und bringen: Wasser, Eis, Verbandzeug, Kognak, den ganzen Inhalt der Hausapotheke.

Als Lo den verletzten Fuß des Knaben untersucht hatte, atmete sie auf. Der Knöchel war geschwollen und glühte, aber die Sache war unbedenklich: eine Bänderzerrung, die, obwohl sie schmerzhaft war, in wenigen Tagen wieder gut sein konnte. Ein paar Stunden Ruhe, meinte Lo, und Hansi könnte den Knaben heimbringen, ohne daß sich das Übel verschlimmern würde.

»Jetzt muß ich dir ein wenig weh tun, Bubi! Aber du wirst sehen, das hilft!«

»Ja, Lo, mach nur, was du meinst!«

Sie begann die Geschwulst zu massieren. So schmerzhaft das auch war, der Junge überwand es ohne einen Laut und ärgerte sich, weil ihm wider Willen die Tränen in die Augen kamen. Da wurde der Knöchel bandagiert, und drüber kam der Eisumschlag. Die Schürfwunden im Gesicht und an den Händen wurden mit Karbollösung gereinigt und mit Pflästerchen verklebt.

Lächelnd sah Ettingen dem Mädchen zu. »Sie machen das alles wie ein gelernter Arzt!«

»Hier in den Bergen, wo man eine Tagreise bis zum Doktor hat, lernt sich das von selbst. Und ich hatte einen guten Lehrer. Der verstand sich auf alles, was Hilfe heißt.«

»Ihr Vater?«

»Ja.« Sie küßte den Knaben auf die Stirn. »Brav hast du dich gehalten!« Die seidene Steppdecke glättend, richtete sie sich auf. Als wäre erst jetzt alle Sorge von ihr gewichen, streifte sie mit ihren schlanken schönen Händen die Zaushärchen von den Schläfen zurück. Sie blickte im Zimmer umher, und eine leise Verwirrung schien sie zu überkommen. In jäher Bewegung streckte sie Ettingen die Hände hin, blickte mit glänzenden Augen zu ihm auf und sagte leis: »Wie gut Sie mit ihm waren! Ich danke Ihnen.«

Er nahm ihre Hände. »Dank? Nein! Der Schuldige bin doch ich, mit dieser dummen Jagd. Aber weil nur alles noch leidlich gut vorüberging! Wirklich, jetzt atme ich auf und freue mich, daß ich Sie hier habe unter meinem Dach. So hübsch ist es freilich nicht bei mir, wie ich es bei Ihnen fand, da draußen, in der schönen Sturmnacht!« Noch immer hielt er ihre Hände fest, und lächelnd sahen sie sich in die Augen.

Gustl, der mit der Wange auf den Händen lag, lind in die Kissen geschmiegt, guckte staunend an den beiden hinauf, und das verpflasterte Gesichtchen des Knaben färbte sich dunkelrot.

Lautlos trat Martin in das Zimmer, um Ordnung zu machen. Er schien keine Augen zu haben, nur Hände, die geräuschlos hantierten. Als er mit dem Wasserbecken und mit den Tüchern über dem Arm das Zimmer verlassen hatte, sah er die geschlossene Tür an und wiegte den Kopf. Studierend stieg er über die Treppe hinunter. In der Küche legte die Jungfer Köchin gerade die drei Forellen, die Pepperl gebracht hatte, in den Eiskasten, als Martin eintrat. Beim Anblick des Kammerdieners gab es dem Jäger einen »Riß«, halb vor Wut und halb vor Schadenfreude; aber er mußte der Köchin Antwort geben, als sie fragte: »Hat denn unsere Durchlaucht das Fräuln schon gekannt?«

»Gut auch noch! Z'erst hat er's droben am Sebensee troffen, neulich is er draußen gwesen bei ihr in der Leutasch, und gestern nacht, wie dös Wetter gwesen is, haben wir unterstehen müssen bei ihr, vom Abend bis auf d' Fruh. Ja, unser Duhrlaucht und d' Fräuln Petri, die zwei verstehn anander! Was die für austipfelte Sachen reden! Da reißt unsereiner d' Luser auf, sperrangelweit.«

Martin schien diesem Gespräch keine Aufmerksamkeit zu schenken. Kaum aber hatte er die Küche verlassen, als er in seine Stube eilte und hinter sich die Tür verschloß. Nachdem er an den Fenstern die Vorhänge zugezogen hatte, schrieb er eine Depesche in englischer Sprache, nur die Adresse deutsch: »Baronin Pranckha, Hietzing, Wien. – Soeben flog der edle Falke mit weißer Taube in den Waldhorst. Erkenne Gefahr und warne.«

»The faithfull!« unterschrieb er – »der Getreue!« – und schob die Depesche in die Tasche, um sie bei der Hand zu haben, wenn der Postbote käme. –

Draußen vor dem Fenster ging Pepperl vorüber. Er machte langsame Schritte, und immer wieder schielte er zur Sennhütte hinunter, aus deren Schindeldach der Herdrauch quoll. Am liebsten wäre Pepperl in seiner Schadenfreude schnurstracks hinuntergelaufen, um dem »verloffenen Lampl« mit allem Hochgenusse menschlicher Bosheit ins Gesicht zu schreien: »Jagdverwalterin? Ja! Schmarrn!« Aber da lagen ihm zwei verwünschte Worte wie eiserne Riegel im Weg: »Wir sind fertig mitanander!» und »Mich siehst nimmer!« Daß er nach solchen Worten noch einmal die Schwelle dort unten überschreiten sollte – das war eine heikle Sache für einen, der in sich die Überzeugung trägt: »A bißl was muß der Mensch halten auf dös, was er sagt!« Und was ging ihn die ganze Geschichte weiter noch an? »Nix! Rein gar nix!« Für ihn hatte die Sache nur noch ein theoretisches Interesse, zu dem sich das angenehm prickelnde Bewußtsein gesellte: »Ich hab recht gehabt!« Jetzt konnte die Sache da unten ausfallen, wie sie wollte – er stand groß da! Mit dem Gefühl der Befriedigung, das den Praxmaler-Pepperl bei diesem Gedanken überkommen hatte, wollte er schon ins Försterhäuschen treten. Da hörte er über das Almfeld herauf das Klirren eines Bergstockes. Und am Waldsaum drunten erschien ein alter, weißbärtiger Bauer, gebeugt und etwas unsicheren Ganges. »Jesses! Da kommt er!« stotterte Pepperl, als er Burgis Vater erkannte. Mit langen Sprüngen rannte er über das Almfeld hinunter und schrie: »Brenntlinger! He! Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!«

Der Alte blieb stehen und guckte mit den stumpfen, rot geränderten Augen. Sein gebrochener, von einem sechzigjährigen Leben in Armut mürb geklopfter Körper steckte in einer übel zugerichteten Hülle. Es schien, als hätte der »gute alte Brenntlinger« eine der letzten Nächte im Straßengraben zugebracht und die Zeit noch nicht gefunden, die grauen Federn dieses harten Bettes von sich abzubürsten.

Im Heuschuppen auf der Alm geboren, hatte er den Anstieg seines Lebens als Hüterbub begonnen, war Galtviehsenn geworden, und mit vierzig Jahren, als Milchviehsenn bei einem Jahreslohn von 137 Gulden 45 Kreuzern, hatte er geheiratet. Das kleine Burgerl in der Wiege konnte die Hochzeit der Eltern mitfeiern. Fünfzehn Jährlein später, als Burgi aus der Feiertagsschule kam, starb die Brenntlingerin an einem Leiden, das kein Doktor kurieren konnte, weil man keinen holte. Und während sich das junge Mädel hineinwuchs in die Almenarbeit, wurden dem Brenntlinger von Jahr zu Jahr die Knochen immer müder. Nun hatte er seinen Strohsack im Gemeindehaus liegen, und seinem Leben blühte nur noch jene einzige Blume, die nicht nach Honig, sondern nach Trebern duftete. Am liebsten hätte Burgi den Vater jeden Sommer zu sich in die Sennhütte genommen. Dagegen wehrten sich die Almbauern, die den unnützen Kostgänger nicht auf ihre Milchschüssel haben wollten. Also gab sie ihn, für fünf Gulden im Monat, beim Flurjäger in die Kost. Auf die Hand durfte sie dem Alten kein Geld geben, keinen Kreuzer. Sonst hätte er nie an seinen Hunger, nur immer an seinen Durst gedacht. Kein Wunder also, daß Brenntlinger mit einem Juchezer das große Los begrüßte, das er neulich beim Haus des Maler-Emmerle gezogen hatte. Zehn Gulden! Das hatte einen achttägigen Rausch gegeben. Keinen zehntägigen, nein, da hatte Pepperl sich verrechnet. Denn der gute alte Brenntlinger liebte nicht nur seinen Namensvetter, den Gebrannten, er liebte als braver Vater auch sein Kind. Bevor er vom Haus des Maler-Emmerle den Weg zum Buschenwirt genommen hatte, war er beim Kramer eingetreten und hatte um zwei Gulden für sein Mädel ein seidenes »Tüchel« gekauft. Das brachte er nun mit, an seiner Vaterbrust verwahrt und sorgfältig in das »Sonntagsblatt für das katholische Volk« gewickelt. Aber noch etwas anderes brachte er mit auf die Alm: einen halb ausgeschlafenen Katzenjammer, einen dürmeligen Kopf und einen so unsicheren Schritt, daß man Zweifel hegen konnte, ob der »gute alte Vater« sich für das Wohl und Wehe seines Kindes so energisch auf die Füße stellen würde, wie es der Praxmaler-Pepperl von ihm erwartete.

»Brenntlinger! He! Brenntlinger! Da komm her! Da bin ich! Da!«

Die aufgeregte Stimme drang nicht nur in die halbtauben Ohren des Alten, sie drang auch durch die Mauern der Sennhütte. Mit einem Sprung war Burgi bei der Tür. »Vater! Jesusmaria! Vater! Ja grüß dich Gott! Wo kommst denn her?« Da sah sie den Jäger wie einen Narren über das Almfeld herunterspringen. Sie erschrak. Nicht weil sie ein schlechtes Gewissen hatte, nein! Wenn ihr der Herr Jagdverwalter in spe beim Herd und am Kammerfenster auch schon ein Dutzend Küsse und drüber abgeschwatzt und gestohlen hatte – ein Kuß in Ehren ist keine Sünd, am allerwenigsten ein Kuß von einem, der Jagdverwalter wird und »positivi« heiraten will. Und wenn auch dem »süßen Schmalger« nicht über den Schritt zu trauen war – einen, der »solchen Aussichten« hat, den mußte man doch wohl ein bisserl warm halten. Das riet nicht nur die Klugheit, dazu reizte auch ganz besonders der Gedanke, daß sich ein anderer grasgrün ärgern würde, wenn schließlich aus der »Sach« doch etwas werden sollte. Ein schlechtes Gewissen also hatte die Burgi nicht. Ganz im Gegenteil. Dennoch erschrak sie. Und als sie den Pepperl so rennen sah, hatte sie nur den einen Gedanken: die erste beim Vater zu sein! Sie machte einen Sprung wie ein Heuschreck, der die Sense blitzen sieht, und rannte, was sie rennen konnte. Auch Pepperl machte hurtige Beine. So liefen sie miteinander um die Wette, wie zwei Jagdhunde um einen Hirsch. Gleichzeitig erreichten sie den Alten. Keuchend packte ihn Burgi am linken, Pepperl am rechten Arm.

»Vater! Zu mir kommst.«

»Na! Zu mir! Ich hab dich bstellt.«

»Zu mir kommst, Vater! Zu mir in d' Hütten!«

»Z'erst zu mir! Ich muß dir ebbes sagen, was pressant is!«

Der Alte stotterte immer: »Tuts mich net derreißen, Kinder! Net derreißen! Tuts mich net derreißen!«

Mit Zerren und Streiten hatten sie den Alten bis zur Sennhütte gebracht. Burgi blieb Siegerin. Sie schob den Vater über die Schwelle, schlug die Tür zu und stieß den hölzernen Riegel vor. Für diesen Riegel hatte Pepperl nur ein Lachen. Wie da zu helfen war, das wußte er. Erst verschnaufte er ein bißchen, dann zog er das Messer aus der Tasche, schob die Klinge in den Türspalt und begann zu schieben. Aber merkwürdig! Der Riegel wollte nicht weichen wie sonst. Verwundert guckte Pepperl näher zu und sah statt des alten, morschen Holzstückes, mit dem die Tür seit einem halben Jahrhundert zufrieden gewesen war, eine blinkende Latte durch die Spalte schimmern. Wann war dieser neue Riegel an die Tür gekommen? Und warum? Diese beiden Fragen gaben dem Praxmaler-Pepperl heiß zu denken.

In der Sennstube hatte Burgi den Vater zum Herd geführt. Da sah sie den Zustand seiner Kleider. »Vater! Um Gotts willen! Wie schaust denn aus?«

»Ich? Warum?«

»Vater!« Wie ernst das klang! »Hast mir im Fruhjahr net versprochen, daß dich halten willst? Und heut kommst mir daher, daß ich mich schamen muß, wenn dich an ordentlicher Mensch anschaut!« Burgi fuhr sich mit der Faust über die Augen. »Da mußt wieder an Saubern ghabt haben!«

»Na, na, na, na, net wahr is! Ich hab kein ghabt! Gwiß net! Heut net. Na!« stotterte Vater Brenntlinger, während er an seinem Hut die ausgefranste Krempe untersuchte.

Sie glaubte ihm nicht. »Wann ich nur schon wieder draußen wär bei dir! Er taugt mir eh nimmer da heroben.« Sie holte die Holzbürste, die zum Scheuern des Milchgeschirrs diente. »Geh her, laß dich a bißl abputzen!« Seufzend zog sie den Vater in die Fensterhelle, kniete vor ihm nieder und begann von unten herauf die Arbeit. »Und so wie heut, so kommst mir nimmer!«

»Na, na, na, na.«

»Tust mir's versprechen? Auf der Mutter ihr Andenken!«

»Ja, Burgele, ja! Und weil dein Vater so viel gern hast, ja –« er wühlt an der Brust herum und brachte das Päckchen zum Vorschein, »ja, drum hab ich dir was mitbracht, schau!« Langsam löste er mit seinen zitterigen Händen den Papierumschlag und entfaltete das seidene Tüchl.

»Jesses! Vater!« Das Mädel wurde rot vor Freude. Aber erschrocken fragte sie gleich: »Um Gotts willen, Vater, was hast denn für dös Tüchl zahlen müssen?«

»Zwei, ja, zwei Gugulden, ja!«

»Zwei Gulden! Vater! Mar und Joseph! Wo hast denn so viel Geld herghabt? Du wirst doch um Gotts willen net bettelt haben?«

»Na, na, na, na! Für'n Müllertoni, ja, für'n Toni bin ich auf Seefeld, weißt, a Botengangl auf Seefeld ummi!«

»Und da hat dir der Toni zwei Gulden geben?«

»Ein', der Toni, weißt! Und der Posthalter den andern, ja, der Posthalter!«

Sie war nur halb beschwichtigt. Aber möglich schien ihr die Sache doch, und sie wollte glauben, um an dem schönen Tüchl ihre Freude haben zu können. »Geh? Is wahr? Und da hast die zwei sauer verdienten Gulden für mich verspart! Da muß ich dir schon a Vergelt's Gott sagen!«

»Ja, ja, ja, und 's Tüchel, gelt, dös gfallt dir?« kicherte Vater Brenntlinger, froh, dem Verhör so glücklich entronnen zu sein.

Sie prüfte die Seide, hielt das Tuch ans Licht und versuchte, wie es sich falten ließe. »Aber geh, jetzt setz dich her, jetzt koch ich dir gleich was auf! Magst saure Nocken? Tut dich hungern? Gelt?«

»Ja, hungern, ja, und saure Nocken, ja, die kunnt ich brauchen. Und weißt, a bißl dürsten, ja, a bißl dürsten tut mich.«

»Da hol ich dir gleich a Schüsserl Milli.«

»Milli?« Der Alte bewegte den Mund, als hätte er eine bittere Zunge. »So, so? Milli krieg ich? Milli?«

Burgi war in die Kammer getreten. Ehe sie die Milchschüssel holte, legte sie vor dem Spiegelscherben, der neben dem Fenster an die Wand gepickt war, das seidene Tuch zur Probe um den Hals.

»Milli krieg ich? So, so? Milli?« Als hätte dieser Gedanke einen Zusammenhang mit dem Praxmaler-Pepperl, so guckte sich der Alte plötzlich um, wo denn der Jäger geblieben wäre. Und als er sah, daß an der Tür gewackelt wurde, ging er hin und schob den Riegel zurück. Ehe die Tür noch richtig offen war, drängte Pepperl sich schon mit beiden Ellbogen herein.

»Du, Jager, du, zu dir bin ich kommen, weißt, du hast mir was versprechen lassen, ja!«

»Was ich versprochen hab, dös kriegst! Z'erst aber muß ich reden mit dir. Da setz dich her an' Tisch!«

Als die beiden sich auf die Holzbank niederließen, trat Burgi mit der Milchschüssel in die Stube. Den ersten Schreck über die Stimme, die sich in der Sennhütte hören ließ, schien sie in der Kammer übertaucht zu haben. Wohl brannte ihr das Gesicht wie Feuer, doch mit spöttischer Ruhe sagte sie: »Ah, da schau her! der Pepperl!«

Sie stellte dem Vater die Schüssel hin und legten den Brotlaib mit Messer und Löffel daneben. Dann stemmte sie die Fäuste in die Hüften und lachte dem Jäger höhnisch ins Gesicht: »Hat mir net einer gsagt: du gingst mir nimmer eini in d' Hütten?«

Pepperl verfärbte sich und brüllte: »Bis ich zu dir komm, da kannst lang warten! Bloß zu deim Vater bin ich kommen. Weil ich z'reden hab mit ihm. Verstehst mich?«

»No also! Leg dir kein Maulkorb an! Kannst alles sagen! Ob's wahr is oder verlogen! Net amal auflusen tu ich! Na!« Mit spöttischem Lachen ging sie zum Herd und nahm eine Holzschüssel von der Wand, um den Nockenteig anzurühren.

Die Neugier schien keine von den schlechten Eigenschaften des Brenntlinger zu sein. Währen die zwei jungen Leute so heiß miteinander hachelten, gähnte er ein um das andere Mal und schnitt das Schwarzbrot mir großen Brocken in die Milch. Eben wollte er den ersten Schub verladen, als ihn Pepperl so energisch am Arm packte, daß der Brocken vom Löffel wieder in die Schüssel fiel.

»Jetzt, Brenntlinger, jetzt paß auf!«

»Ja, ja! Red nur zu!« Der Alte holte mit dem Löffel aus. »Aber essen mußt mich lassen! Essen, weißt!«

»Der Appetit wird dir vergehn! Dir! Wann d' solchene Sachen hörst! Du bist der Vater. Dich geht's am ärgsten an! Und dir z'lieb hab ich mich dreingmischt! Daß ich dir an Kummer verspar, du guter alter Teufi, du!«

»A Teufi, was, a Teufi bin ich?« kicherte Vater Brenntlinger und wischte sich die verschüttete Milch von der Joppe. »Ich hab doch keine Hörndln!«

»Jetzt lach net! Mir is blutig ernst! Und dir geht's an d' Ehr! Da, schau dir's an, dein Töchterl! Die führt sich nobel auf!« Vom Herd herüber ließ sich ein höhnisches Lachen hören. »Lachen kann s' auch noch! Die! Und der arme Vater kann sich d' Augen ausweinen! Drum laß dich verwarnigen, du guter Mann, du braver! Und red a Wörtl, solang's noch Zeit is! Denn daß ich dir's ehrlich sag: in deiner Burgl ihrer Hütten geht's zu, als ob die Gomorringer ausgruckt wären!«

»Was? Wer?« Der gute brave Mann schluckte einen Brocken. »Wer is ausgruckt?«

»Die Gomorringer! Die von der selbigen Stadt, wo's Pech und Schwefel hat regnen müssen. Und warum? Dös wirst schon wissen!«

Der Kochlöffel in der Hand der Sennerin machte einen verdächtigen Zuck, tauchte aber wieder in den Nockenteig.

Studierend schüttelte der Alten den weißen Kopf. »Na, du, dös mußt mir schon besser verexplizieren, ja!«

Pepperl schnaufte in schwüler Hitze. »Teufi, Teufi, Teufi, hat man mit dir a Gfrett!« Mit beiden Händen fuchtelte er dem Alten vor der Nase herum. »Dös weißt doch, daß unser Herr Fürst jetzt da is?«

»Ja, freilich, ja, der Herr Fürst! So, so? Was für a Fürst is denn der?«

»Der unser Jagd in Pacht hat!«

»A Jager? So, so? A Jagerfürst! Und, ja –« Der Alte legte den Löffel nieder, und seine Augen erweiterten sich. »Du, Pepperl, sag, is enker Fürst net mitn, mitn Förstner in der Luitasch gwesen? Vor acht Täg?«

»Freilich is er draußen gwesen. Aber dös ghört net daher. Dös geht dich nix an.«

»Geht mich, ja, gegeht mich schon was an!« versicherte Brenntlinger mit solchem Eifer, daß er zu stottern begann. »Wenn dös der Füfürst gwesen is – zu dem geh ich auffi. Dem muß ich, ja, muß ich was verexpipilixieren.«

Pepperl verlor die Geduld. »Kreuzteufi, jetzt hör amal auf und lus mir zu. Wann d' auffigehst zum Fürsten, wirst aussigschmissen vom Herrn Kammerdiener. Verstehst mich?«

»Kammerdiener? So, so? Und is der auch so, ja, so nobel, der?«

»Der wird wohl nobel sein!« Pepperl lachte mit zornrotem Gesicht. »Hat seidene Hösln an! Und Schnallenschuh! Wie der Mesner bei der Leich.«

»Schnallenschuh? Und seidene Hösln?« staunte der Alte. »Ah, der muß aber nobel sein!«

»Und gestriegelte Haar hat er! Und deiner Burgi steigt er nach! Verstehst mich? Deiner Burgi steigt er nach!«

Langsam drehte Brenntlinger sich auf der Bank herum und fragte mit aufgeregtem Stottern: »Bu – Buburgi? Is dös wahr?«

»Ja, dös is wahr!« erklärte Burgi und warf eine Handvoll Salz in den Nockenteig.

»Hörst es jetzt?« schrie Pepperl wie ein Verrückter. »Wahr is, was ich gsagt hab! Und anschmalgen tut er's! Anschmalgen, daß er's heiraten tät!«

Die Aufregung des Alten wuchs. »Bu – Buburgi? Is dös wahr?«

»Wahr is's! Ja!» fuhr die Sennerin mit gereizter Stimme auf. »Den ganzen Tag hockt er da in der Hütten und pumpert die halben Nächt am Kammerfenster. So verliebt is er! Wahr is, wahr is, wahr is!«

Über den Tisch hinüber packte Pepperl den Arm des Alten. »Hast es ghört, Brenntlinger? Jetzt denk, daß du der Vater bist, und daß dich rühren mußt in deiner Verantwortigung. Verstehst mich? So! Jetzt red!«

Stolpernd schob Brenntlinger sich hinter dem Tisch hervor, und warnend hob er den Finger. »Bu – Buburgi! Dös muß ich dir sagen, hörst! Da sei fein gscheit! Den laß nur nimmer aus! Da kannst dein Glück machen, ja, dein Glück! Dös is a Nobliger! Wann gscheit bist, machst dein Glück!«

In sprachloser Verblüffung starrte Pepperl den Alten an und fuhr sich mit beiden Händen durch die Kreuzerschneckerln. Dann sprang er auf und rüttelte den Brenntlinger, als müßte er mit Gewalt in ihm das schlummernde Gefühl der väterlichen Verantwortung aufwecken. »Mensch? Was redst denn da? Er lügt ja dein Madl an! Jagdverwalterin tät's werden! Ja, Schmarrn mit Lakrizensoß! Alles is verlogen! Und dös dumme Gansl glaubt's ihm. Du? Verstehst mich bald? Und du bist der Vater! Du!« Pepperl rüttelte, daß dem Alten die Zähne klapperten. »Rühr dich, Vater! Rühr dich a bißl!«

»Da rühr ich mich, ja! Wann er mein Madl anlügt, rühr ich mich! Da nimm ich an Avakatn! Da muß er zahlen, der! Dös is a Nobliger! Der hat Geld! Und wann er net zahlt, so muß der Herr Fürst, jaaa, der Herr Fürst muß zahlen. Der hat Geld!«

Pepperl sah aus, als hätte man ihm Asche ins Gesicht geworfen. Mit zitternden Händen knöpfte er die Joppe zu. »Jetzt kenn ich mich aus!« Das Wasser schoß ihm vor Zorn in die Augen. »Ös seids mir zwei saubere Leut! Pfui Teufi mitanand!« Er spuckte aus. »Da wär ich in a schöne Verwandtschaft einikommen!« Er wußte wohl nicht, was er redete. Der Zusammenhang dieses empörten Wortes mit der selbstlosen »Verantwortigung«, die der Praxmaler-Pepperl auf seine moralischen Schultern genommen hatte, war dunkel, war völlig unbegreiflich.

Wütend packte er seinen Hut und verließ die Sennstube.

Mit großen Glotzaugen sah Vater Brenntlinger ihm nach. »Wawas, was hat er denn?«

Burgi wurde kreidebleich. Sie ging auf den Alten zu und faßte ihn am Arm. »Vater! Marschier ins Kammerl eini! Und tu dich schlafen legen! Auf der Stell! Denn daß d' mir nüchtern solchene Sachen sagen könntst, dös glaub ich net. Und hast dein Dampus ausgschlafen, so reden wir weiter! Vorher kein Wörtl nimmer! Tu dich schlafen legen!«

»Schlafen? Warum denn schlafen? Ganz munter bin ich, ja, und tu mich soviel freuen mit, ja, mit dein Glück!« Er guckte an ihr hinauf. Als er ihr Gesicht und ihre Augen sah, erschrak er und murmelte begütigend: »Ja, ja, ja, sei nur zfrieden, Burgerl! Muß ich halt schlafen, ja! A Stünderl schlafen!« Seufzend stolperte er über die Kammerschwelle.

Burgi ging zum Herd. Auf die Steine niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.

Und droben im Försterhäuschen saß der Praxmaler-Pepperl hinter dem Ofen, bürstete mit den Fäusten die Augen und würgte nach Luft. Die Selbsterkenntnis war erschreckend in ihm aufgegangen. »So an Esel, wie ich einer bin! Auf so a Weibsleut reinfallen! Mar und Joseph!« Lärm und Stimmen weckten ihn aus diesem Jammer seiner Liebe – aus einem Katzenjammer, der das Merkwürdige hatte, daß ihm kein Rausch vorausgegangen war.

Mit den Jägern und Treibern war der Förster gekommen, aufgeregt, fassungslos über den sonderbaren Ausfall der Jagd, die doch »wie am Schnürl« gegangen war. Drei Hirsche waren angesprungen, kein Schuß war gefallen, und auf dem Fürstenstand hatte man keinen jetzt gefunden, nur einen Wettermantel, den Feldstecher und die Büchse. »Mensch, um Christi willen, was is denn da passiert?«

Als Pepperl mit zerknirschter Miene berichtete, was sich ereignet hatte, und daß die Geschwister droben im Jagdhaus beim Herrn Fürsten wären, klang in der Stille, mit der die Leute lauschten, ein schallendes Gelächter.

Der Förster drehte das Gesicht. »Aber Toni? Bist denn übergschnappt?«

Mazegger gab keine Antwort. Während er hinunterschritt zu seiner Hütte, sahen ihm die anderen verwundert nach.



Fünfzehntes Kapitel

Warm leuchtete die Mittagssonne in das weiße Zimmer. Mit glühendem Gesichtl lag der kleine Patient in den Kissen, nachdenklich und verträumt. Soviel auch die beiden plauderten, die an seinem Bette saßen – Gustl sprach kein Wort. Und wenn ihn die Schwester fragte: »Warum bist du so still, Bubi? Hast du Schmerzen?« – dann schüttelte er den Kopf und sah sie mit glänzenden Augen an.

Nebenan, im Wohnzimmer des Fürsten, deckte Martin den Tisch. Das hatte Ettingen so angeordnet, damit Lo in der Nähe des Bruders bleiben könnte. Lautlos verrichtete der Lakai seine Arbeit und lauschte dabei mit seinen Fuchsohren auf jedes Wort, das im anstoßenden Zimmer gesprochen wurde. Doch er hörte nichts, was er für seine getreuen Zwecke in Vormerkung hätte nehmen können. Da wurde, bald mit ruhigem Ernst, bald wieder mit heiterem Geplauder, von Natur und Kunst gesprochen, von Leben und Menschen, von Dorf und Stadt, vom Sebensee und vom Leutascher Tal, von einem sonnigen Morgen und einer stürmischen Nacht. Aber so unverfänglich auch für Martins Ohren diese Gespräche waren, er zog doch immer wieder die Brauen hoch. Nicht der Text, sondern der Ton machte für ihn die Musik. Diese beiden Stimmen hatten immer einen so seltsam innerlichen Klang, als läge in jedem gesprochenen Wort noch etwas heimlich Verborgenes.

Der Tisch war bereit. Martin wartete mit der Uhr in der Hand. Punkt ein Uhr trat er mit Würde über die Schwelle des anstoßenden Zimmers. »Monsieur le prince, il est servi!«

Ohne das Geplauder zu unterbrechen, erhob sich Ettingen und reichte Lo den Arm. Bei der Tür nickte er dem Patienten lächelnd zu: »Ich sorge schon für dich!« Als sie in das Wohnzimmer traten, sah Ettingen den Tisch an und fragte erstaunt: »Aber Martin? Da sind ja nur zwei Gedecke? Wo ist der Förster?«

Keine Miene zuckte in dem ernsten Gesicht des Lakaien. »Ich dachte – wenn aber Durchlaucht befehlen –«

»Natürlich!« Ettingen ging mit Lo zum Tisch. Da sah er auf dem Gesims des Waffenschrankes ein Bild stehen, in olivgrünem, von matten Goldfäden durchzogenem Rahmen: die mit zarten Farben überhauchte Radierung nach dem Böcklinschen Gemälde. »Mein ›Schweigen‹! Wahrhaftig! Da hab ich es!« rief er in Freude. »Martin? Wann ist das Bild gekommen?«

»Gestern, Durchlaucht. Ich hab es ausgepackt. Da ich nicht wußte, welchen Platz Durchlaucht für das Bild befehlen, hab ich es einstweilen hierher gestellt.«

»Gut! Ich danke, Martin!«

Der Lakai verließ das Zimmer.

Ettingen rückte das Bild gegen das Fenster, damit es in besserm Lichte stünde. Dabei sah er nicht, daß über Lolos Züge ein Schatten von Wehmut ging, als hätte der Anblick des Bildes eine schmerzliche Erinnerung in ihr geweckt.

»Sehen Sie, Fräulein: ein Bild, das ich liebe! Das Schweigen im Walde, von Meister Böcklin.«

Lo nickte.

»Nicht wahr, ein herrliches Bild? Wie das redet in seiner Ruhe, in der Fülle seiner stummen Gedanken!«

»Ja! Das Kunstwerk eines Meisters, der nicht nur zeigen will, der auch viel zu sagen hat.«

»Und wie wenig er braucht, um viel zu sagen! Ein paar Baumstämme, fast ohne Äste. Und dennoch glaubt man den ganzen, tiefen, vielhundertjährigen Wald zu sehen.

Und dieser Gegensatz der Beleuchtung: hier im Wald das Dunkel das Abends, fast schon die Nacht, und draußen in der Ferne noch der leuchtende Himmel. Und die kleinen und scheuen Lichter, die von draußen hereinschleichen durch die dichten Zweige. Sind sie nicht wie sehnsüchtige Träume? Wie die Wünsche eines Menschen, der das grelle Licht und den wirren, schmerzenden Lärm des Tages satt bekam und nach Frieden verlangt, nach Ruhe, nach stiller Schönheit? Und wie reichlich der Wald das alles gibt! Ich hab es erlebt an mir selbst! Dieses Schweigen im Walde, wenn draußen der Tag versinkt – wie das heilt! Wie das beruhigt! Wie schön das ist! Man hört keinen Laut. Dennoch fühlt man, als hätte dieses Schweigen hundert Stimmen. Jede redet zu uns und sagt uns ein neues Wort. Wie muß der Künstler allen Zauber der Waldstille empfunden haben, um ihn so überzeugend zu verkörpern: in der ernsten Schönheit dieser Waldfee, die auf dem Einhorn reitet! Hat dieses Tier nicht etwas Urweltliches an sich? Geradeso wie der Wald, wie alles Werden und Wandern in der Natur? Und sehen Sie nur: wie dieses Horchen auf das Ewige, dieses träumende Märchenlauschen aus den schönen Augen der Waldfrau redet!«

»Das? Eine Waldfrau? Eine Verkörperung aller Schönheit des von Ruhe erfüllten Waldes? Meinen Sie?« fragte Lo beklommen. »Ich habe das Gefühl, daß Sie in dieses Bild etwas hineinlegen, was aus Ihnen kommt. Das ist milder und freundlicher als der Gedanke dieser Gestalt. Der ist viel strenger. Ich meine, daß sich der Künstler dachte: das ist die Natur, die Natur selbst! Jetzt ruht sie, hat die Hände im Schoß und betrachtet, was sie in hundert Jahren, die bei ihr eine Minute heißen, geschaffen hat. In solcher Ruhe ist ihr Auge schön, träumerisch und sinnend. Aber –«

»Ein Aber?« fiel ihr Ettingen mit lächelndem Schreck ins Wort. »Fräulein Lo, ich warne Sie! Über diese Augen dürfen Sie mir nichts Böses sagen! Ich habe dieses Bild immer bewundert. Um dieser Augen willen hab ich es liebgewonnen. Den Blick solcher Augen hab ich gesehen, in Wirklichkeit! Den hab ich erlebt. Ich selbst! An diese Augen glaub ich. Aber sprechen Sie, ich bitte, was wollten Sie sagen?«

Sie war befangen und vermochte nicht gleich zu sprechen. »Diese Augen sind schön, jetzt in der Ruhe, in dem Wohlgefallen, das die Natur an ihrer eigenen Schöpfung empfinden muß! Aber sehen Sie den Körper dieses Weibes an! Dieses Übermenschliche an ihm! Die ruhende Kraft! Um den herrischen Mund liegt etwas Gewalttätiges und unerbittlich Grausames. Und das mußte der Künstler so zeigen, denn die Natur ist grausam, wenigstens im Sinne von uns Menschen, die wir den Schmerz so schwer ertragen. An der Natur ist die Unerbittlichkeit eine Eigenschaft wie die Schönheit, wie die Kraft, wie jede andere. Die Natur muß grausam sein, wenn sie das Verbrauchte beseitigen und das Neue schaffen, wenn sie bestehen und nicht altern will. So schön die Natur in der Ruhe sein kann, es redet doch immer etwas aus ihrem Gesicht wie eine unheimliche Drohung. So wirkt auch dieses Bild auf mich. Es weckt ein Gefühl in mir wie Angst, die das Bangen vor einer Gefahr, die mir nah ist, und an die ich doch nicht glauben kann, weil ich soviel Schönheit sehe.«

Sinnend betrachtete Ettingen das Bild. »Sie haben recht. Jetzt, da Sie es gesagt haben, fühl ich es auch. Dieser harte, herb geschlossene Mund scheint sagen zu wollen: sieh, wieviel Schönheit dich umgibt in der Ruhe des Waldes, aber dieses stille Träumen wird nicht mehr lange dauern, der Wald hat seinen Zweck erfüllt und ließ den Samen fallen, aus dem das Neue wächst – komme morgen wieder, und was du heute noch siehst, wird alles verschwunden sein, gefallen in Sturm, versunken in Asche! Sehen Sie nur, dieser Baum! Der hat schon eine Wunde wie von einem schweren Steinschlag. Wie er blutet! Der Baum muß sterben. Und das Eichhörnchen, das über den Stamm hinaufklettert, wie in Schreck und Angst? Ich habe nie recht begriffen, was der Künstler mit diesem Tierchen wollte. Jetzt versteh ich es. Das kleine Ding empfindet die Gefahr, die aus dem schweigenden Gesicht der Natur zu ihm redet, und weiß in seiner dunklen Sorge nicht, wohin es sein winziges Leben flüchten soll. Armes Geschöpf!« Er schwieg eine Weile. Dann sagte er plötzlich: »Da Sie den Gedanken dieses Bildes so tief erfassen – wie müßte erst das Original auf Sie wirken, mit der Kraft seiner Farbe!«

»Das hab ich gesehen.«

»Wo? Und wann?«

»Vor vier Jahren, im Sommer, als Papa mich mit nach München nahm, um die Ausstellung im Glaspalast zu besuchen. Da war auch dieses Bild. Und noch drei andere Werke Böcklins, das ›Schloß am Meer‹, die ›Toteninsel‹ und das ›Spiel der Wellen‹.«

»Welchen Eindruck müssen diese Bilder auf Sie gemacht haben!«

»Ich habe das noch heute so in Erinnerung, als hätt ich es gestern erlebt.« Lolos Stimme wurde leiser. »Ich denke nicht gern an jenen Tag. Es knüpft sich an ihn eine Erinnerung, die mir weh tut.«

»Fräulein?«

»Als Papa diese Bilder sah, wurde er seltsam still. Dann nahm er meine Hand, drückte sie, daß es mich schmerzte, und sagte: ›Sieh, Lo, was ich immer will, der da, der kann es! Das ist ein Großer! Das ist Kunst!‹ Dabei war sein Gesicht so vergrämt, so trostlos – er hat lang gebraucht, um das zu überwinden.« Mit feuchtem Blick sah Lo zu Ettingen auf. »Daß er so gering von seiner eigenen Kraft und so groß von dem Können des anderen denken konnte, das spricht doch für ihn selbst? Hochmütig ist nur der Stümper, nur der Unfähige kann Neid empfinden. Wer in sich selbst das rechte, heilige Feuer brennen fühlt, kann mit neidloser Bewunderung zu der reicheren Kraft eines Größeren aufblicken.«

Ettingen fühlte ihre beklommene Erregung. Das schmerzte ihn, und er suchte nach einem Wort, das sie beruhigen könnte. »Ihr Vater hatte unrecht, sich so klein zu fühlen! Ein Bild wie das da hätte auch Ihr Vater schaffen können, der die Natur so sehr verstand – gerade Ihr Vater –, wenn auch in anderer Form, doch mit dem gleichen, künstlerischen Wert, mit der gleichen Fülle der Gedanken!«

»Mit dem gleichen Gedanken?« Sie schüttelte den Kopf. »Mein Vater? Nein! Er war in seinem Wesen ein völlig anderer. In allen Bildern Böcklins liegt etwas Herbes und Unerbittliches, bei aller Schönheit, die er schuf. In ihm ist ein Stück Natur, die das Schöne nur erschafft mit dem Gedanken an die Zerstörung, der es verfallen muß. Sie kennen doch gewiß das Selbstporträt Böcklins?«

»Auf dem er sich malte, wie ihm der Tod sein Geheimnis ins Ohr flüstert?«

»Ja! Dieser Todesgedanke redet bei ihm aus allen Bildern, verläßt ihn nie und macht, daß er gering vom Wert des Lebens und von der Schwäche alles Menschlichen denkt. Deshalb wählt er auch mit Vorliebe seine Stoffe aus einer Zeit, in der die Kraft noch alles war und das Leben sich abspielte wie ein wilder leidenschaftlicher Kampf. Sehen Sie nur dieses Bild an! Scheint dieses Weib nicht sagen zu wollen: ›Sieh her, kleiner Mensch, wie groß und stark ich bin! Ich zwinge das wilde Tier, das mich tragen soll, wohin es mir beliebt. Willst du herrschen und ein König deines Lebens werden, dann mußt du sein, wie die Natur ist, stark und rücksichtslos!‹ – Das ist ein Gedanke, den mein Vater als Künstler nicht aussprechen konnte!«

»Auch nicht als Mensch!« fiel Ettingen ein, mit einer Wärme, die nicht nur aus seiner Stimme, auch aus seinen Augen redete. »Was ich vorhin sagte, war ein törichtes Wort. Vielleicht war es auch ein wenig unehrlich. Ich wollte Ihnen über eine schmerzliche Stimmung weghelfen und sehe, daß Sie so überflüssiger Hilfe nicht bedürfen. Ihr Vater, ja, war anders als der Große, der dieses Bild da schuf. Deshalb nicht der Kleinere und Schwächere. Es ist etwas Schönes um die Kraft, die den Sieg erzwingt. Aber Sieg ist auch Glück. Und Glück hat nicht jeder, der es verdient. Und solche Mißgunst der launischen Göttin mit einem stolzen Lächeln zu verwinden, wie das Ihr Vater konnte – alle Enttäuschung des Lebens zu erfahren und doch dem Leben so gut zu sein, als Künstler die Anerkennung der Welt entbehren zu müssen und doch sich selbst getreu zu bleiben –, wer das vermochte, in dem war Kraft, die höher wiegt als der Ruhm eines Sieges!«

Wie dankbar sie zu ihm aufblickte! »Ja, getreu, sich und denen, die er liebte – das ist er geblieben. Aber der Eindruck, den Böcklin auf ihn übte, hat etwas in ihn hineingedrückt, das er mit Gewalt wieder von sich abstoßen mußte: die Versuchung, diesen schönen Lebensfrieden, den er gefunden hatte, zu opfern, um den Kampf wieder aufzunehmen und auch zu siegen. Wie er da gesiegt hat! Mama und ich, wir wollten ihn bestärken und haben ihm zugeredet: Versuch es noch einmal! Aber da nahm er uns um den Hals und sagte: ›Nein!‹ Und alles, was in ihm wühlte, hat er sich mit einem Bild von der Seele gemalt. Das haben Sie nicht gesehen, als Sie bei uns waren. Es ist das Beste, was er schuf. Und er hatte nur Kummer davon, sogar hier im Dorf. Wenn Sie wieder nach Leutasch kommen – darf ich es Ihnen zeigen?«

»Ja, Fräulein, ich bitte!« Er nahm ihre Hände. »Und das ›Schweigen‹ dort wollen wir gegen die Wand drehen.«

»Weshalb?«

»Es hat in Ihnen die Erinnerung an einen Kummer Ihres Vaters geweckt. Ich weiß nicht, was ich dafür gäbe, wenn Sie das Bild nicht bei mir gesehen hätten! Aber wissen Sie, weshalb ich es kommen ließ? Weil meine erste Begegnung mit Ihnen mich an dieses Bild erinnerte. Da draußen, im Tillfußer Forst! Wissen Sie noch? Jener stille, wundervolle Abend im Schweigen des Waldes? Wie Sie damals geritten kamen und Ihre Augen so tief und ruhig blickten – das war schön! Und weil ich das wieder sehen wollte, hab ich mir das Bild kommen lassen, an das ich bei unserer Begegnung denken mußte. Aber das Bild? Nein! Das ist etwas anderes. Sie haben recht: ich trug in die Auffassung dieses Bildes etwas hinein, was freundlicher und milder ist. Das ist so, wie Sie sind. Und diese Erinnerung, die ich in mir bewahre, vertausch ich nicht gegen alle künstlerische Größe dieses Bildes da!«

Wortlos stand sie vor ihm, von dunkler Glut übergossen.

Da tappte der Förster ins Zimmer, und als er sah, daß Ettingen die Hände des Mädchens in den seinen hielt, sagte er lachend: »No also, da kann ich ja gleich mitgratalieren, daß die Gschicht im Griesfeld so glimpflich abgangen is!« Er pries den guten Schutzengel, den der »kleine Herr Petri« haben müsse, und rief dem Patienten von der Schwelle des Schlafzimmers ein paar lustige Worte zu. Aber bei aller Freude, die er über den glücklichen Ausfall der »Gschicht« zum besten gab, fuhr ihm doch immer wieder der Gedanke an die »ausgrutschte« Treibjagd durch den Kopf. Auch während der Mahlzeit sang er noch immer dieses Lied seines Jägerschmerzes: »Drei Hirsch! Sakra, sakra! Drei Hirsch hätten wir haben können! Drunt in der Hütten hockt der Pepperl und macht an Kopf – so hab ich ihn meiner Lebtag noch net gsehen! Wie der sich kränken muß um die drei Hirschen! Dös muß schon schauderhaft sein! Aber Ihnen, Duhrlaucht, merkt man gar nix an. Sie müssen die drei Hirschen leicht verschmerzt haben.« Er fuhr sich mit der Serviette über den Schnauzbart und lachte. »Gwiß wahr, Duhrlaucht, ausschaun tun S' wie 's Leben, und die gsunde Freud lacht Ihnen aus die Augen raus! Gelt, dös müssen S' eingstehn: unser Lüftl daheraußen, dös schlagt Ihnen an!«

»Ja, lieber Förster! Hier im Bergwald bin ich gesund geworden an Leb und Seele! Glücklich und froh!«

»Hab ich's net gsagt! Unser Wald! Ui jögerl, unser Wald! Was der alles kann! Duhrlaucht, den müssen wir leben lassen! Unser Wald soll leben!« Lachend hob Kluibenschädl das Glas und stieß mit dem Fürsten an. »Was is denn, Fräulein Lo? Haben S' net ghört? Der Wald soll leben! Wär net ohne, wann Sie da net mittäten! Was is denn? Warum sind S' denn so mäuserlstad? Und heiß muß Ihnen sein! Sie brennen ja wie 's Kerzl von der Mutter Gottes! Soooo! Schön 's Glaserl nehmen! Schön anstößen! Derrrr Wald soll leben!« Die Gläser klangen zusammen, und das heitere Lachen wandelte sich zu einem froh belebten Geplauder, das die ganze Mahlzeit begleitete. Der Förster in seiner vergnügten Laune schmauste dazu mit so gesundem Hunger, daß die Platten leer wurden, obwohl ihn seine Tafelgenossen bei diesem »Schönwettermachen« mangelhaft unterstützten. Sie tranken auch kaum einen Tropfen, diese beiden, und dennoch waren sie in einer Stimmung, als wäre ihnen das Feuer eines köstlichen Trankes ins Blut gedrungen.

Immer wieder erhob sich Ettingen, um nach dem kleinen Patienten zu sehen und jeden Teller zu begleiten, den Martin ins weiße Zimmer trug. Nach einem solchen Besuche gab er lachend das Bulletin aus: »Fortschreitende Besserung, der hohe Kranke erfreut sich eines gesegneten Appetits.«

Als das Dessert genommen war, verabschiedete sich der Förster mit einem großen Kompliment und einem kleinen Schwips. Martin brachte die Post, aber Ettingen sagte: »Das hat Zeit, lege nur alles auf den Schreibtisch hinüber!«

»Es ist eine Depesche dabei, Durchlaucht!«

»So gib sie her!« Beim Anblick der sechs eng beschriebenen Blätter sagte Ettingen lachend: »Eine Depesche? Das ist ja ein Brief!« Kaum hatte er zu lesen begonnen, als er in freudiger Erregung aufblickte: »Und das muß heute kommen! Gerade heut!«

»Sie haben eine gute Nachricht erhalten?«

»Eine gute nur? Mehr als das! Eine Nachricht, die mir doppelte Freude macht, weil sie gerade heute kam, jetzt, während Sie bei mir sind. Denn diese Nachricht, Fräulein, ist auch eine Freude für Sie! Eine große Freude! Hören Sie!« In heißem Eifer schob er alles beiseite, was vor ihm auf dem Tische war, und faßte Lolos Hand. »Aber bevor ich lese, muß ich Ihnen sagen, wie ich zu dieser Nachricht komme. Damals, als ich Sie kennenlernte, draußen beim Sebensee, unter dem klingenden Baum, sprachen wir doch so viel von Ihrem Vater. Das weckte meine Teilnahme für sein Schicksal und seine Kunst. Und als ich heimkam, depeschierte ich an einen Freund in Wien, mir alles mitzuteilen, was er über Emmerich Petri erfahren könnte. Und das ist die Antwort!«

Zitternd saß sie vor ihm, mit den Augen in banger Spannung an seinen Lippen hängend.

Ohne ihre Hand zu lassen, begann er zu lesen: »Mein lieber Heinz –«

»Das ist Ihr Name?«

»Ja! – ›Mein lieber Heinz! Der Kunstaugur, dem ich die Nachforschungen nach Deinem Emmerich Petri übertrug, war soeben bei mir. Da Deine Anfrage etwas merkwürdig Dringendes hatte, nehme ich in meiner Freundschaft einen Anlauf zur Verschwendung und depeschiere Die ein ganzes Kapitel moderner Kunstgeschichte. Dein Petri stammt aus einer Allgäuer Bauernfamilie, verlor als Knabe die Eltern und bekam zum Vormund einen Pfarrer, der den Erlös des kleinen Bauerngutes auf den Acker der Kirche säen wollte und den begabten Jungen in eine geistliche Präparandenschule steckte. Mit neunzehn Jahren lief Petri der frommen Gesellschaft davon, ein Beweis, daß er zu denken und als Mensch zu empfinden verstand. Er wollte Künstler werden und besuchte zwei Jahre die Akademie. Seine Professoren sprachen ihm alles Talent ab und meinten, er hätte klüger getan, Kaplan zu werden. Mit zähem Ehrgeiz stellte er sich auf freie Füße, ging seine eigenen Wege, arbeitete mit eisernem Fleiß und begann ein paar Jahre später im Münchener Kunstverein auszustellen, ganz wunderliche Bilder, seltsam in Technik und Farbe, befremdend durch ihre Gedanken, kindlich und kühn zugleich, mit einer Vorliebe für fabulöse und didaktische Stoffe, in denen sich Hellenismus und freidenkendes Christentum eigenartig verschmolzen. Man verstand ihn nicht, schüttelte den Kopf und lachte. Ein Jahrzehnt lang kämpfte der Mann erbittert um Anerkennung. Schließlich scheint ihn die Geduld verlassen zu haben. Vor etwa vierzehn Jahren wanderte er mit seiner Familie aus München davon, niemand weiß, wohin. An seiner Kunst verzweifelnd, scheint er aufgegeben zu haben. Man hat seit jener Zeit kein Bild mehr von ihm gesehen. Das ist schade, denn seine Zeit wäre jetzt gekommen.‹«

Ettingen unterbrach sich, drückte Lolos Hand und stammelte in Erregung: »Seine Zeit! Hören Sie, Lo!«

Ein Lächeln irrte um ihren Mund; sie konnte nicht sprechen und nickte nur.

Mit fliegender Stimme las er weiter: »Das ganze Unglück dieses Mannes war, daß er um zwanzig Jahre zu früh geboren wurde und mit den Anfängen seiner eigenartigen Kunst in eine Zeit der ausgetretenen Geleise kam. Die Zeit hat sich geändert, gründlich, und heute verlangt man von der Kunst vor allem Persönlichkeit. Da kommt gerade jener zur stärksten Geltung, der seine eigenen Wege geht und sich vom Gesicht der Durchschnittsmacher unterscheidet. Der Meistertitel wird vor Namen gesetzt, zu denen vor einem Jahrzehnt noch alle Welt den Kopf schüttelte. Einer von diesen spät Erkannten ist Hans Thoma, der auch die Spießrutengasse des Münchner Kunstvereins kennenlernte, und den sie heute mit Ehrfurcht den ›tiefen Träumer‹ nennen. Vor zwei Jahren, in einer kritischen Beleuchtung Thomas, erinnerte sich zum erstenmal ein Münchner Kritikus an einen ›Vorläufer des Meisters‹, an Emmerich Petri. Immer häufiger wurde in der letzten Zeit dieser Name genannt. Von Kunsthändlern wurde das eine und andere seiner Werke ausgegraben und wanderte von Stadt zu Stadt. Im vorigen Sommer erfuhr man, daß ein Frankfurter Kunstfreund, dessen Spezialität das Sammeln künstlerischer Originalitäten ist, im Besitze einer aus siebenundzwanzig Bildern bestehenden Kollektion des neuerkannten Meisters wäre, und im Herbst, Ende September, wurden diese Bilder zu einer ›Separatausstellung von Werken Emmerich Petris‹ nach Berlin gebracht, um die Kunstwelt in Aufruhr und Begeisterung zu versetzen.« Ettingen vermochte nicht weiterzulesen.

Regungslos, wie versteinert saß das Mädchen. Nur in ihren Augen war Leben und tonlos flüsterte sie vor sich hin: »Im Herbst – Ende September –«

Um diese gleiche Zeit war jener Wolkenbruch in der Leutasch niedergegangen, zwei Tage und Nächte hatte Emmerich Petri gearbeitet, »wie ein Holzknecht«, und hatte die Rettung von ein paar armseligen Hütten mit seinem Leben bezahlt.

»Im Herbst! Ende September!«

Ettingen empfand die Tragik dieses Wortes, und die Kehle war ihm wie zugeschnürt, so daß er mit Gewalt seine Stimme zwingen mußte, um lesen zu können: »Die Ausstellung war ein Erfolg, so einstimmig, wie er noch selten einem Künstler zuteil wurde. Dem Frankfurter Sammler, der die Bilder vor fünfzehn und zwanzig Jahren um eine Bagatelle erworben hatte, wurden hohe Summen geboten, aber der Mann war stolz auf seinen Besitz und verkaufte nicht ein einziges Bild. Alle Journale brachten ausführliche Besprechungen des Meisters, man bezeichnete ihn als eine an Gedankentiefe mit Böcklin verwandte Natur, als dessen milderen Bruder. Böcklin wäre die strenge Kraft, Petri die träumende Liebe. Und überall die Frage: Wo ist dieser Mann? Wer weiß von ihm? Wo lebt er?‹« Erschrocken legte Ettingen die Blätter nieder. »Fräulein!«

Blaß, an allen Gliedern zitternd, hatte Lo sich erhoben, als wäre es über ihre Kraft gegangen, dieses Wort zu hören. Ein Sturz von Tränen brach aus ihren Augen, mit einem Schluchzen, das ihren Körper schüttelte wie Frost.

»Fräulein! Allmächtiger Gott! Ich bitte Sie, liebes Fräulein –« Ettingen legte den Arm um ihre Schultern wie ein Bruder, der die Schwester beruhigen will. Sie schien in diesem Sturm von Erregung nichts anderes zu denken als nur das eine: er fühlt mit mir – und da überließ sie sich willenlos seinem Arm, und weinend barg sie das Gesicht an seiner Brust. Aus dem anstoßenden Zimmer klang mit erschrockenem Ton die Stimme des Knaben: »Lo! Ach Gott, Lo! Was hast du? Warum weinst du denn?«

»Sorg dich nicht, Bubi!« rief Ettingen. »Was deine Schwester weinen macht, ist Freude!« Er streichelte mit scheuer Hand ihr schimmerndes Haar, richtete sie auf und sagte leis: »Ich verstehe Ihr schönes, kindliches Gefühl. Ihre Freude mischt sich mit dem schmerzvollen Gedanken, daß Ihr Vater sterben mußte, bevor ihm die Welt den verdienten Lorbeer reichte. Aber wie er starb! Das muß Ihrem Herzen sagen, daß er die Augen nicht geschlossen hat, ohne tief in seinem Innersten zu glauben: ich habe nicht umsonst gewirkt, ich kann nicht sterben, ich werde weiterleben! Sonst hätte er die Welt nicht so verlassen können, mit dieser Ruhe, mit diesem Lächeln, mit diesen letzten Worten: ›Meine Blumen!‹ Das galt nicht nur den Blumen da draußen am See. Dieses Wort hat allem gegolten, was aus der Tiefe seiner Seele heraufblühte und reines, köstliches Leben wurde. Das wird seinen Namen tragen, wird dauern als eine Freude für die Menschen! Ihr Vater ist nicht gestorben: er lebt! – Nein, Lo, Sie dürfen nicht weinen! Sie müssen sich aufrichten und stolz sein auf Ihren Vater, stolz auf den Namen, den er Ihnen gab und dessen Sie würdig sind. Dieser Name ist Adel, wie ich besseren nicht kenne!«

Aus Tränen blickte sie zu ihm auf. Wie schön sie war bei diesem Lächeln, mit dem sie den Schmerz überwand und schon die Versöhnung fühlte, den Stolz und die Freude! Lange sah sie ihn schweigend an, bevor sie sprechen konnte: »Wie gut Sie mit mir sind! Und ich stehe so arm vor Ihnen, so schwach, in meinem Schmerz zuerst und jetzt in meiner Freude! Fast versteh ich das nicht. Diese Nachricht hätte mich ruhiger finden sollen. Was mein Vater war, hab ich immer schon gewußt. Das hat mir doch nicht die Welt erst sagen müssen. Und nun hat es mich doch überwältigt – als wär ich eine andere geworden –, als wäre etwas in mir, über das ich keinen Willen und keine Macht mehr habe –« Sie hielt seinen Blick nicht aus, und verwirrte Unruhe stammelte in ihren Worten: »Sehen Sie nur, ich weiß kaum, was ich rede, weiß nicht einmal, wie ich dafür danken soll, daß gerade Sie es waren, von dem ich diese Nachricht hören durfte. Und wenn ich Ihnen sagen könnte –« Ihre Stimme erlosch.

»Mir sagen, was Sie fühlen? Die Freude, die Sie empfinden, könnten Sie mir mit hundert Worten nicht besser sagen als mit diesem Schweigen jetzt!«

»Freude! Ja! Das ist Freude, die sich nicht sagen läßt!« Tief atmend hob sie die Augen zu ihm. »Darf ich noch eine Bitte haben?«

»Ob Sie dürfen?« Er drückte ihre Hände.

»Schenken Sie mir diese Blätter!« Nun kamen ihr die Worte immer hastiger, in glühender Erregung. »Ich möchte sie meiner Mutter bringen. Möchte heim, zu meiner Mutter! Jede Minute, um die ich ihr diese Nachricht später bringe, ist eine Sünde an ihr. Ich darf nicht bleiben. Schenken Sie mir diese Blätter und lassen Sie mich gehen! Ich bitte!«

»Ja, Fräulein, ja! Nehmen Sie!« Er reichte ihr die Blätter. »Ich seh es ein, daß Sie nicht bleiben dürfen. Und Ihr Bruder – ich will selbst hinunter und werde sorgen dafür, daß Sie ihn gut und sicher nach Hause bringen und auf dem Heimweg alle Hilfe haben! Bleiben Sie bei ihm – ich komme und hol ihn!« Er eilte davon.

Sie stand und lauschte auf seinen Schritt – und lächelte und preßte die Blätter an ihre Brust.

»Lo? Soll ich aufstehen? Ich kann schon!« klang aus dem anderen Zimmer die erregte Stimme des Bruders. Da flog sie zu ihm, umschlang ihn, und wieder kamen ihr die Tränen. »Ach, Lo! Um Gottes willen! Ich bitt dich, was hast du denn?«

»Freude hab ich! Freude! Weil jetzt die Menschen wissen, was unser Vater war!«

Gustl sah die Schwester mit großen Augen an. »Haben denn das die Menschen nicht gewußt? Er hat doch die Bilder gemalt. Ein Bild sieht man doch. Da muß man doch wissen, daß ein Künstler das gemacht hat.«

»Ja, Kind, wer die rechten Augen hat, der sieht es! Aber es gibt auch Menschen, die sehen können und dennoch blind sind. Komm nur, komm, wir müssen heim! Zur Mutter heim!«

Als Gustl angekleidet war – am verbundenen Fuß nur den Strumpf, ohne Schuh –, versuchte er ein paar Schritte zu gehen. Das gelang nicht recht. Da kam auch Ettingen schon zurück, hob den Knaben auf und trug ihn hinunter.

Vor der Tür, im Hof, stand Hansi schon bereit, gesattelt und mit hochgeschnallten Bügeln. Die Treiber hatten das Gepäck der Geschwister in ihre Rucksäcke genommen und die Almrosen darübergebunden. Einer trug das Fischnetz mit den in grünes Reis gehüllten Forellen. Auch die zwei Leutascher Jäger waren zum Abmarsch bereit, und seitwärts an der Mauer stand Pepperl, schweigsam, die Hände hinter dem Rücken, die gerunzelte Stirn umhangen auf aufgedröselten Kreuzerschneckerln.

Nur Mazegger fehlte. Drunten in seiner Hütte stand er am Fenster, das aschfahle Gesicht an die Scheibe gedrückt. Als er Lolo Petri und seinen Herrn, der den Knaben trug, aus der Tür kommen sah, trat er mit geballten Fäusten tiefer in die Stube zurück. Ettingen hob den Knaben in den Sattel und schob ihm die Bügel über die Füße. »Also, Bubi, jetzt mach uns keine Sorgen mehr und schau, daß du gut heimkommst!« Er reichte ihm die Hand.

»Ich dank schön, Herr Fürst! Sie waren so lieb zu mir! Ich dank schön!«

Lachend streichelte ihm Ettingen die Hand. »Dank? Was dir einfällt! Sieh nur, daß du bald wieder springen kannst! Das ist mir der liebste Dank. Und wenn es deine Mutter erlaubt, dann komm ein paar Tage zu mir auf Besuch ins Jagdhaus. Willst du?«

Gustl wurde rot übers ganze Gesicht. »Wenn Sie erlauben, bin ich schon so frei!«

»Also, auf Wiedersehen!«

Ettingen wandte sich zu Lo. Inmitten der vielen Leute, die um sie herumstanden, schieden die beiden mit einem Händedruck, mit einem stummen Blick.

Ein Jäger sollte den Grauen führen. Aber Lo überließ diese Sorge keinem anderen, sie nahm die Zügel selbst.

Während Hansi den Knaben über das Almfeld hinuntertrug, umringt von den schwatzenden Treibern und Jägern, stand Ettingen mit den Armen über den Zaun gelehnt und blickte lächelnd dem kleinen Reiter und seiner Schwester nach.

Den beiden folgten noch zwei andere Augen – aus Mazeggers Hütte –, mit einem Blick, in dem die Eifersucht mit drohendem Feuer brannte.

Wo der Pfad vom Almfeld einbog in den Wald, bat Lo die Männer vorauszugehen, damit der Graue in ruhigen Schritt käme. Sie verhielt das Tier eine Weile und sah mit leuchtenden Augen zum Fürstenhaus hinauf. Da hörte sie den Bruder flüstern: »Du, Lo? Weißt du, warum er so lieb war zu mir?«

»Weil er gut ist.«

»Ja, schon – aber noch wegen was. Weil er dich lieb hat.«

Wie eine Flamme schlug es über ihre Wangen, doch heftig schüttelte sie den Kopf.

»Aber ja!« behauptete Gustl in heißem Eifer. »Hast du denn das nicht gemerkt?«

»Nein, nein, nein!« stammelte sie erschrocken und zog den Grauen in den Wald.

»Nicht? Das hast du nicht gemerkt? Hör, Lo, dann bist du aber auch eine von denen, die sehen können und doch blind sind!«

Längst schon waren die beiden im dunklen Schatten des Waldes verschwunden, und immer noch stand Ettingen über den Zaun gelehnt. Eine Weile hörte er noch die Stimmen der Männer aus dem Tal herauf. Dann verstummten auch die. Nur der Wildbach rauschte dort unten, sanft und heimlich, durch den Wald gedämpft. Stille Sonne über dem Almfeld, über den Hüttendächern und allen Bäumen. Ein paar silberne Fäden flogen, und schwärmende Insekten huschten gleich winzigen Funken durch die blaue Luft.

Plötzlich ging ein Dröhnen durch das Tal hin, wie von einem mächtigen Donnerschlag mit rollendem Echo.

Erstaunt sah Ettingen zum wolkenlosen Himmel auf. Da gewahrte er, daß über dem Wildbach drüben, am Fuß der steilen Hochwand, brauner Staub in dichten Wolken aufwirbelte. Ein Stück der Felswand hatte sich gelöst und hatte eine Zunge des sonnigen Waldes unter Schutt begraben.

»Wie das kommen kann? Die Zerstörung, mitten in der Stille, in friedlicher Sonne?« Ernst nickte Ettingen vor sich hin, während da drüben der Staub verdampfte. »Das Schweigen im Walde! – Ja! So redet dieses Bild. Sie hat recht gesehen.«

Die Küchenmagd, der Lakai und die Köchin kamen aus dem Haus gerannt, um zu sehen, was es gegeben hätte. Nur drunten bei der Sennhütte und bei dem Jägerhäuschen zeigte sich niemand. Da trieb die Neugier oder die Sorge keinen vor die Tür. Die waren es gewöhnt, daß es so kommt, so plötzlich. Drum hörten sie es kaum.

Kluibenschädl, der sich auf die Matratze gestreckt hatte, um seinen Schwips zu verschlafen, fragte gähnend: »So? Hats wieder kracht?«

»'s wird halt a Trümml abigfallen sein!« meinte Pepperl in seinem Trauerwinkel und fügte mit philosophischem Seufzer bei: »Auf d' Letzt muß alles abi!«



Sechzehntes Kapitel

Praxmaler machte sich, als der Abend kam, zu einem Pirschgang fertig. Dabei erwachte der Förster, dessen gut ausgeschlafene Laune recht auffällig abstach gegen die trübe Kummermiene des Jägers. »Machst noch allweil a Gsicht wie die Katz, wann's dunnert? Tu dich wegen die drei Hirschen doch net gar so abikränken! Es is ja schön, wenn sich a Jager über 's Jagdpech von seim Herrn betrübt. Aber Maß und Ziel muß der Mensch in allem halten! Sei gscheit, Pepperl! Der Herr Fürst schießt schon wieder an guten Hirsch!«

»Ja, wollen wir's hoffen!« sagte Pepperl und trollte zur Tür hinaus. Die Augen steif in das Blau des Himmels bohrend, ging er an der Sennhütte vorüber.

In der Almstube nahm Burgi gerade Abschied von ihrem nüchtern gewordenen Vater. Sie hatte die Kleider des Alten leidlich wieder instand gesetzt, in dem mürben Zeug alle Löcher geflickt und gab nun dem Vater ein Binkerl guter Lehren mit auf den Weg, wie die Mutter einem Kind, das zum erstenmal wallfahren geht. »Sei zfrieden, Vater! Dein Essen und alles hast ja! Und tu mir d' Fremdenleut net anbetteln auf der Straß. Da hat kein Mensch mehr an Rischpekt vor dir! Und schenkt dir wer an Kreuzer aus Gutigkeit, den muß man doch nicht stantipeh in d' Wirtsstuben einitragen! Spar dir die paar Nedscherln lieber zamm aufs Gwand! Ja? Tust mir's versprechen, Vater?«

»Ja, ja, ja! Alls versprich ich! Alls!« Der Alte schnaufte, als er die Predigt überstanden hatte und sich endlich drücken konnte. Während er über das Almfeld hinunterwackelte, schielte er zu den Fenstern des Jagdhauses hinauf und murmelte kauend: »Dem Herrn Fürsten – so a Nobliger, ja –, dem hätt ich gern was verexpliziert.«

Burgi blieb auf der Schwelle stehen, bis sie den Vater im Wald verschwinden sah. Dann kehrte sie in die Stube zurück und machte sich an die Arbeit, still und verdrossen. Als es Abend wurde und die Kühe gemolken waren, mußte sie von der frischen Milch eine Kanne voll hinauftragen in die Küche des Fürstenhauses. Während sie droben um die Ecke verschwand, kam Martin mit dem Förster, den er zum Abendtisch gerufen hatte. Kluibenschädl trat ins Haus, Martin blieb vor der Tür stehen und lauschte gegen den Hof. Schmunzelnd schlich er auf den Zehen an der Mauer hin.

Da kam die Sennerin mit der leeren Kanne zurück.

»Mein schönes Kind?« Und da hatte er sie schon um die Hüfte genommen und wollte sie küssen. Erschrocken gab sie ihm einen Stoß vor die Brust, und dann kam noch was anderes nach. Das klatschte, daß es an der Mauer ein Echo gab wie von einem Peitschenknall. »Sie lassen mich in Ruh! Gelten S'! Und wann S' Jagdverwalter werden, können S' Ihnere Küh selber melchen! Sie!« Ruhig wischte Burgi am Rock die Hand ab und ging ihrer Wege.

Martin kühlte in seiner Stube das Gesicht mit kaltem Wasser. Aber die Wange brannte ihm noch feuerrot, als er bei der Tafel die Bouillon servierte.

»Martin?« fragte der Fürst. »Was hast du im Gesicht?«

»Es scheint, Durchlaucht, daß ich mir eine Verkühlung zuzog. Ich habe Zahnweh.«

»Gegen Zähntweh weiß ich a Mittel!« fiel der Förster ein. »Da machen S' aus Baumwoll a Kügerl. Dös spießen S' an a Hölzl, und nacher zünden S' es an. Wann's halb verbrennt is, löschen S' es aus, und den Rauchen, der aufgeht, den schnupfen S' ins rechte Nasenloch auffi – weil Ihnen der Zahn auf der linken Seit weh tut, wissen S'! Ja, dös hilft!«

Ettingen lachte. »Versuchen kannst du es ja! Aber ich meine, es wird besser sein, du gehst an die Hausapotheke und legst dir etwas Chloroform auf den Zahn.«

Ob Martin das eine oder das andere Mittel versuchte, geholfen hat keines. Bis spät in die Nacht ging er noch immer mit der stark geschwollenen Backe herum.

Funkelnd standen am tiefblauen Himmel schon die Sterne, als Pepperl nach Hause kam. Die Glieder waren ihm wie zerschlagen, und ohne ans Nachtmahl zu denken, streckte er sich auf die Matratze, auf welcher Kluibenschädl in seinem sorglosen Bärenschlummer schon fleißig die Säge zog. Rücken an Rücken lagen die beiden, und schlaflos seufzte der Jäger nach links in die finstere Stube, während der Förster nach rechts herum gegen die Holzwand schnarchte. Die Bretter tönten wie ein Geigenboden, wenn die tiefste Saite gestrichen wird.

Am anderen Morgen brachen die beiden zusammen auf, um bei den Steigarbeiten Nachschau zu halten. Als sie gegen Mittag heimkehrten, hörte der Förster von Martin, daß die Durchlaucht ganz allein einen Ausflug zum Sebenwald unternommen hätte und vor Abend nicht heimkommen würde. Zu dieser Nachricht schüttelte der Förster verwundert den Kopf. »Wie kann er denn pirschen? Jetzt in der Sonn? Er wird doch net denken, daß ihm einer von die drei Hirschen ums Mittagläuten übern Weg lauft?« Sein Staunen wuchs bei der Nachricht, daß der Fürst die Büchse gar nicht mitgenommen hätte. »Was tut er denn nacher draußen?«

Martin lächelte. »Träumen!« Aber das Lächeln gelang ihm nicht – seine Wange war noch immer ein bißchen gespannt, vom Zahnweh.

Förster Kluibenschädl, um den schönen Hunger, den er heimgebracht hatte, für den guten Abendtisch im Fürstenhaus zu sparen, ging in die Sennhütte hinunter und ließ sich, nur für den Durst, eine Schüssel Milch reichen. Er tat ein paar lange Züge, wobei er an Burgi die Mahnung richtete: »Jetzt könntst amal wieder an anders Gsicht hermachen! Oder hast so a mitleidigs Herz? Tut's dich kränken, daß der Herr Kammerdiener Zähntweh hat?«

Burgi runzelte die Stirn. »Was hat er?«

»Zähntweh.«

»Auf der linken Seit?«

»Ja, ich glaub!«

»So? Dös is ihm gsund. So a Zähntweh treibt die überflüssigen Hitzen aus.« Mit trockenem Lachen trat sie in die Kammer, während der Förster die Büchse nahm und davonwanderte.

Schwüle Mittagshitze lag über dem Almfeld. Kein Laut, nur das Brunnengemurmel; keine Bewegung, nur über den Dächern das blaue Gekräusel des Rauches.

Auch Pepperl hatte Feuer in seinem Herd gemacht, hatte aber dann aufs Kochen vergessen. Mit aufgezogenen Knien saß er neben dem Schürloch auf den Dielen. So »sinnierte« er eine Stunde lang vor sich hin. Da hörte er Peitschenknall und das Rollen eines Wagens. Mißmutig erhob er sich und trat unter die Tür.

Eine vierspännige Kutsche fuhr an ihm vorüber, und im Wagen saß eine junge Dame – Herrgott, dös muß ebbes Fürnehmes sein! dachte Pepperl, denn sie trug auf dem Hut einen Vogel, wie er seiner Lebtag noch keinen gesehen hatte. Neben der Dame saß ein Herr mit einem Jägerhütl, wie Pepperl auch noch keines gesehen hatte, mit handbreitem, grasgrünem Seidenband und mit einem wahren Ungetüm von Gemsbart. Aber dieser Gemsbart war echt, ohne Zweifel. Darauf verstand sich Pepperl. »Der is seine hundert Gulden wert, ehnder noch mehr!«

Jetzt kam ein Zweispänner. Drin saß ein Diener in Jägerlivree, deren reiche Verschnürung in Pepperl die Vermutung weckte: »Dös muß der Oberlandesschützenmeister von Tirol sein!« An der Seite diese hohen Würdenträgers saß ein zierliches, bildhübsches Persönchen mit verschmitztem Gesicht und koketten Feueraugen, der Mustertypus einer französischen Kammerjungfer. Beim Anblick des Jägers mit seiner offenen Brust und seinen nackten Knien geriet das kleine Dämchen in einen Aufruhr von Entzücken, kniff ihren Reisegefährten in den Arm und zwitscherte: »Ah, Jean! Voilà un chasseur du prince! Ah! Ah! Un superbe colosse! Ah! N'est-ce pas qu'il est le vrai tyrolien? Un type de la race, et assez joli, pour faire se retourner les femmes dans les rues*!«

Sie guckte nach allen Seiten, klatschte wie ein Kind in die Hände und blitzte mit ihren Schwarzaugen wieder den Jäger an.

»Ah! Ah! C'est charmant! C'est drôle, tout ça! Jean! Jean! Nous ferons un tas de bêtise à la campagne**!« Und während der Wagen an der Hütte vorüberfuhr, grüßte sie lachend mit dem Handschuh. »Bon jour, Monsieur! Bon jour!«

Pepperl riß die Augen auf und wurde rot. Französisch hatte er wohl in der Leutascher Dorfschule nicht gelernt, nicht einmal ordentlich Deutsch. Aber so viel hatte er doch verstanden, um zu merken, was von dieser »Auslandrischen« zu denken war. »Teufi, Teufi, Teufi! Die geht scharf ins Zeug!« Mit dieser Erkenntnis war die Sache für ihn erledigt. Er sah noch den dritten, mit großen Koffern beladenen Wagen vorüberfahren, dann kehrte er seufzend in die Stube zurück, um die Pfanne auf den Herd zu stellen. Dann war's mit seiner Kocherei wieder zu Ende. Die Wagen kamen vom Jagdhaus zurück, die Kutscher fragten nach der Stallung, und Pepperl mußte sie führen, mußte ihnen helfen. Während er wortkarg das Geschwatz der Kutscher anhörte, kam Mazegger über die Lichtung herauf. Vor der Remise blieb er stehen, erregt, und musterte die Wagen.

Pepperl sah ihn an und fragte: »Toni? Was hast denn? Bist denn krank? Du schaust ja wie a Gspenst!«

»So?« Mazegger atmete schwer. »Und die Wagen da? Sind die Damen, die ich gesehen hab, zum Fürsten gekommen?«

»Natürlich, zu wem denn sonst?«

»Und die schöne Frau, die im Vierspänner war? Wer ist denn die?«

»Was weiß denn ich?« brummte Pepperl.

Mazegger stand noch eine Weile und lauschte auf das Gespräch, das die Kutscher im Stall miteinander führten. Sie sprachen von einer »lustigen Französin«, von einem »Kasperl mit Haxen« und von einer »Frau Baronin«, über die der Postillion des Vierspänners das Urteil fällte: »A säuberers Frauenzimmer hab ich meiner Lebtag noch net gsehen. Was die für Augen hat! Kruzitürken! So eine hätte der Teufi schicken müssen, wie er den heiligen Antoni hat versuchen lassen!«

Mazegger lächelte und spähte gegen das Fürstenhaus hinauf. Als er in seine Hütte trat, warf er die Büchse auf das Bett, verriegelte die Tür und riß mit zitternden Händen das kleine Fenster auf. In der dunklen Stubenecke setzte er sich rittlings auf einen Sessel und legte neben sich das Fernrohr auf den Herd. Durch das offene Fenster konnte er das Fürstenhaus und den ganzen Weg überblicken, der von droben herunterführte zum Fremdenhaus. Er sah den Praxmaler-Pepperl mit einem Kutscher drei rotlederne Koffer ins Fremdenhaus hinuntertragen. Martin erschien mit jenem Herrn, dem der »unsinnige Gamsbart« wie ein Generalsbusch auf dem Spitzhut schwankte. Um die Schultern hatte er einen leichten Staubmantel hängen, offen, so daß man den grün und rehbraun karierten Jagdanzug sehen konnte, dessen Kniehosen sich mit handbreiten Hirschlederborten um die moosgrünen Strümpfe schlossen. In der Hand trug er ein Lederetui, das sich ansah wie eine plattgedrückte Pfanne. Er war von mittelgroßer Gestalt, rund genährt und dennoch von unruhiger Beweglichkeit, mit eigentümlich wiegendem Gang.

Mazegger richtete das Fernrohr und sah durch das Glas ein nicht mehr junges, aber rosig vergnügt zufriedenes Gesicht mit großen wasserblauen Augen. Das aschblonde Haar war wellig in die Schläfen gekämmt, eine dicke Locke stahl sich an der Stirne unter dem Hutrand hervor, und auf den roten Lippen saß ein kunstvoll dressiertes Schnurrbärtchen, das sich kräuselte wie eine zierliche Arabeske.

Martin schien die Gegend zu erklären, und bei allem, was er sagte, ließ der Fremde ein wunderliches Lachen hören, hoch und kichernd wie das Hämmern eines Spechtes.

Nun kamen die beiden über den Weg herunter.

»Ah ja, die Gegend ist wirklich großoatig! So was von Beag! Was? Und schaugn S' den Wald an, Moatin, so was von Grrrünitätt!« sagte der Fremde zwischen Lachen und Getänzel in einer Sprache, die an den Jargon der Wiener Fiaker anklang und manchmal an den Ton der Börse erinnerte. »Aber Aufenthalt und Verpflegungsqualität? Schlechte Zensur? Was? Ainigermaaasen prrrimitifff, scheint mir? Nuuuhr für Natuuuhr, fescher Walzer mit Variationen in Moll für Geißtaler Jagdhausgebrauch. Nna, die Jagd, hoff ich, rrreißt alles heraus! Prima? Was?«

»Ja, Herr von Sensburg, die Jagd soll vorzüglich sein. Durchlaucht haben zwar die Pirsche noch wenig frequentiert, aber es ist Durchlaucht doch gelungen, gleich auf dem ersten Pirschgang einen schönen Hirsch –«

»Guten Hirsch!«

»– einen guten Hirsch und bei der nächsten Pirsch zwei kapitale Gemsböcke zur Strecke zu bringen.«

»Aber! Moatin! Sie schröcklicher Keal! Gamsböck haaßt's! Schenieren Sie sich a bißl! Ainigermaaasen mangelhafte Weidmannsbüldung? Was? Hehehehe!«

»Verzeihen Herr von Sensburg – und bitte, wollen Sie mir nicht das Racket zu tragen geben?«

»Sssss! Zucker! Nicht anrühren! So was will getragen sein! Hehehehe! Nna alsdann, zwaa Gamsböck? A la bonheur! Da sind ja die Aussichten großoatig! Sie, Moatin, da mach ich gleich muagen die easte Piasch! Aber einen feschen Jager bitt ich mir aus. Bei mir wird schoaf gestiegen! Schoarrfff! Und wann ich am Abend den Gams hambring, bitt ich mir aus, daß a bißl aufgmischt wird in diesem sterilen k. k. Landeswinkel! Hehehehe! Wissen S', was ich haben möcht? So eine zwanglose fête champêtre! Stilvoll mit Erdgeruch! Jager, Holzknecht, Sennerinnen, stramm gwaxenen Diandln, Ziederngspüll und Natuajodler, kuaz, was man sagt: eine Hetz! Aber ächt, das bitt ich mir aus! Kan Salontiroler! Den Wein zahl ich! Crédit en blanc! Wenn's nur eine Hetz wiad! Die Baronin soll sich amusieren! Hehehehe! Und ich hab eine volkstümliche Ader, ich mische mich gean unter die haiteren Öllemente derer, die dort unten wohnen! Aber sagen S', Moatin, ich hab schon immer da beim Herauffahren diese bucklige Gegend beaugenwinkelt – wo wird sich denn da für ein zuvilisiertes Menschenkind ein nur ainigermaaasen brauchbarer Lawn fürs Tennis finden?«

»Ich glaube, dort unten auf der Lichtung, da ist eine ziemlich ebene Stelle.«

»Anschauen!«

Die beiden Stimmen verhallten hinter der Jägerhütte.

Mazegger legte das Fernrohr auf den Herd. Eine Weile saß er regungslos und starrte zum Jagdhaus hinauf. Dann lehnte er sich müd an die Wand zurück und preßte die Handballen in die Augenhöhlen, wie einer, der seit Nächten keinen Schlaf gefunden und den die Augen schmerzen.

Eine Stunde verging. Martin, der grün verschnürte Leibjäger und Praxmaler liefen immer hin und her zwischen der Fürstenvilla und dem Fremdenhaus. Droben in der Haustür erschien ein paarmal die kleine Französin, guckte neugierig nach den Jägerhütten oder schwatzte eine Minute mit den beiden Dienern.

Eben standen die drei wieder beisammen, als der Förster über das Almfeld heraufgestiegen kam. Er gewahrte die fremden Leute, schlug ein flinkeres Tempo an und trat an das offene Fenster der Jägerhütte.

»He! Toni!«

Mazegger stand am Tisch und reinigte mit einem Lappen den Lauf seiner Büchse.

»Was sind dös für Leut da droben? Is wer kommen? A Bsuch zum Herrn Fürsten?«

»Ja, mir scheint.«

»Wer denn?«

»Ein Herr Sensburg. Und eine Baronin.« Mazegger wandte das Gesicht über die Schulter. »Die Kutscher sagen: die wär so schön wie der selbig Engel, der grad noch rechtzeitig vom Himmel gefallen wär, um dem heiligen Antoni aus der Versuchung zu helfen.« Die Fäuste des Jägers umklammerten die Büchse. »Sonst wär vielleicht der Teufel Herr über ihn worden!«

»Geh, du Narr, was redst denn da für a Zeug daher!« brummte der Förster. Dann sah er zum Jagdhaus hinauf und kraute sich hinter den Ohren. »So, schön! Jetzt is d' Überraschung da, und der Herr Fürst is net daheim!« Er ging zu seiner Hütte und traf mit Pepperl zusammen, der in gereizter Stimmung war.

»Grüß Gott, Herr Förstner! Und gut, daß S' da sind!« Pepperl trat in die Hütte und griff nach der Büchse. »Ich muß auf d' Abendpirsch!«

»No, no, no! Was hast denn?«

»Schwarze Mucken im Schädel. Die muß ich ausfliegen lassen.«

»Du tust ja grad wie a verliebter Kaplan, der net heiraten därf.«

»So?« Brennende Röte flog über das Gesicht des Jägers. »Kunnt schon sein, daß ich weiß, wie dem z'mut is!«

Kopfschüttelnd sah im der Förster nach. Dann ging er zum Stall hinunter. Noch hatte er den Platz nicht erreicht, wo der Wagen stand, als er auf dem Weg, der von der Ache über die Lichtung heraufführte, zwei Reiter auf abgehetzten Pferden kommen sah. Den einen erkannte Kluibenschädl auf den ersten Blick – das war Graf Goni Sternfeldt. Den Hut schwingend, in Freude, lief der Förster ihm entgegen. »Herr Graf! Ja, grüß Ihnen Gott, Herr Graf! Wie kommen denn Sie daher?«

Sternfeldt winkte mit der Reitpeitsche und versetzte dem Pferd einen Hieb. Das Tier war ausgepumpt und konnte nicht mehr; es machte nur ein paar kurze Galoppsprünge und fiel wieder in müden Schritt. Der Reiter saß ohne Spur von Ermüdung im Sattel, trotz des schweren vierstündigen Rittes und trotz seiner fünfzig Jahre. Er trug einen flachen Strohhut, einen lichtbraunen Sommeranzug von modischem Schnitt und Lackschuhe, alles grau verstaubt – ein Anzug, der eher für einen behaglichen Bummel auf dem Bürgersteig der Großstadt passen mochte als für einen Ritt, der dem Pferde den weißen Schaum aus Hals und Flanken getrieben hatte.

Der lebhaften Gestalt nach hätte man den Grafen für einen Dreißiger nehmen können. Aber Haar und Bart – ein glatt geschnittener Spitzbart, der das schmale Gesicht verlängerte – waren schon völlig ergraut, beinahe weiß. Die klugen grauen Augen waren von wulstigen Brauen überschattet, das einzig Derbe in diesem vornehm gezeichneten Rassegesicht. Die Anstrengung des Rittes hatte das Gesicht gerötet, dessen ernste Erregung die sarkastischen Linien nicht verwischen konnte, die tief um den feingeschnittenen Spöttermund und um die Augenwinkel gezogen waren.

Ehe das Pferd noch anhielt, sprang er aus dem Sattel und warf die Zügel dem Reiterknecht zu, der ihm folgte.

»Grüß Sie Gott, lieber Förster!«

»Grüß Gott, Herr Graf!« Kluibenschädl quetschte die Hand, die ihm Sternfeldt gereicht hatte. »Weil S' nur wieder da sind, Herr Graf! Und die Freud, die der Herr Fürst haben wird! An Zwölfender hat er auch schon! Und zwei sakrische Gamsböck!«

Dieser weidmännische Erfolg schien den Grafen nicht sonderlich zu interessieren. Er fragte hastig und erregt: »Der Fürst hat heute Besuch bekommen? Natürlich, da stehen ja die Wagen. Aber sagen Sie mir –« Sternfeldt zog den Förster aus der Hörweite des Reitknechtes. »Wie hat der Fürst diesen Besuch empfangen?«

»Der Herr Fürst weiß noch gar nix von der Überraschung, die heut eingetroffen is. Er ist net daheim!«

»Nicht daheim? Und daß sie heute kommt? Das wußte er nicht?«

»Net a Wörtl! Na!«

»Gott sei Dank! Und wo ist er?«

»Draußen im Sebenwald. Aber jeden Augenblick muß er heimkommen.«

»Ich muß ihn sprechen, bevor er nach Hause kommt. Welchen Weg müssen wir nehmen?«

»Da über d' Lichtung aussi, durch'n Tillfußer Wald.«

»Und er hat keinen anderen Heimweg? Wir müssen ihn treffen? Sicher?«

»Vom Sebenwald eini, da gibts keinen andern Weg.«

Der Graf wandte sich an den Reitknecht. »Führen Sie die Pferde in den Stall!« Er reichte ihm eine Banknote. »Das gehört Ihnen für die halbe Stunde, die wir gewonnen haben. Aber jetzt sorgen Sie für die Tiere so gut wie möglich! Sie sollen frottiert werden, bis sie völlig trocken sind, und sollen kein Futter und keinen Trunk bekommen, bevor sie nicht ruhige Lungen haben! – Kommen Sie, Herr Förster!«

Während Graf Sternfeldt über die Lichtung hinausschritt gegen den Wald, klopfte er mit der Reitpeitsche den Staub von den Beinkleidern. Und Förster Kluibenschädl murrte: »Sakra! Da muß was los sein! Mir scheint, die Gschicht mit der Überraschung stimmt net ganz!«


* Ach, Jean, sehen Sie doch, ein fürstlicher Jäger! Und solch ein prachtvoller Riese! Ein echter Tiroler, nicht wahr? Ein Rassentyp! Und so hübsch, daß sich die Weiber auf der Straße nach ihm umdrehen müssen.

** Ach, wie reizend! Wie drollig das alles ist! Jean, Jean, wir wollen lustige Streiche nach dem Dutzend machen, hier in der Sommerfrische!



Siebzehntes Kapitel

In lautloser Stille lag der Tillfußer Wald. Unter den Bäumen war tiefer Schatten, doch um die Wipfel glühte noch der Glanz der Sonne, die sinken wollte. Wie goldfunkelnde Riesenmauern, von purpurnen Schattenlinien durchzogen, standen die grell beleuchteten Berge hinter den Lücken des Waldes.

Auf einem Baum, den der Sturm geworfen hatte, saßen Graf Sternfeldt und der Förster. Nicht weit von ihnen zweigte sich der Pfad – der eine Weg führte zur Jagdhütte im Sebenwald, der andere zur Sebenalpe und zum See. Diesen letzteren Pfad konnte man auf eine weite Strecke übersehen.

Je länger die beiden warten mußten, desto ungeduldiger wurde Sternfeldt.

»Endlich! Da kommt er!« Der Graf erhob sich. »Bleiben Sie, Herr Förster, ich geh ihm entgegen!«

In Gedanken versunken, behaglich schlendernden Ganges, kam Ettingen über den Pfad heruntergeschritten. Sein Hut war rings um die Krempe mit Blüten besteckt, mit Edelrosen vom Sebensee.

»Heinz!«

Ettingen blickte auf, als könnte er dem Klang dieser Stimme nicht glauben. Da leuchtete ihm die Freude aus den Augen. »Goni! Du?« Er stieß den Bergstock in die Erde und streckte dem Freund die Hände entgegen. »Du? Wahrhaftig? Goni, die Freude, die ich habe! Sagen kann ich das nicht – aber sieh mich an, und du mußt es fühlen!«

»Ja, Heinz!« Tiefe Bewegung klang aus der Stimme des Grafen. »So deutlich wie in diesem Augenblick hab ich es noch nie empfunden, daß du mir gut bist!«

»Goni? Hast du je daran gezweifelt?«

»Nein. Aber wer Geld besitzt, will auch wissen, wieviel es wert ist, und freut sich der Stunde, die ihn zählen läßt. Solch eine Zählstunde war jetzt der Blick in deine Augen! Aber dich so sehen zu dürfen, das hat noch eine andere Freude für mich. Heinz? Was ist aus dir geworden?«

»Ein gesunder, froher Mensch. Das hab ich dem Wald zu danken. Und dir! Du warst es, der diesen herrlichen Fleck Erde für mich ausgesucht. Und du weißt nicht, was du da alles für mich gefunden hast! Ich danke dir, Goni! Aber was machst du denn für Augen?« Lachend beugte Ettingen das Gesicht bis dicht vor die Nase des Freundes. »Ich bin es schon! Wirklich! Ja, ja, ja!«

»Daß du so gesund vor mir stehst, so sonnverbrannt, so lachend? Das allein ist es nicht! An dir ist was Neues. Wär ich dir so in der Stadt begegnet, ohne zu ahnen, daß du das bist, ich glaube, ich hätte dich auf den ersten Blick nicht erkannt. Wie ein ganz anderer stehst du da! Und der neue Heinz gefällt mir! Aus deinen Augen redet Leben und Wille zur Freude – nein, jetzt habe ich keine Sorge mehr um dich. Jetzt kann ich dir sagen, warum ich kam. Ich bringe dir eine Nachricht, Heinz! Denk dir – sie ist da!«

»Wer?«

»Aber Heinz! Errätst du denn nicht?«

»Nein! Wer ist da?«

»Diese Frage begreif ich nicht. Aber du hättest mir kein Wort sagen können, das ich lieber gehört hätte, als dieses ahnungslose ›Wer?‹ – Die Prankha ist da. Draußen im Jagdhaus.«

Der Fürst erblaßte. so standen sie eine Weile schweigend voreinander. Dann stammelte Ettingen: »Das ist stark!«

Sternfeldt lachte. »Du weißt doch aus Erfahrung: in Dingen, die stark sind, ist sie groß!«

»Sie kam allein?«

»Gott bewahre! Sie muß den Schein wahren. Um so mehr, da sie ›ehrbare‹ Absichten zu haben scheint.«

»Sie ist mir dir gekommen?«

»Heinz! Das ist eine Frage, die mich verdrießen könnte!«

»Sei mir nicht bös! Ich weiß in meiner Empörung nicht mehr, was ich rede.«

»Empörung? Wirklich? Was dich blaß machte und dir das Blut wieder ins Gesicht treibt? Ist das nur Empörung?«

»Was sonst? Aber ja, Goni, ich will ehrlich sein, es ist noch etwas anderes!« sagte Ettingen mit bebender Stimme. »Was ich jetzt empfinde, ist wie Schmerz. Dieses Vergangene, dieses Häßliche – vor einer Stunde noch war es so ganz vergesssen, als wäre es nie gewesen. Nun steht es plötzlich da vor mir! Ich hatte das Gefühl wie nach einem Bad, als wär ich reingewaschen an Leib und Seele. Und jetzt? – Mir ekelt! – Aber wenn sie nicht allein kam? Mit wem kam sie denn?«

»Mit dem kleinen süßen Mucki.«

»Den soll ich auch noch ertragen?« Ettingen lachte im Zorn. »Die Geschichte fängt an, mich zu erheitern. Aber du? Daß du mit ihnen kamst?«

»Mit ihnen? Nein! Nach ihnen! Gestern mittag brachte mir der biedere Mann, von dem ich in meiner ahnungsvollen Vorsicht ihre Villa überwachen ließ, die Nachricht: mit dem Frühzug sind sie abgereist, Salonwagen nach Innsbruck. Am Abend saß ich im Kupee, kam heute mittag in Innsbruck an. Drei Stunden früher waren sie vom Hotel Europe abgefahren. Ich erinnerte mich an Shakespeare: Ein Königreich für ein Pferd. Und da bin ich! Und bin neugierig, was du tun wirst? – Nun?«

»Ich bin ratlos, Goni!«

»Ich wüßte dir einen Rat. Aber du befolgst ihn nicht.«

»Ja, Goni! Jeden, den du mir gibst!«

»Dort steht der Förster. Laß dich von ihm nach Ehrwald führen, jetzt gleich! Drunten nimm dir einen Wagen, fahre nach Garmisch, nach München! Oder bleibe in Ehrwald, bis ich dich wieder rufe. Was du brauchst, schick ich dir noch heute hinunter, durch einen Jäger, nicht durch Martin!« Sternfeldt lachte. »So schmerzlich es für dich sein wird, aber von diesem Ehrenmann wirst du dich trennen müssen. Er ist ihr Helfer gewesen.«

»Martin?«

»Ja! Er hat dich neulich auf die Jagd geschickt, und während du fort warst, wurde meine Stube in ein Boudoir für die Prankha verwandelt! Also? Soll ich den Förster rufen? Und willst du noch ein übriges tun, so schreib mir auf eine Visitenkarte: ›Mache mein Haus rein, Goni, und ich werde dir dankbar sein!‹ – Willst du?«

»Nein!«

»Siehst du, wie ich dich kenne?«

»Sie ist unter meinem Dach, sie ist mein Gast. Und ich habe diese Frau geliebt. Eine Roheit an ihr begehen, um sie abzuschütteln? Nein! Das kann ich nicht.«

»Roheit? Ich danke für das Kompliment. Aber ich bin nicht gekränkt. Ich vermute sogar, daß du schon morgen für meinen Rat empfänglicher sein wirst. Du hast sie geliebt, ja! Und daß du von dieser Liebe geheilt bist, das glaub ich auch. Nur die Blindheit ist dir geblieben. Aber ich, Heinz, ich habe diese Person gehaßt. Um deinetwillen! Und der Haß hat Augen. Ich kenne sie. Besser als du. Ohne Gewaltstreich wirst du mit der nicht fertig. Sei vornehm, wohlerzogen, höflich, und in drei Tagen hat sie dich wieder eingefangen.«

»Da irrst du dich.«

»Beweis es mir, und ich leiste Abbitte. Aber nun weißt du, daß die beiden unter deinem Dach sind, und deiner vornehmen Seele muß es als Unhöflichkeit erscheinen, liebe Gäste so lange warten zu lassen. Komm!« Lachend ging Sternfeldt auf Kluibenschädl zu. »Na also, lieber Förster, fertig zum Heimweg! Unsere gute Durchlaucht hat über ernste Dinge nachzudenken. Aber wir beide plaudern? Ja? Was macht die Jagd? Und wo ist der Zwölfender gefallen?«

»Droben beim Sebensee, Herr Graf! Und wann S' dös Gweih sehen –«

Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie laute Stimmen im Wald vernahmen. Über den Weg, der zur bayerischen Grenze, zur Knorrhütte und zur Zugspitze führte, kam mit Lachen, Schwatzen und Singen eine lustige Touristengesellschaft herunter, vier junge Leute mit dick angepackten Rucksäcken, und zwei hübsche Mädchen, zu deren runden, vergnügten Grübchengesichtern die Maskerade des ländlichen Kostüms nicht übel paßte. Pfundweis trugen sie die Blumen auf Hüten und Bergstöcken.

Ob das der richtige Weg nach der Tillfuß-Alpe wäre? fragten sie den Förster.

Nur immer gradaus, und sie könnten nicht fehlen.

Und ob in der Sennhütte für sechs Leute Platz zum Übernachten wäre?

»Natürlich! Auf'm Heuboden halt! Da liegen S' gut!«

Das wirkte auf die heitere Gesellschaft, als hätte man ihr eine köstliche Sache in Aussicht gestellt. Lachend und singend wanderten die jungen Leute davon und begrüßte das Ziel ihres Marschs mit Jauchzen und Jodelrufen, von denen mancher etwas zweifelhaft ausfiel. Das gab Anlaß zu neuer Heiterkeit. Schwatzend musterten sie die Wagen, guckten in den Stall und grüßten einen Kutscher: »Guten Abend, Herr Vetter!« Als sie an Mazeggers Hütte vorüberkamen, blickte eines der Mädchen neugierig durch das offene Fenster in die Stube. Kichernd fuhr die Kleine zurück, winkte ihrer Freundin und flüsterte: »Du, da mußt hineinschauen, da sitzt einer drin, der macht ein Gesicht wie der Hamlet nach dem Monolog: Sein oder Nichtsein!« Als die andere mit lachenden Augen in die Stube spähte, fuhr Mazegger auf: »Was wollen Sie? Machen Sie, daß Sie weiterkommen!« Die Folge war, daß von den jungen Touristen einer nach dem anderen ans Fenster trat und sich höflich verbeugte: »Habe die Ehre!« Und dann ging's mit Gelächter hinunter zur Sennhütte.

Mazegger hatte im ersten Zorn das Fenster zugeschlagen. Als die lustigen Stimmen verklangen, öffnete er die Scheiben wieder und kehrte zu seinem Lauerposten neben dem Herd zurück.

Rittlings saß er auf dem Holzstuhl. Seine Augen schienen nichts anderes zu sehen als Tür und Fenster des Fürstenhauses.

Da schoß ihm das Blut ins Gesicht, und hastig griff er nach dem Fernrohr.

In der Tür des Jagdhauses war Baronin Prankha erschienen. Während sie über die Stufen herunterstieg in den Hof, stützte sie sich auf die Goldkrücke ihres Spitzenschirmes. Sie trug eine weiße Sportmütze aus schottischer Seide und ein weißes Lodenkleid mit breitem Ledergürtel von schillerndem Kupferglanz. Faltenlos, wie angegossen, umschmiegte der linde Stoff den schönen Frauenkörper, der bei aller Grazie leicht zur Fülle neigte. Der langsame Gang war von weichlicher Geschmeidigkeit; bei jedem Schritt, bei jeder leisen Bewegung der Arme, bei jedem Wenden und Neigen des Kopfes schien der ganze Körper mitbewegt. Und wie dieses Haar in der Sonne schimmerte! Es war nicht blond, nicht rot, es hatte den dunklen Farbenglanz, den sterbende Blätter an einem schönen Herbsttag haben. In seiner kapriziösen Modefrisur, in dem lockeren Gewell, das sich über die Schläfe hinauslegte, umschloß dieses Haar gleich einer leuchtenden Goldhaube ein rundes Gesichtchen, wie von Watteau gemalt, weiß und rot, mit zarten Grübchen und bläulichem Schatten, mit den klar gezeichneten Sicheln der dunklen Brauen und mit heißen Lippen. Diese Farben wirkten wie Natur. Waren sie Kunst, dann verstand sich diese Frau wie eine Meisterin auf das corriger la beauté. Bei der rosigen Frische dieser Farben hatte das Gesichtchen etwas jugendlich Unreifes, fast Kindliches. Dem widersprachen aber die feinen, wie mit der Nadelspitze gezogenen Linien an den Mundwinkeln. Und die Augen! Ihre Farbe war ein erloschenes Blau. Doch in der matten Iris brannten die großen Pupillen schwarz und feurig wie die Beeren der Tollkirsche.

Und wie diese Augen in nervöser Ungeduld flackerten, während sie beim Hoftor stand, mit der Schirmspitze im Sand wühlte und immer hinunterspähte über den Weg! Dann plötzlich lachte sie, mit perlender Stimme, vergnügt wie ein Kind, das in gereizter Laune mit einem Spielzeug überrascht wird.

Sensburg kam über den Weg herauf, »jagerisch« maskiert, mit Joppe, grüner Weste und kurzer Lederhose, mit genagelten Schuhen und mit Wadenstrümpfen, die mit dicker Wolle unternäht waren, um hinter den Knien den »echten« Buckel zu machen. An der Joppe trug er Hirschhornknöpfe, die ein spannenlanges Knopfloch brauchten, und an der Uhrkette baumelten silbergefaßte Adlerklauen, Hirschgranen und Murmeltierzähne. Die Knie mußte er mit irgendeiner Tinktur gefärbt haben; sie waren wie Kastanien so braun. Er ging nach der Art eines Holzknechtes, breitspurig und die Arme schlenkernd.

Mazegger konnte das heitere Lachen der schönen Frau und ihre Stimme hören, als sie in einer fremden Sprache – es war Englisch – dem anderen etwas sagte. Das mußte ein Kompliment gewesen sein, denn der »Jagerische« verbeugte sich geschmeichelt, und um seiner Rolle recht getreu zu werden, versuchte er das Wortkauen eines steirischen Kretins nachzuahmen. Dann fiel er, nach ein paar englischen Floskeln, wieder in den Wiener Fiakerton und lachte: »So ein Gstell? Was? Is ein Gstell! Eisssen! Und echter, man kann nicht! Aber Sie, Baronin? Ausschauen tun S' heint wieder, ich sag Ihnen, Baroninderl, großoatig! Zucker!« Galant umtänzelte Sensburg die schöne Frau und begann mit gustiöser Ausführlichkeit ihre Reize zu preisen. »Und denken, daß diese heazige Schennheit für einen anderen blütt? Das ist schmeazhaft, Baronin, wiaklich schmeazhaft!« Er verdrehte die Augen und seufzte. Um die schöne Frau wieder lachen zu machen, spielte er eine drollige Pantomime als hoffnungslos schmachtender Seladon. Es schien in dieser Posse auch ein Funke Ernst zu glimmen: die ohnmächtige Sehnsucht des verliebten Narren, der begehrt, was unerreichbar ist.

Sah sie dieses Flämmchen brennen, und hatte sie Ursache, zu wünschen, daß es nicht erlosch? Lächelnd reichte sie ihm die Hand, an der in der Sonne die Ringe blitzten, und ließ sie küssen. Plaudernd und lachend wanderten sie im Hof des Jagdhauses auf und nieder, und so oft sie kehrtmachten, tänzelte Sensburg auf die linke Seite der Baronin.

Da sah Mazegger durch das Fernrohr, daß die schöne Frau verstummte. Ihre Züge veränderten und spannten sich, ihre Augen wurden größer. Diese Erregung löste sich in ein bezauberndes Lächeln, als sie mit Sensburg zum Hoftor ging. Im gleichen Augenblick hörte Mazegger die Stimme des Fürsten, der mit Sternfeldt an der Hütte vorüberkam.

Mazegger huschte zum Fenster, kniete auf den Boden nieder und stützte das Fernrohr, damit es in seinen unruhigen Händen nicht zittern konnte. Schwer atmend richtete er das Glas auf das Gesicht der schönen Frau und belauerte jeden Blick ihrer Augen.

Den Grafen schien sie nicht gern zu sehen; als er sich lächelnd vor ihr verbeugte, nagte sie mit den kleinen blinkenden Zähnen an der Lippe. Ganz verwandelt schien sie, als sie auf den Fürsten zutrat, dem Sensburg schwatzend entgegengegangen war. Wie sie da lächelte, wie alles lebte und sprühte in ihrem Gesicht! Und dieser Blick! Wie eine Bitte, welche schenkt, demütig und sieghaft – ein Blick, der zu sagen schien: »Ich will dich, darum bist du mein!«

Da verfinsterte sich das Glas, Mazegger sah nichts mehr, und als er aufblickte, stand der Förster vor dem Fenster.

Kluibenschädl machte verblüffte Augen. »Was treibst du denn da? Unsere Herrenleut ausspionieren? So was laß bleiben, gelt! Und Uhr hast wohl keine? Sechse is's! Schau, daß in Dienst kommst!«

Wortlos erhob sich Mazegger, schob das Glas zusammen, richtete sich für den Pirschgang und schritt über das Almfeld hinunter. Als er den Wald erreichte, blieb er stehen und blickte nach dem Jagdhaus hinauf. Der Hof war leer, der Fürst und seine Gäste waren ins Haus getreten.

Mazegger nahm den Hut ab und fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Es schien, als wäre er ein anderer geworden. Sein Gesicht brannte, und er atmete wie einer, dem eine Kette von den Gliedern fiel. »Die erlöst mich von ihm! Wenn die ihm ihre Augen hinmacht, muß er vergessen! Alles!« Hastig schritt er hinein in den Schatten des Waldes.

Der Förster war zu seiner Hütte gegangen und schürte im Herd ein Feuer. Er schien zu denken, daß man ihn heute nicht zur Tafel rufen würde. »Schad um den gsparten Hunger!« Aber als er die Pfanne von der Wand herunternahm, erschien Martin in seiner schwarzen Gala: »Durchlaucht lassen zur Tafel bitten!« Während die beiden hinaufgingen zum Jagdhaus, sagte der Förster: »Sie; Herr Kammerdiener! Ihnen hab ich an ernstlichen Vorhalt z' machen. Einige Andeutigungen des Herrn Grafen Sternfeldt lassen mich vermuten, daß Sie mich, wie man zu sagen pflegt, über den Löffel balbiert haben – mit derselbigen ›Überraschung‹! Ich muß mir so was für die Zukunft entschieden verbitten! Solchene Sachen mag ich net.«

Martin erwiderte kein Wort. Er warf nur einen scheuen Blick zu den offenen Fenstern des Speisezimmers hinauf, wie in Sorge, daß irgend jemand die geharnischte Erklärung des Försters gehört haben könnte. Es war überhaupt in seinem Wesen etwas Ängstliches, als hätte er die Ahnung, daß ihm heute noch eine Unbehaglichkeit bevorstünde.

Sie traten ins Haus.

Von den Stimmen bei der Tafel drang nur ein undeutlicher Hall in den Hof herunter. Am besten unterschied man die Stimme des Edlen von Sensburg, der das große Wort zu führen schien. Häufig hörte man auch ein helles, perlendes Lachen. Die Fiakerspäße des »kleinen süßen Mucki« schienen die schöne Frau in heitere Laune zu versetzen.

Je ruhiger der schöne Abend um die Mauern des Jagdhauses dämmerte, desto lauter ging es drunten in der Sennhütte zu, in der sich die junge Touristengesellschaft gemütlich eingerichtet hatte. Vergnügtes Schwatzen wechselte mit Gesang, lustiges Kreischen mit lautem Gelächter, und dazu klimperte und klang eine Zither.

Als es dunkel wurde, kehrte Pepperl von der Pirsche zurück. Lange stand er vor der Tür des Försterhäuschens und lauschte zur Sennhütte hinunter, bis er wütend vor sich hinbrummte: »So a Madl! Daß die doch allweil ihr Gaudi haben muß! Mit ander Leut!« Seufzend trat er in die Hütte, legte sein Jagdzeug ab und setzte sich vor die Tür.

Wenn in der Sennhütte die jungen Stimmen recht übermütig durcheinanderschrien, drückte Pepperl die Hände über die Ohren.

Es war finstere Nacht geworden, als Martin mit einer Laterne über den Weg herunterkam, um Herrn von Sensburg zum Fremdenhaus zu führen.

Ein paar Minuten später erschien der Förster und hörte von der Sennhütte her das Singen und Jodeln. Fast wäre er in der Finsternis über Pepperls Beine gestolpert. »Geh, du Leimsieder! Was hockst denn da in der Nacht? Wo's so lustig zugeht bei der Burgi drunt? Mach weiter, geh a wengerl abi und tu dich unterhalten. Brauchen kannst es, du mit deiner maulhenkolischen Traurigkeit allweil!«

Pepperl war ein allzu gehorsamer Jäger, als daß er einem so klaren Befehl seines Vorgesetzten hätte widersprechen können. »No ja, wenn S' meinen, es muß sein, in Gotts Namen, geh ich halb abi!«

»Aber bleib net z'lang! Morgen in der Fruh um fünfe mußt mit'm Herrn von Sensburg zur Gamspirsch auffi!«

»Mit dem? Da dank ich schön! Vor dem laufen die Gamsböck auf tausend Schritt davon! Wo soll ich denn hin mit ihm? Zum Sebensee?«

»Na, na! Grad hat's der Herr Fürst gsagt: überall kann er hingehn, bloß net zum Sebensee. Gehst halt hin, wo d' meinst, er verdirbt nix. Und schießen kannst ihn lassen, auf was er mag. Treffen tut er eh nix, der! Aber jetzt geh, Pepperl, und sei vergnügt!«

»No ja! Meintwegen!« Pepperl seufzte, als wäre für ihn der Weg zur lustigen Sennhütte eine »viel härtere Sach« als die Gamspirsche, die ihm für den kommenden Morgen drohte. Stolpernd verschwand er in der Nacht.

Der Förster zündete in der Hütte die Lampe an. Da hörte er einen Wagen kommen. Es war ein Einspänner aus Innsbruck, der das Gepäck des Grafen brachte. Kluibenschädl lief zum Jagdhaus hinauf. Am Wohnzimmer des Fürsten mußte er ein paarmal pochen, bis man ihn hörte – so erregt, wenn auch mit gedämpften Stimmen, wurde da drin gesprochen.

Als der Förster den von einer großen Lampe erleuchteten Raum betrat, saß Graf Sternfeldt in einem Fauteuil, und Ettingen stand mitten im Zimmer. So hatte Kluibenschädl seinen Herrn noch nie gesehen: mit dieser Zornader auf der Stirn, mit diesen blitzenden Augen. »Ich bitt um Vergebung, Duhrlaucht, aber ich hab nur dem Herrn Grafen melden wollen, daß seine Sachen eingetroffen sind.«

Ettingen nickte, als hätte er nicht recht gehört. Und zum Fenster tretend, preßte er die Hand an seine glühende Stirn.

»Ja, lieber Förster, ich danke Ihnen«, sagte Sternfeldt und erhob sich, »lassen Sie drunten im Fremdenhaus die Sachen einstweilen in mein Zimmer schaffen, ich komme gleich. Es ist Zeit für mich, daß ich mich aufs Ohr lege. Ich bin müd und merke, daß ich meinen alten Knochen mit diesem Ritt mehr zugemutet habe, als ihnen lieb ist. Na, hoffentlich schlafe ich heut in meinem delogierten Bett so gut, als ob es noch an seinem alten Platz stünde.« Lachend trat er zum Schreibtisch und brannte eine Zigarre an. »Also, lieber Förster, ich komme gleich.«

Kluibenschädl streifte zum Abschied seinen Herrn mit einem scheu besorgten Blick.

Eine Weile war's still im Zimmer. Ettingen blickte durchs Fenster in die sternhelle Nacht hinaus. Obwohl die Scheiben geschlossen waren, konnte er den heiteren Spektakel hören, den die junge Gesellschaft drunten in der Sennhütte trieb.

Sternfeldt blies den Rauch seiner Zigarre von sich und betrachtete das erlöschende Zündholz, als wäre er neugierig, wie lang der kleine Funke, der von der Flamme zurückgeblieben war, noch glimmen würde.

Ettingen, an die Auseinandersetzung anknüpfend, in der sie durch den Eintritt des Försters unterbrochen wurden, sagte: »Von allem, was du mir vorgehalten, kann ich kein Wort widerlegen. Aber versetze dich in meine Lage, Goni! Sie sind meine Gäste. Das bindet mir die Hände. Auch wenn ich mir hundertmal sage: ich habe sie nicht gerufen. Das Zusammenleben mit diesen beiden empfinde ich selbst wie etwas Unerträgliches. Und du hast recht, am leichtesten wäre da mit einem rücksichtslosen Wort ein Ende gemacht. Aber das bring ich nicht fertig. Ich kann meine Natur nicht auf den Kopf stellen. Damit mußt du rechnen.«

»Ja, ich habe in meiner Rechnung einen Fehler gemacht. Während ich da heraufritt, daß mir und dem Pferd der Atem ausging, hab ich mit jeder Eigenschaft in dir gerechnet, nur nicht mit deiner Höflichkeit. Die ist zu klassischer Vollendung ausgebildet. Wäre ich ein Dieb, ich würde bei dir einbrechen. Da wär ich eines liebenswürdigen Empfanges sicher. Sollte dir der unhöfliche Gedanke kommen, mich aus dem Haus werfen zu lassen, dann dürfte ich nur sagen: Mein Herr, ich bin unter Ihrem Dach und fühle mich als Gast! Tableau! Und ich würde an deiner Tafel sitzen und bekäme von dir die Schüssel gereicht wie heut die Prankha.«

»Du marterst mich! Laß die Scherze!«

»Ich? Scherzen? Mir ist so ernst, wie einem Menschen nur sein kann, der einen Freund in Gefahr weiß.«

»Gefahr? Ach, geh doch!« erwiderte Ettingen fast unwillig. »Ich fühle mich an Leib und Seele so frei, als hätte mich nie ein Wunsch meiner Sinne an diese Frau gefesselt. Sie ist mir so völlig fremd geworden, daß ich sie ansehen und mich erschrocken fragen kann: Wie war's nur möglich, daß ich sie geliebt habe? – Was fürchtest du also?«

»Ihre Schönheit! Denn schön ist sie. Das muß ich ihr lassen. Und noch etwas anderes macht mich unruhig: deine Erregung. Wenn du deiner so sicher bist, weshalb diese Erregung? Das verstehe ich nicht.«

Ettingen antwortete nicht gleich. »Ja, du hast recht! Ich könnte doch wirklich die Posse, die mir diese beiden Menschen ins Haus brachten, mit kalter Ruhe an mir vorüberspielen lassen! Und doch ist eine Aufruhr in mir –«

»Ja, Heinz, in dir ist etwas, das sich meinem Blick verschließt. Und das beunruhigt mich. Es ist da noch etwas anderes als nur dein Widerwille, den du übrigens bei Tisch zur Genüge hast merken lassen, trotz deiner Höflichkeit als Wirt. Der süße Mucki war blind dafür. Dem geht nicht so leicht was durch die dicke Haut. Aber sie hat gemerkt, wie sie dran ist. Der erste, lächelnde Empfang, den sie dir bereitete, ließ mich vermuten, daß sie dich in aller Liebenswürdigkeit ein paar Wochen blockieren will, um dich im Anblick ihrer Reize knusprig zu rösten. Nun wird sie ihre Taktik ändern. Sie weiß, daß deine Höflichkeit mit dem Ekel kämpft, und da ist sie klug genug, um diese Stimmung in dir nicht wachsen zu lassen. Sie wird die gründliche Aussprache, die du bei deiner vornehmen Gastlichkeit gerne vermeiden möchtest, so rasch wie möglich herbeiführen.« Ein sarkastisches Lächeln. »Vielleicht schneller, als du denkst! Mit einem Gewaltstreich, den ich ihr zutraue.«

»Was meinst du damit?«

»Das soll ich dir noch erzählen?« Sternfeldt lachte. »Nein, lieber Heinz!« Er zerdrückte die Zigarre in der Aschenschale und trat vor Ettingen hin. Jeder spottende Zug war ausgelöscht in seinem Gesicht. »Du bist erregt! Mach draußen in der kühlen Nacht noch einen Bummel! Oder – auf deinem Schreibtisch liegt der Quartalbericht deines Verwalters – setz dich heute noch drüber, Heinz! Da hast du drei, vier Stunden nüchterne Arbeit. Das wird dich beruhigen.« Wieder lächelte er. »Dann geht's ja auch auf den Morgen zu. Ja, Heinz? Willst du das?«

Ettingen reichte dem Freunde die Hand, ohne ein Wort zu sagen.

»Na also, ruhige Nacht!«

Dunkle Röte war dem Fürsten ins Gesicht gestiegen, als hätte er jetzt verstanden, wie der Rat des Freundes gemeint war.

»Goni? Du denkst nicht gut von mir!«

»Von Dir? Doch, Heinz!« Sternfeldt lächelte. »Aber von ihr nicht.« Er wollte schon die Tür öffnen. Der Ausdruck seiner Züge verriet, daß er mit einem Entschluß kämpfte, der ihm nicht leicht wurde. Und dann erwachte in seinen ernsten Augen ein Blick von so mildem Feuer, daß Ettingen betroffen zu ihm aufsah.

Sternfeldt hob den linken Arm und streifte die Manschette zurück. »Sieh her, Heinz, was ich habe!« Er trug am Handgelenk eine Goldkette mit kleinem Medaillon. »Ein Talisman, den ich seit fünfzehn Jahren trage! Es hat eine Zeit gegeben, in der ich ein Spielzeug jeder Stunde war, die mir das Blut heiß machte. Dann kam eine Wandlung über mich, es ist rein in mir geworden, klar und still. Seit damals trage ich diese Kette. Der Talisman, den die Kapsel enthält, hat mich seit fünfzehn Jahren vor aller Häßlichkeit des Lebens bewahrt. Und dieser Talisman hätte auch Macht über dich. Ich möchte ihn dir geben. Aber ich kann die Kette nicht abnehmen, sie ist angeschmiedet an meinen Arm – weißt du, ich will sie mitnehmen auf meinen letzten Weg. Aber willst du nicht sehen, was die Kapsel enthält?« Er trat zum Schreibtisch und hielt den Arm in das Licht der Lampe. »Komm her, Heinz!«

Schweigend öffnete Ettingen die goldene Kapsel und sah in ihr das Miniaturbild einer Frau, noch schön, obwohl sich schon graue Fäden in das Braun der welligen Haare mischten, mit ernsten, ruhigen Augen und einem Leidenszug um den lächelnden Mund. »Das Bild meiner Mutter?«

»Das sagst du wie in Schreck? Daß ich deine Mutter liebte? Hast du das nie geahnt?«

»Und meine Mutter?« stammelte Heinz.

»Sie war mir gut. Ich glaube, sie wäre glücklich geworden an meiner Seite. Aber sie war glücklich, auch ohne mich. In ihrer Liebe zu dir. Und sie wies mich ab, weil sie ganz ihrem Sohne gehören wollte. Aus dir einen Mann zu machen, frei, glücklich und stolz – mehr wollte sie nicht von ihrem Leben. Dafür konnte sie jedes Opfer bringen, auch das Opfer ihres Frauenherzens. – Heinz? Verpflichtet solche Liebe nicht? Und begreifst du nun meine Sorge um dich? Soll deine Mutter umsonst gelebt haben?«

»Goni –«

»Nein! Jetzt wollen wir nicht weiterreden. Nachdem ich dir das gesagt habe, gibt es kein Wort mehr!«

Sternfeldt legte die Hände auf Ettingens Schultern und sah ihm in die Augen. »Gute Nacht, Heinz!« Dann ging er.

Ettingen blieb in seiner Erregung zurück, die ihn erschütterte bis ins innerste. Da weckte ihn ein Geräusch im anstoßenden Raum. Eine Furche grub sich in seine brennende Stirn. Als er die Tür des Schlafzimmers aufstieß, gewahrte er den Lakaien, der das Bett für die Nachtruhe seines Herrn bereitgemacht hatte und mit einem Sprühflakon durch das Zimmer ging, um ein schwül duftendes Parfüm in die Luft zu stäuben. »Was machen Sie da?« fragte Ettingen mit erzwungener Ruhe. »Ich habe Sie nicht gerufen.«

»Bitte Durchlaucht«, stotterte Martin, »mein Dienst –«

»Dienst? Bei mir? Ich habe Grund, zu vermuten, daß Sie im Dienst der Baronin Prankha stehen. Fremde Dienerschaft will ich für meine Person nicht belästigen. Sie können gehen. Morgen wird Praxmaler den Dienst bei mir übernehmen.«

Mit aschfahlem Gesicht verbeugte sich Martin, und während er aus dem Zimmer ging, riß Ettingen das Fenster auf. Die frische Nachtluft hauchte in den schwülen Raum und trieb, als die Tür geöffnet wurde, den süßen Wohlgeruch in den Flur hinaus und hinter dem Lakaien her, dessen Frackschöße in der Zugluft wehten. Eine Weile stand Martin ratlos, mit geballten Fäusten. Da sah er die kleine Französin aus dem Zimmer der Baronin treten und hörte sie noch sagen: »Je vous souhaite la bonne nuit, madame*!«

Lautlos huschte er auf das Mädchen zu: »Mam'zell Fifi?«

»Hein?«

Ob die Baronin noch zu sprechen wäre?

Für den guten, treuen Martin? Gewiß.

Er pochte an die Tür.

»Entrez!«

Martin trat ein. Als er einige Minuten später das Zimmer wieder verließ, schien seine Sorge beschwichtigt. Er trug die Nase hoch und lächelte. Während er über die Treppe hinunterstieg, hörte er das kichernde Gezwitscher der Französin.

Sie stand mit Sensburgs Leibjäger im Hof. Der heitere Lärm, der von der Sennhütte heraufklang, reizte ihre Neugier. »Je veux voir ça, moi**!«

Zu diesem Wunsche zuckte Martin hoheitsvoll die Schultern. Der »Stall« dort unten wäre kein Aufenthalt für »feine Leute« – in »solche« Gesellschaft könnte man unmöglich gehen, ganz unmöglich.

Fifi verzog das hübsche Mäulchen und lachte. »Moi, ça m'est bien egal, qu'on puisse y aller ou pas y aller. Vous m'y conduiserez, n'est-ce pas, Jean***?«

»A votre service, mam'zelle!« erwiderte der Leibjäger galant und bot ihr den Arm.

Während Martin seine Stube aufsuchte, wanderten die beiden kichernd über das Almfeld hinunter.

Droben am Himmel schneuzte sich ein Stern, und gleich einer dünnen Feuerrute fuhr's über die Berge hin.


* Ich wünsche der gnädigen Frau gute Nacht.

** Das will ich sehen.

*** Mir ist das ganz egal, ob man da hingehen kann oder nicht. Sie werden mich hinführen, Jean, nicht wahr?



Achtzehntes Kapitel

Einige Stunden früher.

Es dämmerte über dem Tal der Leutasch, und vom Kirchturm tönte der Abendsegen über die stillen Häuser hin und hinaus über die von zartem Nebel behauchten Wiesen. Auf der Straße lag schon die Ruhe des schläfrig gewordenen Tages. Nur ein paar junge Burschen stapften mit ihren qualmenden Pfeifen an den Zäunen entlang, manchmal nach einem Fenster spähend, hinter dem ein Licht brannte.

Da kam ein Jäger hastigen Ganges durch das Dorf herunter. Mazegger. Keuchend ging sein Atem, und in Unruh blickte er über die Straße aus. Sein Schritt verzögerte sich, je näher er dem Hause der Frau Petri kam. Um das Klappen seiner Schuhe verstummen zu machen, trat er in den mit Gras bewachsenen Straßengraben hinunter. Als er den Zaun des Hauses erreichte, das vom Duft seiner Blumen umflossen war, duckte er sich und schlich an der Holunderhecke hin, um eine Lücke zu finden, durch die er in den Garten blicken könnte.

Am Hause waren die Fenster der Wohnstube schon erleuchtet. Man sah durch die hellen Scheiben in den friedlichen Raum mit seinen Bildern und Geräten und sah, wie Frau Petri den Tisch deckte und die Tassen stellte.

Dunkler und dunkler sank die Dämmerung über Haus und Garten. Zwischen den Beeten klang die Stimme Los: »Zwei Kannen noch, dann wird's genug sein.«

Am Brunnen klapperte der Schwengel, das Wasser plätscherte, im Kiese knirschten die Schritte der Magd, und nun ließ sich das leise Brausen des über die Blumen fallenden Sprühregens vernehmen.

Dann war's still im Garten.

Während die Magd das Gerät und die Kannen in der Tenne verwahrte, machte Lo einen Rundgang um die Beete und durch den Obstgarten. In einem Sommerhäuschen, das dicht am Zaun auf einem kleinen Hügel stand, ließ sie sich nieder. Hier konnte sie über die dunklen Wiesen weit hinausblicken bis zur Waldscharte des Geißtals, über dem der Himmel mit seinem letzten Licht noch zwischen den schattenblauen Bergen leuchtete.

Da klang eine gepreßte Stimme über den Zaun: »Guten Abend, Fräulein!«

Lo sah über der gestutzten Holunderhecke das bleiche Gesicht mit den funkelnden Augen. Sie verließ das Sommerhäuschen. »Guten Abend!« sagte sie, wie man einen Fremden grüßt, und ging auf das Haus zu.

Der Pfad führte am Zaun entlang, und so konnte Mazegger über der Hecke draußen gleichen Schritt mit ihr halten.

»Aber eilig haben Sie's heut!« Der Jäger lachte. »Ich bin halt nicht der ander mit'm Krönl im Schnupftuch! Da tät sich's freilich rentieren, daß man stehenbleibt. Da hätt man Zeit eine ganze Nacht lang. Wie draußen beim Sebensee. Gelt, ja?«

Schweigend folgte Lo ihrem Weg.

»Ich komme von Tillfuß. Da sollten Sie doch ein bißl neugierig sein, was los ist bei Ihrem hochgeborenen Courschneider! Könnt sein, daß ich was zu erzählen hätt. Wirklich? Gar nicht neugierig?«

Er wartete auf Antwort. Vergebens.

Nun lachte er wieder, gallig und rauh. »Jetzt kommt er so bald wohl nimmer zum Sebensee! Jetzt hat er keine Zeit mehr – für Sie! Heut hat er Besuch bekommen. Und was für einen! Eine Baronin. Billiger tut er's nicht, wenn's Ernst wird. Ich hab mir allweil gedacht, es gäb nichts Schöneres auf der Welt, als Sie sind. Aber die! Aaah! Was die für ein Lachen hat! Und wie sie ihn frißt mit ihren sündschönen Augen! Da müßt der ägyptische Joseph drüber stolpern. Und Joseph ist der doch keiner! Gelt? Die vornehmen Herren, die halten's gern mit der Abwechslung. Heut Butterbrot und Sebenseeblümln, morgen wieder Salami mit Pfeffer.«

Lo hatte den Pfad verlassen. Quer durch die Wiese schritt sie auf das Haus zu. Was der Jäger ihr nachrief, verstand sie nicht mehr. Nur sein Lachen hörte sie noch. Als sie zur Haustür kam, mußte sie sich an die Mauer stützen. Diese Schwäche währte nicht lang. Ruhigen Schrittes trat sie ins Haus. Lichtschein fiel aus der Küche in den Flur und über die Bilder hin, welche die Mauer bedeckten.

Während Lo zur Stube ging, berührte sie eines der Bilder mit der Hand, als wäre das Trost und Kraft für sie: die Leinwand zu fühlen, auf der ein reiner und schöner Gedanke ihres Vaters Form und Farbe gewonnen.

Nun trat sie in das helle Zimmer, in dem Frau Petri noch mit dem Tisch beschäftigt war.

»Heut kommst du früher als sonst. Bist du draußen schon fertig?«

»Ja, Mutter. Mit allem.«

Beim Klang dieser Stimme blickte Frau Petri betroffen auf. Sie sah das weiße, vom Schmerz berührte Gesicht, die verstörten Augen, und fragte erschrocken: »Kind? Was hast du?«

»Nichts!«

»Das sagst du mir und kannst mich doch nicht ansehen dabei!« Vor Sorge zitterte die Stimme der alten Frau. »Kind?«

»Ich bin erschrocken. Draußen im Garten, dicht vor meinen Füßen, kroch eine Natter über den Weg.«

»Nein! Das hätte mich erschrecken können. Nicht dich! Vor einem Tier zu erschrecken, das nur unschön ist, nicht gefährlich, das ist nicht deine Art. Sag mir, was du hast! Und sieh mich an!«

Ein Lächeln erzwingend, hob Lo die Augen.

»Kind! Ich fühle doch, daß es nur ein Gleichnis war, was du vorhin von der Natter sagtest. Draußen im Garten ist etwas geschehen, was dich kränkte. Das war so abscheulich, daß du es deiner Mutter nicht sagen magst. Ich kann mir's denken! Ein dummer oder böser Mensch wird ein Wort gesprochen haben, das etwas in dir verletzte, was dir lieb und heilig ist.«

»Ja, Mutter! Etwas, an das ich glaube, wie ich an den Vater glaube und an dich!«

»Gelt, ich hab's erraten?« Frau Petri atmete, als läge ihr ein Stein auf der Brust. »Schon die ganze Zeit her – und was mir gestern der Bub erzählte, vom Jagdhaus –, Kind, ich bitt dich, diese Sorge mußt du mir ausreden! Gelt, nein? Es ist nicht so, wie ich fürchte? Wenn ich recht hätte mit meiner Sorge, das wäre ein Unglück für dich und für uns alle! – Kind?«

Lo wollte sprechen und brachte kein Wort über die Lippen. Auf die Holzbank niedersinkend, brach sie in Schluchzen aus.

Schweigend setzte Frau Petri sich an die Seite ihres Kindes, nahm die Weinende in den Arm und streichelte ihr das Haar.

Noch ehe Frau Petri sprechen konnte, hatte Lo ihre Fassung wiedergefunden. Sie trocknete die Augen, und nur noch ein schmerzliches Lächeln irrte um ihren Mund, als sie ruhig sagte: »Mutter! Wir müssen fort von hier.«

»Fort?«

»Ja. Weil ich ihn liebe.«

»Ach Gott!« stammelte die alte Frau. »Was ist über mich schon alles gekommen! Und jetzt auch das noch! Mein Kind muß ich leiden sehen und kann ihm nicht helfen. So ein Unglück!«

»Nein, Mutter!« Lolos Augen leuchteten in stillem Glanz. »Was ich fühle, ist das Herrlichste eines Menschenherzens. Es wird mein Leben erfüllen wie die Sonne einen klaren Tag. Ist Liebe weniger schön und reich, weil sie nicht hoffen darf? Kein Unglück, nein! Was ich fühle, ist Glück. Nur Zeit mußt du mir vergönnen, um mich wiederzufinden, um so stark und mutig zu werden, daß ich ihm ruhig begegnen und verbergen kann, was in mir brennt. Nur deshalb will ich fort. Ein paar Wochen. Ich bitte dich, Mutter, tu mir das zuliebe.«

»Ja, Kind! Alles, was du willst. Und wohin möchtest du?«

»Das war immer eine Sehnsucht von mir: Vaters Heimat kennenzulernen, das Haus zu sehen, in dem er geboren wurde.«

»Ja! Da reisen wir hin.«

»Und dann, Mutter, gehen wir nach München.«

»München?« Vor den Augen der alten Frau erwachte bei diesem Wort das Bild ihrer bittersten Lebensjahre. Wie scheue Abwehr klang es aus ihrer Stimme: »Kind?«

»Das müssen wir, Mutter! Was wir über Vater erfuhren, hat eine Pflicht auf uns gelegt. Die Welt soll die Schätze sehen, die unser Haus umschließt, und soll lieben lernen, was Vater unter diesem Dach geschaffen hat. Deshalb müssen wir nach München.«

»Ich seh es ein. Das sind wir seinem Namen schuldig. Aber – Ach, Lo! Wieder hinein in den alten Kampf und in die neue Sorge! Und es war so friedlich hier! Bei unserem Erinnern und bei seinen Blumen!«

Lo legte den Arm um den Hals der Mutter. »So wird es auch bleiben, immer! Wenn wir heimkehren, werden wir nur reicher sein um eine Freude.«

»Gott soll's geben!« Frau Petri seufzte; ihr Herz wurde nicht leichter. Sie hatte es verlernt, an die Hoffnung zu glauben. Als nach allem Kampf der früheren Jahre die Ruhe gekommen war, hatte sie diesen Frieden nicht recht genießen können, weil sie immer fürchten mußte: er wird nicht dauern. Hatte sie nicht recht gehabt mit dieser Furcht? Noch war die Trauer um ihren Mann nicht still geworden. Und da kam das wieder! Der hoffnungslose Schmerz ihres Kindes! Und was würde dann kommen? Was stand ihr noch alles bevor an Leid und Weh? »Ach ja!« Die Hände fielen ihr schwer in den Schoß. »Wann willst du reisen?«

»Sobald der Bub wieder wohl ist. Und morgen will ich hinausreiten zum See, nur über die Nacht, um da draußen alles in Ordnung zu bringen für den Winter. Auch dürfen wir die Blumen in den heißen Sommerwochen nicht ohne Pflege lassen. Ich will den Sebener Senn ersuchen, daß er die Arbeit übernimmt.«

»Ja, das mußt du tun! Seine Blumen – das war sein letztes Wort – die dürfen nicht leiden.«

Nun schwiegen sie, als wäre alles zu Ende gesprochen.

»Noch eines, Mutter!« Lolos Wangen färbten sich. »Der Fürst –« Ihre Stimme schwankte bei diesem Wort. »Die Freude, die er uns brachte mit dieser Nachricht – das müssen wir ihm danken! Ich meine, wir sollten ihm eins von unseren Bildern schicken. Als Erinnerung an den Vater. Und an alles andere.« Ein mildes Lächeln verschönte ihren Mund. »Meinst du nicht auch?«

»Wenn du willst. Welches meinst du?«

Da rief die Magd in die Stube herein: »Ich bitt, der Gusterl gibt kei' Ruh nimmer: 's Fräuln soll kommen!«

Lo erhob sich, zog die alte Frau zu sich empor und umschlang sie. »Sei ruhig, Mutter! Sorg dich nimmer! Der Vater hat mich erzogen zu seinem starken Kind. Und was ich dir sein kann, das sollst du haben an mir!« Sie verließ die Stube. Erst ordnete sie noch in der Küche die Teeplatte und sagte zu dem Mädchen: »Trag nur alles gleich hinein! Muttl hat schon so lange warten müssen.«

Als sie durch die Schlafstube der Mutter ging, fiel aus dem anstoßenden Zimmer der Lampenschein und erleuchtete eine Bilderwand. Lolos Blick begegnete jener Leinwand mit dem Hermeskopf – mit der weißen Marmorsäule des jugendlichen Gottes, dem eine Natter auf die Schulter kriecht. Ekel und Grauen sprechen aus seinem Gesicht, doch seine Brust ist angewachsen an dem unbeweglichen Stein, und er hat keine Arme, um die giftige Häßlichkeit von sich abzuwehren. »Das soll er haben!« Zitternd, in einem Sturm von Empfindungen, nahm Lo das Bild von der Wand und küßte die Stirn des schönen Gottes.

Da klang die Stimme des Bruders: »Lo? Was machst du da draußen? Komm doch zu mir!«

Sie gab das Bild wieder an die Wand und trat in die kleine Stube.

Das verpflasterte Gesichtchen vorgebeugt, saß Gustl in den Kissen. »Lo, jetzt eben hab ich probiert, ob ich marschieren kann. Es geht schon ganz famos. Morgen darfst du mich aufstehen lassen.«

Sie trat zum Bett. »Morgen? Nein, Bubi, morgen mußt du noch liegenbleiben.«

»Also übermorgen! Darf ich dann auch bald ins Jagdhaus? Er hat mich doch eingeladen. Übrigens, weißt du, ich hab so was wie eine Ahnung. Gib acht, Lo, morgen kommt er.«

Damit der Bruder ihre Erregung nicht sehen möchte, ging sie zum Fenster, das noch offenstand.

Verwundert sah Gustl zu ihr auf. »Aber Lo?«

»Ich will das Fenster schließen, die Nacht wird kühl –«

Ihre Stimme erlosch – draußen über der Hecke sah sie einen Menschen stehen, regungslos in dem trüben Dunkel. Ruhig schloß sie das Fenster und zog die Gardinen vor.

Der auf der Straße draußen lachte leis. Dann schritt er durch das finstere Dorf, dem Geißtal entgegen.

Es ging auf elf Uhr, als Mazegger die Tillfußer Alm erreichte. Zitherklang, Gesang und Lachen tönten aus der Sennhütte. Das Jagdhaus stand noch mit hell erleuchteten Fenstern, nur das Speisezimmer war dunkel. Und im Försterhäuschen wurde just die Lampe ausgeblasen.

Während Mazegger an der Sennhütte vorüberging, warf er einen gleichgültigen Blick in die offene Tür, durch die es herausquoll wie roter Feuerdampf.

Zigarrenrauch und Staub, den die tanzlustigen Paare aufgewirbelt hatten, erfüllten den großen Raum. Ein festes Feuer flackerte auf dem Herd, und über dem dicht besetzten Tisch, in einem Mauerring, brannte eine Kienfackel. Einer der jungen Touristen spielte mit wenig Kunst, aber mit vielem Eifer die Zither, die anderen sangen und tranken, schwatzten und lachten. Nur die Wirtin hielt sich abseits von dem fidelen Spektakel. Mit rotem Gesicht und gerunzelten Brauen stand Burgi neben dem Herd und warf ein Scheit ums andere ins Feuer, als gält es eine Höllenlohe für eine dem Bratspieß verfallene Sünderseele anzuschüren. Sie trat nur zum Tisch, wenn sie ein leer gewordenes Glas wieder zu füllen hatte. Und dann mußte sie in den Keller hinunter, wo das Fäßlein mit dem roten Spezial schon bedenklich hohl klang. Was ihre gallige Laune am meisten zu reizen schien, das war, daß sie den Weg in den Keller besonders häufig für den Praxmaler-Pepperl machen mußte. Der schien den Schwur der Nüchternheit, den er beim Sebensee seinem Jagdherrn geleistet hatte, völlig vergessen zu haben. Zwei Liter hatte er schon hinuntergegossen in seine aufgeregte Seele, und jetzt eben schrie er zum neuntenmal: »He, Sennerin! Noch aber Viertele!«

Abgewandten Gesichtes stellte ihm Burgi den frisch gefüllten Schoppen hin. Während sie zum Herd ging, warf sie einen Wutblick über die Schulter. Nicht auf den Praxmaler-Pepperl. Die Zornglut dieses Blickes galt der kleinen Französin, deren lustiges Lachgezwitscher die Stimmen der anderen übertönte.

Zwischen Pepperl und Mam'zell Fifi hatte sich die ungenierteste Freundschaft im Verlauf einer Stunde so heiß entwickelt wie Dampf aus kochendem Wasser. Als die kleine Französin am Arm des Leibjägers die Sennhütte betreten hatte, war Pepperl mit finster brütenden Augen in einem Winkel gesessen und hatte sich gegen Fifis ersten Annäherungsversuch so unzugänglich verhalten wie ein junges Fohlen, dem man zum erstenmal das Geschirr um den Hals legen will. Aber war des die Wirkung des Weines, den er als reichlichen Seelentrost in sich hineingoß, oder war's ein spöttisches Lächeln der Sennerin, ein bissiges Wort, das Burgi einem der Touristen über die Französin gerade so laut noch zuflüsterte, daß Pepperl es hören mußte – irgend etwas hatte unter seinen Kreuzerschneckerln plötzlich einen psychologischen Wettersturz hervorgerufen. Aus einem griesgrämigen Leimsieder hatte er sich in einen krakeelenden Don Juan verwandelt, dessen Schmeicheleien die kleine Französin in um so größere Begeisterung versetzten, je derber sie ausfielen. Dieser vrai tyrolien, dieser type de race gefiel ihr immer besser mit jeder Minute. Sie ließ es, um ihn in Feuer zu bringen, an Aufmunterung nicht fehlen. Und Pepperl war nicht dumm. Wenn sie ihm einen kleinen Finger reichte, nahm er gleich die ganze Hand, zum Gaudium der Französin und der ganzen lustigen Gesellschaft, die Sennerin ausgenommen. An diesem »Flirt« – wie Jean der Verschnürte die koketten Manöver Fifis mit Weltbildung bezeichnete – beteiligten sich alle Mitglieder der Tafelrunde und spielten mit wie die Zuschauer bei einer Hanswurstiade. Da Fifi kaum ein paar deutsche Worte und Pepperl kein Französisch verstand, mußte bald der Leibjäger, bald einer der jungen Touristen den Dolmetsch abgeben, wobei die drastischen Komplimente, die Pepperl der Französin machte, mit lautem Hallo bei der Übersetzung noch übertrieben wurden. Als Pepperl in seiner schwelenden Weinlaune beteuerte: »Die gfallt mir, die mag ich!« – begnügte sich Fifi nicht mit der Übersetzung.

»Moi, je veux, qu'il me dise cela en français!«

»Was hat's gesagt?« fragte Pepperl.

Einer der Touristen übersetzte: »Sie will, du sollst ihr auf französisch sagen, daß sie dir gefällt!«

»So?« Pepperl studierte eine Weile. »Wie tät's denn heißen auf franzeesisch, wann ich ebba sagen möcht: Du bist sauber, dich hab ich gern?«

Unter Gelächter sagte man's dem Praxmaler-Pepperl ein paarmal vor: »Vous êtes très belle! Je vous aime!«

Und Pepperl plapperte: »Wussed treppel, schö wussem!«

Fifi klatschte vor Wonne in die Hände und zwitscherte ihr höchstes Lachen. Die Bewunderung, die sie für diesen superbe colosse empfand, fing an ins bedenkliche zu wachsen. Alles an ihm gefiel ihr, aber ihr ganz besonderes Entzücken erregten seine Kreuzerschneckerln. »Regardez, Jean, quels jolis cheveux il a! Ils ont l'air de s'amuser beaucoup*!« Als müßte sie dem Wohlgefallen, das sie an diesen »vergnügten« Haaren fand, noch deutlicher Ausdruck geben, sprang sie auf, faßte den Praxmaler-Pepperl über den Tisch hinüber am Kopf und wühlte mit ihren winzigen Spinnenhänden in diesem Wust von blonden Ringeln wie ein Geiziger in seinem Gold.

Alles lachte. Nur drüben am Herd empörte sich die Sennerin. »So an ausgschamts Frauenzimmer!« Ein Scheit flog ins Feuer, daß die Funken aufstoben.

»Comme il me plait! Ah! Ah! Qu'il me plait bien!« zwitscherte Fifi. »Mais! Mais! Attention**!« Gestikulierend suchte sie das Gelächter der anderen zu beschwichtigen. »Je veux lui dire ça en allemand! Comment cela se dit-il en allemand! Comment cela se dit-il en tyrolien: tu me plais, tu es un joli garçon, toi?«

»Ruhe! Jetzt will sie deutsch mit ihm reden!« verkündete der Dolmetsch. »Sie will wissen, wie das auf tirolerisch heißt: du bist ein hübscher Junge, ganz nach meinem Geschmack! – Das muß ihr echt gesagt werden, ganz echt!« Unter fideler Spannung der Tafelrunde sprach ihr einer der Touristen im breitesten Tirolerdialekt den Satz vor: »Du gfollscht ma, bischt a liaba Bua!« Fifi versuchte die bleischweren Laute nachzuschwatzen. Was auf ihrem leichten Zünglein daraus wurde, hörte sich so drollig an, daß die ganze Gesellschaft in Gelächter ausbrach. Sogar die Sennerin lachte; aber das war ein Lachen, so grell wie der Klang einer springenden Saite.

Den Praxmaler-Pepperl schien diese Liebeserklärung der Französin – oder etwas anderes – um den letzten Rest seiner Zurückhaltung gebracht zu haben. Er stieß einen gellenden Jauchzer aus, griff mit beiden Armen zu, und wie man einen Knödel aus der Suppe sticht, hob er das kleine Persönchen über den Tisch herüber an seine Saite. »So, jetzt spielen S' ein' auf, an rassigen!« schrie er dem Zitherspieler zu. »Jetzt wird einer tanzt mit meiner Franzeesin! A gsunder!« Wieder jauchzte er und schwang sein Hütl dazu.

Mit schwirrenden Klängen fiel die Zither ein. Zwei der jungen Touristen faßten die beiden als Dirndl kostümierten Mädchen um die Hüfte, und Jean, der nicht leer ausgehen wollte, machte den Versuch, die Sennerin zum Tanz zu holen. Wortlos drehte ihm Burgi den Rücken, während Pepperl dem Verschnürten mit höhnischer Freude zurief: »Sie! Die lassen S' in Ruh! Die is der Rühr-mi-net-an! Die hat an Heimlichen. Wann s' an andern anschaut, wird er wild, der Heimliche, und sie därf ihm die schecketen Jagdküh nimmer melchen. Juhuuu!« Das war ein Jauchzer, dessen scharfer Klang wie ein Dolch in alle Ohren fuhr. Mit einem Luftsprung wie ein Tollgewordener trag Pepperl an der Hand seiner »Franzeesin« zum Schuhplattler an.

Burgi stand bleich am Herd und starrte ins Feuer. Auch Fifis Gezwitscher war verstummt, und einen Augenblick schien es, als bekäme sie Angst vor diesem superbe colosse, der ihre Hand umklammert hielt wie mit eisernem Schraubstock und das kleine Persönchen im Kreise wirbelte, daß die Röcke flogen wie ein sausendes Rad. Dann lachte sie wieder, blitzte ihn mit ihren schwarzen Augen an, und flink hatte sie es den beiden anderen Mädchen abgeguckt, wie sie sich, mit den Händen die Röcke niederhaltend, vor ihrem Tänzer drehen, wiegen und wenden mußte, um den Sinn dieses urwüchsigen Naturtanzes zum Ausdruck zu bringen: das Entfliehen und Sichhaschenlassen, das Versagen und Gewähren einer Gunst, um die der Tänzer wirbt.

Mit einem Jauchzer, daß die Stubendecke dröhnte, umkreiste Pepperl die sich wirbelnde Tänzerin und begann ein Schlagen und Springen, ein Blasen und »Schnackeln« wie ein liebes- und frühlingstrunkener Spielhahn. Er »plattelte«, als wollte er seine Schenkel und Schuhe zu Scherben klopfen, schlug Räder und Purzelbäume, schnellte im Aufsprung die Fußspitze bis zur Stubendecke und schwang, als die Zither schwieg, mit gellendem Juhschrei seine Tänzerin durch die Luft wie eine Feder.

Die beiden anderen Paare, auch Jean und der Zitherspieler, schrien Bravo und applaudierten. Und Fifi, als sie mit den zappelnden Füßen wo zu Boden kam, sah glühend und staunend an ihrem Tänzer hinauf und pisperte mit ihrem atemlosen Stimmchen: »Bigre, tu as de la race, toi***!« Mit beiden Händen haschte sie ihn am Schnurrbart, zog ihn zu sich nieder, hob sich auf die Fußspitzen und drückte ihm einen Kuß auf den Mund. Dann huschte sie kichernd zur Stube hinaus.

Die Touristen machten dazu einen fidelen Spektakel, während Jean der kleinen Französin mit der Bemerkung folgte: »Elle est folle, vraiment****!« Er fand sie draußen, wie sie vor Lachen kaum Atem und Wort hatte. Und als sie sich in seinen Arm einhängte, um sich zum Jagdhaus hinaufführen zu lassen, meinte sie: »C'était la vraie bêtise de campagne, ça*****!«

Auch Pepperl lachte. Aber es schien, als wäre ihm dabei nicht besonders wohl zumute. Sein Gesicht brannte wie Feuer. Er mußte sich abkühlen und schrie der Wirtin zum »Verirrten Lampl« mit heiserer Stimme zu: »He, Sennerin, noch a Viertele!«

Wortlos nahm Burgi das Glas vom Tisch und ging in den Keller. Schwer seufzend öffnete sie den Hahn am Faß, und während das dünne rote Brünnlein niederplätscherte in das Glas, tröpfelten ihr die dicken Zähren über die Wangen – und eine dieser Tränen fiel in den Rotwein. Wie in Wut über sich selbst, fuhr sie mit der Faust über die Augen und biß die Zähne übereinander.

Als sie hinaufkam in die Stube, packte der Zitherspieler sein Instrument in den Rucksack, und die jungen Leute, denen der Wein in den Köpfen wirbelte, schickten sich an, ihr Nachtlager auf dem Heu zu suchen. Unter Späßen, die der späten Stunde entsprachen, sagten sie der schweigsamen Sennerin gute Nacht, stiegen mit Schwatzen und Gekicher über eine Leiter zum Heuboden hinauf und ließen an der Stubendecke die Klappe hinter sich zufallen.

Burgi und Pepperl waren allein.

Über ihren Köpfen pumperte die Decke, und man hörte gedämpft die lachenden Stimmen der Heugäste, die es mit Schlaf und Ruhe nicht eilig hatten.

Unter schwülem Schweigen räumte Burgi den Tisch ab, so daß nur das letzte »Viertele« des Praxmaler-Pepperl noch stehenblieb. Der suchte mit zitternden Händen aus seinem schweinsledernen Ziehbeutel das Geld für die zehn Schoppen heraus und legte die Münzen schön geordnet in Reih und Glied auf den Tisch. »So! Das is mei' Schuldigkeit!« Er packte das Glas und stürzte den Wein hinunter – das ganze »Viertele« mitsamt der bitteren Träne war nur ein einziger Schluck. Dann stülpte er den Hut über die Kreuzerschneckerln, blies die heißen Backen auf, und ohne die Sennerin eines Blickes zu würdigen, wollte er zur Tür.

Wie die strafende Gerechtigkeit den Verbrecher faßt, mit so jähem Sprung verlegte ihm Burgi den Weg.

Pepperl wurde bleich. Während die zwei so voreinander standen, sich messend mit finsterem Blick, schienen sie alle beide zu ahnen, daß es jetzt ein Unglück geben würde.

Vor Aufregung klang die Stimme des Mädels ganz verändert. »Wart a bißl, du Moralischer, du! Mit dir muß ich was reden!«

»Du? Mit mir?«

»Ja! Ich! Mit dir!«

»Haha!« Pepperl versuchte von oben herab einen Ton anzuschlagen, der ihm nicht gelang. »Wir zwei haben ausgredt mitanand! Und wann schon meinst, du mußt mir was sagen, so such dir an anders Stündl aus! Heut weiß ich mir was Bessers.« Stolz machte er einen Schritt zur Tür.

Burgi war flinker und stieß den Riegel vor. »So! Jetzt probier, ob d' aussi kommst!«

Das ging dem Praxmaler-Pepperl über die geduldige Leber. Er bekam ein zornrotes Gesicht. »Du! Solchene Sachen verbitt ich mir!« Auch fand er gleich für diesen Gewaltstreich das richtige Advokatenwort: »Die perseenliche Freiheit laß ich mir net beschränken!«

»Ghören tät's dir, daß man dich einsperrt!« fiel Burgi mit heißer Erregung ein. »So einer, wie du bist, sollt net freilings umanandlaufen därfen. Dir ghöret a Halsbandel, dir!«

»Natürlich, mit eim Schnürl dran! Daß du mich führen könntst! Aber gelt, mich laß in Ruh! Führ du dein Schwarzlackierten spazieren! Den mit die seidenen Höserln!«

»Du! Du!« Sie ballte die Fäuste und brachte nur mühsam die Worte heraus. »Über den sagst mir nix mehr! Du!«

»Dir sag ich noch viel!«

»Meinetwegen, ja! Aber gelt, mit deiner Tugendhäftigkeit kannst mich auslassen, du! Und mit die Gomorringer! Wann die ausrucken, bist du als Korporal dabei!«

»Leicht awanzier ich gar noch zum Leutnant!«

»Da hast recht! Du bringst es noch weit! Heut hab ich dich ausstudiert, du scheinheiligs Brüderl, du! Denn so, wie du heut, hat sich net bald einer aufgführt!«

»Ich hab halt was glernt von dir!« erklärte Pepperl höhnisch. »Schlechte Beispieler verderben gute Sitten!«

»Verderben? So? Verderben?« keuchte Burgi, als hätte ihr dieses Argument einen Stoß ins Leben versetzt. »An dir is viel zum Verderben? Meinst? Du bist ja in der besten Schul, bei der! So eine, freilich, die wachst net bei uns. Die muß extra aus Frankreich kommen! Wie's die versteht! Ah! Pfui Teufi! Net amal Deutsch kann s', die!«

»Ihr Bussel hab ich ganz gut verstanden.«

»So? Hast es verstanden?« höhnte Burgi, während ihr die Tränen in die Augen sprangen. »Gut verstanden? So?«

»Ja! Und sie haben was Extrigs, die franzeesischen Busserln. Da muß ich schauen heut, daß ich noch eins derwisch. Drum geh von der Tür weg, sag ich!«

»So? Tätst aussi mögen?« Sie machte die Ellbogen breit, um den Riegel zu decken. »Fensterln? Bei der? Dös tät dir halt taugen, dir? Gelt?«

»Und wie! Es taugt ja dir auch net schlecht, wann der ander kommt: Main scheenes Gindd!«

»Und du: Schö wussem, schö wussem!«

»Schö wussem, ja!« schrie Pepperl, »schö wussem! Noch tausendmal sag ich's ihr heut!« Er machte einen drohenden Schritt. »Von der Tür weg!«

»Ich mag net! Na!« Und während ihre Augen immer größer wurden, stemmte sie sich mit dem Rücken gegen die Bretter.

»Gehst weg oder net?«

Sie starrte ihn an, regungslos, mit einem Gesicht, das wie versteinert schien.

Je bleicher sie wurde, desto dunkler stieg dem Praxmaler-Pepperl das Blut unter die Kreuzerschneckerln. »Gehst weg oder net? Ich frag zum letztenmal.«

Sie rührte sich nicht.

Da riß ihm die Geduld. Er machte einen Sprung zur Tür und versuchte Burgi mit der Schulter beiseitezuschieben. Sie klammerte sich an den Riegel, als hinge ihre Seligkeit an diesem Stücklein Holz. Pepperl schob und drückte, bis er den Riegel zur Hälfte frei bekam. Nun riß er ihn auf, und schon klaffte die Tür um einen handbreiten Spalt. Als gält es jetzt einen Kampf auf Leben und Tod, so warf sich Burgi dem Feind entgegen, packte ihn mit der einen Hand an der Brust, mit der anderen an der Kehle und versuchte ihn mit verzweifelter Kraft von der Tür wegzureißen. Und wirklich, Pepperl war von diesem jähen Überfall so völlig überrascht, daß er schon bis in die Mitte der Stube gestoßen war, bevor er noch recht an Widerstand denken konnte. Jetzt erwachte die Wut in ihm. Mit Zucken und Zerren versuchte er sich frei zu machen und wurde grob. Doch Burgi hielt ihn mit den Armen umklammert, ihre letzte Kraft erschöpfend, und ließ nicht los. Da begannen sie ein Ringen, wortlos und keuchend. Bei diesem Ringen krümmten und wanden sie sich, Leib an Leib gewachsen, als wären sie nur ein einziger Körper. Dann plötzlich, wie von einem Zauber gelähmt, standen sie regungslos, alle beide. Sie hielten einander mit den Armen noch umschlungen wie im Ringen. Aber sie sahen sich an, erschrocken und bleich, Aug in Auge. Was sie sagen wollten, wurde ein Lallen – und eines schloß dem anderen die Lippen mit dürstendem Kuß.

Die Stubendecke pumperte über ihren Köpfen, und eine Lachsalve nach der anderen prasselte dort oben im Heu.

Die beiden hörten es nicht. Sie waren auf die Herdbank niedergesunken, hielten sich umklammert und wurden nicht satt von ihren Küssen.

Ein schwüles Aufatmen. »Pepperl –«

»Was, Schatzl?«

»Neulich hat er mich busseln wollen. Da hab ich ihm eine runterliniert.«

»Geh? Is wahr?« Dieses Bekenntnis rührte ihr; sie hätte ihm ihre Liebe nicht besser beweisen können als durch das »Zähntweh« des Kammerdieners. »So a guts Madl, wie du bist! So was gibt's nimmer auf der Welt! Und dös einschichtig Busserl von der andern? Gelt, dös tust mir net verübeln?«

»Aber gwiß net! Wir müssen froh sein, daß 's bloß an einzigs war! Und sie hat's ja dir geben. Da kannst ja du nix dafür.«

Dankbar zog er sie auf seinen Schoß, und nun waren sie wieder schweigsam.

Auf dem Heuboden schien der übermütigen Gesellschaft allmählich der Schlaf zu kommen. Nur ein paarmal hörte man noch ein leises Gekicher.

Die beiden auf der Holzbank rührten sich nicht – sie seufzten nur manchmal, heiß und tief.

Kleiner und kleiner wurde das Feuer auf dem Herd. Bevor es in Glut versank, belebte sich knisternd noch eine letzte Flamme und leuchtete rot.

Die Kienfackel an der Wand war schon erloschen; es glostete nur der Stumpf noch ein bißchen, und stille Funken, gleich winzigen Sternchen, fielen von ihm zu Boden.

* Sehen Sie doch, Jean, was er für hübsche Haare hat! Die sehen aus, als wären sie riesig vergnügt.

** Der gefällt mir! Ach, der gefällt mir! Aber! Achtung jetzt!

*** Teufel, Kerl, du hast Rasse, du!

**** Die ist verrückt, weiß Gott!

***** Das war so der richtige Rummel, wie er paßt für die Sommerfrische.



Neunzehntes Kapitel

Mitternacht war vorüber.

Dunkel und verschwiegen, mit flimmernden Himmelslichtern, um die sich dünne Nebelschleier zu ziehen begannen, lag die Nacht über dem Tillfußer Almfeld, über Haus und Hütten. Nur manchmal rasselte leis die Glocke eines Rindes. Und wie ein schwermütiges Lied in weiter Ferne, so sang der Wildbach im Tal.

Am Jagdhaus waren zwei Fenster noch erleuchtet, und eines von ihnen stand offen. Die Fenster am Wohnzimmer des Fürsten.

Zwei Augen spähten durch die Nacht zu diesen hellen Fenstern hinauf. Angedrückt an die schwarze Holzwand der Jägerhütte, saß Mazegger auf der Erde und hielt mit den Armen die Knie umschlungen.

Einmal hörte er Schritte dort oben, als ginge der Fürst im Zimmer auf und nieder. Dann war's wieder still.

Nun flackerte an einem dritten Fenster ein Schein auf, nur matt, als würde ein Licht vorübergetragen.

Mazegger stieß die Schuhe von den Füßen, huschte über den Weg hinauf und duckte sich hinter den Hofzaun, dicht unter dem offenen Fenster.

Droben war eine Tür gegangen.

Und jetzt die ruhige Stimme des Fürsten. »Baronin? Wollen Sie wieder zur Bühne gehen? Studieren Sie die Rolle der Lady Macbeth?«

Ein heiteres Lachen. »Sie noch auf? Das ist eine Überraschung. Hätt ich das ahnen können, so hätt ich meine schlaflose Langweile geduldig ertragen, ohne Sie zu stören. Aber der Band Maupassant, den Martin für mich aussuchte, war zu Ende gelesen, ich wollte einen neuen haben, und da der Bücherschrank in diesem Zimmer steht – was blieb mir übrig?«

»Bitte –«

»Nein!« Wieder jenes feine Lachen. »Jetzt kein Buch! Da Sie noch auf sind, sollen Sie mir Gesellschaft leisten, bis mir der Schlaf kommt. Sie sind ohnehin der Schuldige, dem ich diese schlaflose Nacht verdanke. Ja! Aber wollen Sie mir nicht eine Zigarette geben?«

Eine kleine Weile war Stille.

»Danke! – Sie sind müde, Fürst?«

»Ich? Nein!«

»Ich meinte nur, weil Ihre Hand zitterte, als Sie mir Feuer gaben.«

»Sie irren sich, Baronin.«

»Wirklich? Und ich beobachte doch sonst so gut. Aber wie können Sie nur in dieser kühlen Nacht bei offenem Fenster sitzen! Wie unvorsichtig!«

Baronin Prankha erschien am Fenster. Ihre Gestalt war dunkel im Schatten, doch die halb entblößten Schultern und die von durchsichtigen Spitzen kaum verhüllten Arme waren im Lampenschein von roten Lichtlinien umzogen.

Leis klirrten die Scheiben, als sie das Fenster schloß. Dann verschwand sie wieder. Jetzt hörte man wohl die beiden Stimmen noch, aber es war kein Wort mehr verständlich.

Lautlos, geschmeidig wie eine Katze, kletterte Mazegger am Flaggenmast hinauf und kam so hoch, daß er einen Blick in das Fenster werfen konnte. Er sah ein ruhiges Bild, sah einen Teil des Zimmers mit dem Schreibtisch, auf dem die Lampe stand. Ettingen kehrte dem Fenster den Rücken, und ihm gegenüber ruhte die schöne Frau in einem Fauteuil, von weißen Spitzen umflossen; ihr Haar, das im Schein der Lampe flimmerte wie rotes Metall, umringelte die schneeigen Schultern und zitterte wie Goldgespinst bei jeder leisen Bewegung des Kopfes; die eine Hand lag mit nervösem Spiel auf der Kante des Schreibtisches, in der anderen hielt sie die brennende Zigarette; so plauderte sie, bald ernst, bald wieder lächelnd. Und plötzlich legte sie die Zigarette fort. Halb sich aufrichtend, sah sie dem Fürsten ins Gesicht. Sie sagte nur ein Wort, ein einziges, kurzes Wort. Ob es sein Name war? Der Fürst erhob sich. Nun konnte Mazegger sein Gesicht sehen. Es war hart und ernst.

Hastig ließ Mazegger sich über die Stange hinuntergleiten, huschte zum Haus hinüber und legte das Ohr an die Mauer. Er hörte nur ein verworrenes Geräusch der Stimmen. Aber wie erregt diese beiden Stimmen klangen! Wie Rede und Gegenrede kurz und heftig aufeinander folgten! Nun lautlose Stille. Dann sprach der Fürst allein, fast immer allein. Nur selten unterbrach ihn die andere Stimme. Jetzt wieder Schweigen, dem ein nervöses Lachen folgte. Der Fürst blieb stumm. Nur diese Frauenstimme klang. Wieviel sie zu erzählen und zu erklären hatte! Das währte eine Stunde und länger noch. Und immer wechselte diese Stimme den Ton. Bald klang sie wie in ersticktem Zorn, bald wieder flog sie in leidenschaftlicher Hast, dann stockte sie und verwirrte sich, wurde leis und schmeichelnd. Jetzt sprach der Fürst, ruhig, nur wenige Worte, die ein gepreßter Schrei übertönte. Ein Stuhl wurde gerückt, Schritte klangen, durch den Lichtschein des Fensters glitt ein Schatten. Nun ein Stammeln und Flehen, ein Ton, der dem lauschenden Jäger alle Sinne schauern machte. Dumpfe Stille. Dann ein jähes Auflachen, herb und mißtönig, das Geräusch einer Tür und wieder das Schweigen. Klirrend wurde droben das Fenster aufgerissen.

Mazegger drückte sich regungslos an die Mauer. Im Lichtschein, der übers Almfeld hinausfiel, sah er den Schatten des Fürsten. Und deutlich hörte er den tiefen Atemzug, mit dem der Einsame dort oben die frische Bergluft trank wie eine köstliche Erquickung.

Der Schatten im Fensterlicht verschwand. Man hörte den Schritt des Fürsten, der im Zimmer auf und nieder ging. Ein Stuhl wurde gerückt. Und dann war's still.

Noch lange stand Mazegger in der Nacht und spähte zu dem hellen Fenster hinauf. Kein Laut mehr. Aber auch die Lampe erlosch nicht. Wie zerbrochen an allen Gliedern taumelte der Jäger zu seiner Hütte hinunter, nahm die Schuhe vom Boden auf und trat in die Stube. Er machte Licht und sah nach der Uhr. Drei Uhr vorüber. In einer halben Stunde mußte der Tag beginnen.

Immer mit der Uhr in der Hand, stand Mazegger am Tisch und starrte brütend vor sich hin. Sein Gesicht war grau wie Asche, die Augen brannten wie im Fieber.

Schwankend ging er zum Bett und warf sich auf die Matratze.

Draußen begann es zu dämmern.

Da huschte ein Schritt an der Hütte vorüber, vorsichtig und leis, als möchte er nicht gehört werden.

Dieser Schleicher im Morgengrauen schien ein belastetes Gewissen zu haben. Das erleuchtete Fenster der Jägerhütte war ihm nicht willkommen. Er duckte sich, um ungesehen vorüberzuschlüpfen. Schon wollte er auf den Fußspitzen in der Försterhaus schleichen, als ihn eine Stimme anrief: »Praxmaler?«

»Mar und Joseph!« stotterte Pepperl. »Der Herr Fürst!« Scheu trat er seinem Herrn entgegen, der über den Weg herunterkam. »Duhrlaucht? Was wollen S' denn? In aller Fruh?«

Ettingen lachte. »Das begreifen Sie nicht? Ein Jäger? Sie sind doch auch schon munter!«

»Ja, ich, dös is was anders!«

»Wo waren Sie denn heute schon?«

»Ich? Nirgends! Gott bewahr!« stammelte Pepperl. »Bloß da drunten war ich, a bißl da drunt. Weil ich schauen hab wollen, wie sich der Tag heut anlaßt, ja – weil ich befohlen bin – mit'm Herrn von Sensburg zur Gamspirsch. Den muß ich wecken jetzt! Gleich!«

»Lassen Sie den nur schlafen! Gehen Sie lieber mit mir!«

»Mit Ihnen, Duhrlaucht? Gott sei Dank! Der ander Herr, mein ich, tut sich eh viel leichter im Bett als auf der Gamspirsch! Aber wohin denn, Duhrlaucht?«

»Wohin Sie wollen. Nur hinauf! Hoch hinauf! Ich möchte heut die Sonne eine Stunde früher sehen.«

»Da steigen wir zum Steinernen Hüttl auffi. Gleich bin ich fertig.«

»Hier ist ein Brief. Der soll an Graf Sternfeldt übergeben werden, sobald er aufsteht. Ich bitte, besorgen Sie das! Und bis Sie sich fertigmachen, geh ich langsam voraus.«

Ettingen folgte dem Steig, der sich in der matten Dämmerung des Waldes verlor.

Als Praxmaler in seine Hüte treten wollte, wurde er von einer zischelnden Stimme angerufen: »Peppi!« Mazegger kam auf ihn zugesprungen.

»Was is?«

»Ich hab dich reden hören mit dem Herrn Fürsten. Kannst ja mir den Brief geben. Ich besorg ihn.«

Hätte Pepperl nicht Kopf und Herz mit anderen Dingen voll gehabt, so hätte ihm der fiebernde Klang dieser Stimme auffallen müssen. So sagte er: »Ja, is recht! Und is mir lieber, als daß ich den Förstner aus'm Schlaf aussireißen müßt! Aber gelt, ich kann mich verlassen auf dich?«

»Ja! Gib her!«

»No, no, no? Was hast denn? Zarrt er mir den Brief aus der Hand –ich weiß net, wie!«

Ohne zu antworten, ging Mazegger zu seiner Hütte. Auf der Schwelle blieb er lauschend stehen, bis er die Schritte des Jägers hörte, der seinem Herrn folgte. Dann schloß er am Fenster die Läden, trat in die Stube und verriegelte die Tür. Schwer atmend untersuchte er den Brief und drehte ihn hin und her, langsam, als wäre das leichte Papier so schwer wie Blei. Der Brief war nur leicht verklebt. Mazegger öffnete ihn. Und damit kein Lichtschein durch die Ritzen der Läden hinausfallen möchte, schraubte er an der Petroleumlampe die Flamme ganz klein herunter. Bei diesem trüben Zwielicht las er:


»Drei Uhr morgens.

Lieber Goni!

Du hast recht gehabt! Ich sollte nicht erlöst werden ohne ›Gewaltstreich‹. Sie versuchte ihn mit einer plumpen Reminiszenz an die französische Komödie, deren Heldinnen sie verkörperte, bevor sie den adeligen Hochstapler fand. Der gab ihr seinen Namen, um sich von ihr – ich will milde sagen: ernähren zu lassen –, schließlich auch auf meine Kosten. Was mich in meinem Wahnsinn damals, als ich es erfuhr, vor Ekel krank machte, krank auf den Tod fast – daran kann ich heute denken, als wär es nie gewesen, als läge für mich eine ganze Welt zwischen damals und heute, ein Feuer, das mich reinigte, als ich seine Flammen durchschritt. Und denk nur, Goni, sie kam, um die Flitterwochen ihrer Freiheit mit mir zu verleben! Sie hat sich scheiden lassen. Das war der Grund ihrer langen, Dir so unbegreiflichen Reserve. Sie wollte frei sein, um mir sagen zu können: Ich habe mich erlöst für dich! Ein Glück, daß sie mir das nicht einen Monat früher sagen konnte. Ich glaube, ich wäre bei meiner falschen Vorstellung von dem, was ›Verpflichtung‹ heißt, noch vor wenigen Wochen fähig gewesen, mit Bewußtsein mein Leben zu vernichten. Aber daß sie zur Verkündigung ihres ›heiligen Opfers‹ gerade diese Stunde wählte und dazu ein ›leicht lösbares Spitzenrätsel‹ wie für die Rolle der ›Iza‹ im ›Fall Clemenceau‹ – das hat mir die Bilanz meiner Vergangenheit und Zukunft leicht gemacht. Nun ist alles vorüber und abgetan! Gründlich. Wie ich aufatme! Daß ich keine Stunde mehr mit ihr unter dem gleichen Dach verbringe, wirst Du begreiflich finden. Nur diese Zeilen schreibe ich Dir. Dann weck ich den Jäger und steige mit ihm hinauf – hoch, hoch hinauf, wo ich die Sonne und reine Luft finde.

Eigentlich muß ich ihr dankbar sein. Sie verhalf mir zur Erkenntnis meines Glückes, das gestern noch unbewußt in mir dämmerte wie ein Gefühl wunschloser Freude, ruhig, heiter und schön. Ach, Goni, wenn ich Dir nur schildern könnte, wie mir zumute war, als es so plötzlich Licht wurde in mir! Mich erwartet ein Glück, das ich gefunden habe auf heiligem Weg. Erinnerst Du Dich an dieses Wort meines ersten Briefes? Nun ist es zur Wahrheit an mir geworden. Mehr kann und will ich Dir jetzt nicht sagen. Wenn ich heimkomme, sollst Du alles wissen. Und morgen, Goni, hol ich mein Glück! Küsse mir das Bild meiner Mutter, Du Treuer, und freue Dich mit dem glücklichsten der Menschen. Das ist

Dein Heinz.«


Mazegger hatte längst zu Ende gelesen, und noch immer saß er über das Blatt gebeugt, das in seinen Händen zitterte. Sein Gesicht war verzerrt. Mit einem Lächeln, das alle Zähne sehen ließ, raunte er das Wort des Briefes: »Morgen hole ich mein Glück!« Er schob den Brief in den Umschlag und verschloß ihn, blies die Lampe aus und stieß am Fenster die Läden auf. Draußen war es Tag geworden.

»So? Morgen?«

Ein rauhes Lachen. Und eine Bewegung, als möchte er den Brief in Fetzen reißen.

Da trat der Förster in die Stube. »Guten Morgen, Toni! Gut, daß d' noch daheim bist! Heut mußt du mit mir – – Was hast denn da?« Er nahm dem Jäger den Brief aus der Hand. »An den Herrn Grafen? Und die Schrift von der Duhrlaucht? Von wem hast du den Brief?«

»Vom Peppi.« Mehr zu erklären, hielt Mazegger nicht für nötig.

»Der Brief muß bsorgt werden! Gleich auf der Stell!« Kluibenschädl hetzte davon. Finster sah Mazegger ihm nach. Daß er heute den Förster begleiten sollte, das schien ihm nicht zu passen. In Hast machte er sich fertig, warf die Büchse hinter den Rücken, steckte mit zitternder Hand ein paar Patronen zu sich und schritt über das Almfeld hinunter. Bevor er den Wald erreichen konnte, klang hinter ihm die Stimme des Försters: »He! Toni! Warten!«

An der Lippe nagend, blieb Mazegger stehen, bis der Förster ihn eingeholt hatte.

»Wo rennst denn hin? Ich hab dir doch gsagt, daß ich dich brauch! Und ausschauen tust? Hast wieder an Ausflug gmacht in der Nacht – Gott weiß wohin?«

Mazegger wandte sich wortlos ab.

»Heut bleibst bei mir! Wir müssen die neuen Steig vermessen. Da haben wir Arbeit den ganzen Tag.«

»So?« Mazegger lächelte. »Aber die Nacht? Die gehört doch mein?«

Der Förster sah ihn von der Seite an. »Was dös jetzt wieder für a Wörtl is! D' Nacht ghört freilich dein.«

»Mehr brauch ich nicht.«

»Zu was?«

»Zum Schlafen.«

»Geh, du!« Der Förster schüttelte den Kopf.

Sie verschwanden im Wald.

Eine stille Morgenstunde. Dann kam die Sonne. Heute flog sie die Berge nicht mit jenem reinen Schimmer an, der die Felsen wie in durchsichtige Flammengebilde verwandelte. Es war etwas Trübes in ihrem Feuer. Und die dünnen Nebel, die mit zerrissenen Formen hoch in den Lüften schwammen, glühten so rot, als wären Blutbäche über den mattblauen Himmel ausgegossen. Auch die Sonne selbst, als sie hinter den östlichen Bergen hervortauchte, hatte einen roten Schleier umgehangen. Man konnte sie ansehen, ohne geblendet zu werden.

Hoch droben über dem Bergwald, auf einem steilen Almrosenhang, den die Sonne mit ihrem roten Feuer schon überleuchtete, ruhten Ettingen und Praxmaler zu Füßen einer einsamen Zirbe.

Pepperl saß mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt, als hätte er eine Stütze nötig. Er machte kein lustiges Gesicht. Die zehn »Viertelen« rumorten unter seinen Kreuzerschneckerln. Er sah übernächtig aus und hatte Ringe um die Augen. In seinem Blick, der das Tal suchte, leuchtete es wohl manchmal auf wie Freude. Aber diese Freude erlosch immer wieder in trüber Kümmernis, wie droben das Sonnenlicht in den Nebelschleiern. Dazu wurde er, je länger er saß, immer schläfriger; ein paarmal machte er einen kurzen Sumser, aus dem er mit erschrockenem Nicker wieder auffuhr.

Im Gesicht des Fürsten hatte die durchwachte Nacht keine Spur von Ermüdung zurückgelassen. Ettingen lag behaglich ausgestreckt in den Almrosenbüschen, über die der Wettermantel gebreitet war. Mit dem Blick des Glücklichen, für den alle Rätsel seines Lebens sich aus schwüler Nacht zu schönem Tage lösten, sag er lächelnd über den Bergwald in ziellose Ferne und empor zum glühenden Himmel.

Wieder fuhr Pepperl aus kurzem Schlummer auf. »Heut macht's a Lüfterl, da könnt man rein einschlafen dabei. Sollten wir net a bißl weiterpirschen?«

»Nein. Ich will nicht jagen heut. Nur ruhen. Und sehen, wie das leuchtet, der Wald, die Berge, der Himmel! Wie schön das ist!«

Pepperl seufzte. Um sich wach zu erhalten, mußte er wenigstens versuchen, einen »Dischkurs« in Gang zu bringen. »So a Himmel wie heut? Der gfallt Ihnen? Mir net. Na!«

»Ich habe noch keinen gesehen, der mir besser gefiel.«

»Aber schauen S' doch die verzupften Wölkerln an! Dös is a grauslichs Wetterzeichen. Morgen kriegen wir schlechte Pirsch und an trüben Tag.«

»Meinen Sie? Nein! Wie morgen der Tag auch sein mag, er wird reine und schöne Sonne haben!«

»Da täuschen S' Ihnen, Herr Fürst!«

Als Ettingen nicht antwortete, machte Pepperl noch ein paar Versuche, den abgerissenen Gesprächsfaden wieder anzuknüpfen. Umsonst. Schließlich ergab er sich in Geduld, und dann fielen ihm die Augen zu.

Eine schweigsame Weile verging.

Da machte ein Rascheln den Fürsten aufblicken. Praxmaler war vom Baumstamm seitwärts in die Almrosenbüsche geglitten und fing zu schnarchen an.

»Gute Nacht, Pepperl!«

Nun streckte auch Ettingen sich bequemer aus und verschränkte die Hände unter dem Nacken. So blickte er zu den ziehenden Wolken auf, deren Rot immer blässer wurde, bis sie weißlichen Glanz bekamen.

Als hätte, was er fühlte und sann, nicht Raum in seinem Innern, und als müßt es heraus an den Tag, so flüsterte er lächelnd vor sich hin: »Lo! – Meine Lo!«

Tief atmend, mit diesem Lächeln auf den Lippen, schloß er die Augen, weil ihn der silberne Glanz der Wolken blendete.

Stille. Träumende Sonnenstille.

Kaum hörbar fächelte der laue Wind um die Almrosenbüsche mit ihren halb verwelkten Blüten, machte die Blätter zittern und rollte die abgefallenen Blütenkelche spielend über das kurze Gras.

Langsam zogen die weißen Wolken im Blau, sammelten sich immer dichter und hüllten schon die höchsten Spitzen ein. Doch immer fand die Sonne zwischen Nebel und Gewölk noch eine Gasse für ihre Strahlen.

Es war schon Mittag vorüber, als die beiden aus ihrem wohligen Sonnenschlaf erwachten. Sie stiegen über den Berghang hin und hielten Einkehr im Steinernen Hüttl, in einer aus groben Felsblöcken gefügten Sennhütte. Da gab es freilich nur Milch und grobes Brot mit frischer Butter, aber die beiden spürten einen Hunger, der mit allem zufrieden war.

Während sie neben der Sennhütte auf dem Rasen kauerten, jeder mit der Milchschüssel auf den Knien, fragte Ettingen: »Praxmaler? Sie sind heute nicht wie sonst. Was ist denn los mit Ihnen?«

»Nix! Na, na! Gar nix!« Pepperl wurde rot bis über die Ohren.

»Doch, Pepperl! Irgend etwas stimmt heute nicht bei Ihnen. Haben Sie Unannehmlichkeiten in Ihrer Familie?«

»Ah na! Gottbewahr!« Pepperl tat einen schnappenden Atemzug. »No ja, wissen S', Duhrlaucht, freilich, in der Familli gibt's allweil a bißl was. Ja, ja, es wird schon so was sein – wo man ›Familli‹ sagen könnt.«

Ettingen stellte die Schüssel beiseite. »Na also! Mir dürfen Sie alles sagen. Ich bin Ihnen doch ein guter Herr, nicht wahr? Sie können offen mit mir reden. Was drückt Sie?«

Pepperl schluckte. »Schauen S', Duhrlaucht – weil S' so freundschäftlich mit mir reden, da kann ich auch net zruckhälterisch sein und muß schon gleich alles aussikitzeln.« Er seufzte schwer, guckte tiefsinnig in die Milch und drehte die Schüssel zwischen den Knien. »A bißl was Dummes hab ich halt angstellt.«

»Im Dienst?«

»Gottbewahr!« wehrte Pepperl erschrocken ab. »Auf der Jagd hab ich mein Köpfl allweil beinand!« Jetzt wurde er wieder kleinlaut. »Aber in der Lieb halt! Da hab ich an Dalken gemacht.«

Ettingen lachte.

Dem Praxmaler-Pepperl war bitter ernst zumut. »Wissen S', Duhrlaucht, da hab ich mich jetzt in so a Madl verschaut. Z'erst haben wir allweil gstritten und ghachelt mitanand. Und gahlings – no ja!« Pepperl seufzte. »So was kommt, wie 's Teuferl aus der Schachtel hupft. Und nacher steht man da wie der Ochs am Berg. Aber a guts Madl, dös muß ich sagen. Recht a liebs und a fleißigs Madl! Die Burgi drunt, wissen S'!«

»Unsere Sennerin? Brav, Pepperl! Zu dieser Wahl gratulier ich Ihnen. Das ist wirklich ein nettes Mädel.«

Diese Zustimmung schien Pepperls Herz ein wenig zu erleichtern. »Gelten S', die gfallt Ihnen? Und so viel gern hat's mich! No ja – jetzt muß halt gheiret werden, geht's, wie's mag, jetzt hab ich die Verantwortigung!« Mit beiden Händen scheuerte Pepperl kummervoll die Kreuzerschneckerln. »Ich hab schon 's Pech! Ich komm aus der Verantwortigung gleich gar nimmer aussi. So oder so! Aber d' Mutter! Mar und Joseph! Die wird an schönen Spittakel machen! Teufi, Teufi, Teufi! Da gfreu ich mich drauf!«

»Ihre Mutter?«

»No ja, wissen S', wie d' Mütter halt sind! Dös wär so ihr Gust gwesen, daß ich amal gscheit heireten tät. Und jetzt bin ich angrumpelt! Und komm so daher! A liebs Madel, freilich, und gern hab ich's! Aber haben tut's halt nix, wissen S', nixer wie nix. Und d' Mutter und ich, wir haben vom Vater her noch Schulden auf'm Häusl. Und dös Madl hat an Vater, so an alten Krackler. Den muß ich ins Haus nehmen und muß ihn derhalten. Mei' Mutter wird ihn freilich ordentlich kuranzen. Da sieht er 's ganze Jahr kein Wirtshäusl nimmer, außer auf Ostern und Weihnächten. Aber 's Gwand und 's richtige Essen muß er allweil kriegen. Und so wird's halt Sorgen über Sorgen geben. In der sogenannten Familli! Sie wird net lang ausbleiben, d' Familli – denk ich mir, ja! Aber hab ich A gsagt, muß ich B sagen, in Gotts Namen! Und da wär's mir schon lieb, Herr Fürst, wann S' mir als Jagdherr d' Heiratsbewilligung geben täten. Könnt sein, es pressiert a bißl. Ich tät schon recht schön bitten, ja!« Er hatte nasse Augen, als er das sagte.

»Die geb ich Ihnen von Herzen gerne.«

»Gott sei Dank!« Pepperl atmete auf. »Da is mir der ärgste Stein von der Seel!«

Ettingen lächelte und sah dem Jäger herzlich in die Augen. Was wäre ihm in der Stimmung dieses Tages willkommener gewesen, als die Freude und das Glück zweier Menschen schaffen zu dürfen! »Wieviel Schulden haben Sie denn auf Ihrem Haus?«

Das ging hart heraus: »Dreihundert Gulden!«

»Die wird Ihre Braut schon bezahlen können.«

»Aber!« Pepperl machte schiefe Augen zu diesem Witz. »Der muß ich ja zur Hochzeit die Pomeranzen und 's Salzbüchsl kaufen! So viel hat die!«

»Nein, Pepperl! Soviel ich weiß, hat Ihre Braut fünfhundert Gulden zur Aussteuer.«

»Ja, wär schon recht! Da müßt's ihr rein einer schenken! Aber so an verruckten Narren gibt's net auf der Welt!«

»Doch!« Ettingen lachte. »So ein Narr bin ich!«

»Was?« Pepperl verfärbte sich, und seine Hände zitterten, daß aus der Milchschüssel ein weißer Taufguß über die Kurzlederne niederging. »Was haben S' gesagt?«

»Daß ich der Burgi das zur Aussteuer gebe.«

»Mar und Joseph!«

»Und der Förster hat viel Arbeit mit der Jagdverwaltung. Er wird eine Hilfe brauchen. Das haben Sie mir doch neulich bei der Jagd im Geißtal drunten selbst gesagt. Da will ich vorschlagen, daß er Sie zum Oberjäger macht, mit entsprechendem Gehalt natürlich.«

»Was?«

»Haben Sie nicht verstanden?«

Die Milchschüssel kollerte über Pepperls Knie hinunter. Starr guckte er den Fürsten an, schlug die Hände ineinander und stotterte: »Ich bitt Ihnen, Duhrlaucht, tun S' mich a bißl am Ohrwaschel reißen! Sonst glaub ich's net!«

»Was ich sage, das gilt!«

In Zweifel studierte der Jäger noch eine Sekunde lang das Gesicht seines Herrn. Dann stieg ihm der Glaube und die Freude zu Kopf wie ein elftes und zwölftes »Viertele« vom roten Spezial. Gleich einem Verrückten sprang er auf und schrie einen Jauchzer zum Himmel, daß der Senn vor die Tür gelaufen kam. »Duhrlaucht! Duhrlaucht! Wann ich heut net überschnapp, is mir der Verstand angnagelt im Hirnkastl drin! Mar und Joseph! So hat sich noch keiner ins Glück einigsuffen wie gestern ich!«

Ettingen machte die Erfahrung, daß es Menschen gibt, denen man eine Freude nicht minder vorsichtig mitteilen sollte als eine Trauerbotschaft. Denn Pepperl drückte im ersten Sturm seinem Herr die Hand, daß Ettingen noch eine Stunde später die Finger kaum bewegen konnte.

Mitten in diesem Jubel kam dem Jäger gleich wieder eine Sorge. »Um Gottes willen, Duhrlaucht, wann's mit der Aussteuer wahr is, sagen S' nur ja keim Menschen a Wörtl davon!«

»Nein, Pepperl, das bleibt unter uns.« Ettingen hatte die Bitte anders verstanden, als sie gemeint war.

»Wenn so was unter d' Leut käm, da hätten S' kei' Ruh nimmer, Tag und Nacht. Da tät die ganze Gegend heireten auf Ihnen nauf! Und jeder, der was brauchen könnt, tät sich denken: Ah was, der gute Kerl, der gibt mir's schon! – Nimmer schlafen könnten S' vor lauter Brautleut!«

Ettingen lachte. »Ja, Pepperl, da wollen wir lieber reinen Mund halten!«

Als sie den Heimweg antraten, hatte der Jäger solche Eile in den Beinen, daß er immer ein paar hundert Schritt voraus war und wieder stehenbleiben mußte, um auf seinen Herrn zu warten.

Ehe der Pfad sich in den Wald verlor, kletterte Pepperl auf eine vorspringende Bergrippe, von der man frei hinuntersehen konnte ins Tal. Wie zierliches Spielzeug lag die Tillfußer Alm mit den Jagdhäusern und der Sennhütte da drunten.

Pepperl zog in seiner freudigen Ungeduld das Fernrohr auf. »Muß doch schauen, ob ich 's Madl net sieh!«

Das Mädel war unsichtbar. Dafür entdeckte Pepperl was anderes: eine vierspännige Equipage und einen Zweispänner, die im Hof des Jagdhauses standen. »Duhrlaucht! Da fahren Ihre Gäste davon! Die Herrschaften sitzen schon im Wagen, und grad steigt der Herr Martin auf'n Bock. Und jetz fahren s' aussi zum Türl!«Ettingen antwortete nicht; er machte nur lächelnd mit der Hand eine Bewegung, die jedes Wort ersetzte.

Pepperl war sehr aufgeregt. »Ja kommt denn der Herr Martin fort? Für ganz?«

»Ja. Und Sie werden seinen Dienst bei mir übernehmen müssen –«

Da machte Pepperl ein Gesicht, als hätte sich in seinem Freudenkelch der letzte Tropfen Wermut in Zucker verwandelt.

»– und bei Tisch servieren.«

Nun erschrak er. »Teufi, Teufi, Teufi, dös wird sich hart machen!« Mißtrauisch sah er seine klobigen Tatzen an. Dann lachte er. »Duhrlaucht! Wann S' heut zu mir sagen, ich soll an Heuwagen auflupfen mit eim Zwirnsfaden, nacher probier ich's auch!«

Nun ging es talwärts ohne Aufenthalt. So flinke Beine Pepperl auch machte, Ettingen blieb nicht zurück hinter ihm. Bei diesem ungeduldigen Abstieg plauderten sie nur wenig. Der Fürst war in Gedanken versunken, und auch Pepperl hatte zu »sinnieren«. Er studierte, wie er's Burgi sagen wollte. Was die für Augen machen würde! »Teufi, Teufi, Teufi!« Selig lachte er vor sich hin.

Eine Stunde, und sie hatten die Tillfußer Alm erreicht. Als sie aus dem Walde traten, kam der Förster mit Mazegger von der anderen Seite übers Almfeld heraufgestiegen. Schon von weitem winkte Kluibenschädl dem Fürsten zu und rannte ihm atemlos entgegen: »O mein Gott, Duhrlaucht, wenn S' nur haut bei mir gwesen wären! Da hätten S' an Hirsch geschossen, an Kapitalkerl!«

»So?« Ettingen schien über den Entgang dieser Weidmannsfreude nicht sonderlich betrübt.

»Ja, denken S', wie ich gegen zehne vormittags beim Steigvermessen abikomm auf's Straßl, schau ich so zufällig zum Bach ummi. Was steht drunt? A Kapitalhirsch! Gar net kümmert hat er sich um uns. Und wer weiß, wie lang er noch ghalten hätt, wann 's Malerfräuln net daherkommen wär.«

»Fräulein Petri?«

»Ja. Die is auf ihrem Hansi aussigritten zum Sebensee. Natürlich, da hat sich der Hirsch davongmacht. A ganz gmütlich is er angstiegen. Zwei-, dreimal hätt man ihn noch derwischen können mit der Kugel. Und d' Haar hätt ich mir schier ausgrissen, weil ich mir allweil hab denken müssen: Ja, wenn nur der Herr Fürst da wär, um Gottes willen, wenn nur der Herr Fürst da wär!«

»Ja, Herr Förster«, Ettingen lächelte, »ich weiß nicht, was ich drum gäbe, wenn ich bei Ihnen gewesen wäre.«

»Gelten S', ja? Aber morgen müssen S' abi auf den Hirsch! Der kommt wieder.«

»Nein, lieber Förster! Für morgen hab ich andere Pläne. Praxmaler!«

Pepperl, der zur Sennhütte hinuntergeschielt hatte, fuhr auf: »Ja, Herr Fürst?«

»Morgen machen wir einen Pirschgang zum Sebensee. Früh um drei Uhr. Dann sind wir draußen, bis die Sonne kommt.« Ettingen nickte dem Jäger zu und ging zum Fürstenhaus hinauf, in dessen Tür Graf Sternfeldt erschienen war.

Pepperl, um seine Büchse loszuwerden, sprang ins Försterhäuschen. Kluibenschädl wollte ihm folgen. Da sag er Mazegger stehen und sagte freundlich zu ihm: »Jetzt leg dich schlafen, Toni! Du mußt ein' erbarmen, wenn man dich anschaut. Seit Mittag hast dich schier nimmer auf die Füß halten können. Sei gscheit und schlaf dich ordentlich aus! Und wenn dir morgen net besser is, so bleib halt liegen.«

»Morgen?« Mazegger nickte und ging seiner nahen Hütte zu.

Droben im Hof des Fürstenhauses war Sternfeldt dem Freunde lachend entgegengekommen. »Schau hinauf, Heinz, wie wir gelüftet haben!« Am Jagdhaus standen alle Fenster offen. »Und damit du das Ende der Komödie entsprechend heiter nimmst, hab ich eine Überraschung für dich. Baronin Prankha und Mucki, der Edle von Sensburg, empfehlen sich als Verlobte.«

»Nein?«

»Wahrhaftig!«

Da lachte Ettingen hell hinaus.

»Ich war sogar Zeuge dieses weltgeschichtlichen Aktes. Dem kleinen süßen Mucki schien's ›einigermaaasen‹ überraschend zu kommen, als sie ihm vor meinen Augen feierlich die Hand reichte – um jedes Mißverständnis auszuschließen, wie sie sagte. Du hättest sein Gesicht sehen sollen! Im ersten Moment war er so verblüfft, daß er Hochdeutsch sprach. Das will viel sagen. Dann wurde er wieder ganz ›Fiaker‹, stellte sich sehr empört über dich – was er sich dabei dachte, will ich nicht näher untersuchen –, ärgerte sich, daß er ›ohne Gams‹ fort sollte, und gab dem drolligen Lied seiner Wut und Verlegenheit den klassischen Refrain: ›So eine Benehmitätt, großoatig!« Sternfeldt lachte. »Er brauchte zehn Minuten, um sich in die Glücksstimmung hineinzuzappeln. Aber dann, aaah! Als er mit ihr abdampfte, benahm er sich in der Rolle des Glücklichen so meisterhaft, daß ich ihn fast um seine Dummheit beneidete. Na also!« Heiter winkte er gegen den Wald hinunter. »Fort mit Schaden! Sie wird ihm ehrlich helfen, die dunklen Millionen seines Vaters ins Rollen zu bringen.« Nun wurde er ernst. »Aber du, Heinz? Dein Brief? Ich stand vor diesem Bekenntnis wie der Prophet vor dem Berg. Aus der einen Todesangst um dich errettest du mich und wirfst mich in die andere.«

Ettingen legte den Arm um die Schulter des Freundes. »Komm!«

Sie traten ins Haus.

Drüben bei der Försterhütte rumpelte Pepperl aus der Tür und surrte über das Almfeld hinunter, mit langen Sprüngen, als könnte er den Augenblick nicht erwarten, den er sich auf dem Heimweg ausgemalt hatte wie der Hungrige die Mahlzeit. Auf der Schwelle der Sennhütte stellte er sich breitspurig hin, mit den Daumen in den Hosenträgern und mit dem Hütl im Genick. »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!«

Burgi erhob sich von der Herdbank, machte scheue Augen und fuhr sich mit dem Schürzenzipfel über die Wangen, als hätte sie einen feuchten Tag hinter sich. »Geh, du!« Mehr sagte sie nicht.

Pepperl schraubte seine Stimme. »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!«

»Ich bitt dich, Pepperl, mach mir heut kei' Fasnacht her! Mir ist net z'mut danach. Ich weiß schon, wie ich dran bin.« Das war ein Ton, als wären die Tränen nicht weit.

Der Jäger lachte und rief es zum drittenmal: »Grüß Gott, Frau Oberjagerin!« Dann sprang er auf das Mädel zu wie der Fuchs auf die Ente, packte sie mit beiden Armen, wirbelte sie im Kreis und küßte sie ab, daß ihr der Atem verging.

»Wenn's einer sieht! Mar und Joseph!« stotterte sie wehrlos unter seinen Küssen.

»Soll's sehen, wer mag! Meinetwegen der Pfarr!« Dann kam's wie ein Wolkenbruch der Freude aus ihm heraus: »Fünfhundert Gulden und Oberjager!«

Als sie begriffen hatte, brachte sie keinen Laut aus der Kehle und drückte das Gesicht an seine Brust.

Er schmiegte die Wange an ihren Kopf, tätschelte sie auf den Rücken und tröstete: »Geh, Schatzerl, tu dich doch lieber freuen! Warum denn weinen? Geh, macht nix, macht nix! Is ja doch eh alles gut! In vier Wochen wird gheiret!«

»Pepperl! – Is dös wahr?«

»Meiner Seel!«

Da legte sie ihm die Arme um den Hals und atmete auf. »Nacher is mir alles recht! Alles!«

»Gelt, ja? Und unser Herr Fürst! Gleich hat er's in der Nasen ghabt, daß ebbes mit der Familli net in Ordnung is. Und alles verzähl ich dir auf'n Abend! Jetzt hab ich kei' Zeit, jetzt muß ich nauf. Oder weißt es noch gar net? Der Schwarzlackierte is abgschoben.«

»Ja! Gott sei Dank!«

»Jetzt hab ich d' Verantwortigung, weißt! Jetzt muß ich sehrwieren bei der Tafel.«

»Was mußt?«

»Sehrwieren muß ich, aufwarten beim Essen.«

»Du, Pepperl, da mußt dir d' Händ ordentlich waschen!«

»Freilich! Hast a warms Wasser?«

»Ja, geh her!« Aus dem Kupferkessel, der über dem Feuer hing, schöpfte sie eifrig eine Schüssel voll dampfenden Wassers heraus und probierte es mit der Hand, ob es nicht zu heiß wäre. »Es tut's grad.« Dann holte sie einen Klumpen Seife und die Holzbürste.

Pepperl scheuerte aus Leibeskräften, zuerst mit der rechten Hand die linke, dann mit der linken die rechte. Als er die Hände an Burgis Schürze trocknen wollte, sagte sie: »Halt, laß mich schauen!« Nach kurzer Musterung meinte sie: »Na, na, du, da muß schon ich noch a bißl drüber!« Es dauerte eine Weile, und viel Seife ging drauf, bis sie erklärte: »So, jetzt kannst jede fürstliche Schüssel anrühren mit Manier!«

»Du bist halt a Madl! Mit dir bin ich aufgricht! Ja!«

Ein Kuß, der sich zeitverschwenderisch in die Länge zog. Dann rannte Pepperl davon.

In der Jägerhütte stand Mazegger am Fenster, mit den Händen hinter dem Rücken, regungslos wie eine Steinsäule. Manchmal schloß er die Lider, als hätte er Schmerz in den Augen. Dann spähte er wieder und wartete. Nach einer Weile sah er den Förster zum Jagdhaus hinaufwandern und in der Tür verschwinden. Mazegger streckte sich wie einer, den die Arbeit ruft. Er zog die Läden zu und schloß das Fenster. Dann nahm er die Büchse auf den Rücken, verließ die Stube, sperrte die Hintertür ab und schleuderte den Schlüssel weit hinaus in das Almfeld.

Mit starrem Lächeln sah er noch einmal hinauf zum Fürstenhaus und eilte davon, in der Richtung gegen den Sebenwald.



Zwanzigstes Kapitel

Der Abend wurde trüb.

Immer tiefer senkte sich das Gewölk über die Berge, noch angeflogen von einem letzten Schein der Sonne. Aus den Waldsümpfen in der Nähe des Baches begann es aufzudampfen. Wie graues Spinngewebe, das immer dichter wurde, zog der Nebel sich über die moorigen Almen hin. Unruhig hauchte der Abendwind und trieb die grauen Dünste bergan und gegen den Sebenwald.

Bei Anbruch der Dämmerung, als die Sennlaute der Sebenalm unter Geschrei und Schelten das Milchvieh von allen Gehängen zusammentrieben gegen den Stall, war der Nebel schon so dicht geworden, daß man kaum mehr auf hundert Schritt sehen konnte.

Der Senn und sein Weib begannen im Stall die Kühe zu melken, während der alte Hüter, der nun Feierabend hatte, mit seinen Holzschuhen in die Sennstube schlorpte, um sich ans Feuer zu setzen, ein krumm gebeugtes, weißhaariges Männchen mit stumpfen Augen in dem müden Runzelgesicht. Gähnend suchte der Alte seinen Platz am Herd und rückte die Beine nah an die Glut. Sein abgewerkeltes Leben hatte keinen anderen Wunsch mehr, als Abend für Abend die schläfrige Rast am Feuer genießen und die kalten Füße wärmen zu können. Langsam legte er einen dünnen Ast nach dem anderen über die Glut und nickte zufrieden, so oft er ein neues Flämmchen aufzucken sah.

Mazegger trat in die Hütte und stellte das Gewehr an die Mauer. »Guten Abend!«

Der Alte ließ sich beim Feuerschüren nicht stören.

Der Blick des Jägers huschte durch die Sennstube und blieb an den beiden Holznägeln haften, die über dem Herd in die Mauer geschlagen waren und ein Bündel langer Kienfackeln trugen.

Höher und höher, mit Knistern und Geprassel flammte in der Herdgrube das Feuer.

Mazegger setzte sich und legte die Arme übers Knie. So saßen die beiden sich eine Weile schweigend gegenüber. Als der Alte die nackten Füße aus den Holzpantoffeln hob und in die heiße Asche hineinwühlte, sagte Mazegger: »Narr! Verbrennst dir ja die Füß!«

Der Hüter kicherte mit seiner dünnen hohen Stimme: »Narr, sagt's! Weil ich mir was Guts vergunn!« Er legte ein paar Äste in die Flammen. »Wann ich net mit halbbratene Füß ins Heu komm, kann ich nit schlafen. So viel kalt hab ich allweil.« Mit zittrigen Händen öffnete er an der Brust das Hemd, beugte sich näher gegen das Feuer, und wie ein Kater schnurrend, blinzelte er mit den roten Lidern. »Is was Schöns, so a Fuierl, gelt?«

Heiser lachte Mazegger.

»So, so? Lachen tust über 's Fuierl? Hast halt noch Hitzen im Blut und brauchst kein Fuierl, gelt? Wart nur a bißl, 's kommt für an jeden, 's Frieren! Jung sein heißt dumm sein. Wann er gscheit wird, der Mensch, fangt 's kalte Frieren an. Da merkt er, daß 's Fuierl 's einzig is, was bleibt! Hihihi! Weiberleut und Lieb und Haß, Gut und Geld und Burgermeister sein, alles is Wasser und gfriert in der Kält! 's Fuierl 's einzige! Macht so schön warm! Da kann er schlafen, der Mensch. Gut schlafen!« Kichernd griff der Alte mit seinen dürren Händen nach den Flammen, während draußen im Stall der Senn über die Kühe fluchte, die beim Melken nicht ruhig hielten. »A bißl spat, Jager, a bißl spat bist auf'm Marsch? Wohin denn heut noch?«

»Nach Ehrwald. Und dürsten tut mich. Magst mir an Trunk vom Brunnen holen?«

»So? Frisch vom Brunnen? So viel gnäschig bist? Hihihi! Aus'm Ganterl taugt's dir net? Gleich vom Brunnen mußt es haben und tust mich furthetzen vom Fuierl?« Seufzend erhob sich der Alte, nahm eine Blechkanne und verließ die Hütte.

Mazegger sprang auf, riß zwei Kienfackeln von der Mauer herunter und schob sie zu einem Rauchloch hinaus. Sie fielen draußen mit dumpfem Klatsch in die Kräuter.

Der Alte brachte die gefüllte Kanne. »So, du Gnäschiger, da hast dein Trunk, dein kalten!« Gähnend setzte er sich wieder zum Feuer und wühlte die Füße in die Asche. »Jetzt laß mich aber in Ruh, gelt!«

»Ja. Jetzt hab ich, was ich brauch!« Mazegger tat einen Trunk aus der Kanne. »Gut Nacht!« Er nahm seine Büchse und ging.

Draußen raffte er die beiden Fackeln auf, barg sie unter dem Wettermantel und eilte über das Almfeld hinaus. Als er den Waldsaum erreichte, blieb er stehen. Der Nebel war so dicht, daß die Sennhütte völlig im Grau verschwand, und daß von dem Lichtschein, den das Herdfeuer durch die Tür warf, kaum noch ein Schimmer zu erkennen war. Deutlich hörte man noch die Stimme des Sennen, der mit seinem Weib und mit den Kühen schalt.

Mazegger wartete. Als es mit Anbruch der Nacht in der Sennhütte ruhig wurde, steckte er eine Fackel in Brand und stieg durch den Wald empor. Im Nebel erhellte die Fackelflamme nur einen Umkreis von wenigen Schritten. Verschwommen tauchte der hohe Reisigwall des Almzaunes auf wie eine dunkle Mauer, in die eine Bresche gebrochen ist. Diese Lücke war der Weg, den er gehen mußte; nur dünne Stangen versperrten ihn.

Mazegger streckte die Hand aus, um das Gitter zu öffnen. Er zögerte. Hatte ihn das Grauen vor der Tat befallen, die er verüben wollte? War der rechnende Gedanke in ihm erwacht: Wenn ich es tue, was hilft es mir? Und erkannte er, daß bei dem wahnwitzigen Spiel, das er im Fieberdurst seiner Leidenschaft als ein letztes, gewaltsames Mittel versuchen wollte, der Einsatz sein eigenes Leben war?

Er stand und sann. »Soll's kommen, wie's mag! Der ander soll sie auch nicht haben!« Mit einem Fußtritt warf er das Gitter auf und durchschritt den Reisigwall. Knarrend fielen die Stangen hinter ihm zurück.

Er warf den Mantel zu Boden und die Büchse dazu.

An der Flamme des schon halb verbrannten Kienholzes entzündete er das zweite Scheit und hob die beiden Fackeln über den Kopf empor, um den Wind zu prüfen. Der machte die Flamme lodern und trieb ihren Rauch waldaufwärts. Brannte der Reisigwall, so hatte das Feuer nur einen Weg: hinauf zum See.

Mazegger senkte die Fackeln und wollte werfen. Wieder zögerte er. Das währte nur einen Augenblick. Mit kreischender Stimme, als bedürfte er zu seiner Tat noch eines letzten Spornes, schrie er jene Worte aus dem Brief des Fürsten vor sich hin: »Morgen hol ich mein Glück!» Dann schwang er die Arme zum Wurf und schleuderte die eine Fackel zur Rechten, die andere zur Linken des Tores in den Reisigwall.

»So, du! Jetzt hol dein Glück!«

Sein gellendes Lachen hallte in der Waldnacht wie der Schrei eines Tieres.

Die Fäuste hinter dem Rücken, das Gesicht verzerrt, mit funkelnden Augen, so stand er und sah, daß aus dem dürren Reisig das Feuer aufflog wie aus verpuffendem Pulver und zu beiden Seiten des Tores über den Wald hinzüngelte, so flink, als hätt es hundert flammende Füße.

»So! Jetzt komm!« Den Mantel und die Büchse vergessend, schritt er in den Wald hinein. Hinter ihm erlosch die Feuerhelle im Nebel. Je tiefer er in den Wald kam, desto finsterer wurde es um ihn her. Schritt für Schritt mußte er den Weg suchen, sich forttasten von Baum zu Baum.

Im Dunkel verlor er den Pfad und wußte nicht mehr, wohin seine stolpernden Schritte ihn führten. Plötzlich wich der Grund unter seinen Füßen. Er kollerte über eine steile Lehne hinunter. Stöhnend richtete er sich auf und kletterte wieder über den Hang empor. Als er den Grat erreichte, wehte ihm dicker Rauch entgegen. Und jählings war es im Nebel, als käme die Sonne, rot, blutig rot, wie sie am letzten Morgen aufgegangen war. Dazu ein Knistern und Geprassel, ein Rauschen und Krachen, als wäre Sturmwind über den Wald gefallen. Wie brennende Bäche schlängelte sich das Feuer über den Waldboden, faßte das dürre Zeug, das in Haufen umherlag, und geschürt im Winde, klomm es mit Geflacker an den hundertjährigen Stämmen hinauf und entzündete das Harz der blutenden Baumwunden. Die morschen Äste brannten mit weißer Flamme, die dürren Nadeln gingen glitzernd in Feuer auf und warfen im Winde den Brand mit Funkensprühen von Stamm zu Stamm.

Ein keuchender Laut rang sich aus Mazeggers Kehle. Aus allem hoffenden Wahn seiner Leidenschaft ernüchtert und von Entsetzen erfaßt, stand er wie gelähmt und starrte mit glasigen Augen in das Brennen und Glosten, in das Gewirbel von schwarzem Rauch und leuchtenden Dämpfen. Statt der Richtung gegen den See zu folgen, war er im Kreis gegangen, die äffende Finsternis hatte ihn zurückgeführt an den Ausgang seines Weges. Beim Anblick des grauenvollen Flammenbildes, zu dem die Tat seiner Eifersucht sich ausgewachsen, erlosch ihm alles Denken und Verlangen. Es war nur noch ein einziges in ihm: die Angst um das eigene Leben!

Mit erwürgtem Schrei begann er zu rennen, immer am Rande des Feuers hin, verfolgt von den züngelnden Flammen, überschüttet vom Regen der Funken. Er kam bis zur kahlen Felswand und sah das Feuer hinaufschlagen über die Steinmauer, turmhoch, halb verschleiert von Rauch und Nebel. Keuchend rannte er zurück, quer durch das ganze Tal, bis wieder die Felsen vor ihm aufstiegen. Feuer, Feuer, überall Feuer. Nirgends ein Ausweg mehr, das ganze Tal verriegelt von Rauch und Flammen.

Schreiend rannte er zurück in den finsteren Wald, rannte wie sinnlos, strauchelte und fiel, schlug mit der Stirn gegen die Bäume und schrie vor Entsetzen, wenn flüchtendes Hochwild an ihm vorüberjagte. Schon sah er, daß der Wals dich lichtete. Seine Kräfte begannen zu schwinden, sein Atem erlosch. Taumelnd brach er in die Knie, mit keuchendem Schrei, der im Nebel zerschwamm und nur wie ein matter Ruf hinauftönte zum See.

Dort oben, am Ufer, klangen in Unruh die Glocken der Almtiere, als hätte das Vieh sich erhoben aus der Ruh und zu weiden begonnen, mitten in der Nacht.

Dieses wirre Läuten tönte hinauf zum kleinen Seehaus, dessen Fenster noch erleuchtet waren. Die Tür stand offen, und trüb zerfloß die ins Freie fallende Lampenhelle in Nebel und Nacht.

In der Stube war Lo damit beschäftigt, alles Grün von den Wänden zu nehmen und das kleine Haus für die lange Zeit in Ordnung zu bringen, in der es unbewohnt und verschlossen stehen sollte. Ruhig tat sie diese Arbeit.

Manchmal wurden ihr die Arme müd, und dann stand sie eine Weile unbeweglich und blickte unter schmerzvollem Lächeln ziellos vor sich hin. Wenn sie mit stockendem Atemzug aus solcher Versunkenheit erwachte, streifte ihr Blick alles Gerät der Stube, das ihr lieb und durch Erinnerung heilig war. Aus ihren Augen redete eine Wehmut, als wäre in ihr die Ahnung, daß sie die Waldstube, in der sie so viel schöne Stunden und Tage verlebt hatte, nie wiedersehen würde.

Da blickte sie lauschend auf. Was sie gehört hatte, draußen in Nacht und Nebel? War das ein Ruf?

Sie trat vor die Tür. Nur den Nebel sah sie, der in der Dunkelheit das Haus umlagerte. Horchend stand sie eine Weile und rief dann mit lauter Stimme in die Nacht hinaus: »Ist jemand hier?«

Keine Antwort kam. Mit fauchenden Stößen fuhr der immer stärker werdende Wind über das Dach der Hütte hin, es rauschte in den Zweigen des Harfenbaumes, und ruhelos tönten in seinen Wipfeln die kleinen Glocken.

Und was nur die Almtiere haben mochten? Jetzt, in der Nacht? Drunten am See, auf den höheren Latschenfeldern, überall klangen ihre Schellen. Ein Rind begann zu brüllen, ein anderes gab Antwort, kurz und dumpf – wie Jungvieh brüllt, wenn es sich in den Felsen verstiegen hat und hilflos auf den Sennen wartet. Und die Tiere befanden sich doch auf gefahrlosem Weidegrund! Oder hatten sie das Vorgefühl eines bösen Wettertages, den dieser Nebel bringen würde? Wohl schien der Wind, der über den See heraufblies, noch unbedenklich. Aber dort unten, im tieferen Tal, da schien er stärker zu wehen, fast wie Sturm.

Ein Krachen und Rauchen tönte verworren mit dem Winde über den Wald herauf. Und dieser Nebel? Wie seltsam! Er hatte einen Geruch wie Rauch. Oder war's der Herdrauch, den der Wind herauftrieb von der Sebenalpe? Sollten sie dort unten so spät noch beim Feuer wachen? Oder waren Holzknechte im Sebenwald bei der Arbeit gewesen? Hatten sie das Gezweig und die Rinden der Windbrüche auf einer Blöße verbrannt? Und rauchten diese Feuerstätten so?

Schon wollte Lo in die Stube zurückkehren. Da hörte sie ein Gepolter, das Krachen von Ästen und den Sprung eines Tieres, das den Gartenzaun durchbrochen hatte.

»Hansi!«

Durch die Blumenbeete kam der Esel zur Tür gestürmt. Schnaubend und zitternd blieb er neben dem Mädchen stehen und windete mit vorgestrecktem Halse gegen den Wald hinunter.

Was hatte das Tier? War es durch Raubwild erschreckt worden? Durch einen Steinschlag unter den Wänden?

»Hansi? Was hast du denn?«

Beruhigend wollte sie ihm den Rücken streicheln und fühlte, daß seine Haare gesträubt waren wie Stacheln. Das Tier mußte eine ernste Gefahr überstanden haben. Oder sah es eine Gefahr, welche kam?

»Hansi?«

In grober Zärtlichkeit fuhr der Esel mit der Schnauze an ihr hinauf. Schnaubend schüttelte er das Fell und machte, den Hals immer länger streckend, ein paar zögernde Schritte. Plötzlich setzte er mit tollem Sprung über den Zaun, und ein schmetterndes Gewieher ausstoßend, verschwand er im Dunkel.

Im gleichen Augenblick jagte eine dicke Rauchwolke an der Hütte vorüber. Ein Schein durchglomm den wirbelnden Nebel. Überall im Tal begannen die Glocken der Almtiere zu läuten, überall dröhnte und röhrte ihr Gebrüll, überall hörte man das Rollen der Steine, die der Schritt der Rinder auf den steilen Gehängen löste. Jäh war das ganze Tal erfüllt von unheimlichem Leben. Und da erkannte Lo, was die Herde flüchten machte. »Feuer im Wald! Die armen Tiere!« Daß auch ihr eigenes Leben bedroht sein könnte, daran schien sie nicht zu denken. Ohne Erregung, wenn auch mit fliegender Hast, eilte sie in die Stube und holte eine schon halb verbrauchte Pechfackel. Damals, als diese Fackel gebrannt hatte, das war auch eine ernste Nacht gewesen. Eine Nebelnacht im Juni. Lo hatte die Rufe eines verstiegenen Touristen gehört und hatte den Verirrten aus der Tejawand heruntergeholt und zur Sebener Almhütte geführt.

Die brennende Fackel senkend, damit das Harz sich heller entzünden möge, trat sie aus der Hütte. Was den Nebel so hell durchleuchtete? War es die Flamme der Fackel oder das wachsende Feuer dort unten, das man rauschen hörte wie heranziehenden Sturm?

Sie wollte zur Gartentür. Da taumelte ihr ein Mensch entgegen. Erst als er vor ihr stand, erkannte sie ihn.

»Mazegger!«

Lallend stürzte er vor ihr nieder und klammerte sich an ihr Kleid. Auch ihr Anblick konnte in ihm nicht mehr erwecken, was ihn zum Wahnsinn dieser Tat getrieben hatte. Seine Eifersucht und seine Liebe, alles, was er erwartet hatte von dem Gewaltstreich dieser Nacht, alles war erloschen in ihm. In ratloser Angst und in der Verstörtheit seiner Stimme umklammerte er das Mädchen und keuchte: »Im Sebenwald ist alles ein Feuer! Wir müssen verbrennen, du und ich, ersticken im Rauch!« Er drückte zitternd das Gesicht in die Falten ihres Kleides.

Lo war bleich geworden. Aber sie wich nicht zurück vor ihm. Was zwischen ihr und diesem Menschen lag, das war vergessen beim Anblick der lallenden Angst, die sich zu ihren Füßen krümmte. »Mazegger! Sind Sie denn ein Mann? Wie können Sie sich vom Schreck nur so verstören lassen?« Sie versuchte ihn aufzurichten.

Er war wie Blei und blieb auf den Knien liegen, immer nur mit dem einen Wort: »Verbrennen, verbrennen –«

»Seien Sie doch vernünftig! Man verbrennt nicht gleich, weil Feuer im Wald ist. Stehen Sie auf!«

Er wollte sich erheben und taumelte auf die Schwelle hin.

Da lief auch ihr ein Zittern über die Hände. Doch ihre Stimme klang ruhig: »Ich sehe, daß Sie sich übermüdet haben bei dieser sinnlosen Flucht. Aber, wenn Sie schon flohen vor dem Feuer, wie kommen Sie hieher? Zu mir? Wollten Sie mich warnen?« Er schwieg und bedeckte das Gesicht mit den Händen. »Mazegger! Geben Sie doch Antwort! In welcher Richtung des Waldes ist das Feuer?«

»Überall! Es gibt keinen Ausweg nimmer!«

»Das ist Torheit! Wenn es aus dem Feuer keinen Ausweg gäbe, wie wären Sie denn hereingekommen in den brennenden Wald?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wissen Sie, wie das Feuer ausgekommen ist?«

»Nein, nein, nichts weiß ich, nichts.«

»Wie kamen Sie in den Sebenwald? Jetzt? In der Nacht?«

»Ich –« es fiel ihm wohl die Lüge ein, die er dem alten Hüter gesagt hatte, »ich hab nach Ehrwald wollen und hab mich verirrt im Nebel. Und da war das Feuer da. Überall Feuer. Überall!« Das Grauen schüttelte ihn. »Wir müssen verbrennen, es gibt keinen Ausweg nimmer!«

»Ich will ihn suchen. Kommen Sie, Mazegger!« Sie nahm seine Hand und zog ihn von der Schwelle. »Ich kenne hier im Wald jeden Weg und Steg. Ich will Sie führen.«

»Führ mich, führ mich, ja, mit dir ist der Herrgott!« keuchte er und klammerte die Hände um ihren Arm. »Wenn's noch einen Weg gibt, mußt du ihn finden – über den Paß hinüber, ins Prantlkar!«

Den Felsenpaß, den Ettingen und Praxmaler an jenem Gewitterabend überstiegen hatten – ja, den kannte sie. Aber dort hinauf, über die steilen Wände? Jetzt bei Nacht und Nebel? Das war unmöglich. Das wäre der sichere Tod. Es mußte einen anderen Ausweg geben, talwärts durch den Wald. Der Zufall dieses Brandes konnte so unselig nicht gespielt haben, daß schon das ganze Tal vom Feuer verschlossen war.

»Kommen Sie, Mazegger!«

Er ließ sich ziehen von ihrer Hand. Als die beiden über das Latschenfeld gegen den See hinunterkamen, mischte sich der Rauch immer dichter in den Nebel, immer lauter tönte auf allen Seiten das Brüllen der Rinder. Ein paarmal tauchte der Esel in der Nähe auf, mit Schnauben und Gewieher, begleitete sie eine Strecke und verschwand wieder. Schwüle Hitze wehte ihnen vom brennenden Wald entgegen, und rauschend zog der Wind, der die Rauchwolken über die Berge hinaufjagte. Als die beiden den See erreichten, kamen viele Rinder auf sie zugerannt und folgten ihnen Schritt um Schritt unter angstvollem Gebrüll. Ein sausender Windstoß teilte den von Rauch durchflossenen Nebel, und nur noch matt verschleiert lag der brennende Wald vor ihnen, eine näher rückende Flammenmauer, welche die ganze Breite des Tales füllte, von Wand zu Wand.

»Wir laufen ins Feuer«, schrie Mazegger wie ein Wahnsinniger, »wir müssen hinauf! Über die Wände hinauf!«

»Das ist unmöglich.«

Mazegger bedeckte mit dem Arm die Augen, und die Zähne begannen ihm zu klappern.

Das bleiche Gesicht vom Ruß der Fackel angeflogen, stand Lo auf einem Felsblock und spähte über den brennenden Wald hinunter, aus dem die Flammen schon herauszüngelten gegen die Latschenfelder. Nur an einer einzigen Stelle des Waldes, dort, wo der Seebach gegen Ehrwald hinunterströmte, war es noch dunkel. Aber auch dort schon quoll es mit rötlichen Dämpfen hinter den Bäumen herauf. Es gab durch den brennenden Wald keinen Ausweg mehr. Wollten die beiden Menschen ihr Leben retten, so mußte sie das Unmögliche versuchen: den Weg über die Berge.

Das erkannte Lo. Schon wollte sie dem Jäger sagen: wir müssen hinauf, wir haben keinen anderen Weg mehr! Da begannen plötzlich die Rinder, die brüllend um sie her standen, ein tolles Rennen. Hatte eines der Tiere jene dunkle Stelle im Walde gewahrt? Ahnte es dort noch einen Weg der Rettung? Es fing zu rennen an, und alle Rinder jagten ihm nach im blinden Herdentrieb, schnaubend und mit gestreckten Schweifen. »Das Vieh! Das Vieh weiß einen Ausweg!« kreischte Mazegger. Nur an die Rettung des eigenen Lebens denkend, riß er dem Mädchen die Fackel aus der Hand und rannte mit verzweifelten Sprüngen den Tieren nach. Rauch und Nebel verschlangen ihn. Das Gerassel der Steine, die sich auf seinem Wege lösten, ging unter im Sausen des Windes, im Geprassel und Krachen des brennenden Waldes.

»Mazegger! Mazegger!« schrie Lo in der Todesangst, die sie empfand um diesen verlorenen Menschen. Sie schrie und schrie. Keine Stimme gab Antwort. Und das Brüllen der Rinder war verstummt dort unten. Nur über den See herüber klang noch das Röhren einzelner Tiere, die bergaufwärts flüchteten, den Felsen zu.

»Mazegger!«

Sie wollte folgen, hoffte, ihn noch hindern zu können, den Weg der toll gewordenen Tiere zu nehmen. Aber dichter Rauch umwirbelte sie, der sie fast zu ersticken drohte. Wohin sie auch ihren Weg nahm, überall loderte ihr das wachsende Feuer entgegen, das den Waldsaum schon übersprungen hatte und die Latschen ergriff.

»Mazegger! Mazegger!« schrie sie noch immer, bis ihr die Stimme versagte.

Rauch und Flammen trieben sie zurück. In Qualm und Nebel wußte sie nicht, wohin sie geriet – sie merkte nur plötzlich, daß ihre Füße in Wasser traten. Der See! Da ihre Kräfte zu erlöschen drohten, bückte sie sich, schöpfte Wasser mit den Händen und trank und kühlte das Gesicht. Im jagenden Winde flogen schon die glühenden Funken über sie her, als sie die seichte Bucht durchwatete und wieder das Ufer gewann. Während sie hineilte über den ebenen Rasen, kam's mit Keuchen und Schnauben hinter ihr nachgerannt.

»Hansi!«

Zitternd drängte sich das Grautier an seine Herrin, als wäre Hilfe bei ihr.

Noch einmal schrie sie den Namen des Jägers in den wallenden Rauch. Als sie keine Antwort hörte, klammerte sie sich an die Hoffnung, daß er den rettenden Weg gefunden hätte, den ihr das wachsende Feuer verschloß. Jetzt blieb nur dieser einzige Weg noch, dieser unmögliche: über die Berge hinauf, um den Paß in das andere Tal zu gewinnen. Ein Weg, auf dem in der Finsternis der tödliche Sturz sie erwartete bei jedem Schritt. Sie mußte ihn versuchen, es gab keinen anderen. Wohl dachte sie einen Augenblick daran, im höheren Felsental eine geschützte Stelle zwischen kahlem Gestein zu finden. Aber der Rauch, der sich dichter und dichter herwälzte über den See, mußte, wenn die grünen Latschenfelder bis hoch hinauf ins Glühen kamen, das ganze Tal erfüllen und alles atmende Leben ersticken.

Sie faßte den Halsriemens des Esels, um das Tier mit sich fortzuführen. Es sträubte sich und wollte nicht von der Stelle. Immer wieder, unter Zittern und Schnauben, drehte es den Kopf nach dem brennenden Wald zurück. Lo zerrte am Riemen. Ein paar Schritte folgte das Tier mit Zögern. Dann plötzlich, als hätte es die Absicht seiner Herrin verstanden, hätte begriffen, welchen rettenden Weg es zu suchen galt, begann es zu traben, immer rascher, das Mädchen mit sich fortreißend, das an den Riemen geklammert hing. Den auch bei Tag nur schwer erkennbaren Steig, der über die steilen Latschengehänge emporführte zu den Felsenkaren, hätte Lo wohl nie gefunden bei diesem unruhigen Wechsel zwischen trüber Feuerhelle und rauchschwarzer Finsternis. Die nachtsehenden Augen des Tieres fanden ihn. Schnaubend zerrte es seine Herrin mit sich hinauf, eine Latschenhöhe nach der anderen überwindend, bis sie das kahle Gestein erreichten. Da blieb es stehen, erschöpft und mit vorhängender Zunge. Es wollte nicht weiter, legte sich auf die Steine nieder und begann an seinen Knien zu lecken.

Auch Lo war atemlos zu Boden gesunken. Mit dem Rücken an das Tier gelehnt, halb erstickt vom Gewirbel des Rauches, hielt sie die Fäuste auf ihre kämpfende Brust gedrückt. Ein brausender Windstoß jagte den Rauch, und vor den Augen des Mädchens lag es dort unten wie eine lodernde Hölle. Der ganze Sebenwald eine einzige ungeheure Flamme! Rings um den See her brannten schon alle Latschenfelder, bald in rote Glut versinkend, bald wieder aufleuchtend mit weißem Feuerglanz, wenn der Wind darüber hinfegte. Aus diesem Glutfeld ragte eine dunkel qualmende Säule hervor: der Harfenbaum, der den Flammen noch widerstand – und daneben loderte eine hohe Feuergarbe: das brennende Seehaus.

Als Lo diese Flamme sah, sprang sie auf mit schluchzendem Schrei: »Vater! Unser Haus! Deine Blumen!« Tränen stürzten aus ihren Augen, und in der ersten Marter dieses Anblicks machte sie ein paar Schritte gegen das Tal, als könnte sie noch retten, diesen Flammen noch wehren. Wehender Rauch quoll ihr entgegen, schwarz und schwer, das Bild des Brandes verhüllend.

Sie rang nach Atem, einer Ohnmacht nahe. Schon wollte sie mit taumelnden Sinnen zu Boden sinken. Da richtete sie sich wieder auf und streckte mit zitterndem Laut die Arme in das Dunkel. Ihr war, als stünde der Vater vor ihr, in heller Sonne, ruhig und lächelnd. Und sie hörte seine Stimme, mit jenem gleichen Klang der Liebe wie einst: »Komm, Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!« Er reichte ihr die Hand, als wollte er sie führen. Sie meinte diese Hand zu fassen, sie fühlte ihren Druck – und da war's nicht mehr ihr Vater, es war ein anderer, der vor ihr stand, ein Leuchten in den Augen, mit der gleichen Liebe im Ton der Stimme: »Lo! So komm doch!«

»Heinz!« In Schmerz und Freude schrie sie diesen Namen. Da war alles verschwunden, was ihr fieberndes Blut und ihre erregten Sinne gesehen hatten. Doch in ihren Gliedern war neue Kraft, neuer Wille zum Leben.

Bei dem matten Feuerschein, der das zerfahrene Gewölk durchschimmerte, erkannte sie im Felsenkar den Steig, den sie gehen mußte. Hastig jagte sie, solange der Feuerschein noch währte, durch das öde Kar. Dann umhüllte sie wieder die jagenden Rauchwolken und das Dunkel der Nacht. Tastend mußte sie den Weg suchen. Immer wieder verlor sie ihn und fand ihn immer wieder. Felsen sperrten den Pfad. Das mußte die Wand sein, die sie zu übersteigen hatte. Und dieses Felsband, auf das ihre Füße traten? Das war der Weg, der über die Wand hinaufklomm bis zur Höhe des Passes. Sie stieg und stieg. Immer schmäler wurde das Steinband unter ihren Füßen. Weit hinter sich vernahm sie das Schnauben des Tieres, das ihr folgen wollte, vernahm das Rollen der Steine, die seine Hufe lösten, und jetzt den Fall eines schweren Körpers, der tiefer und tiefer stürzte. Eine Weile noch rasselten die nachrollenden Steine. Dann war es still dort unten. Sie wollte schreien. Die Stimme versagte ihr.

Jetzt hörte sie in schwarzer Tiefe das Ächzen des sterbenden Tieres. Da schlich auch ihr das kalte Todesgrauen in die Seele. Zitternd hing sie an die Felsen geklammert, während fern das dumpfe Brüllen der letzten, noch irrenden Rinder klang und stickender Rauch immer dichter die finsteren Lüfte füllte.

Kein Laut mehr in der Tiefe zu ihren Füßen, kein Ächzen und Stöhnen mehr. Das Tier war erlöst von seiner Qual.

Da atmete sie auf, den Todesschreck überwindend, der sie befallen hatte. Leise sprach sie ein Wort ihres Vaters vor sich hin: »Tod? Das ist nur ein Wort, nur das letzte Lächeln eines guten Menschen, der mit seinem Leben zufrieden war.«

Sollte ihr Leben auch erlöschen in dieser Nacht, dort unten in schwarzer Tiefe, ferne von Mutter und Bruder – es war doch reich gewesen und schön ohnegleichen, vom ersten, fröhlichen Lachen des Kindes bis zum letzten Gruß jenes einen, der ihre Seele und ihr Herz in seine Hand genommen hatte wie einen Besitz über Leben und Tod hinaus!

Sie flüsterte seinen Namen. Das war ihr wie ein Abschied, den sie nahm von dem geliebten Manne. Nicht für den Tod, fürs Leben nur! Denn sie fühlte, daß sie leben würde. Jetzt, da die Furcht von ihr abgefallen war, konnte sie an den Tod auch nicht mehr glauben. »Mutter! Bruder!« Der Gedanke an diese beiden richtete sie auf. Um dieser beiden willen mußte sie ringen um ihr Leben, stark und mutig, bis zum Erlöschen ihrer Kräfte.

Sie rastete, an die Felsen gelehnt, um ihren Atem in Ruhe zu bringen, und preßte ihr Tuch vor die Lippen, um sich gegen den Rauch zu schützen, der emporquoll über die Felsen. Während sie hinausblickte in die von dunklem Gewirbel erfüllten Lüfte, sah sie nicht das wogende Gewölk und nicht die schwarzen Felsen in der Runde. Sie sah das Kämmerchen des Bruders. Da war es still und dunkel. Dennoch erkannte sie jedes Bild an den Wänden, jedes Gerät, sah den schlummernden Knaben und die wachende Mutter, die in ihrer schlaflosen Immersorge auf die Atemzüge des Buben lauschte. Und Lo vernahm, wie die alte Frau vor sich hinflüsterte: »Gott sei Dank, er schläft, da kann er doch keine Schmerzen haben! Morgen wird sein Fuß wieder gut sein. Und Lo wird kommen. Ach ja!«

»Morgen!« Wie ein heißer Strom der Freude und Sehnsucht rann es ihr durch Blut und Seele. Morgen! Die beiden wiedersehen, morgen im Frühlicht!

Sie erhob sich. Ruhig begann sie sich mit Händen und Füßen an den Felsen hinzutasten, höher und höher klimmend.

»Mutter! Bruder!«

Sie stieg und stieg, bei jedem Schritt um ihr Leben kämpfend, an das sie glaubte.



Einundzwanzigstes Kapitel

Unter ziehenden Nebeln erwachte der Morgen über dem Geißtal, über den Tillfußer Wäldern und Almgehängen.

Lange vor dem ersten Grau, schon gegen drei Uhr morgens, war im Försterhäuschen ein Licht lebendig geworden. Als Praxmaler, um seinen Herrn zu wecken, mit der Laterne zum Jagdhaus hinaufging, sah er, daß im Schlafzimmer des Fürsten schon die Lampe brannte, deren Flimmerschein in die vom Nebel durchwobene Dämmerung hinausleuchtete.

Droben pochte er. »Duhrlaucht?«

»Ich danke, ja, ich bin schon wach!«

»Schlecht schaut's aus mit'm Wetter!« berichtete Pepperl durch die geschlossene Tür. »Nebel haben wir. Ich mein', Sie sollten heut daheim bleiben, Duhrlaucht.«

»Nein, ich gehe! Mag das Wetter sein, wie es will!«

»No ja, wenn S' meinen! Aber Gamsbock bringen wir heut kein net heim. Heut marschieren S' umsunst.«

Ein frohes Lachen war die Antwort.

Nebel hin oder her, den freut heut 's Leben! dachte Pepperl, während er die Treppe hinunterging. »Und mich freut's auch!« Es blieb ihm genügende Zeit, um ein »Sprüngerl« in die Sennhütte hinunterzumachen. Da konnte er seinem Mädel den Schlaf aus den Augen küssen.

Lachend hob sich Burgi aus ihrem Heubett und schlang die Arme um Pepperls Hals. »So a Bußl beim Aufwachen is ebbes Guts!«

»Halt ja! Gibt nur gschwind noch eins her! Auf'n Abend hast mich wieder!«

Es dauerte lang, dieses »gschwinde Bußl«.

Der graue Morgen begann, und durch die im Fluge sich klüftenden Nebel schimmerte ein armseliges Stück des blauen Himmels, als Ettingen vom Jagdhaus herunterkam. Pepperl sah den Glanz in den Augen seines Herrn und dachte: Teufi, Teufi, der muß sich heut an guten Pirschgang derwarten, weil er gar so gottsfreudig dreinschaut! Aber solche ein Wind und Nebel! Da hätte Pepperl schwören können: »Wir kriegen nix!« Auf diese Enttäuschung mußte er seinen Herrn vorbereiten. »Schlecht schaut's aus, Duhrlaucht! Heut hab ich net die richtige Schneid auf d' Jagd!«

»Ich auch nicht!« erwiderte Ettingen lachend.

»Gott sei Dank, weil S' Ihnen nur net z'viel derwarten. Und gelten S', ich hab recht ghabt: heut wird's a Hakerl mit der Sonn!«

»Mir wird sie scheinen! Kommen Sie nur!«

Sie schritten gegen den Wald hinunter.

Da wurde im Oberstock des Fremdenhauses ein Fenster geöffnet. »Guten Morgen, Heinz! Und Glück auf den Weg!«

Mit seinen »gottsfreudigen« Augen grüßte Ettingen zu dem Freunde hinauf: »Das war lieb von dir!«

Pepperl schüttelte den Kopf und dachte: »Glück hat er ihm auch noch gwunschen! Jetzt können wir einpacken! Daß ein so fermer Jäger wie Graf Sternfeldt sich so schwer gegen den Weidmannsbrauch verfehlen konnte! Glück – was Schlimmeres kann einem Jäger nicht gewunschen werden!

Raschen Ganges wanderten die beiden durch das lange Tal. Sie waren schon eine Stunde unterwegs, und der Morgen wurde nicht heller. Wohl klüftete sich manchmal der ziehende Nebel und gab ein Stück der düsteren Wände frei, doch alle Höhen blieben von dunklem Gewölk umlagert. Aus den wehenden Dünsten ging ein dünnes Geriesel nieder, bei dem sich alles wie mit feinem Tau beschlug; und alle Geräusche waren gedämpft: das Rauschen des Baches, die schreienden Stimmen, die man irgendwo in der Ferne von den Almen hörte, und das Geläut und Brüllen der Rinder, die heut in solcher Unruhe waren wie nach einem Schneefall, der alles Grün bedeckt.

Immer sorgenvoller wurde das Gesicht des Jägers. Seinen Herrn aber schien das unfreundliche Bild der Landschaft nicht zu verstimmen. Der wanderte immer zu, versunken in stille Gedanken, mit diesem träumenden Lächeln, mit diesem Leuchten in den Augen.

Schon ein paarmal hatte Praxmaler verwundert umhergeguckt. »A gspaßiger Nebel! Der riecht ja wir der Dampf, der von der Kohlstatt kommt!«

Und was war das für ein Rauschen, fern in der Höhe? Sie hatten noch eine Wegstunde bis zum See, da konnte man doch den Wasserfall des Seebaches noch nicht hören? Und waren denn die Leute auf der Sebenalm verrückt geworden? Sie schrien, daß man's auf eine halbe Stunde weit hören konnte! Nun kamen ein paar Kühe in wilder Flucht gerannt. Und im Wald ein Laut, der den Jäger ganz verblüfft machte: der Pfiff einer Gemse. Das begriff er nicht. Gemsen hier unten im Talwald? So tief steigen sie nicht einmal herunter im schwersten Winter!

»Herr Fürst! Ich weiß net, heut muß was los sein! Da saust a Rudel Gams durch' Wald. Wie kommen die Gams da runter?«

Ettingen drängte mit Ungeduld: »So lassen Sie doch die Gemsen! Ich will nicht jagen heut!«

»Net jagen?« Das war für Pepperl von allen Wundern dieses Morgens das größte. »Ja, sakra, warum steigen wir denn nacher auffi zum See?«

Er bekam keine Antwort. Und da machte sein Scharfsinn einen Gedankensprung. »Ah, da schau!« Hatte nicht gestern der Förster erzählt, er hätte das Malerfräulein zum Sebensee hinaufreiten sehen? Und hatte der Fürst nicht gleich darauf gesagt: »Pepperl, morgen machen wir eine Pirsche zum Sebensee«? Er dachte an jenen Morgen im Blumengarten des kleinen Seehauses, dachte an die drei Hirsche im Geißtal, die ihr Leben dem Malerfräulein zu danken hatten, dachte an jene Gewitternacht in der Waldstube dort oben – und dem Praxmaler-Pepperl ging ein Licht auf. »Ah, da schau!« Schmunzelnd musterte er seinen Herrn. Jetzt verstand er auch das Wort von der Sonne, die heute scheinen würde. »Dös glaubst! Die hat freilich Sonnenschein in die Äugerln! Da kann der Nebel so dick sein, wie er mag!«

Ein sausender Windstoß riß die grauen Dünste entzwei, und man sah den steilen Tejakopf von einer schwarzen Wolke umlagert.

»Duhrlaucht! Schauen S' da auffi! Was is denn dös für a Gwölk? So pechschwarz kann doch kein Wetter net aufziehen?«

Ehe der Blick des Fürsten die Höhe fand, nach welcher der Jäger deutete, hatte der jagende Nebel die Bergspitze mit ihrer finsteren Haube schon wieder verhüllt.

Sie schritten aufwärts durch den steigenden Wald. Da hörten sie wieder von der Sebenalm die schreienden Stimmen. Jetzt blieb auch Ettingen stehen, wie von einer Sorge befallen. »Praxmaler! Was können die Leute nur haben?«

»Ich kann mir's net denken! Und da müssen mehr Leut beinand sein als wie d' Sennleut und der Hüter! Und wie's in der Luft liegt! Als ob's wo brennen tät! Es wird doch ums Herrgotts willen in der Almhütten kein Feuer net ausbrochen sein!«

Da hörten sie das Keuchen eines Menschen und ein Gerappel von Steinen, als käme einer in wahnsinnigem Lauf über den Steig hinuntergerannt.

»Um Christi willen«, stammelte der Jäger, »was is denn?«

Ein Mensch tauchte im Nebel auf. Es war der Sebener Senn. Jetzt stand er vor den beiden, nach Atem ringend, das fahle Gesicht wie mit Ruß bestrichen. Die Augen waren rot verquollen und die Ärmel seiner Joppe von kleinen Brandlöchern durchsiebt, als wäre er durch einen Regen glühender Funken gelaufen. Mit beiden Fäusten packte er den Jäger an der Brust: »Der Förstner? Wo ist der Förstner? Ich muß den Förstner haben und d' Holzerleut.«

Ettingen rüttelte ihn am Arm. »Aber Mensch, so sagen Sie doch, was ist denn geschehen?«

»Der Sebenwald brennt. Der ganze Wald bis übern See auffi, alles an einzigs Fuier! 's ganze Jungvieh droben, alles muß hin sein, alles! D' Höll kann net ärger sein! Und 's Fräuln is droben seit gestern! Jesus! Jesus! Sag mir doch, Jäger, wo is denn der Förstner?«

»Mar und Joseph! Draußen im Tillfuß is er! Lauf Senn, lauf um Himmels willen, was d' laufen kannst!«

Der Senn wollte rennen, doch Ettingen hielt den Arm des Mannes umkrampft.

»So lassen S' doch aus, Herr!« keuchte der Senn. »Ich muß ja um d' Leut!«

Ettingen rang nach Worten. »Gibt es noch einen Weg –«, die Stimme brach ihm, »einen Weg durch das Feuer zum See hinauf?«

»Kein' nimmer! 's ganze Seetal is zu mit Fuier! So lassen S' doch aus!« Gewaltsam befreite der Senn seinen Arm und rannte, mit keuchender Stimme betend: »Vater, Vater unser, der du bist im Himmel –« Er verschwand im Nebel. Und Ettingen umklammerte den Ast einer Fichte, als müßte er eine Stütze haben, um sich aufrecht zu erhalten. Dem Jäger schossen die Tränen in die Augen, als er dieses verstörte Gesicht sah, diesen verzweifelten Blick.

»Jesus! Herr Fürst!«

Ettingen erwiderte keinen Laut. Seine Glieder streckten sich, als wären sie Stahl geworden. »Komm!«

Wortlos eilten sie durch den Wald hinauf und erreichten das Almfeld. Hier lag der Nebel nicht mehr so dicht wie im tieferen Tal. Man sah die Leute, die mit Geschrei umherrannten, um die scheu gewordenen Kühe einzufangen – man sah den Wald und über seinen Wipfeln den schwarzen, von trübem Feuerschein durchflackerten Qualm, der von Wand zu Wand die ganze Breite des Seetals füllte.

Mit brennenden Augen spähte Ettingen durch die Schleier des Nebels. »Nein! Da gibt es keinen Weg mehr! Nicht durch den Wald hinauf!« sagte er mit erloschener Stimme. »Aber einen anderen gibt es! Sie muß sich vor dem Feuer geflüchtet haben, in die Felsen hinauf! Dort müssen wir sie finden! Wir müssen!« Er eilte den steilsten Latschengehängen zu, gegen den Tejakopf, dessen gewaltige Felsenmauer zwischen dem Prantlkar und dem brennenden Seetal aufstieg und in schwarzem Rauchgewölk verschwand.

Erschrocken lief der Jäger seinem Herrn nach. »Mar und Joseph! Duhrlaucht! Wo wollen S' denn hin?«

»Hinauf! Dort hinauf! Durch das Prantlkar und über den Paß – den Weg, den wir neulich gingen, als das Gewitter kam – und die schöne Nacht!«

»Da müssen wir links durch'n Wald und von drunt her auffi!«

»Nein! Ich sehe einen Weg ins Kar, der näher ist. Dort hinauf!« Ettingen deutete nach den Latschenbändern, die schräg über die Felswand emporkletterten gegen die Höhe des Kars. »Da sparen wir eine Stunde!«

Praxmaler wischte sich den Schweiß von der Stirn und stammelte: »Um Gotts willen, Duhrlaucht! Da steig ja ich kaum durch. Sie kommen net auffi!«

»Ich muß hinauf!« Ettingen hatte schon den Latschenhang erreicht und begann zu klimmen.

Ohne Widerrede legte der Jäger alles ab, was er trug, die Büchse, den Rucksack, die beiden Wettermäntel – jetzt brauchte er freie Arme, denn er wußte, daß es um das Leben seines Herrn ging.

Sie kamen zum Fuß der Felswand und begannen zu klettern, wortlos, Ettingen immer voran. Mit Sausen stürzten unter seinen Tritten die Steine in die Tiefe – er hatte keinen Blick für sie, seine Augen suchten immer die Höhe. Nie bedurfte er der Hilfe des Jägers, und wenn Praxmaler ratlos innehielt, fand Ettingen immer wieder eine Schrunde im Gestein, einen Tritt, der ihn höher brachte, so rasch, daß der Jäger Mühe hatte, sich dicht hinter seinem Herrn zu halten.

Als sie die Kuppe der Wand erreichten, sah Praxmaler in die schwindelnde Tiefe, die hinter ihnen lag, und bekreuzte sein Gesicht.

Nur eine kurze Strecke hatten sie noch zu steigen, weniger mühsam, und dann kam über Griesfelder und Latschenrücken ein ungefährlicher Weg in das Kar.

Der Nebel begann sich langsam zu heben. Von der Höhe, auf der die beiden waren, konnten sie den Eingang des brennenden Tales überblicken. Zwischen Qualm und Dämpfen sah man die flammenden Bäume. Auf weite Strecken war der Grund schon kahl gebrannt; bald erschienen diese Stellen grau, bald wieder, wenn der Wind die Asche verwehte, waren sie verwandelt in rote Glut. Und die Flammen der Bäume, Rauch und Qualm, die Aschenwolken, alles strebte in jagendem Winde hinauf, dem See entgegen.

Ettingen bedeckte mit den Händen das Gesicht, als könnte er den grauenvollen Anblick nicht ertragen und müßte mit Gewalt die martervollen Bilder ersticken, welche die Angst seines Herzens ihm vor Augen stellte. Noch atemlos, begann er den Weg ins Kar.

»Ich bitt Ihnen«, bettelte der Jäger, »tun S' doch a bißl rasten!«

Ettingen schüttelte den Kopf.

Sie stiegen eine Stunde. Je näher sie im Kar der letzten Grießzunge kamen, von deren Ende der Steig über brüchige Wände hinaufkletterte zum Paß, desto ungeduldiger wurden die Schritte des Fürsten, obwohl ihm Atem und Kräfte schon fast zu Ende gingen. Auch der Jäger war so erschöpft, daß er die letzte Kraft seiner Glieder geben mußte, um sich an der Seite seines Herrn zu halten.

Einer steilen Felswand nahe, ging der Weg zwischen mächtigen Felsblöcken, die ein Bergsturz über das Grießfeld geworfen hatte. Wohl war der Nebel gestiegen und hatte sich schon über Tal und Berg zu einer regungslosen Decke gesammelt, aber das ganze Kar lag verschleiert vom dünnen Geriesel der Asche, die aus den Lüften fiel, und vom Rauch, der drüben aus dem brennenden Seetal aufstieg und im Kar sich wieder niedersenkte über die Wände.

Nur einen Weg von wenigen Minuten hatten sie noch bis zu der Stelle, wo der Paßweg beginnen mußte, und Ettingen suchte ihn schon mit brennenden Blicken. Da rollten Steine aus der Wand herunter, an der sie vorüberschritten. Im gleichen Augenblick riß der Jäger seinen Herrn hinter einen Feldblock und stammelte: »Mar und Joseph! Nur um Gotts willen kein' Laut nimmer! Da schauen S' auffi!«

Hoch über dem Grießfeld, in der steilen Felswand, die pfadlos schien, bewegte sich unter dem Schleier des Rauches langsam eine Gestalt.

»Lo!« glitt es mit ersticktem Klang über Ettingens Lippen. Sein erstes Gefühl war ein Sturm von Freude. Sie nur wiederzusehen! Lebend! Doch dieser Rausch der Freude ging ihm unter in einem Grauen, das ihn fast um die Sinne brachte. Jeder Schritt an dieser Wand war ein Schritt in den Tod. Ettingen streckte die Arme. Nur helfen, helfen, dieses stürzende Leben schützen! Kein anderer Gedanke war in ihm. Er wollte schreien: Ich komme, Lo! –doch seine Stimme war nur ein Lallen. Und da preßte ihm der Jäger die Hand auf den Mund und riß ihn zurück und flüsterte: »A Laut, Herr Fürst, und Sie bringen dös Fräuln um! Da gibt's kein Helfen, wir stehen da mit leere Händ, ohne Seil und Eisen, ohne alles! Sie muß allein da runter. Da hilft ihr keiner, bloß die eigne Kraft. Und schauen S' auffi, wie's jeden Schritt probiert in aller Ruh! Sie derzwingt's! Passen S' auf, sie derzwingt's! Aber a Laut von Ihnen – a Merk von ihr, daß wer da herunten steht, und Sie grad, Sie, Herr Fürst –, und sie hat ihr Ruh verloren und –« Der Jäger sprach das Wort nicht aus, das ihm schon auf den Zunge lag. »In Rauch und Nebel hat s' den Steig verfehlt und hat sich in der Wand verstiegen. Jesus, Jesus, was muß dös Fräuln für an Weg gmacht haben in der Nacht!«

Nun standen sie regungslos hinter dem Felsblock und spähten durch den ziehenden Rauch in die Wand hinauf. Sie sprachen kein Wort mehr, aber es hämmerte unter ihren Rippen, daß einer den Herzschlag des anderen hören konnte. Mit beiden Händen klammerte Ettingen sich an den Fels und biß die Zähne übereinander, um auch den Ton seines Atems noch zu ersticken. Immer wieder schloß er die Augen, als ginge die Marter dieses Anblicks über seine Kräfte, und immer wieder spähte er hinauf mit einem Blick, in dem seine Seele war, seine Angst und sein Hoffen. Fielen Steine aus der Wand, dann zuckte er zusammen, als träfe ihn jeder Steinschlag ins Leben. Sie schwirrten und sausten, diese stürzenden Steine, und wenn sie das Grießfeld erreichte, machten sie weite Sprünge. Der Staub, den sie aufwirbelten, dampfte an der Felswand empor und mischte sich mit den Schleiern des braunen Qualmes. Der umhüllte bald die Verirrte in der Wand, bald gab er sie wieder frei. Mit ausgebreiteten Armen, die Brust an die Felsen schmiegend, suchte sie Tritt um Tritt.

Manchmal blickte sie über die Schulter in den Abgrund, wie um den Weg zu messen, den sie noch finden mußte. Tiefer und tiefer kam sie, und eine glattgeschwemmte Wasserfurche überspringend – Ettingen zitterte, als sie sprang –, erreichte sie ein Steinband, das ihr sicheren Grund für die Tritte gab. Sie ging, bis das Band zu Ende war. Dann rastete sie, lange, lange, um ihre Kraft für dieses letzte und schwerste Stück des Weges zu sammeln. Schräg nach abwärts hatte sie eine Felsplatte zu überqueren, die nur von wenigen Rissen durchzogen war und so kahl erschien, daß der Blick, der aus der Tiefe hinaufspähte, kaum einen Vorsprung fand, auf dem ein Fuß hätte ruhen können.

»Unmöglich! Das ist unmöglich!« hauchte Ettingen. Sein Gesicht war weiß.

»Nur Ruh, Herr Fürst, nur Ruh ums Himmels willen!« flüsterte der Jäger. »Von droben schaut's besser aus als wie von unt auf! Und sie derzwingt's, und alles is gut!«

War dieses Schwere überwunden, dann war's gewonnen. Unter der Felsplatte winkte ein Rasenfleck, auf dem sie sicher stehen konnte. Wohl war dann das letzte Stück des Weges bis auf den Sand hinunter noch immer gefährlich, aber die Felsen boten hier feste Kanten für den Fuß und Schrunden für die greifenden Hände.

Noch immer rastete Lo. Während sie die Arme um einen Felszacken geschlungen hielt, prüfte sie vorgebeugten Kopfes schon den Weg, den sie nehmen mußte. Nun wollte sie beginnen. Man sah, wie ihre Gestalt sich streckte und ihr Arm sich zögernd von dem stützenden Schrofen löste.

Praxmaler umklammerte die Hand seines Herrn, als hätte er Sorge, daß die Seelenangst, die ihm aus Blick und Zügen redete, in diesen entscheidenden Minuten durch einen Ruf, durch eine unvorsichtige Bewegung sich verraten könnte. Doch Ettingen stand regungslos und stumm, wie zu Stein verwandelt. Auch sein Atem schien erloschen. Nur seine Augen lebten noch und griffen hinauf mit ihrem Blick, wie die Angst mit Armen und Händen greift.

Dicht angeschmiegt an den Fels, machte Lo mit ruhiger Vorsicht den ersten Schritt in die Platte, einen zweiten und dritten. Während sie mit der einen Hand immer angeklammert hing an einer Schrunde, fühlte sie mit der anderen gleitend am Gestein hin, um einen neuen Halt zu finden. Zwei Schritte noch. Dann hielt sie rastend inne, mit ausgebreiteten Armen, wie an den Fels gekreuzigt. Wieder begann ihr Fuß zu tasten, ihre Hand zu suchen, denn sehen konnte sie nicht, da sie mit Körper und Wange sich an die steile Mauer pressen mußte, um das Gleichgewicht zu halten. So erkämpfte sie Schritt um Schritt, immer rastend und wieder klimmend.

Oft tastete sie mit Hand und Fuß eine lange Weile am Felsen hin, bis sie einen Tritt und einen Griff zu finden vermochte. Schon hatte sie die Hälfte der Platte überquert, und immer näher kam sie dem Rasenfleck, der sich mit festem Sockel aus der Wand herausbaute. Doch immer kürzer wurden ihre Schritte, immer langsamer und müder suchte ihr Fuß, und immer länger währte ihre Rast, als gingen ihre Kräfte zu Ende.

»Sie zittert!« hauchte Ettingen und krampfte die Hände um die Kante des Felsblockes.

Beängstigend lange hing Lo in der Felswand an eine aus der Tiefe kaum erkennbare Rinne geklammert. Dann machte sie ein paar hastige Schritte, und nun war sie nur noch durch einen schmalen Felspfeiler von dem Rasen getrennt.

»Nur Ruh, Herr Fürst! Sie gwinnt!« stammelte der Jäger. Die Hoffnung, die er seinem Herrn einredete, schien ihm selbst zu fehlen. Er betete flüsternd: »Lieber Herrgott, hilf ihr die paar Schritteln, nur die paar Schritteln noch!«

Unruhig tastete Lo mit dem Fuß. Immer schwerer schien ihr Körper an den Armen zu hängen. Nun fand ihr Fuß den gesuchten Tritt. Als sie sich vorschob und ausgriff mit der Hand, wich der Stein, auf den sie getreten war – ein leiser Schrei – und während sie schon taumelte, wagte sie den rettenden Sprung –

Mit stöhnendem Laut stürzte Ettingen der Felswand zu. Da klang hinter ihm ein Jubelschrei des Jägers.

Sausend flog der gelöste Stein aus der Wand herunter, doch Lo hatte im Sprung den Rasen gewonnen. Sie sank in die Knie und wollte sich an den Fels lehnen. Hatte sie den Schrei dort unten gehört und den Menschen erkannt, der mit erhobenen Armen über das Schuttfeld emporstürmte? Oder löste sich, da sie an die Rettung glauben durfte, die gewaltsame Spannung ihrer erschöpften Kräfte zu einem Anfall jäher Schwäche?

Ihr Kopf glitt am Felsen hin. Lautlos sank sie auf den Rasen nieder und regte sich nimmer.

»Sie ist ohnmächtig! Hinauf!« schrie Ettingen wie von Sinnen. »Praxmaler! Hinauf! Hinauf!«

Ehe der Jäger den Fuß der Wand erreichen konnte, war Ettingen über das zerklüftete Gestein schon halb bis zum Rasen emporgeklettert. Er hörte die erschrockenen Worte nicht, die Praxmaler ihm zuschrie – er stieg und stieg. Jetzt erreichte er die Bewußtlose. »Lo! Lo! Meine Lo!« Der Rausch von Freude, der ihn erfüllte, als er ihre Hand erfassen konnte, verwandelte sich in neue Sorge. Wie schmal dieser Rasen war! Eine Bewegung im Erwachen, und sie mußte stürzen. Aus Angst und Liebe wuchs ihm die Kraft, daß er das fast Unmögliche versuchte: die Ohnmächtige über die steilen Felsen hinunterzutragen. Den einen Arm um einen Schrofen klammernd, zog er mit dem anderen die Bewußtlose an sich. Sie fiel ihm schwer entgegen. Wie leblos lag ihm ihr Kopf auf der Schulter.

Da stand schon der Jäger dicht unter ihm und stemmte den Arm an eine Kante der Felsen. »Da können S' drauftreten, Duhrlaucht! Meine Knochen halten aus.«

So stiegen sie langsam hinunter. Für jeden Schritt des Fürsten suchte der Jäger eine feste Kante am Gestein, stützte ihn mit der Schulter oder hielt ihm bald den Arm, bald wieder die Fäuste oder das Knie als Staffel hin.

Als sie den sicheren Grund erreichten, taumelte Ettingen und ließ sich niederfallen auf den Sand. Aber er fühlte die eigene Schwäche nicht, nur den Jubel, die Geliebte gerettet zu wissen, sie so zu halten, in seinen Armen, an seiner Brust. »Meine Lo!« Ein anderes Wort fand er nicht, während er wie ein Irrsinniger ihre geschlossenen Augen küßte, ihr Haar und ihre Stirne.

Der Jäger stand vor den beiden, erschöpft, verlegen lächelnd. Dabei leckte er mit der Zunge von seiner Hand das Blut fort, das ihm über die Finger tropfte. Und dann sprang er zu den Felsblöcken hinunter, um mit dem Hut von dem Wasser zu schöpfen, das zwischen den Steinen rann. Vorsichtig brachte er den vollen Hut getragen. »Da haben S' Wasser, Herr Fürst! Sie müssen 's Fräulein a bißl derfrischen!«

Als Ettingen aufblickte, sah er das Blut an den Händen des Jägers.

»Praxmaler! Ihre Hände!«

»No ja, natürlich, Sie haben halt a bißl scharfe Nägel an die Schuh. Macht nix! Ich hab eh a wengerl z'viel Blut im Leib. So a kleiner Schröpfer is mir gsund. Aber jetzt denken S' net an mich –«

»Wie soll ich Ihnen diese Stunde danken!«

»Was? Danken? Dös wär mir 's Richtige: auf die Fünfhundert und auf'n Oberjager auffi! Aber da hab ich 's Wasser! Brauchen S' a Tüchl? Na, um Gotts willen, wie 's Fräuln ausschaut!«

Erst bei diesem Wort des Jägers bekam Ettingen Augen, um zu sehen. »Ach!« Das war ein Laut, als würde ihm das Herz zerdrückt. Mit zitternden Armen preßte er die Ohnmächtige an sich, schmiegte ihren Kopf an seine Brust und streichelte ihr das Haar und die Wange. Wie müd und erschöpft ihr schönes Antlitz war, wie entstellt von Rußflecken und vom Staub der Asche! »Und ihre lieben Hände!« Sie waren grau vom Steinsand, wund von Rissen, fast alle Nägel gebrochen und mit Blut unterlaufen.

Wie ein Schwindel überkam es ihn, als er sein Tuch in das Wasser tauchte, das ihm der Jäger hinbot. In scheuer Zärtlichkeit blies er die Asche aus Lolos Haar, wusch ihr den Ruß vom Gesicht und streifte immer wieder das nasse Tuch über Stirn und Augen. Sie erwachte nicht, doch ihr Atem begann sich zu beleben. Er wusch ihr die Hände, küßte jede Wunde. Und während der Jäger fortlief, um frisches Wasser zu holen, nahm er sie wieder in seine Arme.

Ein stockender Atemzug erschütterte ihre Brust. Sie schlug die Lider auf.

»Lo!«

Sie sah das Gesicht, das sich in Glück und Sorge über das ihre beugte, fühlte schauernd den Druck seiner Arme, die sie umschlungen hielten, und trank den Blick der Liebe, der auf ihr ruhte. Dann lächelte sie müd und schloß die Augen wieder, als wüßte sie: das ist ein Traum, der verschwinden muß, wenn ich wach und mit offenen Augen sehe!

»Lo! Kennst du mich nicht? So sieh mich doch an!«

Sie öffnete die Lider.

»Lo! Meine liebe, gute, kleine Lo!«

Da hörte sie es wieder: das Wort ihres Vaters! Mit dem gleichen Ton der Liebe! Nur süßer, zärtlicher noch, durchweht von einer Glut, die hinüberschlug in ihr Herz und ihr das Blut in die bleichen Wangen trieb. Als sähe sie ein Wunder, dessen Wahrheit sie fühlte und an das sie doch nicht glauben konnte, so hob sie zögernd die Arme und faßte scheu mit beiden Händen die Wangen des geliebten Mannes. Ein Zittern rann durch ihren Körper. »Du!« Und nun schlang sie die Arme um seinen Hals, stark und heiß, und hing an seinen Lippen, als tränke sie neues Leben aus seinem Kuß. Dann schloß sie mit leisem Lächeln die Augen und sank an seine Schulter hin, als wollte sie schlummern.

Er streichelte ihr Haar. »Du Starke, du Mutige, du! Was hast du überkämpft in diesen grauenvollen Stunden! Was mußt du erlebt haben in dieser entsetzlichen Nacht!«

Ohne die Augen zu öffnen, flüsterte sie: »Ich weiß es nimmer – ich weiß nur, was jetzt ist – und das ist schön!«

»Und ich schlief in dieser Nacht und träumte von meinem Glück, während du –« Er konnte nicht weitersprechen. Der Gedanke an alle Gefahr, die in dieser Nacht auf jedem Schritt mit ihr gegangen, machte ihn zittern bis ins Herz. »Ich habe nur dieses Letzte gesehen. Und nicht einmal helfen hab ich dir können! Das sehen zu müssen, so hilflos! Jeder Blick war wie ein Tod für mich. Am Morgen, als ich mein Haus verließ, um dich zu suchen, da wußte ich, daß ich dich liebe. Aber erst in diesen Stunden der Angst und Verzweiflung hab ich's empfunden, wieviel du mir bist, und daß ich nicht leben könnte ohne dich!«

Sie lauschte seinen Worten wie der Dürstende dem Quell, den er rauschen hört.

Daß sie so stumm war, das weckte seine Sorge wieder. »Lo? Wie fühlst du dich? Ist dir wohl?«

Sie lächelte und atmete tief.

»Warum siehst du mich nicht an?«

Da schlug sie die leuchtenden Augen zu ihm auf.

»Sag es mir, Lo! Bist du mir gut?«

»Ach, du!« Sie hob die Arme.

»Ich weiß es. Aber ich möcht es hören mit deinen Worten. Sag es mir, Lo!«

»Du!« Ein anderes Wort fand sie nicht; doch sie schmiegte sich an seine Brust, daß er das Beben ihres Körpers und ihren Herzschlag fühlte.

So hielten sie sich schweigend umschlungen, bis ein Schritt sie weckte.

Der Jäger brachte frisches Wasser.

Ettingen richtete die Geliebte in seinen Armen auf. »Willst du nicht trinken, Lo?«

»Ja, Heinz, mich dürstet. Gib du mir einen Trunk!«

Er schöpfte das Wasser, und das schlürfte sie ihm aus der hohlen Hand.

»Wie das erquickt! Ich danke dir, Heinz!«

Lächelnd strich er das feuchte Haar von ihrer Stirn zurück. Dann nahm er den Hut des Jägers, tat einen gierigen Trunk und hob sich auf die Knie. »Komm, Lo! Ich muß dich heimbringen, damit du ruhen kannst. Und sieh nur, deine armen Hände! Wir müssen heim.«

»Heim!« Sie nickte ernst, und ein Schatten dämpfte den Glanz ihrer Augen. »Die Mutter! Kann es meine Mutter schon wissen?«

»Daß der Wald brennt? Nein, Lo!« Wohl mußte er fürchten, daß die Nachricht schon hinausgeflogen wäre bis ins Dorf; doch er wollte ihr diese Sorge von der Seele nehmen. »Sie kann es unmöglich wissen, sie wird es hören mit der Nachricht, daß dein Mut dich rettete.«

Lo atmete auf.

»Fühlst du dich stark genug, um gehen zu können?«

»Sage mir: Geh! Und ich kann es.«

»So komm!«



Zweiundzwanzigstes Kapitel

Sie begannen den Heimweg und wanderten langsam durch das von Rauch überschleierte Kar hinunter. Ettingen hielt die Hand der Geliebten in der seinen und schmiegte stützend den Arm um ihre Hüfte. Immer suchte er den besten Weg für sie. Lag ein Stein im Pfad, so schob er ihn mit dem Fuß beiseite. Sie sprachen nicht. Was ihre Herzen erfüllte war zu übermächtig für Worte. Nur ihre Augen suchten sich immer wieder und redeten mit stillem Lächeln. Während sie so hinunterschritten ins Tal, war in ihren Seelen ein Aufwärtssteigen, empor zur Sonnenhöhe des Glückes.

Eine Stunde waren sie schon gewandert, als sie Stimmen hörten.

Lo verhielt den Schritt. »Menschen?« Das sagte sie, wie aus einem Traum erwachend, wie verwundert und erschrocken über die Wirklichkeit des Lebens, dessen Laute ihr entgegenschollen. Da tauchten auch wieder die Bilder der vergangenen Nacht vor ihren Augen auf. Und stammelnd fragte sie: »Mazegger? Ist er gerettet?«

Ettingen erschrak. »Mazegger?« Und betroffen sah Praxmaler den Fürsten an.

»Er wollte nach Ehrwald. Als das Feuer ausbrach, kam er, um mich zu warnen. Er nahm einen anderen Weg, durch den brennenden Wald –« Das Grauen der Erinnerung machte sie zittern. »Ist er gerettet?«

»Ja, Lo!« sagte Ettingen und tauschte einen Blick mit dem Jäger.

Da lächelte sie erleichtert, als wäre der letzte Schreck der überstandenen Nacht von ihrer Seele gelöst.

Schreiend kamen ihnen die Leute entgegen. Es waren Senner und Holzknechte, die den Paß übersteigen wollten, um droben in den Felsenkaren des Seetals nach dem Jungvieh zu suchen. Der Jäger flüsterte ihnen eine Frage zu. Sie schüttelten den Kopf, schrien durcheinander und eilten weiter.

Eine erregte Stimme rief durch das Tal herauf: »Heinz? Bist du's?« Dort unten im Latschenfeld erschien Graf Sternfeldt mit dem Förster.

»Ja, Goni!« gab Ettingen mit lautem Ruf zur Antwort. »Wir kommen!«

Sternfeldt eilte den beiden entgegen, während der Förster seinem Herrn ein »Gott sei Dank!« zuschrie und wieder talwärts rannte. Er war nicht weit gekommen, als Praxmaler ihn einholte, keuchend: »Herr Förstner! Der Toni geht ab.«

»Der Mazegger? War der im Sebenwald? Heut nacht?«

Der Jäger erzählte, was er von Lo gehört hatte.

»Der? Und 's Fräuln warnen?« Der Förster schüttelte den Kopf. »Komm, Bub! Ich fürcht, da hat einer d' Höll versucht, und der Himmel hat ihn gstraft! Sei's, wie's mag, jetzt müssen wir tun, was gschehen kann! D' Holzknecht schaffen schon bei der Brandstatt. Jetzt müssen wir helfen. Komm!«

Sie eilten talwärts, und Praxmaler begann zu rennen, daß der Förster hinter ihm zurückblieb. Als Kluibenschädl das Waldtal erreichte, begegneten ihm Sennleute, die zur Brandstätte liefen. Und hinter ihnen kam ein Mädel gerannt, atemlos und bleich, die Tillfußer Sennerin. Sie haschte den Förster an der Joppe.

»Mein Pepperl? Is meim Pepperl nix gschehen?«

»Dein Pepperl? Ah, da schau her!«

»Is ihm nix gschehen? Jesusmaria! Lebt er noch?«

»Ja, ja, ja! Der Schnurrbart is ihm net wegbrennt. Den hat er noch.«

Burgi drückte die Fäuste auf ihre Brust. »Du Heilige Mutter im Himmel, ich sag dir Vergelt's Gott! Und a Kerzl sollst kriegen, so lang wie meim Pepperl sein Bergstock!« Dann fing sie wieder zu rennen an, und die grundlose Angst, die sie ausgestanden hatte, löste sich in ein Schluchzen verrückter Freude.

Die Stimmen und Schritte verhallten. Schweigen lag wieder im Walde. Kein Windhauch regte sich, kein Wipfel schwankte. Grau und unbewegt hing die glatte Nebeldecke über den Bäumen, die Felswände verhüllend. Gegen Westen lag es wie schwarzes Sturmgewölk über den Ehrwalder Bergen. Gegen Osten schimmerte es zuweilen mit weißlichem Glanz durch die trüben Dünste, als wäre dort irgendwo die Sonne, die den grauen Schleier durchbrechen wollte.

Manchmal tönten im Schweigen des Tillfußer Waldes verworrene Menschenrufe aus weiter Ferne. Dann war's wieder still.

Sichernd zog ein Rudel Hochwild über den Weg, scheu hinauswindend gegen den Sebenwald. Und lautlos trat es wieder in den stummen Forst.

Hoch in den Wipfeln schlug eine Ringdrossel. Schnalzend kam sie auf den Weg geflogen und begann ihre Käferjagd im feuchten Gras. Nun hob sie das Köpfchen und flatterte davon.

Langsam kamen Heinz und Lo durch den Wald einhergegangen. Wo die Drossel aufgeflogen, blieben sie stehen, als hätte der gleiche Gedanke ihren Fuß gebannt: die Erinnerung an jenen Abend, an dem sie einander zum erstenmal im schweigenden Walde begegnet waren.

»Sieh, Lo! Dort oben war's!«

Sie nickte und schmiegte sich enger an ihn. So standen sie lang und blickten hinein in die Dämmerung, die trotz der Mittagsstunde zwischen den stillen Bäumen lag. –

Die Drossel schlug.

Sie lauschten ihr, bis sie fern im Wald verstummte. Dann schritten sie weiter.

Als sie, schon nahe der Tillfußer Alm, die Lichtung erreichten, auf der die von Leutasch kommende Fahrstraße zum Jagdhaus hinaufbog, rasselten zwei Leiterwagen mit galoppierenden Pferden aus dem Wald heraus. Auf jedem Wagen saßen an die dreißig Männer, dicht gedrängt, mit Äxten, Feuerhaken und schweren Seilrollen.

»Heinz!« stammelte Lo. »Sie wissen es schon im Dorf. Ach, die Mutter! Und der Bub!« Tränen schossen ihr in die Augen.

Er drückte ihren Arm an seine Brust. »Sei ruhig, Lo! Die Sorge, die sie haben, wird sich in Freude lösen!«

Die Leute waren abgesprungen, weil die Wagen auf dem schmalen Waldweg nicht weiterfahren konnten. Die jungen Burschen schleppten die schweren Seile, die älteren Männer kamen mit Äxten und Pickeln. So eilig sie es hatten, jeder zog vor Lo sein Hütl und bot ihr einen Gruß. Und ein graubärtiger Alter rief ihr zu: »Heut, Fräuln, sollten wir Enkern Herrn Vater wieder haben! Da täten wir bald Herr sein übers Fuier da draußt!«

Lächelnd, mit nassen Augen, dankte sie dem Alten für dieses Wort.

»Siehst du, Lo, wie dein Vater noch lebt für diese Menschen, denen er Gutes tat!« sagte Ettingen bewegt. »Wie dieser Bauer an ihm die Kraft des Mannes schätzt, so wird ihn die Welt als Künstler ehren. Seine Blumen da draußen sind heute nacht in Asche gefallen. Was in seiner Seele Wurzel hatte, wird blühen für die Menschen, schön und dauernd.«

»Ja!«

Sie blieben seitwärts vom Wege stehen, um zu warten, bis die Leute vorüber wären. Als letzter kam der Bauer, dessen Anwesen in Leutasch draußen an den Garten des Malerhauses grenzte.

»Nachbar!« Ihren Arm lösend, eilte Lo auf den Bauer zu. »Nachbar! Weiß die Mutter schon von dem Brand?«

»Ja, Fräuln! Und dös arme Weibl hat sich anders gsorgt! No, Gott sei Lob und Dank, weil S' nur da sind! D' Frau Mutter wird gleich kommen mit'm Wagerl, nimmer derlitten hat sie's daheim!« Eine schrille Knabenstimme klang aus dem Wald. »Da! Hören S' Ihr Brüderl!«

Die kleine Kutsche erschien am Waldsaum und mußte halten, weil ihr die anderen Wagen den Weg verstellten.

»Lo! Lo!« gellte die Stimme Gustls. Und da kam er auch schon gerannt. Heute, mit seinem bandagierten Fuß, den er nur mit den Zehen aufsetzen konnte, ging's nicht so flink wie damals, als er von Innsbruck gekommen. Und Lo, als hätte sie sich in ihre Mutter verwandelt, rief in Sorge: »Bubi! Aber Bubi! Ich bitte dich, lauf nicht so!« Sie eilte auf ihn zu und fing ihn mit den Armen auf. Wortlos hielt sie ihn umschlungen; dann eilte sie der alten Frau entgegen. »Mutter! Mutter!«

Den kranken Fuß schonend, stand Gustl zwischen den niederen Fichten und zog mit einem Kompliment sein Hütl, als Ettingen auf ihn zutrat. »Guten Tag, Herr Fürst!«

»Grüß dich Gott, Bubi! Wie geht's mit dem Fuß?«

»Danke, Herr Fürst, ganz gut!«

Ettingen zog den Jungen an sich. »Hast du dich gesorgt um deine Lo?«

»Die Muttl, ach Gott! Aber ich? Nein! Ich kenn doch unsere Lo und hab's auch der Muttl gleich gesagt: unsere Lo, die weiß sich schon zu helfen! Und dann war ich doch auch überzeugt, daß Sie bei ihr sind!«

»Wirklich?« Ettingen küßte ihn auf die glühende Wange. »Davon warst du überzeugt?«

»Natürlich! Wenn ein Wald brennt, und jemand ist drin, den man lieb hat, so geht man doch gleich hin und hilft ihm.«

»Daß ich deine Schwester lieb habe? Das weißt du?«

»Freilich!« Mit strahlenden Augen sah Gustl an Ettingen hinauf. »Ich hab's doch neulich schon gemerkt, viel früher als Lo. Der hab's doch ich erst sagen müssen!« Da sah er die Schwester mit der Mutter kommen und rief: »Gelt, Muttl, ich hab recht gehabt! Siehst du, daß auch ein Waldbrand nichts Böses ist? Gelt, jetzt glaubst du mir's!«

Lo mußte der Mutter schon von ihrem Glück gesagt haben. In tiefer Bewegung, scheu und verlegen, mit Freude und doch auch mit Angst in den feuchten Augen kam Frau Petri dem Mann entgegen, dem sie ihr Kind fürs Leben anvertrauen sollte.

»Das ist meine Mutter, Heinz!«

»Herr Fürst –« Die alte Frau vermochte kaum zu sprechen und streckte die zitternden Hände. »Sie haben mir mein Kind gebracht –«

»Ja, Frau Petri.« Ettingen küßte ihr die Hände. »Aber ich will Ihnen die Lo wieder nehmen. Und ich weiß, ich nehme Ihnen viel.«

»Die Hälfte von allem, was ich noch habe.« Zwei Tränen fielen über die furchigen Wangen der alten Frau, und dennoch lächelte sie und atmete auf. »Das ist das Los der Mütter: wenn ihre Schmerzen und Sorgen vorüber sind, werden sie einsam. Das kann für mich nicht anders sein, als es für alle ist. Wenn Lo das Glück findet, das ich ihr wünsche, bin ich mit allem zufrieden. Ach ja!« Sie hielt die Hände des Sohnes fest, den ihr diese Stunde gegeben, und während sie ihn ansah, sprachen aus ihrem forschenden Blick die stummen Fragen: Hast du sie lieb? Wirst du sie glücklich machen? – Und als hätte sie aus diesen klaren, leuchtenden Mannesaugen allen Trost für ihre Sorge gelesen, mit so tiefer Freude faßte sie die Hand ihres Kindes. »Lo! Ach Lo! Warum konnte dein Vater das nicht erleben! Das Glück seines Kindes hätte ihn entschädigt für alles andere.«

Wieder rasselten zwei Wagen mit dampfenden Gäulen aus dem Wald heraus. Die Männer sprangen ab unter wirrem Geschrei und eilten mit ihren Äxten und Seilen hinaus zum Sebensee. –

Da draußen beim Waldbrand standen schon am Nachmittag über zweihundert Leute bei der Arbeit. Nicht nur von Leutasch waren sie gekommen, auch von Ehrwald herauf, von Biberwier und Lermoos von allen Almen her. Die Sennleute und Holzknechte, die den Weg über den Paß genommen, waren zurückgekehrt: der dichte Rauch, der die hohen Felsen umwogte, hatte ihnen den Zutritt in das brennende Sebenkar verwehrt. Da war auch nichts mehr zu helfen, dort oben – alles Jungvieh mußte schon längst erstickt sein.

Auch im Tal war andere Hilfe nicht möglich, als nur der Versuch, das rückwärts fressende Feuer einzudämmen. Graf Sternfeldt, der Förster und Praxmaler hatten die Führung der Arbeit übernommen. Man schlug eine breite Gasse durch den Wald, um die Flammen zu hindern, gegen die tieferen Wälder hinunterzugreifen. Was schon brannte, mußte seinem Schicksal überlassen bleiben.

Bevor es noch dämmerte, begannen schwere Tropfen zu fallen, und dann rauschte es aus den Wolken nieder mit grauen Strömen.

Die Leute suchten Schutz unter den Bäumen. Jetzt wußten sie, daß sie die Arbeit sparen konnten, die der Himmel übernommen hatte.

Weiße Dampfwolken fluteten über den brennenden Wald. Es währte keine Stunde, und die Bäche des Regens hatten den Brand gelöscht. Während bei sinkender Nacht der weiße Dunst noch die weite Brandstatt überwirbelte, wagte sich schon ein erster hinein in diesen Wald von schwarzen Kohlensäulen, unter deren nasser Kruste der Kern der halb verbrannten Stämme noch glühte. Es war der alte Hüter von der Sebenalm. Als ihn die anderen hindern wollten, die Brandstatt zu betreten, sagte er mit seinem hohen Kichern: »So was is gut, so gleich nach'm Fuierl!« Er watete durch die Asche. »So schön warm hab ich schon lang net ghabt in die Füß! Hihihihi!«

Als jede weitere Arbeit nutzlos war und die Dunkelheit anbrach, trat Graf Sternfeldt mit Praxmaler den Heimweg an.

Es war gegen Mitternacht, und sie hatten das Jagdhaus noch nicht erreicht, als der Förster sie einholte und die Nachricht brachte: »Mazegger ist gefunden.«

»Lebend?«

Der Förster schüttelte den Kopf.

»Herr, gib ihm die ewige Ruh!« Praxmaler bekreuzte das Gesicht.

Eine Weile standen sie schweigend im Regen, und dann erzählte der Förster: es wäre der alte Hüter von der Sebenalm gewesen, der den Erstickten fand, im Seebach, bis an den Hals im Wasser sitzend und umringt von den Leichen halbverkohlter Rinder.

Sie durchschritten in der Finsternis den letzten Waldstreif und erreichten das Almfeld.

»Hören Sie, Herr Förster, und Sie, Praxmaler!« sagte Sternfeldt. »Der Fürst und Fräulein Petri sollen das nicht erfahren. Wir sollen die erste Freude ihres Glückes nicht stören durch die Nachricht, daß Mazegger die Warnung, die das Fräulein rettete, mit dem Leben bezahlen mußte. Der arme Bursch!«

Der Förster nickte. »So? Gwarnt hat er dös Fräuln? No ja, was man glaubt, is wahr!«

Sie stiegen zum Jagdhaus hinauf, an dem alle Fenster mit hellem Schein hinausleuchteten in die Nacht und in den strömenden Regen.

Die Tropfen, die durch die Helle fielen, blitzten mit farbigem Licht.

Die ganze Nacht und zwei Tage noch währte das Rauschen und Gießen, als hätte der Himmel seine Berge reinspülen wollen vom Ruß und von der Asche des Brandes. Dann fegte ein Sturmtag alles Gewölk von den Höhen und schüttelte die in der Sonne glitzernden Wasserperlen von allem Gezweig. Wie mit neuer Keimkraft erwachte es bei dieser linden Wärme im getränkten Erdreich. Das Heidekraut hatte eine üppige Herbstblüte; alle Waldlichtungen und Gehänge waren von rotem Schimmer überhaucht.

Ein stiller Sonnenmonat. Und ein Glück, das lächelnd im Schweigen des Waldes blühte, menschenfern und weltvergessen.

*

Ende September fiel der erste Schnee, und es wurde einsam auf der Tillfußer Alm. Am Jagdhaus waren schon seit drei Wochen die Läden geschlossen. Nun stand auch die Sennhütte verödet.

Nur das Försterhäuschen war bewohnt. Hier braute Pepperl täglich seinen Sehnsuchtsschmarren, und wenn die Pfanne leer war, ging er in die Sennhütte hinunter, zündete auf dem Herd ein Feuer an, ließ sich das Herz und den Buckel wärmen und schmauchte sein Pfeiflein dazu. Am Morgen und Abend der Pirschgang über die verschneiten Almen. Er hatten den Schutzdienst im Geißtal ganz allein zu versehen, denn der neue Jäger sollte erst mit dem 15. Oktober in Dienst traten. Aber dann – ja, dann bekam der Praxmaler-Pepperl acht Tage »Hochzeits-Urlab«. Und wenn er beim Feuer in der Sennhütte an diese kommende Zeit dachte, blies er in langem Faden den Rauch vor sich hin und schmunzelte: »Teufi, Teufi, Teufi! Die acht Täg will ich mir aber schmecken lassen!«

Trotz seiner sehnsüchtigen Ungeduld verging ihm die Zeit sehr flink. Im Bergwald und auf den Almen röhrten an jedem Morgen und Abend die Hirsche, daß der Orgelton ihrer Stimmen von den Wänden widerhallte. Wenn Pepperl am Waldsaum einer Alpe saß und einen Kronenhirsch auf hundert Schritte vorüberziehen sah, machte er seiner Aufregung mit einem heißen Seufzer Luft: »Teufi, Teufi, Teufi! Wann nur der Herr Fürst jetzt da wär! Söllene Prügelhirschen haben und net jagen! Da hört sich doch alles auf!« Nach solchem Ärger kam ihm aber gleich die Einsicht wieder: »Freilich, der weiß sich was Besseres jetzt!« Und schmunzelnd dachte er an seinen fernen Herrn und an das »Malerfräuln«, das jetzt Frau Fürstin wurde. – –

Schon in den ersten Septembertagen war Ettingen mit Frau Petri und ihren Kindern nach dem Allgäu abgereist. Über München, wo sie eine Woche blieben, ging die Reise an die Donau und dann zu Schiff stromabwärts nach Bernegg, wo Graf Sternfeldt den Freund und seine Gäste erwartete.

Das waren wundersame Tage für Lo, dieses erste Einleben in die neue Heimat, das Wandern durch alle Räume des Schlosses, der Besuch der Felder und Arbeiterhäuser, die Begegnung mit den hundert neuen Menschen, deren Herrin sie wurde, die Fahrten durch die stundenweiten Buchenwälder, und die Plauderstunden im Park, dessen welkendes Laub in der Herbstsonne leuchtete wie Gold. Jede schöne Stunde empfing sie dankbar als köstliches Geschenk aus der Hand des geliebten Mannes – und er bot ihr, glücklich und stolz, jede neue Freude wie eine Ehre, die ihr gebührte.

Zu Anfang Oktober mußte Gustl mit seinen Büchern nach Innsbruck einrücken. Schon einen Monat später bekam er wieder eine Woche »Extraferien«, um der Hochzeit seiner Schwester beizuwohnen.

In der Schloßkirche zu Bernegg wurde das Paar getraut. Außer Frau Petri und Gustl waren nur Graf Sternfeldt und die Beamten des Fürsten bei der stillen Feier zugegen.

Als die Nachricht von dieser Vermählung in alle Winde hinausflatterte und die Gesellschaft in Verblüffung und Aufruhr versetzte, waren die beiden Glücklichen schon auf dem Weg nach dem Süden.

Bis Gustls Ferienwoche vorüber war, blieb Frau Petri auf Bernegg. Dann brachte sie den Buben nach Innsbruck und kehrte zurück in ihr still gewordenes Haus. Sei hatte es nicht anders gewollt.

»Lo, ach ja, die lebt sich ein in das Neue und wird getragen von ihrem Glück. Aber ich alte Frau? Nein! Ich will bleiben, wo ich mich festgewachsen habe durch so viele Jahre, und wo noch alles mit mir lebt, was mein Glück gewesen ist! Und wenn ich einmal die Augen schließe, soll es dort sein, wo ich das letzte Lächeln meines Mannes sah.«

Allen Bitten ihrer Kinder gegenüber blieb sie fest in diesem Entschluß. Und sie wäre doch nur im Winter allein! Die paar Monate!

»Im Mai, da kommt ihr. Und dann sind wir beisammen, bis der Schnee fällt.«

Trotz allem Troste, den sie mit heimbrachte, war ihr während der ersten Tage in dem leeren Haus das Herz zum Springen weh. Sie weinte so viel, daß ihr die Magd einmal sagte: »Frauerl, Frauerl, a bißl was sollten S' noch übriglassen von Ihrene Äugerln!« Diese Mahnung fruchtete nicht. Etwas anderes half. Eines Mittags wurde die Tür aufgerissen, Gustl flog herein und der Mutter jubelnd um den Hals. Ihm folgte ein junger Mann, der eine goldene Brille trug, aber sonst ein ganz vergnügtes Gesicht machte. Er stellte sich vor als Kandidat der Philologie und »Hofmeister des fidelen Jungen da«. Zu dieser Beglaubigung überreichte er einen Brief:

»Capri, Hotel Quisisana, den 15. November.

Liebes Muttl! Damit Dir der erste Winter so allein nicht gar zu hart wird, haben wir beschlossen, daß Gustl ein Jahr lang zu Hause lernen soll. Haben wir's recht gemacht? Ja?

Deine glücklichen Kinder Heinz und Lo.«

Jetzt war geholfen gegen Tränen und Schwermut. Denn Frau Petri hatte wieder eine Sorge, jeden Tag eine neue. »Ach Gott, der Bub im Schnee! – Ach Gott, der Bub auf dem Baum! – Gustl! Dein Halstuch!«

Aber dieses Sorgenkind war zugleich auch ein Tröster für die Sorge, die in die Ferne wanderte.

Wenn der Wintersturm die Mauern umbrauste und alle Fensterläden rasseln machte, dann hieß es: »Ach Gott! Bubi? Glaubst du, daß es in Capri auch so stürmt?«

»Gottbewahre, Muttl! In Capri ist doch ewige Sonne und immerblaues Meer. Und weißt du, wenn das Meer auch ein bißchen aufgeregt wird, dann liegt doch Capri so hoch, daß die Wellen gar nicht hinaufkönnen. Weißt du, Capri, das ist eine riesig hohe Felseninsel! Ja, du, das war die Lieblingsinsel des römischen Kaisers Tiberius. Du, denk nur, den hat man bisher für den grausamsten unter den römischen Cäsaren gehalten. Aber nach den neuesten Forschungen ist das gar nicht wahr. Er soll sogar ein sehr guter Fürst gewesen sein. Aber weißt du, so gut wie Heinz war er doch nicht. Davon bin ich überzeugt.«

»Ja! Gut ist er! Von Herzen gut! Lo hat ein rechtes Glück gemacht!«

Und die Sorge war still – für einen Tag.

Als es März wurde, gab's eine Aufregung, die durch Wochen dauerte. Die Bilder mußten verpackt werden, um nach München zu wandern. Ehe sie mit Beginn des Mai zur Ausstellung kamen, sollten sie reproduziert werden für die »Kollektion Emmerich Petri«, deren Verlag eine Münchener Kunsthandlung erworben hatte.

Pepperl zimmerte die Kisten, der Förster half beim Packen, aber an jedem Bild, das in die Bretter gelegt wurde, mußte Frau Petri ihre beiden Hände haben. Und war das Tuch darüber gebreitet und der Kistendeckel zugenagelt, dann fielen zwei schwere Tränen dazu. Mit jedem dieser Bilder schickte sie ein Stück Leben, unruhvolle Tage und schlummerlose Nächte ihres Mannes in die Welt hinaus.

»Ach ja! – Und die Menschen! – Die Menschen! – Sehen Sie, lieber Herr Förster, ich muß es ja tun, dem Namen meines Mannes zulieb. Aber mir wär's lieber, die Bilder blieben hier! Gefallen sie nicht, dann kränk ich mich wieder und weiß, daß ihm unrecht geschieht. Und haben sie Erfolg, dann tut's mir weh, weil die Ehrung zu spät kommt. Nein, nein, ich geh gar nicht hin zur Ausstellung! Nein, ich kann's nicht! – Ruhm? – Könnt er noch eine Stunde leben und sich an seinen Kindern freuen, das wär ihm lieber als aller Ruhm! Nein! Ich müßte nur weinen. Ich geh nicht hin.« –

Sie hielt dieses Wort, ließ den Knaben mit seinem Hofmeister nach München reisen und blieb zu Hause, obwohl ihr Lo am ersten Tage der Ausstellung depeschierte: »Komm, Mutter, wir bitten Dich, komm, und freue Dich an Papas Erfolg. Das ist wie ein seliger Rausch für mich, vor seinen Bildern diese Menschen zu sehen, in ihrem Staunen und ihrer Andacht. Den stärksten Eindruck unter allen Bildern macht die ›Versuchung‹. Wie sich die Menschen vor diesem Bilde drängen, das mußt Du sehen. Komm doch, Mutter, komm! Wir alle bitten Dich, Heinz und Gustl und Deine Lo.«

Als sie gelesen hatte, saß sie lange, lange, immer die Depesche vor sich, und ihre Zähren tropften nieder auf das Blatt.

»Nein, Kinder, nein! Ich kann nicht. Freut auch nur, ach ja, und laßt mich daheim! Ich kann jetzt diese Menschen nicht jubeln sehen. Ich hab's doch mit erlebt, wie sie gelacht haben über ihn. Und wie er die Nächte lang in meinen Armen lag und weinte, als ob es ihm das Herz zerreißen möchte! Ach, ihr Menschen! Ihr Menschen! Euer Jubel macht ihn mir nicht mehr lebendig!... Nein! Ich geh nicht hin.«

Die Depesche in der zitternden Hand, stieg sie ins Dachgeschoß hinauf, setzte sich im öden Atelier in einen Winkel und schluchzte.

»Emmi, Emmi! Mein guter, guter Mann!»

Ganz erschöpft vom Weinen lehnte sie den müden Kopf an die Mauer und blickte auf eine leere Wand, die ein großes Bild getragen hatte – das Viereck, über dem die Leinwand gehangen, war weiß, wie frisch getüncht, während ringsumher der Kalk vom Lichte schon vergilbt war. Ein großer Haken ragte aus der Mauer.

Zu so viel hundert Malen hatte sie dieses Bild betrachtet, daß sie es auch jetzt noch sah, mit jeder Linie und jeder Farbe, als ob es wirklich vor ihren Augen hinge:

Nicht die biblische Wüste. Sondern ein ödes, unwirtbares Seetal zwischen hohen Bergen. Dunkle, starrende Felswände mit kärglichem Wuchs in ihren Schrunden. Das Steinland um den See her wirr mit krüppelhaften Föhren überwuchert, aus deren kriechendem Gezweig verdorrte Stämme sich erheben. Ein einziger Baum nur grünt. Der ist seltsam gewachsen, wie in Form einer Harfe. Über allem ein grauer Abendhimmel, doch die Luft durchsichtig rein, wie nach einem Gewitterregen. Und da scheint alles Ferne nah, jede Farbe leuchtet, auch noch der Schatten und das Grau.

Inmitten der Wildnis eine blühende Insel, wilde Blumen in Beete gesammelt. Hier hat die Hand eines Gärtners gerodet, gepflanzt und gehegt: der Heiland, der begonnen, die Wüste urbar zu machen. Von der Arbeit des Tages müd geworden, ruht er auf einem Stein. Das blaue Zwilchgewand umhüllt mit harten Falten einen von Entbehrung hager gewordenen Körper. Alles ist menschlich an diesem Leib, menschlich jeder Zug in diesem schmalen Gramgesicht, dessen bleiche Wangen vom vorfallenden Braunhaar halb bedeckt sind. Göttlich sind nur die stillen Augen mit ihrem reinen Licht und das milde Lächeln der Liebe.

Ein Knabe, gekleidet wie ein armer Hirtenbub der Berge, mit kurzem Lederhöschen und nackten Füßen, mit grau zertragenem Hemd, durch dessen Risse die Brust und die mageren Ärmchen lugen, hat dem milden Gärtner eine ausgerissene Pflanze gebracht, das Stämmlein einer Bergrose, die Blätter schon halb verwelkt, die schwachen Wurzeln schon fast verdorrt.

Der Heiland schlingt seinen Arm um den Knaben und nimmt aus seiner Hand die dürstende Pflanze. Da tritt der Versucher zu ihm – eine herrliche, kraftvolle Mannsgestalt, die nackten Glieder gebräunt, schwarzes Lockengewirr um den stolzen Kopf, die Stirn umschlungen von einer Krone, deren Zacken goldene Fäuste sind.

»Du stiller Gärtner! Wirf die Liebe von dir! Sei stark wie ich, und alle Herrlichkeit der Welt ist dein!«

Die Augen des Versuchers brennen in düsterem Feuer, und ein mitleidig spottendes Lächeln irrt um den üppigen Mund, während sein Arm hinunterdeutet zum See. Dort steigen leuchtende Nebel aus der grünen Flut, sie verwandeln sich in weiße Glieder, in den Leib eines zauberschönen Weibes, das lachend die Arme öffnet und das Goldhaar löst zu flatternden Strähnen. Wie die Wünsche der Sünde, wie die Bild gewordenen Gedanken dieses begehrenden Weibes, so quillt es hervor aus dem fliegenden Gold dieser Haare: die taumelnde Lust mit gefülltem Becher, das Gewimmel eines Mänadenzuges, der lorbeergeschmückte Held im Blut des erschlagenen Feindes, der Reiche in gleißendem Prunk, der Mächtige, dem sich die Sklaven beugen, der Starke, der Felsen schleppt zum Bau einer Pyramide, ein stürmender Reitertrupp in blitzenden Panzern, ein Adler, der sich mit breiten Schwingen von einem zerrissenen Lamm erhebt, ein jagendes Gewimmel von Gestalten bis in weite Ferne, in der man Paläste und Türme sieht, eherne Tore und steinerne Mauern.

Mit stillen Augen blickt der milde Gärtner in das Glanzgewirr dieser Bilder. Sie locken ihn nicht. Schützend umschlingt sein Arm den erschrockenen Knaben, und man sieht: er will sich bücken, um den schmachtenden Zweig in nährende Erde zu legen, wie er das dürstende Herz des Kindes erquickt aus dem Born seiner Güte. Dieses Werk der Liebe gilt ihm höher als alle Herrlichkeit der Welt. – –

Das war die »Versuchung«, vor der sich in der Stadt die Menschen drängten, während im öden Atelier die einsame Frau vor der kahlen Mauer saß.

Ihre Tränen waren versiegt, ein glückliches Lächeln verschönte ihre welken Züge, und wie in Andacht betend hielt sie die Hände im Schoß, während ihre Augen mit bewunderndem Schauen an der leeren Mauer hingen.

Breit fiel die Maisonne durch das schräge Mansardenfenster, und manchmal huschte etwas wie ein dunkler Falter durch die Helle – der Schatten einer heimkehrenden Schwalbe, die draußen in der Sonne das stille Dach umflog.