Romane

Vater Goriot

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Honoré de Balzac

Vater Goriot

(Le père Goriot)
Vater Goriot.

Frau Vauquer, geborene von Conflans, ist eine alte Frau, die seit vierzig Jahren in Paris in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève zwischen dem Quartier Latin und dem Faubourg Saint-Marcel eine gutbürgerliche Pension führt. Diese Pension, die unter dem Namen › Haus Vauquer‹ bekannt ist, nimmt Männer und Frauen, junge und alte Leute auf, ohne daß jemals die Moral jenes achtbaren Hauses angezweifelt worden wäre. Aber man hatte auch seit dreißig Jahren kein junges Mädchen dort erblickt, und wenn sich ein junger Mann da einmietete, so mußte er schon einen recht mageren Wechsel haben. Dennoch befand sich im Jahre 1819, zu der Zeit, als das Drama begann, das ich hier erzählen will, ein armes junges Mädchen dort.

Wie verrufen das Wort › Drama‹ infolge seiner mißbräuchlichen Anwendung in unserer Zeit der sentimentalen Literatur auch sein mag, so muß es doch hier Anwendung finden: nicht etwa, weil diese Erzählung im eigentlichen Sinne dramatisch ist, sondern weil der Leser sicherlich nicht umhin kann, an ihrem Schlusse – intra muros et extra – ein paar Tränen zu vergießen. Wird man meiner Erzählung auch außerhalb von Paris Verständnis entgegenbringen? Die Frage ist berechtigt; denn diese Szenen sind so lokal gefärbt, daß sie nur zwischen den Höhen von Montmartre und Montrouge Würdigung finden können, in jener berüchtigten Talsenkung, wo zwischen unglaublich baufälligen Häusern ekle Gossenrinnsale sich hinziehen. Dort ist das Tal der wahren Leiden, der oft trügerischen Freuden und der immerwährenden Aufregungen, so daß nur das Unerhörteste imstande ist, die Gemüter längere Zeit zu fesseln. Doch begegnet man auch da dann und wann einem Menschen, dessen Leid erhaben ist durch das an ihm begangene Unrecht. Bei seinem Anblick verstummt der Eigennutz und verwandelt sich in Mitleid. Aber der Eindruck, den der einzelne empfängt, ist ihm nicht mehr als eine saftige, schnell verzehrte Frucht. Der Triumphwagen der Zivilisation ist grausam, wie jener des Götzenbildes von Jaggernat. Begegnet er auch manchmal einem Herzen, das weniger leicht zu zermalmen ist, so ist das Hemmnis doch bald überwunden, und weiter geht der große Siegeszug. So werdet auch ihr es machen, die ihr dieses Buch in eurer weißen Hand haltet, euch im behaglichen Sessel zurücklehnt und bei euch denkt: › Hoffentlich ist die Geschichte unterhaltend!‹ Nachdem ihr das heimliche Elend des Vaters Goriot gelesen habt, werdet ihr mit Appetit zu Mittag speisen und eure Gefühllosigkeit auf Rechnung des Autors setzen, werdet ihn der Übertreibung, der Phantasterei bezichtigen. O wißt es nur: dieses Drama ist weder eine Erfindung noch ein Roman, › All is true‹; es ist so wahr, daß jeder bei sich selbst, in seinem eigenen Herzen vielleicht, die Grundelemente findet, aus denen es entstanden ist.

Das Haus, in dem sich die Familienpension befindet, gehört Frau Vauquer. Es liegt am Ende der Rue Neuve-Sainte-Geneviève, dort, wo das Gelände sich so plötzlich und steil nach der Rue de l'Arbalète hinuntersenkt, daß Pferde da nur selten zu sehen sind. Dieser Umstand begünstigt die Ruhe, die dort in den zwischen dem Dom vom Val-de-Grâce und dem Panthéon eng zusammengedrängten Straßen herrscht, wo jene zwei gewaltigen Bauten mit den düsteren Farben ihrer Kuppeln die Luft verdunkeln und einen gelben Schein verbreiten. Dort ist das Pflaster trocken, die Rinnsteine haben weder Schlamm noch Wasser, am Rande der Mauern wächst Gras. Der sorgloseste Mensch setzt gleich den anderen Passanten eine trübe Miene auf, wenn er da vorbeikommt, wo das Wagengerassel zum Ereignis wird und die Häuser grau und verdrießlich blicken wie Gefängnismauern.

Wenn sich ein Pariser in dieses Viertel verirrt, so wird er nichts anderes gewahren als Familienpensionen und sonstige Herbergen des Elends und der Langenweile, des Alters, das hinstirbt, und der frohen Jugend, die gezwungen ist zu Knechtschaft und Arbeit. Kein Viertel von Paris ist entsetzlicher als dieses, aber auch keins unbekannter. Besonders die Rue Neuve-Saint-Geneviève ist wie ein Bronzerahmen für die Bilder von Not und Trübsinn, die ich hier aufrollen will und auf die eure Seele nicht genug durch dunkle Töne und traurige Gedanken vorbereitet werden kann. Dunkel und Trauer, wie sie den Besucher der Katakomben umfangen, wenn ihm von Stufe zu Stufe das Tageslicht und der Lärm der Straßen ferner rücken. Ein wahrer Vergleich! Wer möchte wohl entscheiden, was schrecklicher zu schauen ist, verdorrte Herzen oder hohle Schädel?

Die Vorderseite des Hauses, in dem sich die Pension befindet, geht nach einem Gärtchen; das Haus steht also rechtwinklig zur Rue Neuve-Saint-Geneviève. An der Längsseite des Hauses, zwischen diesem und dem Gärtchen, zieht sich eine mit Kieselsteinen gepflasterte Abflußrinne von einem Klafter Breite hin; davor ist ein kiesbestreuter Weg, der von Geranium, Oleander und Granatbäumen eingefaßt wird, die in großen blau und weißen Steingutkübeln stehen. Nach der Straße zu befindet sich ein Tor, das die Aufschrift trägt: › Haus Vauquer‹, und darunter: › Bürgerliche Pension für Familien und andere‹. Das Tor ist mit einer lärmenden Glocke versehen, und bei Tage kann man durch das Gitter den Kiesweg entlang blicken, an dessen Ende, also der Straße gegenüber, die Mauer mit einer Malerei geschmückt ist, die einen Bogengang aus grünlichem Marmor darstellt und von einem Künstler desselben Stadtviertels ausgeführt wurde. Vor der Nische, die diese Malerei vortäuscht, steht eine Amorstatue. Mit ihrer abbröckelnden Tünche mag sie den Symbolikern ein Sinnbild der Pariser Liebe sein, der man nur wenige Schritte von dort eine Heilstätte errichtet hat. Der Sockel trägt eine Inschrift, die von der Begeisterung zeugt, mit der man Voltaire 1777 nach seiner Rückkehr nach Paris feierte, und die somit auch auf die Entstehungszeit der Statue hinweist:

Der Meister aller Herzen auf Erden;
Er ists – er wars – oder wird es werden.

Zur Nachtzeit wird vor das Gitter noch ein festes Eisentor gelegt. Das Gärtchen, dessen Tiefe der Frontseite des Hauses entspricht, liegt zwischen der Straßenmauer und der Mauer des Nachbarhauses eingeschlossen, die ganz von altem Efeu überwuchert ist und dem Vorübergehenden einen malerischen Anblick bietet. An beiden Mauern befinden sich Obstspaliere und Rebstöcke, deren armselige staubige Früchte Frau Vauquers ewige Sorge und den Gesprächsstoff ihrer Pensionäre bilden. An jeder Mauer führt ein Weg zu einer Lindenlaube, die Frau Vauquer, ob gleich eine geborene von Conflans, eigensinnig Lindienlaube nannte, allen Belehrungsversuchen ihrer Gäste zum Trotz. Zwischen den beiden Seitenwegen liegt ein von Obstbäumen umstandenes, von Sauerampfer, Lattich und Petersilie eingefaßtes Artischockenbeet. Unter den Linden steht ein in die Erde eingerammter runder Tisch, von Stühlen umgeben. In den Hundstagen nehmen die Gäste – das heißt jene, die reich genug sind, sich den Luxus eines Nachmittagskaffees zu gestatten, – dort ihren Kaffee ein.

Die Front des Hauses, das über seinen drei Stockwerken noch Mansarden trägt, ist aus Sandstein aufgeführt und mit jener gelben Tünche überstrichen, die fast allen Pariser Häusern ein häßliches Aussehen verleiht. Die in jedes Stockwerk eingepreßten fünf Fenster sind aus kleinen Scheiben zusammengesetzt und mit Jalousieen geschmückt, die alle verschieden hoch aufgezogen sind, so daß nicht eine mit der anderen auf gleicher Linie steht. Auf der Schmalseite hat das Haus in jedem Stockwerk zwei Fenster; die im Erdgeschoß sind mit schmiedeeisernem Gitterwerk versehen. Hinter dem Gebäude liegt ein Hof von ungefähr zwanzig Fuß Breite, wo Schweine, Hühner und Kaninchen einträchtig beisammen wohnen; am Ende des Hofes steht ein Holzschuppen. Zwischen diesem Holzschuppen und dem Küchenfenster hängt der umfangreiche Speiseschrank, unter dem das fettige Spülwasser der Küche seinen Abfluß hat. Dieser Hof hat nach der Rue Neuve-Sainte-Geneviève hin eine schmale Tür, durch die die Köchin den Unrat mit Hilfe eines kräftigen Wasserstrahls hinausspült.

Im Erdgeschoß, das selbstredend den Pensionszwecken dient, befindet sich zunächst ein Salon, der sein Licht von den beiden nach der Straße gelegenen Fenstern erhält und den man durch eine Glastür betritt. Aus diesem Salon gelangt man in den Speisesaal, der von der Küche durch den Treppenflur getrennt ist. Der Flur ist parkettiert und blank gebohnt.

Nichts ist trauriger anzusehen als jener Salon mit seinen Lehnsesseln und Stühlen, die alle in gestreiften Roßhaarüberzügen stecken. In der Mitte des Zimmers steht ein runder Tisch mit einer Marmorplatte und auf dieser ein Kaffeegeschirr aus weißem Porzellan mit halb verwischten Goldrändern, wie man es jetzt allenthalben sieht. Der Boden ist schlecht gedielt, und die Wände sind bis in Mannshöhe getäfelt. Über der Täfelung zieht sich ein Tapetenfries hin, der in bunten Farben die Hauptszenen aus › Telemach‹ darstellt. Die Wand zwischen den beiden vergitterten Fenstern zeigt den Pensionsgästen das Bild des Festmahls, das Kalypso dem Sohne des Odysseus spendete. Seit vierzig Jahren erweckt dieses Bild die Heiterkeit der jüngeren Pensionäre, die gern des kargen Mahles spotten, zu dem ihre mißliche Lage sie verdammt. Der steinerne Kamin, dessen stets saubere Feuerstelle beweist, daß hier höchstens bei ganz besonderen Gelegenheiten ein Feuer brennt, ist mit zwei Vasen geschmückt, deren jede einen vollen Strauß verblaßter und verstaubter Papierblumen trägt; zwischen den beiden Vasen steht eine gräßlich geschmacklose Uhr aus blauem Marmor. Dieses erste Zimmer hat einen Geruch an sich, für den die Sprache keinen Ausdruck findet und den man Pensionsgeruch nennen müßte. Es riecht nach allem, was staubig, dumpfig und ranzig ist. Es ist ein Geruch, der frösteln macht, der feucht und scharf die Kleider durchdringt; ein Geruch nach kalten Speisen, nach Dienstboten und Armenhaus. Vielleicht ließe er sich beschreiben, wenn man ein Verfahren entdeckte, die katarrhalische Atmosphäre eines jeden Pensionärs – er sei alt oder jung – in ihre widerlichen elementaren Bestandteile zu zerlegen. Und dennoch, verglichen mit dem Speisesaal, der an den Salon anschließt, ist dieser vornehm und lieblich duftend wie das Zimmer einer schönen Frau.

Der Speisesaal ist ganz getäfelt und mit einer jetzt nicht mehr erkennbaren Farbe gestrichen. Auf diesen Hintergrund hat der Schmutz der Jahrzehnte seltsame Gestalten gezeichnet. An den Wänden stehen mehrere Anrichtetische und Schränke, die eine klebrige Kruste angesetzt haben. Sie sind mit geschweiften staubigen Karaffen und Gläsern und mit Stößen dicker weißer, mit blauem Rande gezierter Teller aus den Fabriken von Tournai geschmückt. In einer Ecke steht ein Schrank mit numerierten Fächern, der zur Aufbewahrung der meist sehr schmutzigen und fleckigen Servietten der Pensionäre dient. In diesem Saal kann man längst abgetane Dinge sehen, die alle hier ein unverwüstliches Leben führen. Da ist ein Wetterhäuschen, aus dem bei Regenwetter ein Kapuzinermönch heraustritt; da gibt es schauderhafte Kupferstiche, alle in schwarzen, goldumrandeten Holzrahmen, eine Uhr in kupferbeschlagenem Gehäuse, einen grünen Ofen, öltriefende und staubbedeckte Lampen, einen langen Speisetisch mit einer so fettigen Wachstuchdecke, daß ein witziger Gast mit dem Fingernagel seinen Namen hineinkritzeln könnte, krüppelhafte Stühle, jämmerliche kleine Strohmatten, die sich beständig aufrollen, ohne doch jemals ganz unbrauchbar zu werden, wacklige Kohlenbecken mit Löchern und Beulen und zerbrochenen Scharnieren. Um darzutun, wie alt, morsch, moderig, wacklig, verstümmelt, elend und abgenutzt diese ganze Einrichtung ist, müßte man eine umständliche Beschreibung liefern, die mir der nach Ereignissen verlangende Leser nicht verzeihen würde. Der rote Steinfußboden hat vom Scheuern und Anstreichen allerlei tiefe Höhlungen bekommen. Kurz, es herrscht hier ein Elend ohne jede Poesie. Ist es noch nicht in Schmutz begraben, so hat es doch schon Flecke; fehlen ihm auch noch Löcher und Lumpen, so ist es doch schon erbärmlich abgeschabt.

In seinem ganzen Glanze zeigt sich dieses Gemach, wenn morgens gegen sieben Uhr die Katze der Frau Vauquer auf die Anrichtetische springt, die Milch beschnuppert, die dort in zugedeckten Schüsselchen steht, und ihr Morgenschnurren anhebt. Nun erscheint auch bald die Witwe in ihrer Tüllhaube, unter der sich die schlecht sitzende Perücke vordrängt. Sie schlurft in ausgetretenen Pantoffeln daher. Ihr alterndes, schwammiges Gesicht, aus dem die Nase wie ein Papageienschnabel heraussticht, ihre kleinen fetten Hände, ihre fleischige Gestalt passen ganz zu diesem Zimmer, wo aus tausend Winkeln das Elend grinst und die Gewinnsucht lauert und dessen warme, dumpfe Luft Frau Vauquer atmet, ohne davon angeekelt zu werden. Ihr Gesicht, das kalt ist wie ein erster Herbstfrost, ihre verkniffenen Augen, deren Ausdruck vom Balletteusenlächeln bis zur sauren Miene des Maklers beständig wechselt, ihr ganzes Äußeres paßt zu dieser Pension, wie die Pension zu ihr paßt. Zum Gefängnis gehört auch der Wärter; eins ohne das andere ist undenkbar. Die aufgeschwemmte Gestalt der kleinen Frau ist die Folge ihrer dumpfen Lebensweise, wie der Typhus die Folge der Ausdünstungen des Krankenhauses ist. Unter ihrem Hausrock, der aus einem alten Straßenkleide gefertigt ist und dessen Wattefutter aus dem zerschlissenen Oberstoff hervorquillt, schaut ein gestrickter wollener Unterrock hervor, der prophetisch alles verrät: in ihm spiegelt sich der Salon, der Speisesaal, das Gärtchen, in ihm ahnt man die Küche und die Pensionäre.

Ungefähr fünfzig Jahre alt, gleicht Frau Vauquer allen den Frauen, › die Unglück gehabt haben‹. Ihr gläserner Blick hat den unschuldigen Ausdruck einer Kupplerin, die sich entrüstet stellt, um sich desto teurer bezahlen zu lassen, die jedoch aus Eigennutz zu allem bereit ist, bereit, Georges oder Pichegru preiszugeben, falls Georges oder Pichegru noch preisgegeben werden könnten. Trotz alledem ist sie › im Grunde eine gute Frau‹, sagen die Pensionäre, die sie, weil sie gleich ihnen klagt und stöhnt, für vermögenslos halten. Was ist Herr Vauquer gewesen? Sie äußerte sich niemals über den Dahingeschiedenen. Auf welche Weise hatte er sein Vermögen verloren? › Durch Unglücksfälle‹, erwiderte sie. Er hatte sich schlecht gegen sie benommen, ihr nichts hinterlassen als die Augen zum Weinen, als dieses Haus und das Recht, mit keinem Unglücklichen Mitleid zu empfinden, da sie, wie sie sagte, selbst alles gelitten habe, was nur irgend zu erleiden möglich sei.

Als die Köchin, die dicke Sylvia, den Schritt der Herrin hörte, beeilte sie sich, für die im Hause wohnenden Pensionäre das Frühstück aufzutragen. Die auswärts wohnenden Kostgänger pflegten nur das Mittagessen zu abonnieren, das monatlich dreißig Franken kostete.

Zu der Zeit, da meine Erzählung beginnt, betrug die Zahl der Vollpensionäre sieben. Im ersten Stock befanden sich die beiden besten Wohnungen des Hauses. Frau Vauquer bewohnte die unansehnlichere, und die andere gehörte einer Frau Couture, der Witwe eines Beamten der Republik. Sie hatte ein sehr junges Mädchen bei sich, Viktorine Taillefer, an der sie Mutterstelle vertrat. Die beiden Damen bezahlten zusammen achtzehnhundert Franken für ihre Pension. Der zweite Stock enthielt ebenfalls zwei Wohnungen, deren eine einem alten Manne namens Poiret gehörte; in der anderen wohnte ein etwa vierzigjähriger Mann, der eine schwarze Perücke trug, seinen Backenbart färbte, angab, früher Kaufmann gewesen zu sein, und sich Vautrin nannte. Das dritte Stockwerk bestand aus vier Zimmern, von denen zwei dauernd vermietet waren: das eine an ein altes Fräulein Michonneau, das andere an einen ehemaligen Nudel-, Makkaroni- und Mehlfabrikanten, der sich Vater Goriot nennen ließ. Die beiden anderen Zimmer waren für Zugvögel bestimmt, für jene armen Studenten, die wie der Vater Goriot und Fräulein Michonneau für Wohnung und Essen zusammen nicht mehr als fünfundvierzig Franken im Monat ausgeben konnten. Aber Frau Vauquer schätzte solche junge Leute wenig und nahm sie nur auf, wenn sich kein besserer Mieter fand: sie aßen zuviel Brot. Gegenwärtig gehörte eins der Zimmer einem jungen Manne, der aus der Gegend von Angoulême nach Paris gekommen war, um hier die Rechte zu studieren, und dessen zahlreiche Familie sich die größten Entbehrungen auferlegte, um ihm jährlich zwölfhundert Franken schicken zu können. Eugen von Rastignac, so nannte er sich, war einer von denen, die wissen, daß es ihre Bestimmung ist, zu arbeiten, die schon im jugendlichen Alter begreifen, welche Hoffnungen die Eltern auf sie setzen, und die sich eine schöne Zukunft zu verschaffen verstehen, indem sie ihre Studien von vornherein der zukünftigen politischen Richtung anzupassen suchen, um später einmal ihre Zeit und die Gesellschaft zu beherrschen. Ohne sein neugieriges Beobachten und die Sicherheit, mit der er sich zu den Pariser Salons Zutritt zu verschaffen wußte, würden dieser Erzählung die Farben der Wahrheit mangeln, die sie zweifellos seiner Klugheit und seinem Scharfsinn verdankt und seinem Bemühen, in ein trauriges Geheimnis einzudringen, das sowohl von denen, die es geschaffen, als auch von dem, der es erduldete, sorgsam gehütet wurde.

Über diesem dritten Stock befanden sich ein Trockenboden und zwei Mansarden, in denen Christoph, der Hausknecht, und die dicke Sylvia, die Köchin, schliefen. Außer den sieben Vollpensionären hatte Frau Vauquer noch durchschnittlich acht Studenten der Rechte oder der Medizin und zwei oder drei andere Stammgäste, die alle in diesem Viertel wohnten und lediglich das Mittagessen bei ihr einnahmen. Die Mittagstafel wurde für achtzehn Personen gedeckt und konnte auf zwanzig erweitert werden. Am Frühstückstisch jedoch fanden sich nur die sieben Mieter ein, die fast den Anblick einer einzigen Familie boten. Ein jeder erschien in Pantoffeln und erlaubte sich vertrauliche Bemerkungen über Kleidung oder Gebaren der Kostgänger und über die kleinen Ereignisse des Vorabends. Diese sieben Pensionäre waren die verzogenen Lieblinge Frau Vauquers, die ihnen Sorgfalt und Rücksichtnahme mit mathematischer Genauigkeit je nach der Höhe ihres Pensionspreises zumaß. Das gleiche traurige Geschick verband sie, diese Leute, die der Zufall hier in dieser Pension zusammengeführt hatte. Die beiden Mieter des zweiten Stockwerks bezahlten jeder zweiundsiebzig Franken im Monat. Diese billige Unterkunft, die man nur im Faubourg Saint-Marcel zwischen der Bourbe und der Salpêtrière findet und auf die sie alle mit Ausnahme der Frau Couture angewiesen waren, beweist, daß alle Pensionäre unter der Last des Elends schmachteten, das bald mehr, bald weniger klar zutage trat. Auch konnte man die ganze Trostlosigkeit der vorhin beschriebenen Einrichtung des Hauses in der ebenso abgenutzten Kleidung seiner Bewohner wiederfinden. Die Männer trugen Überröcke von rätselhafter Farbe, Schuhwerk, das man in den besseren Stadtteilen als abgetragen verwerfen würde, fadenscheinige Wäsche und geflickte Hosen. Die Frauen trugen alte, wieder und wieder gefärbte Kleider, morsche, ausgebesserte Spitzen, vergilbte Kragen, mehrfach gewendete Brusttücher und Handschuhe, die vom langen Tragen glänzend geworden waren. Trotz ihrer abgenutzten Kleidung aber hatten alle kräftige Gestalten, Körper, die den Stürmen des Lebens zu trotzen gewußt, harte, kalte Gesichter, verwischt wie das Gepräge abgegriffener Taler. Hinter den welken Lippen schimmerten starke gelbe Zähne. Beim Anblick dieser Leute ahnte man etwas von verklungenen oder noch in Gang befindlichen Dramen: Dramen, die nicht bei Lampenlicht und bemalter Leinwand vor sich gehen, sondern lebendige und stumme Dramen, die das nun starre Herz einst heiß bewegten, endlose Dramen.

Das alte Fräulein Michonneau trug über ihren müden Augen einen schmierigen Schirm aus grünem Taft, mit Messingdraht umwunden, bei dessen Anblick selbst der Engel des Mitleids sich abgewendet hätte. Ihr mit dünnen, weinerlichen Fransen geschmückter Schal schien ein Skelett zu umhüllen, so eckig traten ihre Formen unter dem Tuch hervor. Welche Säure hatte dieses Geschöpf seiner weiblichen Formen beraubt? Sie mußte einst hübsch und wohlgestalt gewesen sein. War es das Laster, der Kummer, die Begierde? Hatte sie zuviel geliebt? War sie Putzmacherin gewesen oder Kurtisane? Büßte sie Triumphe einer kecken Jugend, die alle Freuden genossen, durch ein Alter, vor dem ein jeder entsetzt zurückwich? Ihr matter Blick machte frösteln, ihre verkümmerte Gestalt drohte. Sie hatte die schrille Stimme der Grille, die im Gestrüpp dem Winter entgegenzirpt. Angeblich hatte sie einen an Blasenkatarrh leidenden alten Herrn gepflegt, den seine Kinder für mittellos gehalten und daher verlassen hatten. Dieser Greis hatte ihr eine Leibrente von tausend Franken vermacht, die von Zeit zu Zeit von den Erben angefochten wurde. Obgleich das Spiel der Leidenschaften ihr Gesicht entstellt hatte, zeigte es doch die Spuren einstiger Zartheit und lieblicher Formen, die vermuten ließen, daß auch der Körper sich noch einige Reste von Schönheit bewahrt habe.

Herr Poiret glich mehr einer seltsamen Maschine als einem Menschen. Wenn man ihn wie einen grauen Schatten eine Allee des Botanischen Gartens entlanggleiten sah, auf dem Kopf eine alte, eingedrückte Mütze, einen Stock mit gelber Elfenbeinkrücke in der zitternden Hand, mit flatternden Rockschößen, die nur schlecht seine fast leeren Beinkleider bedecken konnten, die Waden in blauen Strümpfen, wankend wie ein Betrunkener, dazu mit schmutziger weißer Weste und zerknittertem Vorhemdchen aus grobem Musselin, das niemals den Anschluß an die Krawatte zu finden vermochte, die seinen Truthahnhals umwand, so fragte man sich wohl, ob dieses Schattenbild der kecken Rasse der Söhne Japhets angehöre, die auf dem Boulevard des Italiens dahergaukeln. Welch eine Last hatte ihn so zusammenschrumpfen lassen, welche Leidenschaft sein aufgedunsenes Gesicht gezeichnet, das man bei einer Karikatur für Übertreibung gehalten hätte? Was war er gewesen? Vielleicht hatte er im Justizministerium gearbeitet, in den Büros, wo man die Kostenrechnungen der Scharfrichter nachzuprüfen hat, die Rechnungen über schwarze Augenbinden für die Hinzurichtenden, über Kleie für die Körbe und Schnur für das Fallbeil? Vielleicht war er Geldeinnehmer beim Schlachthaus oder Unterinspektor beim Gesundheitsamt gewesen? Kurz, dieser Mann schien einer der Esel an der großen sozialen Mühle gewesen zu sein, ein Lastträger, der seinen Herrn nicht einmal kannte, ein Zapfen, um den das öffentliche Elend, der öffentliche Unrat sich gedreht, einer der Menschen, bei deren Anblick wir uns sagen: › Es muß auch solche Käuze geben.‹ Das schöne Paris verleugnet solche von geistigen oder körperlichen Leiden verblaßte Gestalten. Aber Paris ist ein wahrer Ozean. Werft das Senkblei hinein, ihr werdet seine Tiefe nie ermessen! Durchreist es, beschreibt es: wieviel Sorgfalt ihr auch anwendet, es zu durchreisen, zu beschreiben, wie zahlreich und eifrig auch die Erforscher dieses Meeres sein mögen, – man wird darin noch immer eine jungfräuliche Stelle, einen unbekannten Winkel, Blumen, Perlen, Ungeheuer, irgend etwas Unerhörtes, von den literarischen Tauchern Vergessenes finden. Das Haus Vauquer ist eine dieser seltsamen Ungeheuerlichkeiten.

Zwei Gestalten nun waren es, die in auffallendem Gegensatz zu der Masse der Pensionäre und Kostgänger standen. Die eine war Fräulein Viktorine Taillefer. Obgleich sie die krankhafte Blässe der Bleichsüchtigen hatte und sich dem allseitigen Elend, das den Hintergrund dieses Bildes abgibt, durch eine zur Gewohnheit gewordene Traurigkeit, ein bedrücktes Wesen und ärmliches Äußeres anschloß, so war ihr Gesicht dennoch jung, ihre Bewegungen waren rasch und ihre Stimme hell. Ihr junges Elend glich einem in falsches Erdreich eingesetzten Strauch, der seine Blätter gelb und kraftlos hängen läßt. Ihr zartes Gesicht, ihr mattblondes Haar, ihre überschlanke Gestalt zeigten jene Anmut, die unsere Dichter von heute in den Bildwerken des Mittelalters finden. Ihre grau und schwarzen Augen hatten einen sanften Ausdruck und spiegelten christliche Entsagung. Ihre Kleidung, die einfach und billig war, umhüllte jugendliche Formen. Sie war hübsch. Im Glück wäre sie entzückend gewesen, denn das Glück ist die Poesie der Frauen. Wenn die Freude eines Ballfestes auf dieses bleiche Gesicht seinen rosigen Schimmer geworfen, wenn die Annehmlichkeit eines behaglichen Lebens diese schon leicht eingesunkenen Wangen gerundet und erfrischt und wenn die Liebe diese traurigen Augen belebt hätte, so hätte Viktorine mit den schönsten jungen Mädchen wetteifern können. Es fehlte ihr das, was der Frau zum zweiten Mal Leben schenkt: Schleier und Spitzen – und Liebesbriefe. Ihre Geschichte könnte Stoff für einen ganzen Roman abgeben. Ihr Vater glaubte berechtigte Gründe zu haben, sie nicht anzuerkennen; er weigerte sich, sie bei sich aufzunehmen, bewilligte ihr jährlich nur sechshundert Franken und beabsichtigte, sein ganzes Vermögen seinem Sohne zuzuwenden. Frau Couture, eine entfernte Verwandte der Mutter Viktorines, die seinerzeit in Verzweiflung zu ihr geflüchtet und dort gestorben war, sorgte für die Waise wie für ihr eigenes Kind. Leider besaß die Beamtenwitwe nichts auf der Welt als ihre Witwenschaft und ihre Pension; sie würde das arme junge Mädchen eines Tages ohne Hoffnung und ohne alle Mittel der Gnade der Welt überlassen müssen. Die gute Frau führte Viktorine jeden Sonntag zur Messe und alle vierzehn Tage zur Beichte, um sie wenigstens zur Frömmigkeit zu erziehen. Sie tat recht daran; denn einzig die religiösen Gefühle boten diesem verleugneten Kinde eine Zukunft; dem armen Kinde, das seinen Vater liebte und alle Jahre zu ihm ging, um ihm die Verzeihung der Mutter zu bringen, das aber Jahr für Jahr vor unerbittlich verschlossene Türen kam. Ihr Bruder, ihr einziger Vermittler, hatte sie in vier Jahren nicht ein einziges Mal besucht und sandte ihr keinerlei Unterstützung. Sie flehte Gott an, ihrem Vater die Binde von den Augen zu nehmen, das Herz ihres Bruders zu erweichen; und sie betete für beide, ohne sie anzuklagen. Frau Couture und Frau Vauquer fanden nicht Worte, die stark genug waren, um die rohe Handlungsweise jener Männer zu bezeichnen. Wenn sie den schändlichen Millionär verfluchten, so ließ Viktorine hingegen sanfte Worte vernehmen, gleich der verwundeten Taube, deren Schmerzensschrei noch immer Liebe atmet.

Eugen von Rastignac hatte ganz das Gesicht eines Südländers: einen weißen Teint, schwarzes Haar und blaue Augen. In Wuchs und Manieren, in Haltung und Auftreten erkannte man den Sohn aus adligem Hause, wo schon die erste Erziehung auf Tradition des guten Geschmacks aufgebaut wird. Obgleich er seine Kleider schonen mußte und an gewöhnlichen Tagen die Anzüge vom Vorjahr aufzutragen pflegte, so konnte er doch manchmal in eleganter Kleidung ausgehen. Gewöhnlich trug er einen alten Gehrock, eine schlechte Weste, eine abgenutzte, schlecht gebundene Studentenkrawatte, dementsprechende Beinkleider und geflickte Stiefel.

Zwischen diesen beiden jungen Menschen und den anderen Pensionären bildete Vautrin, der Vierzigjährige mit dem gefärbten Bart, den Übergang. Er war einer jener Leute, von denen es im Volksmunde heißt: › Ein prächtiger Kerl!‹ Er hatte breite Schultern, eine gewölbte Brust, harte Muskeln und dicke, viereckige, brennend rote Hände, die an jedem Fingerglied ein dickes Haarbüschel aufwiesen. Sein tief gefurchtes Gesicht trug den Stempel der Härte und strafte sein freundliches, schmiegsames Benehmen Lügen. Seine tiefe Stimme, die gut zu seiner plumpen Munterkeit paßte, war nicht unsympathisch. Er war ein Spaßmacher und immer bemüht, sich nützlich zu erweisen. Wollte irgendein Schloß nicht schließen, so hatte er es alsbald abgeschraubt, gereinigt, geölt, gefeilt und wieder angeschraubt, wobei er sagte: »Darauf verstehe ich mich.« Er verstand sich übrigens auf alles: auf Schiffahrt, Meereskunde, Frankreich, das Ausland, auf Geschäfte, Menschen und Ereignisse, auf die Gesetze, die Gasthöfe und die Gefängnisse. Wenn jemand stöhnte und klagte, so fragte er ihn aus und erbot sich, ihm zu helfen. Er hatte Frau Vauquer und einigen anderen Pensionären mehrmals Geld geliehen; aber seine Schuldner wären lieber gestorben, als daß sie diese Schuld nicht so schnell wie möglich wieder abgetragen hätten, so sehr flößte sein durchdringender und entschlossener Blick den Leuten Angst ein. Durch die Art, wie er ausspuckte, bewies er eine unerschütterliche Kaltblütigkeit, die zeigte, daß er selbst ein Verbrechen wagen würde, wenn es gälte, aus einer mißlichen Lage herauszukommen. Wie ein strenger Richter ging sein Auge allen Dingen auf den Grund, allen Fragen, allen Gewissen, allen Empfindungen. Er pflegte nach dem Frühstück auszugehen, zum Mittagessen heimzukommen und den Abend wieder draußen zu verbringen; erst gegen Mitternacht kam er zurück und verschaffte sich mit Hilfe eines Hausschlüssels Eingang, den Frau Vauquer ihm anvertraut hatte. Er allein genoß diesen Vorzug. Aber er stand sich auch am besten mit der Witwe, die er um die Taille faßte und › Mama‹ nannte, eine Schmeichelei, die sie gar nicht zu würdigen wußte; denn die gute Frau hielt dies offenbar noch für leicht, wohingegen Vautrin der einzige war, dessen Arme lang genug waren, um den gewaltigen Umfang dieser Frau zu umspannen. Ein großmütiger Zug von ihm war es, fünfzehn Franken im Monat für den Gloria1 zu bezahlen, den er beim Nachtisch einzunehmen pflegte. Weniger oberflächliche Leute als diese vom Strudel des Pariser Lebens mitgerissenen jungen Männer und diese gegen alles, was sie nicht schmerzte, gleichgültigen Greise hätten sich über den zweifelhaften Charakter Vautrins ihre Gedanken gemacht. Er kannte oder erriet alles, was seine Umgebung betraf, er wußte ihrer aller Geschichte, während sie weder von seinem Denken noch von seinem Tun eine Ahnung hatten. Obgleich er seine anscheinende Gutmütigkeit, seine beständige Liebenswürdigkeit und Heiterkeit wie eine Schutzwehr zwischen sich und den anderen aufgerichtet hatte, ließ er doch oft den fürchterlichen Abgrund in seinem Charakter ahnen. Er hatte einen beißenden Witz, der des Juvenals würdig gewesen wäre, und gefiel sich darin, die Gesetze zu schmähen, die oberen Klassen zu geißeln und sie der Inkonsequenz gegen sich selbst zu überführen; alles dies verriet, daß er auf die gesellschaftlichen Zustände einen Haß hatte und daß es in seinem Leben irgendein sorgsam gehütetes böses Geheimnis gab.

Wohl unbewußt von der Kraft des einen und der Schönheit des anderen angezogen, teilte Fräulein Taillefer ihre verstohlenen Blicke und heimlichen Gedanken zwischen diesem Vierzigjährigen und dem jungen Studenten; aber keiner von ihnen schien an sie zu denken, obwohl der Zufall von einem Tage zum anderen ihre Lage ändern und sie zu einer reichen Partie machen konnte. Im übrigen gab sich keiner der Leute hier die Mühe, nachzuforschen, ob das vorgebliche Unglück der anderen wahr oder unwahr sei. Alle hatten füreinander nur Gleichgültigkeit und Mißtrauen, eine Folge ihrer eigenen mißlichen Lage. Sie sahen sich machtlos, einander ihre Bürde zu erleichtern, und alle hatten schon längst zu den Klagen der anderen den Becher des Beileids geleert. Gleich alten Eheleuten hatten sie einander nichts mehr zu sagen. Es verband sie also nur die Gemeinsamkeit der äußeren Lebensbedingungen, – ein ungeöltes Räderwerk. Alle mußten sie dem blinden Bettler auf der Straße ausweichen, traurige Schicksalsschläge ungerührt mit ansehen und in jedem Todesfall die Lösung eines Problems erblicken, das sie gefühllos gemacht und sogar dem Todeskampf seine Schrecken genommen hatte. Die glücklichste unter diesen trostlosen Seelen war Frau Vauquer, die freie Herrin jenes Armenhauses. Für sie allein war der kleine Garten, den Hitze und Kälte, Trockenheit und Nässe in eine öde Steppe verwandelt hatten, ein blühendes Gehege. Für sie allein besaß das gelbe und düstere Haus mit seinem widerlichen Geruch einen Reiz. Seine Gefängniszellen gehörten ihr; sie nährte die armen Sklaven, die das Leid ihr zugeführt hatte und die sich ihrer Oberhoheit demütig unterwarfen. Wo hätten die armen Wesen in ganz Paris zu ebenso mäßigem Preise gesunde, zureichende Lebensbedingungen gefunden und einen Raum, den sie sich, wenn auch nicht elegant und behaglich, so doch sauber einrichten durften? Selbst wenn sie sich irgendeine schreiende Ungerechtigkeit erlaubt hätte, so würden ihre Opfer das ohne Klage hingenommen haben.

Mußte nicht das Leben in einer solchen Pension ein kleines Spiegelbild der großen menschlichen Gesellschaft sein? – So war es auch.

Unter den achtzehn Tischgenossen fand sich, wie in der Schule, wie in der großen Welt, ein armes ausgestoßenes Geschöpf, ein Sündenbock, auf den Neckerei und Bosheit niederregneten. Zu Beginn des zweiten Jahres, das Eugen von Rastignac hier zubrachte, wurde jene Gestalt für ihn die bedeutsamste von allen, in deren Mitte er noch zwei Jahre zuzubringen verurteilt war. Dieser Sündenbock war der alte Nudelfabrikant, der Vater Goriot, auf dessen Kopf ein Maler alles Licht seines Gemäldes vereinigt hätte. Durch welchen Zufall hatte diese halb gehässige Verachtung, diese halb mitleidige Niedertracht gerade den ältesten, ehrwürdigsten der Pensionäre getroffen? Hatte er durch irgendwelche Lächerlichkeiten oder Absonderlichkeiten, gegen die man unduldsamer ist als gegen das Laster, Veranlassung dazu gegeben? Diese Fragen streifen an gar manche Ungerechtigkeit der Welt. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dem alles aufzubürden, der alles erträgt, sei es nun aus wahrer Demut, aus Schwachheit oder Gleichgültigkeit. Lieben wir nicht alle, auf Kosten irgendeines anderen unsere eigene Stärke darzutun? Das schwächste Geschöpf, der Gassenjunge, erdreistet sich, an allen Haustüren die Glocke zu ziehen, oder er klettert an einem neuen Denkmal empor, um seinen Namen daranzuschreiben.

Vater Goriot, ein Greis von etwa zweiundsechzig Jahren, hatte sich im Jahre 1813 von den Geschäften zurückgezogen und bei Frau Vauquer eingemietet. Er nahm damals die jetzt von Frau Couture bewohnten Zimmer ein und zahlte zwölfhundert Franken Pension, als ein Mann, dem es auf fünf Louis mehr oder weniger nicht ankam. Frau Vauquer hatte die Zimmer für eine im voraus bezahlte Summe neu eingerichtet und ihr Geschäft dabei gemacht; die Neueinrichtung bestand aus gelben Kalikovorhängen, lackierten, mit Utrechter Samt bezogenen Lehnstühlen, einigen Öldrucken und einer Tapete, wie sie schlechter kaum in der simpelsten Vorstadtschenke gefunden werden könnte. Vielleicht war es gerade die sorglose Freigebigkeit Vater Goriots, der damals noch achtungsvoll Herr Goriot genannt wurde, was ihn in den Augen der anderen zu einem Dummkopf machte, der von Geschäften nichts verstehe.

Goriot kam und brachte eine reiche Garderobe mit, die glänzende Ausstattung eines Geschäftsmannes, der sich nichts zu versagen braucht. Frau Vauquer hatte achtzehn Hemden aus holländischer Leinwand bewundert, deren Feinheit noch durch zwei von einem goldenen Kettchen zusammengehaltenen Brillantnadeln erhöht wurde, mit denen der Nudelfabrikant sein Vorhemd schmückte. Er trug für gewöhnlich einen blauen Anzug und legte jeden Tag eine weiße Pikeeweste an, unter der sein birnenförmiger Bauch behaglich schaukelte und eine schwere goldene, mit Verlocken behangene Uhrkette in Schwingungen setzte. Seine ebenfalls goldene Tabaksdose enthielt ein Medaillon voller Haarlocken, was ihm das Ansehen eines vom Glück begünstigten Mannes verlieh. Als seine Wirtin ihn vertraulich einen › galanten Gecken‹ nannte, huschte über sein Gesicht das vergnügte Lächeln des Spießbürgers, dem man sein Steckenpferd tätschelt. In seinen Schränken und Kommoden verwahrte er Silberzeug. Die Augen der Wirtin leuchteten, als sie ihm liebenswürdig behilflich war, die Sachen auszupacken und einzuräumen. Da gab es Vorlegelöffel, Bestecke, Essig-und-Öl-Gestelle, Saucenschüsseln, Fisch- und Kuchenplatten, vergoldetes Frühstücksgeschirr, kurz, eine Menge mehr oder weniger schöner Dinge, die viele Pfund wogen und von denen er sich nicht trennen wollte, denn es waren Geschenke, die ihn an die Feierstunden seines Ehelebens erinnerten.

»Dies hier«, sagte er zu Frau Vauquer und legte die Hand zärtlich auf eine Platte und ein kleines Kännchen, dessen Deckel von zwei sich schnäbelnden Tauben gebildet wurde, »ist das erste Geschenk meiner Frau; sie gab es mir am Jahrestag unserer Hochzeit. Arme Kleine! Sie hatte ihre ganzen Mädchenersparnisse dafür hingegeben. Sehen Sie, liebe Frau, ich möchte lieber die Erde mit meinen Nägeln aufkratzen, als mich hiervon trennen. Gott sei Dank, ich werde bis ans Ende meiner Tage meinen Kaffee aus diesem Kännchen genießen können! Ich bin nicht zu beklagen, ich habe für lange Zeit Brot im Kasten.«

Schließlich hatte Frau Vauquers spähender Elsternblick auch noch in Goriots Hauptbuch ein paar Zahlen entdeckt, die, flüchtig zusammengerechnet, ergaben, daß der treffliche Alte eine Jahreseinnahme von acht- bis zehntausend Franken haben mußte. Von da an nährte Frau Vauquer, geborene von Conflans, die damals achtundvierzig Jahre zählte, aber neununddreißig zugestand, einen gewissen Gedanken. Obgleich Goriots Augen rot und geschwollen waren, weshalb er sie oft trocknen mußte, fand sie ihn von angenehmem und stattlichem Äußeren. Überdies ließ seine kräftige, schön geschwungene Wade und seine lange, breite Nase auf gewisse moralische Eigenschaften schließen, auf die die Witwe Wert zu legen und die das einfältige Vollmondgesicht des Biedermannes noch zu bestätigen schien. Das mußte ein kräftig gebauter Mann sein, fähig, all seinen Geist in Gefühle umzusetzen. Seine taubengrauen Haare, die der Friseur des Polytechnikums ihm jeden Morgen ordnete und puderte, zeichneten fünf Löckchen auf seine niedrige Stirn und standen ihm gut zu Gesicht. War er auch etwas plump, so kleidete er sich doch stets so sorgfältig, schnupfte so reichlich und streute dabei so viel Tabak um sich, daß er ganz den Eindruck eines Mannes machte, der sicher ist, seine Tabaksdose zeitlebens voll Makuba zu sehen. So kam es, daß am Tage seines Einzuges Frau Vauquer, als sie sich abends schlafen legte, im Feuer ihres glühenden Wunsches schmorte wie das Rebhuhn in seiner Speckschwarte; ihre Wünsche aber gingen dahin, das Leichentuch Vauquer abzulegen und als Goriot wieder aufzuerstehen. Sich verheiraten, ihre Pension verkaufen, diesem feinen Bürger die Hand reichen, in ihrem Viertel eine angesehene Dame werden, sich durch Mildtätigkeit angenehm auszeichnen, des Sonntags kleine Ausflüge machen nach Choisy, Soissy, Gentilly, nach Gefallen ins Theater gehen, in die Loge, ohne auf die Freibillette warten zu müssen, die ihr einige ihrer Pensionäre im Sommer zukommen ließen, – sie träumte sich das ganze Dorado eines kleinen Pariser Haushalts zusammen. Übrigens besaß sie, was sie niemandem verraten hatte, ein Sou für Sou zusammengespartes Vermögen von vierzigtausend Franken. Ja, was das Geld anlangte, hielt sie sich mit Recht für eine gute Partie.

› Und im übrigen bin ich dem guten Manne durchaus ebenbürtig‹, sagte sie sich und drehte sich im Bett herum, wie um sich selbst die Formenreize zu vergegenwärtigen, die die dicke Sylvia jeden Morgen im Bett eingedrückt fand.

Von jenem Tage an benutzte die Witwe Vauquer den Friseur des Herrn Goriot und gab etwas mehr für ihre Kleidung aus, was sie mit der Notwendigkeit entschuldigte, ihrem Hause einen gewissen Glanz zu verleihen, damit es der ehrenwerten Gäste würdig sei. Sie strengte sich sehr an, ihre bisherigen Pensionäre aus dem Hause zu bekommen, unter dem Vorgeben, von nun an nur in jeder Hinsicht angesehene Leute aufnehmen zu wollen. Zeigte sich ein Fremder, so rühmte sie sich der Ehre, die Herr Goriot, einer der geachtetsten Geschäftsleute von Paris, ihrem Hause erwiesen habe. Sie versandte Prospekte, auf denen zu lesen stand: › Haus Vauquer‹. Es sei, sagte sie, eine der ältesten und berühmtesten Familienpensionen des Quartiers Latin. Man genieße von hier eine prächtige Aussicht auf das Val des Gobelins – vom dritten Stock aus war es sichtbar – und habe dicht beim Hause einen › hübschen‹ Garten, an dessen Ende eine › Lindenallee‹ sich › erstrecke‹. Sie redete ferner von guter Luft und idyllischer Ruhe. Dieser Prospekt führte ihr die Gräfin de l'Ambermesnil zu, eine Frau von sechsunddreißig Jahren, die auf Regelung und Erledigung einer Pension wartete, die man ihr als der Witwe eines › auf den Schlachtfeldern‹ gefallenen Generals schuldete. Frau Vauquer sorgte für bessere Kost, heizte fast sechs Wochen lang die Wohnräume und hielt die Versprechungen ihres Prospekts gut inne, da sie auch so noch ihren Schnitt dabei machte. Die Gräfin verkündete daraufhin Frau Vauquer, die sie › liebe Freundin‹ nannte, daß sie ihr die Frau Baronin Vaumerland und die Witwe des Obersten und Grafen Picquoiseau zuführen wolle, zwei ihrer Freundinnen, die vorläufig noch im Marais2 in einer weit teureren Pension eingemietet seien. Sobald die Bureaus des Kriegsministeriums mit ihrer Abrechnung fertig wären, würden diese Damen, wie auch sie selbst, sehr gut gestellt sein.

»Aber«, sagte sie, »die Bureaus werden nie fertig.«

Die beiden Witwen stiegen nach Tisch hinauf in das Zimmer der Frau Vauquer und machten ein kleines Schwätzchen, wobei sie Johannisbeerlikör tranken und Süßigkeiten naschten. Frau de l'Ambermesnil billigte vollständig die Absichten ihrer Wirtin auf Goriot: vortreffliche Absichten, die sie übrigens vom ersten Tage an geahnt habe; sie hielt ihn für einen prächtigen Mann.

»Ah, meine liebe Dame, ein Mann – gesund wie mein Auge!« sagte die Witwe Vauquer, »ein vortrefflich konservierter Mann, der einer Frau noch viel Vergnügen bereiten kann.«

Die Gräfin ließ sich herab, Frau Vauquer ein paar Worte über ihre Kleidung zu sagen, die mit ihrem Vorhaben nicht in Einklang stände.

»Sie müssen sich auf den Kriegsfuß stellen«, sagte sie zu ihr.

Nach langem Überlegen gingen die beiden Witwen gemeinsam zum Magasin du Palais-Royal, wo sie einen Federhut und eine Haube kauften. Die Gräfin schleppte ihre Freundin zum Magasin de la Petite Jeannette, wo sie ein Kleid und eine Schärpe auswählten. Als die Witwe so unter den Waffen stand, hatte sie alle Ähnlichkeit mit einem Pfingstochsen. Nichtsdestoweniger glaubte sie sich so sehr zu ihrem Vorteil verändert, daß sie sich in der Schuld der Gräfin fühlte und sie – allerdings schweren Herzens – bat, einen Hut zu zwanzig Franken von ihr anzunehmen. In Wahrheit rechnete sie damit, sie um den Dienst zu bitten, Goriot auszuhorchen und sie bei ihm herauszustreichen. Frau de l'Ambermesnil widmete sich sehr eifrig diesem Freundschaftsdienst und stellte dem alten Nudelfabrikanten nach, und schließlich gelang es ihr, eine Unterredung mit ihm zu erreichen. Aber da sie ihn den Versuchungen gegenüber, denen sie ihn in ihrem eigenen Interesse aussetzte, zurückhaltend, um nicht zu sagen widerstrebend fand, verließ sie ihn, empört über seine Plumpheit.

»Mein Engel,« sagte sie zu ihrer lieben Freundin, »aus diesem Manne werden Sie nie etwas herausholen! Er ist lächerlich mißtrauisch, ein Geizhals, ein Tölpel, ein Dummkopf, der Ihnen nur Unannehmlichkeiten bereiten wird.«

Zwischen Herrn Goriot und Frau de l'Ambermesnil hatten sich derartige Dinge ereignet, daß die Gräfin nicht mehr mit ihm zusammenzutreffen wünschte. Sie verschwand daher anderntags, wobei sie vergaß, die Rechnung zu bezahlen, die sich auf sechs Monate Kost und Wohnung belief. Ein abgelegtes Kleid im Werte von etwa fünf Franken war das einzige, was sie zurückließ. Mit wieviel Eifer auch Frau Vauquer die Nachforschungen betrieb, sie konnte in ganz Paris keine Auskunft über die Gräfin de l'Ambermesnil erhalten. Sie sprach oft von diesem schweren Schlag, der sie betroffen hatte, und beklagte ihre allzu große Vertrauensseligkeit, und doch war sie mißtrauischer als eine Katze. Aber sie glich sehr jenen Leuten, die den Nahestehenden mißtrauen und sich dem ersten besten Fremden ausliefern; eine seltsame, aber oft beobachtete Tatsache, deren Wurzel im Menschenherzen leicht zu finden ist. Vielleicht haben solche Seelen bei ihrer nächsten Umgebung nichts mehr zu gewinnen; sie haben ihr die Leere ihrer Seele aufgedeckt und fühlen sich mit verdienter Härte von ihr verurteilt. Da sie aber ein unbezwingliches Bedürfnis haben, sich umschmeichelt zu sehen, oder gern Eigenschaften vortäuschen möchten, die sie nicht besitzen, so hoffen sie die Achtung oder die Liebe eines Fremden zu erringen, selbst auf die Gefahr hin, sich eines Tages betrogen zu sehen. Endlich gibt es auch geborene Mietlinge, die ihren Freunden oder Angehörigen nicht den kleinsten Dienst erweisen, weil er hier selbstverständlich wäre, wohingegen, wenn sie sich einem Fremden widmen, ihre Eigenliebe einen Gewinn davonträgt. Je näher ihnen jemand steht, um so weniger lieben sie ihn; je ferner er steht, um so ergebener sind sie. Frau Vauquer gehörte sicherlich zu diesen beiden Arten in hohem Maße kleinlicher, falscher und widerwärtiger Naturen.

»Wenn ich hier gewesen wäre,« sagte Vautrin zu ihr, »so wäre Ihnen das Unglück nicht zugestoßen. Ich hätte Ihnen die Schurkin schon entlarvt. Ich verstehe mich auf solche Fratzen.«

Wie alle beschränkten Geister hatte Frau Vauquer die Gewohnheit, aus dem engen Kreise der Ereignisse nicht herauszutreten und nicht nach ihren Ursachen zu forschen. Sie liebte es, für ihre eigenen Fehler andere verantwortlich zu machen. Als dieser Verlust sie traf, betrachtete sie den biederen Nudelfabrikanten als die Ursache ihres Unglücks und begann von da an, wie sie sagte, sich an ihm › schadlos zu halten‹. Als sie die Nutzlosigkeit ihrer Verführungskünste und Putzsucht eingesehen hatte, zögerte sie nicht, einen Grund für die Zurückhaltung des Alten aufzustellen. Sie sagte sich also, daß ihr Pensionär wahrscheinlich schon › seine Schliche‹ habe. Sie gewann die Überzeugung, daß ihre so zärtlich genährten Hoffnungen nichts als Luftschlösser waren und daß sie, wie die Gräfin, die ihr nun wie eine Kennerin schien, so richtig gesagt hatte, › aus dem Manne da niemals etwas herausholen würde‹. Naturgemäß ging sie in ihrer Abneigung weiter, als sie in ihrer Freundschaft gegangen war. Ihr Haß entsprang nicht enttäuschter Liebe, sondern enttäuschter Erwartung. Wenn das menschliche Herz Ruhe findet, sobald es den Gipfel der Zuneigung erklommen hat, so hält es doch selten im steilen Abstieg des Hasses inne. Aber Herr Goriot war ihr Pensionär; die Witwe sah sich also genötigt, die Ausbrüche verwundeter Eigenliebe zu ersticken, die Seufzer der Enttäuschung zurückzuhalten und ihre Rachegefühle zu bezähmen, wie ein Mönch, den sein Prior geärgert hat. Kleine Geister befriedigen ihre Gefühle, seien sie gut oder schlecht, durch endlose Kleinlichkeiten. Die Witwe entfaltete die ganze Bosheit ihrer Frauenseele, um gegen ihr Opfer geheime Ränke zu spinnen. Sie begann damit, den in letzter Zeit eingeführten Überfluß in der Beköstigung der Pensionäre wieder abzuschaffen.

»Keine Gurken mehr, keine Sardellen; das sind Dummheiten«, sagte sie zu Sylvia an dem Morgen, da sie ihr ehemaliges Programm wieder aufnahm.

Herr Goriot war ein einfacher Mann, dem die Sparsamkeit eines Menschen, der sich mühsam hatte emporarbeiten müssen, zur Gewohnheit geworden war. Suppe, gekochtes Fleisch und Gemüse, mehr beanspruchte er nicht. Es war also für Frau Vauquer nicht leicht, ihren Pensionär zu quälen, da sie ihm mit ihrem vereinfachten Küchenzettel nichts anhaben konnte. Sie beschloß daher, ihm auf andere Weise zu schaden: sie behandelte ihn verächtlich und suchte ihn in den Augen seiner Mitpensionäre herabzusetzen, sie verstand es, eine allgemeine Abneigung gegen Goriot zu erwecken und sich auf diesem Umweg an ihm zu rächen. Gegen Ende des ersten Jahres war das Mißtrauen der Witwe so groß geworden, daß sie sich fragte, weshalb der Kaufmann, der sieben- bis achttausend Franken Rente, einen kostbaren Silberschatz und Schmuck und Wertsachen besaß wie eine Buhlerin, sich bei ihr eingemietet habe und ihr nur ein zu seinem Vermögen in gar keinem Verhältnis stehendes bescheidenes Pensionsgeld bezahle. Während des größten Teiles dieses ersten Jahres hatte Goriot häufig ein- oder zweimal wöchentlich außerhalb gespeist; dann war es allmählich dahin gekommen, daß er höchstens zweimal im Monat in der Stadt speiste. Die kleinen Vergnügungsfahrten Goriots waren für Frau Vauquer viel zu einträglich, als daß sie nicht über die zunehmende Regelmäßigkeit, mit der ihr Pensionär die Mahlzeiten im Hause einnahm, unzufrieden gewesen wäre. Sie schrieb diese Veränderung sowohl einer langsamen Abnahme seines Vermögens als auch seiner Absicht zu, seine Wirtin zu ärgern. Eine der widerlichsten Eigenschaften der kleinen Seelen ist es, ihre eigene Kleinlichkeit bei den anderen vorauszusetzen. Unglücklicherweise rechtfertigte Goriot gegen Ende des zweiten Jahres die Verdächtigungen, die man über ihn äußerte, indem er Frau Vauquer ersuchte, seine Wohnung in den zweiten Stock zu verlegen und seine Pension auf neunhundert Franken herabzusetzen. Er mußte sogar so sparsam sein, sich während des Winters die Heizung zu versagen. Die Witwe Vauquer wünschte Vorauszahlung, womit Herr Goriot, den sie von nun an › Vater Goriot‹ nannte, einverstanden war. Wo lag nun die Ursache dieses Niederganges? Das war schwer herauszubekommen; denn wie die falsche Gräfin gesagt hatte, so war es: Vater Goriot war ein Duckmäuser, ein Schweiger. Nach der Logik der Hohlköpfe, die alle Schwätzer sind, weil sie nichts zu sagen haben, müssen alle, die nicht von ihren Geschäften sprechen, schlechte Geschäfte machen. Der früher so geschätzte Kaufmann wurde also ein Schurke, der › galante Geck‹ ein alter Narr. Bald galt Vater Goriot nach Vautrins Ansicht, der sich zu jener Zeit im Hause Vauquer einmietete, als ein Mann, der an der Börse spekulierte. Bald hieß es, er sei ein Spieler, einer von den kleinen, die am Abend nicht mehr als zehn Franken verlieren oder gewinnen. Bald machte man ihn zu einem Polizeispion; aber Vautrin behauptete, daß er dazu nicht schlau genug sei. Auch für einen Wucherer hielt man den Vater Goriot und sagte, er leihe kleine Summen für hohe Zinsen aus, und ganz gewiß gehöre er zu jenen Leuten, die ihr Leben lang auf eine Lotterienummer setzen. Man traute ihm jede Schwäche und jedes Laster zu. Dennoch, wie empörend man sein Betragen und seine Lasterhaftigkeit auch fand, ging die Abneigung gegen ihn nicht so weit, ihn zu verbannen; er bezahlte ja immerhin seine Pension. Und dann war er ja auch dazu brauchbar, daß jeder seine gute oder schlechte Laune an ihm auslassen konnte, sei es durch leichten Witz oder bissigen Spott. Die einzig richtige Ansicht über ihn schien Frau Vauquer sich gebildet zu haben, und die wurde dann auch allgemein angenommen. Wenn man sie hörte, so war dieser wohlerhaltene und gesunde Mann – › gesund wie mein Auge, ein Mann, an dem man noch viel Freude haben könnte‹ – ein lockerer Vogel, der gar seltsame Neigungen hatte. Auf welche Tatsachen stützte die Witwe Vauquer ihre Verleumdungen? Einige Monate nach dem Weggang jener niederträchtigen Gräfin, die sechs Monate auf ihre Kosten gelebt hatte, hörte sie eines Morgens vor dem Aufstehen das Rascheln eines Seidenkleides und den zierlichen Schritt einer jungen und zarten Frau, die zu Goriot hineinschlüpfte, dessen Tür sich verständnisvoll geöffnet hatte. Gleich darauf kam die dicke Sylvia, um ihrer Herrin zu melden, daß ein Mädchen, viel zu hübsch, um anständig zu sein, und gekleidet wie eine Fee, mit entzückenden hellen Stiefelchen, die nicht den geringsten Schmutzfleck aufwiesen, wie ein Aal ins Haus und an die Küchentür geschlüpft sei und sich nach der Wohnung des Herrn Goriot erkundigt habe. Frau Vauquer und ihre Köchin verlegten sich aufs Horchen und fingen einige zärtlich betonte Worte auf. Der Besuch währte geraume Zeit. Als Herr Goriot › seine Dame‹ hinausgeleitete, nahm die dicke Sylvia sogleich ihren Korb und tat, als ginge sie zum Markt; sie folgte dem Liebespaar.

»Frau Vauquer,« sagte sie nach ihrer Rückkehr, »Herr Goriot muß verteufelt reich sein, um sie so auszustatten. Stellen Sie sich vor, daß an der Ecke der Estrapade ein wundervoller Wagen hielt, in den sie eingestiegen ist.«

Während des Essens zog Frau Vauquer an einem der Fenster einen Vorhang zu, um Goriot vor der Sonne zu schützen, die ihm gerade in die Augen schien.

»Das Schöne liebt Sie, Herr Goriot, die Sonne geht Ihnen nach«, sagte sie mit Beziehung auf den Besuch, den er empfangen hatte. »Seht, seht! Sie haben einen guten Geschmack; sie war auffallend hübsch.« »Es war meine Tochter«, sagte er mit einem gewissen Stolz, – eine Äußerung, in der die Pensionäre nur ein greisenhaftes Bemühen, den Schein zu wahren, erblicken wollten.

Einen Monat nach diesem Besuch erhielt Herr Goriot wieder einen. Seine Tochter, die das erste Mal im Straßenkleid gekommen war, kam diesmal nach Tisch in Besuchstoilette. Die Pensionäre, die plaudernd im Salon saßen, konnten in ihr eine zarte, anmutige Blondine bewundern, viel zu vornehm, Vater Goriots Tochter zu sein.

»Da die zweite!« sagte die dicke Sylvia, die sie nicht wiedererkannte.

Einige Tage danach fragte wieder ein anderes Mädchen, groß und schön gewachsen, mit braunem Teint, schwarzen Haaren und lebhaften Augen, nach Herrn Goriot.

»Da die dritte!« sagte Sylvia.

Diese zweite Tochter, die ihren Vater das erste Mal ebenso des Morgens besucht hatte, kam einige Tage später am Abend in Balltoilette und zu Wagen.

»Da die vierte!« sagten Frau Vauquer und die dicke Sylvia, die in dieser strahlenden Dame keine Spur des einfach gekleideten Fräuleins wiedererkannten.

Goriot bezahlte damals noch zwölfhundert Franken Pension. Frau Vauquer fand es ganz natürlich, daß ein reicher Mann vier bis fünf Mätressen habe, und fand es sogar sehr korrekt, daß er sie als seine Töchter ausgab. Sie beklagte sich nicht einmal darüber, daß er sie in die Pension bestellte. Da aber diese Besuche ihr die Gleichgültigkeit ihres Pensionärs hinsichtlich ihrer eigenen Person erklärten, erlaubte sie sich zu Beginn des zweiten Jahres, ihn einen › alten Kater‹ zu nennen. Dann aber, als ihr Pensionär auf neunhundert Franken herabstieg, fragte sie ihn unverfroren, als sie eine der Damen fortgehen sah, was er eigentlich von ihrem Hause denke. Vater Goriot erwiderte ihr, diese Dame sei seine älteste Tochter.

»Sie haben wohl sechsunddreißig solche Töchter?« versetzte Frau Vauquer mit saurer Miene. »Ich habe nicht mehr als zwei«, antwortete der Pensionär mit der Milde eines gebrochenen Mannes, den das Elend fügsam gemacht hat.

Gegen Ende des dritten Jahres schränkte Vater Goriot seine Ausgaben wiederum ein, indem er in den dritten Stock hinaufzog und seine Pension auf fünfundvierzig Franken im Monat herabsetzen ließ. Er verzichtete auf den Schnupftabak, verabschiedete seinen Friseur und trug das Haar ungepudert. Als Vater Goriot zum ersten Mal ungepudert erschien, konnte seine Wirtin einen erstaunten Ausruf nicht unterdrücken: sein Haar hatte eine schmutzige, grünlichgraue Farbe. Sein Gesicht, das geheime Kümmernisse von Tag zu Tag kaum wahrnehmbar trauriger gemacht hatten, schien jetzt das trostloseste von allen, die die Tafel umgaben. Nun gab es keinen Zweifel mehr: Vater Goriot war ein Wüstling, dessen Augen vor dem unheilvollen Einfluß der von seinen Krankheiten bedingten Medikamente lediglich durch die Geschicklichkeit eines Arztes behütet worden waren. Die widerliche Farbe seines Haares zeugte von seinen Ausschweifungen und den Arzneien, die er geschluckt hatte, um sie fortsetzen zu können. Der körperliche und geistige Zustand des Alten gab diesen Schwätzereien recht. Als sein Wäschevorrat aufgebraucht war, kaufte er sich Kattun zu vierzehn Sous die Elle als Ersatz für seine schöne Leinwand. Seine Diamanten, seine goldene Tabaksdose, seine Kette, seine Schmuckstücke verschwanden eins nach dem anderen. Er hatte seinen blauen Rock, seine ganze Kleidung abgelegt und trug Sommer wie Winter einen groben kastanienbraunen Tuchrock, eine ziegenlederne Weste und grauwollene Beinkleider. Er wurde nach und nach mager, seine Waden verschwanden, sein von spießbürgerlicher Behaglichkeit strotzendes Gesicht schrumpfte mehr und mehr zusammen, die Stirn furchte sich, das Kinn trat spitz hervor. Im vierten Jahre seines Aufenthaltes in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève war er nicht mehr wiederzuerkennen. Der gute Nudelfabrikant von zweiundsechzig Jahren, der bisher wie ein Vierziger ausgesehen hatte, der breite, behäbige Bürder, dessen schalkhaftes, fast jugendliches Wesen und lustiger Gang auf der Straße Aufsehen erregt hatten, schien nun ein stumpfer Siebzigjähriger. Sein Gang war unsicher, seine einst so lebhaften blauen Augen wurden matt und grau und hatten keine Tränen mehr; nur schienen ihre roten Ränder Blut zu weinen. Den einen flößte er Entsetzen ein, den anderen Mitleid. Die jungen Studenten der Medizin, die das Senken seiner Unterlippe bemerkt und seinen Gesichtswinkel gemessen hatten, erklärten ihn vom Kretinismus befallen. Eines Abends nach Tisch hatte Frau Vauquer ihn spöttisch gefragt: »Na, Ihre Töchter kommen ja nicht mehr, Sie zu besuchen?« – denn sie zweifelte noch immer an seiner Vaterschaft. Goriot schrak zusammen, als habe man ihn mit glühendem Eisen gebrannt. »Sie kommen hie und da«, sagte er mit zitternder Stimme. »Ah, ah! Sie sehen sie noch manchmal?« riefen die Studenten. »Bravo, Vater Goriot!«

Aber der Greis hörte nicht die Scherzreden, die seine Antwort ihm eintrug. Er war wieder in Nachdenken verfallen, in einen Zustand, den oberflächliche Beobachter für Apathie, für eine Folge seiner Gehirnschwäche hielten. Wenn sie ihn recht gekannt hätten, so hätte gewiß das Problem seines geistigen und leiblichen Verfalls ihre Anteilnahme geweckt; aber der alte Mann war schwer zu durchschauen. Obgleich es leicht gewesen wäre, festzustellen, ob Goriot tatsächlich Nudelfabrikant gewesen war und auf welche Summe sich sein Vermögen belief, so nahm sich doch keiner die Mühe dazu. Die alten Pensionäre, deren Neugier er erweckt hatte, verließen nie das Viertel und klebten an der Pension wie Austern an ihrem Felsen. Die anderen aber hatten kaum die Rue Neuve-Sainte-Geneviève verlassen, so riß das Pariser Leben sie in seinen Strudel und ließ sie den armen Alten vergessen, über den sie sich lustig gemacht hatten. Für jene beschränkten Seelen wie auch für die sorglosen jungen Leute war Vater Goriots dürres Elend und blödes Benehmen unvereinbar mit Geldbesitz und irgendwelchen Geistesfähigkeiten. Was aber die Frauen anlangte, die er seine Töchter nannte, so teilte jeder die Anschauung der Frau Vauquer, die mit der strengen Logik alter Weiber, die ihre Abende mit Klatsch und Verdächtigungen verbringen, erklärte: »Wenn der Vater Goriot so reiche Töchter hätte, wie alle die Damen zu sein schienen, die ihn besucht haben, so wäre er hier nicht im Hause zu fünfundvierzig Franken im Monat und ginge nicht gekleidet wie ein Armenhäusler.«

Diese Folgerung war nicht zu widerlegen. So kam es, daß gegen Ende November 1819, zur Zeit, als unser Drama der Katastrophe entgegendrängte, jeder seine feste Meinung über den armen Alten hatte: er hatte niemals weder Frau noch Kind gehabt; leichtsinniger Lebenswandel hatte aus ihm eine Schnecke gemacht, eine anthropomorphe Molluske, einzureihen in die Klasse der Weichtiere, sagte ein Tischabonnent, ein Museumsbeamter. Poiret war ein Adler, ein Gentleman neben Goriot. Poiret sprach, widerlegte, scherzte. Allerdings waren seine Äußerungen ganz belanglos, denn er wiederholte immer nur mit anderen Worten, was die anderen schon gesagt hatten. Aber er trug doch zur Unterhaltung bei, er war lebhaft, schien gefühlvoll, wohingegen Vater Goriot – um nochmals den Museumsbeamten zu zitieren – stets auf dem Nullpunkt stand.

Eugen von Rastignac war aus den Ferien in einer Geistesverfassung zurückgekehrt, wie sie bedeutenden jungen Leuten oder solchen, denen eine schwierige Lage vorübergehend die Eigenschaften überlegener Männer verlieh, bekannt sein sollte. Im ersten Jahre seines Pariser Aufenthaltes hatte die Erwerbung der untersten Grade in der Fakultät keine große Arbeit von ihm verlangt und ihm reichlich Zeit gelassen, die Freuden der Großstadt zu kosten. Ein Student hat gar viel zu tun, wenn er das Repertoire eines jeden Theaters und alle Irrwege des Pariser Labyrinths kennen und sich an Brauch und Sprache und alle die eigenartigen Freuden der Hauptstadt gewöhnen will. Da gibt es gute und böse Orte zu besuchen und die Reichtümer zahlreicher Museen zu studieren. Man findet Nichtigkeiten erhaben und begeistert sich für sie; man hat seinen Großen, den man bewundert – irgendeinen Professor am Collège de France, der dafür bezahlt wird, daß er sich vor seinem Auditorium auf seiner Höhe behauptet; man rückt an seiner Halsbinde und gibt sich Haltung um der Damen willen, die im Ersten Rang der Opéra-Comique sitzen. Während man so allmählich in das Großstadtleben eingeweiht wird, häutet man sich gründlich, erweitert seinen Horizont und endet damit, die Stufenleiter der verschiedenen Stände wahrzunehmen, aus denen sich die menschliche Gesellschaft zusammensetzt. Hat man anfangs an einem heiteren Tage den Wagenkorso in den Champs-Eylsées bewundert, so kommt man bald dahin, bei diesem Anblick Neid zu fühlen. Als Eugen in die Ferien reiste, nachdem er Bakkalaureus der freien Künste und der Rechte geworden war, hatte auch er diese Lehrzeit hinter sich. Seine Kindheitsträume, seine Provinzanschauungen waren verschwunden. Seine Einsicht, sein Ehrgeiz war geweckt und gewährten ihm einen klaren Einblick in das väterliche Haus und das Familienleben dort. Sein Vater, seine Mutter, seine beiden Brüder, seine beiden Schwestern und eine Tante, deren Vermögen in einer Witwenpension bestand, lebten alle auf dem kleinen Gute Rastignac. Die Besitzung erbrachte jährlich etwa dreitausend Franken, und auch diese Einnahme war nur unsicher, denn sie hing von dem Ertrag der Weingärten ab; dabei mußten jährlich für ihn allein zwölfhundert Franken aufgebracht werden. Der Anblick dieser fortwährenden Not, die Gegenüberstellung seiner Schwestern, die er als Kind so schön gefunden, mit den Frauen von Paris, deren Schönheit seine kühnsten Träume verwirklicht hatte, die unsichere Zukunft seiner ganz auf ihn angewiesenen Familie, die ängstliche Sparsamkeit, mit der die kleinsten Erträgnisse weggeschlossen wurden, das Getränk, das für die Familie nur aus Trebern bereitet wurde, kurz, eine Fülle von Umständen, auf die ich hier nicht näher einzugehen brauche, verzehnfachten sein Verlangen, in die Höhe zu kommen, und erweckten in ihm den Durst nach Erfolg. Gleich allen großen Seelen wollte er aus eigenen Kräften vorwärts kommen. Aber er war ein echter Südfranzose; so würde er wahrscheinlich nie sehr entschlußfähig werden und stets zögern, voller Bedenken, wie sie etwa den jungen Mann befallen, der sich auf offenem Meer befindet und nicht weiß, wohin er steuern und wie er die Segel stellen soll. Wenn er zunächst daran dachte, sich Hals über Kopf in die Arbeit zu stürzen, so fiel ihm doch bald ein, daß er vor allem Verbindungen suchen müsse, und er bemerkte, welch großen Einfluß die Frauen im gesellschaftlichen Leben haben; er faßte also plötzlich den Entschluß, sich in das Gesellschaftsgetriebe zu stürzen, um sich Gönnerinnen zu erobern. Könnte es einem feurigen, geistvollen jungen Manne daran fehlen? Einem jungen Manne, der neben diesen wertvollen Eigenschaften auch eine vornehme Gestalt und kraftvolle Schönheit besaß, der sich die Frauen gern hingeben? Diese Gedanken kamen ihm draußen auf dem Felde, bei den frohen Spaziergängen, die er mit seinen Schwestern, denen er sehr verändert vorkam, zu unternehmen pflegte. Seine Tante, Frau von Marcillac, war in ihren jungen Jahren bei Hofe vorgestellt worden und hatte dort die Spitzen der Aristokratie kennen gelernt. Sogleich erkannte der ehrgeizige junge Mann in den Erinnerungen, die er von seiner Tante so oft hatte anhören müssen, die Grundlage für mehrere Eroberungen, die ihm ebenso wichtig schienen wie die, denen er in den juristischen Hörsälen nachging. Er erkundigte sich bei der Tante nach den verwandtschaftlichen Beziehungen, die vielleicht wieder angeknüpft werden könnten. Nachdem sie die Zweige des Stammbaumes tüchtig geschüttelt hatte, kam die alte Dame zu der Ansicht, daß von der ganzen egoistischen Schar ihrer reichen Verwandten die Frau Vicomtesse von Beauséant wohl am wenigsten abweisend sein dürfte. An diese junge Frau schrieb sie einen Brief und übergab ihn Eugen mit dem Bemerken, daß die Vicomtesse, falls sie sich für ihn interessiere, ihn auch seinen anderen Verwandten zuführen werde. Einige Tage nach seinem Wiedereintreffen in Paris sandte Rastignac den Brief seiner Tante an Frau von Beauséant. Die Vicomtesse erwiderte mit einer Einladung zu einem an einem der nächsten Tage angesetzten Ball.

So also sah es Ende November 1819 in der Familienpension aus. Einige Tage später kehrte Eugen vom Ball der Frau von Beauséant gegen zwei Uhr nachts heim. Um die verlorene Zeit wieder einzubringen, hatte der tapfere Student sich vorgenommen, bis zum Morgen durchzuarbeiten. Das sollte die erste Nacht sein, die er hier im stillen Stadtviertel durchwachte. Er hatte am Abend bereits nicht mehr in der Pension gespeist; seine Hausgenossen konnten also annehmen, daß er erst bei Tagesgrauen heimkehren werde, wie er das einigemal nach den Festen im Prado oder den Bällen im Odéon getan hatte. Bevor Christoph den Riegel vor die Tür schob, hatte er sie noch einmal aufgemacht, um auf die Straße zu sehen. In diesem Augenblick erschien Rastignac und konnte geräuschlos in sein Zimmer hinaufsteigen; ihm folgte Christoph, der um so mehr Lärm machte. Eugen zog sich aus, nahm einen alten Überrock um, zog Pantoffeln an, heizte seinen Ofen mit Torf und nahm seine Arbeit zur Hand. Christophs derber Schritt übertönte die leisen Geräusche dieser Vorbereitungen. Eugen blieb ein paar Minuten gedankenvoll sitzen, ehe er sich in die Arbeit stürzte. Er hatte in der Frau Vicomtesse von Beauséant eine der Königinnen von Paris kennen gelernt, deren Haus als eins der liebenswürdigsten im Faubourg Saint-Germain galt. Ferner gehörte sie sowohl wegen ihres Namens wie auch wegen ihres Vermögens zur höchsten Aristokratie. Dank seiner Tante Marcillac hatte der arme Student in jenem Hause gute Aufnahme gefunden, ohne sich der Tragweite dieser Gunst bewußt zu sein. Wer in diese goldenen Salons zugelassen war, den hatte man in den hohen Adel aufgenommen. Da er sich hier in dem exklusivsten Zirkel von ganz Paris hatte zeigen dürfen, so hatte er das Recht erlangt, überall hinzugehen. Geblendet von der glänzenden Gesellschaft, hatte Eugen, der kaum ein paar Worte mit der Vicomtesse wechseln konnte, sich begnügt, unter der Menge der Göttinnen, die hier durch die Säle drängten, eine einzige Frau auszuzeichnen, eine jener Frauen, die junge Leute stets zur Anbetung hinreißen. Die Gräfin Anastasia von Restaud war groß und schön gewachsen und galt als eine der hübschesten Erscheinungen von Paris. Sie hatte große schwarze Augen, eine wunder volle Hand, einen feingeschnittenen Fuß und feurige Bewegungen. Der Marquis von Ronquerolles nannte sie ein Vollblutpferd. Die Feinheit ihrer Sehnen beraubte sie keines anderen Vorzugs; sie hatte volle, runde Formen, ohne doch üppig zu sein. › Vollblutpferd‹, › Rasseweib‹, diese Benennungen begannen die › himmlischen Engel‹, die › ossianischen Gestalten‹, die ganze abgelegte Liebesmythologie zu ersetzen. Für Rastignac aber war Frau Anastasia von Restaud das Weib seiner Sehnsucht. Er hatte sich in der Liste der Tänzer, die sie auf ihren Fächer schrieb, zwei Plätze gesichert und hatte während des ersten Kontertanzes mit ihr sprechen können.

»Wo kann man Sie wiedersehen, gnädige Frau?« hatte er mit jener Leidenschaft gefragt, die den Frauen so gefällt, »Nun, überall,« erwiderte sie, »im Bois, im Bouffons, bei mir.«

Und der verwegene Südfranzose hatte sich beeilt, mit der entzückenden Gräfin in Beziehungen zu kommen, soweit dies während eines Kontertanzes und eines Walzers möglich sein konnte. Als er sich einen Vetter der Frau von Beauséant nannte, wurde er von seiner Dame, die er für eine der vornehmsten hielt, zu einem Besuch eingeladen. Nach dem letzten Lächeln, das sie ihm schenkte, empfand Rastignac seinen Besuch als notwendig. Dann hatte er das Glück gehabt, einem Manne zu begegnen, der sich nicht über seine Unkenntnis lustig machte, wie das wohl die vornehmen Spötter jener Zeit getan hätten: die Maulincour, Ronquerolles, Maxime von Trailles, von Marsay, Ajuda-Pinto, Vandenesse, die da in ihrem ganzen Glanz und Dünkel und im Kreise der vornehmsten Frauen auftraten: der Lady Brandon, der Herzogin von Langeais, der Gräfin von Kergarouet, der Frau von Sérizy, der Herzogin von Carigliano, der Gräfin Ferraud, der Frau von Lanty, der Marquise d'Aiglemont, der Frau Firmiani, der Marquise von Listomère und der Marquise d'Espard, der Herzogin von Maufrigneuse und der Grandlieu. Glücklicherweise geriet der naive Student an den Marquis von Montriveau, den Geliebten der Herzogin von Langeais, einen General mit der Geradheit eines Kindes, der ihm mitteilte, daß die Gräfin von Restaud in der Rue du Helder wohne. Jung sein und durstig nach dem Leben, hungrig nach einer Frau, und zwei Häuser für sich geöffnet sehen! Den Fuß in den Faubourg Saint-Germain zur Vicomtesse von Beauséant setzen und das Knie in der Chaussee d'Antin vor der Gräfin von Restaud beugen! Einen Blick in alle Pariser Salons werfen und sich für hübsch genug halten, im Herzen einer Frau Beistand und Förderung zu finden! Sich ehrgeizig genug fühlen, mit prächtigem Schwung das straff gespannte Seil zu betreten, auf dem man mit der Sicherheit des Berufsseiltänzers schreiten muß, und in einer reizenden Frau die beste Balancierstange gefunden haben! Mit solchen Gedanken und angesichts des Bildes jener Frau, das ihm da bei seinem Torffeuer zwischen dem Bürgerlichen Gesetzbuch und dem Elend der Mansarde umschwebte, – wer hätte nicht gleich Eugen der Zukunft nachgegrübelt, wer nicht sie mit Erfolgen ausgestattet? Seine schweifenden Gedanken rechneten so sicher auf zukünftige Freuden, daß er sich neben Frau von Restaud glaubte, als plötzlich ein Seufzer wie das Röcheln des heiligen Joseph das Schweigen der Nacht durchzitterte und im Herzen des jungen Mannes widerhallte. Er öffnete leise seine Tür, und als er auf den Gang hinaustrat, gewahrte er einen feinen Lichtstreifen, der unter Vater Goriots Tür hervorschimmerte. Eugen, der befürchtete, sein Nachbar könne sich unwohl befinden, brachte sein Auge ans Schlüsselloch, blickte ins Zimmer und sah den Greis bei einer Arbeit, die ihm zu verbrecherisch schien, als daß er nicht geglaubt hätte, der Menschheit einen Dienst zu erweisen, wenn er gut beobachtete, was der sogenannte Nudelfabrikant nächtlicherweile trieb. Vater Goriot, der irgendwie auf der Fläche eines umgelegten Tisches eine vergoldete Silberplatte und ein Kännchen zu befestigen gewußt hatte, wand um diese reich verzierten Gegenstände so etwas wie einen Draht und zog diesen mit solcher Gewalt an, daß er sie tatsächlich zusammendrückte und einen Klumpen daraus machte.

› Pest! Welch ein Mann!‹ sagte sich Rastignac, als er die sehnigen Arme des Greises erblickte, der da lautlos mit seinem Draht das Silber zu Blei preßte. › Sollte er ein Dieb oder ein Hehler sein, der um seiner Sicherheit willen sich dumm und hilflos stellt und wie ein Bettler lebt?‹ dachte Eugen und richtete sich einen Augenblick auf.

Von neuem legte der Student das Auge ans Schlüsselloch. Vater Goriot, der seinen Draht abgewickelt hatte, nahm die Silbermasse, breitete die Tischdecke über den Tisch und rollte den Klumpen darauf hin und her, um ihn zu einem Barren abzurunden. Er tat seine Arbeit mit staunenswerter Leichtigkeit.

› So wäre er also ebenso stark wie König August von Polen?‹ fragte sich Eugen, als der runde Barren einigermaßen in Form gebracht war.

Vater Goriot sah sein Werk mit trauriger Miene an, Tränen rannen ihm aus den Augen, er löschte den Wachsstock, bei dessen Licht er das Silber zerdrückt hatte, und Eugen hörte, wie er sich mit einem Seufzer niederlegte.

› Er ist toll‹, dachte der Student.
»Armes Kind!« sagte Vater Goriot laut.

Auf diesen Ausruf hin hielt Rastignac es für klug, über das Gesehene Schweigen zu bewahren und seinen Nachbar nicht unbedachterweise zu verdächtigen. Er wollte in sein Zimmer zurückgehen, als er plötzlich ein schwer zu beschreibendes Geräusch vernahm, das von Menschen herrühren mußte, die auf Filzsohlen die Treppe heraufkamen. Eugen lehnte sich horchend hinunter und vernahm in der Tat das unregelmäßige Atmen zweier Männer. Ohne das Öffnen einer Tür oder Menschentritte deutlich gehört zu haben, sah er plötzlich im zweiten Stock bei Herrn Vautrin einen schwachen Lichtschein.

› Was für Geheimnisse in einer Familienpension!‹ sagte er sich.

Er ging ein paar Stufen hinunter und begann zu horchen: der Klang von Goldstücken drang an sein Ohr. Bald erlosch drunten das Licht, und das doppelte Atmen ließ sich wieder hören, ohne daß man das Geräusch einer Tür vernommen hätte. Die beiden Männer stiegen hinab, und alles wurde wieder still.

»Wer geht da draußen?« rief Frau Vauquer, die ihr Fenster geöffnet hatte. »Ich bin es, Mama Vauquer, ich komme soeben nach Hause«, sagte Vautrin mit seiner derben Stimme.

› Sonderbar! Christoph hatte doch das Tor verriegelt‹, sagte sich Eugen, als er wieder in sein Zimmer trat. › In Paris muß man wachen, wenn man erfahren will, was die lieben Nachbarn treiben.‹

Von seinen ehrgeizigen Liebesgedanken durch diese kleinen Vorfälle abgelenkt, machte er sich an die Arbeit. Aber da er zerstreut war durch den Verdacht, den er gegen Vater Goriot hegte, und noch zerstreuter durch die Gestalt der Frau von Restaud, die ihm wie der Bote einer strahlenden Zukunft erschien, legte er sich schließlich nieder und schlief ein. Von zehn Nächten, die die jungen Leute der Arbeit opfern wollen, geben sie sieben dem Schlaf. Man muß älter als zwanzig Jahre sein, um wachen zu können.

Am anderen Morgen herrschte in Paris einer jener dichten Nebel, die alles so verhüllen und trüben, daß selbst die pünktlichsten Leute sich in der Zeit täuschen lassen. Geschäftliche Unterredungen werden versäumt. Jeder meint, es sei erst acht Uhr, wenn es Mittag schlägt. Es war halb zehn, und Frau Vauquer hatte sich noch nicht aus dem Bette gerührt. Christoph und die dicke Sylvia, die sich ebenfalls verspätet hatten, tranken still ihren Kaffee; den Rahm dazu entnahmen sie der für die Pensionäre bestimmten Milch, die Sylvia daraufhin recht lange kochen ließ, damit Frau Vauquer von diesem unrechtmäßig erhobenen Zehnten nichts merke.

»Sylvia,« sagte Christoph, seine Brotschnitte eintauchend, »Herr Vautrin, der trotzdem ein braver Kerl ist, hat heute nacht wieder zwei Leute bei sich gehabt. Unsere Frau hat vielleicht etwas gehört, Sie müssen ihr aber nichts sagen.« »Hat er Ihnen etwas gegeben?« »Er hat mir hundert Sous Trinkgeld für den Monat gegeben; das soll wohl soviel heißen wie: Halt den Mund!« »Außer ihm und Frau Couture, die beide nicht knauserig sind, möchten sie uns alle am liebsten mit der linken Hand nehmen, was sie uns am Neujahrstag mit der rechten geben«, sagte Sylvia. »Was geben sie denn überhaupt!« bemerkte Christoph; »einen abgelegten Anzug und hundert Sous. Der Vater Goriot aber putzt sich schon seit zwei Jahren die Schuhe selber. Der Poiret, dieser Knauser, besorgt mir keine Wichse und würde sie lieber selber fressen als auf seine Stiefel schmieren. Der Luftikus von Student gibt mir vierzig Sous. Da kosten mich ja schon die Bürsten mehr; und seine alten Anzüge verkauft er noch über dem Wert. So ein Pack!« »Pah!« machte Sylvia und nahm kleine Schlückchen von ihrem Kaffee, »unsere Stellen sind noch die besten hier im Viertel; man kann es aushalten. Übrigens ... der dicke Papa Vautrin ... hat man Ihnen etwas über ihn gesagt, Christoph?« »Ja. Vor ein paar Tagen begegnete mir ein Herr, der mich fragte: › Wohnt nicht bei euch ein großer, starker Herr, der sich seinen Bart färbt?‹ Ich antwortete: › Nein, Herr, er färbt ihn nicht. Ein so lebenslustiger Mann wie er hat dazu keine Zeit.‹ Ich habe das dann Herrn Vautrin erzählt, und der sagte: › Gut gemacht, alter Junge; Antworte nur immer so! Nichts ist unangenehmer, als wenn unsere kleinen Schwächen bekannt werden. Das kann unter Umständen sogar eine Heirat zerschlagen.‹« »Also, mich hat man neulich auf dem Markt auch ausholen wollen. Man hat mich gefragt, ob ich ihn schon hätte sein Hemd wechseln sehn. Solche Dummheit! ... Da,« unterbrach sie sich selbst, »schon schlägt es vom Val-de-Grâce drei Viertel zehn, und noch rührt sich keiner!« »Ach was! sie sind alle ausgegangen. Frau Couture und das Fräulein sind um acht Uhr nach Saint-Étienne zum heiligen Abendmahl. Der Vater Goriot ist mit einem Paket fortgegangen. Der Student kommt erst nach den Vorlesungen, um zehn. Ich habe sie alle gesehen, als ich die Treppe kehrte. Der Vater Goriot hat mir mit seinem Paket einen Stoß gegeben. Das Ding war hart wie Eisen. Was treibt er eigentlich, der Alte? Sie haben ihn alle zum Narren, die andern; aber er ist trotzdem ein guter Mann, der mehr wert ist als sie alle. Er gibt ja nicht viel, aber die Damen, zu denen er mich manchmal schickt, geben großartige Trinkgelder und sind immer prächtig angezogen.« »Die, die er seine Töchter nennt, was? Es ist ein ganzes Dutzend.« »Ich bin immer nur bei zweien gewesen, bei denselben, die ihn hier besucht haben.« »Da, die Frau rührt sich; sie wird Lärm schlagen. Ich muß hin. Geben Sie acht auf die Milch, Christoph, und auf die Katze!«

»Wie, Sylvia, es ist schon drei Viertel zehn? Du hast mich schlafen lassen wie ein Murmeltier. So etwas ist ja noch gar nicht vorgekommen!« »Das kommt von dem Nebel; man kann ihn mit Messern schneiden.« »Aber das Frühstück?« »Pah! Die Pensionäre haben den Teufel im Leib; sie sind alle schon frühmorgens auf und davon.« »Sprich doch anständig, Sylvia!« erwiderte Frau Vauquer. »Ja, ja, Madame, schon recht. Um zehn Uhr können Sie frühstücken. Die Michonnette und der Poiret haben sich noch nicht gerührt. Das sind die einzigen, die zu Hause sind, und sie schlafen wie die Klötze.« »Aber Sylvia, du tust die beiden zusammen, als ob ...« »Als ob was?« erwiderte Sylvia mit dummem Lachen. »Die beiden geben ein Paar.« »Das ist doch merkwürdig, Sylvia: wie ist denn Herr Vautrin heute nacht hereingekommen? Christoph hatte doch den Riegel schon vorgeschoben?« »Im Gegenteil, Madame. Er hörte Herrn Vautrin kommen und ist hinuntergegangen, um ihm aufzumachen. Und da haben Sie nun gedacht ...« »Gib mir meinen Morgenrock, und geh schnell das Frühstück besorgen! Trage den Rest vom Hammelbraten auf, mit Kartoffeln und Birnenkompott, von den Birnen, die zwei Centimes das Stück kosten.«

Ein paar Minuten später trat Frau Vauquer unten im Speisesaal ein, gerade als die Katze mit geschicktem Pfotenschlag den Deckel von einem Milchtopf heruntergeworfen hatte und eilig die Milch aufleckte.

»Mutzi, Mutzi!« rief die Witwe.
Die Katze entfloh mit einem Satz, kam aber bald zurück und rieb sich an den Beinen der Herrin.

»Ja, ja, mach deinen Buckel, alter Sünder!« sagte sie. »Sylvia! Sylvia!« »Was gibts, Madame?« »Sieh nur, was die Katze gesoffen hat!« »Daran ist dieser dumme Christoph schuld. Ich hatte ihm doch gesagt, er sollte die Schüsseln zudecken! Welches Näpfchen ist es denn? – Beruhigen Sie sich, Madame, das ist die Milch für Vater Goriots Kaffee. Ich werde ein wenig Wasser zusetzen, er wird es nicht merken. Er gibt auf gar nichts acht, nicht einmal auf das, was er ißt.« »Wohin ist er eigentlich gegangen, der alte Chinese?« fragte Frau Vauquer, die Teller verteilend. »Weiß man das denn? Der hat ja hundert Geschäftchen!« »Ich habe zu lange geschlafen«, sagte Frau Vauquer. »Aber dafür ist Madame auch frisch wie eine Rose ...«

In diesem Augenblick ertönte die Torglocke, und Vautrin trat singend in den Salon:

»Ich hab mich weit umhergetrieben,
Um mir die Weiber zu beschaun ...

Ah, ah! Guten Tag, Mama Vauquer!« sagte er, die Wirtin gewahrend, und küßte ihr galant die Hand. »Nun, nun, hören Sie endlich auf ...« »Sagen Sie: frecher Kerl!« entgegnete er. »Nun, sagen Sie's doch! Wollen Sie's schleunigst sagen! Kommen Sie, ich werde Ihnen den Tisch decken helfen. Ach, ich bin liebenswürdig, nicht wahr?

Tät ich mich heut in Blond verlieben,
So tät ichs morgen schon in Braun.

Ich habe etwas Merkwürdiges gesehen ...« »Was?« fragte die Witwe. »Vater Goriot war um halb neun in der Rue Dauphine beim Goldschmied, der alte Tafelgeschirre und Tressen kauft. Dem hat er für ein hübsches Sümmchen ein silbernes Tablett mit Kanne verkauft. Für einen, der nicht vom Handwerk ist, hatte er die Sachen recht tüchtig in Klumpen gedrückt.« »Ach, wahrhaftig?« »Ja. Ich hatte einen Freund, der ins Ausland reist, zum Postwagen gebracht und kehrte hierher zurück; da habe ich dann auf Vater Goriot gewartet, um ihn weiter zu beobachten. Es ist zum Lachen. Er ging hier ganz nahe in die Rue des Grès und trat dort in das Haus eines bekannten Wucherers namens Gobseck, eines üblen Kerls, der fähig ist, mit den Gebeinen seines Vaters Domino zu spielen; ein Jude, ein Araber, ein Grieche, ein Zigeuner, – ein Mann der nicht leicht einzuschätzen ist und seine Taler auf der Bank hat.« »Was tut denn dieser Vater Goriot?« »Gar nichts«, sagte Vautrin; »er vertut! Er ist ein Dummkopf, der sich aus Liebe zu den Mädchen ruiniert.« »Da kommt er«, sagte Sylvia.

»Christoph,« rief Vater Goriot, »komm, geh mit mir hinauf!« Christoph folgte dem Vater Goriot und kam bald wieder herunter.

»Wohin gehst du?« fragte Frau Vauquer ihren Hausknecht. »Eine Besorgung machen für Herrn Goriot.« »Was ist denn das da?« sagte Vautrin und riß Christoph einen Brief aus der Hand, dessen Aufschrift er laut vorlas: »› An die Frau Gräfin Anastasia von Restaud.‹ Und du gehst ...?« fragte er, Christoph den Brief zurückgebend. »In die Rue du Helder. Ich habe Auftrag, den Brief nur der Gräfin selbst auszuhändigen.« »Was mag drin sein?« sagte Vautrin, den Brief gegen das Licht haltend; »eine Banknote? Nein.« Er öffnete den Umschlag ein wenig. »Ein eingelöster Wechsel!« rief er. »Teufel, er ist galant, der Alte! Geh, du Schlingel,« sagte er, mit seiner großen Hand Christoph so derb in die Haare fahrend, daß sich dieser wie ein Kreisel drehte, »du wirst ein schönes Trinkgeld kriegen.«

Der Tisch war gedeckt. Sylvia ließ die Milch kochen. Frau Vauquer heizte den Ofen, und Vautrin half ihr dabei und summte:

»Ich hab mich weit umhergetrieben,
Um mir die Weiber zu beschaun ...«

Als alles fertig war, kamen Frau Couture und Fräulein Taillefer nach Hause.

»Wo waren Sie denn schon so früh am Morgen, verehrte Dame?« wandte Frau Vauquer sich an Frau Couture. »Wir haben in Saint-Étienne du Mont unsere Andacht verrichtet, müssen wir doch heute zu Herrn Taillefer gehen. Die arme Kleine, sie zittert wie Espenlaub«, sagte Frau Couture und setzte sich an den Kamin, um ihre dampfenden Schuhe zu trocknen. »Wärmen Sie sich doch auch, Viktorine!« sagte Frau Vauquer. »Es ist recht, Fräulein, daß Sie Gott bitten, das Herz Ihres Vaters zu erweichen«, sagte Vautrin, der Waise einen Stuhl hinschiebend. »Aber das genügt nicht. Sie bedürfen eines Freundes, der es übernähme, diesem Schmutzian die Meinung zu sagen – diesem Geizkragen, der drei Millionen haben soll und Ihnen keine Mitgift gibt. Auch ein hübsches Mädchen braucht heutzutage eine Mitgift.« »Armes Kind!« sagte Frau Vauquer; »geben Sie acht, Kleine, Ihr Ungeheuer von Vater wird noch mit Absicht das Unglück auf sich herabrufen!« Bei diesen Worten füllten sich Viktorines Augen mit Tränen, und die Witwe hielt auf ein Zeichen Frau Coutures inne.

»Wenn wir ihn nur sehen könnten, wenn ich ihn sprechen, ihm den letzten Brief seiner Frau übergeben könnte!« erwiderte die Beamtenwitwe. »Ich habe nie gewagt, den Brief der Post anzuvertrauen; er kennt meine Handschrift ...« »O Frauen, unschuldige, unglückliche und verfolgte Frauen!« fiel Vautrin ihr ins Wort; »so schlimm steht es mit euch? In einigen Tagen werde ich mich Ihrer Angelegenheit annehmen, und alles wird gut gehen.« »O mein Herr,« sagte Viktorine und warf Vautrin einen feuchten und doch brennenden Blick zu, »wenn Sie ein Mittel wüßten, zu meinem Vater zu gelangen, so sagen Sie ihm, daß seine Zuneigung und die Ehre meiner Mutter mir kostbarer sind als alle Reichtümer der Welt. Wenn Sie es erreichten, ihn ein wenig milder zu stimmen, – ich würde für Sie zu Gott beten. Seien Sie überzeugt, daß meine Dankbarkeit ...«

»Ich hab mich weit umhergetrieben ...«

sang Vautrin mit ironischem Tonfall.

Goriot, Fräulein Michonneau und Poiret traten jetzt ein, vermutlich von dem Duft der braunen Butter angelockt, mit der Sylvia den Rest des Hammelbratens anrichtete. Man begrüßte einander und setzte sich zu Tisch; es schlug zehn Uhr. Man hörte von der Straße her den Schritt des Studenten.

»Ah, guten Tag, Herr Eugen,« sagte Sylvia, »heute werden Sie ja mal mit allen andern frühstücken.«
Der Student begrüßte die Pensionäre und nahm neben Vater Goriot Platz.

»Ich habe soeben ein merkwürdiges Abenteuer erlebt«, sagte er, indem er sich ein kräftiges Stück Braten nahm und eine Scheibe Brot abschnitt, die Frau Vauquer wie immer mit entsetzten Blicken maß. »Ein Abenteuer?« fragte Poiret. »Weshalb sind Sie darüber verwundert, altes Haus?« sagte Vautrin zu Poiret; »der Herr sieht doch wohl danach aus, als könnte er Abenteuer haben.«

Fräulein Taillefer warf einen schüchternen Blick auf den jungen Studenten.
»Erzählen Sie uns Ihr Abenteuer!« bat Frau Vauquer.

»Ich war gestern auf dem Ball der Frau Vicomtesse von Beauséant, meiner Cousine, die ein prachtvolles Haus besitzt, Zimmer, die mit Seide tapeziert sind, – kurz, sie gab uns ein glänzendes Fest, und ich habe mich unterhalten wie ein König ...« »Zaun ...«, fiel Vautrin ihm ins Wort. »Mein Herr,« erwiderte Eugen heftig, »was wollen Sie damit sagen?« »Ich sage Zaun..., weil die Zaunkönige sich viel besser unterhalten als die Könige.« »Ja, das ist wahr, ich wäre lieber solch ein kleiner sorgloser Vogel als ein König, weil ...«, sagte Poiret, der Jasager. »Also,« schnitt ihm der Student die Rede ab, »ich tanzte mit einer der schönsten Frauen, einer entzückenden Gräfin, dem herrlichsten Geschöpf, das ich je gesehen habe. Sie hatte ein Diadem von Pfirsichblüten und im Gürtel den allerschönsten Blumenstrauß, – lebende Blumen, die dufteten; aber ach, Sie hätten sie sehen sollen; es ist unmöglich, eine Frau zu schildern, die vom Tanzen angeregt ist! Also heute morgen bin ich der göttlichen Gräfin begegnet; es war neun Uhr, und sie ging zu Fuß durch die Rue des Grès. Oh, mein Herz schlug, ich stellte mir vor ...« »Daß sie hierher käme«, sagte Vautrin, dem Studenten einen scharfen Blick zuwerfend; »sie ging wahrscheinlich zu Papa Gobseck, dem Wucherer. Wenn Sie jemals die Herzen der Pariserinnen durchforschen, so werden Sie darin zunächst den Wucherer und dann erst den Geliebten finden. Ihre Gräfin heißt Anastasia von Restaud und wohnt Rue du Helder.«

Der Student sah Vautrin starr an. Vater Goriot hob hastig den Kopf und warf den beiden Sprechern einen hellen und beunruhigten Blick zu, der die Pensionäre erstaunte.

»Christoph wird zu spät kommen, sie ist also schon hingegangen!« rief Goriot schmerzlich aus.
»Ich habe es erraten«, sagte Vautrin leise zu Frau Vauquer.
Goriot aß mechanisch und ohne zu wissen, was. Nie hatte er dümmer und geistesabwesender ausgesehen als jetzt.

»Wer, zum Teufel, hat Ihnen ihren Namen sagen können, Herr Vautrin?« fragte Eugen. »Ja ...« entgegnete Vautrin, »Vater Goriot wußte ihn ... der! Weshalb hätte ich ihn nicht wissen sollen!« »Herr Goriot?« rief der Student. »Wie?« sagte der arme Alte! »sie war also sehr schön gestern?« »Wer?« »Frau von Restaud.« »Sehen Sie den alten Lump,« sagte Frau Vauquer zu Vautrin, »wie seine Augen sich beleben!« »Er hält sie also aus?« flüsterte Fräulein Michonneau dem Studenten zu. »O ja, sie war rasend schön!« erwiderte Eugen, den Vater Goriot begierig anblickte. »Wäre Frau von Beauséant nicht, meine göttliche Gräfin wäre die Königin des Festes gewesen; die jungen Leute hatten nur Augen für sie; ich war der zwölfte auf ihrer Tanzkarte, sie tanzte alle Kontertänze. Die andern Frauen ärgerten sich wütend. Wenn eine gestern glücklich gewesen ist, so war sie es. Man hat sehr recht, zu sagen, daß es nichts Schöneres gibt als ein Schiff unter Segel, ein Pferd im Galopp und ein Weib beim Tanz.« »Gestern hoch oben auf der Glücksleiter, bei einer Herzogin,« sagte Vautrin, »heute morgen tief unten, bei einem Wucherer: da hat man die Pariserin! Kann der Gemahl ihren zügellosen Luxus nicht bezahlen, so verkauft sie sich. Hat sie dazu Geschick, so raubt sie ihre Mutter bis auf die Eingeweide aus. Sie kennt hunderttausend Schliche!«

Vater Goriots Antlitz, das bei der Erzählung des Studenten aufgeleuchtet hatte, wurde bei der grausamen Bemerkung Vautrins wieder düster und traurig.

»Nun also,« sagte Frau Vauquer, »wo bleibt denn Ihr Abenteuer? Haben Sie sie gesprochen? Haben Sie sie gefragt, ob sie vielleicht die Rechte studieren wolle?« »Sie hat mich nicht gesehen«, sagte der Student. »Aber ist es nicht seltsam genug, morgens um neun Uhr in der Rue des Grès einer der schönsten Frauen von Paris zu begegnen, einer Frau, die erst um zwei Uhr vom Balle heimgekommen sein konnte? Solche Abenteuer sind nur in Paris möglich!« »Pah, es gibt noch ganz andere!« rief Vautrin.

Fräulein Taillefer hatte kaum zugehört, so sehr waren ihre Gedanken bei dem schweren Gang, den sie heute zu machen hatte. Frau Couture machte ihr ein Zeichen, aufzustehen, um sich anzukleiden. Als die beiden Damen hinausgingen, schloß Goriot sich ihnen an.

»Nun, haben Sie ihn gesehen?« sagte Frau Vauquer zu Vautrin und ihren Pensionären. »Es ist klar, daß er sich für seine Damen ruiniert hat.« »Niemals wird man mich glauben machen, daß die schöne Gräfin von Restaud dem Vater Goriot gehört!« rief der Student. »Aber«, unterbrach ihn Vautrin, »wir haben auch gar nicht die Absicht, Sie davon zu überzeugen. Sie sind noch zu jung, Paris gut zu kennen; später einmal werden Sie wissen, daß bei uns auch alte Leute ihre Leidenschaften haben.«

Fräulein Michonneau sah Vautrin verständnisvoll an, man hätte sagen können, wie ein Regimentspferd beim Klange des Trompetensignals aufschaut.

»Ha,« unterbrach sich Vautrin, um ihr einen tiefen Blick zuzuwerfen, »haben denn nicht auch wir unsere kleinen Leidenschaften gehabt?«

Die alte Jungfer senkte den Blick, wie eine Nonne vor antiken Statuen.

»Also,« fuhr er fort, »solche Leute setzen sich etwas in den Kopf und lassen nicht mehr davon ab. Sie haben Durst nur nach einem bestimmten Wasser aus einer bestimmten Quelle, die oft recht trübe ist; um davon zu trinken, würden sie ihre Frauen, ihre Kinder verkaufen; sie würden selbst ihre Seele dem Teufel verschreiben. Für die einen ist dieser Quell das Spiel, die Börse, eine Bilder- oder Insektensammlung, die Musik; für die andern ist es ein Weib, das ihnen besondere Genüsse zu reichen weiß. Ihnen könnten Sie alle Frauen der Erde bieten, sie würden sie verachten; sie wollen nur jene, die ihre Leidenschaft befriedigt. Oft mag das betreffende Weib sie gar nicht, behandelt sie hart, verkauft ihnen gar teuer die Brocken der Liebe; doch diese Narren lassen nicht ab und würden ihre letzte Decke zum Leihhaus tragen, um ihr den letzten Taler zu bringen. Der Vater Goriot ist einer jener Leute. Die Gräfin beutet ihn aus, weil er verschwiegen ist; und da haben wir das Elend! Der arme Alte denkt nur an sie. Abgesehen von dieser Leidenschaft ist er ein einfältiges Tier, – Sie sehen es ja. Bringen Sie ihn aber auf das betreffende Kapitel, so erhellt sich sein Gesicht wie ein Diamant. Es ist nicht schwer, hinter das Geheimnis zu kommen. Er hat heute Silbersachen zum Einschmelzen verkauft, und später habe ich ihn zu Papa Gobseck, Rue des Grès, hineingehen sehen. Merken Sie auf! Heimgekehrt, hat er den Esel, den Christoph, zur Gräfin Restaud geschickt; der hat uns die Aufschrift des Briefes, in dem sich ein eingelöster Wechsel befand, sehen lassen. Es ist klar, daß die Sache sehr dringend war, da die Gräfin ebenfalls den Wucherer aufgesucht hat. Vater Goriot hat galant für sie bezahlt. Man braucht nicht lange zu tüfteln, um hierin klar zu sehen. Das beweist Ihnen, mein junger Student, daß Ihre Gräfin, während sie lachte, tanzte, Grimassen schnitt, ihre Pfirsichblüten schwenkte und ihr Kleid raffte, recht arg der Schuh drückte, wie man sagt, im Gedanken an ihren fälligen Wechsel oder den ihres Liebhabers.« »Sie machen mich unglaublich begierig, die Wahrheit zu erfahren. Ich gehe morgen zu Frau von Restaud«, rief Eugen. »Ja,« sagte Poiret, »gehen Sie morgen zu Frau von Restaud!« »Sie treffen dort vielleicht Goriot, den Biedermann, der für seine Galanterie die Zinsen einzuheimsen sucht«, bemerkte Vautrin. »Aber«, fragte Eugen voller Ekel, »ist denn Ihr Paris ein Mistpfuhl?« »Und ein recht seltsamer dazu«, entgegnete Vautrin. »Die, die sich zu Wagen darin beschmutzen, sind geachtete Leute, aber die, die sich zu Fuß beschmutzen, sind Schurken. Haben Sie Unglück, bringen Sie irgendeine Kleinigkeit beiseite, so stellt man Sie vor dem Justizpalast zur Schau wie ein sehenswürdiges Ungeheuer. Stehlen Sie eine Million, so preist man Sie in den Salons als Tugendbold. Man zahlt dreißig Millionen an die Gendarmerie und Gerichtsbarkeit, um diese Moral aufrecht zu erhalten ... Hübsch!« »Wie,« rief Frau Vauquer, »Vater Goriot sollte sein silbernes Service zum Einschmelzen gebracht haben?« »Sind nicht zwei Tauben auf dem Kannendeckel?« fragte Eugen. »Ja, ganz recht.« »Er muß sehr daran gehangen haben; er weinte, als er Kanne und Schüssel zusammendrückte. Ich sah es zufällig«, bemerkte Eugen. »Er hütete es wie seinen Augapfel«, erwiderte die Witwe. »Sehen Sie, wie er in seine Leidenschaft verrannt ist!« rief Vautrin. »Dieses Weib versteht es, ihm die Seele zu kitzeln.«

Der Student ging in sein Zimmer hinauf. Vautrin ging aus. Einige Augenblicke später stiegen Frau Couture und Viktorine in einen Wagen, den Sylvia ihnen geholt hatte. Poiret bot Fräulein Michonneau den Arm, und beide begaben sich für die zwei Sonnenstunden des Tages in den Botanischen Garten.

»Seht, seht, da hätten wir sie ja so gut wie verheiratet«, sagte die dicke Sylvia. »Sie gehen heute zum er sten Mal zusammen aus. Sie sind beide so dürr, daß sie sich nicht aneinander stoßen dürfen, sonst flammen sie auf wie Zunder.« »Fräulein Michonneaus Schal ist ja allein schon der reinste Zunder«, lachte Frau Vauquer.

Um vier Uhr nachmittags, als Goriot heimkehrte, gewahrte er beim Scheine zweier qualmender Lampen, daß Viktorines Augen gerötet waren. Frau Vauquer ließ sich den Hergang des dem Herrn Taillefer am Vormittag abgestatteten fruchtlosen Besuches berichten. Taillefer, den die Behaglichkeit der Frauen ärgerte, hatte sie endlich empfangen, um sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

»Meine Liebe,« sagte Frau Couture zu Frau Vauquer, »stellen Sie sich vor, daß er Viktorine nicht einmal einen Stuhl anbot; sie mußte die ganze Zeit stehen. Mir sagte er ganz einfach, ohne sich im geringsten aufzuregen, wir möchten uns künftig doch die Mühe dieser Besuche sparen. Das Fräulein – so nannte er seine Tochter – schade sich nur in seinen Augen, wenn sie ihn so belästige (einmal im Jahr, so ein Ungeheuer!); sie habe übrigens gar nicht das Recht, Ansprüche zu stellen, da ihre Mutter bei der Heirat vermögenslos gewesen sei. Er sagte die härtesten Dinge, so daß die arme Kleine in Tränen hinschmolz. Sie hat sich ihm dann zu Füßen geworfen und mutig gesagt, daß sie nur um der Mutter willen darauf bestanden habe, ihn zu sprechen, daß sie seinen Befehlen widerstandslos gehorchen wolle, daß sie ihn aber anflehe, den letzten Willen der armen Verstorbenen zu lesen. Sie nahm den Brief und hielt ihn ihm hin und sagte die schönsten und gefühlvollsten Dinge von der Welt, – ich weiß nicht, wo sie sie hernahm, Gott hat sie ihr eingegeben, denn das arme Mädchen sprach so ergreifend, daß ich weinte wie ein Schloßhund, als ich sie hörte. Wissen Sie, was er tat, dieses Scheusal von Mann? Er beschnitt sich die Nägel! Er nahm den Brief, den die arme Frau Taillefer mit so viel Tränen getränkt hat, und warf ihn auf den Kaminsims. › Es ist gut‹, sagte er und wollte seiner Tochter aufhelfen; sie griff nach seinen Händen, um sie zu küssen, aber er zog sie zurück. Ist das nicht eine Schurkerei? Der große Tölpel, sein Sohn, trat ein, ohne seine Schwester zu begrüßen.« »Sind das denn Ungeheuer?« rief Vater Goriot aus. »Und dann«, fuhr Frau Couture fort, ohne den Ausruf des Alten zu beachten, »sind Vater und Sohn gegangen, indem sie mich baten, sie zu entschuldigen; sie hätten eilige Geschäfte. Das war alles! Wenigstens hat er endlich seine Tochter gesehen. Ich begreife nicht, wie er sie verleugnen kann; sie gleicht ihm wie ein Wassertropfen dem anderen.«

Pensionäre und Kostgänger trafen jetzt nach und nach ein; sie begrüßten sich gegenseitig und sagten einander jene Nichtigkeiten, die in gewissen Pariser Gesellschaftsklassen den Humor vertreten, alberne Dummheiten, deren Wert lediglich auf einer Geste oder einer bestimmten Betonung beruht. Solche Scherzreden wechseln oft, leben kaum einen Monat lang. Ein politisches Ereignis, ein Skandalprozeß, ein Gassenhauer, das Witzwort eines Schauspielers, – alles liefert den Stoff zu diesem geistvollen Spiel, das hauptsächlich darin besteht, Äußerungen aufzufangen und weiterzugeben wie Federbälle. Die kürzlich erfolgte Erfindung des Dioramas, das in weit vollkommenerem Maße als das Panorama eine optische Täuschung hervorzubringen wußte, hatte in einigen Malerateliers den Spaß gezeitigt, von allem als ›-rama‹ zu sprechen, eine Redewendung, die ein junger Maler, der zu den Kostgängern des Hauses Vauquer gehörte, hier eingeführt hatte.

»Nun, verehrter Herr Poiret,« sagte der Museumsbeamte, »was macht unsere Gesundheitrama?« Ohne eine Antwort abzuwarten, begrüßte er Frau Couture und Viktorine: »Meine Damen, Sie haben Kummer?« »Wollen wir nicht › mahlzeiten‹?« rief Horace Bianchon, Student der Medizin und Rastignacs Freund; »mein kleiner Magen ist heruntergerutscht usque ad talones.« »Heute ist eine fabelhafte Frierorama!« sagte Vautrin. »Machen Sie doch Platz, Vater Goriot! Zum Teufel! Ihr Fuß nimmt ja den ganzen Kamin für sich in Anspruch.« »Erhabener Herr Vautrin,« sagte Bianchon, »weshalb sagen Sie Frierorama? Das ist falsch, es heißt Frostorama.« »Nein,« sagte der Museumsbeamte, »es heißt Frierorama, nach der Regel: › Ich friere an die Füße.‹« »Aha!« »Hier kommt Seine Exzellenz der Marquis von Rastignac, Doktor der Rechte und Pflichten«, rief Bianchon, faßte Eugen um den Hals und drückte ihn mit aller Gewalt an sich. »Hurra, da sind auch die andern!«

Fräulein Michonneau trat leise ein, grüßte stumm und setzte sich zu den drei Frauen.

»Sie macht mich immer schaudern, die alte Fledermaus«, sagte Bianchon leise zu Vautrin und zeigte auf Fräulein Michonneau. »Ich, der ich das Gallsche System studiere, entdecke an ihr die Stirnhöcker des Judas.« »Kennen Sie sie so genau?« fragte Vautrin. »Wer kennte sie nicht!« erwiderte Bianchon. »Mein Wort, diese alte, bleichsüchtige Jungfer kommt mir vor wie so ein langer Wurm, der nach und nach einen ganzen Balken zernagt.« »Ja, junger Mann, das ist nun so«, sagte der Vierzigjährige, seinen Backenbart kämmend.

»Und Rosa, sie lebte, wie Rosen es tun,
Einen einzigen Morgen nur.«

»Sieh da, eine herrliche Suppe mit Rama«, sagte Poiret, als Christoph feierlich mit der Suppenterrine eintrat. »Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Frau Vauquer, »es ist Suppe mit Kohl.«

Alle jungen Leute brachen in Lachen aus.

»Reingefallen, Poiret!« »Poirrrrette reingefallen!« »Zwei Points für Frau Vauquer«, sagte Vautrin. »Hat jemand heute den furchtbaren Nebel bemerkt?« fragte der Beamte. »Es war«, sagte Bianchon, »ein toller, trauriger, kläglicher, grüner, drückender Nebel, ein Goriotscher Nebel.« »Mehr noch, Goriotrama,« sagte der Maler, »denn man sah nicht einmal die Hand vor den Augen.« »He, Mylord Gaoriotte, es sein Rede von Sie.«

Vater Goriot, der am Ende der Tafel saß, nahe bei der Tür, durch die man die Speisen auftrug, hob den Kopf, während er an einem Stück Brot roch, das er unter der Serviette hielt, – eine ab und zu wieder auftauchende Gewohnheit aus seiner Berufszeit.

»Nun,« rief Frau Vauquer giftig, mit einer Stimme, die den Lärm der Tafelnden noch übertönte, »finden Sie etwa das Brot nicht gut?« »O nein, im Gegenteil,« erwiderte er, »es ist aus Mehl von Étampes bereitet, erste Qualität.« »Woran erkennen Sie das?«, fragte ihn Eugen. »An der Weiße und an dem Geschmack.« »Am Geschmack der Nase, da Sie daran riechen«, sagte Frau Vauquer. »Sie werden so sparsam, daß Sie noch ein Mittel ausfindig machen werden, sich vom Küchendunst zu nähren.« »Versäumen Sie nur ja nicht, sich diese Erfindung patentieren zu lassen«, rief der Museumsbeamte; »Sie können damit ein schönes Stück Geld verdienen.« »Still doch! Er will uns nur beweisen, daß er Nudelfabrikant gewesen ist«, sagte der Maler. »Ihre Nase ist also wohl eine Retorte?« ließ der Museumsbeamte nicht ab. »Re-was?« machte Bianchon. »Re-tusche.« »Re-doute.« »Re-klame.« »Re-vanche.« »Re-liquie.« »Re-mise.« »Re-norama.«

Diese acht Antworten schossen von allen Seiten herbei und erweckten um so stärkeres Gelächter, als der arme Vater Goriot die Tischgenossen mit blöder Miene anstarrte, wie einer, der sich müht, eine fremde Sprache zu verstehen.

»Re ...?« fragte er Vautrin, der neben ihm saß. »Realinjurie, mein Alter!« sagte Vautrin und versetzte dem Vater Goriot einen so kräftigen Schlag auf den Hut, daß dieser ihm bis über die Augen ins Gesicht hinabgetrieben wurde.

Der arme Greis, den der rohe Angriff erschreckt hatte, blieb einen Augenblick regungslos. Christoph nahm ihm den Teller weg in der Meinung, er sei mit der Suppe fertig, so daß Goriot, als er den Hut wieder emporgeschoben hatte und weiterlöffeln wollte, mit dem Löffel auf den Tisch aufschlug. Alles brach in Lachen aus.

»Herr,« sagte der Greis, »Sie sind ein übler Spaßmacher, und wenn Sie sich fernerhin derartige Angriffe gegen mich erlauben ...« »Nun, was dann?« unterbrach ihn Vautrin. »So werden Sie das eines Tages schwer bezahlen müssen ...« »In der Hölle, nicht wahr?« sagte der Maler, »in dem kleinen schwarzen Winkel, wohin die unartigen Kinder kommen.« »Nun, Fräulein,« sagte Vautrin zu Viktorine, »Sie essen nicht? Hat sich der Papa noch immer widerspenstig gezeigt?« »Oh, entsetzlich!« sagte Frau Couture. »Man muß ihm Vernunft beibringen«, sagte Vautrin. »Aber«, meinte Rastignac, der nahe bei Bianchon saß, »das Fräulein könnte doch einen Prozeß anstrengen auf Zahlung von Alimenten. – Hoho! Sehen Sie nur, wie Vater Goriot Fräulein Viktorine anstarrt!«

Der Greis vergaß zu essen, um das arme junge Mädchen zu betrachten, auf dessen Zügen ein wahrer Schmerz zu lesen war, der Schmerz des verkannten Kindes, das seinen Vater liebt.

»Lieber Freund,« sagte Eugen leise zu Bianchon, »wir haben uns in Vater Goriot geirrt. Er ist weder ein Dummkopf noch ein kraftloser Mann. Wende dein Gallsches System bei ihm an und sage mir, was du von ihm denkst. Ich habe ihn heute nacht eine Silberplatte wie Wachs zusammendrücken sehen, und jetzt eben prägt sich auf seinem Gesicht ein starkes Empfinden aus. Sein Leben erscheint mir geheimnisvoll genug, eines Studiums wert zu sein. Ja, Bianchon, lache nur, ich scherze nicht.« »Der Mann ist ein medizinischer Fall; abgemacht? Wenn er will, seziere ich ihn.« »Nein, vermiß ihm den Schädel!« »Werde mich hüten! Seine Dummheit könnte ansteckend sein.«

Am folgenden Tage kleidete Rastignac sich möglichst elegant und begab sich gegen drei Uhr nachmittags zu Frau von Restaud, indem er sich unterwegs all den tollen Hoffnungen hingab, die in das Leben eines jungen Mannes soviel köstliche Aufregung bringen. Da sieht er denn weder Hindernisse noch Gefahren, sondern überall nichts als Erfolge, weiß sein Dasein durch das Spiel der Einbildungskraft zu erheben und ist unglücklich oder traurig, wenn seine Pläne zusammenstürzen, die doch nur in seinen zügellosen Wünschen lebten. Wäre solch junger Mann nicht unwissend und schüchtern, das soziale Leben würde unmöglich sein. Eugen nahm sich unglaublich in acht, um seine Schuhe nicht zu beschmutzen; aber er mußte nachsinnen über all das, was er Frau von Restaud sagen wollte; er stapelte Geist in sich auf, er erfand eine Unterhaltung, er legte sich sinnige Äußerungen zurecht, sammelte Redensarten à la Talleyrand und erhoffte tausend kleine günstige Gelegenheiten, um die Erklärung anzubringen, auf die er seine Zukunft gründete. Natürlich machte er sich arg schmutzig, der arme Student, und war genötigt, am Palais-Royal seine Schuhe putzen und seine Beinkleider bürsten zu lassen.

› Wenn ich reich wäre,‹ sagte er sich, als er ein Hundertsousstück wechselte, das er für den Notfall eingesteckt hatte, › so hätte ich einen Wagen genommen; da hätte ich nach Herzenslust nachdenken können.‹

Endlich kam er also in der Rue du Helder an und fragte nach der Gräfin von Restaud. Mit der Beherrschung eines Mannes, der gewiß ist, eines Tages zu triumphieren, nahm er die verächtlichen Blicke der Bedienten hin, die ihn den Hof durchqueren sahen, ohne daß doch am Portal ein Wagen vorgefahren wäre. Diese Blicke trafen ihn um so empfindlicher, als er schon beim Betreten des Hofes seine eigene Armseligkeit erkannt hatte; denn hier stampfte ein prächtig aufgezäumtes Roß vor einem zierlichen Kabriolett, das von verschwenderischem Luxus und gewohnheitsgemäßem Genießen aller Pariser Glückseligkeiten zeugte. Er wurde übellaunig, grollte mit sich selbst. Die offenen Schubladen seines Hirnkastens, die er mit Geist angefüllt wähnte, schlossen sich, er fühlte sich dumm und unbeholfen. Während er im Vorzimmer die Antwort der Gräfin erwartete, der ein Kammerdiener die Namen der jeweiligen Besucher zu melden hatte, stellte Eugen sich an eines der Fenster, stützte den Ellbogen auf den Drehriegel und blickte gedankenlos in den Hof hinab. Die Zeit wurde ihm sehr lang, und er wäre weggegangen, hätte er nicht die Ausdauer des Südländers besessen, die Wunder hervorbringt, wenn sie ihren geraden Weg geht.

»Mein Herr,« sagte der Kammerdiener, »die gnädige Frau befindet sich in ihrem Boudoir und ist sehr beschäftigt, sie hat mir gar nicht geantwortet; wenn der Herr aber in den Salon gehen wollen ...? Dort wartet schon jemand.«

In stiller Bewunderung der furchtbaren Macht jener Leute, die mit einem einzigen Wort ihre Herrschaft anklagen oder richten, öffnete Rastignac entschlossen die Tür, durch die der Kammerdiener vorhin hinausgegangen war; er wollte den anmaßenden Bedientenseelen zeigen, daß er hier im Hause bekannt sei. Aber zu seiner großen Bestürzung geriet er in einen Raum, wo er nur ein paar Tische und Lampen, Wannen und Badetücher gewahrte und der geradeswegs auf einen dunklen Gang und eine Geheimtreppe führte. Das unterdrückte Gelächter, das aus dem Vorzimmer drang, steigerte seine Verwirrung aufs höchste.

»Mein Herr, der Salon ist hier«, sagte der Kammerdiener mit jener betonten Höflichkeit, die wie Spott wirkt.

Eugen kehrte so eilig um, daß er gegen eine Badewanne rannte; aber er hatte noch Zeit genug, seinen Hut festzuhalten, der ins Badewasser zu stürzen drohte. Im selben Augenblick öffnete sich am Ende des langen Ganges, den ein Lämpchen erhellte, eine Tür, und Rastignac vernahm die Stimme der Frau von Restaud und Vater Goriots und das Geräusch eines Kusses. Er folgte dem Kammerdiener durch den Speisesaal und kam in einen ersten Salon, wo er sofort ans Fenster trat, das auf den Hof führte. Er wollte sehen, ob dieser Vater Goriot wirklich und leibhaftig sein Vater Goriot sei. Sein Herz schlug wild, er entsann sich der gräßlichen Äußerungen Vautrins. Der Kammerdiener erwartete Eugen an der Tür des Salons; diese öffnete sich plötzlich, ein eleganter junger Mann trat heraus und sagte ungeduldig: »Ich gehe, Maurice. Sie werden der Frau Gräfin sagen, daß ich länger als eine halbe Stunde gewartet habe.«

Der Unverschämte, der zweifellos das Recht hatte, es zu sein, trällerte ein paar italienische Triller und begab sich an das Fenster, an dem Eugen stand, sowohl um dessen Gesicht zu sehen, wie auch um in den Hof hinabzublicken.

»Aber der Herr Graf täten besser, noch einen Augenblick zu warten; die gnädige Frau ist fertig«, sagte Maurice, ins Vorzimmer zurückkehrend.

Jetzt trat unten am Ausgang der kleinen Treppe Vater Goriot heraus. Der Alte hob seinen Regenschirm und machte sich daran, ihn aufzuspannen, ohne darauf zu achten, daß das große Tor geöffnet war, um einen ordengeschmückten jungen Mann einzulassen, der einen Tilbury lenkte. Vater Goriot hatte nur Zeit, sich zurückzuwerfen, um nicht überfahren zu werden. Der geöffnete Regenschirm hatte das Pferd erschreckt, das einen kleinen Satz nach der Freitreppe hin machte. Der junge Mann wendete zornig den Kopf, gewahrte Vater Goriot und grüßte ihn, ehe er draußen war. Es war ein Gruß voll erzwungener Achtung, wie man ihn etwa einem Wucherer bietet, dessen man bedarf, oder einem übel beleumundeten Manne, ein Gruß, über den man hinterher errötet. Vater Goriot dankte mit einem kleinen, freundschaftlichen, gutmütigen Nicken. Das ganze Ereignis hatte sich in wenigen Minuten abgespielt. Eugen, der aufmerksam hinabblickte und gar nicht gewahrte, daß er nicht allein war, vernahm plötzlich die Stimme der Gräfin.

»Ach, Maxime, Sie gehen?« sagte sie vorwurfsvoll und ein wenig ärgerlich.

Die Gräfin hatte das Einfahren des Tilburys nicht bemerkt. Rastignac drehte sich rasch um und erblickte Frau von Restaud. Sie hatte einen koketten Morgenrock aus weißem Kaschmir mit rosa Schleifen an. Die Haare waren, wie bei den Pariser Frauen des Morgens üblich, nur lose aufgesteckt. Sie strömte Wohlgerüche aus, sie hatte anscheinend ein Bad genommen, und ihre dadurch gewissermaßen geschmeidige Schönheit schien um so sinnlicher; ihre Augen waren feucht. Die Blicke junger Männer sehen alles: ihre Geisteskräfte entfalten sich in den Strahlen einer Frau wie eine Pflanze in Luft und Sonne. Eugen fühlte also, auch ohne sie zu berühren, wie köstlich frisch die Hände dieser Frau sein mußten. Er sah durch den leichten Kaschmir die rosigen Töne des Busens, den der offene Morgenrock zuweilen entblößte und auf den seine Blicke sich selig niederließen. Die Gräfin bedurfte keines Korsetts, der Gürtel allein bezeichnete ihre biegsame Taille, ihr Nacken verlockte zur Liebe, ihre Füße sahen in den zierlichen Pantoffeln allerliebst aus. Als Maxime nun jene schöne Hand ergriff, um sie zu küssen, wurde Eugen seiner gewahr, und gleichzeitig bemerkte die Gräfin Eugen.

»Ah, Sie sind es, Herr von Rastignac! Es freut mich, Sie zu sehen«, sagte sie mit einer Miene, der verständnisvolle Leute zu gehorchen wissen.

Maxime blickte abwechselnd auf Eugen und die Gräfin, mit einem Gesichtsausdruck, der bezeichnend genug war: › Ah, zum Teufel, meine Liebe, ich hoffe, du setzt den kleinen Narren schleunigst vor die Tür!‹

Dieser Satz wäre eine klare und verständliche Übersetzung der Blicke des unverschämt anmaßenden jungen Mannes, den die Gräfin Anastasia Maxime genannt hatte und dessen Gesichtsausdruck sie mit einer unterwürfigen Aufmerksamkeit studierte, die alle Geheimnisse einer Frau verrät, ohne daß sie selbst es ahnt. Rastignac empfand einen wütenden Haß gegen diesen jungen Mann. Zunächst wies ihn das schöne, wohlgepflegte Blondhaar Maximes auf den schlechten Zustand seiner eigenen Frisur hin; ferner hatte Maxime feines und sauberes Schuhzeug, während seine Schuhe trotz aller darauf verwendeten Vorsicht eine leichte Staubschicht aufwiesen; und endlich trug dieser Maxime einen anliegenden Rock, der seine hübsche Gestalt eng umschloß, während Eugen jetzt, um halb drei, im einfachen schwarzen Anzug war. Das geistreiche Kind der Charente fühlte die Überlegenheit, die dem Dandy sein Äußeres gewährte, und er haßte diesen hohen, schlanken jungen Mann mit dem klaren Auge, dem blassen Teint und dem brutalen Gesichtsausdruck.

Ohne Eugens Antwort abzuwarten, enteilte Frau von Restaud in den benachbarten Salon. Die weiten Ärmel ihres Schlafrockes flatterten hinter ihr drein, schlugen sich auf und wieder zusammen wie Schmetterlingsflügel. Maxime folgte. Eugen, wütend, folgte Maxime und der Gräfin. Alle drei fanden sich also im großen Salon vor dem Kamin wieder zusammen. Der Student wußte wohl, daß er dem verhaßten Maxime im Wege war; aber selbst auf die Gefahr hin, Frau von Restaud zu mißfallen, wollte er dem Dandy im Wege sein. Plötzlich erinnerte er sich, den jungen Mann auf dem Ball der Frau von Beauséant gesehen zu haben, und erriet, was Maxime der Frau von Restaud bedeute; aber mit jener jugendlichen Kühnheit, die große Dummheiten begeht oder zu großen Erfolgen führt, sagte er sich: › Da hätte ich also meinen Nebenbuhler, ich will ihn aus dem Felde schlagen!‹

Der Unkluge! Er wußte nicht, daß Graf Maxime von Trailles sich beleidigen ließ, um den ersten Schuß zu haben und seinen Mann zu töten. Eugen war ein gewandter Schütze, aber er hatte noch niemals bei zweiundzwanzig Schuß zwanzigmal ins Schwarze getroffen.

Der junge Graf warf sich neben dem Kamin in einen Sessel, nahm die Feuerzange und stocherte damit so heftig und ergrimmt in der Glut, daß das schöne Gesicht Anastasias einen bekümmerten Ausdruck annahm. Das junge Weib wendete sich zu Eugen und warf ihm einen jener kalten, fragenden Blicke zu, die so deutlich sagen: › Warum gehen Sie nicht?‹, daß wohlerzogene Leute daraufhin sofort ein paar › Abgangssätze‹ zu stammeln pflegen.

Eugen setzte eine liebenswürdige Miene auf und sagte: »Gnädige Frau, ich beeile mich, Sie zu besuchen, um ...«

Er stockte. Eine Tür öffnete sich. Der Herr, der den Tilbury gelenkt hatte, zeigte sich plötzlich, ohne Hut, begrüßte die Gräfin nicht, blickte Eugen mißtrauisch an und reichte Maxime die Hand mit einem »Guten Tag«, das so brüderlich klang, daß Eugen sich höchlich darüber verwunderte. Die jungen Leute aus der Provinz wissen nicht, wie angenehm das Leben zu dritt ist.

»Herr von Restaud«, sagte die Gräfin, indem sie dem Studenten ihren Gatten vorstellte. Eugen verbeugte sich tief.

»Der Herr hier«, fuhr sie, auf Eugen zeigend, fort, »ist Herr von Rastignac, ein Verwandter der Vicomtesse von Beauséant durch die Marcillacs; ich hatte das Vergnügen, ihn auf ihrem letzten Balle kennen zu lernen.« › Verwandter der Vicomtesse von Beauséant durch die Marcillacs‹, diese Worte, die die Gräfin mit einem gewissen Nachdruck sprach, denn sie war stolz, beweisen zu können, daß sie nur Leute von Rang bei sich empfange, waren von zauberhafter Wirkung: der Graf legte seine kalt-feierliche Miene ab und begrüßte den Studenten.

»Ich bin entzückt, mein Herr,« sagte er, »Ihre Bekanntschaft zu machen.«

Der Graf Maxime von Trailles warf Eugen einen unruhigen Blick zu und gab sein unverschämtes Gebaren auf. Die wunderbare Wirkung eines einflußreichen Namens öffnete im Hirnkasten des Südfranzosen dreißig Schubfächer und gab ihm die Geistesgegenwart zurück, die er sich unterwegs so eifrig eingeübt hatte. Ein Blitz erhellte ihm plötzlich das Wesen der höchsten Pariser Gesellschaft, das ihm bisher so dunkel gewesen war. Das Haus Vauquer und Vater Goriot waren seinen Gedanken jetzt weit entrückt.

»Ich glaubte die Marcillacs ausgestorben«, sagte der Graf von Restaud zu Eugen. »Ja, mein Herr,« erwiderte dieser, »mein Großonkel, der Chevalier von Rastignac, heiratete die letzte Erbin der Familie Marcillac. Er hatte nur eine Tochter, die mit dem Marschall von Clarimbault vermählt war, dem Großvater mütterlicherseits der Frau von Beauséant. Wir sind die jüngere Linie und um so ärmer, als mein Großonkel, der Vizeadmiral, alles im Dienste des Königs verlor. Die revolutionäre Regierung wollte bei der Abrechnung mit der Ostindischen Handelsgesellschaft unsere Forderungen nicht anerkennen.« »Befehligte Ihr Herr Großonkel nicht vor 1789 den › Vengeur‹?« »Sehr richtig.« »Da kannte er also meinen Großvater, der den › Warwick‹ führte.«

Maxime sah Frau von Restaud an und zuckte die Achseln. Seine Blicke sagten: › Wenn er anfängt, sich mit ihm über die Marine zu unterhalten, sind wir verloren.‹

Anastasia verstand den Blick des Herrn von Trailles. Mit der bewunderungswürdigen Sicherheit, wie sie den Frauen eigen ist, sagte sie lächelnd: »Kommen Sie, Maxime, ich habe Sie etwas zu fragen. – Meine Herren, wir lassen Sie ein Weilchen mit dem › Warwick‹ und dem › Vengeur‹ umhersegeln.«

Sie erhob sich mit einem spöttischen Lächeln und winkte Maxime, ihr zu folgen. Kaum hatten die beiden die Tür des Boudoirs erreicht, als der Graf seine Unterhaltung mit Eugen unterbrach.

»Anastasia! Bleib doch hier!« rief er erregt; »du weißt wohl, daß ...« »Ich komme sofort zurück, sofort«, fiel sie ihm ins Wort; »in einer Minute habe ich Maxime den Auftrag erteilt, mit dem ich ihn betrauen will.«

Sie kam in der Tat sogleich wieder. Wie alle Frauen, die gezwungen sind, den Charakter ihres Gatten zu studieren, um nach ihrer eigenen Laune leben zu können, wußte die Gräfin genau abzumessen, wie weit sie gehen dürfe, um nicht ein kostbares Vertrauen zu verlieren; am Tonfall des Grafen hatte sie erkannt, daß es unklug sei, jetzt im Boudoir zu bleiben. Diese Störung verdankte sie Eugen. Sie deutete jetzt verachtungsvoll auf den Studenten und blickte Maxime an, der, zu allen dreien gewendet, kurz angebunden sagte: »Sie sprechen von Familienangelegenheiten, ich will Sie nicht stören. Auf Wiedersehen.« Er ging.

»Bleiben Sie doch, Maxime!« rief der Graf. »Kommen Sie zum Essen!« sagte die Gräfin, die den Grafen und Eugen nochmals allein ließ, um Maxime in den ersten Salon zu folgen, wo beide sich längere Zeit unterhielten, in der Annahme, Herr von Restaud werde inzwischen Eugen verabschieden.

Rastignac hörte sie lachen, plaudern und – schweigen; aber der boshafte Student führte mit Herrn von Restaud geistvolle Gespräche, schmeichelte ihm und verwickelte ihn in allerlei Erörterungen, denn er wollte das Wiedereintreten der Gräfin abwarten und in Erfahrung bringen, welches ihre Beziehungen zu Vater Goriot waren. Diese Frau, die ersichtlich in Maxime verliebt war und ihren Gatten beherrschte, sollte Beziehungen zu dem alten Nudelfabrikanten haben? Es war ein Rätsel. Er wollte das Rätsel ergründen, denn er hoffte über diese Frau, die so ganz Pariserin war, eine gewisse Herrschaft zu gewinnen.

»Anastasia!« rief der Graf von neuem nach seiner Frau.

»Wir müssen uns fügen, mein armer Maxime«, sagte sie zu dem jungen Manne; »auf heute abend!« »Ich hoffe, Stasie,« sagte er ihr ins Ohr, »daß Sie diesen jungen Mann in Schranken halten werden; seine Augen glühten auf wie Kohlen, als Ihr Morgenrock sich öffnete. Er wird Ihnen Erklärungen machen, Sie kompromittieren, und Sie würden mich zwingen, ihn zu erschießen.« »Sind Sie toll, Maxime?« sagte sie. »Sind solch kleine Studenten nicht im Gegenteil prächtige Blitzableiter? Ich werde schon Restaud ein wenig gegen ihn aufzubringen wissen.«

Maxime brach in Lachen aus und ging; die Gräfin folgte ihm und stellte sich ans Fenster, um ihn seinen Wagen besteigen und das Pferd mit der Peitsche antreiben zu sehen. Sie kehrte erst zurück, als das Portal geschlossen wurde.

»Denk dir, meine Liebe,« rief ihr der Graf entgegen, »die Besitzung, auf der die Familie des Herrn von Rastignac wohnt, ist nicht weit von Verteuil an der Charente. Sein Großonkel und mein Großvater waren miteinander bekannt.« »Freut mich, daß wir gemeinsame Bekannte haben«, sagte die Gräfin zerstreut. »Mehr, als Sie glauben«, sagte Eugen mit leiser Stimme. »Wie meinen Sie das?« entgegnete sie lebhaft. »Ja,« erwiderte der Student, »ich sah vorhin einen Herrn aus dem Hause treten, mit dem ich Tür an Tür in derselben Pension wohne, – den Vater Goriot.«

Beim Nennen dieses durch den Zusatz › Vater‹ verschönten Namens ließ der Graf die Feuerzange, mit der er die Glut geschürt hatte, hastig fallen, als habe sie ihm die Hände verbrannt, und erhob sich. »Mein Herr,« rief er aus, »Sie hätten wohl › Herr‹ Goriot sagen können!«

Die Gräfin erbleichte, als sie die Empörung ihres Mannes gewahrte, dann errötete sie; sie war offenbar verlegen. Sie sagte in einem Tone, der unbefangen sein sollte: »Es gibt niemanden, dem wir mehr zugetan wären ...«

Sie unterbrach sich, blickte auf das Klavier, als falle ihr irgendeine Melodie ein, und fragte: »Lieben Sie die Musik, mein Herr?« »Sehr«, erwiderte Eugen, der rot und unsicher geworden war bei dem Gedanken, irgendeine große Dummheit begangen zu haben.

»Singen Sie?« fuhr sie fort, ans Klavier tretend, dessen sämtliche Tasten sie mit einem Fingerzug hintereinander anschlug: Rrrrah! »Nein, gnädige Frau.«

Der Graf von Restaud ging auf und ab.

»Das ist schade, da fehlt Ihnen ein bedeutsames Mittel zum Erfolg. – Ca-a-ro, ca-a-a-ro, ca-a-a-a-ro, non du-bi-tare«, sang die Gräfin.

Als Eugen den Namen des Vaters Goriot ausgesprochen, hatte er eine zauberhafte Wirkung erzielt, nur daß diese im umgekehrten Verhältnis zu jener stand, die den Worten › Verwandter der Frau von Beauséant‹ gefolgt war. Er befand sich etwa in der Lage eines Menschen, dem ein Liebhaber von Altertümern seine Schätze zeigt und der aus Unachtsamkeit an einen Schrank voll Statuetten stößt, so daß ein paar altersschwache Köpfe wanken und zu Boden stürzen. Er hätte in die Erde sinken mögen. Frau von Restauds Gesichtsausdruck war kalt und hart, und ihre gleichgültigen Blicke wichen denen des geschickten Studenten aus.

»Gnädige Frau,« sagte er, »Sie haben wohl mit Herrn von Restaud allerlei zu reden; seien Sie meiner tiefsten Ergebenheit versichert, und gestatten Sie ...« »Wann immer Sie kommen werden«, fiel die Gräfin ihm eilig ins Wort, »können Sie versichert sein, Herrn von Restaud wie mir die größte Freude zu bereiten.«

Eugen verneigte sich tief vor dem Ehepaar und schritt hinaus, mit ihm Herr von Restaud, der es sich trotz Eugens Bitten nicht nehmen ließ, ihn bis ins Vorzimmer zu begleiten.

»Wann immer der Herr sich sehen lassen sollte,« sagte der Graf zu Maurice, »werden weder die gnädige Frau noch ich zu Hause sein.«

Als Eugen den Fuß auf die Freitreppe setzte, gewahrte er, daß es regnete.

› Teufel!‹ sagte er, › ich habe eine Tölpelei begangen, deren Ursache und Tragweite ich nicht kenne, – soll mir der Handel auch noch Hut und Anzug verderben? Ich sollte im Winkel hocken und studieren und nach nichts weiter trachten, als ein blöder Beamter zu werden. Kann ich in Gesellschaft gehen, wenn man, um einigermaßen anständig aufzutreten, Wagen und Lackstiefel haben muß und goldene Uhrketten und von frühmorgens an weiße Wildlederhandschuhe zu sechs Franken das Paar? Und alle Abende gelbe Handschuhe? ... Alter Narr Goriot, fahr hin!‹

Als er vor die Haustür trat, machte ihm der Kutscher eines Mietwagens, der anscheinend ein paar Neuvermählte in ihre Wohnung gefahren hatte und dem es gerade gelegen kam, sich eine kleine Nebeneinnahme zu verschaffen, ein Zeichen, denn Eugen schien in seinem schwarzen Anzug, weißer Weste, gelben Handschuhen und Lackstiefeln und ohne Schirm eines Wagens bedürftig zu sein. Eugen war in einer jener zornigen Stimmungen, die einen jungen Mann leicht veranlassen, tiefer und tiefer in den Abgrund hinunterzusteigen, in den er sich nun einmal hinabgewagt hat, als hoffe er dort unten noch auf einen glücklichen Ausgang. Er stieg in den Wagen, in dem einzelne Orangenblüten davon zeugten, daß er vorher von einem Brautpaar besetzt gewesen war.

»Wohin wünscht der Herr?« fragte der Kutscher, der seine weißen Handschuhe schon nicht mehr anhatte.

› Wetter!‹ sagte sich Eugen, › wenn ich mich schon ruiniere, so soll es mir wenigstens zu etwas nützen!‹ »Fahren Sie zum Palais Beauséant«, fügte er laut hinzu. »Zu welchem?« fragte der Kutscher. Ein überlegenes Wort, das Eugen in Verlegenheit setzte. Der elegante Neuling wußte nicht, daß es zwei Palais Beauséant gab; er wußte nicht, wie reich er war an Verwandten, die sich nicht im geringsten um ihn kümmerten.

»Zum Vicomte von Beauséant, Rue ...« »de Grenelle«, nickte der Kutscher. »Sehen Sie, da ist noch das Palais des Grafen und des Marquis von Beauséant, Rue Saint-Dominique«, fügte er hinzu. »Ich weiß«, erwiderte Eugen trocken. › Alle Welt macht sich heute lustig über mich‹, dachte er und warf den Hut auf den Rücksitz; › und ich leiste mir Dinge, die mich ein Heidengeld kosten werden. Aber wenigstens mache ich nun meiner sogenannten Cousine meinen Besuch auf höchst aristokratische Weise. Der Vater Goriot kostet mich schon mindestens zehn Franken, der Halunke! Meiner Treu, ich werde Frau von Beauséant mein Abenteuer berichten; vielleicht bringe ich sie zum Lachen. Sicherlich weiß sie Bescheid über das Geheimnis der verbrecherischen Beziehungen dieser alten, schwanzlosen Ratte zu jener schönen Frau. Es ist wichtiger, ich gefalle meiner Cousine, als daß ich mich jenem unmoralischen Weib aufdränge, was übrigens ein Vermögen kosten würde. Wenn schon der Name der schönen Vicomtesse so mächtig ist, wieviel einflußreicher muß ihre Persönlichkeit sein! Wenden wir uns nach oben! Will man etwas im Himmel erreichen, so muß man sich an Gott halten.‹

Das war der hauptsächliche Inhalt der tausendundein Gedanken, die ihn bewegten. Als er den Regen strömen sah, gewann er etwas Ruhe und Sicherheit zurück. Er sagte sich, daß die beiden Hundertsousstücke, die er jetzt opfern müsse, wenigstens gut angewendet seien, um Anzug, Hut und Schuhzeug zu schonen. Mit großer Befriedigung vernahm er des Kutschers befehlerisches »Das Tor auf, bitte!«. Ein Schweizer in rotgoldner Livree öffnete das knarrende Portal, und Rastignac sah mit süßer Freude seinen Wagen durch den Torweg rollen, im Hofe wenden und unter dem Schutzdach der Freitreppe anhalten; der Kutscher, im groben blauen, rot besetzten Mantel, kam und ließ das Trittbrett herunter. Als Eugen aus dem Wagen stieg, vernahm er von der Vorhalle her unterdrücktes Gelächter. Drei oder vier Bedienstete höhnten bereits über die spießbürgerliche Hochzeitskutsche. Im selben Augenblick fand der Student Gelegenheit, seinen Wagen mit einem der elegantesten Coupés von Paris zu vergleichen. Dieses Coupé war mit zwei stolzen Rossen bespannt, die an den Ohren mit Rosetten geschmückt waren und in den Gebissen schäumten; ein schön gekleideter Kutscher mit gepudertem Haar hielt sie am Zügel. In der Chaussée d'Antin hatte Frau von Restaud in ihrem Hofe das hübsche Kabriolett des jungen Mannes von sechsundzwanzig Jahren; im Faubourg Saint-Germain harrte im Hof der prächtige Wagen eines Grandseigneurs, ein Wagen, der mehr als dreißigtausend Franken kosten mußte.

› Wer mag hier sein?‹ fragte sich Eugen, der ein bißchen verspätet einsah, daß in Paris recht wenig Frauen zu treffen sein dürften, die nicht beschäftigt wären, und daß es zur Eroberung einer dieser Königinnen mehr bedürfe als Blut. › Teufel! Meine Cousine hat sicherlich auch ihren Maxime!‹

Er erstieg die Freitreppe, – den Tod im Herzen. Bei seinem Erscheinen öffnete sich die Glastür; die Diener standen ernsthaft wie geprügelte Esel. Das Fest, dem er vor einigen Tagen beigewohnt, hatte in den im Erdgeschoß gelegenen Empfangsräumen stattgefunden. Da ihm zwischen der Einladung und dem Balle keine Zeit geblieben war, seiner Cousine einen Besuch abzustatten, war er in die Privatgemächer Frau von Beauséants noch nicht eingedrungen. Er sollte also zum ersten Male die Wunder eines persönlichen Geschmacks gewahren, den eine vornehme Frau in ihren Zimmern zum Ausdruck zu bringen weiß. Ein um so interessanteres Studium, als sich Vergleiche mit dem Salon der Frau von Restaud anstellen ließen. Von halb fünf Uhr an war die Vicomtesse zu sprechen. Fünf Minuten früher würde sie ihren Vetter nicht empfangen haben. Eugen, der noch nichts von den Pariser Formen und Gebräuchen ahnte, ließ sich auf einer blumengeschmückten prächtigen Treppe mit vergoldetem Geländer und roten Teppichen zu Frau von Beauséant geleiten, noch unbekannt mit deren Geschichte, – einem der vielen Histörchen, die man sich abends in den Salons von Ohr zu Ohr erzählte.

Die Vicomtesse unterhielt seit drei Jahren Beziehungen zu einem der berühmtesten und reichsten Edelleute Portugals, dem Marquis d'Ajuda-Pinto. Es war eines jener reinen Liebesverhältnisse, die so innig gestaltet sind, daß ein Dritter im Bunde unzulässig wäre. So hatte denn auch der Vicomte von Beauséant der Öffentlichkeit ein Beispiel gegeben, indem er wohl oder übel diese morganatische Verbindung achtete. Diejenigen, die in den ersten Tagen jenes Freundesbundes die Vicomtesse um zwei Uhr besuchen kamen, fanden stets den Marquis d'Ajuda-Pinto dort. Frau von Beauséant, die ihre Tür nicht verschließen konnte, was sehr unpassend gewesen wäre, empfing die Besucher so kalt und blickte so starr und gelangweilt zur Decke, daß jeder bald begriff, wie ungelegen er kam. Als Paris wußte, daß Besuche zwischen zwei und vier Uhr Frau von Beauséant störend seien, ließ man sie bald unbehelligt. Sie besuchte die Theater in Begleitung des Herrn von Beauséant und des Herrn d'Ajuda-Pinto; aber als ein Mann von Lebensart ließ Herr von Beauséant seine Frau und den Portugiesen allein, sobald er sie in der Loge untergebracht hatte.

Herr d'Ajuda aber wollte heiraten. Er bewarb sich um ein Fräulein von Rochefide. In der ganzen hohen Aristokratie gab es nur eine einzige Person, die noch nichts von der nahen Heirat wußte, – das war Frau von Beauséant. Wohl hatten einige ihrer Freundinnen andeutungsweise davon gesprochen; aber sie hatte nur gelacht, im Glauben, man wolle ihr viel beneidetes Glück trüben. Nun aber sollte das öffentliche Aufgebot erfolgen. Der Portugiese war gekommen, um der Vicomtesse von seinen Heiratsplänen Mitteilung zu machen; aber der schöne Mann hat nicht einmal eine Andeutung zu stammeln gewagt. Weshalb? Zweifellos ist eben nichts schwieriger, als einer Frau ein solches Ultimatum zu stellen. Gar mancher Mann findet es leichter, sich eines Gegners zu erwehren, der ihn mit der Spitze seines Degens bedroht, als einer Frau gegenüberzustehen, die zwei Stunden jammert und dann die Sterbende spielt und nach Riechsalz verlangt.

Gerade jetzt also stand Herr d'Ajuda-Pinto wie auf Nadeln und wollte gehen, er wollte Frau von Beauséant die Nachricht schriftlich zukommen lassen; denn es sei angenehmer, dachte er bei sich, diesen Liebesmord brieflich zu vollführen. Als daher der Kammerdiener Herrn Eugen von Rastignac meldete, erbebte der Marquis vor Freude. Ihr aber wißt: eine Frau, die liebt, ist noch erfinderischer in allem, was Eifersucht heißt, als sie geschickt ist, das Liebesspiel abwechslungsreich zu gestalten. Wenn sie fühlt, daß der Geliebte sie verlassen will, errät und empfindet sie den Sinn einer Geste. Frau von Beauséant bemerkte also das leichte, unwillkürliche, aber entsetzlich verräterische Zittern.

Eugen bedachte nicht, daß man sich in Paris bei niemandem, wer es auch sei, vorstellen sollte, ehe man sich nicht von Freunden des Hauses die Geschichte des Mannes, der Frau, der Kinder hat berichten lassen, um nicht eine jener Tölpeleien zu begehen, von denen man in Polen so schön und bildhaft sagt: › Spann fünf Ochsen vor deinen Wagen!‹ – wahrscheinlich um dich aus dem Sumpf herauszuziehen, in den deine Dummheit dich gebracht hat. Nach einem so tölpelhaften Benehmen, wie er es bei Frau von Restaud an den Tag gelegt, die ihm nicht einmal Zeit gelassen hatte, besagte fünf Ochsen vorzuspannen, konnte kein anderer als Eugen so kühn sein, sein Ochsentreiberhandwerk bei Frau von Beauséant fortzusetzen. Wenn er aber dort Frau von Restaud und Herrn von Trailles äußerst lästig gewesen war, so zog er hier Herrn d'Ajuda aus der Verlegenheit.

»Auf Wiedersehen!« sagte der Portugiese und bemühte sich, die Tür zu gewinnen, als Eugen den kleinen, kokett in Grau und Rosa gehaltenen Salon betrat, wo aller Prunk so selbstverständlich schien.

»Aber auf heute abend!« sagte Frau von Beauséant, indem sie sich umsah und den Marquis anblickte. »Gehen wir nicht ins Bouffon?« »Ich kann nicht«, sagte er und griff nach der Türklinke.

Frau von Beauséant erhob sich und rief ihn an ihre Seite zurück, ohne Eugen auch nur im geringsten zu beachten; der stand da, betäubt vom Glanze dieser reichen Pracht, die wie ein zur Wirklichkeit gewordenes Märchen schien, und wußte nicht, wohin er sich verkriechen sollte vor dieser Frau, die ihn gar nicht bemerkte. Die Vicomtesse hatte den Zeigefinger erhoben und wies mit einer anmutigen Bewegung dem Marquis einen Platz an ihrer Seite an. In dieser Bewegung lag eine so leidenschaftliche Gewalt, daß der Marquis die Türklinke losließ und zurückkam. Eugen betrachtete ihn nicht ohne Neid.

› Da ist er, der Mann aus dem Coupé!‹ sagte er sich. › So muß man also schäumende Rosse, Lakaien und Ströme von Gold besitzen, um den Blick einer Pariserin zu erhaschen.‹

Die Gier nach Pracht und Reichtum erfaßte ihn, Gewinnsucht befiel sein Herz wie ein Fieber, der Durst nach Gold dörrte ihm die Kehle. Er bekam vierteljährlich dreihundert Franken geschickt. Sein Vater, seine Mutter, seine Brüder, seine Schwestern und seine Tante verbrauchten zusammen keine zweihundert Franken im Monat. Dieser plötzliche Vergleich zwischen seiner augenblicklichen Lage und dem Ziel, das er sich gesteckt hatte, verwirrte ihn noch mehr.

»Warum«, fragte die Vicomtesse den Portugiesen lächelnd, »können Sie nicht ins Theater kommen?« »Geschäfte! Ich speise beim englischen Gesandten.« »So gehen Sie dort rechtzeitig wieder weg! ...«

Ein Mensch, der betrügt, ist unrettbar genötigt, Lüge auf Lüge zu häufen. Herr d'Ajuda sagte also lachend: »Fordern Sie es?« »Ja, gewiß.« »Das ist es, was ich von Ihnen hören wollte«, erwiderte er mit einem Blick, so innig, daß er jede andere Frau beruhigt hätte. Er nahm die Hand der Vicomtesse, küßte sie und ging.

Eugen strich sich durchs Haar und wollte sich verbeugen, denn er meinte nicht anders, als daß Frau von Beauséant jetzt an ihn denken werde. Doch plötzlich erhebt sie sich, geht eilig in den Flur hinaus, tritt ans Fenster und sieht, wie Herr d'Ajuda in den Wagen steigt. Sie horcht auf den Befehl und hört, wie der Jäger dem Kutscher wiederholt: »Zu Herrn de Rochefide.«

Diese Worte und die Art und Weise, mit der Herr d'Ajuda sich in den Wagen lehnte, waren Blitz und Donner für die schöne Frau, die plötzlich von tödlichen Ahnungen befallen wurde. In der großen Welt sind das die furchtbarsten Katastrophen. Die Vicomtesse begab sich in ihr Schlafzimmer, setzte sich an einen Tisch und nahm einen hübschen Briefbogen.

› Da Sie‹, schrieb sie, › bei den Rochefide und nicht beim englischen Gesandten speisen, sind Sie mir eine Erklärung schuldig; ich erwarte Sie.‹

Nachdem sie ein paar zitterig geratene Buchstaben verbessert hatte, unterzeichnete sie mit einem C., was › Claire von Bourgogne‹ besagen sollte, und schellte.

»Jacques,« sagte sie zu dem sogleich eintretenden Kammerdiener, »Sie werden um halb acht zu Herrn von Rochefide gehen und sich nach dem Marquis d'Ajuda erkundigen. Befindet der Herr Marquis sich dort, so lassen Sie ihm diesen Brief zustellen, ohne auf Antwort zu warten; ist er nicht dort, so kommen Sie sofort mit meinem Brief zurück.« »Die Frau Vicomtesse hat noch einen Besucher in ihrem Salon.« »Ach, es ist wahr!« sagte sie und öffnete die Tür.

Eugen begann sich sehr unbehaglich zu fühlen. In diesem Augenblick gewahrte er die Vicomtesse, die wieder eingetreten war und in einem Tone, der ihm das Herz erzittern ließ, zu ihm sagte: »Verzeihung, mein Herr, ich hatte ein Wort zu schreiben; jetzt stehe ich Ihnen ganz zur Verfügung.«

Sie wußte nicht, was sie sagte; denn sie dachte nur das eine: › Er will Fräulein von Rochefide heiraten! Aber ist er denn frei? Heute abend noch wird diese Verbindung gelöst, oder ich ... Aber morgen wird keine Rede mehr davon sein.‹ »Meine Cousine ...«, entgegnete Eugen. »Wie?« machte die Vicomtesse und warf ihm einen kalten, hochmütigen Blick zu.

Eugen verstand dieses › Wie‹. Seit drei Stunden hatte er so viele Dinge erfahren, daß er sehr empfindlich geworden war.

»Gnädige Frau ...«, begann er errötend von neuem. Er zögerte, dann fuhr er fort: »Verzeihen Sie mir; ich habe einen Schutz so nötig, daß ein bißchen Verwandtschaft nichts verdorben hätte.«

Frau von Beauséant lächelte, aber traurig; sie fühlte schon das Unglück, daß sich in ihren Bannkreis drängte.

»Wenn Sie die Lage kennten, in der meine Familie sich befindet, würden Sie gern die Rolle der wohltätigen Fee spielen, die sich darin gefiel, ihren Patenkindern die Hindernisse aus dem Wege zu räumen.« »Also, lieber Vetter,« sagte sie lachend, »womit kann ich Ihnen dienlich sein?« »Weiß ich es denn? Ihnen schon durch eine Verwandtschaft, die sich in fernste Schatten verliert, verbunden zu sein, ist ein Glück. Sie haben mich verwirrt, ich weiß nicht mehr, was ich Ihnen sagen wollte. Sie sind der einzige Mensch, den ich in Paris kenne ... Ach, ich wollte Sie aufsuchen, um Sie zu bitten, mich als armes Kind an Ihrem Schürzenbund mitlaufen zu lassen – als ein Junge, der für Sie zu sterben weiß.« »Sie würden um meinetwillen jemanden töten?« »Ich würde zwei töten!« sagte Eugen. »Kind! Ja, Sie sind ein Kind«, sagte sie, die Tränen zurückdrängend; »Sie könnten vielleicht aufrichtig lieben, Sie!« »Oh!« hauchte er und nickte ernsthaft mit dem Kopfe.

Der strebsame Student flößte der Vicomtesse großes Interesse ein. Die berechnende Absicht des Südländers hatte gesiegt. Zwischen dem blauen Boudoir der Frau von Restaud und dem rosigen Salon der Frau von Beauséant lagen für ihn drei Jahre jenes › Pariser Rechts‹, von dem man nicht spricht, obwohl es eine hohe soziale Rechtswissenschaft ist, die, gut gelernt und gut angewendet, alles zu erreichen vermag.

»Nun hören Sie!« sagte Eugen. »Auf Ihrem Ballfest war mir Frau von Restaud aufgefallen; ich habe sie heute vormittag besucht.« »So müssen Sie ihr sehr ungelegen gekommen sein«, sagte lächelnd Frau von Beauséant. »Ja, gewiß! Ich bin ein Dummkopf, der alle Welt gegen sich aufbringen wird, wenn Sie mir Ihre Hilfe verweigern. Ich glaube, daß es recht schwer ist, in Paris eine junge, hübsche, reiche, elegante Frau zu finden, die nicht beschäftigt ist; und ich bedarf doch einer solchen, die mich in dem unterweist, was sie alle so gut zu lehren wissen: im Leben! Ich werde überall einen Herrn von Trailles finden. Ich komme zu Ihnen, um Sie zu bitten, mir ein Rätsel zu lösen und mir eine Dummheit auszulegen, die ich begangen haben muß. Ich erwähnte dort einen Vater ...«

»Die Frau Herzogin von Langeais«, schnitt der Kammerdiener dem Studenten die Rede ab, der eine verzweifelte Miene aufsetzte.

»Wenn Sie Erfolge haben wollen,« sagte die Vicomtesse leise, »so dürfen Sie nicht so leicht zeigen, was Sie denken. – Ah, guten Tag, meine Liebe!« fuhr sie fort, indem sie sich erhob und auf die Herzogin zutrat, deren Hände sie mit schwesterlicher Zärtlichkeit drückte; die Herzogin erwiderte den Gruß mit den anmutigsten Worten.

› Welch gute Freundinnen!‹ sagte sich Rastignac. › Ich werde also gleich zwei Beschützerinnen haben; die beiden Frauen haben sicherlich dieselben Neigungen, und auch diese wird sich meiner annehmen.‹ »Welchem glücklichen Zufall verdanke ich die Freude, Sie zu sehen, meine liebe Antoinette?« sagte Frau von Beauséant.

»Oh, ich sah Herrn d'Ajuda-Pinto bei Herrn Rochefide eintreten, und da dachte ich mir, daß Sie allein wären.«

Frau von Beauséant biß sich nicht auf die Lippen, sie errötete nicht und veränderte nicht den Blick; ihre Stirn schien sich bei den fatalen Worten der Herzogin zu erhellen.

»Wenn ich gewußt hätte, daß Sie beschäftigt sind ...«, fügte die Herzogin hinzu, sich an Eugen wendend. »Der Herr ist einer meiner Vettern, Eugen von Rastignac«, sagte die Vicomtesse. »Wissen Sie etwas über den General Montriveau?« setzte sie hinzu. »Sérizy sagte mir gestern, daß man ihn gar nicht mehr zu sehen bekommt; war er heute bei Ihnen?«

Die Herzogin, von der es hieß, daß Herr von Montriveau, den sie abgöttisch liebte, sie verlassen habe, fühlte im Herzen die Spitze dieses Dolchstoßes und errötete, als sie sagte: »Er war gestern im Élysée.« »Dienstlich?« fragte Frau von Beauséant. »Klara,« entgegnete die Herzogin, und ihre Blicke sprühten vor Bosheit, »Sie wissen doch wohl, daß morgen für Herrn d'Ajuda-Pinto und Fräulein von Rochefide das Aufgebot erfolgt?«

Dieser Schlag war zu heftig, die Vicomtesse erbleichte; trotzdem erwiderte sie lachend: »Ein Gerücht, mit dem sich Dummköpfe unterhalten. Weshalb sollte Herr d'Ajuda den Rochefide einen der bedeutendsten Namen Portugals zutragen? Der Adel der Rochefide ist erst von gestern.« »Aber Berta wird eine Rente von zweihunderttausend Livres beziehen.« »Herr d'Ajuda ist zu reich, um solche Berechnungen anzustellen.« »Aber, meine Liebe, Fräulein von Rochefide ist ganz reizend.« »Ah!« »Kurzum, er speist heute dort, die Verträge sind aufgesetzt. Es verwundert mich aufs höchste, Sie so wenig unterrichtet zu sehen.« »Welche Dummheit haben Sie eigentlich begangen?« wandte sich Frau von Beauséant an den Studenten. »Der arme Junge ist eben erst in die Welt geworfen worden, liebe Antoinette, er versteht noch gar nichts von dem, was wir uns erzählen. Nehmen Sie Rücksicht auf ihn, sprechen wir morgen weiter davon. Morgen, sehen Sie, wird ja wahrscheinlich alles offiziell sein, und Sie können viel sicherer auftreten.«

Die Herzogin richtete auf Eugen einen jener langen, unverschämten Blicke, die den Betroffenen vernichten und zu einer Null erniedrigen.

»Gnädige Frau, ich habe unwissentlich Frau von Restaud einen Dolch ins Herz gestoßen. Unwissentlich, da liegt der Fehler«, sagte der Student, der die mörderischen Bosheiten wohl verstanden hatte, die in den freundlichen Redensarten der beiden Frauen verborgen lagen. »So ist die Welt: Leute, die Ihnen mit Absicht wehe tun, empfangen Sie und fürchten Sie vielleicht; wer aber verwundet, ohne die Tiefe der Wunde zu kennen, wird als ein Tölpel angesehen, als ein Dummkopf, der seinen Vorteil nicht zu wahren weiß, und jedermann verachtet ihn.«

Frau von Beauséant warf dem Studenten einen innigen Blick zu, einen Blick, in den große Seelen zu gleicher Zeit Dankbarkeit und Würde zu legen wissen. Dieser Augengruß legte sich wie linder Balsam auf die Wunde, die der Basiliskenblick der Herzogin dem Studenten verursacht hatte.

»Stellen Sie sich vor,« fuhr Eugen fort, »daß ich mir das Wohlwollen des Grafen von Restaud zu erringen wußte; denn«, wandte er sich mit demütiger und doch spöttischer Miene zur Herzogin, »Sie müssen wissen, gnädige Frau, daß ich nur ein armer Teufel von Student bin, einsam, arm ...« »Sagen Sie das nicht, Herr von Rastignac. Wir Frauen wollen niemals das, was andere nicht haben wollen.« »Pah,« machte Eugen, »ich bin erst zweiundzwanzig Jahre alt, man muß die Leiden seines Alters zu ertragen wissen. Übrigens bin ich hier in der Beichte, und es ist unmöglich, vor einem schöneren Beichtstuhl zu knieen; man begeht hier die Sünden, deren man sich dort anklagt.«

Bei dieser unfrommen Rede, die ihr geschmacklos schien, setzte die Herzogin eine kalte Miene auf. Sie wandte sich an die Vicomtesse: »Der Herr kommt ...?«

Frau von Beauséant lachte herzlich über die beiden.

»Er kommt, meine Liebe, und sucht eine Lehrmeisterin, die ihm den guten Geschmack beibringt.« »Frau Herzogin,« fuhr Eugen fort, »ist es nicht ganz natürlich, daß wir die Geheimnisse, die uns reizvoll scheinen, ergründen möchten?« › Gut gemacht,‹ lobte er sich innerlich, › das war ihr gewiß aus dem Herzen gesprochen.‹ »Aber ich glaube, Frau von Restaud ist die Freundin des Herrn von Trailles«, sagte die Herzogin. »Davon wußte ich nichts, gnädige Frau«, erwiderte der Student. »Ich habe mich also höchst unbesonnen dazwischen gedrängt. Ich hatte mich schließlich mit dem Gatten ganz gut gestellt und sah mich von der Frau eine Zeit lang geduldet, als ich mir einfallen ließ, ihnen zu sagen, ich kennte einen Mann, den ich soeben aus ihrem Hause treten sah und der im Hintergrunde des Korridors die Gräfin geküßt hatte.« »Wer ist es?« fragten die beiden Frauen. »Ein Greis, der gleich mir armem Studenten im Faubourg Saint-Marceau für zwei Louis im Monat haust, ein wirklicher Unglücksvogel, den jedermann verspottet und den wir Vater Goriot nennen.« »Aber Sie Kind!« rief die Vicomtesse, »Frau von Restaud ist ein geborenes Fräulein Goriot.« »Die Tochter eines Nudelfabrikanten,« fuhr die Herzogin fort, »eine gewöhnliche Frau, die sich zu gleicher Zeit mit der Tochter eines Konditors dem Könige vorstellte. Erinnern Sie sich nicht, Klara? Der König lachte und sagte ein lateinisches Wort über das Mehl. Leute ... Wie war es nur? Leute ...« »Eiusdem farinae«, sagte der Student. »Ja, das war es«, sagte die Herzogin. »Also ihr Vater!« wiederholte der Student entsetzt. »Aber ja; der gute Alte hat zwei Töchter, in die er geradezu vernarrt ist, obgleich eine wie die andere ihn am liebsten verleugnete.« »Ist nicht die zweite«, sagte die Vicomtesse und blickte Frau von Langeais an, »mit einem Bankier verheiratet, der einen deutschen Namen hat, einem Baron Nucingen? Heißt sie nicht Delphine? Ist es nicht eine Blondine, die in der Oper eine Seitenloge hat und die auch ins Bouffon geht und sehr laut lacht, um Aufsehen zu erregen?«

Die Herzogin lächelte und sagte: »Aber, meine Liebe, ich bewundere Sie! Warum befassen Sie sich so eingehend mit jenen Leuten? Man mußte schon so toll verliebt sein wie Restaud, um sich mit Fräulein Anastasia zu › vermehlen‹. Er machte aber kein gutes Geschäft dabei. Sie ist in den Händen des Herrn von Trailles, der sie zugrunde richten wird.« »Sie haben ihren Vater verleugnet!« wiederholte Eugen. »Nun ja, ihren Vater, den Vater, einen Vater,« entgegnete die Vicomtesse, »einen guten Vater, der jeder von ihnen, wie man sagt, fünf- oder sechshunderttausend Franken gab, um ihnen eine gute Heirat zu verschaffen, und der für sich selbst nur acht- bis zehntausend Livres Rente zurückbehalten hatte, im Glauben, seine Töchter würden immer seine Töchter bleiben und er habe sich zwei Heimstätten geschaffen, wo er geliebt, verehrt werden würde. Nach zwei Jahren haben seine Schwiegersöhne ihn aus ihrer Gesellschaft verbannt wie den Elendesten der Elenden ...«

In Eugens Augen, der erst kürzlich die reinen und heiligen Freuden der Familie genossen hatte und noch den jungen Glauben an das Gute in sich trug, traten Tränen, – war dies doch sein erster Kampftag auf dem Schlachtfelde der Pariser Zivilisation. Wahres Mitgefühl verbindet, und eine Weile verharrten alle drei in Schweigen.

»Ach, mein Gott,« sagte Frau von Langeais, »das scheint wirklich entsetzlich, und doch sehen wir dergleichen alle Tage. Hat das nicht seine bestimmte Ursache? Haben Sie, liebe Freundin, sich jemals die Frage vorgelegt, was so ein Schwiegersohn eigentlich bedeutet? Ein Schwiegersohn ist ein Mann, für den wir – Sie oder ich – ein liebes kleines Geschöpf großziehen, an dem wir mit tausend Banden hängen, das siebzehn Jahre lang die Freude der Eltern, die › reine Seele der Familie‹, wie Lamartine sagen würde, sein und ihr dann plötzlich zum Fluch gereichen wird. Wenn jener Mann sie uns genommen hat, benutzt er seine Liebe als Beil, um im Herzen dieses Engels alle Gefühle abzuhauen, mit denen sie ihrer Familie zugetan gewesen ist. Gestern noch war unsere Tochter unser alles, und wir waren alles für sie; morgen wird sie unsere Feindin sein! Sehen wir nicht alle Tage dieses Trauerspiel? Hier begegnet die Schwiegertochter dem Schwiegervater, der seinem Sohne alles hingeopfert hat, auf unverschämteste Weise. Dort wieder setzt ein Schwiegersohn seine Schwiegermutter vor die Tür. Und da fragt man noch, was es denn in der heutigen Gesellschaft Dramatisches gäbe. Aber das Drama des Schwiegersohnes ist entsetzlich, ganz abgesehen von unseren Ehen, die an sich schon dumm genug sind. Ich erinnere mich der Geschichte des alten Nudelfabrikanten noch recht gut. Ich glaube, dieser Foriot ...« »Goriot, gnädige Frau.« »Ja, dieser Moriot war während der Revolution Präsident seiner Innung. In der berüchtigten Zeit der Teuerung legte er den Grundstein zu seinem Vermögen, indem er das Mehl zehnmal teurer verkaufte, als es ihn selbst kostete. Er hatte so viel davon, wie er nur wollte. Der Verwalter meiner Großmutter verkaufte ganz ungeheure Mengen an ihn. Dieser Noriot steckte wahrscheinlich, wie alle jene Leute, mit dem Wohlfahrtsausschuß unter einer Decke. Ich erinnere mich, daß der Verwalter meiner Großmutter ihr riet, getrost in Grandvilliers zu verbleiben, ihre Getreidevorräte seien die denkbar beste Bürgerkarte. Also dieser Loriot, der den Kopfabschneidern Korn verkaufte, hatte nur eine Leidenschaft. Man sagt, er betet seine Töchter an. Die ältere hat er in die Familie Restaud hineingeschmuggelt und die andere dem Baron Nucingen aufgepfropft, einem reichen Bankier, der den Royalisten spielt. Während des Kaiserreichs war es den beiden Schwiegersöhnen nicht allzu peinlich, den alten Dreiundneunziger bei sich zu haben; zu Bonapartes Zeiten mochte das gehen. Als aber die Bourbonen zurückkehrten, war der alte Mann Herrn von Restaud unangenehm und mehr noch dem Bankier. Die Töchter, die wohl ihren Vater liebten, mochten es mit keiner Partei verderben; sie empfingen den Toriot, wenn sie allein waren; sie erfanden zärtliche Vorwände: › Papa, komm doch, wenn wir allein sind, da haben wir mehr voneinander!‹ und so weiter. Ich aber glaube, meine Liebe, daß ein wahres Gefühl Augen und Urteilskraft besitzt: dem armen Dreiundneunziger blutete also das Herz. Er sah, daß seine Töchter sich seiner schämten, daß er seinen Schwiegersöhnen im Wege war. Er mußte sich demnach opfern, und er opferte sich, denn er war Vater: er verbannte sich selbst. Als er seine Töchter zufrieden sah, begriff er, daß er recht gehandelt hatte. Vater wie Kinder waren Mitschuldige bei diesem kleinen Verbrechen. Dergleichen sehen wir überall. Wäre dieser Vater Doriot nicht ein Schandfleck gewesen im Salon seiner Töchter? Hatte er sich dort nicht bedrückt, gelangweilt gefühlt? Was hier dem Vater begegnete, könnte der hübschesten Frau mit dem geliebtesten Manne begegnen: wenn sie ihn mit ihrer Liebe langweilt, verläßt er sie, begeht sogar Niederträchtigkeiten, um ihr zu entfliehen. So ist es mit allen Gefühlen. Unser Herz ist eine Schatzkammer; entleeren wir sie auf einmal ganz, so sind wir zugrunde gerichtet. Wir verzeihen ebensowenig einem Gefühl, daß es sich nackt und offen gezeigt hat, wie einem Manne, daß er keinen Sou besitzt. Jener Vater hatte alles hingegeben, hatte zwanzig Jahre sein alles, seine Liebe hingeopfert und gab in einem Tage dann sein Vermögen hin. Als die Zitrone so gründlich ausgepreßt war, ließen die Töchter die Schale an der Straßenecke liegen.« »Die Welt ist gemein«, sagte die Vicomtesse und strich ihren Schal zurecht. Sie blickte nicht auf, denn sie war von den Worten, die Frau von Langeais in ihrem Bericht auf sie persönlich gemünzt hatte, tief betroffen. »Gemein? Nein,« entgegnete die Herzogin, »sie geht ihren Gang, das ist alles. Wenn ich so zu Ihnen spreche, geschieht es, um zu zeigen, daß ich mich von den andern nicht dumm machen lasse. Ich denke wie Sie«, sagte sie und drückte der Vicomtesse die Hand. »Die Welt ist ein Morast; versuchen wir, uns obenauf zu halten!« Sie erhob sich und küßte Frau von Beauséant auf die Stirn: »Sie sind sehr schön, meine Liebe, gerade jetzt. Sie haben eine wundervolle Farbe!«

Dann ging sie hinaus, nachdem sie vor dem Studenten leicht den Kopf geneigt hatte.

»Der Vater Goriot ist wahrhaft erhaben!« sagte Eugen, denn er dachte daran, wie dieser des Nachts sein Silbergeschirr zerdrückt hatte.

Frau von Beauséant hörte nichts, sie war in Gedanken. Einige Minuten herrschte Schweigen, und der arme Student fühlte sich beschämt und wagte weder zu gehen, noch zu bleiben, noch zu reden.

»Die Welt ist gemein und nichtswürdig«, sagte endlich die Vicomtesse. »Sobald uns ein Unglück widerfährt, findet sich gleich ein Freund, um es zu verkünden und uns das Herz mit einem Dolch zu durchbohren, während er noch verlangt, daß wir das Heft bewundern sollen. Schon jetzt der Spott, schon jetzt der boshafte Witz! Aber – ich werde mich zu verteidigen wissen.«

Sie warf in edlem Stolz den Kopf in den Nacken, und ihre Augen schossen Blitze.

»Ah!« sagte sie erstaunt, als sie Eugen bemerkte, »Sie sind noch da!« »Noch? ...«, sagte er flehend. »Nun also, Herr von Rastignac, behandeln Sie die Welt, wie sie es verdient! Sie wollen sich durchsetzen, ich werde Ihnen helfen. Sie werden ergründen, wie tief verdorben die Frauen, wie elend und eitel die Männer sind. Obgleich ich dieses Buch des Lebens gründlich studierte, gab es dennoch Seiten, die mir unbekannt waren. Jetzt weiß ich alles. Je kälter Sie urteilen, um so weiter werden Sie es bringen. Schlagen Sie mitleidlos zu, man wird Sie fürchten! Betrachten Sie Männer wie Frauen nur als Postpferde, die Sie von Station zu Station gegen neue auswechseln und krepieren lassen; auf diese Weise werden Sie das Ziel Ihrer Wünsche erreichen. Sehen Sie, Sie werden hier nicht eher etwas sein, als bis Sie eine Frau gefunden haben, die sich Ihrer annimmt. Sie brauchen eine junge, reiche, weltgewandte Beschützerin. Wenn Sie aber ein wahres Gefühl in sich tragen, verbergen Sie es wie einen Schatz; lassen Sie es nie ahnen, sonst sind Sie verloren. Sie wären dann nicht mehr der Henker, sondern das Opfer. Wenn Sie jemals lieben, hüten Sie Ihr Geheimnis gut! Geben Sie es nicht preis, ehe Sie genauer wissen, wem Sie Ihr Herz er öffnen. Um diese Liebe zu hüten, noch ehe sie in Ihnen erwachsen ist, lernen Sie der Welt mißtrauen. Hören Sie mich, Miguel,« (sie merkte nicht, daß sie sich in der Anrede geirrt hatte) »es gibt noch Entsetzlicheres als diese Herzlosigkeit der beiden Töchter, die ihren Vater tot sehen möchten: das ist die Rivalität der beiden Schwestern untereinander. Restaud ist ein Mann von Geburt, seine Frau ist in unseren Kreisen aufgenommen und bei Hofe vorgestellt; aber ihre Schwester, ihre reiche Schwester, die schöne Frau Delphine von Nucingen, die Frau eines Geldmannes, stirbt vor Kummer. Die Eifersucht verzehrt sie, weil sie der Schwester hundert Meilen nachsteht. Ihre Schwester ist nicht mehr ihre Schwester; die beiden Frauen verleugnen einander, wie sie ihren Vater verleugnen. Und Frau von Nucingen würde allen Schlamm von der Rue Saint-Lazare bis zur Rue de Grenelle auflecken, wenn sie damit erreichte, in meinen Salon zugelassen zu werden. Sie hatte geglaubt, Herr von Marsay werde sie zum Ziele führen, und sie hat sich zu seiner Sklavin gemacht, sie verfolgt ihn mit ihrem Ehrgeiz. Marsay macht sich wenig aus ihr. Wenn Sie sie mir vorstellen würden, wären Sie ihr Benjamin, sie würde Sie anbeten. Verlieben Sie sich in sie, wenn Sie können; wenn nicht, nutzen Sie sie wenigstens aus. Ich werde sie ein- oder zweimal an großen Gesellschaftsabenden bei mir sehen, wenn alle Welt da ist, aber ich werde sie nie am Vormittag empfangen. Ich werde sie begrüßen, das wird genügen. Sie haben sich die Tür der Gräfin verschlossen, da Sie den Namen des Vaters Goriot erwähnten. Ja, mein Freund, Sie können zwanzigmal zu Frau von Restaud gehen, – Sie werden sie zwanzigmal nicht antreffen. Man hat Sie auf die Schwarze Liste gesetzt. Nun gut, möge der Vater Goriot Sie bei Frau von Nucingen einführen. Machen Sie sich zum Ritter der schönen Frau! Werden Sie derjenige, den sie auszeichnet, und die schönen Frauen werden alle in Sie vernarrt sein. Ihre Rivalinnen, ihre Freundinnen, ihre besten Freundinnen werden danach trachten, Sie ihr zu entführen. Es gibt Frauen, die nur den Mann lieben, den eine andere sich erwählt, gleichwie es arme Bürgersfrauen gibt, die meinen, wenn sie unsere Hüte trügen, hätten sie auch unsere Allüren. So werden Sie Erfolge haben. In Paris sind die Erfolge alles, sie sind der Schlüssel zur Macht. Wenn die Frauen finden, Sie seien geistvoll und begabt, so werden die Männer es glauben, wenn Sie sie nicht enttäuschen. Sie können dann alles erstreben, den Fuß überall hinsetzen. Dann werden Sie die Welt kennen und wissen, daß sie eine Vereinigung von Dummköpfen und Betrügern ist. Halten Sie sich weder zu diesen noch zu jenen! Ich gebe Ihnen meinen Namen wie einen Ariadnefaden mit in dieses Labyrinth; machen Sie ihm keine Schande,« sagte sie mit erhobenem Kopf und warf einen königlichen Blick auf den Studenten, »geben Sie ihn mir rein zurück! Gehen Sie jetzt, lassen Sie mich allein! Auch wir Frauen haben unsere Schlachten zu liefern.« »Wenn Sie einen Mann nötig haben sollten, um Feuer an eine Mine zu legen ...?« sagte Eugen, sie unterbrechend. »Nun?« sagte sie.

Er legte die Hand aufs Herz, lächelte zum Lächeln seiner Cousine und ging. Es war fünf Uhr. Eugen hatte Hunger; er fürchtete, nicht rechtzeitig zum Essen zu Hause einzutreffen. Diese Besorgnis verschaffte ihm die Freude, auf schnellen Rädern durch Paris zu jagen. Dennoch ließen seine stürmenden Gedanken kein Wohlbehagen aufkommen. Wenn ein junger Mann in seinem Alter sich der Mißachtung preisgegeben sieht, so läßt er sich vom Zorn hinreißen, er tobt und streckt der ganzen Welt die geballte Faust entgegen, er will Rache und zweifelt dabei an sich selbst. Rastignac fühlte sich tief gedemütigt von den Worten: › Sie haben sich die Tür der Gräfin verschlossen.‹

› Ich werde hingehen,‹ sagte er bei sich selbst, › und wenn Frau von Beauséant recht hat, wenn man mich abweist ... mich ..., so soll mich Frau von Restaud in allen Salons antreffen. Ich werde fechten lernen und Pistolen schießen, ich werde ihr ihren Maxime töten! – Und das Geld?‹ fragte ihn eine innere Stimme, › woher willst du es nehmen?‹

Plötzlich sah er den Prunk des gräflichen Hauses vor Augen. Er hatte dort den Glanz gesehen, wie ein Fräulein Goriot ihn lieben mußte, Vergoldungen, Gegenstände, denen man den teuren Preis ansehen konnte, die unverständige Pracht des Emporkömmlings, die Verschwendung einer ausgehaltenen Frau. Dieses berückende Bild verlöschte wie nichts vor dem Glanze des Hauses Beauséant. Seine Einbildungskraft, die sich bis in die höchsten Regionen der Pariser Gesellschaft verstiegen hatte, raunte ihm tausend schlechte Gedanken zu, erweiterte seinen Verstand und sein Gewissen. Er sah die Welt, wie sie ist: Reichtum steht über Gesetz und Moral, Vermögen ist die ultima ratio mundi.

› Vautrin hat recht, Vermögen ist Tugend‹, sagte er sich.

In der Rue Neuve-Sainte-Geneviève angekommen, stieg er eilig in sein Zimmer hinauf, kam wieder herunter, um dem Kutscher zehn Franken einzuhändigen, und betrat dann den übel riechenden Speisesaal, wo er die achtzehn Tischgäste gierig bei der Mahlzeit fand, wie Vieh an der Raufe. Der Anblick dieser Elenden und dieses fürchterlichen Raumes war ihm entsetzlich. Der Wechsel war zu plötzlich, der Unterschied zu groß, seinen Ehrgeiz nicht aufs höchste anzustacheln. Auf der einen Seite die frischen, reizvollen Bilder der vornehmsten Gesellschaft, junge, lebhafte Gestalten, umgeben von den Wundern der Kunst, der Pracht: leidenschaftliche, poesieumwobene Gesichter; auf der anderen Seite düstere Bilder in abgegriffenen, schmutzigen Rahmen und Köpfe, auf denen die Leidenschaften nur Furchen und Härte zurückgelassen hatten. Die Ratschläge, die der Zorn getäuschter Liebe Frau von Beauséant entlockt hatte, ihr fesselndes Anerbieten kam ihm in Erinnerung, und das Elend hier ergänzte ihm das Gehörte. Rastignac beschloß, sich zwei parallele Wege zum Reichtum zu eröffnen, sich sowohl auf die Wissenschaft wie auch auf die Liebe zu stützen, ein gelehrter Anwalt und dennoch ein Weltmann zu werden. Er war noch ein rechtes Kind; sind doch diese beiden Wege Linien, die sich niemals vereinigen können.

»Sie sind verstimmt, Herr Marquis«, sagte Vautrin und warf ihm einen Blick zu, mit dem er die verborgensten Geheimnisse des Herzens aufzusaugen schien. »Ich bin nicht gewillt, von solchen, die mich Herr Marquis nennen, Späße hinzunehmen«, erwiderte er. »Zum wahren Marquis gehören hier hunderttausend Livres Rente; und wenn man im Hause Vauquer wohnt, so ist man gewiß kein Liebling des Glücks.«

Vautrin betrachtete Rastignac mit überlegener und verächtlicher Miene, als ob er sagen wollte: › Du Äffchen, das ich auf einen Bissen verschlingen könnte!‹ Dann erwiderte er: »Sie sind schlechter Laune, weil Sie wahrscheinlich bei der schönen Gräfin Restaud kein Glück gehabt haben.« »Sie hat mir ihre Tür verschlossen, weil ich ihr sagte, ihr Vater sitze mit uns an einem Tisch«, rief Rastignac.

Die Pensionäre sahen einander an. Vater Goriot senkte die Augen und wandte sich ab, um sie zu trocknen.
»Sie haben mir Tabak ins Auge gestreut«, sagte er zu seinem Nachbar.

»Wer weiterhin Vater Goriot ärgert, der bekommt es mit mir zu tun«, sagte Eugen, zum Nachbar des alten Mannes gewendet; »er ist mehr wert als wir alle, – die Damen ausgenommen«, fügte er zu Fräulein Taillefer gewendet hinzu.

Dieser Ausspruch war eine Herausforderung. Eugen hatte ihn mit solchem Nachdruck getan, daß die anderen verblüfft verstummten. Vautrin allein sagte spöttisch: »Wenn Sie den Vater Goriot auf sich nehmen und sich als seinen › verantwortlichen Herausgeber‹ aufspielen wollen, so müssen Sie mit Degen und Pistole gut umzugehen wissen.« »Soll geschehen«, sagte Eugen. »Sie stellen sich also von heute an auf den Kriegsfuß?« »Vielleicht«, entgegnete Rastignac; »aber ich bin niemandem über meine Angelegenheiten Rechenschaft schuldig, da ich mich auch nicht darum kümmere, was andere nächtlich treiben.« Vautrin sah Rastignac von der Seite an. »Mein Kleiner, wenn man nicht selbst der Übertölpelte sein will, muß man sich in offenen Kampf wagen und darf sich nicht damit begnügen, durch die Schlüssellöcher zu spähen. Genug der Worte!« fügte er hinzu, da er sah, daß Eugen aufbrausen wollte. »Wir können uns gelegentlich einmal darüber unterhalten, wenn Sie wollen.«

Die Mahlzeit verlief düster und kalt. Vater Goriot, dem der Ausruf des Studenten tiefen Kummer gebracht hatte, begriff gar nicht, daß sich die Stimmung zu seinen Gunsten gewendet und daß ein junger Mann, der wohl in der Lage war, den Verfolgungen ein Ziel zu setzen, seine Verteidigung übernommen hatte.

»So wäre Herr Goriot«, sagte Frau Vauquer mit leiser Stimme, »auf einmal der Vater einer Gräfin?« »Und einer Baronin«, erwiderte ihr Rastignac. »Er hätte auch zu nichts anderm getaugt«, sagte Bianchon zu Rastignac; »ich habe ihm den Kopf vermessen: er zeigt nur einen Höcker, den der Vaterliebe; er wird ewig nur Vater sein.«

Eugen war zu ernst gestimmt, als daß der Scherz Bianchons ihn zum Lachen gebracht hätte. Er wollte aus den Ratschlägen der Frau von Beauséant Nutzen ziehen und fragte sich, wo und auf welche Weise er zu Geld gelangen könne. Er wurde sorgenvoll, als er die weiten Grassteppen der Welt vor seinen Augen gleichzeitig so öde und doch so üppig sich ausbreiten sah. Als die Mahlzeit beendet war, gingen alle hinaus und ließen ihn mit Goriot allein zurück.

»Sie haben also meine Tochter gesehen?« fragte ihn Goriot mit bewegter Stimme.
Der Biedermann hatte ihn aus seinen Träumen aufgeschreckt; Eugen nahm die Hand des Alten und sah ihm mitleidig ins Gesicht.
»Sie sind ein tapferer, ehrwürdiger Mann«, erwiderte er. »Über Ihre Töchter wollen wir später sprechen.«

Er erhob sich, denn er konnte Vater Goriot jetzt nicht anhören, und zog sich auf sein Zimmer zurück, wo er seiner Mutter folgenden Brief schrieb:

› Meine liebe Mutter! Sieh zu, ob Du Dir nicht für mich noch eine neue Quelle eröffnen kannst. Ich bin augenblicklich in der Lage, schnell mein Glück machen zu können; aber ich brauche zwölfhundert Franken, – und brauche sie dringend. Sage dem Vater nichts von meiner Bitte; er könnte sich vielleicht widersetzen, und wenn ich das Geld nicht bekäme, würde ich einer Verzweiflung anheimfallen, die mich dahin treiben könnte, mir eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Die Gründe für mein Verlangen erkläre ich Dir bei unserem nächsten Wiedersehen, denn ich müßte ganze Bände schreiben, wollte ich Dir die Lage klar machen, in der ich mich befinde. Meine gute Mutter, ich habe weder gespielt, noch habe ich Schul den; doch wenn Dir daran liegt, mir das Leben zu erhalten, das Du mir geschenkt hast, mußt Du diese Summe für mich auftreiben. Mit einem Wort: ich gehe zur Vicomtesse von Beauséant, die mich unter ihren Schutz genommen hat. Ich muß in die große Welt – und habe nicht einen Sou, um mir reine Handschuhe zu kaufen. Ich könnte mich von Brot und Wasser nähren, könnte fasten, wenn es not tut; aber ich kann nicht ohne die Gerätschaften auskommen, mit denen man hierzulande seinen Weinberg beackert. Es handelt sich für mich darum, meinen Weg zu machen oder unten im Schmutz stecken zu bleiben. Ich kenne alle die Hoffnungen, die Ihr auf mich gesetzt habt, und will sie bald verwirklichen. Meine liebe Mutter, verkaufe einige Deiner alten Schmucksachen, ich werde sie Dir bald ersetzen. Ich kenne zur Genüge die Lage unserer Familie, solche Opfer würdigen zu können, und Du mußt mir glauben, daß ich sie nicht umsonst Dir auferlege, – ich wäre ja ein Ungeheuer! Sieh in meiner Bitte nur den Schrei einer zwingenden Notwendigkeit. Unsere ganze Zukunft hängt von dieser Unterstützung ab, mit deren Hilfe ich den Krieg eröffnen muß; denn das Pariser Leben ist ein beständiger Kampf. Wenn es zur Vervollständigung der Summe kein anderes Mittel gibt, als daß meine Tante ihre Spitzen verkauft, so sage ihr, daß ich ihr schönere schicken werde ...‹, und so weiter.

Er schrieb an jede seiner Schwestern und bat sie um ihre Ersparnisse; und um sie ihnen entlocken, ohne daß sie in der Familie darüber redeten, appellierte er an ihren Zartsinn und berührte die Saiten des Ehrgefühls, die in jungen Herzen so gut gespannt sind und so kräftig ertönen.

Als er diese Briefe geschrieben hatte, fühlte er sich unwillkürlich befangen: er bebte, er zitterte. Der ehrgeizige junge Mann kannte den unbefleckten Edelmut dieser von der Einsamkeit beschützten Seelen; er wußte, welche Leiden er seinen Schwestern verursachte und dennoch welche Freuden; mit welcher Lust sie sich dort in der Abgeschiedenheit über den geliebten Bruder unterhalten würden. Sein Gewissen machte ihn hellsehend und zeigte sie ihm, wie sie im geheimen ihren kleinen Sparschatz überzählten; er sah sie, wie sie all die Hinterlist und Schlauheit junger Mädchen aufboten, ihm dieses Geld › heimlich‹ zu schicken, und zum ersten Mal einen Betrug wagten, um eine edle Tat zu vollbringen.

› Das Herz einer Schwester ist ein Diamant an Reinheit, ein Abgrund an Zärtlichkeit‹, sagte er sich.

Er schämte sich, geschrieben zu haben. Wie machtvoll mußten ihre Schwüre, wie rein der Aufschwung ihrer Seelen gen Himmel sein! Mit welcher Seligkeit würden sie sich opfern! Von welchem Leid würde seine Mutter gemartert, wenn es ihr nicht möglich sein sollte, die ganze Summe zu schicken! Diese schönen Empfindungen, diese entsetzlichen Opfer sollten ihm als Sprossen dienen, um zu Delphine von Nucingen zu gelangen. Ein paar Tränen fielen ihm aus den Augen: die letzten Weihrauchkörner auf den heiligen Altar der Familie. Aufgeregt und verzweifelt schritt er im Zimmer auf und ab. Vater Goriot gewahrte ihn durch die nur angelehnte Tür und trat mit den Worten ein: »Was fehlt Ihnen denn, junger Herr?« »Ach, mein guter Nachbar, so, wie Sie Vater sind, bin ich noch Sohn und Bruder. Sie haben recht, um die Gräfin Anastasia zu zittern: sie hat sich einem Maxime von Trailles ergeben, der sie zugrunde richten wird.« Vater Goriot stammelte ein paar unverständliche Worte und zog sich zurück.

Am anderen Morgen brachte Rastignac seine Briefe zur Post. Er zögerte bis zum letzten Augenblick, aber er warf sie dennoch in den Kasten, indem er sich sagte: › Ich werde siegen!‹ Der Ausspruch des Spielers, des großen Feldherrn, – ein schicksalschweres Wort, das mehr Existenzen vernichtet als rettet.

Ein paar Tage später begab sich Eugen zu Frau von Restaud und wurde nicht vorgelassen. Dreimal wiederholte er den Besuch und kam dreimal vor verschlossene Türen, obwohl er sich zu Stunden einstellte, in denen der Graf Maxime von Trailles nicht da war. Die Vicomtesse hatte recht gehabt.

Der Student studierte nicht mehr. Er ging ins Kolleg, um beim Namenaufruf zu antworten; und wenn er seine Gegenwart nachgewiesen hatte, machte er sich davon. Er stellte Betrachtungen an, wie sie die meisten Studenten zu haben pflegen. Er wartete mit dem Studium, bis es sich darum handeln würde, die Prüfungen zu bestehen; er hatte beschlossen, die Vorlesungen des zweiten und dritten Jahres zusammenkommen zu lassen und erst zuallerletzt ernstlich und in einem Zuge die juristischen Kenntnisse sich anzueignen. So hatte er also fünfviertel Jahr lang Muße, auf dem Meere von Paris umherzusegeln, sich mit den Frauen zu befassen oder ein Vermögen zu fischen.

In jener Woche besuchte er zweimal Frau von Beauséant, bei der er immer erst eintrat, wenn der Wagen des Marquis d'Ajuda-Pinto sich entfernt hatte. Für einige Tage noch blieb diese vornehme Frau, die poetischste Gestalt des Faubourg Saint-Germain, Siegerin und brachte es dahin, daß die Vermählung des Fräuleins von Rochefide mit dem Marquis d'Ajuda-Pinto aufgeschoben wurde. Aber diese letzten Tage, die die Furcht, ihr Glück zu verlieren, zu den leidenschaftlichsten von allen machte, sollten die Katastrophe beschleunigen. Im Einvernehmen mit den Rochefides hatte der Marquis d'Ajuda den Bruch und die Wiederversöhnung als glücklichen Umstand betrachtet: sie hofften, Frau von Beauséant werde sich mit dem Gedanken an diese Heirat vertraut machen und dahin kommen, ihre Vormittage einem in jedem Menschenleben eintretenden Ereignis zu opfern. Trotz der heiligen Versprechungen, die Herr d'Ajuda täglich machte, spielte er also Komödie, und die Vicomtesse liebte es, sich täuschen zu lassen. »Anstatt stolz aus dem Fenster zu springen, läßt sie sich langsam die Treppe hinunterwerfen«, sagte die Herzogin von Langeais, ihre beste Freundin. Immerhin erstrahlten diese letzten Gluten lange genug, daß die Vicomtesse noch in Paris verbleiben und ihrem jungen Verwandten, dem sie eine Art abergläubischer Zuneigung entgegenbrachte, dienlich sein konnte. In einer Lage, in der die Frauen in keinem Auge Trost oder Mitleid zu finden gewohnt sind, hatte Eugen ihr Ergebenheit und Zartgefühl bewiesen.

In dem Bestreben, das Manövergelände erst gründlich kennen zu lernen, ehe er den Angriff auf das Haus Nucingen wagte, wollte Rastignac sich mit Vater Goriots äußeren Lebensumständen vertraut machen und zog Erkundigungen ein, die sich in Folgendem zusammenfassen lassen:

Jean Joachim Goriot war vor der Revolution ein einfacher Arbeiter in einer Nudelfabrik gewesen, aber geschickt, sparsam und unternehmend genug, die Warenbestände seines Herrn zu kaufen, den der Zufall zum Opfer des ersten Aufstandes von 1789 gemacht hatte. Er hatte sich in der Rue de la Jussienne nahe der Getreidehalle niedergelassen und die Schlauheit besessen, sich zum Vorsitzenden seiner Innung machen zu lassen, um in dieser gefährlichen Zeit sein Gewerbe unter einflußreichen Schutz stellen zu können. Diese kluge Vorsicht legte den Grundstein zu seinem Vermögen, das er in der wirklichen oder künstlichen Teuerung ansammelte, in der das Getreide in Paris ungeheure Preise erzielte. Das Volk raufte sich vor den Bäckerläden, während gewisse Leute in aller Ruhe bei den Krämern Makkaroni kauften. Im Laufe dieses Jahres heimste der Bürger Goriot die Kapitalien ein, die es ihm später ermöglichten, sein Gewerbe mit all der Überlegenheit zu betreiben, die ein großer Sack voll Geld demjenigen verleiht, der ihn besitzt; es erging ihm wie allen Leuten, die nur einseitige Fähigkeiten haben: seine Mittelmäßigkeit rettete ihn. Und da übrigens sein Reichtum erst bekannt wurde, als es nicht mehr gefährlich war, reich zu sein, so wurde ihm von Neidern nicht zugesetzt. Der Getreidehandel schien alle seine Geisteskräfte in Anspruch zu nehmen. Wenn es sich um Korn und Mehl handelte, um die Feststellung ihrer Güte, ihrer jeweiligen Eigenschaften, ihrer Haltbarkeit, wenn es galt, die Kursschwankungen vorauszusehen, den Ausfall einer Ernte vorher zu berechnen, in Sizilien oder der Ukraine billig Getreide aufzukaufen, so hatte Goriot nicht seinesgleichen. Wer ihn sah, wie er seine Geschäfte führte, die Gesetze über Ausfuhr und Einfuhr des Getreides erläuterte, ihren Sinn prüfte, ihre Mängel erfaßte, hätte ihn für würdig gehalten, Staatsminister zu werden. Geduldig, tatkräftig, willensstark, beharrlich, rasch im Handeln, hatte er einen Adlerblick, sah alles voraus, war allem gewachsen, wußte alles und verheimlichte alles, – ein Diplomat im Erfassen des rechten Augenblicks, ein Soldat im kühnen Drauflosgehen. Außerhalb seines Berufes aber, seines bescheidenen dunklen Ladens, auf dessen Schwelle er, den Kopf an die Tür gelehnt, die müßigen Stunden hinbrachte, wurde er wieder der plumpe, blöde Arbeiter, der kein Gespräch führen, keine geistige Freude empfinden konnte; der Mann, der im Theater einschlief, – ein Tölpel, der nur in der Dummheit stark war. Solcher einseitiger Naturen gibt es viele, und fast alle tragen sie irgendein starkes Gefühl in sich. Zwei Empfindungen waren es, die allein das Herz des Nudelfabrikanten erfüllten, gleichwie der Getreidehandel seinen ganzen Verstand in Anspruch nahm. Seine Frau, die einzige Tochter eines vermögenden Gutspächters, war ihm der Gegenstand heiligster Bewunderung, grenzenloser Liebe. Goriot bewunderte in ihr eine frische und kräftige, feinfühlige und anmutige Natur, die der seinen ganz entgegengesetzt war. Gibt es aber eine Gefühlsregung, die dem Manne angeboren ist, so ist es gewiß der Stolz, ein schwaches Wesen beschützen zu dürfen. Kommt dazu noch die Liebe – dieses lebendige Dankgefühl aller freimütigen Seelen für den Gegenstand ihrer Freuden –, so lassen sich eine Menge seelischer Eigenheiten begreifen.

Nach sieben Jahren wolkenlosen Glückes verlor Goriot sein Weib. Das war sein Unglück; denn sie hatte begonnen, auch über das Gefühlsleben hinaus Macht über ihn zu gewinnen. Vielleicht hätte sie seine schwerfällige Natur veredelt, vielleicht ihr Verständnis beigebracht für die Dinge der Welt und des Lebens. Nun aber entwickelte sich bei Goriot das Gefühl der Vaterliebe bis zur Unvernunft. Er übertrug seine zärtlichen Gefühle auf seine beiden Töchter, die sein ganzes Herz ausfüllten. Welch glänzende Angebote ihm auch von Kaufleuten oder Gutspächtern gemacht wurden, die eifersüchtig danach trachteten, ihm ihre Töchter zur Frau zu geben, – er wollte Witwer bleiben. Sein Schwiegervater, der einzige Mann, dem er zugetan war, behauptete, genau zu wissen, daß Goriot geschworen habe, seinem Weibe auch nach ihrem Tode treu zu bleiben. Seine Geschäftsgenossen, die solchen erhabenen Wahnsinn nicht begreifen konnten, scherzten darüber und belegten Goriot mit einem drastischen Beinamen. Der erste von ihnen, der einmal in der Trunkenheit wagte, ihm diesen Namen ins Gesicht zu schleudern, erhielt von dem Nudelfabrikanten einen Faustschlag, der ihn kopfüber gegen einen Eckstein in der Rue Oblin warf. Die unüberlegte Hingabe, die fürsorgliche, zarte Liebe, die Vater Goriot seinen Töchtern entgegenbrachte, war so bekannt, daß eines Tages einer seiner Konkurrenten, der ihn vom Markt entfernen wollte, um selbst Herr des Kurses zu bleiben, ihm sagte, Delphine sei überfahren worden. Bleich und verwirrt verließ der Nudelfabrikant sofort den Markt. Die widersprechenden Empfindungen, in die der falsche Alarm ihn geworfen hatte, machten ihn für mehrere Tage krank. Wenn er diesem Manne auch keinen mörderischen Schlag versetzte, so jagte er ihn doch von dannen, indem er ihn in einer kritischen Lage zwang, Bankrott zu machen.

Die Erziehung seiner beiden Töchter war selbstredend unvernünftig. Da er mehr als sechzigtausend Franken Jahreseinnahme hatte und für sich selbst nicht mehr als zwölfhundert brauchte, bestand Goriots ganzes Glück darin, die Launen seiner Töchter zu befriedigen: Die besten Lehrer wurden damit betraut, ihnen die Gaben zu verleihen, die eine gute Erziehung anzeigen; sie hatten eine Gesellschaftsdame (zu ihrem Glück war es eine Frau von Geist und Geschmack), sie ritten, sie hatten ihren Wagen, sie lebten wie die Mätressen eines vornehmen und reichen alten Herrn. Sie brauchten die kostspieligsten Wünsche nur zu äußern, so sahen sie, wie ihr Vater sich beeilte, sie zu erfüllen; als Dank für seine Gaben verlangte er nur Zärtlichkeit. Goriot stellte seine Töchter auf gleiche Stufe mit den Engeln und natürlich weit über sich selbst. Der arme Mann! Er liebte selbst die Schmerzen, die sie ihm bereiteten. Als seine Töchter im heiratsfähigen Alter waren, durften sie sich ihre Ehegatten nach eigenem Geschmack wählen: jede von ihnen sollte als Mitgift das halbe Vermögen ihres Vaters bekommen. Anastasia, der der Graf von Restaud um ihrer Schönheit willen den Hof machte, hatte aristokratische Neigungen, die sie veranlaßten, das väterliche Haus zu verlassen, um sich in die höchsten Gesellschaftskreise hinaufzuschwingen. Delphine liebte das Geld: sie heiratete Nucingen, einen Bankier von deutscher Abstammung, Baron des Heiligen Römischen Reiches. Goriot blieb Nudelfabrikant. Seine Töchter und seine Schwiegersöhne ärgerten sich bald, ihn sein Gewerbe fortsetzen zu sehen, obgleich es doch sein Höchstes war. Nachdem er fünf Jahre lang ihr Drängen ertragen hatte, war er schließlich einverstanden, sich mit den Mitteln aus dem Verkauf seiner Vorräte und den Einnahmen der letzten Jahre zurückzuziehen – einem Vermögen, das Frau Vauquer, bei der er sich nun einmietete, auf eine jährliche Rente von acht- bis zehntausend Livres abgeschätzt hatte. Er hatte sich in diese Pension begeben aus Verzweiflung darüber, daß seine beiden Töchter, von ihren Gatten gezwungen, sich nicht nur weigerten, ihn bei sich aufzunehmen, sondern auch, ihn öffentlich zu empfangen.

Das war alles, was ein gewisser Herr Muret über den Vater Goriot mitzuteilen wußte, dessen Warenbestände er aufgekauft hatte. Die Vermutungen der Herzogin von Langeais fanden also ihre Bestätigung. Hier endet die Einleitung dieser ebenso unbekannten wie schrecklichen Pariser Tragödie. –

Ende der Woche, der ersten Dezemberwoche, erhielt Rastignac zwei Briefe, einen von seiner Mutter, den anderen von seiner älteren Schwester. Die so bekannten Schriftzüge ließen ihn vor Freude zittern und gleichzeitig vor Angst erbeben. Die beiden dünnen Papiere bedeuteten für seine Hoffnungen Tod oder Leben. Obgleich der Gedanke an die Notlage seiner Familie ihn mit Furcht erfüllte, kannte er doch deren große Liebe zu gut, als daß er nicht hätte besorgen müssen, ihren letzten Blutstropfen ausgesaugt zu haben. Der Brief seiner Mutter lautete wie folgt:

› Mein liebes Kind, ich schicke Dir, worum Du mich batest. Wende dieses Geld gut an! Ich könnte nicht – und wenn es sich um Dein Leben handelte – zum zweiten Mal eine so beträchtliche Summe auftreiben, ohne daß Dein Vater davon unterrichtet werden müßte, was den Frieden unserer Ehe stören würde. Um sie uns zu beschaffen, wären wir genötigt, auf unseren Grundbesitz Kapital aufzunehmen. Es ist mir nicht möglich, Deine Pläne, die ich nicht kenne, zu beurteilen; welcher Art aber sind sie, daß Du Bedenken trägst, sie mir zu bekennen? Eine solche Erklärung brauchte nicht Bände zu umfassen, – wir Mütter bedürfen nur eines Wortes, und dieses Wort hätte mir die Qualen der Ungewißheit genommen. Ich kann Dir den schmerzlichen Eindruck nicht verbergen, den Dein Brief auf mich gemacht hat. Mein lieber Sohn, was ist es denn, was Dich veranlaßt hat, mein Herz in solchen Schrecken zu setzen? Du mußt sehr gelitten haben, als Du Deinen Brief schriebst, da ich sehr gelitten habe, als ich ihn las. In welche Laufbahn willst Du Dich stürzen? Dein Leben, Dein Glück sollte davon abhängen, zu scheinen, was Du nicht bist, eine Welt zu sehen, in die Du nicht gehen kannst, ohne einen Aufwand an Zeit und Geld, – die Dir beide nicht zur Verfügung stehen? Was wird aus Deinem Studium? Mein guter Eugen, glaube dem Herzen Deiner Mutter: die krummen Wege führen zu nichts Großem. Geduld und Entsagungskraft, das sind die Tugenden junger Leute in Deiner Lage. Ich zürne Dir nicht, ich will meiner Gabe keine Bitternis hinzufügen. Meine Worte sind die einer vertrauenden, aber weitblickenden Mutter. Wie Du weißt, welches Deine Pflichten sind, so weiß ich, wie rein Dein Herz, wie edel Deine Absichten sind. Auch kann ich Dir furchtlos sagen: Geh, mein geliebtes Kind, schreite voran! Ich zittere, weil ich Mutter bin; aber jeden Deiner Schritte werden unsere Gebete, unsere Segenswünsche zärtlich begleiten. Sei klug, lieber Sohn! Suche die Weisheit eines reifen Mannes zu erringen; das Geschick von fünf Menschen, die Dir teuer sind, ruht auf Deinen Schultern. Ja, gleichwie Dein Glück auch unser Glück ist, ist Deine Zukunft unsere Zukunft. Wir alle werden Gott bitten, Dir in Deinen Unternehmungen beizustehen. Deine Tante Marcillac hat sich in dieser Sache von grenzenloser Güte gezeigt: sie konnte sogar begreiflich finden, was Du mir von Deinen Handschuhen sagtest. Aber sie habe eine Schwäche für den Erstgeborenen, meinte sie heiter. Mein Eugen, liebe Deine Tante herzlich! Ich werde Dir erst dann sagen, was sie für Dich getan hat, wenn Du zu Erfolg gelangt sein wirst; sonst würde ihr Geld Dir die Finger verbrennen. Ihr wißt es nicht, ihr Kinder, was das bedeutet, Andenken hinzuopfern. Aber was opferte man euch nicht? Sie beauftragt mich, Dir zu sagen, daß sie Dich auf die Stirn küsse und Dir mit diesem Kuß die Kraft verleihen möchte, recht glücklich zu sein. Die gute, prächtige Frau würde Dir selber geschrieben haben, wenn sie nicht die Gicht in den Fingern hätte. Deinem Vater geht es gut. Die Ernte von 1819 übertrifft unsere Erwartungen. Lebe wohl, liebes Kind! Von Deinen Schwestern sage ich Dir nichts, Laura wird selbst an Dich schreiben. Ich lasse ihr die Freude, über die kleinen Familienerlebnisse mit Dir zu plaudern. Gebe der Himmel, daß Du erreichst, was Du Dir vorgenommen hast! O ja, es muß ein Gelingen werden, denn Du hast mir einen Schmerz bereitet, den ich zum zweiten Mal nicht mehr ertragen könnte. Ich habe nun erfahren, was es heißt, arm zu sein, da ich um Deinetwillen so gern reich gewesen wäre. Nun also, leb wohl! Laß uns nicht ohne Nachricht, und nimm hier den Kuß, den Dir sendet.

Deine Mutter.‹

Nachdem Eugen diesen Brief gelesen hatte, standen ihm Tränen im Auge; er dachte an Vater Goriot, wie dieser sein Silber zerdrückte, um es zu verkaufen und den Wechsel seiner Tochter einzulösen.

› Deine Mutter hat ihre Schmucksachen hingegeben‹, sagte er sich. › Deine Tante hat sicherlich geweint, als sie ihre heiligen Andenken verkaufte. Mit welchem Recht verurteilst Du Anastasia? Du hast aus Eigennutz das getan, was sie für ihren Geliebten tat. Wer ist mehr wert, du oder sie?‹

Beschämung befiel ihn wie ein Fieber. Er wollte der Welt entsagen, er wollte das Geld nicht annehmen. Er empfand die edle und schöne Reue, deren Wert die Menschen so selten bei ihresgleichen anerkennen und die oftmals den von irdischen Richtern verdammten Verbrecher bei Engeln freizusprechen vermag. Rastignac öffnete den Brief seiner Schwester, dessen unbewußte Anmut ihm das Herz erfrischte:

»Dein Brief kam zu gelegener Zeit, lieber Bruder. Agathe und ich, wir wollten unser Geld auf so verschiedene Weise anlegen, daß wir nicht mehr wußten, zu welchem Einkauf wir es verwenden sollten. Du hast es gemacht wie der Diener des Königs von Spanien, als er sämtliche Uhren seines Herrn umwarf: Du schafftest Einigkeit. Wirklich, wir stritten uns fortwährend, welchem unserer Wünsche wir den Vorzug geben sollten, und wir waren nicht auf die Anwendung gekommen, mein guter Eugen, die alle unsere Wünsche befriedigt hätte. Agathe tanzte vor Freude. Ja, wir waren den ganzen Tag wie zwei Irrsinnige; › dergestalt‹ (Stil der Tante), daß die Mutter uns mit strenger Miene fragte: › Aber was habt ihr nur, ihr »Damen«?‹ Hätte man uns ein wenig ausgezankt, ich glaube, wir wären noch glücklicher gewesen. Welch großes Glück muß es für eine Frau sein, für den zu leiden, den sie liebt! Ich allein war nachdenklich und bekümmert inmitten meiner Freude. Ich werde gewiß eine schlechte Frau abgeben, ich bin zu verschwenderisch. Ich hatte mir zwei Gürtel gekauft und einen hübschen Locher, um die Löcher in mein Mieder zu bohren, alberner Tand, der schuld daran war, daß ich weniger Geld hatte als die protzige Agathe, die sparsam ist und ihre Taler zusammenträgt wie eine Elster. Sie hatte zweihundert Franken! Ich, mein armer Freund, habe nur fünfzig Taler. Ich bin bestraft, ich möchte meinen Gürtel in den Brunnen werfen, es wird mir immer peinlich sein, ihn zu tragen. Ich habe Dich bestohlen. Agathe war reizend. Sie sagte zu mir: › Schicken wir die dreihundertfünfzig Franken gemeinsam!‹ Aber ich konnte nicht anders, – ich mußte Dir den wahren Sachverhalt erzählen. Weißt Du, wie wir es anstellten, um Deinen Anordnungen Folge zu leisten? Wir nahmen unsere gewaltige Summe und gingen spazieren; und als wir die Landstraße gewonnen hatten, liefen wir nach Ruffec, wo wir die Summe vertrauensvoll Herrn Grimbert übergaben, der die dortige Postanstalt leitet. Wir waren leicht wie Schwalben, als wir heimkehrten. Wir erzählten uns unterwegs tausenderlei, was ich Dir nicht wiederholen werde, mein Herr Pariser, – es war gar viel von Dir die Rede. O lieber Bruder, wir lieben Dich sehr! Da ist in zwei Worten alles gesagt. Was die Verschwiegenheit anlangt, so sind, nach Ansicht unserer Tante, so kleine Heuchler wie wir zu allem fähig, selbst dazu, den Mund zu halten. Mutter und Tante haben eine geheimnisvolle Fahrt nach Angoulême gemacht und bewahren tiefstes Schweigen über die hohe Politik ihrer Reise, die erst nach langen Konferenzen stattfand, von denen wir sowie der Herr Baron ausgeschlossen waren. Seltsame Vermutungen beschäftigen die Geister im Staate Rastignac. Die Anfertigung des Musselinkleides, das die Infantinnen für Ihre Majestät die Königin mit Blumen besticken, vollzieht sich in aller Stille. Es sind nur noch zwei Breiten zu machen. Es ist beschlossen worden, nach Verteuil hin keine Mauer anzulegen, sondern eine Hecke. Der Haushalt verliert dadurch an Obst, da die Spaliere wegfallen, aber anderseits gewinnt man einen schönen Ausblick. Sollte der Thronerbe Taschentücher benötigen, so sei ihm kund getan, daß die Herzoginwitwe von Marcillac bei Durchsuchung ihrer Schatzkammern und Vorratskoffer, bekannt unter dem Namen › Pompeji und Herkulanum‹, ein Stück schöner holländischer Leinwand entdeckt hat, dessen sie sich gar nicht mehr versah. Die Prinzessinnen Agathe und Laura stellen Nadel und Faden und ihre stets ein wenig zu roten Hände zur Verfügung. Die beiden jungen Prinzen Don Henri und Don Gabriel haben die unselige Gewohnheit beibehalten, sich mit Trauben vollzustopfen, ihre Schwestern zu ärgern, dem Müßiggang zu huldigen, Vogelnester auszunehmen, wild und laut zu sein und ungeachtet des Staatsverbotes Weidenruten zu schneiden, um Spazierstöckchen daraus zu machen. Der Nuntius des Papstes, für gewöhnlich Herr Pfarrer genannt, droht sie zu exkommunizieren, wenn sie fortfahren, die kanonischen Bücher der Grammatik um der Kanonen des Kriegsspieles willen zu vernachlässigen. Leb wohl, lieber Bruder; nie brachte Dir ein Brief so viele Wünsche für Dein Glück, nie so viel still zufriedene Liebe. Du wirst uns also, wenn Du kommst, gar vieles zu berichten haben. Du wirst mir alles sagen, mir, die ich die Ältere bin. Die Tante ließ etwas davon verlauten, daß Du gesellschaftliche Eroberungen machtest.

› Man spricht von einer Dame, und man verschweigt den Rest ...‹

Unter uns, selbstredend! Höre, Eugen, wenn Du wolltest, könnten wir auf die Taschentücher verzichten und Dir statt dessen Hemden anfertigen. Gib mir darüber bald Antwort. Wenn Du schnell schöne, gut genähte Hemden gebrauchen solltest, müßten wir uns sofort an die Arbeit machen; und sollte man in Paris eine andere Fasson tragen, als wir sie kennen, so sende uns ein Probehemd, vor allem wegen der Ärmelborten. Leb wohl! Ich küsse Dich auf die Stirn – auf die linke Schläfe, die mir ganz allein gehört ... Ich lasse die Rückseite dieses Bogens für Agathe, die versprochen hat, nicht zu lesen, was ich geschrieben habe. Um aber ganz sicher zu gehen, werde ich bei ihr bleiben, während sie schreibt.

Deine Dich liebende Schwester Laura von Rastignac.«

› O tausendmal ja,‹ sagte sich Eugen, › ja, Reichtum um jeden Preis! Alle Schätze der Welt können so viel Liebe nicht bezahlen. Ich möchte ihnen alles Glück der Erde zusammentragen. – Fünfzehnhundert Franken!‹ dachte er weiter. › Jeder einzelne muß seine Wirkung tun! Laura hat recht. Wahrhaftig! Ich habe nur Hemden aus grobem Zeug. Für das Wohl eines andern wird ein junges Mädchen schlau wie der diebische Fuchs. Unschuldig und vorbedacht zugleich ist sie wie ein Engel des Himmels, der die irdischen Sünden verzeiht, ohne sie zu begreifen.‹

Die ganze Welt war sein! Schon hatte er seinen Schneider kommen lassen, ihn ausgeforscht und gewonnen. Als Rastignac Herrn von Trailles gesehen, hatte er den großen Einfluß erfaßt, den der Schneider auf das Leben der jungen Männer hat. Ach, es gibt kein Mittelding zwischen diesen beiden Begriffen: ein Schneider ist entweder ein tödlicher Feind oder ein verständnisvoller Freund. Eugen hatte in dem seinigen einen Mann gefunden, der die Vaterpflichten seines Gewerbes verstand und sich gewissermaßen als Bindeglied zwischen Gegenwart und Zukunft der jungen Leute betrachtete. So hat denn Rastignac sich später auch dankbar erwiesen und durch einen einzigen Ausspruch das Glück jenes Mannes begründet.

»Ich kenne von ihm«, sagte er, »zwei Paar Beinkleider, deren jedes eine Ehe von zwanzigtausend Livres Rente zustande gebracht hat.«

Fünfzehnhundert Franken, und Anzüge, so viele er wollte! Jetzt gab es für den armen Südfranzosen keine Hindernisse mehr, und er begab sich an den Frühstückstisch hinunter mit jener unbeschreiblich sicheren Miene, die der Besitz irgendeiner Geldsumme einem jungen Manne verleiht. Im selben Augenblick, in dem das Geld in die Tasche des Studenten gleitet, baut sich in ihm eine Säule auf, auf die er sich stützen kann. Jetzt schreitet er kräftiger aus, er fühlt einen Stützpunkt, seinen Hebel anzusetzen, er hat einen freien, sicheren Blick, lebhafte Gebärden; gestern noch hätte er demütig und schüchtern Schläge hingenommen, heute könnte er sie selbst verabreichen, sogar dem Premierminister. Unzählige Wunder vollziehen sich in ihm: er will alles und kann alles, er hat törichte, kühne Wünsche, er ist froh, freigebig, verschwenderisch. Kurzum, der vorher gelähmte Vogel hat seine Schwungkraft wiedergefunden. Der arme Student schnappt nach einem Körnchen Freude, wie ein Hund inmitten von tausend Gefahren einen Knochen zerknackt: er zerbeißt ihn, saugt ihn aus und ist dabei immer auf der Flucht; der junge Mann aber, der in seiner Tasche einige fruchtbare Goldstücke klingen läßt, genießt seine Freuden einzeln und umständlich, er fühlt sich in allen Himmeln und weiß nicht mehr, was das Wort › Not‹ bedeutet. Ganz Paris gehört ihm! O Alter, da alles strahlt, alles schillert und flammt! Alter der freudevollen Kräfte, aus denen niemand Nutzen zieht, nicht Mann noch Weib! Alter der Schulden, der Furcht und der Hoffnung, die jede Freude verzehnfachen! Wer niemals auf dem linken Seineufer, zwischen der Rue Saint-Jacques und der Rue des Saints-Pères gewohnt hat, der weiß nichts vom Leben.

› Ach, wenn die Frauen von Paris wüßten ...,‹ dachte Rastignac beim Birnenkompott, das Frau Vauquer ihren Gästen aufgetischt hatte, › sie kämen und ließen sich hier lieben!‹

In diesem Augenblick erschien ein Bote der königlichen Post im Speisesaal. Er fragte nach Herrn Eugen von Rastignac, dem er zwei Beutel und ein zu unterzeichnendes Schriftstück hinhielt. Vautrins durchdringender Blick traf Rastignac wie ein Peitschenschlag.

»Da hätten Sie ja was, um Fechtstunden und Schießübungen zu bezahlen«, sagte der Mann.
»Das Geldschiff ist angekommen«, sagte Frau Vauquer mit einem Blick auf die Beutel.
Fräulein Michonneau wagte nicht, das Geld anzusehen, aus Angst, ihre Begehrlichkeit zu verraten.
»Sie haben eine gute Mutter«, sagte Frau Couture.
»Der Herr hat eine gute Mutter«, wiederholte Poiret.

»Ja, die Mutter hat den letzten Blutstropfen hergegeben«, sagte Vautrin. »Jetzt können Sie Ihre Mätzchen machen, in Gesellschaft gehen, nach Mitgift fischen und mit Gräfinnen tanzen, die Pfirsichblüten auf dem Kopf tragen. Aber folgen Sie meinem Rat, junger Mann, üben Sie sich im Pistolenschießen!«

Vautrin tat, als lege er auf seinen Gegner an. Rastignac wollte dem Boten ein Trinkgeld geben und fand nichts in seiner Tasche. Vautrin griff in die eigene und warf dem Manne zwanzig Sous hin.

»Sie haben jetzt Kredit«, fuhr er fort und sah den Studenten an.

Rastignac sah sich genötigt, ihm zu danken, obgleich dieser Mann ihm seit jenem bitteren Wortwechsel an dem Tage, da er von Frau von Beauséant heimkam, unerträglich war. Während dieser acht Tage hatten Eugen und Vautrin einander nicht angesprochen, sondern nur schweigend gemustert. Vergeblich fragte sich der Student, weshalb. Zweifellos steht die Übertragungsfähigkeit eines Gedankens in direktem Verhältnis zu der Kraft, mit der er geboren wird; und wohin das Gehirn ihn schickt, dort fällt er ein, infolge eines mathematischen Gesetzes, ähnlich jenem, das die Kugeln leitet, die der Mündung des Kanonenrohres entfliegen. Der Erfolg ist verschieden. Wenn es empfindsame Naturen gibt, die die Gedanken anderer fühlen und von ihnen gepeinigt werden, so gibt es auch stark bewehrte Naturen, eherne Schädel, an denen ein fremder Wille abprallt und niederfällt wie eine Kugel von einer Mauer; ferner gibt es noch schlaffe, schwammige Naturen, bei denen die Gedanken anderer wirkungslos hinsterben, wie die Kraft einer Kugel in der weichen Erde der Schreckschanzen erlahmt. Rastignac hatte einen der Pulverköpfe, die beim geringsten Stoß auffliegen. Er war zu jung und zu lebhaft, nicht empfänglich zu sein für den Ansturm der Gedanken, der Gefühlsregungen eines willensstarken Menschen, die uns gar oft beeinflussen, ohne daß wir selbst es ahnen. Sein Geistesblick war ebenso scharf wie seine Luchsaugen. Jeder seiner doppelten Sinne hatte die Ausdehnungsfähigkeit, die Geschmeidigkeit, die wir an überlegenen Geistern so bewundern, – jenen geschickten Kämpen, die jeden Mangel eines Panzers auszunutzen wissen. Übrigens hatten sich bei Eugen seit einem Monat ebensoviel gute wie schlechte Eigenschaften entwickelt. An seinen Fehlern war die große Welt schuld, die seine Wünsche ins Ungemessene wachsen ließ. Zu seinen Vorzügen gehörte die Lebhaftigkeit des Südfranzosen, die es ihn mit jeder Schwierigkeit aufnehmen ließ und die keinem Manne von jenseits der Loire gestattet, in irgendeiner Ungewißheit zu verharren; eine Eigenschaft, die die Leute aus dem Norden einen Fehler nennen, denn nach ihrer Ansicht verdankte Murat ihr allerdings sein Glück, aber auch seinen Tod. Daraus müsse man schließen, daß ein Südfranzose, der die Durchtriebenheit des Nordens mit der Verwegenheit des Südens zu vereinigen wüßte, ein ganzer Mann sein und König von Schweden werden könnte.

Rastignac konnte also nicht lange dem Feuer der Vautrinschen Batterieen ausgesetzt sein, ohne nach der Gewißheit zu trachten, ob dieser Mann ihm Freund oder Feind sei. Von Minute zu Minute verstärkte sich in ihm das Gefühl, daß dieser sonderbare, verschlossene Mensch, der das tiefe, unheimlich stumme Wesen einer alles wissenden, alles sehenden und nichts verratenden Sphinx zu haben schien, sich in seine Seele einbohre und sein Herz mit all seinen Leidenschaften durchschaue. Jetzt, da er seine Taschen voll hatte, setzte Eugen sich zur Wehr.

»Bitte, bleiben Sie noch einen Augenblick!« sagte er zu Vautrin, der sich erhob, um hinauszugehen, nachdem er seine Kaffeetasse bis auf den letzten Tropfen geleert hatte. »Warum?« entgegnete der Vierzigjährige, indem er seinen breitkrempigen Hut aufsetzte und seinen eisenbeschlagenen Stock ergriff, den er oft durch die Finger spielen ließ wie ein Mann, der sich selbst vor vier Räubern auf einmal nicht fürchtet. »Ich will Ihnen das Geld zurückgeben«, antwortete Rastignac, der sogleich einen Beutel öffnete und Frau Vauquer hundertvierzig Franken aufzählte. »Pünktliches Zahlen schafft gute Freunde«, sagte er zu der Witwe. »Jetzt sind wir bis Silvester quitt. Wechseln Sie mir doch dies Hundertsousstück!« »Gute Freunde lieben pünktliches Zahlen«, sagte Poiret und blickte auf Vautrin. »Hier sind zwanzig Sous«, sagte Rastignac und hielt der perücketragenden Sphinx das Geldstück hin. »Man könnte sagen, Sie fürchten sich, mir etwas schuldig zu sein«, rief Vautrin und tauchte seinen Forscherblick in die Seele des jungen Mannes, wobei er ihm jenes spöttische Lächeln zuwarf, das Eugen schon hundertmal einem Zornausbruch nahegebracht hatte. »Nun ... ja«, erwiderte der Student, der die beiden Beutel in der Hand hielt und sich erhob, um in sein Zimmer hinaufzugehen.

Vautrin trat in die Tür, die in den Salon führte, und der Student beabsichtigte, durch die andere Tür, die auf den Treppenflur führte, hinauszugehen.

»Wissen Sie, Herr Marquis von Rastignacorama, daß das, was Sie mir da sagen, nicht gerade höflich ist?« sagte jetzt Vautrin, indem er die Tür zum Salon zuschlug und auf den Studenten zukam, der ihn kühl anblickte.

Rastignac schloß die Speisezimmertür und führte Vautrin mit sich in den Hintergrund des Treppenflurs, der Speisesaal und Küche miteinander verband. Dort befand sich eine Glastür nach dem Garten und über der Tür ein mit einem eisernen Gitter verziertes hohes Fenster. Dort sagte der Student in Gegenwart Sylvias, die aus der Küche herbeigelaufen kam: »Herr Vautrin, ich bin kein Marquis, und ich heiße nicht Rastignacorama.«

»Sie werden sich schlagen«, sagte Fräulein Michonneau mit gleichgültiger Miene. »Sich schlagen«, wiederholte Poiret. »Bewahre«, entgegnete Frau Vauquer und liebkoste ihre Talerreihe. »Aber ja, sie gehen ja zu den Linden«, rief Fräulein Viktorine und erhob sich, um in den Garten zu blicken. »Der arme junge Mann hat dennoch recht.« »Komm hinauf in unser Zimmer, mein liebes Kind«, sagte Frau Couture; »diese Dinge gehen uns nichts an.«

Als Frau Couture und Viktorine hinausgingen, trafen sie in der Tür mit der dicken Sylvia zusammen, die ihnen den Durchgang versperrte.

»Was ist denn geschehen?« fragte sie. »Herr Vautrin hat zu Herrn Eugen gesagt: › Setzen wir uns aus einander!‹ Und dann hat er ihn beim Arm genommen, und jetzt spazieren sie in unseren Artischocken herum.«

In diesem Augenblick erschien Vautrin.
»Mama Vauquer,« sagte er lächelnd, »erschrecken Sie nicht, ich werde im Garten ein wenig mit Pistolen schießen.«
»Ach, mein Herr,« sagte Viktorine händeringend, »weshalb wollen Sie Herrn Eugen töten?«
Vautrin trat zwei Schritte zurück und musterte Viktorine.

»Ah, nette Geschichte das!« rief er in heiterem Tone, der das arme Mädchen erröten ließ. »Er ist reizend, nicht wahr, dieser junge Mann?« fuhr er fort. »Sie bringen mich auf einen Gedanken! Ich werde euer beider Glück machen, mein schönes Kind.«

Frau Couture hatte ihre Pflegetochter beim Arm genommen und weggeführt, während sie ihr ins Ohr flüsterte: »Aber, Viktorine, wie führst du dich heute auf!«

»Ich wünsche nicht, daß man bei mir mit Pistolen schießt«, sagte Frau Vauquer. »Sie werden die ganze Nachbarschaft erschrecken und die Polizei herbeilocken.«

»Nur Ruhe, Mama Vauquer!« erwiderte Vautrin. »Larifari, nicht gemuckst, wir schießen ein bißchen.« Er kehrte zu Rastignac zurück, den er vertraulich beim Arm nahm.

»Wenn ich Ihnen bewiesen haben werde, daß ich auf fünfunddreißig Schritt fünfmal hintereinander das Pik-As treffe,« sagte er zu ihm, »so wird Ihnen das noch immer nicht den Mut nehmen. Sie sehen mir ein wenig jähzornig aus, als ob Sie sich aus lauter Eigensinn töten lassen würden.«

»Sie weichen aus«, sagte Eugen.

»Machen Sie mir nicht die Galle heiß!« entgegnete Vautrin. »Es ist schönes Wetter heute morgen, setzen wir uns ein wenig!« fuhr er fort und zeigte auf die grün gestrichenen Bänke. »Dort wird uns niemand hören. Ich habe mit Ihnen zu reden. Sie sind ein netter junger Mann, dem ich nicht übel will. Ich habe Sie gern, so wahr ich Tromp ... (tausend Donnerwetter!), so wahr ich Vautrin heiße. Weshalb ich Sie liebe? Ich will es Ihnen sagen. Zunächst: ich kenne Sie, als sei ich selber Ihr Erzeuger, und will Ihnen das beweisen. Stellen Sie Ihre Säcke dort hin!« fuhr er fort und wies auf den runden Tisch.

Rastignac stellte das Geld auf den runden Tisch und setzte sich; seine Neugier war durch den plötzlichen Wechsel im Gebaren dieses Mannes aufs höchste gestiegen: erst hatte er ihn erschießen wollen, und nun spielte er sich als sein Beschützer auf.

»Sie möchten gern wissen, wer ich bin, was ich früher tat und was ich jetzt tue?« begann Vautrin von neuem. »Sie sind zu neugierig, mein Kleiner. Aber nur Ruhe! Einiges sollen Sie hören. Ich habe Unglück gehabt. Hören Sie mich zunächst an, und nachher antworten Sie mir! Hier in wenigen Worten mein äußeres Leben: Wer ich bin? Vautrin. Was ich tue? Was mir gefällt. Weiter! Wollen Sie meinen Charakter kennen lernen? Ich bin gut zu denen, die mir Gutes tun oder deren Herz zu meinem Herzen spricht. Diesen ist alles erlaubt, sie können mir Fußtritte versetzen, mir ein Bein stellen, ohne daß ich ihnen mit gleicher Münze heimzahle. Aber, zum Teufel, niederträchtig wie Satan bin ich gegen alle, die mich ärgern oder meine Liebe nicht erwidern! Und es ist gut, wenn Sie erfahren, daß einen Menschen umzubringen mir ebensowenig bedeutet wie das!« Und er spuckte kräftig aus. »Nur töte ich ihn auch gründlich, wenn es eben nötig ist. Ich bin, was man einen Künstler nennt. Ich habe die Memoiren Benvenuto Cellinis gelesen, – sogar auf italienisch, ob Sie es glauben oder nicht. Von jenem Manne, der ein stolzer Bursche war, habe ich gelernt, die Vorsehung nachzuahmen, die uns ungerecht und blindlings tötet, und das Schöne zu lieben, wo es sich findet. Übrigens, ist es nicht ein prächtiges Spiel, allein gegen alle Welt zu stehen und seinen Vorteil zu wahren? Ich habe über den gegenwärtigen Zustand der sozialen Unordnung viel nachgedacht. Mein Kleiner: das Duell ist ein Kinderspiel, eine Dummheit! Wenn von zwei Menschen einer verschwinden muß, so wäre es töricht, das dem Zufall zu überlassen. Das Duell? Wappen oder Schrift, weiter nichts! Ich treffe fünfmal hintereinander ins Pik-As, indem ich eine Kugel auf die andere setze, – und das auf fünfunddreißig Schritt! Wer mit dieser Gabe ausgestattet ist, ist sicher, seinen Mann zu treffen. Nun, ich habe auf zwanzig Schritt einen Gegner gefehlt. Der Narr hatte nie in seinem Leben eine Pistole gehandhabt. Sehen Sie!« sagte der sonderbare Mann und öffnete seine Weste. Seine Brust war zottig wie ein Bärenrücken und flößte Abscheu und Entsetzen ein. »Jener Gelbschnabel hat mir die Haut verbrannt«, fügte er hinzu und legte Rastignacs Finger auf ein Loch in seiner Brust. »Aber damals war ich ein Kind, so alt wie Sie, einundzwanzig! Ich glaubte noch an etwas, an die Liebe einer Frau, lauter Narrheiten, die Sie noch durchmachen werden. Wir hätten uns geschlagen, nicht wahr? Sie hätten mich töten können. Nehmen Sie an, ich sei unter der Erde, wo wären dann Sie? Sie müßten ausreißen, in die Schweiz flüchten, auf Väterchens Tasche liegen, der selber kaum etwas hat. Ich, ich selbst will Ihnen die Lage schildern, in der Sie sind; aber ich tue es mit der Überlegenheit des Mannes, der alle Dinge hier unten geprüft und erforscht hat und der weiß, daß es nur zwei Möglichkeiten gibt: stumpfsinnigen Gehorsam oder Auflehnung. Ich unterwerfe mich niemandem, verstehen Sie mich? Wissen Sie, was Sie brauchen, wenn Sie im Stil der letzten Tage weiterleben wollen? Eine Million, und zwar sofort; andernfalls müßten wir mit unserm kleinen Schädel in den Gefilden von Saint-Cloud herumspazieren und darüber nachdenken, ob es einen Gott gibt. Diese Million, – ich will sie Ihnen geben.«

Er machte eine Pause und blickte Eugen an.

»Ah, nun machen Sie Ihrem Papa Vautrin schon eine freundlichere Miene! Sie sehen aus wie ein junges Mädchen, zu dem man sagt: › Auf heute abend!‹ und das sich putzt und schleckt wie eine Katze am Milchnapf. Also gut! Nun hören Sie, wie es mit Ihnen steht, junger Mann! Wir haben da unten den Papa, die Mama, eine Großtante, zwei Schwestern (achtzehn und siebzehn Jahre), zwei kleine Brüder (fünfzehn und zehn Jahre). Weiter! Die Tante erzieht die Schwestern. Der Pfarrer gibt den Brüdern Lateinstunde. Die Familie ißt mehr Kastanienbrei als Weißbrot. Der Papa spart seine Beinkleider, Mama kauft sich kaum ein Winter- und ein Sommerkleid; unsere Schwestern helfen sich, so gut es geht. Ich weiß alles, war selber mal im Süden. Die Dinge müssen bei Ihnen so liegen, da man Ihnen zwölfhundert Franken jährlich schickt und Ihre Handvoll Erde nur dreitausend Franken einbringt. Wir haben eine Köchin und einen Diener, – man muß das Dekorum wahren, Papa ist Baron! Was uns selbst betrifft, so haben wir ehrgeizige Pläne; wir haben die Beauséants zu Verwandten und gehen auf Schusters Rappen; wir streben nach Reichtum und haben nicht einen Sou; wir essen Mama Vauquers Armenschüsseln und lieben die schönen Diners des Faubourg Saint-Germain; wir schlafen auf einer elenden Pritsche und träumen uns einen ganzen Palast. Ich tadle nicht Ihre Wünsche. Ehrgeiz, mein liebes Herz, ist eine seltene Gabe. Fragen Sie die Weiber, welchen Mann sie begehren. Die Ehrgeizigen haben kräftigere Lenden, eisenhaltigeres Blut, ein heißeres Herz als andere Männer. Und die Frau fühlt sich so glücklich und schön in den Stunden ihrer Kraft, daß sie allen Männern den vorzieht, dessen Kräfte gewaltig sind, sollte sie auch Gefahr laufen, von ihm zermalmt zu werden. Ich zähle Ihre Wünsche auf, um Ihnen eine Frage zu stellen. Die Frage ist nämlich: wir haben einen Wolfshunger, unsere Beißerchen sind scharf, womit füllen wir unseren Magen? Zunächst müssen wir uns durch die Rechtswissenschaft durchfressen; das ist nicht unterhaltend und schmeckt reizlos, – aber es muß sein. Schön. Wir werden Advokat, um Gerichtshofspräsident werden zu können, damit wir arme Teufel, die mehr wert sind als wir, mit einem T. F. auf der Schulter ins Bagno schicken und den Reichen einen ruhigen Schlaf verschaffen können. Das ist nicht heiter und überdies eine langwierige Geschichte. Zunächst zwei Jahre in Paris büffeln und die Leckereien, nach denen wir lüstern sind, immer vor Augen haben, ohne sie anrühren zu dürfen. Es ist ermattend, immer Verlangen zu haben und es nie befriedigen zu dürfen. Wenn Sie bleich und eine Molluskennatur wären, so hätten Sie nichts zu fürchten; aber wir haben das fiebernde Blut des Löwen und einen Heißhunger, täglich zwanzig Dummheiten zu begehen. Sie werden also jener Pein unterliegen, der schrecklichsten, die wir in Gottes Hölle kennen. Zugegeben, daß Sie vernünftig wären, Milch tränken und Elegieen dichteten, so müßten Sie nach vieler Langerweile und nach Entbehrungen, die einen Hund in Zorn versetzen könnten, zunächst damit beginnen, in irgendeinem kleinen Neste, wo der Staat Ihnen ein Gehalt von tausend Franken hinwirft, wie einem Metzgerhund einen Knochen, der Gehilfe irgendeines Esels zu werden. Hinter den Dieben herbellen, die Reichen verteidigen, herzhafte Leute hinrichten lassen! Schönen Dank! Wenn Sie keine Protektion haben, verkommen Sie an Ihrem Gerichtshof dort in der Provinz. Mit dreißig Jahren sind Sie Richter mit zwölfhundert Franken im Jahr, falls Sie nicht schon den Talar auf den Mist geworfen haben. Haben Sie dann die Vierzig erreicht, so heiraten Sie eine Müllerstochter mit etwa sechstausend Livres Rente. Prosit! Haben Sie Protektionen, so sind Sie mit dreißig Jahren Staatsanwalt mit einem Gehalt von tausend Talern und heiraten die Tochter des Bürgermeisters. Wenn Sie dann irgend so eine kleine politische Tat begehen, die Sie nach oben hin beliebt macht, so sind Sie mit vierzig Jahren Oberstaatsanwalt und können Deputierter werden. Bedenken Sie aber, lieber Junge, daß wir bis dahin unserm Gewissen manchen Stoß versetzen und zwanzig Jahre der Langenweile, des geheimen Elends durchmachen mußten und daß unsere Schwestern inzwischen alte Jungfern geworden sind. Ich habe die Ehre, Sie ferner darauf aufmerksam zu machen, daß es in Frankreich nur zwanzig Oberstaatsanwälte gibt und daß der Bewerber um diesen Posten zwanzigtausend sind – und unter ihnen Schurken, die ihre Familie verraten würden, um eine Sprosse hinaufzusteigen. Widert der Betrieb Sie an, so lassen Sie uns etwas anderes betrachten. Will der Baron von Rastignac Advokat werden? O, sehr schön! Da heißt es zunächst zehn Jahre lang leiden und kriechen, monatlich tausend Franken ausgeben, eine Bibliothek, ein Bureau haben, in Gesellschaft gehen, einem Sachwalter die Hände küssen, um Prozesse zu bekommen, und den Gerichtspalast mit der Zunge auskehren. Wenn dieser Beruf Sie hoch brächte, so würde ich nichts sagen; aber suchen Sie mir in Paris fünf Advokaten, die mit fünfzig Jahren mehr als fünfzigtausend Franken im Jahr einnehmen! Pah, ehe ich mich so erniedrigte, würde ich lieber Korsar! Übrigens, woher Geld nehmen? Alles das ist kein Spaß. Bleibt uns noch eine Frau mit reicher Mitgift. Wollen Sie sich verheiraten? Das hieße sich einen Stein um den Hals hängen; und wenn Sie sich um des Geldes willen verheiraten, was wird dann aus unserm Ehrgefühl, aus unserm adligen Sinn? Das hieße, wie eine Schlange vor einer Frau kriechen, der Mutter die Füße lecken und sich wie ein Hund erniedrigen. Pfui! Wenn Sie dabei wenigstens Ihr Glück machten! Aber mit einer Frau, die Sie aus solchen Gründen heiraten, werden Sie unglücklich sein und sich schmutzig fühlen wie im Rinnstein. Da ist es noch immer besser, mit Männern zu kämpfen, als sich mit einer Frau herumzustreiten. Das ist der Kreuzweg des Lebens, junger Mann. Nun wählen Sie! Sie haben schon gewählt; Sie haben Ihre Cousine von Beauséant besucht und den Prunk der Vornehmheit gekostet. Sie haben Frau von Restaud, die Tochter Vater Goriots, besucht und den Duft der Pariserin geatmet. Als Sie an jenem Tage heimkamen, stand ein Wort auf Ihrer Stirn, das ich entziffert habe; es hieß: › Hinauf! Durchdringen, durchdringen um jeden Preis!‹ › Bravo!‹ dachte ich, › der Junge gefällt mir.‹ Sie brauchten Geld. Woher es nehmen? Sie haben Ihre Schwestern angezapft. Alle Brüder berauben mehr oder weniger ihre Schwestern. Die fünfzehnhundert Franken, die Sie – Gott mag wissen, wie – einem Lande erpreßten, wo man mehr Kastanienbäume findet als Hundertsousstücke, werden auseinanderschwärmen wie Soldaten beim Plündern. Was machen Sie dann? Arbeiten? Die Arbeit, so wie Sie sie augenblicklich auffassen, verschafft Kerlen von der Art des Poiret auf ihre alten Tage eine Unterkunft bei Frau Vauquer. Auf schnellste Weise Reichtum zu erwerben ist eine Aufgabe, die zu lösen sich heute mindestens fünfzigtausend junge Leute Ihrer Lage vorgenommen haben. Sie selbst sind nur ein Einser dieser großen Zahl. Nun stellen Sie sich vor, welche Anstrengungen sie machen, wie sie kämpfen und niedersäbeln müssen! Sie müssen einander auffressen wie die Spinnen in einem Topf, denn selbstredend gibt es keine fünfzigtausend guten Positionen. Wissen Sie, wie man hier seinen Weg macht? Durch glänzendes Talent oder gewandte Verruchtheit. Man muß in diese Menschenmasse hineinsausen wie eine Kanonenkugel oder sich einschleichen wie eine Pest. Die Ehrenhaftigkeit hilft zu nichts. Man beugt sich vor der Macht der Genies; man haßt es, versucht es zu verleumden, zu stürzen, denn es nimmt, ohne zu teilen; aber dennoch beugt man sich, wenn es sich durchzusetzen weiß; mit einem Wort, man liegt vor ihm auf den Knieen, wenn man es nicht im Kote begraben kann. Die Verruchtheit ist häufig, das Genie selten. Die Verruchtheit ist also die Waffe der Mittelmäßigkeit, und Sie werden ihrer Spitze überall begegnen. Sie werden Frauen sehen, deren Männer alles in allem jährlich nur sechstausend Franken haben und die allein für ihre Toilette zehntausend ausgeben. Sie werden Beamte mit zwölfhundert Franken Gehalt sehen, die Landgüter kaufen; Sie werden Frauen sehen, die sich preisgeben, um im Wagen des Sohnes eines Pairs von Frankreich sitzen zu können, in einem Wagen also, der auf der Mitte der Chaussee nach Longchamps rollen darf. Sie haben den armen Esel von Vater Goriot den Wechsel seiner Tochter bezahlen sehen, deren Gatte fünfzigtausend Livres Rente hat. Ich wette, Sie können keine zwei Schritte in Paris machen, ohne auf höllische Kniffe und Schliche zu treffen. Ich setze meinen Kopf dafür ein, daß Sie bei der ersten Frau, die Ihnen gefällt, in ein Wespennest stechen, sofern sie nur jung, reich und hübsch ist. Alle umgehen sie das Gesetz, stehen mit ihren Männern auf Kriegsfuß und sind bereit zu allem. Ich würde nie damit fertig, wollte ich Ihnen die Dinge erzählen, die sie anstellen um ihrer Liebhaber, um des Putzes, um der Kinder, um der Wirtschaft oder um der Eitelkeit willen, – selten nur aus Tugendhaftigkeit, seien Sie überzeugt! Der Ehrenmann ist also aller Feind. Aber wer ist nach Ihrer Meinung eigentlich ein Ehrenmann? In Paris ist der ein Ehrenmann, der den Mund hält, ohne dafür einen Anteil zu nehmen. Ich spreche nicht von jenen armen Heloten, die für die andern die Kastanien aus dem Feuer holen, ohne jemals Dank zu ernten, und die ich die Brüderschaft der dummen Gotteslämmer nennen möchte. Gewiß, bei ihnen ist die Tugend in all ihrer blühenden Dummheit, aber auch das Elend. Was für ein Gesicht würden wohl die braven Leutchen ziehen, wenn sich Gott den schlechten Witz machen wollte, dem Jüngsten Gericht fernzubleiben! Wenn Sie also schnell Ihr Glück machen wollen, müssen Sie reich sein oder es wenigstens scheinen. Um reich zu werden, muß man einen großen Schlag führen, sonst ist es ein elendes Karrenschieben. Wenn in den hundert Berufen, die Sie ergreifen können, zehn Männer es zu etwas bringen, so nennt die Öffentlichkeit sie Diebe. Ziehen Sie daraus Ihre Schlüsse! Da haben Sie das Leben, wie es ist. Es ist nicht anmutig und stinkt nach allem möglichen, wie eine Küche, in der man sich die Hände schmutzig machen muß, wenn man was Gutes zu essen haben will. Wenn Sie nur immer verstehen, sie gut reinzuwaschen; darin liegt die ganze Moral unserer Zeit. Wenn ich Ihnen so von der Welt spreche, so hat sie mir ein Recht dazu gegeben, ich kenne sie. Glauben Sie, daß ich sie verurteile? Keineswegs! Sie ist immer so gewesen. Die Moralprediger werden sie nicht ändern. Der Mensch ist unvollkommen. Er ist zuweilen mehr, zuweilen weniger ein Heuchler, und die Blödlinge nennen ihn sittlich oder unsittlich. Ich halte die Reichen nicht für schlimmer als den Pöbel: der Mensch ist derselbe, er stehe nun oben, unten oder in der Mitte. In jeder Million dieser höchsten Lebewesen finden sich zehn ganze Kerle, die sich über alles hinwegsetzen, selbst über das Gesetz; ich gehöre zu diesen! Und Sie, – sind Sie ein hervorragender Mann, so gehen Sie gerade und erhobenen Hauptes vorwärts. Aber es heißt kämpfen gegen Neid und Verleumdung und gegen die Mittelmäßigkeit, – gegen alle Welt. Napoleon hatte mit einem Kriegsminister zu tun, der sich Aubry nannte und der ihn beinahe in die Kolonieen geschickt hätte. Prüfen Sie sich! Sehen Sie, ob Sie an jedem Morgen mehr Willenskraft Ihr eigen nennen können als am vorhergehenden Abend. Unter solchen Umständen will ich Ihnen einen Vorschlag machen, den kein Mensch zurückweisen würde. Merken Sie gut auf! Sehen Sie, ich habe eine Idee, einen bestimmten Wunsch. Meine Absicht ist, auf einer großen Besitzung von ungefähr hunderttausend Morgen im Süden der Vereinigten Staaten ein patriarchalisches Leben zu führen. Ich will Pflanzer werden, Sklaven haben, ein paar hübsche Milliönchen verdienen durch den Verkauf meiner Ochsen, meines Tabaks, meiner Wälder, will leben wie ein Fürst, alle meine Launen befriedigen, – ein Leben führen, von dem man hier gar keine Ahnung hat. Ich bin ein großer Dichter. Ich schreibe sie aber nicht nieder, meine Gedichte: sie bestehen aus Taten und Gefühlen. Gegenwärtig besitze ich fünfzigtausend Franken, die mir kaum vierzig Neger verschaffen würden. Ich brauche aber zweihunderttausend Franken, weil ich zweihundert Neger brauche, um mein patriarchalisches Leben führen zu können. Die Neger, sehen Sie, sind wie neugeborene Kinder; man macht mit ihnen, was man will, ohne daß ein neugieriger Staatsanwalt deshalb Rechenschaft von Ihnen verlangte. Mit solch einem schwarzen Kapital habe ich in zehn Jahren drei bis vier Millionen. Wenn ich es zu etwas bringe, wird niemand mich fragen: › Wer bist du?‹ Ich werde Herr Viermillionen sein, Bürger der Vereinigten Staaten. Ich bin dann fünfzig Jahre, noch unverbraucht und werde mich auf meine Weise amüsieren. Kurzum, wenn ich Ihnen eine Mitgift von einer Million verschaffe, geben Sie mir dann zweihunderttausend Franken? Zwanzig Prozent Kommissionsgebühren sind doch wohl nicht zuviel, wie? Sie werden Ihre kleine Frau in sich verliebt machen. Sind Sie erst mal verheiratet, so werden Sie Unruhe, Gewissensbisse zeigen und vierzehn Tage lang den Trübsinnigen spielen. Eines Nachts bekennen Sie dann Ihrer Frau nach allerlei Präliminarien und zwischen zwei Küssen, daß Sie zweihunderttausend Franken Schulden hätten. Diese Komödie wird alle Tage von adligen jungen Leuten in Szene gesetzt. Eine Frau verweigert dem nicht ihre Börse, der schon ihr Herz genommen hat. Glauben Sie, daß Sie dadurch etwas verlieren? Nein. Sie werden Mittel finden, Ihre zweihunderttausend Franken zurückzugewinnen. Mit Ihrem Geld und Ihrem Verstand werden Sie sich ein Vermögen erwerben, so groß, wie Sie es nur wünschen können. Sie werden also in der Zeit von sechs Monaten Ihr eigenes Glück, das Glück einer reizenden Frau und das Glück Ihres Papas Vautrin gemacht haben, ganz abgesehen von Ihrer Familie, die den ganzen Winter über erbärmlich frieren muß. Sie dürfen sich weder über meinen Vorschlag noch über meine Forderung wundern. Auf sechzig gute Heiraten kommen in Paris siebenundvierzig, bei denen ein ähnlicher Handel abgeschlossen wurde. Die Anwaltskammer hat ...«

»Was muß ich denn tun?« fragte Rastignac eifrig.

»Soviel wie nichts«, erwiderte Vautrin mit einer freudigen Bewegung, wie etwa der Fischer sie macht, wenn er den Ruck an der Angel spürt. »Hören Sie gut zu! Das Herz eines armen, unglücklichen jungen Mädchens ist aufnahmefähig für Liebe wie ein Schwamm für Wasser, – ist ein dürrer Schwamm, der sich ausdehnt, sowie ein Tropfen Herzlichkeit auf ihn herabfällt. Einem Mädchen den Hof machen, das einsam ist und arm und verzweifelt und nicht ahnt, daß seiner ein Vermögen wartet, – Teufel, das nenne ich den Trumpf in der Hand halten! Sie erbauen da auf Pfahlwerk eine unzerstörbare Liebe. Fallen einem solchen Mädchen dann Millionen zu, so wird sie sie Ihnen zu Füßen werfen, als wären es Kieselsteine. › Nimm, mein Vielgeliebter! Nimm, Adolf! Nimm, Alfred! Nimm, Eugen!‹ sagt sie dann, wenn Adolf, Alfred oder Eugen den guten Einfall hatten, sich für sie zu opfern. Was ich unter › sich opfern‹ verstehe, das ist: einen alten Anzug verkaufen, um sie auszuführen, mit ihr Pilzpastetchen zu essen und ins Theater zu gehen; das ist: seine Uhr versetzen, um ihr einen Schal zu kaufen. Ich rede Ihnen nichts von Liebesbriefen und all den Albernheiten, auf die die Frauen so großen Wert legen; daß man zum Beispiel, wenn man ihnen aus der Ferne schreibt, ein paar Wassertropfen auf den Briefbogen spritzt, damit sie denken, es seien Tränen der Sehnsucht. Sie sehen mir aus, als kennten Sie den Dialekt des Herzens gut. Paris, sehen Sie, ist wie ein Urwald der Neuen Welt, in dem zwanzig wilde Volksstämme umherziehen, die Illinois, die Huronen und so weiter, die alle von den Erträgnissen leben, die die verschiedenen Gesellschaftsklassen hervorbringen; Sie selbst sind ein Millionenjäger. Um diese Millionen einzufangen, müssen Sie Fallen, Schlingen und Lockpfeife benutzen. Man kann diese Jagd auf verschiedene Art betreiben. Die einen jagen nach Mitgift, die andern nach einer Erbschaft, diese fischen nach Leuten mit schlechtem Gewissen, jene verkaufen ihre Opfer an Händen und Füßen gebunden. Derjenige, der mit gefüllter Jagdtasche heimkehrt, wird begrüßt, gefeiert, in die gute Gesellschaft aufgenommen. Wenn die stolzen Aristokraten aller Hauptstädte Europas sich weigern, einen gemeinen Millionär in ihre Kreise aufzunehmen, – Paris breitet ihm die Arme entgegen, rennt zu seinen Festen, ißt seine Diners und trinkt ihm zu.«

»Doch wo ein Mädchen finden?« fragte Eugen. »Sie gehört schon Ihnen, ist hier – in Ihrer Nähe!« »Fräulein Viktorine?« »Getroffen!« »Und wie ...?« »Sie ist ja schon in Sie verliebt, Ihre kleine Baronin Rastignac!« »Sie hat nicht einen Sou«, entgegnete Eugen erstaunt.

»Ah! Nun haben wir Sie so weit! Nur noch zwei Worte,« sagte Vautrin, »und alles ist aufgeklärt! Der Vater Taillefer ist ein alter Schurke, von dem es heißt, er habe während der Revolution einen seiner Freunde umgebracht. Jedenfalls also ist er ein Mann mit freien Anschauungen. Er ist Bankier, Hauptteilhaber des Hauses Frédéric Taillefer & Cie. Er hat nur einen Sohn, dem er unter Übergehung Viktorines seine gesamte Habe hinterlassen will. Derartige Ungerechtigkeiten liebe ich nicht. Ich bin wie Don Quichotte, ich liebe es, die Schwachen gegen die Starken zu verteidigen. Wenn es Gottes Wille wäre, ihm seinen Sohn zu rauben, würde Taillefer seine Tochter wieder zu sich nehmen; denn einen Erben will nun mal jeder haben, und ich weiß, daß er keine Kinder mehr bekommen kann. Viktorine ist sanft und anschmiegend, sie wird ihren Vater bald umgarnt haben und ihn mit der Peitsche der Empfindsamkeit wie einen Kreisel herumwirbeln. Sie wird Ihnen Ihre Liebe nicht vergessen, Sie werden sie heiraten. Ich werde dabei ein wenig die Vorsehung spielen und Gottes Willen kund tun. Ich habe einen Freund, für den ich mich einst aufgeopfert habe, einen Obersten der Loirearmee, der jetzt in die königliche Garde versetzt worden ist. Er hört auf meinen Rat und ist zum Ultraroyalisten geworden. Er ist nicht so ein Esel, der an seiner Meinung festhält. Wenn ich Ihnen noch einen Rat geben darf, lieber Junge, so ist es der, Ihre Ansichten nicht fester zu halten als Ihre Worte. Wenn man sie Ihnen abverlangt, verkaufen Sie sie. Ein Mann, der sich rühmt, seine Anschauungen nie zu wechseln, ist wie ein Mann, der sich unterfängt, immer auf gerader Straße gehen zu wollen, – ein Dummkopf, der an die Unfehlbarkeit glaubt. Es gibt keine Grundsätze, es gibt nur Ereignisse; es gibt keine Gesetze, nur Gelegenheiten; der überlegene Mann ergreift die Ereignisse und Gelegenheiten, um sie zu beherrschen, auszunutzen. Gäbe es Grundsätze und feststehende Begriffe, so würden die Völker sie nicht so leicht wechseln wie wir unser Hemd. Der Einzelmensch braucht nicht weiser zu sein als eine ganze Nation. Jener Mann, der Frankreich so gut wie keinen Dienst erwiesen hat, wird angebetet wie ein Fetisch, weil er immer rot gesehen hat; man könnte ihn ins Museum stellen und mit › Lafayette‹ etikettieren; wohingegen der Fürst, den jeder mit Steinen bewirft und der die Menschheit genug verachtet, um ihr so viele Flüche ins Gesicht zu schleudern, wie sie nur begehrt, und der auf dem Wiener Kongreß die Aufteilung Frankreichs verhinderte, mit Kot beworfen wird, – er, dem man Kronen verdankt! Oh, ich weiß, wie es zugeht! Ich kenne die Geheimnisse gar vieler Leute. Das genügt. Sobald ich einmal drei Köpfen begegne, die sich über die Nutzanwendung eines Grundsatzes einig sind, werde ich eine unerschütterlich gute Meinung von der Welt bekommen. Aber da muß ich lange warten! Man findet in den Gerichtshöfen nicht drei Richter, die über einen Gesetzesparagraphen einer Meinung wären. Also ich komme auf meinen Mann zurück. Er würde Christus wieder ans Kreuz nageln, wenn ich es von ihm verlangte. Auf ein einziges Wort seines Papas Vautrin wird er Streit anfangen mit diesem Kerl, der seiner armen Schwester nicht einmal hundert Sous schickt, und ...« Hier erhob sich Vautrin, stellte sich in Positur und holte gleich einem Fechtenden zum Stoß aus. »Und hinab zu den Schatten!« fügte er hinzu.

»Wie entsetzlich!« sagte Eugen; »Sie ... wollen scherzen, Herr Vautrin?«

»Larifari, ruhig Blut!« entgegnete dieser. »Seien Sie kein Kind! Übrigens, wenn es Ihnen Spaß macht, so ärgern Sie sich nur, empören Sie sich! Sagen Sie, ich sei ein Elender, ein Bösewicht, ein Schurke, nur nennen Sie mich weder Gauner noch Spion! Vorwärts, machen Sie sich Luft! Ich verzeihe Ihnen; in Ihrem Alter ist es so natürlich. Ich war ebenso, ja, auch ich. Nur überlegen Sie! Sie werden eines Tages Schlimmeres tun. Sie werden irgendeiner hübschen Frau nachlaufen und werden Geld von ihr annehmen, Sie haben daran schon gedacht!« rief Vautrin; »denn wie wollen Sie es zu etwas bringen, wenn Sie sich nicht Ihre Liebe bezahlen lassen? Die Tugend, mein lieber Herr Student, läßt sich nicht teilen: sie ist da, oder sie ist nicht da. Man sagt uns, wir sollen Buße tun für unsere Sünden. Auch ein schönes System, nach dem man sich durch ein wenig Reue von einem Verbrechen loskaufen kann! Eine Frau verführen, um auf der gesellschaftlichen Stufenleiter eine Sprosse höher zu klimmen, Zwietracht unter die Glieder einer Familie säen, kurz, alle die Niedertrachten üben, die heimlich aus Lust oder geschäftlichem Interesse begangen werden, – glauben Sie, das seien Handlungen der Ehrlichkeit, der Treue und Barmherzigkeit? Weshalb dem Gecken, der einem jungen Kind in einer Nacht sein halbes Besitztum raubt, zwei Monate – und dem armen Teufel, der unter erschwerenden Umständen einen Tausendfrankenschein stiehlt, das Zuchthaus? So sind sie, eure Gesetze! Es gibt nicht einen Paragraphen, der nicht zu Absurditäten führte. Der Herr mit gelben Handschuhen und honigsüßen Worten hat Mordtaten begangen, bei denen man kein Blut vergießt, aber wo solches hingegeben wird; der › Mörder‹ hat mit einem Dietrich eine Tür erbrochen. Das sind zwei nächtliche Taten! Zwischen dem, was ich Ihnen vorschlage, und dem, was Sie eines Tages tun werden, ist kaum ein Unterschied. Sie glauben noch an etwas Beständiges in der Welt. Verachten Sie doch die Menschen und erkennen Sie die Maschen, die es einem jeden ermöglichen, durch das Netz des Gesetzbuches hindurchzuschlüpfen. Jeder große Geldbesitz, dessen Herkunft man nicht kennt, entstammt einem geheimen Verbrechen, das nur geschickt verborgen gehalten wurde.«

»Genug, mein Herr! Ich will nichts mehr hören! Sie lassen mich an mir selbst zweifeln. Ich habe weder Kenntnis noch Erfahrung und muß nach meinem Gefühl urteilen.«

»Wie Sie wünschen, lieber Junge. Ich hielt Sie für stärker«, sagte Vautrin; »ich werde Ihnen nichts mehr sagen, – nur noch ein letztes Wort.« Er sah den Studenten scharf an. »Sie kennen mein Geheimnis«, sagte er zu ihm.

»Ein junger Mann, der Ihr Anerbieten zurückweist, wird es auch zu vergessen wissen.«

»Das haben Sie gut gesagt; ein anderer, sehen Sie, wäre weniger gewissenhaft. Gedenken Sie dessen, was ich für Sie tun will! Ich gebe Ihnen vierzehn Tage, – bedenken Sie sich und wählen Sie!«

› Dieser Mann hat einen eisernen Schädel‹, sagte sich Rastignac, als er Vautrin, den Stock unterm Arm, ruhig weggehen sah. › Er hat mir geradeheraus dasselbe gesagt, was Frau von Beauséant andeutete. Er hat mein Herz wie mit erzenen Krallen zerrissen. Warum wollte ich zu Frau von Nucingen gehen? Er hat meine Gründe früher erraten, als sie mir selbst bewußt geworden sind. Kurzum, dieser Schuft hat mir mehr über die Tugend gesagt, als ich bisher von Menschen und aus Büchern erfahren habe. So hätte ich also meine Schwestern beraubt?‹ dachte er weiter und warf die Beutel auf den Tisch.

Er setzte sich und blieb lange in tiefes Nachdenken versunken. › Der Tugend treu sein, erhabenes Martyrium! Pah! Alle Welt glaubt an die Tugend; doch wer ist tugendhaft? Die Völker haben sich die Freiheit zum Ideal gesetzt; wo aber auf der ganzen Welt gibt es ein freies Volk? Meine Jugend ist noch hell wie ein wolkenloser Himmel; doch groß und reich werden wollen, heißt das nicht, sich vornehmen zu lügen, zu kriechen, zu heucheln und zu betrügen? Heißt das nicht, sich willig zum Knecht derer machen, die gekrochen sind, gelogen und betrogen haben? Ehe man ihr Genosse wird, muß man ihnen dienen. Also nein! Ich will ehrliche, reine Arbeit tun; ich will Tag und Nacht arbeiten und mein Glück nur meiner eigenen Kraft verdanken. Das wird ein langsames Glück werden, aber ich werde mich täglich ohne jeden schlechten Gedanken niederlegen können. Was gibt es Schöneres, als auf sein Leben zurückblicken und es rein finden wie eine Lilie? Ich und das Leben, wir sind wie ein junger Mann und seine Braut. Vautrin hat mir gezeigt, wie es in einer zehnjährigen Ehe aussieht. Teufel, mein Kopf vewirrt sich! Ich will an nichts denken, das Herz ist ein gar guter Führer!‹

Die Stimme der dicken Sylvia riß Eugen aus seinen Träumen; sie verkündete ihm den Besuch seines Schneiders, und er war nicht ärgerlich über den Umstand, daß er sich ihm mit einem schweren Geldbeutel in jeder Hand zeigen konnte. Nachdem er einige Abendkleider anprobiert hatte, legte er seinen neuen Straßenanzug an, der ihm ein ganz anderes Äußeres gab.

› Nun bin ich einem Herrn von Trailles gleichwertig‹, sagte er sich. › Endlich habe ich das Aussehen eines Edelmannes!‹

»Mein Herr,« sagte Vater Goriot, der bei Eugen eintrat, »Sie haben mich gefragt, ob mir die Familien bekannt seien, in denen Frau von Nucingen verkehrt.« »Ja.« »Nun also: am kommenden Montag besucht sie das Ballfest des Marschalls Carigliano. Wenn Sie hingehen können, so erzählen Sie mir wohl, wie meine Töchter sich unterhalten haben, wie sie gekleidet waren, kurzum alles!«

»Woher haben Sie das in Erfahrung gebracht, mein lieber Vater Goriot?« fragte Eugen und machte dem Alten beim Feuer Platz. »Ihre Kammerzofe hat es mir gesagt. Ich erfahre durch Therese und Konstanze alles, was sie tun«, entgegnete er mit glücklichem Gesicht.

Der Greis glich in seiner Freude einem Jüngling, der selig ist, eine Kriegslist ersonnen zu haben, die ihn seiner Geliebten nahebringt, ohne daß diese es ahnt.

»Sie Glücklicher werden sie sehen!« sagte er in schmerzlichem Neid. »Ich weiß nicht«, erwiderte Eugen. »Ich werde zu Frau von Beauséant gehen und sie fragen, ob sie mich bei der Frau des Marschalls einführen kann.«

Eugen dachte mit inniger Freude daran, sich bei der Vicomtesse so zu zeigen, wie er nun künftig gekleidet gehen würde.

Als Rastignac sich gut gekleidet erblickte, mit schönen Schuhen und Handschuhen angetan, vergaß er seine tugendhaften Vorsätze. Die Jugend wagt nicht, sich im Spiegel des Gewissens zu betrachten, wenn sie eine unrechte Tat begeht, wohingegen das reife Alter sich mutig den Spiegel vorzuhalten weiß: das allein ist der große Unterschied zwischen diesen beiden Lebensphasen. Seit einigen Tagen waren die beiden Nachbarn, Eugen und Vater Goriot, gute Freunde geworden. Ihre geheime Freundschaft entsprang den gleichen psychologischen Gründen, die zwischen Vautrin und dem Studenten etwas Feindliches aufgerichtet hatten.

Der kühne Philosoph, der die Wirkungen unseres Gefühlslebens in den physischen Erscheinungen feststellen wollte, fände ohne Zweifel mehr als ein Beispiel ihres wirklichen Vorhandenseins in den Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Welcher Physiognom vermag mit derselben Sicherheit einen Charakter zu erkennen, mit der ein Hund errät, ob ein Fremder ihm wohl- oder übelgesinnt ist? Man fühlt sich geliebt. Das Gefühl drückt sich in allem aus und überbrückt jede Entfernung. Ein Brief ist eine Seele, er ist ein so getreues Echo der redenden Stimme, daß zarte Gemüter ihn zu den köstlichsten Schätzen der Liebe zählen. Vater Goriots unüberlegtes Empfinden ahnte mit der Sicherheit des Hundeinstinkts das Mitgefühl, die Güte, die jugendliche Teilnahme, die sich für ihn im Herzen des Studenten zu regen begann. Doch hatte die wachsende Zuneigung noch zu keinem vertrauenden Bekenntnis geführt. Wenn Eugen den Wunsch ausgesprochen hatte, Frau von Nucingen zu sehen, so war es nicht, weil er darauf gerechnet hätte, daß der Alte ihn bei ihr einführte. Vater Goriot hatte ihm über seine Töchter nichts weiter mitgeteilt, als was er an jenem frohen Tage, da er den beiden seinen Besuch machen durfte, allen erzählt hatte.

»Mein lieber Herr,« hatte er am folgenden Tage zu ihm gesagt, »wie haben Sie annehmen können, daß Frau von Restaud gern meinen Namen erwähnt hören würde? Meine beiden Töchter lieben mich herzlich. Ich bin ein glücklicher Vater. Nur haben meine beiden Schwiegersöhne sich schlecht gegen mich betragen. Ich wollte nicht, daß die lieben Geschöpfe unter dieser Mißstimmung leiden sollten, und ich habe es vorgezogen, sie fortan heimlich zu besuchen. Dies Geheimnis gibt mir tausend Freuden, die andere Väter nicht kennen, die ihre Töchter sehen können, wann sie wollen. Ich kann das nicht, verstehen Sie? So gehe ich also bei schönem Wetter in die Champs-Élysées, nachdem ich mich vorher bei den Kammerzofen erkundigt habe, ob meine Töchter ausfahren werden. Ich erwarte sie am Wege, mein Herz schlägt, wenn die Wagen heranrollen, ich bewundere ihre schöne Kleidung, sie werfen mir im Vorüberfahren ein kleines Lächeln zu, das mir die ganze Welt wie mit einem warmen Sonnenstrahl vergoldet. Und ich warte: sie müssen wiederkommen. Ich sehe sie noch einmal! Die Luft hat ihnen gut getan, sie sind rosig. Ich höre um mich her die Worte: › Sieh da, ein schönes Weib!‹ Das erfreut mir das Herz; ist es doch mein Blut! Ich liebe die Pferde, die sie ziehen, und möchte wohl das Hündchen sein, das ihnen auf den Knieen liegt. Ich lebe in ihren Freuden. Jeder liebt auf seine Weise; die meine tut niemandem etwas zuleide; weshalb kümmern sich die Leute um mich? Ich bin auf meine Weise glücklich. Ist es strafwürdig, daß ich an den Abenden, da meine Töchter auf Bälle fahren, mich vor ihr Haus stelle, um sie zu sehen? Welch ein Kummer für mich, wenn ich zu spät komme und man mir sagt: › Gnädige Frau ist bereits weg.‹ Einmal habe ich bis drei Uhr morgens gewartet, um Stasie zu sehen, die ich seit zwei Tagen nicht gesehen hatte. Ihr Anblick zersprengte mir fast das Herz vor Freude. Ich bitte Sie, sprechen Sie von mir nur, wenn Sie meine Töchter loben wollen. Sie wollen mich beide mit allen möglichen Geschenken überhäufen; ich hindere sie daran, ich sage ihnen: › Behaltet euer Geld! Was soll ich damit anfangen? Ich brauche nichts.‹ Und wirklich, mein lieber Herr, was bin ich denn? Ein elender Kadaver, dessen Seele überall da ist, wo seine Töchter sind. – Wenn Sie Frau von Nucingen gesehen haben, werden Sie mir sagen, welche Ihnen besser gefällt«, fügte der gute Alte nach einer Pause hinzu, denn Eugen hatte sich inzwischen zum Ausgehen fertig gemacht. Er wollte in den Tuilerieen spazieren gehen, um die Stunde abzuwarten, zu der er sich bei Frau von Beauséant würde zeigen können.

Dieser Spaziergang war für das Schicksal des Studenten entscheidend. Ein paar Frauen bemerkten ihn. Er war so schön, so jung und von so geschmackvoller Eleganz! Als er sich zum Gegenstand fast bewundernder Aufmerksamkeit erhoben sah, dachte er nicht mehr an seine Schwestern, noch an seine geplünderte Tante, noch an seine tugendhaften Vorsätze. Er hatte über seinem Haupte den Dämon schweben sehen, der so leicht mit einem Engel zu verwechseln ist, den bunt geflügelten Satan, der Rubinen ausstreut, der auf die Paläste seine goldenen Pfeile herabschießt, die Frauen in sanfte Röte hüllt und die unscheinbarsten Throne mit hellem Glanze umstrahlt. Er hatte dem Dämon jener prahlerischen Eitelkeit gelauscht, deren Geklingel uns ein Symbol der Macht zu sein scheint. Die Worte Vautrins, so roh sie auch waren, hatten sich in seinem Herzen eingenistet, wie sich dem Gedächtnis einer Jungfrau die niedrigen Gesichtszüge einer Kupplerin eingraben, die ihr gesagt hat: › Gold und Liebe in Strömen.‹

Nachdem er so müßig umhergebummelt war, sprach Eugen gegen fünf Uhr bei Frau von Beauséant vor und erhielt dort einen Schlag, gegen den junge Herzen wehrlos sind. Bisher war ihm die Vicomtesse mit sicherer Anmut, mit jener entzückenden Liebenswürdigkeit entgegengetreten, die eine aristokratische Erziehung verleiht und die nur dann vollkommen ist, wenn sie von Herzen kommt.

Als er eintrat, bot ihm Frau von Beauséant einen kühlen Gruß und sagte mit harter Stimme: »Herr von Rastignac, es ist mir unmöglich, Sie zu empfangen, wenigstens jetzt unmöglich! Ich bin beschäftigt ...«

Für einen guten Beobachter – und das war Rastignac inzwischen geworden – enthüllte dieser Satz, die kühle Geste, der Blick, der Tonfall das ganze Gebaren ihrer hochmütigen Kaste. Er gewahrte unter dem samtenen Handschuh die eiserne Faust; den Eigenwillen, die Selbstsucht unter der Politur der Höflichkeit; das Holz unter dem Lack. Er vernahm das › Ich, der König‹, das beim Federbusch des Thrones beginnt und erst beim Helmbusch des letzten Edelmannes endet. Eugen hatte sich gar zu schnell auf den Adel dieser Frau verlassen. Wie alle Unglücklichen hatte er in gutem Glauben den gefährlichen Vertrag unterzeichnet, der den Almosenempfänger an den Wohltäter bindet. Die Wohltätigkeit, die zwei Wesen zu einem verschmilzt, bedingt eine himmlische Hingabe, die ebenso selten ist wie die wahre Liebe. Beide sind sie nur schönen Seelen in verschwenderischer Fülle zu eigen. Rastignac wollte um jeden Preis auf den Ball der Herzogin von Carigliano gelangen, – er schluckte also die Grobheit hinunter.

»Gnädige Frau,« sagte er mit bebender Stimme, »wenn es sich nicht um eine wichtige Sache handelte, würde ich Sie nicht behelligen; seien Sie so liebenswürdig und erlauben Sie mir, Sie später noch zu sehen, ich werde warten.« »Also gut, Sie können nachher mit mir speisen«, sagte sie, selbst ein wenig verwirrt über die Härte ihrer Worte; denn diese Frau war wirklich ebenso gut wie groß.

Obgleich dieser plötzliche Umschwung ihn rührte, dachte Eugen doch beim Weggehen: › Krieche und winde dich aufwärts, ertrage alles! Wie müssen die anderen sein, wenn die Beste der Frauen wie im Handumdrehen ihr Freundschaftsversprechen wieder auslöscht, dich abseits liegen läßt wie einen alten Stiefel? So ist es denn wahr: Jeder für sich? Es ist ja richtig, daß ihr Haus kein Kaufladen ist, und es ist dumm, daß ich sie nötig habe. Man muß sich, wie Vautrin sagte, zu einer Kanonenkugel machen.‹ Die herben Betrachtungen des Studenten wurden bald zerstreut durch die Freude, die er sich davon versprach, bei der Vicomtesse zu speisen. So schienen durch eine Art Verhängnis die unbedeutsamsten Ereignisse seines Lebens sich so zu fügen, daß sie ihn in eine Laufbahn schoben, in der er – laut Ausspruch der schrecklichen Sphinx des Hauses Vauquer – wie auf einem Schlachtfelde töten mußte, um nicht getötet zu werden, betrügen, um nicht betrogen zu werden; wo er vor Betreten des Kampfplatzes sein Gewissen, sein Herz ablegen und eine Maske vorbinden mußte, um mitleidlos mit Schicksalen zu spielen und, wie in Lazedämonien, ohne selbst gesehen zu werden, das Glück zu erfassen, die Krone zu erringen.

Als er bei der Vicomtesse wieder eintrat, fand er sie voll der anmutigen Güte, in der sie sich ihm sonst stets gezeigt hatte. Sie begaben sich miteinander in einen Speisesaal, wo der Vicomte seine Frau erwartete und wo die Tafel in fabelhafter Pracht erstrahlte, – einem Prunk, der, wie bekannt, zur Zeit der Restauration seinen Gipfelpunkt erreichte. Herr von Beauséant hatte gleich anderen blasierten Leuten nur noch an Tafelfreuden sein Gefallen. Er stammte als Feinschmecker aus der Schule Louis' XVIII. und des Herzogs d'Escars. Sein Tisch bot also einen doppelten Reichtum: an Geschirr wie an Gerichten. Niemals hatte Eugen eine ähnliche Pracht erblickt, speiste er doch zum ersten Mal in einem der Häuser, in denen die gesellschaftliche Machtstellung erblich ist. Die Soupers, mit denen man unter dem Kaiserreich ein Ballfest zu beschließen pflegte – Soupers, zu denen die Offiziere Kräfte sammeln mußten, als gälte es eine Schlacht zu schlagen –, waren aus der Mode gekommen; Eugen hatte bisher nur an Bällen teilgenommen. Die Sicherheit, die ihn später so hervorragend auszeichnete und die er sich schon jetzt anzueignen begann, verhinderte ihn, seiner Bewunderung Ausdruck zu verleihen. Doch der Anblick des kostbaren Silbers, der tausend Geräte einer verschwenderisch gedeckten Tafel, der gut geschulten Dienerschaft machte es einem jungen Manne mit feuriger Phantasie schwer, dieses gleichmäßig vornehme Leben nicht einem Leben voll Entbehrungen, wie er es sich heute morgen vorgenommen hatte, vorzuziehen. Seine Gedanken trugen ihn in seine Pension zurück, und er empfand dabei ein so tiefes Entsetzen, daß er sich zuschwor, sie im Januar zu verlassen, sowohl um sich in ein reinliches Haus zu begeben, wie auch um Vautrin zu entfliehen, dessen breite Hand er auf seiner Schulter zu fühlen meinte. Wenn man über die tausend Formen nachdenkt, die in Paris die Verderbtheit annimmt, sei sie nun laut oder stumm, so fragt man sich wohl, durch welche Verirrung der Staat hier Schulen errichtet, hier einen Sammelplatz für junge Leute schafft; fragt sich, wie es möglich ist, daß hübsche Frauen hier geachtet werden und daß das Geld, das in den Wechselstuben in Kübeln angehäuft ist, nicht wie durch ein Wunder beschwingt enteilt. Und bedenkt man anderseits die geringe Zahl von Verbrechen, ja selbst nur von Verfehlungen, die von jungen Leuten begangen werden: welche Hochachtung muß man vor den geduldigen Tantalussen bekommen, die sich selbst bekämpfen und fast immer siegreich sind! Verstände man es, den armen, mit Paris in ewigem Kampfe liegenden Studenten gut zu zeichnen, er würde eine der dramatischsten Gestalten unseres modernen Lebens bilden.

Frau von Beauséant blickte vergeblich auf Eugen, um ihn zum Sprechen zu veranlassen; er wollte in Gegenwart des Vicomtes nicht reden.

»Begleiten Sie mich heute abend ins › Italien‹?« fragte die Vicomtesse ihren Gatten. »Sie können versichert sein, daß ich Ihrer Aufforderung gern gehorchen würde,« erwiderte er mit etwas spöttischer Galanterie, die der Student aber für echt nahm, »wenn ich nicht eine Verabredung fürs Varieté hätte.« › Seine Mätresse‹, sagte sie sich. »Haben Sie denn heute abend nicht d'Ajuda bei sich?« fragte der Vicomte zurück. »Nein«, entgegnete sie erregt. »Nun denn, wenn Sie durchaus eines Armes bedürfen, so nehmen Sie den des Herrn von Rastignac.«

Die Vicomtesse blickte Eugen lächelnd an.
»Das kann kompromittierend für Sie werden«, sagte sie.

»› Der Franzose liebt die Gefahr, weil sie ihm Ruhm bringt‹, sagt Chateaubriand«, entgegnete Rastignac, sich verneigend.

Einige Minuten später trug ihn ein eilendes Coupé an der Seite der Frau von Beauséant zum beliebtesten Theater; und er glaubte an irgendein Feenmärchen, als er in eine Vorderloge trat und sich mit der Vicomtesse abwechselnd als das Ziel aller Augen und Lorgnetten sah. Er schritt von Zauber zu Zauber.

»Sie haben mir etwas zu sagen«, ermunterte ihn Frau von Beauséant. »Ah, sieh da, in der dritten Loge von uns befindet sich Frau von Nucingen. Ihre Schwester und Herr von Trailles sind auf der anderen Seite.«

Während sie dies sagte, prüfte die Vicomtesse die Loge, in der Fräulein von Rochefide sich befinden mußte, und da sie dort Herrn d'Ajuda nicht gewahrte, strahlte ihr Gesicht in Freude auf.

»Sie ist entzückend«, sagte Eugen, nachdem er Frau von Nucingen betrachtet hatte. »Sie hat helle Wimpern«, sagte die Vicomtesse. »Ja, aber welch hübsche, zierliche Gestalt!« »Sie hat plumpe Hände.« »Die schönen Augen!« »Sie hat ein langgezogenes Gesicht.« »Aber die ovale Form hat etwas Vornehmes.« »Da kann sie von Glück sagen. Sehen Sie, wie ungeschickt sie ihre Lorgnette ergreift! Der Goriot zeigt sich in all ihren Bewegungen«, sagte die Vicomtesse zum großen Erstaunen Eugens.

In der Tat, Frau von Beauséant blickte in den Saal und schien Frau von Nucingen nicht zu beobachten, bemerkte jedoch jede ihrer Gesten. Die versammelte Gesellschaft war glänzend. Delphine von Nucingen fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, den jungen, schönen, eleganten Vetter der Frau von Beauséant so ausschließlich zu fesseln; er hatte nur für sie Augen.

»Wenn Sie sie weiter so mit Blicken verschlingen, wird es zum Skandal kommen, Herr von Rastignac. Sie erreichen nie etwas, wenn Sie sich den Leuten so an den Hals werfen.« »Meine liebe Cousine,« sagte Eugen, »Sie haben mir schon manche große Hilfe erwiesen; wenn Sie Ihr Werk vollenden wollen, so bitte ich Sie nur noch um einen Dienst, der Ihnen wenig Mühe und mir große Freude machen wird. Ich bin verliebt.« »Schon?« »Ja.« »Und in diese Frau?« »Hätten meine Ansprüche anderswo Gehör gefunden?« sagte er, seiner Cousine einen durchdringenden Blick zuwerfend. »Die Frau Herzogin von Carigliano ist mit der Herzogin von Berri befreundet«, fuhr er nach einer Pause fort; »Sie werden sie sehen; haben Sie die Güte, mich ihr vorzustellen und mich auf ihren Ball zu führen, der am Montag stattfindet. Ich werde dort Frau von Nucingen treffen, und ich werde mein erstes Scharmützel bestehen.« »Gern«, sagte sie; »wenn Sie bereits Gefallen an ihr finden, so geht es mit Ihren Herzensangelegenheiten gut voran. Sehen Sie dort Herrn von Marsay in der Loge der Prinzessin Galathionne. Frau von Nucingen leidet Folterqualen, sie ist wütend. Es gibt keine bessere Gelegenheit, mit einer Frau anzuknüpfen, besonders mit einer Bankiersfrau. Diese Damen aus der Chaussée-d'Antin lieben alle die Rache.« »Was täten Sie in ähnlicher Lage?« »Ich, ich würde stumm leiden.«

In diesem Augenblick erschien der Marquis d'Ajuda in der Loge der Frau von Beauséant.

»Ich habe meine Angelegenheiten vernachlässigt, um Sie bald wiederzusehen,« sagte er, »und ich muß sagen, daß es mir kein Opfer gewesen ist.«

Die strahlende Miene der Vicomtesse lehrte Eugen den Ausdruck einer wahren Liebe erkennen, die mit Koketterie und Ziererei nichts gemein hat. Er bewunderte seine Cousine, verstummte und überließ Herrn d'Ajuda seufzend seinen Platz.

› Welch ein edles, welch erhabenes Geschöpf ist ein Weib, das so liebt!‹ sagte er sich. › Und dieser Mann will sie um einer Puppe willen verraten?‹

Er fühlte im Herzen einen kindischen Zorn. Er hätte sich Frau von Beauséant zu Füßen werfen mögen, er wünschte sich die Macht eines Teufels, um sie für sein eigenes Herz zu erobern, zu rauben, wie ein Adler ein junges weißes Zicklein vom Feld empor in seine Lüfte trägt. Er fühlte sich gedemütigt, daß er in diesem großen Museum der Schönheit kein Bild, kein Weib sein eigen nannte.

› Eine Geliebte haben und eine fürstliche Position,‹ sagte er sich, › das sind die Zeichen der Macht!‹

Und er blickte auf Frau von Nucingen wie ein Beleidigter auf seinen Gegner. Die Vicomtesse wendete sich ihm zu, um ihm mit sanftem Augenaufschlag für sein Zartgefühl zu danken. Der erste Akt war zu Ende.

»Kennen Sie Frau von Nucingen gut genug, um ihr Herrn von Rastignac vorstellen zu können?« sagte sie zum Marquis d'Ajuda. »Aber sie wird entzückt sein, den Herrn kennen zu lernen«, erwiderte der Marquis.

Der schöne Portugiese erhob sich, nahm den Arm des Studenten, – und eine Minute später sah dieser sich Frau von Nucingen gegenüber.

»Frau Baronin,« sagte der Marquis, »ich habe die Ehre, Ihnen den Chevalier Eugen von Rastignac vorzustellen, einen Vetter der Vicomtesse von Beauséant. Sie machen so lebhaften Eindruck auf ihn, daß ich ihn dem Gegenstand seiner Anbetung nahebringen wollte, um sein Glück vollkommen zu machen.«

Diese Äußerung wurde in scherzhaftem Tone gemacht; aber ein offenes Wort, wenn es gut vorgebracht wird, wird niemals einer Frau mißfallen. Frau von Nucingen lächelte und bot Eugen den Platz ihres Gatten an, der sich soeben entfernt hatte.

»Ich wage nicht, Ihnen vorzuschlagen, bei mir zu bleiben, mein Herr«, sagte sie zu ihm. »Wenn man das Glück hat, an der Seite der Frau von Beauséant sein zu dürfen, so gibt man es nicht auf.«

»Aber dennoch scheint es mir, gnädige Frau,« sagte Eugen leise, »daß ich meiner Cousine einen Gefallen erweise, wenn ich bei Ihnen bleibe. – Vor dem Erscheinen des Herrn Marquis sprachen wir von Ihnen und der Vornehmheit Ihrer ganzen Persönlichkeit«, fügte er mit lauter Stimme hinzu.

Herr d'Ajuda zog sich zurück.

»So wollen Sie wirklich an meiner Seite bleiben, mein Herr?« fragte die Baronin. »Wir werden also Bekanntschaft machen; Frau von Restaud hat mir schon das lebhafteste Verlangen eingeflößt, Sie kennen zu lernen.« »Dann ist sie sehr unaufrichtig; sie hat mir ihre Tür verschlossen.« »Wie?« »Gnädige Frau, ich will Ihnen den Grund anvertrauen, aber ich muß auf Ihre volle Nachsicht rechnen, wenn ich Ihnen ein solches Geheimnis verraten soll. Ich wohne in derselben Pension wie Ihr Herr Vater und bin sein Stubennachbar. Ich wußte nicht, daß Frau von Restaud seine Tochter ist. Ich beging die Unklugheit, das Gespräch auf ihn zu bringen, und ich habe Ihre Frau Schwester und deren Gatten erzürnt. Sie glauben gar nicht, wie die Herzogin von Langeais und meine Cousine diese unkindliche Verleugnung geschmacklos finden. Ich habe ihnen die Szene geschildert, sie lachten wie toll. Anläßlich eines Vergleiches zwischen Ihnen und Ihrer Schwester geschah es dann, daß Frau von Beauséant Ihrer in lobendsten Ausdrücken er wähnte und mir sagte, wie reizend Sie sich gegen meinen Nachbar, Herrn Goriot, betrügen. Wie sollten Sie ihn denn auch nicht lieben? Er betet Sie so leidenschaftlich an, daß ich schon eifersüchtig bin. Wir haben heute morgen zwei Stunden lang von Ihnen gesprochen. Dann, ganz voll von dem, was Ihr Vater mir berichtet hat, sagte ich heute abend zu meiner Cousine, als ich mit ihr speiste, das Sie sicherlich nicht so schön sein könnten, wie Sie liebenswürdig sind. Und zweifellos um eine so heiße Bewunderung zu belohnen, hat Frau von Beauséant mich hierher geführt, indem sie mir in ihrer gewohnten Anmut versicherte, daß ich Sie hier sehen würde.« »Wie, mein Herr,« sagte die Frau des Bankiers, »schon bin ich Ihnen Dank schuldig? Noch ein Weilchen, und wir sind altvertraute Freunde!« »Obgleich es schön sein muß, Freundschaft mit Ihnen zu schließen, will ich doch niemals nur Ihr Freund sein.«

Diese ewig wiederkehrenden Phrasen der Anknüpfung erscheinen den Frauen immer reizvoll und sind nur albern, wenn man sie kühlen Auges liest. Die Gebärde, der Ausdruck, der Blick eines jungen Mannes gibt ihnen unberechenbaren Wert. Frau von Nucingen fand Rastignac reizend. Da sie aber gleich allen Frauen auf eine so dreiste Werbung nichts zu erwidern wußte, griff sie ein anderes Thema auf.

»Ja, meine Schwester hat unrecht, sich gegen den armen Vater derart zu betragen, der wie ein Gott für uns gewesen ist. Daß ich verzichtete, meinen Vater jederzeit zu sehen, bedurfte des strengen Gebotes des Herrn von Nucingen, ihn nur noch morgens zu empfangen. Aber ich war lange Zeit sehr unglücklich darüber. Ich weinte. Dieser rücksichtslose Befehl nach all den Brutalitäten der Ehe war eines meiner größten Kümmernisse. In den Augen der Welt bin ich sicherlich die glücklichste Frau von Paris, in Wirklichkeit bin ich die unglücklichste. Sie meinen, ich sei toll, daß ich so mit Ihnen rede. Aber Sie kennen meinen Vater, und darum sind Sie mir kein Fremder mehr.« »Sie werden niemals jemanden finden,« sagte Eugen zu ihr, »der von lebhafterem Wunsche beseelt ist, Ihnen anzugehören. Was suchen Sie alle? Das Glück«, fuhr er mit zu Herzen gehender Stimme fort. »Nun, wenn es für eine Frau Glück bedeutet, geliebt, angebetet zu werden, einen Freund zu haben, dem sie ihre Wünsche, ihre Träume, ihre Leiden, ihre Freuden anvertrauen kann, dem sie sich in der Nacktheit ihrer Seele, mit ihren hübschen kleinen Sünden und schönen Vorzügen zeigen darf, ohne hintergangen zu werden, – glauben Sie mir, dies ergebene, immer feurige Herz ist nur bei einem jungen Manne zu finden, der noch Illusionen hat, der auf ein Zeichen von Ihnen zu sterben bereit ist, der noch nichts von der Welt weiß und nichts wissen will, weil Sie ihm die ganze Welt geworden sind. Sehen Sie, ich – Sie werden über meine Einfalt lachen –, ich komme ganz frisch aus dem Herzen der Provinz, wo ich nur edle Seelen kannte; und ich gedachte nicht, mich zu verlieben. Da sah ich meine Cousine und kam ihrem Herzen allzu nahe; sie hat mich die tausend Wonnen der Liebesleidenschaften erraten lassen. Ich bin, gleich Cherubim, der Liebhaber aller Frauen, während ich warte, daß ich mich einer von ihnen ganz ergeben darf. Vorhin, als ich Sie zuerst erblickte, fühlte ich mich mit wilder Strömung zu Ihnen hingerissen. Ich hatte schon so viel an Sie gedacht! Aber ich hatte Sie mir nicht so schön gedacht, wie Sie in Wirklichkeit sind. Frau von Beauséant hat mir geboten, Sie nicht soviel anzuschauen. Sie weiß nicht, wie anziehend es ist, Ihre hübschen roten Lippen, Ihre zarte Haut, Ihre so sanften Augen anzusehen ... Auch ich rede tolles Zeug, – aber lassen Sie es mich sagen!«

Nichts gefällt den Frauen besser, als mit so süßen Worten überflutet zu werden. Die strengste Frömmlerin wird ihnen lauschen, auch wenn sie nichts darauf erwidern darf. Nach dieser Einleitung plauderte Rastignac mit kokett gedämpfter Stimme seinen Rosenkranz herunter; und Frau von Nucingen ermunterte Eugen mit feinem Lächeln und blickte dann und wann auf Herrn von Marsay, der die Loge der Prinzessin Galathionne nicht verließ. Rastignac blieb bei Frau von Nucingen, bis ihr Gatte sie abholen kam.

»Gnädige Frau,« sagte Eugen zu ihr, »ich werde das Vergnügen haben, Ihnen vor dem Ball der Herzogin von Carigliano meine Aufwartung zu machen.« »Da maine Frau Sie auffordert, gönnen Sie sicher sain, daß Sie kut empfangen werden«, sagte der Baron, ein dicker Elsässer, dessen rundes Gesicht eine gefährliche Schlauheit verriet.

› Meine Sachen stehen gut, da sie nicht weiter ärgerlich geworden ist, als ich sie fragte: Werden Sie mich wohl lieb haben können? Die Kandare ist dem Pferde angelegt, springen wir auf und bändigen es!‹ sagte sich Eugen, als er ging, um sich von Frau von Beauséant zu verabschieden, die sich erhob und sich mit d'Ajuda entfernte. Der arme Student wußte nicht, daß die Baronin zerstreut gewesen war und von Herrn von Marsay einen jener entscheidenden Briefe erwartete, die das Herz zerreißen. Ganz glücklich über seinen vermeintlichen Erfolg, begleitete Eugen die Vicomtesse in die Vorhalle, wo jeder auf seinen Wagen wartete.

»Ihr Vetter hat sich gar sehr verändert«, sagte der Portugiese lachend zur Vicomtesse, als Eugen von ihnen gegangen war. »Er wird noch die Bank sprengen! Er ist geschmeidig wie ein Aal, und ich glaube, er wird es weit bringen. Sie allein haben ihm diese Frau aussuchen können, gerade da sie eines Trostes bedürftig ist.«

»Aber«, sagte Frau von Beauséant, »man muß erst wissen, ob sie nicht etwa noch jenen liebt, der sie verlassen hat.«

Der Student begab sich vom Theater zu Fuß in die Rue Neuve-Sainte-Geneviève und machte dabei die süßesten Pläne. Er hatte sehr wohl die Aufmerksamkeit bemerkt, mit der Frau von Restaud ihn sowohl in der Loge der Vicomtesse wie auch in jener der Frau von Nucingen beobachtet hatte, und er schloß daraus, daß die Tür der Gräfin ihm nicht länger verschlossen sein werde. So hatte er also schon vier hervorragende Beziehungen, denn er hoffte auch der Frau des Marschalls zu gefallen. Ohne sich ganz klar darüber zu sein, erriet er doch im voraus, daß er in dem verwickelten Getriebe dieser Welt sich irgendeinem Rade anhängen mußte, um emporgehoben zu werden, und er fühlte die Kraft in sich, sich aufzuschwingen und festzuklammern.

› Wenn Frau von Nucingen sich für mich interessiert, werde ich sie lehren, ihren Mann zu beherrschen und zu leiten. Dieser Mann macht Geldgeschäfte; er könnte mir behilflich sein, auf einen Schlag ein Vermögen zu erwerben.‹ Er sagte das nicht geradeheraus, denn er war noch nicht gewitzigt genug, eine Situation zu begreifen, abzuschätzen und auszunutzen; diese Gedanken wogten nur wie leichte Wölkchen an sei nem Horizont, und obgleich sie noch nicht so scharf umrissen waren wie bei Vautrin, so hätten sie doch im Schmelztiegel des Gewissens einen unreinen Bodensatz hinterlassen. Durch eine Reihe solcher Vorstellungen gelangen die Menschen allmählich zu der lockeren Moral, die die gegenwärtige Zeit kennzeichnet, eine Zeit, in der seltener als je vordem jene rechtwinkligen Naturen auftreten, deren starker Wille sich niemals beugt und denen die geringste Abweichung von der geraden Linie ein Verbrechen scheint. Zwei Meisterwerke haben uns solch prächtige Bilder der Rechtschaffenheit geschenkt: › Alceste‹ von Molière und kürzlich Walter Scott in den beiden Gestalten von Jenny Deans und ihrem Vater. Vielleicht wäre eine entgegengesetzte Arbeit ebenso interessant: eine Wiedergabe der labyrinthisch krummen Pfade, auf denen ein Mann von Welt, ein Streber sein Gewissen leitet: hart am Rande des Unrechts hin, doch immer den Schein wahrend. Wäre solch ein Bild nicht gleichfalls schön und dramatisch?

Als Rastignac vor der Pension ankam, war er richtig verliebt in Frau von Nucingen; sie erschien ihm schlank und zierlich wie eine Schwalbe. Der berauschend sanfte Ausdruck ihrer Augen, die zarte, seidenweiche Haut, unter der er das Blut rinnen zu sehen vermeinte, der bezaubernde Klang ihrer Stimme, ihr blondes Haar, – an alles erinnerte er sich; und viel leicht trug auch der lange Marsch, der sein Blut in Bewegung gebracht hatte, zu seiner Verzückung bei. Der Student klopfte laut an Vater Goriots Tür.

»Lieber Nachbar,« sagte er, »ich habe Frau Delphine gesehen.« »Wo?« »Im Theater.« »Hat sie sich gut unterhalten? ... Treten Sie doch ein!«

Und der Biedermann, der sich im Hemd erhoben hatte, öffnete die Tür und legte sich wieder ins Bett.
»Erzählen Sie mir von ihr!« bat er.

Eugen, der zum ersten Mal bei Vater Goriot eintrat, konnte seine Verblüffung nicht verbergen, als er das Loch gewahrte, in dem der Vater hauste, nachdem er soeben die glänzende Toilette der Tochter bewundert hatte. Das Fenster war ohne Vorhänge. Die Tapete, die sich infolge der Feuchtigkeit des Raumes an verschiedenen Stellen losgelöst und aufgerollt hatte, entblößte den von Rauch gelb gewordenen Bewurf. Der Alte ruhte auf einem elenden Bett und hatte nur eine dünne Decke und ein Fußkissen, das mit den abgelegten Kleidern der Frau Vauquer auswattiert war. Der Steinfußboden war feucht und schmutzig. Dem Fenster gegenüber stand eine alte Kommode aus Rosenholz mit gebuchteten Fächern, deren Messinggriffe Blumen oder Reblaub darstellten; daneben ein wackliges Tischchen, auf dem sich eine Waschschüssel mit Kanne und allerlei Rasiergegenstände befanden. In einem Winkel die Schuhe, am Kopfende des Bettes der Nachttisch ohne Tür und Marmorplatte. In der Ecke beim Kamin, in dem nie ein Feuer gebrannt zu haben schien, befand sich der viereckige Tisch aus Nußbaumholz, auf dem der Vater Goriot sein Silberzeug zusammengedrückt hatte. Ein elender Schreibtisch, auf dem der Hut des Alten lag, ein durchgesessener Strohsessel und zwei Stühle vervollständigten das erbärmliche Mobiliar. Das Gestell, das den Betthimmel trug, war mit einem Lappen an einem in der Decke befindlichen Haken befestigt; die Vorhänge selbst bestanden aus billigen Streifen rot und weiß karierten Stoffes. Der ärmste Packträger war sicherlich in seiner Bodenkammer nicht so schlecht eingerichtet wie Vater Goriot bei Frau Vauquer. Der Anblick dieses Zimmers machte frösteln und schnürte das Herz zusammen; es glich der traurigsten Gefängniszelle. Glücklicherweise sah Goriot nicht den Ausdruck, der sich auf Eugens Antlitz malte, als dieser seine Kerze auf den Nachttisch stellte. Der biedere Alte drehte sich ihm zu; er lag bis ans Kinn unter der Decke.

»Nun, welche mögen Sie lieber, Frau von Restaud oder Frau von Nucingen?« »Ich ziehe Frau Delphine vor,« entgegnete der Student, »weil sie Sie herzlicher liebt.«

Bei diesen warm gesprochenen Worten zog der Alte den Arm aus dem Bett und drückte Eugen die Hand.
»Danke, danke«, erwiderte der Greis bewegt; »was hat sie Ihnen denn von mir gesagt?«

Der Student wiederholte die Worte der Baronin und schmückte sie noch ein wenig aus, und der Alte hörte ihm zu, als vernähme er das Wort Gottes.

»Das liebe Kind! Ja, ja, sie liebt mich sehr. Aber glauben Sie ihr nicht, was sie über Anastasia sagt. Die beiden Schwestern sind eifersüchtig aufeinander; sehen Sie, das ist noch so ein Beweis ihrer zärtlichen Gefühle zu mir. Frau von Restaud hat mich ebenfalls sehr lieb. Ich weiß es. Ein Vater kennt seine Kinder, wie Gott uns kennt; er sieht bis auf den Grund des Herzens und erkennt die Absichten. Alle beide haben sie mich gleich lieb. Oh, hätte ich gute Schwiegersöhne bekommen, ich wäre allzu glücklich gewesen! Es gibt hier unten kein vollkommenes Glück. Hätte ich bei ihnen leben dürfen – ach, schon allein ihre Stimme zu hören, sie da zu wissen, sie gehen und kommen zu sehen wie damals, als ich sie noch bei mir hatte, das hätte mir das Herz tanzen lassen ... Waren sie hübsch angezogen?« »Ja«, sagte Eugen. »Aber, Herr Goriot, wie kommt es, daß Sie, der Sie so reich versorgte Töchter haben, in solch elendem Loche hausen?« »Ach,« sagte er mit anscheinend sorgloser Miene, »wozu sollte ich denn besser wohnen? Ich werde Ihnen das kaum erklären können; ich vermag kaum zwei zusammenhängende Sätze zu sprechen. Alles trage ich hier«, fügte er hinzu und schlug sich ans Herz. »Für mich ist mein Leben in meinen Töchtern. Wenn sie glücklich sind und gut gekleidet, wenn sie auf Teppichen schreiten, was tut es dann, wie ich angezogen bin und wie der Ort aussieht, wo ich mich niederlege? Mir ist nicht kalt, solange sie warm haben, und ich langweile mich nie, wenn sie lachen. Mein Kummer ist nur der ihre. Wenn Sie einst Vater sein und sich beim Anblick Ihrer Kinder sagen werden: › Das ist aus mir hervorgegangen!‹, wenn Sie fühlen werden, wie diese kleinen Geschöpfe in jedem Tropfen Ihres Blutes leben, dessen zarte Blüte sie waren, so werden auch sie in ihrem Körper leben, werden mit ihren Schritten schreiten. Die Stimme meiner Töchter tönt mir überall. Ein trauriger Blick von ihnen läßt mir das Blut erstarren. Eines Tages werden Sie es wissen, daß man weit glücklicher ist in ihrem Glück als in seinem eigenen. Ich kann Ihnen das nicht erklären: es sind innere Empfindungen, die alles voll Freude machen. Kurz, ich lebe dreifach. – Soll ich Ihnen etwas Seltsames erzählen? Nun, als ich Vater geworden war, begriff ich Gott. Er ist ganz und überall in der Welt, da die Schöpfung aus ihm hervorgegangen ist. So, mein Herr, geht es mir mit meinen Töchtern. Nur liebe ich meine Töchter mehr, als Gott die Welt liebt, denn die Welt ist nicht so schön wie Gott, meine Töchter aber sind viel schöner als ich. Ich lebe so in ihrer Seele, daß ich fast bestimmt wußte, Sie würden sie heute abend sehen. Mein Gott! Ein Mann, der meine kleine Delphine so glücklich machte, wie eine Frau es ist, wenn sie so recht geliebt wird, – ach, ich würde ihm die Schuhe putzen, mich zu seinem Packträger machen! Ich habe durch ihre Kammerzofe erfahren, daß der kleine Herr von Marsay ein schlimmer Hund ist. Ich hätte ihm den Hals umdrehen mögen! Diese Perle von einer Frau nicht lieben, diese Gestalt, dieses Nachtigallstimmchen! Wo hatte sie nur ihre Augen, daß sie diesen Klotz von Elsässer zum Manne nahm? Sie hätten alle beide hübsche und liebenswürdige junge Männer haben müssen. Nun, sie sind ihrer Laune gefolgt.«

Er war wundervoll, der Vater Goriot. Noch nie hatte Eugen ihn so strahlend gesehen, so ganz im Feuer seiner Vaterleidenschaft. Eine bemerkenswerte Erscheinung ist der Einfluß der Gefühle auf den Menschen. Wie plump ein Geschöpf auch sei, sobald es eine starke und wahre Zuneigung empfindet, haucht es ein besonderes Fluidum aus, das den Gesichtsausdruck verändert, die Geste belebt, die Stimme klangvoll macht. Oft gelangt das dümmste Wesen unter dem Einfluß der Leidenschaft zur höchsten Beredsamkeit, wenn nicht der Sprache, so doch des Geistes, und scheint sich in einer leuchtenden Sphäre zu bewegen. In der Stimme, in der Gebärde des alten Mannes lag die hinreißende Macht, die den großen Schauspieler kennzeichnet. Aber sind unsere schönen Gefühlsregungen nicht gleichsam die poetischen Ergüsse unseres Willens?

»Es wird Sie dennoch nicht ärgern, zu erfahren, daß sie zweifellos mit jenem Herrn von Marsay brechen wird«, sagte Eugen. »Der Bursche hat sie verlassen, um sich der Prinzessin Galathionne zuzuwenden. Was mich betrifft, so habe ich mich heute abend in Frau Delphine verliebt.« »Ah!« sagte Vater Goriot. »Ja. Ich habe ihr nicht mißfallen. Wir haben eine Stunde lang von Liebe geschwatzt, und ich soll sie übermorgen, Sonnabend, besuchen.« »Oh, wie ich Sie lieben würde, wenn Sie ihr gefielen, mein lieber Herr! Sie sind gut, Sie werden sie nicht quälen. Wenn Sie sie aber hintergingen, so würde ich Ihnen den Hals abschneiden. Sehen Sie, eine Frau kann nicht zweimal lieben! Aber mein Gott, ich rede ja dummes Zeug, Herr Eugen. Es ist hier zu kalt für Sie. Lieber Himmel! Sie haben sie also gesprochen? Was hat sie Ihnen für mich aufgetragen?« › Nichts‹, dachte Eugen bei sich selbst. »Sie schickt Ihnen einen kindlichen Gruß«, erwiderte er laut. »Gute Nacht, lieber Nachbar,« sagte der Alte, »schlafen Sie wohl und träumen Sie gut; meine Träume sind alle in Ihren Worten erfüllt. Gott schütze Sie und Ihre Wünsche! Sie waren heute abend für mich wie ein guter Engel, Sie trugen mir den Atem meiner Tochter zu.«

› Der arme Mann‹, dachte Eugen, als er sich niederlegte; › er hat etwas, um Herzen von Stein zu rühren. Seine Tochter hat an ihn ebensowenig gedacht wie an den Großmogul.‹

Seit jener Unterhaltung sah Vater Goriot in seinem Nachbar einen unverhofften Vertrauten, einen Freund. Es bestanden zwischen ihnen die einzigen Beziehungen, die imstande waren, diesen Greis an einen anderen Mann zu fesseln. Der Instinkt der Leidenschaft stellt nie eine falsche Berechnung an. Falls Eugen der Baronin teuer werden sollte, so sah sich der Alte seiner Tochter Delphine ein wenig näher gebracht, sah sich besser von ihr aufgenommen. Übrigens hatte er dem jungen Mann etwas anvertraut. Frau von Nucingen, für die er tausendmal am Tage Glück und Segen herabflehte, hatte die Süßigkeit der Liebe nicht kennen gelernt. Gewiß war Eugen – um sich seines eigenen Ausdruckes zu bedienen – einer der reizendsten jungen Leute, die er je gesehen hatte, und er schien vorauszuahnen, daß er ihr alle Freuden schenken werde, deren sie beraubt gewesen war. Der Biedermann faßte also für seinen Nachbar eine wachsende Zuneigung, ohne die es wahrscheinlich unmöglich gewesen wäre, den Ausgang dieser Erzählung kennen zu lernen.

Am anderen Morgen wurden die Pensionäre von den innigen Blicken überrascht, mit denen Goriot Eugen anblickte; er hatte sich neben ihn gesetzt, redete zutraulich mit ihm, und sein sonst so totes Gesicht schien heiter belebt. Vautrin, der seit seiner Unterredung mit dem Studenten diesen zum ersten Mal wiedersah, suchte in seiner Seele zu lesen. Eugen, der nachts vor dem Einschlafen in Gedanken das weite Feld durchmessen, das sich vor seinen Blicken geöffnet hatte, erinnerte sich jetzt des Vorschlages Vautrins und der Mitgift, die Fräulein Taillefer einst zu erwarten hatte; er konnte sich nicht enthalten, Viktorine anzublicken, wie selbst der tugendhafteste junge Mann eine reiche Erbin anblickt. Zufällig trafen sich ihre Blicke. Das arme Mädchen konnte nicht umhin, Eugen in seinem neuen Anzug entzückend zu finden. Der Blick, den sie ihm schenkte, überzeugte Rastignac, daß er für sie der Gegenstand jener unklaren Wünsche war, die alle jungen Mädchen einem verführerischen jungen Mann entgegenbringen. Eine innere Stimme rief ihm zu: › Achthunderttausend Franken!‹ Aber entschlossen gedachte er der Träume des verflossenen Abends und glaubte in seiner eingebildeten Leidenschaft für Frau von Nucingen das Gegengift gegen alle bösen Gedanken gefunden zu haben.

»Man gab gestern in der Italienischen Oper den › Barbier von Sevilla‹ von Rossini. Ich habe noch nie eine so entzückende Musik gehört«, sagte er. »Mein Gott, wie glücklich ist der, der eine Loge in der Oper hat!«

Vater Goriot fing diese Worte auf wie ein Hund eine Geste seines Herrn.

»Was ihr Männer es gut habt!« sagte Frau Vauquer; »ihr seid immer Hahn im Korbe und könnt machen, was euch beliebt.« »Wie sind Sie nach Hause gekommen?« fragte Vautrin. »Zu Fuß«, entgegnete Eugen. »Ich«, sagte der Versucher, »würde so ein halbes Vergnügen nicht lieben; ich würde in meinem eigenen Wagen hinfahren und in meine eigene Loge treten wollen und recht behaglich heimkehren. Alles oder nichts! Da haben Sie meinen Wahlspruch!« »Und der ist gut«, fügte Frau Vauquer hinzu. »Sie werden vielleicht Frau von Nucingen besuchen«, sagte Eugen leise zu Goriot. »Sie wird Sie sicherlich mit offenen Armen aufnehmen. Sie wird von Ihnen tausenderlei über mich hören wollen. Ich habe erfahren, daß sie alles in der Welt darum gäbe, bei meiner Cousine, Frau von Beauséant, empfangen zu werden. Vergessen Sie nicht, ihr zu sagen, daß ich sie viel zu sehr liebe, um nicht Sorge zu tragen, ihr diese Freude zu machen.«

Rastignac begab sich sofort ins juristische Kolleg; er wollte sich so wenig wie möglich in dem verhaßten Hause Vauquer aufhalten. Er schlenderte fast den ganzen Tag umher, eine Beute jener fieberhaften Aufregung, von der alle jungen Leute mit lebhafter Phantasie befallen werden. Infolge der Äußerungen Vautrins stellte er gerade Betrachtungen über das soziale Leben an, als er im Jardin du Luxembourg seinem Freunde Bianchon begegnete.

»Warum diese ernste Miene?« fragte der Student der Medizin, indem er ihn beim Arme nahm, um mit ihm vor dem Palais auf und ab zu gehen. »Mich plagen böse Gedanken.« »Welcher Art? Sie sind jedenfalls heilbar.« »Wie?« »Indem man ihnen unterliegt.« »Du lachst, ohne zu wissen, worum es sich handelt. Hast du Rousseau gelesen?« »Ja.« »Erinnerst du dich der Stelle, wo er den Leser fragt, was er wohl täte, wenn er sich dadurch bereichern könne, daß er, ohne sich aus Paris zu entfernen, einzig durch seine Willenskraft in China einen alten Mandarin tötete?« »Ja.« »Nun?« »Pah! Ich bin bei meinem dreiunddreißigsten Mandarin.« »Scherze nicht! Also, wenn es bewiesen wäre, daß die Sache möglich ist und du nur mit dem Kopf zu nicken brauchtest, tätest du es?« »Ist er recht alt, der Mandarin? Aber, ach was! Jung oder alt, gesund oder gichtig, weg mit ... Teufel! Nein, ich täte es nicht!« »Du bist ein braver Kerl, Bianchon! Aber wenn du eine Frau zum Verrücktwerden liebtest und sie Geld brauchte, viel Geld für ihre Toiletten, ihren Wagen, für alles das, wonach ihr Herz begehrt?« »Also ich soll mir vorstellen, ich sei verrückt, und dabei soll ich vernünftig reden?« »Ach, Bianchon, ich bin toll, heile mich! Ich habe zwei Schwestern, wahre Engel an Schönheit und Reinheit, und ich will, daß sie glücklich werden. Woher in fünf Jahren zweihunderttausend Franken für ihre Mitgift nehmen? Du siehst, es gibt Lebenslagen, wo man gewagtes Spiel spielen muß und sich nicht mit Sousstücken angeben kann.« »Aber du wirfst da eine Frage auf, die jeder sich beim Eintritt in das Leben stellt, und du willst den gordischen Knoten mit dem Schwert zerhauen. Um so zu handeln, mein Lieber, muß man Alexander sein; wenn nicht, wandert man ins Bagno. Ich bin zufrieden mit der bescheidenen Stellung, die mir blüht, – in der Provinz, als Nachfolger meines Vaters. Die Neigungen des Menschen erfüllen sich ebensowohl im engsten wie im weitesten Kreise. Napoleon aß nicht zweimal zu Mittag und konnte nicht mehr Mätressen haben als ein Student der Medizin, der bei den Kapuzinern wohnt. Unser Glück liegt zwischen Sohle und Scheitel; und ob es nun jährlich eine Million oder hundert Louis kostet, die innere Befriedigung, die es uns bringt, bleibt dieselbe. Ich bin für das Lebenbleiben des Chinesen.« »Danke, du hast mir gut getan, Bianchon! Wir werden immer Freunde sein.« »Hör mal,« sagte der Mediziner, als sie aus dem Cours de Cuvier in den Jardin des Plantes eintraten, »ich habe da die Michonneau und den Poiret auf einer Bank sitzen und mit einem Herrn plaudern sehen, der mir bei den vorjährigen Unruhen vor der Deputiertenkammer aufgefallen ist; ich halte ihn für einen als wohlhabenden Bürger verkleideten Geheimpolizisten. Laß uns das Pärchen im Auge behalten; ich sage dir gelegentlich, warum. Adieu, ich muß um vier Uhr im Kolleg sein.«

Als Eugen in die Pension zurückkehrte, fand er dort den Vater Goriot, der ihn erwartete.
»Hier,« sagte der Alte, »ein Brief von ihr. Was für eine hübsche Handschrift, wie?«
Eugen öffnete den Brief und las:

› Mein Herr! Durch meinen Vater habe ich erfahren, daß Sie die italienische Musik lieben. Ich wäre glücklich, wenn Sie mir die Freude machen würden, einen Platz in meiner Loge anzunehmen. Wir werden am Sonnabend die Fodor und Pellegrini hören; ich bin also gewiß, daß Sie mein Anerbieten nicht zurückweisen. Herr von Nucingen bittet Sie, ohne Umstände bei uns zu speisen. Wenn Sie annehmen, werden Sie ihm schon darum eine Freude machen, weil Sie ihn der Last entheben, mich ins Theater zu begleiten. Antworten Sie nicht, kommen Sie!

Mit freundlichen Grüßen D. von N.‹

»Zeigen Sie ihn mir!« bat der Alte Eugen, als dieser den Brief zu Ende gelesen hatte. »Sie gehen hin, nicht wahr?« fügte er hinzu, nachdem er das Papier überflogen hatte. Er roch daran. »Wie gut es riecht! Ihre Finger haben es berührt!« › Eine Frau wirft sich einem Manne nicht in dieser Weise an den Hals‹, sagte sich der Student. › Sie will sich meiner bedienen, um Marsay zurückzuerobern. Nur der Ärger kann sie dazu getrieben haben.‹ »Nun,« sagte Vater Goriot, »woran denken Sie denn?«

Eugen wußte nichts von dem Wahnwitz der Eitelkeit, der damals alle Frauen ergriffen hatte, und nicht, daß eine Bankiersgattin zu allen Opfern fähig war, wenn sie sich dadurch den Zutritt zum Faubourg Saint-Germain verschaffen konnte. Gerade jetzt begann die Mode jene Frauen auszuzeichnen, die in den Kreisen des Faubourg Saint-Germain zugelassen waren, bei den Damen des Petit-Château, unter denen Frau von Beauséant, ihre Freundin die Herzogin von Langeais und die Herzogin von Maufrigneuse den ersten Rang einnahmen. Rastignac allein wußte nichts von dem Fieber, das die Frauen der Chaussée-d'Antin ergriffen hatte, in den obersten Sternenkreis einzudringen, in dem die Ersten ihres Geschlechts erstrahlten. Sein Mißtrauen aber war ihm sehr nützlich, es gab ihm Kaltblütigkeit und die traurige Macht, Bedingungen zu stellen, statt solche anzunehmen.

»Ja, ich werde hingehen«, antwortete er.

So führte ihn also die Neugier zu Frau von Nucingen, während ihn vielleicht, wenn sie ihn abweisend behandelt hätte, die Leidenschaft hingeführt haben würde. Dessenungeachtet erwartete er den anderen Tag und die Stunde des Besuches nicht ohne eine gewisse Ungeduld.

Ein junger Mann findet in seiner ersten Intrige wohl ebensoviel Reiz wie in seiner ersten Liebe. Die Gewißheit des Erfolges gibt ihm tausend Vorzüge, von denen er selbst nichts ahnt, die aber vielen Frauen besonders reizvoll erscheinen. Das Verlangen entspringt ebensooft aus der Schwierigkeit wie aus der Leichtigkeit des Sieges. Alle menschlichen Leidenschaften entstehen und bestehen durch eine dieser beiden Tatsachen, die sich ins Reich der Liebe teilen. Vielleicht ist diese Teilung eine Folge der verschiedenen Temperamente, die – was auch darüber gesagt werden mag – für unser Gesellschaftsleben bestimmt sind. Wenn die Melancholiker des Reizmittels der Koketterie bedürfen, so werden vielleicht nervöse oder sanguinische Leute von allzu langem Widerstand abgeschreckt. Mit anderen Worten, die Schwermut ist im wesentlichen ebenso bleichsüchtig wie die Begeisterung gallig.

Während er sich ankleidete, genoß Eugen alle die kleinen Freuden, die junge Leute aus Furcht, sich lächerlich zu machen, nicht gern eingestehen, die aber ihre Eigenliebe schmeicheln. Während er sich das Haar ordnete, stellte er sich vor, daß bald der Blick einer hübschen Frau seine schwarzen Locken umkosen werde. Er erlaubte sich alle die kindlichen Possen, mit denen ein junges Mädchen sich zum Ball ankleidet. Als er seinen Rock glatt strich, betrachtete er wohlgefällig seine schlanke Gestalt.

› Es ist sicher,‹ sagte er bei sich selbst, › daß man schlechtere Figuren sieht.‹

Als die Pensionäre bei Tisch versammelt waren, ging er hinunter und ließ mit fröhlicher Gelassenheit alle die Späße über sich ergehen, die seine vornehme Erscheinung ihm eintrug. Es ist bezeichnend für das Leben in einem solchen Pensionat, daß jeder gepflegte Anzug einen Sturm der Verwunderung erweckt. Niemand trägt ein neues Gewand, ohne daß jeder seine Bemerkung dazu macht.

Bianchon schnalzte bewundernd mit der Zunge.

»Eine Haltung wie ein König!« sagte Frau Vauquer. »Der Herr geht auf Eroberungen aus?« bemerkte fragend Fräulein Michonneau. »Kikeriki!« rief bedeutungsvoll der Maler. »Meine Empfehlungen an Ihre Neuvermählte«, sagte der Museumsbeamte. »Der Herr hat eine Braut?« fragte Poiret. »Eine vergoldete Braut, garantiert wasserdicht und farbenecht, abwaschbar, allerneuestes kariertes Muster, angenehm zu tragen, halb Garn, halb Baumwolle, halb Wolle, heilt Zahnweh und andere approbierte Krankheiten! Vor allen Dingen den Kindern sehr zuträglich! Besonders vortrefflich aber gegen Kopfschmerz, Fettleibigkeit und andere Erkrankungen des Schlundes, der Augen und der Ohren!« schrie Vautrin mit der komischen Zungenfertigkeit eines Marktschreiers. »› Und was kostet dieses Wunder?‹ fragen Sie, meine Herren. Zwei Sous? Nein. Gar nichts! Es ist ein Rest der Lieferungen an den Großmogul, ein Rest, meine Herren, den alle regierenden Häupter Europas einschließlich des Grrroßherzogs von Baden zu besichtigen geruht haben. Treten Sie nur ein und gehen Sie zur Kasse! Vorwärts! Musik! Brum dada, dsching dada, brum, brum! – Herr Klarinettist, du spielst falsch,« fuhr er mit heiserer Stimme fort, »ich haue dir auf die Finger!« »Gott, welch ein angenehmer Mann!« sagte Frau Vauquer zu Frau Couture; »ich würde mich nie mit ihm langweilen.«

Inmitten von Scherz und Gelächter, die diesem komischen Vortrag folgten, konnte Eugen den heimlichen Blick Fräulein Taillefers auffangen, die sich zu Frau Couture beugte und ihr etwas zuflüsterte.

»Da ist der Wagen«, meldete Sylvia. »Wo speist er denn?« fragte Bianchon. »Bei der Frau Baronin von Nucingen.« »Der Tochter von Herrn Goriot«, versetzte der Student.

Bei diesem Namen blickten aller Augen auf den alten Nudelfabrikanten, der Eugen voll Neid betrachtete.

Rastignac langte in der Rue Saint-Lazare an, vor einem Hause, das in seiner oberflächlichen Bauart, den dünnen Säulen, geschmacklosen Torbogen so recht das › hübsche‹ Haus eines Bankiers vorstellte: voll aufdringlichen Prunkes, Stuckverzierungen und Treppen aus Marmormosaik. Er fand Frau von Nucingen in einem kleinen Salon mit italienischer Wandmalerei, dessen Ausschmückung an die von Cafés erinnerte. Die Baronin war traurig. Die Anstrengungen, die sie machte, um ihren Kummer zu verbergen, interessierten Eugen um so lebhafter, als sie aufrichtig zu sein schienen. Er hatte geglaubt, diese Frau durch sein Erscheinen glücklich zu machen, und fand sie in Verzweiflung. Der Mißerfolg kränkte seine Eigenliebe.

»Ich habe nur wenig Anspruch auf Ihr Vertrauen, gnädige Frau«, sagte er, nachdem er vergebens nach der Ursache ihres Kummers geforscht hatte; »aber wenn ich Ihnen lästig fallen sollte, so sind Sie hoffentlich ehrlich genug, es mir zu sagen.« »Bleiben Sie«, sagte sie; »wenn Sie gingen, wäre ich allein. Nucingen speist in der Stadt, und ich möchte nicht allein sein, ich brauche Zerstreuung.« »Aber was ist Ihnen denn?« »Sie wären der letzte, dem ich es sagte!« rief sie aus. »Ich will es wissen, denn ich scheine also mit dem Geheimnis etwas zu tun zu haben.« »Vielleicht! Aber nein,« fuhr sie fort, »es sind eheliche Streitigkeiten, die man im Herzen verschließen soll. Sagte ich es Ihnen denn nicht vorgestern? Ich bin nicht glücklich. Goldene Ketten drücken am schwersten.«

Wenn eine Frau einem jungen Manne anvertraut, daß sie unglücklich ist, und wenn dieser junge Mann geistvoll und gut gekleidet ist und fünfzehnhundert Franken in der Tasche hat, so muß er denken, was Eugen dachte, und eingebildet werden.

»Was können Sie sich noch wünschen?« entgegnete er. »Sie sind schön, jung, geliebt, reich.« »Reden wir nicht von mir!« sagte sie und schüttelte finster den Kopf. »Wir werden zusammen speisen, wir zwei allein; wir werden dann in der Oper zusammen die entzückendste Musik hören. Bin ich nach Ihrem Geschmack?« fuhr sie fort und erhob sich, um ihr überaus prächtiges Kleid aus weißem Kaschmir mit türkischem Muster sehen zu lassen. »Ich wollte, Sie wären ganz mein«, sagte Eugen; »Sie sind reizend.« »Da hätten Sie einen traurigen Besitz«, sagte sie mit bitterem Lächeln. »Nichts verrät Ihnen hier das Leid, und dennoch, trotz all diesem heiteren Schein, bin ich in Verzweiflung. Mein Kummer raubt mir den Schlaf, ich werde häßlich werden.« »Oh, das ist unmöglich!« sagte der Student. »Aber ich bin begierig, Leiden kennen zu lernen, die eine ergebene Liebe nicht auszulöschen vermag.« »Ach, wenn ich sie Ihnen beichte, würden Sie mich fliehen«, sagte sie. »Vorläufig lieben Sie mich nur aus Galanterie, wie das die Männer so zu tun pflegen; aber wenn Sie mich wahrhaftig liebten, würden Sie in furchtbare Verzweiflung stürzen. Sie sehen, daß ich schweigen muß! Kommen Sie,« fügte sie hinzu, »reden wir von etwas anderem! Sehen Sie sich meine Zimmer an!« »Nein, bleiben wir hier!« erwiderte Eugen und setzte sich neben Frau von Nucingen an den Kamin. Er ergriff kühn ihre Hand.

Sie ließ es geschehen und preßte sogar die Hand des jungen Mannes mit einer Kraft, die eine starke innere Erregung verriet.

»Hören Sie,« sagte Rastignac, »wenn Sie Sorgen haben, müssen Sie sie mir anvertrauen. Ich will Ihnen beweisen, daß ich Sie um Ihrer selbst willen liebe. Entweder Sie reden jetzt und nennen mir Ihren Schmerz, damit ich ihn zerstreue – und gälte es, sechs Menschen zu töten –, oder ich gehe und komme nie mehr wieder!« »Nun gut,« rief sie, von Verzweiflung ergriffen, »ich werde Sie jetzt gleich auf die Probe stellen.« › Ja,‹ sagte sie bei sich selbst, › es gibt nur noch dieses eine Mittel.‹

Sie klingelte.

»Ist Herrn von Nucingens Wagen angespannt?« fragte sie ihren Kammerdiener. »Ja, gnädige Frau.« »Ich werde ihn benutzen. Dem Herrn Baron lassen Sie dann meinen Wagen anspannen. Das Diner soll nicht vor sieben Uhr aufgetragen werden. – Kommen Sie, gehen wir!« sagte sie zu Eugen, der zu träumen glaubte, als er sich im Coupé des Herrn von Nucingen an der Seite dieser Frau sah. »Zum Palais-Royal,« sagte sie zu dem Kutscher, »nahe beim Théâtre-Français.«

Unterwegs schien sie aufgeregt und weigerte den tausend Fragen Eugens die Antwort; er wußte nicht, was er von diesem stummen und hartnäckigen Widerstand halten sollte.

› Sie entgleitet mir immer von neuem‹, dachte er bei sich.

Als der Wagen hielt, sah die Baronin den Studenten mit einer Miene an, die seinen tollen Gedanken Einhalt gebot; denn er hatte sich hinreißen lassen.

»Sie lieben mich wirklich?« fragte sie. »Ja«, erwiderte er, die Unruhe verbergend, die ihn erfaßte. »Sie werden nichts Schlechtes von mir denken, worum immer ich Sie auch bitten werde?« »Nein.« »Sind Sie bereit, mir zu gehorchen?« »Blindlings.« »Haben Sie schon gespielt?« fragte sie mit zitternder Stimme. »Niemals.« »Ah, ich atme wieder auf; Sie werden Glück haben! Hier ist meine Börse«, sagte sie. »So nehmen Sie doch! Sie enthält hundert Franken, das ist alles, was diese › so glückliche Frau‹ besitzt. Gehen Sie in eines der Spielhäuser; ich weiß nicht, wo sie sind, aber ich weiß, daß es im Palais-Royal solche gibt. Setzen Sie die hundert Franken auf ein Spiel, das Roulette heißt, und verlieren Sie alles, oder bringen Sie mir sechstausend Franken! Bei Ihrer Rückkehr erzähle ich Ihnen meinen Kummer.« »Der Teufel soll mich holen, wenn ich auch nur das geringste von dem verstehe, was ich tun soll; aber ich will Ihnen gehorchen!« sagte er, voll Freude über den Gedanken: › Sie kompromittiert sich mir gegenüber, sie wird mir nichts verweigern können.‹

Eugen nimmt die hübsche Börse und läßt sich von einem Kleiderhändler das nächste Spielhaus zeigen, – Haus Nr. 9. Er geht die Treppe hinauf; man nimmt ihm den Hut ab. Er tritt ein und erkundigt sich nach dem Roulette. Der Saaldiener führt ihn, zum Erstaunen der Gewohnheitsspieler, an einen langen Tisch. Ohne Scheu fragt Eugen, um den sich die Zuschauer versammeln, wo der Einsatz zu machen ist.

»Wenn Sie auf eine einzige dieser sechsunddreißig Nummern einen Louis setzen und sie gewinnt, so haben Sie sechsunddreißig Louis,« sagt ihm ein ehrwürdiger Greis mit weißen Haaren.

Eugen wirft die hundert Franken auf die Zahl seines Alters: einundzwanzig. Ein Ruf des Erstaunens folgt, noch ehe er Zeit gehabt hatte, zur Besinnung zu kommen. Er hatte gewonnen, ohne es zu wissen.

»Ziehen Sie doch Ihr Geld zurück,« sagte der alte Herr zu ihm, »man gewinnt nicht zweimal auf solche Weise!«

Eugen nimmt eine Krücke, die der alte Herr ihm hinhält, zieht die dreitausendsechshundert Franken an sich und setzt sie, immer ohne das geringste vom Spiel zu verstehen, auf Rot. Man betrachtet ihn mit Neid. Das Rad dreht sich, er gewinnt wieder, und der Bankhalter wirft ihm nochmals dreitausendsechshundert Franken hin.

»Sie haben jetzt siebentausendzweihundert Franken«, sagt ihm der alte Herr ins Ohr. »Wenn Sie meinem Rate folgen, so hören Sie auf; Rot ist achtmal herausgekommen. Sind Sie mildtätig, so werden Sie diesen guten Rat belohnen, indem Sie das Elend eines ehemaligen Präfekten Napoleons, der sich in großer Not befindet, erleichtern.«

Rastignac, noch ganz bestürzt, läßt sich von dem Herrn im weißen Haar zehn Louis abnehmen und entfernt sich mit seinen siebentausend Franken. Er versteht noch immer nichts vom Spiel, aber er ist vollständig verblüfft über sein Glück.

»Da bin ich! Wohin werden Sie mich jetzt führen?« sagte er, Frau von Nucingen, sobald der Wagenschlag geschlossen war, die siebentausend Franken zeigend.

Delphine preßte ihn wie toll an sich und küßte ihn, doch ohne Leidenschaft.

»Sie haben mich gerettet!« Freudentränen liefen ihr über die Wangen. »Ich will Ihnen alles sagen, mein Freund. Sie sind mein Freund, nicht wahr? Sie sehen mich reich, im Überfluß, nichts geht mir ab, oder wenigstens scheint es so. So hören Sie denn, daß Herr von Nucingen mich nicht über einen Sou verfügen läßt: er bezahlt die ganze Haushaltung, meinen Wagen, meine Logen; er setzt mir für meine Kleidung eine unzureichende Summe aus und zwingt mich in Sorge und Not – aus Berechnung. Ich bin zu stolz, ihn um etwas zu bitten. Wäre ich nicht das niedrigste aller Geschöpfe, wenn ich mir sein Geld zu dem Preise erkaufte, zu dem er es mir geben will? Wie konnte ich, die ich siebenhunderttausend Franken besaß, mich so ausrauben lassen? Aus Stolz, aus Empörung! Wir sind so jung, so einfältig, wenn wir in die Ehe treten! Das Wort, mit dem ich meinen Gatten um Geld bitten müßte, würde mir die Zunge verbrennen. Ich wagte es nie; ich verbrauchte meine Ersparnisse und die Unterstützungen, die mein armer Vater mir zuwandte; dann machte ich Schulden. Wie entsetzlich die Ehe mich enttäuschte, darüber kann ich Ihnen nichts erzählen: möge Ihnen die Mitteilung genügen, daß ich mich aus dem Fenster stürzen würde, wenn Nucingen mich zwänge, sein Zimmer mit ihm zu teilen. Als es galt, ihm meine Schulden zu beichten, die ich in der ersten Zeit unserer Ehe gemacht hatte, für Juwelen und Putz – mein armer Vater hatte uns ja erzogen, uns keinen Wunsch zu versagen –, litt ich ein Martyrium; schließlich aber fand ich den Mut, sie zu gestehen. Besaß ich denn nicht ein eigenes Vermögen? Nucingen ließ sich hinreißen, er sagte mir, ich wolle seinen Zusammenbruch. Ich hätte hundert Fuß unter der Erde sein mögen. Da er ja meine Mitgift hatte, bezahlte er; aber er setzte mir von nun an für meine persönlichen Bedürfnisse eine feste Summe aus, mit der ich mich, des Friedens halber, bescheiden mußte. Späterhin suchte ich mich für einen, den Sie kennen, zu schmücken, – um seiner Eigenliebe zu gefallen«, sagte sie. »Obwohl er mich betrogen hat, wäre es ungerecht von mir, den Adel seines Charakters nicht anzuerkennen. Aber schließlich hat er mich schmählich verlassen. Man sollte niemals eine Frau verlassen, der man an einem Tage der Verzweiflung einen Haufen Gold zugeworfen hat. Man sollte sie immer lieben. Sie reines, junges Herz von einundzwanzig Jahren, Sie werden mich fragen, wie eine Frau von einem Manne Geld annehmen kann. Mein Gott, ist es nicht verständlich, mit jenem Wesen, dem wir unser Glück verdanken, alles zu teilen? Wenn man sich ganz gegeben hat, was bedeutet dann irgendein unwichtiger Teil dieses Ganzen? Das Geld spielt erst dann eine Rolle, wenn die Liebe verflogen ist. Ist man nicht für das Leben miteinander verbunden? Wer von uns Frauen denkt an eine Trennung, wenn sie sich geliebt weiß? Ihr schwört uns ewige Liebe, wie kann es da getrennte Interessen geben? Sie wissen nicht, was ich heute gelitten habe, als Nucingen es rundweg abgeschlagen hat, mir sechstausend Franken zu geben, – er, der seiner Mätresse, einer Choristin, jeden Monat soviel gibt. Ich wollte mir das Leben nehmen. Die wahnsinnigsten Gedanken gingen mir durch den Kopf. Es gab Augenblicke, wo ich einen Dienstboten, meine Kammerzofe um ihr Los beneidete. Meinen Vater aufsuchen! Torheit! Anastasia und ich haben ihn zugrunde gerichtet. Mein armer Vater hätte sich verkauft, wenn die Möglichkeit für ihn bestanden hätte, sechstausend Franken wert zu sein. Ich hätte ihn vergebens in Verzweiflung versetzt. Sie haben mich von Schmach und Tod errettet, ich war vor Schmerz ganz außer mir. Ach, mein Herr, ich war Ihnen diese Erklärung schuldig: ich bin recht unvernünftig mit Ihnen verfahren. Als Sie vorhin weggegangen waren und ich Sie aus den Augen verloren hatte, wollte ich zu Fuß davongelaufen ... Wohin? Ich weiß es nicht. So ist das Leben von etwa der Hälfte aller Pariserinnen: nach außen Pracht und Luxus, im Herzen grausame Sorgen. Ich kenne arme Geschöpfe, die noch unglücklicher sind als ich. Es gibt sogar Frauen, die sich von ihren Lieferanten falsche Rechnungen ausstellen lassen. Andere sind gezwungen, ihre Männer zu bestehlen. Einige Männer glauben also, daß ein Kaschmirschal im Werte von hundert Louis für fünfhundert Franken zu haben sei, andere, daß ein Schal von fünfhundert Franken hundert Louis gekostet habe. Es gibt arme Frauen, die ihre Kinder fasten lassen und sich im kleinen die Summe für ein Kleid zusammensparen müssen. Ich habe mich mit solchen Betrügereien nicht befleckt. Wenn manche Frauen sich ihren Männern verkaufen, um Gewalt über sie zu erlangen, so bin ich wenigstens frei! Ich könnte es unschwer dahin bringen, daß Nucingen mich mit Gold überschüttete, – aber ich ziehe es vor, mich am Herzen eines Mannes auszuweinen, den ich zu achten vermag. Ach, heute abend wird Herr von Marsay nicht mehr das Recht haben, mich als eine Frau anzusehen, die er bezahlt hat!«

Sie preßte die Hände vors Gesicht, um ihre Tränen vor Eugen zu verbergen; dieser nahm ihre Hände sanft herab, er mußte sie ansehen: sie war in diesem Augenblick nicht nur entzückend, – sie war göttlich.

»Geldangelegenheiten in Liebessachen, ist es nicht entsetzlich? Sie werden mich nicht lieben können«, sagte sie.

Diese Mischung von redlichen Gefühlen, die die Frauen so groß machen, und Unredlichkeiten, zu denen die Gesellschaft sie zwingt, überwältigte Eugen, der tröstende und sanfte Worte sagte, während er die in ihrem Schmerzensschrei so unbedachte schöne Frau bewunderte.

»Sie werden sich nicht des Gesagten gegen mich bedienen?« sagte sie; »versprechen Sie es mir!« »O gnädige Frau, ich wäre dessen unfähig«, erwiderte er.

Sie nahm seine Hand und legte sie mit einer Bewegung voll liebenswürdiger Dankbarkeit an ihr Herz.

»Dank Ihnen bin ich wieder frei und fröhlich. Ich lebte wie unter dem Druck einer eisernen Faust. Von nun an will ich ein einfaches Leben führen und nichts verschwenden. Ich werde Ihnen gefallen, so wie ich bin, mein Freund, nicht wahr? – Behalten Sie das!« sagte sie, nur sechs Tausendfrankenscheine annehmend. »In Gedanken schulde ich Ihnen tausend Taler, denn es ist mein fester Vorsatz, mit Ihnen halbpart zu machen.«

Eugen sträubte sich wie ein junges Mädchen. Aber als ihm die Baronin sagte: »Ich betrachte Sie als meinen Feind, wenn Sie nicht mein Mitschuldiger werden wollen«, nahm er das Geld. »So sei es denn ein Anlagekapital für den Fall der Not«, sagte er. »Das ist es, was ich befürchtete!« rief sie erbleichend. »Wenn ich Ihnen wirklich etwas bedeute, so schwören Sie mir,« sagte sie, »nie mehr zum Spiel zurückzukehren! Mein Gott, ich Sie ins Laster treiben! Ich stürbe vor Leid!«

Sie waren angekommen. Der Gegensatz ihres Elends und dieser Üppigkeit erschreckten den Studenten, in dessen Ohren die unheilvollen Worte Vautrins widerhallten.

»Setzen Sie sich dorthin!« sagte die Baronin, als sie in ihr Zimmer traten, und zeigte auf einen Lehnstuhl beim Fenster. »Ich habe einen schweren Brief zu schreiben. Raten Sie mir!« »Schreiben Sie nicht,« sagte Eugen, »packen Sie die Scheine in einen adressierten Umschlag und lassen Sie sie durch Ihre Kammerzofe hintragen.« »Aber Sie sind ja ein wundervoller Mann!« entgegnete sie. »Da sieht man, was es bedeutet, mein Herr, eine gute Erziehung gehabt zu haben. Was Sie da sagten, war Beauséant vom reinsten Wasser«, sagte sie lächelnd. › Sie ist entzückend‹, dachte Eugen, der sich mehr und mehr verliebte. Er sah sich im Zimmer um, das die wollüstige Pracht einer reichen Kurtisane aushauchte.

»Gefällt es Ihnen?« fragte sie, als sie der Kammerzofe klingelte. »Therese, bringen Sie das zu Herrn von Marsay, und übergeben Sie es ihm persönlich! Sollten Sie ihn nicht antreffen, so bringen Sie mir den Brief zurück!«

Therese entfernte sich, nicht ohne auf Eugen einen maliziösen Blick geworfen zu haben. Das Diner war aufgetragen. Rastignac bot Frau von Nucingen den Arm und wurde in einen wundervollen Speisesaal geführt, wo er dieselbe Tafelpracht gewahrte, die er bei seiner Cousine bestaunt hatte.

»An allen Tagen der Italienischen Oper,« sagte sie, »kommen Sie zum Speisen zu mir und begleiten mich nachher.« »Ich würde mich gern an dieses schöne Leben gewöhnen, wenn es von Dauer sein könnte; aber ich bin ein armer Student, der sein Glück erst machen muß.« »Es wird sich machen«, sagte sie lächelnd. »Sie sehen, alles läßt sich einrichten: ich hatte nicht gehofft, heute noch so glücklich zu sein.«

Es liegt in der Natur der Frauen, das Unmögliche am Möglichen zu beweisen und unangenehme Tatsachen durch angenehme Hoffnungen zu zerstreuen. Als Frau von Nucingen und Rastignac in ihre Loge traten, blickte sie so befriedigt drein und war so schön, daß jedermann sich jene kleinen Verleumdungen gestattete, gegen die die Frauen wehrlos sind. Wer Paris kennt, glaubt nichts von dem, was man sich hier erzählt, und erzählt nichts von dem, was sich tatsächlich zuträgt. Eugen nahm die Hand der Baronin in seine, und während sie der Musik lauschten, teilten sie einander ihre Empfindungen durch mehr oder weniger starke Händedrücke mit. Für sie war der Abend berauschend. Sie verließen das Theater zusammen, und Frau von Nucingen begleitete Eugen in ihrem Wagen bis zum Pont-Neuf, während sie ihm auf dem ganzen Wege nicht einen der Küsse erlaubte, die sie ihm beim Palais-Royal so feurig gespendet hatte. Eugen warf ihr diese Inkonsequenz vor.

»Vorhin«, erwiderte sie, »war es Dankbarkeit für Ihre unerwartete Ergebenheit; jetzt wäre es ein Versprechen.« »Und Sie wollen mir keines geben, Undankbare!«

Er wurde ärgerlich. Mit einer Gebärde der Ungeduld, wie sie den Liebhaber stets entzückt, reichte sie ihm die Hand zum Kusse, die er gekränkt ergriff; sie fand ihn reizend.

»Auf Montag,« sagte sie, »beim Ball!«

Eugen, der bei hellem Mondschein zu Fuß weiterging, versank in ernste Gedanken. Er war gleichzeitig froh und unzufrieden. Froh über ein Abenteuer, das ihm voraussichtlich eine der hübschesten und elegantesten Pariserinnen, den Gegenstand seiner Wünsche, zuführen würde; unzufrieden, seine Pläne auf Reichtum vernichtet zu sehen. Je mehr Eugen das Pariser Leben genoß, um so weniger wollte er unbekannt und arm bleiben. Er zerknitterte seinen Tausendfrankenschein in der Tasche und suchte sich durch tausend listige Gründe zu beweisen, daß er ihn als sein eigen betrachten dürfe. Endlich kam er in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève an, und als er die Treppe erstiegen hatte, gewahrte er Licht. Vater Goriot hatte seine Tür offen stehen und die Kerze brennen lassen, damit der Student nicht vergesse, ihm von seiner Tochter zu erzählen. Eugen verhehlte ihm nichts.

»Aber«, rief Vater Goriot in einer Bewegung von Eifersucht, »sie halten mich für ruiniert! Ich habe noch eine Rente von dreizehnhundert Franken. Mein Gott, die arme Kleine, warum kam sie denn nicht her? Ich hätte meine Rentenpapiere verkauft, von dem Erlös hätten wir die sechstausend Franken genommen, und von dem Rest hätte ich eine Leibrente für mich festgelegt. Warum sind Sie nicht gekommen, mein Freund, um mir ihre Sorge zu berichten? Woher nahmen Sie den Mut, ihre armen kleinen hundert Franken im Spiel zu wagen? Doch diese Schwiegersöhne! Oh, wenn ich sie hier hätte, ich würde ihnen den Hals umdrehen! Mein Gott, sie hat geweint, geweint, sagen Sie?« »Den Kopf an meiner Weste«, sagte Eugen. »Ach, geben Sie sie mir!« rief Vater Goriot. »Wie, hier sind die Tränen meiner kleinen Delphine geflossen, die seit ihren Kinderjahren nie geweint hat? O lassen Sie sie mir, tragen Sie eine andere, ich werde Ihnen eine kaufen! Laut Ehevertrag steht ihr der Nießbrauch ihres Vermögens zu. Ich werde morgen den Advokaten Derville aufsuchen. Ich werde es durchsetzen, daß ihr Vermögen sicher angelegt wird. Ich kenne die Gesetze, ich bin ein schlauer Fuchs und werde schon meinen Willen erreichen.«

»Hier, Vater, da sind tausend Franken, die sie mir von unserem Gewinn abgeben wollte. Heben Sie sie auf – in der Weste!«

Goriot blickte Eugen an und hielt ihm die Hand hin. Tränen liefen ihm aus den Augen.

»Sie werden es im Leben zu etwas bringen,« sagte der Greis, »denn, sehen Sie, Gott ist gerecht! Ich verstehe etwas von Rechtschaffenheit, glauben Sie mir, und ich kann Ihnen sagen, daß es nur wenige Menschen gibt, die Ihnen gleichen. Sie wollen also auch mein geliebtes Kind werden? Gehen Sie, legen Sie sich hin! Sie können schlafen, Sie sind noch nicht Vater. Sie hat geweint, und ich saß hier behaglich und verzehrte mein Abendbrot, während sie Kummer hatte; ich – ich, der ich den Vater, Sohn und Heiligen Geist verraten würde, um ihnen beiden eine Träne zu ersparen!«

› Wahrhaftig,‹ dachte Eugen, als er sich schlafen legte, › ich glaube, ich werde mein Leben lang ein rechtschaffener Mensch bleiben. Es liegt etwas sehr Angenehmes darin, den Eingebungen seines Gewissens zu folgen.‹

Vielleicht sind es nur noch die gläubigen Seelen, die im geheimen Gutes tun, und Eugen glaubte an Gott.

Am anderen Tage begab sich Rastignac zur Stunde des Balles zu Frau von Beauséant, die ihn mit sich nahm, um ihn der Herzogin von Carigliano vorzustellen. Die Frau des Marschalls empfing ihn sehr liebenswürdig. Frau von Nucingen war bereits da. Delphine hatte sich geschmückt mit der Absicht, allen zu gefallen, um Eugen um so mehr zu gefallen; sie wartete ungeduldig auf seinen Blick und vermeinte doch, ihre Ungeduld gut zu verbergen. Für jeden, der in der Seele einer Frau zu lesen weiß, sind solche Augenblicke köstlich. Wer hat nicht schon oft mit seiner Bewunderung gezögert, kokett seine Freude ausgekostet, durch die Gleichgültigkeit seines Verhaltens Unruhe erweckt, Geständnisse erzwungen, um endlich mit einem Lächeln alle Sorgen zu zerstreuen? Auf diesem Fest erkannte der Student die ganze Tragweite seiner Stellung und begriff, daß er als anerkannter Vetter der Frau von Beauséant in der Welt etwas bedeute. Die Eroberung der Baronin von Nucingen, die man ihm bereits zusprach, setzte ihn in ein so gutes Licht, daß alle jungen Leute ihm neidische Blicke zuwarfen, und er kostete die ersten Wonnen geschmeichelter Eitelkeit, als er diese Blicke gewahrte. Während er von Salon zu Salon, von Gruppe zu Gruppe schritt, hörte er überall sein Glück preisen. Die Frauen weissagten ihm alle Erfolge. Delphine, die ihn zu verlieren fürchtete, versprach, ihm diesmal den Kuß nicht zu versagen, den sie am Vorabend verweigert hatte. Auf diesem Ball erhielt Rastignac mehrere Einladungen. Er wurde von seiner Cousine einigen Frauen vorgestellt, die alle einen vornehmen Eindruck machten und deren Häuser als angenehm galten; er sah sich in den vornehmsten und schönsten Kreis der Pariser Gesellschaft aufgenommen. Dieser Abend hatte also für ihn den ganzen Reiz eines glänzenden Debüts; es war ein Tag, dessen er sich noch in späten Jahren erinnern würde, wie ein junges Mädchen sich eines Balles erinnert, auf dem sie Triumphe geerntet hat. Als er am anderen Morgen beim Frühstück in Gegenwart der anderen Pensionäre dem Vater Goriot seine Erfolge erzählte, setzte Vautrin ein teuflisches Lächeln auf.

»Und Sie glauben,« rief der grausame Logiker, »ein junger Lebemann könne Rue Neuve-Sainte-Geneviève wohnen, im Hause Vauquer, – in einer in jeder Hinsicht anständigen Pension, die jedoch nichts weniger als vornehm ist? Sie ist schön und wohlhabend; sie ist stolz, der gegenwärtige Aufenthaltsort eines Rastignac zu sein; aber schließlich liegt sie doch in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève und verschmäht den Luxus, denn sie ist durchaus patriarchalisch. Mein junger Freund,« fuhr Vautrin mit überlegenem Spott fort, »wenn Sie in Paris eine Rolle spielen wollen, so brauchen Sie drei Pferde, ein Tilbury für den Vormittag, ein Coupé für den Abend, alles in allem neuntausend Franken für Fuhrwerk. Sie würden ferner Ihre Bestimmung verfehlen, wenn Sie nicht jährlich dreitausend Franken für den Schneider, sechshundert Franken für den Parfümeur, hundert Taler für den Schuhmacher und hundert Taler für den Hutmacher ausgeben. Ihre Wäscherin wird Sie tausend Franken kosten. Ein junger Elegant muß auf seine Wäsche sehr bedacht sein: ist nicht gerade diese den Blicken am meisten ausgesetzt? Die Liebe und die Kirche verlangen schöne Decken auf ihren Altären. Macht zusammen schon vierzehntausend! Von dem, was beim Spiel und für Geschenke draufgeht, will ich gar nicht reden; es ist unmöglich, das Taschengeld niedriger als zweitausend Franken anzusetzen. Ich selbst habe so ein Leben geführt und weiß, was es kostet. Rechnen Sie noch dreihundert Louis für Kost und tausend Franken für Wohnung. Kurzum, mein Junge, wir müssen für Nebenausgaben jährlich fünfundzwanzigtausend Franken im Rücken haben, oder wir fliegen in den Dreck, setzen uns dem Spott aus und berauben uns unserer Zukunft, unserer Eroberungen, unserer Mätressen. Ich habe noch den Kammerdiener und den Groom vergessen. Soll etwa Christoph Ihre Liebesbriefe austragen? Wollen Sie sie in Ihre Kolleghefte kritzeln? Das hieße Selbstmord begehen! Glauben Sie einem Alten, der Erfahrung hat!« sagte er mit feierlicher Baßstimme. »Entweder Sie vergraben sich tugendhaft in eine Mansarde und vermählen sich mit der Arbeit, oder Sie schlagen einen anderen Weg ein!«

Und Vautrin wies mit blinzelnden Augen auf Fräulein Taillefer, um dem Studenten den verlockenden Vorschlag ins Gedächtnis zu rufen, den er ihm kürzlich unterbreitet hatte.

Mehrere Tage vergingen, während Rastignac das müßigste Leben führte. Er speiste fast stets bei Frau von Nucingen und begleitete sie dann in Gesellschaft. Um drei oder vier Uhr morgens kehrte er heim, erhob sich gegen zwölf, zog sich umständlich an und fuhr bei schönem Wetter mit Delphine ins Bois. So verschwendete er seine Zeit und schlürfte die Wonnen, die Verführungen des Reichtums mit derselben Gier wie die weibliche Dattelblüte den Samenstaub der männlichen. Er spielte um große Summen, verlor oder gewann viel und gewöhnte sich schließlich an das ausschweifende Leben der Pariser. Von seinem ersten größeren Gewinn hatte er seiner Mutter und seinen Schwestern fünfzehnhundert Franken zurückgeschickt, denen er hübsche Geschenke beifügte. Obwohl er die Absicht ausgesprochen hatte, das Haus Vauquer zu verlassen, war er doch Ende Januar noch immer dort und wußte nicht, wie er loskommen sollte. Fast alle jungen Leute sind einem anscheinend unerklärlichen Gesetz unterworfen, das jedoch in ihrer Jugend begründet liegt und in der Gier, mit der sie sich jedem Vergnügen hingeben. Reich oder arm, – sie haben nie Geld für die Bedürfnisse des Lebens, aber immer genug für ihre besonderen Wünsche. Verschwenderisch in allem, was sie auf Kredit bekommen können, geizen sie in allem, was sogleich bezahlt werden muß, und scheinen sich für das, was sie entbehren müssen, damit rächen zu wollen, daß sie das, was sie haben, vergeuden. Mit anderen Worten, ein Student wird seinen Hut mehr schonen als seinen Rock. Der große Reingewinn gestattet dem Schneider, hohen Kredit zu gewähren, während die geringen Einnahmen des Hutmachers diesen zu einem höchst unzugänglichen Menschen machen. Wenn ein junger Mann im Theater dem Blick der Frauen eine entzückende Weste darbietet, so ist es doch zweifelhaft, ob er auch Strümpfe anhat: der Strumpfwarenhändler ist auch so ein Wurm, der an seiner Börse frißt. Rastignac befand sich in solcher Lage. Stets ohne Geld für Frau Vauquer, stets reich gefüllt für seine eitlen Wünsche, befand sich seine Börse in beständigem Wechsel von Ebbe und Flut und in ewigem Kampf mit den natürlichen Bedürfnissen des Lebens. Mußte er nicht, um dieses stinkende, unbehagliche Haus zu verlassen, seiner Wirtin einen ganzen Monat rückständiger Zahlung leisten und für sein Junggesellenheim Möbel anschaffen? Das war ihm stets unmöglich. Wenn Rastignac sich auch das zum Spiel nötige Geld zu verschaffen wußte, indem er sich auf Kredit goldene Uhren und Ketten beschaffte, die er später vom Gewinn teuer bezahlte, vorläufig jedoch zum altbewährten und verschwiegenen Freund der Jugend, zum Versatzamt, trug, so war er doch ohne Erfindungsgabe da, wo es sich um Bezahlung von Kost und Wohnung oder um Anschaffung der für eine vornehme Lebensführung erforderlichen Dinge handelte. Alltägliche Bedürfnisse oder Schulden für bereits längst befriedigte Wünsche kümmerten ihn nicht. Wie alle die, deren Leben vom Zufall abhängig ist, wartete er bis zum letzten Augenblick mit der Begleichung von Schulden, die dem Bürgerstande heilig sind, und machte es wie Mirabeau, der sein Brot nur dann bezahlte, wenn es sich ihm in der drohenden Form eines Wechsels präsentierte. Zu jener Zeit hatte Rastignac all sein Geld verloren und sich in Schulden gestürzt. Der Student begann zu begreifen, daß er dieses Leben nicht weiterführen konnte, ohne feste Einnahmen zu haben. Aber trotz allen Seufzern über seine unsichere Lage fühlte er sich unfähig, den Genüssen seines neuen Lebens zu entsagen, und wollte es um jeden Preis fortsetzen. Die Glücksfälle, auf die er seine Zukunft aufzubauen gehofft hatte, erwiesen sich als Truggebilde, und die wirklichen Hindernisse wuchsen immer drohender empor. Als er in die Geheimnisse des Ehelebens von Herrn und Frau von Nucingen Einblick erlangte, wurde er sich darüber klar, daß man alle Scham ablegen und auf die reinen Gedanken, welche die Fehltritte der Jugend entschuldbar machen, verzichten mußte, wollte man die Liebe als Werkzeug zum Reichtum benutzen. So war denn sein Leben äußerlich glänzend, aber vom Wurm des Gewissens zerfressen, und flüchtige Freuden wurden mit langwierigen Sorgen teuer erkauft; aber er hatte sich dieses Leben erwählt, und wie der Zerstreute von La Bruyère bereitete er sich sein Bett in der Gosse; doch wie der Zerstreute beschmutzte er vorläufig nur sein Gewand.

»Wir haben also den Mandarin getötet?« fragte ihn Bianchon eines Tages, als er vom Tische aufstand. »Noch nicht,« erwiderte er, »aber er röchelt.«

Der Mediziner nahm dieses Wort als Scherz auf; das war es aber nicht. Eugen, der zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in der Pension speiste, hatte sich während der ganzen Mahlzeit nachdenklich gezeigt. Statt sich beim Nachtisch zu entfernen, blieb er im Speisesaal neben Fräulein Taillefer sitzen und warf ihr von Zeit zu Zeit einen inhaltsvollen Blick zu. Einige Pensionäre saßen noch bei Tisch und aßen Nüsse, andere gingen im Zimmer auf und ab und unterhielten sich lebhaft miteinander. Wie allabendlich zog sich jeder zurück, wann es ihm behagte, je nach dem Interesse, das er an der Unterhaltung nahm, oder der Beschwerde, die seine Verdauung ihm bereitete. Im Winter war es selten, daß der Speisesaal vor acht Uhr geräumt war, um welche Zeit die vier Frauen allein blieben und sich an dem Schweigen rächten, das ihr Geschlecht ihnen im Kreise der Männer auferlegte.

Als Vautrin Eugen so tief in Gedanken sitzen sah, blieb er im Speisezimmer zurück, obwohl er es vorher mit dem Weggehen eilig gehabt zu haben schien, und stellte sich immer so, daß er von Eugen, der glauben mußte, daß er längst weg sei, nicht gesehen werden konnte. Als auch die letzten Gäste sich entfernten, verbarg er sich im Salon. Er hatte in der Seele des Studenten gelesen und ahnte eine nahe Entscheidung.

Rastignac befand sich in der Tat in einer unangenehmen Lage, die mancher junge Mann durchgemacht haben dürfte. Frau von Nucingen hatte – sei es nun aus Liebe oder Koketterie – Rastignac alle Qualen wahrer Leidenschaft zu fühlen gegeben, indem sie ihn mit echt weiblicher Diplomatie hinzuhalten wußte. Nachdem sie, um den Vetter der Frau von Beauséant an sich zu fesseln, sich in den Augen der Welt mit ihm kompromittiert hatte, zögerte sie, ihm in Wirklichkeit die Rechte einzuräumen, deren er sich nach Meinung der anderen schon lange zu erfreuen schien. Seit einem Monat reizte sie Eugens Sinne so gewaltig, daß sie endlich auch das Herz angegriffen hatte. Wenn in den ersten Stunden dieser Liebelei der Student sich für den Herrn erachtete, so hatte nun doch Frau von Nucingen die Oberhand erlangt, und zwar mit Hilfe jener List, die alle – guten und schlechten – Instinkte Eugens in Bewegung brachte. War das Berechnung von ihr? Nein; die Frauen sind immer wahr, selbst in ihren größten Falschheiten, denn sie folgen stets einer natürlichen Gefühlsregung. Nachdem Delphine dem jungen Manne zuviel Zuneigung bezeigt und ihm dadurch zuviel Macht über sich eingeräumt hatte, folgte sie vielleicht jetzt einem Gefühl des Stolzes, das sie trieb, ihre Gunstbezeigungen aufzuschieben. Der Pariserin ist es so natürlich, selbst dann, wenn die Leidenschaft sie hinreißt, zu zögern und erst das Herz dessen zu erproben, dem sie ihre Zukunft ausliefern will. Alle Hoffnungen der Frau von Nucingen waren ein erstes Mal betrogen und ihre Treue von einem jungen Egoisten verkannt worden. Sie hatte ein Recht, mißtrauisch zu sein. Vielleicht hatte sie in Eugens Benehmen, den sein rascher Erfolg dünkelhaft gemacht hatte, etwas wie Mißachtung wahrgenommen, eine Folge ihrer seltsamen Stellung zueinander. Sicherlich wünschte sie, vor einem so jungen Manne würdevoll zu erscheinen und Macht über ihn zu gewinnen, nachdem sie sich vor dem, der sie nun verlassen, so lange demütig gezeigt hatte. Sie wollte nicht, daß Eugen sie für eine leichte Eroberung hielt, gerade darum, weil er wußte, daß sie Marsay angehört hatte. Nachdem sie also den entwürdigenden Trieben eines jungen Wüstlings unterworfen gewesen war, empfand sie es besonders süß, in den blumigen Augen der Liebe zu wandeln, ihre Schönheit bewundern, ihre Seufzer erlauschen und sich von keuschen Lüften umkosen zu lassen. Die wahre Liebe büßte für die betrogene. Dieser Widersinnigkeit wird man so lange immer wieder begegnen, wie die Männer nicht zu der Erkenntnis kommen, wie viele Blumen ein erstes Betrogenwerden im Herzen einer jungen Frau zum Welken bringt. Was auch ihre Gründe sein mochten, Delphine trieb ihr Spiel mit Rastignac, – wußte sie sich doch geliebt und im Besitze der Macht, den Kummer ihres Freundes zu zerstreuen. Eugens Selbstachtung duldete es nicht, daß sein erster Angriff mit einer Niederlage ende, und so setzte er seine Verfolgung fort, gleich dem Jäger, der bei seinem ersten Hubertusfest unbedingt ein Rebhuhn zur Strecke bringen will. Seine Sorgen, seine beleidigte Eigenliebe, seine falsche oder gespielte Verzweiflung fesselten ihn mehr und mehr an diese Frau. Ganz Paris vermeinte, Frau von Nucingen gehöre ihm; dabei war er ihr noch nicht näher gekommen als am ersten Tage. Da er noch nicht wußte, daß die Koketterie einer Frau oft mehr Vergünstigungen bietet, als ihre Liebe Freude schenkt, verfiel er in blinde Wut. Wenn die Zeit, in der eine Frau sich gegen die Liebe wehrt, Rastignac ihre Erstlinge an Früchten bot, so waren diese recht köstlich zu schlürfen, aber sie waren grün und säuerlich und kamen ihm teuer zu stehen. Manchmal, wenn er sich ohne einen Sou, ohne Zukunft sah, trotzte er der Stimme seines Gewissens und gedachte der Aussicht auf Reichtum, die Vautrin ihm in der Möglichkeit einer Ehe mit Fräulein Taillefer gezeigt hatte. Gerade jetzt befand er sich in einem Zustand tiefsten Elends, so daß er fast unbewußt den Lockungen der schrecklichen Sphinx erlag, deren Blick ihn so oft in Bann hielt.

Als Poiret und Fräulein Michonneau in ihre Zimmer hinaufstiegen, glaubte sich Rastignac mit den anderen Damen allein. Frau Vauquer und Frau Couture saßen strickend und nickend beim Feuer; so blickte er denn Fräulein Taillefer so zärtlich an, daß diese die Augen senkte.

»Haben Sie irgendeinen Kummer, Herr Eugen?« fragte ihn Viktorine nach einem Augenblick des Schweigens.

»Welcher Mann hat nicht seinen Kummer?« erwiderte Rastignac. »Wenn wir wüßten, wir jungen Männer, daß man uns wahrhaft liebte, mit einer Ergebenheit, die uns für die Opfer entschädigte, die wir stets zu bringen bereit sind, so hätten wir vielleicht niemals Kummer.«

Fräulein Taillefer warf ihm statt aller Antwort einen Blick zu, der nicht mißzuverstehen war.
»Sie, mein Fräulein, meinen heute Ihr Herz zu kennen; aber können Sie dafür einstehen, daß Ihre Gefühle von Dauer sind?«

Über die Lippen des armen Mädchens irrte ein Lächeln wie ein Strahl aus ihrem Herzen und verschönte sie so sehr, daß Eugen erschrocken war, eine heftige Gefühlsregung hervorgerufen zu haben.

»Wirklich, wenn Sie morgen reich und glücklich wären, wenn Ihnen ein ungeheures Vermögen zufiele, würden Sie dann noch immer den armen jungen Mann lieben, der Ihnen in den Tagen Ihres Elends gefallen hat?« Sie nickte lieblich. » ... einen recht unglücklichen jungen Mann?« Sie nickte wieder. »Was für Dummheiten sagen Sie da?« bemerkte Frau Couture. »Lassen Sie uns,« entgegnete Eugen, »wir verstehen einander!« »So gäbe es also ein Verlobungsversprechen zwischen dem Baron Eugen von Rastignac und Fräulein Viktorine Taillefer?« rief Vautrin derb und zeigte sich plötzlich in der Tür des Speisesaals. »Ach, wie haben Sie mich erschreckt!« riefen Frau Couture und Frau Vauquer gleichzeitig. »Ich könnte eine schlechtere Wahl treffen«, erwiderte Eugen lachend. Vautrins Stimme brachte ihn in die grausamste Aufregung, die er jemals erlebt hatte. »Keine schlechten Scherze, meine Herren!« sagte Frau Couture. »Komm, mein Kind, gehen wir hinauf!«

Frau Vauquer folgte den beiden Damen, um auf ihr Zimmer zu gehen und dadurch unten im Saal Licht und Heizung zu sparen. Eugen sah sich mit Vautrin allein.

»Ich wußte wohl, daß Sie dahin kommen würden«, sagte dieser mit gewohnter Kaltblütigkeit. »Aber hören Sie! Ich habe Zartgefühl, wie andere auch. Entscheiden Sie sich nicht jetzt, nicht unter dem Druck momentaner Sorgenlast. Sie haben Schulden. Ich will nicht, daß Übereilung, Verzweiflung Sie mir zutreibt, sondern die Vernunft. Vielleicht brauchen Sie tausend Taler? Hier, wollen Sie sie?«

Der Verführer zog eine Brieftasche hervor und entnahm ihr drei Tausendfrankenscheine, die er vor den Augen des Studenten hin und her schwenkte.

Eugen befand sich in der drückendsten Lage. Er schuldete dem Marquis d'Ajuda und dem Grafen von Trailles hundert Louis auf Ehrenwort. Er hatte sie nicht und wagte nicht, den Abend bei Frau von Restaud zu verbringen, wo er erwartet wurde. Es sollte einer der zwanglosen Abende sein, an denen man Tee trank und Kuchen aß, aber beim Whist sechstausend Franken verlieren konnte.

»Mein Herr,« sagte Eugen, mit Mühe ein krampfhaftes Zittern verbergend, »nach dem, was Sie mir anvertrauten, werden Sie begreifen, daß es mir unmöglich ist, Verpflichtungen gegen Sie zu haben.« »Sie hätten mir wirklich Schmerz bereitet, wenn Sie anders gesprochen hätten«, entgegnete der Versucher. »Sie sind ein schöner junger Mann, feinfühlig, stolz wie ein Löwe und zart wie ein junges Mädchen. Sie wären eine schöne Beute für den Teufel. Ich liebe diese Art junger Leute. Noch zwei oder drei Lektionen in der hohen Politik, und Sie sehen das Leben, wie es ist. Der Überlegene spielt ein paar kleine Tugendszenen und befriedigt dabei unter dem Beifall des Partners alle seine Launen. In wenigen Tagen sind Sie unser! Ah, wenn Sie mein Schüler werden wollten, ich würde Sie alles erreichen lassen! Sie würden nicht einen Wunsch aussprechen, der nicht sogleich erfüllt wäre, was Sie auch verlangen würden: Ehren, Reichtum, Frauen! Für Sie würde man die ganze Zivilisation in Ambrosia verwandeln. Sie wären unser Schoßkind, unser Benjamin, wir alle würden uns mit Freuden für Sie aufopfern. Alles, was Ihnen hinderlich wäre, würde beseitigt. Sie haben Bedenken, Sie halten mich für einen Schurken? So hören Sie: Ein Mann, der ebenso redlich war, wie Sie es noch zu sein glauben, Herr von Turenne, machte, ohne sich für entehrt zu halten, mit Räubern Geschäfte. Sie wollen mir nicht verpflichtet sein, wie? Das braucht Sie nicht zurückzuhalten«, fuhr Vautrin mit einem Lächeln fort. »Nehmen Sie die Lappen und schreiben Sie mir hier drauf,« sagt er, ein Stempelpapier hervorziehend, »quer drüber: › Angenommen für die Summe von dreitausendfünfhundert Franken, zahlbar in einem Jahre.‹ Und setzen Sie das Datum hin! Die Zinsen sind hoch genug, um Ihnen alle Skrupel zu nehmen; Sie können mich einen Juden schimpfen und sich aller Dankbarkeit ledig fühlen. Ich erlaube Ihnen, mich heute zu verachten, so gewiß bin ich, daß Sie mich später lieben werden. Sie werden in mir jene unendlichen Abgründe, jene ungeheure Gefühlskonzentration finden, die nur Dummköpfe als Laster bezeichnen; aber Sie werden mich nie feig oder undankbar sehen. Kurz, ich bin weder ein Bauer noch ein Tölpel, sondern ein alle überragender Turm, mein Kleiner.« »Was für ein Mensch sind Sie?« rief Eugen; »Sie sind geschaffen worden, um mich zu quälen!« »Im Gegenteil! Ich bin ein guter Kerl, der sich selbst in den Schmutz setzen will, damit Sie für den Rest Ihrer Tage dem Kot aus dem Wege gehen können. Sie fragen sich: › Weshalb diese Ergebenheit?‹ Nun, ich werde es Ihnen eines Tages ganz leise ins Ohr flüstern. Ich habe Sie zunächst erschreckt, indem ich Ihnen die soziale Maschine und ihre Arbeit vor Augen führte; aber Ihr erstes Entsetzen wird vergehen wie die Angst des Rekruten auf dem Schlachtfelde, und Sie werden sich an den Gedanken gewöhnen, die Menschen als Soldaten zu betrachten, die bestimmt sind, im Dienste derer zu sterben, die sich selbst zu Königen krönen. Die Zeiten haben sich geändert. Früher sagte man zu einem Bravo: › Hier hast du hundert Taler, töte mir Herrn Soundso!‹, und man speiste in Gemütsruhe, nachdem man für ein Ja oder Nein einen Menschen zu den Schatten befördert hatte. Heute biete ich Ihnen an, Ihnen auf ein bloßes Kopfnicken hin, das Ihnen in keiner Weise verräterisch werden kann, ein schönes Vermögen zu beschaffen, und Sie zögern. Unser Jahrhundert ist verweichlicht.«

Eugen unterzeichnete den Wechsel und nahm die Banknoten.

»Also reden wir einmal vernünftig«, fuhr Vautrin fort. »Ich will in einigen Monaten nach Amerika und dort meinen Tabak bauen. Ich werde Ihnen dann die Zigarren der Freundschaft schicken. Werde ich reich, so helfe ich Ihnen. Sollte ich keine Kinder haben – was sehr wahrscheinlich ist, denn ich habe keine Lust, mich durch Ableger fortzupflanzen –, nun, so vermache ich Ihnen mein Vermögen. Ist das nicht Freundschaft? Aber sehen Sie, ich liebe Sie! Ich habe die Leidenschaft, mich für einen andern hinzuopfern. Ich habe es schon getan. Sehen Sie, mein Junge, ich lebe in einer erhabeneren Sphäre als andere Menschen. Alles Tun ist mir nur Mittel zum Zweck. Was ist mir ein Menschenleben? Das!« Er schnippte mit den Fingern. »Ein Mensch ist alles oder nichts! Er ist weniger als nichts, sobald er Poiret heißt: man kann ihn zertreten wie eine Wanze, er ist flach und stinkt. Aber ein Mensch ist ein Gott, wenn er Ihnen gleicht: das ist nicht mehr eine mit Haut überzogene Maschine, das ist ein Theater, auf dem sich die edelsten Gefühle abspielen, und ich lebe nur für die Gefühle. Das Gefühl, das einen Gedanken schafft, – ist es nicht eine Welt? Sehen Sie den Vater Goriot: seine beiden Töchter sind ihm das Weltall, sie sind der Ariadnefaden, an dem er sich durchs Leben findet. Nun, sehen Sie, für mich, der ich das Leben gründlich durchwühlt habe, gibt es nur ein wertvolles Empfinden: die Freundschaft von Mann zu Mann. Haben Sie wohl viele Leute gesehen, die, ohne nach dem Warum zu fragen, dem Freunde blind gehorchen? Sagt er: › Komm, laß uns einen zu den Toten befördern‹, gehen Sie da mit, ohne einen Mucks zu tun oder gar Moral zu predigen? Ich habe das getan, sehen Sie, ich! Nicht zu jedem spräche ich so. Aber Sie, Sie sind ein höherstehender Mensch, eine überlegene Natur, Ihnen kann man alles sagen, Sie wissen alles zu begreifen. Sie werden nicht lange durch die Sümpfe kriechen, in denen das Gewürm hier um uns her sein Leben hinschleppt. Nun, es ist ja ausgesprochen: Sie werden heiraten. Stellen wir beide unsere Fallen! Die meine ist aus Eisen und versagt niemals, haha!« Vautrin ging hinaus, ohne eine abschlägige Antwort des Studenten abzuwarten; er wollte es ihm leicht machen. Er schien Verständnis zu haben für den inneren Kampf, das Widerstreben, mit dem jeder Mensch seine schlechten Handlungen zu rechtfertigen sucht; er wollte dem jungen Manne Zeit geben, sein Gewissen zu beruhigen.

› Mag er anstellen, was er will,‹ sagte sich Eugen, › ich werde ganz bestimmt nicht Fräulein Taillefer heiraten.‹

Der Gedanke, mit diesem entsetzlichen Menschen einen Pakt geschlossen zu haben, schüttelte ihn wie ein Fieber; dennoch mußte er die Schamlosigkeit, mit der Vautrin seine Anschauungen entwickelte, und die Kühnheit, mit der er die Gesellschaft geißelte, bewundern.

Rastignac ging in sein Zimmer, zog sich um, bestellte einen Wagen und begab sich zu Frau von Restaud. Seit einigen Tagen bemühte sich diese Frau um den jungen Mann, der mit jedem Schritt tiefer in das Herz der großen Welt eindrang und dessen Einfluß eines Tages gefährlich werden konnte. Er bezahlte den Herren von Trailles und d'Ajuda seine Schulden, spielte die ganze Nacht Whist und gewann zurück, was er verloren hatte. Abergläubisch wie die Mehrzahl aller, die ihren Weg noch zu machen haben und mehr oder weniger Fatalisten sind, wollte er in seinem Glück eine Belohnung des Himmels sehen, eine Belohnung für seinen Entschluß, den Pfad der Redlichkeit nicht zu verlassen.

Am anderen Morgen beeilte er sich, Vautrin zu fragen, ob er seinen Wechsel noch besitze. Auf dessen bejahende Antwort gab er ihm voller Freude die dreitausend Franken zurück.

»Alles geht gut«, sagte Vautrin. »Aber ich stehe nicht im Bunde mit Ihnen«, sagte Eugen. »Ich weiß, ich weiß«, fiel ihm Vautrin ins Wort. »Sie machen noch Kindereien, halten sich bei Bagatellen auf.« –

Zwei Tage darauf saßen Poiret und Fräulein Michonneau im Jardin des Plantes auf einer einsamen, sonnigen Bank und plauderten mit jenem Herrn, der dem Mediziner Bianchon mit Recht verdächtig erschienen war.

»Mein Fräulein,« sagte Herr Gondureau, »ich begreife nicht, woher Ihnen Bedenken kommen. Seine Exzellenz der Herr Polizeiminister ...« »Ah, Seine Exzellenz der Herr Polizeiminister ...!« wiederholte Poiret. »Ja, Seine Exzellenz beschäftigt sich mit dieser Angelegenheit«, sagte Gondureau.

Man sollte es kaum glauben, daß Poiret, der ehemalige Beamte, der trotz seiner Geistesarmut eine ehrliche Haut war, dem angeblichen Rentier aus der Rue de Buffon noch fernerhin Gehör schenkte, nachdem dieser das Wort › Polizei‹ ausgesprochen hatte und hinter der Maske des redlichen Mannes die Fratze des Agenten aus der Rue de Jérusalem sehen ließ. Nichts war jedoch natürlicher. Man wird diese besondere Gattung in der großen Familie der Dummen, zu der Poiret gehörte, leichter verstehen lernen, wenn ich hier einigen schon häufiger gemachten, aber noch nie veröffentlichten Beobachtungen Raum gebe. Es gibt ein Volk der Federfuchser, daß im Budget zwischen dem ersten nördlichen Breitengrad, gewissermaßen dem Grönland des Verwaltungsetats, mit dem Gehaltssatz von zwölfhundert Franken, und dem dritten Breitengrad, wo die Besoldungen schon die höhere Temperatur von drei- bis sechstausend Franken erreichen, eingeschoben ist: sozusagen eine gemäßigte Zone, wo die Gratifikation gedeiht und trotz den schlechten Lebensbedingungen zu schöner Blüte kommt. Hier sind die Subalternen zu suchen, deren Beschränktheit in unwillkürlicher, mechanischer, instinktiver Ehrfurcht vor dem Lama aller Beamten erstirbt, dem unsichtbaren, über jeden Namen erhabenen großen Geist, der ihnen nur durch seine unleserliche Unterschrift und die Bezeichnung › Seine Exzellenz der Herr Minister‹ bekannt ist, – fünf Wörter, die dem › Bondo Cani‹ des Kalifen von Bagdad gleichkommen. Wie der Papst den Christen als unfehlbar gilt, so ist es Seine Exzellenz in den Augen des Beamten. Der Glanz, der von ihm ausstrahlt, teilt sich seinen Handlungen, seinen Worten und überhaupt allem mit, was in seinem Namen vorgenommen wird; er verklärt alles und gibt allen seinen Verfügungen die Kraft eines Gesetzes. Sein Name Exzellenz, der die Reinheit seiner Absichten und die Heiligkeit seines Willens beglaubigt, dient auch den unverständlichsten Erlassen als Paß. Das, was diese armen Leute im eigenen Interesse nie wagen würden, – sie beeilen sich, es auszuführen, sobald das Wort › Seine Exzellenz‹ gefallen ist. Die Bureaus haben ihren passiven Gehorsam, wie die Armee den ihrigen hat: ein System, das das Gewissen erstickt, die Menschenwürde ertötet und damit endet, den Beamten der Regierungsmaschine lediglich als eine Schraube anzupassen.

So erkannte denn auch Herr Gondureau, der sich auf die Menschen zu verstehen schien, in Poiret einen jener blöden Bürokraten und ließ als Deus ex machina das Zauberwort › Seine Exzellenz‹ gerade in dem Augenblick fallen, als er seine Maske aufgab und es galt, Poiret durch den Glanz zu blenden, – den Poiret, der ihm die männliche Ausgabe der Michonneau zu sein schien, wie diese die weibliche des Poiret.

»Sobald Seine Exzellenz es selbst ... Seine Exzellenz der Herr ... Ja, das ist etwas anderes«, sagte Poiret. »Da hören Sie die Ansicht des Herrn, zu dessen Urteil Sie Vertrauen zu haben scheinen«, wandte sich der falsche Rentier an Fräulein Michonneau. »Nun also, Seine Exzellenz hat jetzt die bestimmte Gewißheit, daß der im Hause Vauquer wohnhafte angebliche Vautrin ein aus dem Bagno von Toulon entsprungener Galeerensträfling ist, – dort bekannt unter dem Namen Trompe-la-Mort3

»Ah, Trompe-la-Mort!« sagte Poiret, »ein glücklicher Mann, wenn er den Namen verdient.« »Allerdings«, erwiderte der Polizeiagent. »Er verdankt seinen Spitznamen dem Glück, das keine seiner gefahrvollen Unternehmungen ihn das Leben kostete. Der Mann ist höchst gefährlich. Er hat ganz hervorragende Eigenschaften. Seine Verurteilung sogar hat ihm in gewisser Beziehung viel Ehre eingebracht.« »Er ist also ein Ehrenmann?« fragte Poiret. »Auf seine Weise. Er hat das Verbrechen eines andern auf sich genommen, eine Fälschung, die ein junger, sehr schöner Italiener, ein Spieler, begangen hatte. Dieser ist übrigens inzwischen in den Militärdienst eingetreten, wo er sich bisher gut geführt hat.« »Ja, wenn Seine Exzellenz der Herr Minister weiß, daß Vautrin Trompe-la-Mort ist, wozu bedarf er dann meiner?« fragte Fräulein Michonneau. »Ja, das ist wahr«, sagte Poiret; »wenn der Herr Minister tatsächlich, wie Sie sagen, irgendeine Gewißheit hat ...« »Gewißheit ist nicht der richtige Ausdruck, man vermutet nur. Hören Sie also zunächst: Jacques Collin, mit dem Beinamen Trompe-la-Mort, genießt das volle Vertrauen aller drei Bagnos, die ihn zu ihrem Agenten und Bankier erwählt haben. Er verdient viel bei diesem Geschäft, das notgedrungen einen Mann verlangt, den Mut und Überlegenheit auszeichnen.« »Aha! Verstehen Sie das Wortspiel, Fräulein Michonneau?« fragte Poiret. »Der Herr sagt › auszeichnen‹, weil er gezeichnet ist, der Sträfling.« »Der falsche Vautrin«, fuhr der Polizeiagent fort, »erhält die Kapitalien der Herren Galeerensträflinge, legt sie an, hebt sie ihnen auf und hält sie den Geflüchteten zur Verfügung, oder auch deren Familien oder Geliebten, – je nachdem, wie das Testament des Betreffenden es bestimmt.« »Geliebten! Sie wollen sagen: Frauen?« bemerkte Poiret. »Nein, mein Herr. Der Sträfling hat gewöhnlich nur illegitime Frauen, die wir Konkubinen nennen.« »Ja, leben sie denn alle im Konkubinat?« »Großenteils.« »Aber«, sagte Poiret, »das ist ein unerhörter Zustand, den Seine Exzellenz nicht dulden sollte. Da Sie die Ehre haben, den Herrn Minister zu sehen, so wäre es an Ihnen, ihn über das unsittliche Leben dieser Leute aufzuklären, die ihren Mitmenschen ein sehr schlechtes Beispiel geben.« »Verzeihung, mein Herr, die Regierung macht keine Gefangenen, um sie als Tugendmuster hinzustellen.« »Das ist richtig. Jedoch gestatten Sie ...« »Aber, lieber Poiret, lassen Sie den Herrn doch ausreden!« sagte Fräulein Michonneau. »Sie werden begreifen, mein Fräulein,« sagte Gondureau, »daß der Regierung viel daran gelegen ist, die Hand auf eine unerlaubte Kasse zu legen, die ein recht bedeutendes Einkommen haben soll. Trompe-la-Mort häuft beträchtliche Summen an, da er nicht nur die Gelder seiner Kameraden, sondern auch jene der › Gesellschaft der Zehntausend‹ überwiesen bekommt ...« »Zehntausend Diebe!« rief Poiret entsetzt. »Nein, die › Gesellschaft der Zehntausend‹ ist eine vornehme Diebsgenossenschaft, die nur im großen arbeitet und sich nur mit Dingen befaßt, wo es mindestens zehn tausend Franken einzuheimsen gilt. Diese Genossenschaft besteht aus den Hervorragendsten all derer, die vors Schwurgericht gehören. Sie kennen das Strafgesetzbuch und wissen ganz genau, wie weit sie gehen können, um der Todesstrafe auszuweichen, falls sie gefaßt werden sollten. Collin ist ihr Vertrauensmann, ihr Ratgeber. Mit Hilfe seiner unerschöpflichen Geldmittel hat dieser Mann es verstanden, sich eine eigene Polizei zu schaffen, weitgehende Beziehungen, denen gar nicht beizukommen ist. Obgleich wir ihn seit einem Jahre mit Spionen umringt haben, konnten wir ihm doch noch nicht in die Karten sehen. Seine Kasse und seine große Schlauheit sind die Hauptstützen vieler Verbrechen und halten ein ganzes Heer schlechter Subjekte auf den Beinen. Sich Trompe-la-Morts und seiner Kasse bemächtigen hieße also das Übel mit der Wurzel ausrotten. Diese ganze Sache ist infolgedessen sozusagen eine Staatsangelegenheit, eine Frage der hohen Politik geworden, die allen, die an ihrem glücklichen Ausgang mitarbeiten, eine gute Belohnung sichert. Sie selbst, mein Herr, könnten von neuem Beamter werden, Polizeisekretär, ohne dadurch Ihres Pensionsgehaltes verlustig zu gehen.« »Aber weshalb brennt denn dieser Trompe-la-Mort nicht mit der Kasse durch?« fragte Fräulein Michonneau. »Oh,« sagte der Agent, »wohin er auch ginge, würde ihm einer auflauern und ihn töten, wenn er sich unterstünde, das Bagno zu bestehlen. Ferner läßt sich eine Kasse nicht so leicht entführen wie eine höhere Tochter. Übrigens wäre Collin einer solchen Handlungsweise unfähig, er würde sich entehrt glauben.« »Mein Herr,« sagte Poiret, »Sie haben recht, er wäre vollständig entehrt.« »Alles das ist keine Erklärung dafür, weshalb Sie sich nicht einfach seiner bemächtigen«, bemerkte Fräulein Michonneau. »Auch das will ich Ihnen beantworten«, sagte der Polizist; »aber«, flüsterte er ihr ins Ohr, »veranlassen Sie Ihren Herrn da, daß er mich nicht mehr unterbricht, sonst werden wir niemals fertig. – Also, als Trompe-la-Mort hierher kam, gab er sich den Anschein eines ehrlichen Bürgers und zog in eine unscheinbare Pension; er ist schlau, sehen Sie! Man wird ihn nie ohne Köder fangen. Herr Vautrin ist ein angesehener Mann, der ansehnliche Geschäfte macht.« › Ja, ja, natürlich‹, sagte Poiret bei sich selbst. »Wenn man sich irrte und einen wahren Vautrin einsperrte, so hätte der Minister die Kaufmannschaft von Paris und die öffentliche Meinung gegen sich. Der Herr Polizeipräfekt sitzt nicht allzu fest im Sattel, er hat Feinde. Wenn er einen Irrtum beginge, so würden seine Rivalen den Klatsch und das Entrüstungsgeschrei benutzen, um ihn zu stürzen. Es handelt sich hier darum, vorzugehen wie seinerzeit gegen Cogniard, den falschen Grafen von Sankt Helena. Wäre das damals ein echter Graf gewesen, so wärs mit unserem Renommee vorbei. Man muß sich also erst vergewissern.« »Ja, aber dazu brauchten Sie ein hübsches Weib!« sagte Fräulein Michonneau lebhaft. »Trompe-la-Mort ließe kein Weib an sich herankommen«, sagte der Polizeiagent. »Hören Sie ein Geheimnis: er liebt die Frauen nicht.« »Aber dann begreife ich nicht, was ich bei der ganzen Sache soll; jedenfalls würde ich eine Belohnung von zweitausend Franken fordern.« »Ihre Aufgabe ist ganz leicht«, sagte der Unbekannte. »Ich werde Ihnen eine kleine Dosis einer Flüssigkeit übergeben, die, dem Wein oder Kaffee beigemischt, eine tiefe Ohnmacht hervorruft. Der Anfall ist ganz ungefährlich und macht etwa den Eindruck eines Schlagflusses. Sowie der Anfall eintritt, tragen Sie den Mann aufs Bett und entkleiden ihn, wie um zu sehen, ob er nicht sterbe. Sobald Sie sich dann mit ihm allein sehen, geben Sie ihm einen kräftigen Schlag auf die Schulter, und Sie werden dort die Buchstaben seines Sträflingsmales gewahren.« »Nichts ist leichter als das«, sagte Poiret. »Nun, sind Sie einverstanden?« fragte Gondureau die alte Jungfer. »Wenn nun aber keine Buchstaben zum Vorschein kommen sollten, lieber Herr, bekomme ich dann ebenfalls die zweitausend Franken?« fragte Fräulein Michonneau. »Nein.« »Wie hoch wäre dann die Entschädigung?« »Fünfhundert Franken.« »Für so wenig Geld eine solche Aufgabe! Vor meinem Gewissen bleibt der heikle Fall derselbe; ich habe mein Gewissen zu beruhigen, mein Herr.« »Ich versichere Ihnen,« sagte Poiret, »das Fräulein hat ein sehr feines Gewissen, abgesehen davon, daß sie eine sehr liebenswürdige und hochgebildete Dame ist.« »Also«, fuhr Fräulein Michonneau fort, »geben Sie mir dreitausend Franken, wenn es Trompe-la-Mort ist, und nichts, wenn er es nicht ist.« »Abgemacht!« sagte Gondureau; »aber unter der Bedingung, daß die Sache morgen vor sich geht.« »Noch nicht, mein lieber Herr; ich muß zunächst mit meinem Beichtvater reden.« »Schlaubergerin!« sagte der Polizeiagent und erhob sich. »Auf morgen also. Und sollten Sie mir schnell etwas mitzuteilen haben, so kommen Sie nach der Petite Rue Sainte-Anne, am Ende der Cour de la Sainte-Chapelle. Im Hausgang ist nur eine Tür. Fragen Sie nach Herrn Gondureau.«

Bianchon, der aus dem Kolleg Cuviers zurückkehrte und den sein Weg hier vorbeiführte, hörte plötzlich das seltsame Wort › Trompe-la-Mort‹ und vernahm auch das › Abgemacht‹ des bekannten Chefs der Sicherheitspolizei.

»Warum machen Sie der Sache nicht ein Ende?« sagte Poiret zu Fräulein Michonneau; »sie brächte Ihnen ja dreitausend Franken Lebensrente.« »Warum?« antwortete sie, »die Sache muß doch überlegt werden. Wenn Herr Vautrin wirklich dieser Trompe-la-Mort wäre, so sollte man sich vielleicht besser mit ihm ins Einvernehmen setzen. Allerdings, Geld von ihm verlangen hieße ihn warnen, und er wäre der Mann, uns ohne Belohnung durchzubrennen. Das wäre ein gemeiner Coup.« »Was würde es ihm aber helfen, wenn er gewarnt würde?« begann Poiret von neuem; »hat uns der Herr hier nicht gesagt, daß er überwacht wird? Aber Sie, Sie würden alles verlieren.« ›Übrigens‹, dachte Fräulein Michonneau, › mag ich ihn nicht, diesen Mann! Er weiß mir nur unangenehme Dinge zu sagen.‹ »Sie täten also sicher besser,« fuhr Poiret fort, »dem Herrn zu folgen, der mir sehr klug zu sein scheint und überdies von höchster Stelle gedeckt ist. Es ist einfach Pflicht, die Menschheit von einem Verbrecher zu befreien, so edelmütig er auch gegen seinesgleichen sein mag. Die Katze läßt das Mausen nicht. Wenn es ihm nun einfiele, uns alle umzubringen? Teufel! dann wären wir an all den Morden mitschuldig, ganz abgesehen davon, daß wir die ersten seiner Opfer wären.«

Fräulein Michonneau war zu tief in Gedanken, als daß sie die Worte vernommen hätte, die dem Munde Poirets entglitten wie Wassertropfen einem schlecht geschlossenen Brunnenhahn. Wenn dieser Alte einmal mit seinen Phrasen begonnen hatte und Fräulein Michonneau ihn nicht unterbrach, so ging sein Mundwerk unausgesetzt wie ein aufgezogenes Uhrwerk. Hatte er irgendeine Frage erschöpft, so brachten ihn seine Betrachtungen schnell zu etwas ganz Entgegengesetztem, ohne daß er je ein Ende fand. Als sie am Hause Vauquer ankamen, hatte er gerade mit Hilfe einer Reihe von nebensächlichen Bemerkungen und Zitaten den Weg gefunden, seinen Standpunkt in der Angelegenheit des Herrn Ragoulleau und der Frau Morin darzulegen, bei der er als Entlastungszeuge aufgetreten war. Beim Eintreten entging es seiner Begleiterin nicht, daß Eugen von Rastignac mit Fräulein Taillefer in ein so anregendes Gespräch vertieft war, daß das Pärchen den beiden alten Leuten keine Beachtung schenkte, als diese den Speisesaal durchschritten.

»Natürlich, so mußte es kommen«, sagte Fräulein Michonneau zu Poiret; »sie machten seit acht Tagen Augen, als wollten sie einander auffressen.« »Ja,« erwiderte er, »sie wurde auch verurteilt.« »Wer?« »Frau Morin.« »Ich spreche von Fräulein Viktorine,« sagte die Michonneau und war so in Gedanken, daß sie statt in ihr in Poirets Zimmer trat, »und Sie reden von einer Frau Morin. Was für eine Frau ist das?« »Was könnte denn Fräulein Viktorine begehen?« fragte Poiret. »Sie begeht die Dummheit, Herrn von Rastignac zu lieben, und läßt sich von ihm betören, ohne zu bedenken, wohin das führen muß, die arme Unschuld!«

Eugen war seit diesem Morgen in Verzweiflung über Frau von Nucingen. In seinem Inneren hatte er sich schon ganz Vautrin überliefert, ohne weder nach den Gründen der Freundschaft zu fragen, die dieser seltsame Mann ihm darbrachte, noch nach der Zukunft einer solchen Verbindung. Es bedurfte eines Wunders, um ihn von dem Abgrund zurückzureißen, an dessen Rand er schon seit mehr als einer Stunde wandelte, mit Fräulein Taillefer die süßesten Schwüre tauschend. Viktorine glaubte die Stimme eines Engels zu vernehmen, die Himmel öffneten sich ihr, das Haus Vauquer schmückte sich mit traumhaft schönen Farben, wie man sie an den Theaterkulissen wahrnimmt. Sie liebte, sie wurde wieder geliebt! Wenigstens glaubte sie es. Und welche Frau hätte das nicht gleich ihr geglaubt, wenn sie Rastignac so vor sich gesehen, ihn in der süßen Heimlichkeit dieser verstohlenen Liebesstunde gehört hätte? Er kämpfte mit seinem Gewissen, er wußte, daß er unrecht tat oder doch tun wollte, er sagte sich, daß er diese Sünde durch das Glück einer Frauenseele wieder gutmache; doch seine Verzweiflung machte ihn verführerisch schön, und er erstrahlte in allen den Gluten der Hölle, die er in seinem Herzen trug. Zu seinem Glück geschah wirklich ein Wunder: Vautrin trat ein und erfaßte mit sichtlicher Freude die Lage der beiden jungen Leute, die seine teuflische Berechnung zusammengebracht hatte. Aber sofort trübte er auch die Freude; denn mit lauter, spöttischer Stimme begann er zu singen:

Fanchette in ihrer Einfalt
Ist zum Entzücken schön ...

Viktorine flüchtete – mit einem Herzen so voll Freude, wie es bisher in ihrem Leben voll Leid gewesen war. Armes Mädchen! Ein Händedruck, das Haar Rastignacs, das ihre Wange streifte, ein Wort, so nahe an ihrem Ohr gesprochen, daß sie die heißen Lippen des andern fühlte, ein Arm, der sie bebend umfaßte, ein Kuß auf ihren Nacken, – das waren die Gaben, die die Liebe ihr brachte; aber die drohende Nähe der dicken Sylvia, die jeden Augenblick eintreten konnte, gab diesen Liebeszeichen mehr Glut, mehr Leben, als die schönsten Ergebenheitsbeweise in den berühmtesten Liebesromanen aufzuweisen haben. Diese angstvoll gepflückten Liebesblüten schienen dem frommen jungen Mädchen, das alle vierzehn Tage zur Beichte ging, wahre Verbrechen. In dieser einen Stunde hatte sie mehr Seelenreichtum verschwendet, als sie später, da sie reich und glücklich war, durch ihre völlige Hingabe hätte gewähren können.

»Die Sache ist gemacht«, sagte Vautrin zu Eugen. »Unsere beiden Leute haben sich verprügelt. Alles ist wie üblich verlaufen. Ehrensache! Unser Tauber hat meinen Falken beleidigt. Morgen früh auf der Schanze von Clignancourt! Um halb neun wird Fräulein Taillefer, während sie ahnungslos ihr Butterbrot zum Kaffee verzehrt, die Liebe und das Vermögen ihres Vaters erben. Ist das nicht spaßhaft? Der kleine Taillefer ist ein guter Fechter und mächtig eingebildet. Aber er wird durch einen Hieb, den ich erfunden habe, hinüberbefördert werden. Ich werde Ihnen diesen Hieb zeigen; er könnte Ihnen gelegentlich ungeheuer nützlich sein.«

Rastignac hörte verblüfft zu und konnte nichts antworten. In diesem Augenblick traten Goriot, Bianchon und mehrere andere Tischgäste ein.

»Sie benehmen sich schon ganz vernünftig«, sagte Vautrin. »Sie wissen, was Sie tun. Gut so, mein Adlerjunges! Sie werden die Menschen beherrschen; Sie sind stark, willensstark und kühn. Meine Hochachtung!«

Er wollte ihm die Hand drücken. Rastignac zog sie hastig zurück und sank erbleichend auf einen Stuhl; er glaubte in Blut zu ersticken.

»Ach, wir haben noch einige Tugendflecke in unseren Windeln«, sagte Vautrin mit leiser Stimme. »Papa Doliban hat drei Millionen, ich kenne sein Vermögen. Die Mitgift wird Sie in Ihren eigenen Augen rein waschen wie eine Braut.«

Rastignac schwankte nicht länger. Er beschloß, im Laufe des Abends die beiden Herren Taillefer zu warnen. Vautrin hatte sich abgewandt; aber Vater Goriot hatte sich dem Studenten genähert und sagte ihm ins Ohr: »Sie sind traurig, mein Sohn. Ich werde Sie schon aufheitern; kommen Sie!«

Und der alte Nudelfabrikant zündete an einer der Lampen seinen Wachsstock an. Eugen folgte ihm, von Neugier ganz benommen.

»Gehen wir auf Ihr Zimmer«, sagte der biedere Alte, der sich von Sylvia den Schlüssel zu Rastignacs Zimmer geben ließ. »Sie haben heute morgen gemeint, sie hätte Sie nicht lieb, wie?« fuhr er fort. »Sie hat Sie absichtlich und voll Hast weggeschickt, und Sie waren zornig, verzweifelt. Dummchen! Sie erwartete mich! Begreifen Sie nun? Wir wollten die letzte Hand anlegen an die Einrichtung der entzückenden kleinen Wohnung, in die Sie heute in drei Tagen einziehen werden. Verraten Sie mich nicht! Sie will Ihnen eine Überraschung bereiten; aber ich halte es nicht länger aus, Ihnen den reizenden Plan zu verbergen. Sie werden in der Rue d'Artois wohnen, nur zwei Schritte von der Rue Saint-Lazare. Sie werden dort hausen wie ein Fürst. Wir haben Ihnen Möbel angeschafft wie für ein Bräutchen. Seit einem Monat sind wir schon am Einrichten und haben es Ihnen so tapfer verschwiegen. Mein Anwalt hat übrigens mit meinem Schwiegersohn verhandelt, meine Tochter wird jährlich ihre sechsunddreißigtausend Franken erhalten, die Zinsen ihrer Mitgift, und ich werde dafür sorgen, daß ihre achthunderttausend Franken aufs beste angelegt werden.«

Eugen blieb stumm; die Arme verschränkt, schritt er in seinem ärmlichen, unaufgeräumten Zimmerchen auf und ab. Vater Goriot erhaschte einen Augenblick, als der Student ihm den Rücken wandte, und stellte auf den Kamin ein Kästchen aus rotem Saffianleder nieder, das in Goldpressung das Wappen der Rastignacs trug.

»Mein lieber Junge,« sagte der arme Alte, »ich habe für diese Sache mein Letztes hingegeben. Aber sehen Sie, es war viel Egoismus von mir dabei; ich habe bei Ihrem Wohnungswechsel meinen eigenen Vorteil mit im Auge. Sie werden mir eine Bitte nicht abschlagen, wie?« »Was ist es denn?« »Über Ihrer Wohnung, im fünften Stock, ist eine dazugehörige Mansarde; da werde ich wohnen, nicht wahr? Ich fühle mich alt; ich bin zu fern von meinen Kindern. Ich werde Sie nicht stören. Ich werde nur – da sein. Sie werden mir alle Abende von ihr erzählen. Das werden Sie doch gerne tun, nicht? Wenn Sie nachts heimkommen und ich im Bett bin, werde ich Sie hören, werde mir sagen: › Er hat meine kleine Delphine gesehen. Er hat sie ausgeführt, sie ist glücklich durch ihn.‹ Wenn ich einmal krank sein sollte, – welch ein Balsam wird es mir sein, Sie nach Hause kommen, hin und her gehen zu hören. Es wird soviel von meinem Kinde in Ihnen sein! Ich werde nur ein paar Schritte nach den Champs-Élysées haben, wohin sie alle Tage ausfahren; ich werde sie täglich sehen, während ich jetzt manchmal zu spät komme. Und dann wird sie vielleicht zu Ihnen kommen! Ich werde sie hören, werde sie in ihrem Morgenkleidchen umhertrippeln sehen, anmutig wie ein Kätzchen. Seit einem Monat ist sie wieder, was sie früher war: ein fröhliches junges Mädchen. Ihre Seele erholt sich; Ihnen verdankt sie dieses Glück. Oh, ich täte das Unmöglichste für Sie! Gerade eben, als ich sie nach Hause brachte, sagte sie: › Papa, ich bin sehr glücklich!‹ Wenn sie mich feierlich Vater nennen, erstarrt mir das Blut, aber wenn sie Papa sagen, ist es, als seien sie noch ganz klein, und alle Erinnerungen werden wieder lebendig. Dann fühle ich mich mehr denn sonst als ihr Vater, und mir ist, als gehörten sie niemandem außer mir.« Der Greis wischte sich die Augen, er weinte. »So lange hatte ich das liebe Wort nicht mehr gehört, so lange hatte sie mir nicht mehr den Arm gereicht! Ach ja, schon seit zehn Jahren bin ich nicht ein einziges Mal Seite an Seite mit einer meiner Töchter gegangen. Wie gut das tut, die Berührung ihres Kleides zu spüren, Schritt mit ihr zu halten, ihre junge Lebensglut zu fühlen! Nun, heute habe ich Delphine den ganzen Tag umhergeführt. Ich ging mit ihr in die Kaufläden; und ich habe sie wieder nach Hause gebracht. Oh, behalten Sie mich bei sich! Sie werden manchmal einen brauchen, der Ihnen das und jenes besorgt, dann werde ich da sein. Ach, wenn doch dieser Klotz von einem Elsässer sterben wollte, wenn seine Gicht so einsichtsvoll wäre, seinen Magen zu befallen, wie glücklich wäre mein armes Kind! Sie würden mein Schwiegersohn, würden vor aller Welt ihr Gatte werden. Sie kennt ja noch so wenig wahre Freude, muß ich da nicht nachsichtig sein? Der liebe Gott muß auf der Seite der Väter stehen, die ihre Kinder so recht lieb haben ... Wie lieb sie Sie hat!« fuhr er nach einer Pause fort. »Sie plauderte unterwegs von Ihnen: › Nicht wahr, Vater, er ist gut? Er hat ein gutes Herz! Spricht er von mir?‹ Ach, ganze Bände hat sie auf dem Wege von der Rue d'Artois bis zur Passage des Panoramas geredet! Sie hat mir ihr ganzes Herz ausgeschüttet. Diesen lieben schönen Vormittag lang war ich nicht mehr alt, ich konnte fliegen! Ich habe ihr erzählt, daß Sie mir den Tausendfrankenschein zurückgegeben haben. Sie war zu Tränen gerührt, das liebe Kind! ... Was haben Sie denn da auf dem Kamin?« fragte Vater Goriot schließlich, der seine Ungeduld nicht mehr bezähmen konnte, als er Rastignac so unbeweglich sah.

Wie geistesabwesend sah Eugen den Alten an. Vautrins Mitteilung, daß morgen das Duell stattfinden sollte, stand in so krassem Widerspruch zu der Verwirklichung seiner liebsten Hoffnungen, daß ihm alles vorkam wie ein schwerer Alptraum. Er trat an den Kamin, gewahrte das viereckige Kästchen, öffnete es und fand darin in Papier eingewickelt eine entzückende goldene Uhr. Auf dem Papier standen die Worte:

Ich will, daß Sie zu jeder Stunde an mich denken, weil ...
Delphine.

Dieses › weil‹ bezog sich wahrscheinlich auf irgendein Gespräch, das sie miteinander gehabt hatten. Eugen war gerührt. Das Kästchen trug auch innen auf Goldgrund sein Wappen eingepreßt. Dieses kleine, so lang ersehnte Juwel, seine Form und Gravierung, Kette, Schlüssel, – alles entsprach ganz seinen Wünschen. Vater Goriot war begeistert. Vermutlich hatte er seiner Tochter versprochen, ihr genau zu berichten, wie groß Eugens Überraschung über ihre Gabe gewesen sei, – war er doch bei diesem jungen Bunde der Dritte und vielleicht der Glücklichste. Schon liebte er Rastignac um seiner selbst wie auch um Delphines willen. »Sie müssen sie heute abend besuchen, sie erwartet Sie. Der elsässische Klotz speist bei seiner Tänzerin. Haha, war der verblüfft, als mein Anwalt ihm die Sache verhielt! Behauptet er nicht sogar, meine Tochter anzubeten? Ich bringe ihn um, wenn er es wagt, sie anzurühren! Der Gedanke, daß meine Delphine einen ...« (er seufzte) » ... ließe mich ein Verbrechen begehen. Es wäre übrigens wohl kein Totschlag, wenn man ihm seinen Kalbskopf vom Schweinerumpf trennte. Sie nehmen mich doch mit?« »Ja, mein guter Vater Goriot, Sie wissen, daß ich sie lieb habe ...« »Ich sehe es; Sie schämen sich meiner nicht, – Sie nicht! Geben Sie mir einen Kuß!« und er drückte den Studenten an sich. »Sie werden sie glücklich machen, versprechen Sie mir das! Nicht wahr, Sie gehen hin heute abend?« »Ja natürlich! Ich habe aber noch etwas ganz Unaufschiebbares zu erledigen.« »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?« »Ja gewiß! Wenn ich Frau von Nucingen besuche, so gehen Sie indessen zu Herrn Taillefer, dem Vater Fräulein Viktorines, und fragen Sie ihn, wann ich ihn noch heute abend in einer sehr dringenden Sache sprechen könne.« »So wäre es wahr, junger Mann?« rief Vater Goriot erbleichend. »Sie machen seiner Tochter den Hof, sagen die Schafsköpfe da unten ... Kreuzdonnerwetter! Sie kennen noch nicht den Faustschlag eines Goriot! Aber wenn Sie uns hintergingen, so sollten sie ihn kennenlernen ... Oh, es ist ja nicht möglich!« »Ich schwöre Ihnen, daß ich nur eine Frau auf der ganzen Welt liebe«, sagte der Student; »ich bin mir dessen soeben bewußt geworden.« »Ach,« seufzte Vater Goriot erleichtert, »welche Seligkeit!« »Aber«, fuhr der Student fort, »Taillefers Sohn hat morgen ein Duell, und ich habe gehört, daß man ihn töten will.« »Was geht Sie das an?« fragte Goriot. »Man muß ihm jedenfalls sagen, daß er seinen Sohn verhindert, zu dem Duell zu gehen,« rief Eugen, »denn ...«

Er wurde durch Vautrins Stimme unterbrochen, der auf der Treppe stand und laut hinaussang:

O Richard, o mein König!
Die Welt läßt dich im Stich ...
Trrrom! Trrrom! Trrrom tomtom!
Ich hab mich weit umhergetrieben
Und mir tralalalala ...

»Meine Herren,« rief Christoph, »die Suppe ist aufgetragen, und alles sitzt schon bei Tisch!« »Alter,« entgegnete ihm Vautrin, »geh und hole mir eine Flasche von meinem Bordeaux herauf!« »Finden Sie sie hübsch, die Uhr?« fragte Vater Goriot den Studenten. »Sie hat einen guten Geschmack, wie?«

Vautrin, Vater Goriot und Rastignac gingen zusammen hinunter und saßen infolge ihrer Verspätung Seite an Seite bei Tisch.

Eugen war gegen Vautrin so kalt und abweisend wie möglich, obgleich dieser in den Augen Frau Vauquers so liebenswürdige Mann noch nie so viel Geist entfaltet hatte. Er sprühte von witzigen Einfällen und wußte die ganze Tafelrunde zu unterhalten. Diese Sicherheit, diese Kaltblütigkeit verblüfften Eugen.

»Was ist Ihnen denn heute Schönes begegnet?« fragte Frau Vauquer Herrn Vautrin. »Sie sind ja ungewöhnlich aufgeräumt.« »Ich bin immer aufgeräumt, wenn ich ein gutes Geschäft gemacht habe.« »Ein Geschäft?« fragte Eugen. »Nun ja. Ich habe eine Ware verkauft, die mir gute Kommissionsgebühren einbringen wird. – Fräulein Michonneau,« wandte er sich an das alte Mädchen, das ihn seltsam fixiert hatte, »mißfällt Ihnen etwas in meinem Gesicht, daß Sie ein so scharfes Auge auf mich haben? Sagen Sie es nur! Ich werde Abhilfe schaffen, damit ich Ihnen gefalle. – Poiret, wir ärgern uns hoffentlich nicht darüber, wie?« neckte er den alten Beamten. »Potzblitz! Sie wären ein prächtiges Modell zu einem Herkules und – Clown«, sagte der junge Maler zu Vautrin. »Gut, ich sitze Ihnen, – falls Fräulein Michonneau sich als Venus des Père-Lachaise4 malen läßt«, entgegnete Vautrin. »Und Poiret?« fragte Bianchon. »Oh, Poiret wäre eben Poiret. Sie könnten einen Gartengott aus ihm machen. Sein Name kommt ja von › Birne‹5 her.« »Wundervoll!« rief Bianchon. »Da säßen Sie also zwischen Birne und Käse6!« »Was für Dummheiten!« sagte Frau Vauquer. »Es wäre besser, Sie ließen auch uns von ihrem Bordeaux etwas zukommen, von dem, wie ich sehe, eine Flasche aufgemacht wird. Das erhielte uns bei guter Laune und wäre überdies unserm Magen sehr dienlich.« »Meine Herren,« sagte Vautrin, »die Frau Präsidentin ruft uns zur Ordnung. Frau Couture und Fräulein Viktorine werden Ihnen Ihre losen Reden nicht übel nehmen; aber schonen Sie die Unschuld Vater Goriots! Ich biete Ihnen eine kleine Flaschorama › Lafitte‹ an, deren berühmter Name für ihre Güte bürgt. – Komm her, Kuli!« wandte er sich an Christoph, der sich nicht rührte. »Christoph, hier; weißt du nicht mehr, wie du heißt? Bring die Getränke, Kuli!« »Hier, Herr Vautrin«, sagte Christoph und reichte ihm die Flasche.

Nachdem er Eugen und Vater Goriot die Gläser gefüllt hatte, goß er sich langsam ein paar Tropfen ein, kostete, während seine beiden Nachbarn tranken, und schnitt ein Gesicht: »Pfui Teufel! Der schmeckt nach dem Stöpsel. Behalte ihn für dich, Christoph, und hole uns andern; du weißt, rechts! Wir sind sechzehn, bring also acht Flaschen!« »Wenn Sie sich so anstrengen,« sagte der Maler, »so spendiere ich hundert Stück geröstete Kastanien.«

»Hoho!« »Wie üppig!« »Prrr!« »Puff!«
Die Rufe folgten einander wie die Prassellaute einer zerplatzenden Rakete.

»Vorwärts, Frau Vauquer, zwei Flaschen Champagner!« rief ihr Vautrin zu. »Das wäre! Verlangen Sie doch lieber gleich mein ganzes Haus! Champagner! Das würde mich zwölf Franken kosten! Nein, so viel wirft meine Einnahme nicht ab. Aber wenn Herr Eugen ihn bezahlen will, so bringe ich Johannisbeerlikör.« »Um Gottes willen! Ihr Likör ist abführend wie Rhabarber!« stöhnte der Mediziner leise. »Schweig still, Bianchon!« rief Rastignac, »ich kann das Wort nicht hören ... Ja, hole den Champagner, Christoph, ich bezahle ihn«, fügte er hinzu. »Sylvia,« sagte Frau Vauquer, »die Biskuits und kleinen Kuchen!« »Ihre kleinen Kuchen sind zu groß,« bemerkte Vautrin, »Sie haben einen Schimmelüberzug; aber Ihre Biskuits können Sie anfahren lassen.«

Gleich darauf kreiste der Bordeaux, die Pensionäre wurden lustig, die Ausgelassenheit verdoppelte sich. Durch das wüste Gelächter vernahm man ab und zu vortrefflich nachgeahmte Tierstimmen. Als der Museumsbeamte verkündete, er werde einen Ausrufer nachahmen, dessen Stimme wie das Miauen eines verliebten Katers klinge, heulten sogleich acht Stimmen mit folgenden Sätzen los:

»Scherenschleifer, Scherenschleifer!« »Vogelfutter, schönes Vogelfutter!« »Großer Heiterkeitserfolg! Treten Sie ein, meine Damen, hier gibts was zu lachen!« »Kesselflicker, Kesselflicker!« »Zehn Sous das Schaukeln, zehn Sous!« »Kleiderklopfer, schöne feste Kleiderklopfer, auch für die Weiber zu verwenden!« »Hier ist der billige Jakob!« »Süße Kirschen, süße schwarze Kirschen!«

Die Palme aber erhielt Bianchon für die komische Betonung seines Ausrufes: »Kauft Parapluies, kauft Parapluies!«

Binnen wenigen Minuten erhob sich ein ohrenbetäubender Lärm, ein wahres Stallgewieher, ein Eselskonzert, das Vautrin als Kapellmeister leitete, während er auf Eugen und Goriot, die beide schon betrunken zu sein schienen, ein wachsames Auge hatte. In ihren Stuhl zurückgelehnt, blickten beide mit ernster Miene in diesen ungewohnten Aufruhr; alle beide waren in Gedanken an das, was es heute abend noch zu tun galt, und beide fühlten sich unfähig, sich zu erheben. Vautrin, der sie heimlich beobachtete, erfaßte den Augenblick, als ihre schweren Augen sich schließen wollten, neigte sich an Rastignacs Ohr und flüsterte ihm zu: »Nun, mein Bürschchen, wir sind doch noch nicht schlau genug, um es mit Papa Vautrin aufnehmen zu können; er hat Sie zu lieb, als daß er Ihnen Dummheiten gestattete. Wenn ich etwas beschlossen habe, so ist nur Gott mächtig genug, mir den Weg zu verlegen. Ja, wir wollten Schülerstreiche begehen, den Vater Taillefer warnen. Das Eisen ist heiß, der Teig geknetet, das Brot auf der Schaufel; morgen werden wir es knabbern, daß die Krumen fliegen, – und jetzt möchten wir verhindern, daß es in den Ofen kommt? ... Nein, nein, es wird gebacken! Sollten wir ein wenig Gewissensbisse haben, – wir werden sie schon verdauen. Während wir unser kleines Schläfchen machen, wird uns der Oberst Graf Franchessini mit seiner Säbelspitze das Erbe Michel Taillefers gewinnen. Als Erbin ihres Bruders besitzt Viktorine fünfzehnhundert Franken Rente. Ich habe Erkundigungen eingezogen, und ich weiß, daß ihre Mutter mehr als dreihunderttausend Franken hinterlassen hat.«

Eugen vernahm diese Reden, ohne einer Antwort fähig zu sein: seine Zunge klebte am Gaumen, unüberwindliche Schlafsucht ergriff ihn; schon sah er den Tisch und die Pensionäre wie durch einen flimmernden Nebel. Der Lärm ließ nach; die Tischgäste entfernten sich einer nach dem anderen. Als nur noch Frau Vauquer, Frau Couture, Fräulein Viktorine, Vautrin und Vater Goriot im Zimmer waren, gewahrte Rastignac wie im Traume, daß Frau Vauquer damit beschäftigt war, die Reste der Weinflaschen in eine zusammenzuschütten.

»Ach, wie toll, wie jung Sie sind!« seufzte die Witwe.
Das war das letzte, was Eugen verstehen konnte.

»Nur Herr Vautrin kann solche Späße machen«, sagte Sylvia. »Da –: Christoph schnarcht wie ein Murmeltier.« »Adieu, Mama«, sagte Vautrin. »Ich gehe ins Theater, Herrn Marty in › Le Mont Sauvage‹ zu bewundern. Dieses Stück ist eine Dramatisierung des › Solitaire‹ ... Wenn Sie wollen, führe ich Sie und auch die andern Damen hin.« »Ich danke, nein«, sagte Frau Couture. »Wie, liebe Freundin,« rief Frau Vauquer, »Sie lehnen es ab, ein Stück zu sehen, das nach dem › Solitaire‹ des Chateaubriand geschrieben ist? Wissen Sie nicht mehr, wie dieses Buch uns bis zu Tränen rührte, als wir es vergangenen Sommer unter den › Lindien‹ lasen? Ja, dieses moralische Stück könnte geradezu erzieherisch auf Ihre Pflegetochter wirken.« »Es ist uns verboten, ins Theater zu gehen«, erwiderte Viktorine. »Sieh da, sie sind hinüber!« sagte Vautrin, auf Goriot und Eugen zeigend. Er gab dem Kopf des Studenten eine möglichst bequeme Lage, küßte ihn auf die Stirn und sang:

Schlaft, ihr lieben Kinder mein,
Ich will euer Hüter sein.

»Ich fürchte, er ist krank«, sagte Viktorine. »So bleiben Sie hier und pflegen Sie ihn!« erwiderte Vautrin. »Sie haben einfach die Pflicht dazu, als treue Braut«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Er betet Sie an, der junge Mann, und Sie werden seine kleine Frau werden, ich prophezeie es Ihnen. – Kurz,« fuhr er mit lauter Stimme fort, »sie wurden im ganzen Lande geachtet, lebten glücklich und in Freuden und bekamen viele Kinder! So enden alle Liebesromane. – Vorwärts, Mama!« wandte er sich an Frau Vauquer und umfaßte sie galant, »setzen Sie Ihren Hut auf, ziehen Sie das hübsche geblümte Kleid an, und nehmen Sie die königliche Schärpe um! Ich gehe einen Wagen holen.«

Und er sang im Abgehen:

Sonne, Sonne, warme Sonne,
Die Zitronen reifen macht ...

»Mein Gott, Frau Couture, wie glücklich könnte ich mit diesem Manne leben!« sagte die Witwe. »Sehen Sie nur, der Vater Goriot ist betrunken.« Sie deutete auf den Nudelfabrikanten. »Diesem alten Geizkragen ist es nie eingefallen, mich auszuführen. Aber um Gottes willen, er wird vom Stuhle fallen! Wie unanständig von einem bejahrten Manne, sich so sinnlos zu betrinken! Allerdings, wer keinen Verstand hat, verliert auch keinen. – Sylvia, führe ihn auf sein Zimmer!«

Sylvia ergriff den Alten beim Arm und schleppte ihn die Treppe hinauf. Oben warf sie ihn angezogen, wie er war, quer übers Bett.

»Armer junger Mann,« sagte Frau Couture und strich Eugen die Haare aus der Stirn, »er ist wie ein junges Mädchen; er weiß noch nicht, was Ausschweifung ist.« »Ich kann wohl sagen,« entgegnete Frau Vauquer, »daß mir in den zweiunddreißig Jahren, die ich nun schon meine Pension führe, viele junge Leute durch die Hände gegangen sind, wie man so sagt, aber ich habe nie einen so liebenswürdigen, so vornehmen jungen Mann gekannt wie Herrn Eugen. Wie hübsch er ist, wenn er schläft! Lehnen Sie doch seinen Kopf an Ihre Schulter, Frau Couture. Da, er fällt auf Viktorines Seite: den Kindern gibt es der Herr im Schlafe! Noch ein wenig mehr, er stößt sich ja an der Stuhllehne. Welch ein hübsches Paar die beiden geben!«

»So schweigen Sie doch, liebe Freundin!« rief Frau Couture. »Sie sagen Dinge ...« »Ach, er hört ja nichts«, entgegnete Frau Vauquer. »Komm, Sylvia, hilf mir beim Anziehen! Ich werde das hohe Korsett anlegen.« »Wie, das hohe? Gleich nach Tisch, Madame?« sagte Sylvia. »Nein, da suchen Sie einen andern, der Sie schnürt, ich will nicht Ihr Mörder sein! Diese Unvorsichtigkeit kann Sie das Leben kosten.« »Das ist mir gleich; ich muß Herrn Vautrin Ehre machen.« »Sie müssen Ihre Erben sehr lieb haben!« »Vorwärts, Sylvia, keine Predigt!« sagte die Witwe im Abgehen. »In ihrem Alter!« seufzte die Köchin zu Fräulein Viktorine und zeigte auf ihre Herrin.

Frau Couture und ihre Pflegetochter, an deren Schulter Eugen schlafend lehnte, blieben allein im Speisesaal zurück. Christophs Schnarchen schallte durch das schweigende Haus und ließ Eugens sanften Schlummer noch lieblicher erscheinen. Viktorine, die glücklich war, eine gute Tat zu vollbringen und ohne Schuldgefühl den Herzschlag des jungen Mannes an ihrem Herzen zu spüren, setzte eine mütterliche und stolze Miene auf. Die tausend Gedanken, die ihr Herz bestürmten, durchdrang ein überwältigendes Gefühl des Wohlbehagens, das die reine, innige Körpernähe des jungen Mannes ihr verursachte.

»Armes Herzchen!« sagte Frau Couture und drückte ihr die Hand.

Die alte Dame bewunderte dies stille, leidende Antlitz, das von der Aureole des Glücks umstrahlt war. Viktorine glich einem der naiven Gemälde des Mittelalters, in denen der Künstler alle Nebenfiguren vernachlässigte, um die Zauberkraft seines sicheren, kühnen Pinsels an einem Antlitz zu bewähren, in dessen gelblich flammendem Ton der Himmel sich mit allen goldenen Farben zu spiegeln scheint.

»Er hat wirklich nicht mehr als zwei Glas getrunken, Mama«, sagte Viktorine, Eugens Haar streichelnd. »Wenn er ausschweifend wäre, mein Kind, so hätte er den Wein gleich den andern vertragen. Seine Berauschtheit spricht für ihn.«

Von der Straße scholl Wagengerassel herauf.

»Mama,« sagte das junge Mädchen, »da kommt Herr Vautrin. Nimm doch Herrn Eugen an deine Schulter! Ich möchte nicht von dem Manne so gesehen werden; er hat Ausdrücke, die die Seele beschmutzen, und Blicke, die peinlich sind, als würde einem vor aller Augen das Kleid ausgezogen.« »Nein,« sagte Frau Couture, »du irrst dich. Herr Vautrin ist ein braver Mann; ein wenig in der Art des seligen Herrn Couture, derb, aber gut, ein gutmütiger Grobian.«

Vautrin war inzwischen leise eingetreten und beobachtete die zärtliche Gruppe.

»Ah,« sagte er, die Arme kreuzend, »das wäre so ein Bild, das den guten Bernardin von Saint-Pierre, den Verfasser von › Paul und Virginie‹, begeistert hätte. Wie schön ist doch die Jugend, Frau Couture! – Armes Kind, schlafe!« sagte er mit einem Blick auf Eugen, »das Gute kommt manchmal im Schlaf. – Gnädige Frau,« wandte er sich dann an die Witwe, »was mich an den jungen Mann fesselt, was mich rührt, das ist, daß die Schönheit seiner Seele mit der des Körpers im Einklang steht. Sehen Sie: ruht er nicht wie ein Cherubim an der Schulter eines Engels? Er ist wert, geliebt zu sein, dieser da! Wenn ich ein Weib wäre, so möchte ich sterben – nein, nicht so dumm –, leben für ihn! Wenn ich die beiden so sehe, gnädige Frau,« sagte er leise, sich zu der Witwe hinabbeugend, »so kann ich nicht umhin, zu denken, Gott habe sie füreinander geschaffen. Die Vorsehung geht ihren geheimnisvollen Weg,« fuhr er mit erhobener Stimme fort, »sie prüft Herz und Nieren. Wenn ich euch so beisammen sehe, meine Kinder, eins in Reinheit und Herzensgüte, so sage ich mir, es ist unmöglich, daß eure Zukunft euch nicht gemeinsam gehören sollte. Gott ist gerecht! – Übrigens,« wandte er sich an das junge Mädchen, »geben Sie mir Ihre Hand, Fräulein Viktorine, ich verstehe mich auf Chiromantie, ich habe schon manchem eine glückliche Zukunft geweissagt. Nur zu, weshalb fürchten Sie sich? – Ah, was sehe ich! Mein Ehrenwort, binnen kurzem sind Sie eine der reichsten Erbinnen von ganz Paris! Sie werden ihn, der Sie jetzt liebt, unendlich glücklich machen. Ihr Vater ruft Sie an seine Seite. Sie verheiraten sich mit einem schönen, jungen Mann von Stande, der Sie anbetet.«

Jetzt vernahm man von der Treppe her den schweren Tritt der koketten Witwe.

»Da haben wir Mama Vauquer, schön wie die Morgenröte, geschnürt wie eine Wespe! – Haben wir uns nicht ein wenig zuviel zugemutet?« fragte er, die Hand auf ihren hohen Busen legend. »Wenn wir etwa gerührt würden und Tränen vergössen, so gäbe es eine Explosion; aber ich würde mit der Sorgfalt eines Altertumshändlers Ihre einzelnen Teile zusammensuchen, Mama!« »Wie er die Sprache der Galanterie kennt, der da!« sagte die Witwe Frau Couture ins Ohr. »Lebt wohl, liebe Kinder!« wandte sich Vautrin zu Eugen und Viktorine; »ich segne euch!« Und er legte ihnen die Hände aufs Haupt. »Glauben Sie mir, mein Fräulein,« fügte er hinzu, »die Segenswünsche eines ehrlichen Mannes haben Kraft, Glück zu bringen; Gott erhört sie.« »Auf Wiedersehen, liebe Freundin«, sagte Frau Vauquer zu ihrer Pensionärin. »Meinen Sie,« sagte sie leise, »daß Herr Vautrin ernste Absichten auf mich hat?« – »Ach, meine liebe Mutter,« sagte Viktorine, als die beiden Frauen allein waren, »wenn der gute Herr Vautrin recht hätte!« »Aber dazu wäre ja nur eins nötig,« erwiderte die alte Dame, »nur, daß dein Ungeheuer von Bruder vom Pferde fällt ...« »Ach, Mama!« »Mein Gott, ja, es mag wohl Sünde sein, seinem Feinde Böses zu wünschen«, entgegnete die Witwe. »Gut, ich werde dafür Buße tun. Aber wirklich, ich würde frohen Herzens sein Grab bekränzen. Er hat nicht den Mut, seine Mutter zu verteidigen, deren Erbschaft er sich zu deinem Nachteil erschlichen hat. Meine Cousine besaß ein schönes Vermögen. Es ist ein Unglück für dich, daß ihre Mitgift im Ehevertrag keine Erwähnung gefunden hat.« »Ich würde ein Glück nicht ertragen, wenn es mit einem Menschenleben erkauft wäre«, sagte Viktorine. »Und wenn um meines Glückes willen mein Bruder sterben müßte, so bliebe ich lieber zeitlebens hier.« »Nun, vielleicht kommt es doch, wie der gute Herr Vautrin gesagt hat«, erwiderte Frau Couture. »Ich freue mich übrigens, daß er nicht einer von den Ungläubigen ist, die weniger Ehrfurcht vor Gott haben als selbst der Teufel. Was er sagte, war sehr richtig: Wer kennt die Wege der Vorsehung?«

Mit Hilfe Sylvias brachten die beiden Frauen Eugen auf sein Zimmer, legten ihn aufs Bett und beauftragten die Köchin, ihn zu entkleiden und behaglich zu betten. Hinter dem Rücken ihrer Pflegemutter drückte Viktorine einen Kuß auf Eugens Stirn und genoß alle Seligkeit dieses sündigen Raubes. Sie sah sich im Zimmer um, raffte sozusagen die tausend Wonnen dieses frohen Tages in einen einzigen Gedanken, ein Gefühl zusammen, schuf sich ein Bild, an dem sie sich entzückte, und entschlummerte an diesem Abend als das glücklichste Geschöpf in ganz Paris.

Das Gelage, bei dem es Vautrin glückte, Eugen und dem Vater Goriot einen Schlaftrunk beizubringen, war für das Schicksal dieses Mannes entscheidend. Bianchon vergaß in seinem Rausch, Fräulein Michonneau über Trompe-la-Mort auszufragen. Hätte er diesen Namen ausgesprochen, so würde Vautrin oder, um ihm seinen wahren Namen zu geben, Jacques Collin, eine Berühmtheit des Bagnos, gewarnt worden sein. Ferner hatte das Witzwort › Venus des Père-Lachaise‹ Fräulein Michonneau bestimmt, den Verbrecher auszuliefern, während sie kurz vorher, in der Hoffnung auf Collins Freigebigkeit, mit dem Gedanken umgegangen war, ihn zu warnen und ihm in der Nacht zur Flucht zu verhelfen. Sie war also in Poirets Begleitung ausgegangen, um den berühmten Leiter der Sicherheitspolizei in der Petite Rue Sainte-Anne aufzusuchen, – immer noch im Glauben, es lediglich mit einem höheren Beamten namens Gondureau zu tun zu haben. Der Polizeidirektor empfing sie sehr liebenswürdig, und nachdem man in längerer Unterredung alles festgesetzt hatte, ersuchte Fräulein Michonneau um den Trank, mit dessen Hilfe sie sich vergewissern sollte, ob Vautrin der Gesuchte sei. An der zufriedenen Miene, mit der der große Mann der Petite Rue Sainte-Anne seinem Schreibtisch das betreffende Fläschchen entnahm, erriet Fräulein Michonneau, daß es bei diesem Fang doch wohl noch Wichtigeres galt als nur die Festnahme eines gewöhnlichen Sträflings. Sie geriet auf den Einfall, daß die Polizei, die auch im Bagno ihre Spione haben mußte, zu hoffen schien, gerade jetzt beträchtliche Summen beschlagnahmen zu können. Als sie dem schlauen Fuchs ihre Vermutung ausgesprochen hatte, lächelte er und suchte den Argwohn der alten Jungfer zu zerstreuen.

»Sie täuschen sich,« entgegnete er, »Collin ist die gefährlichste › Sorbonne‹7, die sich jemals auf seiten der Diebe befand. Das ist alles. Die Spitzbuben wissen das. Er ist ihr Fahnenträger, ihr Unterstützer, kurzum, ihr Bonaparte; sie lieben ihn alle. Dieser Schelm wird uns niemals seine › Tronche‹8 für die Place de la Grève9 ausliefern.«

Da Fräulein Michonneau ihn nicht verstand, erklärte ihr Gondureau die beiden Gegenwörter, deren er sich bedient hatte. › Sorbonne‹ und › Tronche‹ sind zwei kräftige Ausdrücke in der Sprache der Gauner, die es für nötig erachten, den menschlichen Kopf unter zwei Gesichtspunkten zu betrachten. Die › Sorbonne‹ ist der Kopf des Lebenden, sein Verstand, sein Denken. Die › Tronche‹ ist eine verächtliche Bezeichnung, die besagen soll, zu welchem Nichts der abgehauene Kopf herabgesunken ist.

»Collin treibt sein Spiel mit uns«, fuhr er fort. »Wenn wir es mit solchen stahlharten, widerstandsfähigen Naturen zu tun bekommen, bleibt uns nur die Möglichkeit, sie bei ihrer Verhaftung zu töten, sobald sie sich im geringsten zur Wehr setzen. Man vermeidet auf diese Weise einen langwierigen Prozeß, die Kosten für Bewachung und Unterhalt, und man befreit die Gesellschaft von einem Schädling. Die Gerichtsverhandlung, die Zeugenvernehmung, die Verurteilung, die Hinrichtung, – alles, was dazu gehört, uns auf gesetzlichem Wege von solchen Galgenstricken zu befreien, kostet mehr als die tausend Taler, die Sie bekommen sollen Wir ersparen Zeit. Wenn man dem Trompe-la-Mort einen wohlgezielten Bajonettstoß in den Leib versetzt, so werden dadurch vielleicht hundert Verbrechen verhindert. So handelt eine weise Polizei. Ein solches Vorgehen ist wahre Menschenfreundlichkeit.« »Und dem Vaterland ein guter Dienst«, sagte Poiret. »So ist es«, entgegnete der Polizeidirektor; »Sie reden heute abend ganz vernünftig. Ja gewiß, wir dienen dem Vaterlande. Die Welt ist wirklich ungerecht gegen uns. Wir leisten der Gesellschaft gar manchen guten Dienst, den sie nicht anerkennt. Nun, ein überlegener Mann muß sich über Vorurteile hinwegsetzen und als Christ den Undank tragen, den das Gute nach sich zieht, sobald es ungewohnte Wege geht. Paris ist Paris, sehen Sie! Dieses Wort erklärt manches. – Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, mein Fräulein. Ich werde morgen mit meinen Leuten im Jardin du Roi warten. Schicken Sie mir Ihren Christoph in die Rue de Buffon in das Ihnen bekannte Haus zu Herrn Gondureau. – Ihr Diener, mein Herr! Sollte Ihnen jemals etwas gestohlen werden, so wenden Sie sich zwecks Wiedererlangung an mich, ich stehe Ihnen stets zu Diensten.« – »Und da gibt es nun Dummköpfe,« sagte Poiret draußen zu Fräulein Michonneau, »die bei dem Worte › Polizei‹ ganz außer sich geraten. Der Herr ist sehr liebenswürdig, und was er von Ihnen verlangt, ist das Einfachste von der Welt.«

Der nächste Tag sollte einer der denkwürdigsten in den Annalen des Hauses Vauquer werden. Bisher war das hervorragendste Ereignis das plötzliche, meteorartige Erscheinen und Verschwinden der falschen Gräfin de l'Ambermesnil gewesen. Vor den Ereignissen dieses Tages aber mußte alles verbleichen, und er allein lieferte von nun an den Gesprächsstoff für Frau Vauquer und ihre Gäste. Zunächst schliefen Goriot und Eugen von Rastignac bis elf Uhr. Frau Vauquer, die um Mitternacht aus dem Theater heimgekommen war, blieb bis halb elf im Bett. Christoph, der die verhängnisvolle Flasche Wein geleert hatte, schlief wie ein Murmeltier und kam infolgedessen erst sehr spät dazu, seine tägliche Hausarbeit in Angriff zu nehmen. Poiret und Fräulein Michonneau beklagten sich nicht darüber, daß das Frühstück sich verspätete. Viktorine und Frau Couture schliefen bis in den hellen Tag. Vautrin war vor acht Uhr weggegangen und kehrte gerade zurück, als das Frühstück aufgetragen wurde. Niemand beschwerte sich also, als Sylvia und Christoph um ein Viertel nach elf an allen Türen klopften und meldeten, daß das Frühstück warte. Fräulein Michonneau, die als erste den Speisesaal betrat, benutzte die gelegentliche Abwesenheit Sylvias und des Dieners, um in Vautrins silbernes Kaffeekännchen das Betäubungsmittel zu gießen. Die alte Jungfer wußte, daß die Kaffeeportionen der einzelnen Pensionäre je in einem besonderen Kännchen bereit standen, und hatte sich zur Ausführung ihres Vorhabens diesen Umstand zunutze gemacht. Es dauerte ziemlich lange, bis alle sieben Pensionäre versammelt waren. Als Eugen als letzter gähnend und sich reckend und streckend eintrat, übergab ihm ein Dienstmann einen Brief von Frau von Nucingen. Er lautete:

› Ich bin weder gekränkt noch böse, mein Freund. Ich habe bis zwei Uhr nachts auf Sie gewartet. Ein Wesen erwarten, das man liebt! Wer diese Marter kennt, wird sie nicht andere erdulden lassen. Ich sehe wohl, daß Sie zum ersten Mal lieben. Was ist geschehen? Ich bin beunruhigt. Hätte ich nicht gefürchtet, mein Herzensgeheimnis zu verraten, so wäre ich hingeeilt, um nachzusehen, was Ihnen Angenehmes oder Unangenehmes zugestoßen ist. Aber zu dieser Stunde ausgehen – sei es nun zu Fuß oder zu Wagen –, hieße das nicht ins Verderben rennen? Wie schmerzlich empfand ich es, ein Weib zu sein! Beruhigen Sie mich, erklären Sie mir, weshalb Sie nicht kamen, – nach alledem, was mein Vater Ihnen gesagt haben muß. Ich werde böse werden, aber ich werde verzeihen. Sind Sie krank? Ach, weshalb wohnen Sie so weit! Ich bitte herzlich um ein Wort der Aufklärung. Und bald auf Wiedersehen, nicht wahr? Ein Wort genügt, falls Sie verhindert sind. Schreiben Sie: »Ich komme sofort!« oder »Ich bin krank!« Aber wenn Sie leidend wären, hätte mein Vater mir Nachricht gebracht. Was also ist geschehen ...‹

»Ja, was ist geschehen?« rief Eugen schmerzlich und stürzte, ohne den Brief zu Ende zu lesen, in den Speisesaal. »Wie spät ist es?« »Halb zwölf«, versetzte Vautrin und zuckerte seinen Kaffee.

Der entsprungene Sträfling warf Eugen einen harten, zwingenden Blick zu, den beherrschenden Blick eines Mannes von starker, magnetischer Kraft, den Blick, mit dem man im Irrenhaus die Tobsüchtigen bändigt. Eugen bebte an allen Gliedern. Von der Straße her tönte das Rollen eines Wagens, und gleich darauf trat ein Diener in der Livree des Hauses Taillefer, den Frau Couture sofort erkannte, mit bestürzter Miene ein.

»Fräulein Taillefer,« rief er, »Ihr Herr Vater läßt Sie zu sich bitten. Es ist ein großes Unglück geschehen. Herr Frédéric hat ein Duell gehabt und einen Säbelhieb über die Stirn erhalten; die Ärzte geben ihn verloren: Sie werden kaum Zeit haben, von ihm Abschied zu nehmen; er ist bewußtlos.« »Armer junger Mann!« rief Vautrin. »Wie kann man sich schlagen, wenn man das hübsche Sümmchen von dreißigtausend Livres Rente hat? Wahrhaftig, Jugend hat keine Tugend!« »Mein Herr!« schrie Eugen ihn an. »Nun, was denn, Sie Kind?« sagte Vautrin und schlürfte gelassen seinen Kaffee, – eine Tätigkeit, die Fräulein Michonneau viel zu aufmerksam verfolgte, als daß sie von dem Ereignis, das alle Welt erschütterte, gerührt wurde. »Gibt es nicht jeden Morgen in Paris ein Duell?« »Viktorine, ich begleite dich!« rief Frau Couture. Und die beiden Frauen stürzten ohne Hut und Mantel hinaus. Im Hinauseilen hatte Viktorine, deren Augen voll Tränen standen, Eugen einen Blick zugeworfen, der ihm sagte: › Ich hätte nicht gedacht, daß unser Glück mich Tränen kosten würde!‹ »Ah, Herr Vautrin, Sie sind ja ein richtiger Prophet!« sagte Frau Vauquer. »Ich bin alles«, entgegnete Jacques Collin. »Wie merkwürdig!« sagte Frau Vauquer und erging sich in längeren Reden über dieses Ereignis. »Der Tod klopft an, ohne zu fragen. Junge Leute sterben oft früher als alte. Wie glücklich sind wir Frauen daran, daß wir mit Duellen nichts zu tun haben! Aber auch wir haben unsere besonderen Leiden. Wir bringen die Kinder zur Welt, und die Mutterkrankheiten sind langwierig! Nun hat Viktorine das Große Los gezogen! Ihr Vater muß sie wieder aufnehmen.« »Da!« sagte Vautrin und blickte Eugen an, »gestern hatte sie nicht einen Sou, und heute hat sie Millionen!« »Ja, wirklich, Herr Eugen,« rief Frau Vauquer, »da sind Sie mal vor die rechte Tür gekommen!«

Bei dieser Bemerkung blickte Vater Goriot den Studenten an und gewahrte in seiner Hand den zerknitterten Brief.
»Sie haben ihn nicht zu Ende gelesen! Was bedeutet das? Sind Sie wie die andern?« fragte er schmerzlich.

»Frau Vauquer,« wandte sich Eugen an die Witwe, »ich werde niemals Fräulein Viktorine heiraten!« Und er sagte das mit solchem Abscheu und Ekel, daß alle verwundert aufschauten.

Vater Goriot ergriff die Hand des Studenten und drückte sie. Er hätte sie am liebsten geküßt.

»Hoho!« sagte Vautrin. »Die Italiener haben ein gutes Sprichwort, das heißt: Col tempo.« »Ich soll auf Antwort warten«, sagte der Dienstmann zu Rastignac. »Sagen Sie, ich komme.«

Der Mann entfernte sich. Eugen war so aufgeregt und unruhig, daß ihm jede Beherrschung fehlte.
»Was tun?« sagte er laut zu sich selbst. »Ich habe ja keine Beweise!«

Vautrin lächelte. In diesem Augenblick begann der Trank zu wirken. Trotzdem hatte der Sträfling Kräfte genug, sich zu erheben und mit einem Blick auf Rastignac mit gebrochener Stimme zu sagen: »Junger Mann, das Glück kommt oft im Schlafe.«

Und er fiel jäh zu Boden, wie vom Blitz gefällt.

»Es gibt also eine Gerechtigkeit«, sagte Eugen. »Mein Gott, was ist denn dem lieben, armen Manne zugestoßen?« rief die Witwe. »Ein Schlaganfall!« schrie Fräulein Michonneau. »Sylvia, geh und hole den Arzt!« sagte die Witwe. »Ach, Herr Rastignac, laufen Sie doch schnell zu Herrn Bianchon; Sylvia wird den Hausarzt nicht antreffen.«

Rastignac war froh, einen Vorwand zu haben, der elenden Höhle zu entfliehen, und eilte davon. »Christoph, schnell, lauf zum Apotheker und hole irgendein Mittel gegen Schlagfluß!« Christoph ging. »Aber, Vater Goriot, so helfen Sie uns doch, ihn hinaufzutragen!«

Vautrin wurde aufgehoben, die Treppe hinaufgeschleppt und auf sein Bett gelegt.

»Ich kann Ihnen hier doch nichts helfen; ich gehe zu meiner Tochter«, sagte Herr Goriot. »Alter Egoist!« schrie Frau Vauquer hinter ihm her. »Geh! Ich wollte, du verrecktest wie ein Hund!« »Sehen Sie doch nach, ob Sie in der Hausapotheke Äther haben!« sagte Fräulein Michonneau zu Frau Vauquer, nachdem man mit Poirets Hilfe den Kranken entkleidet hatte.

Frau Vauquer stieg in ihr Zimmer hinab und ließ Fräulein Michonneau als Herrin des Schlachtfeldes zurück.

»Vorwärts! Ziehen Sie ihm doch das Hemd aus und drehen Sie ihn herum!« flüsterte sie Poiret leise zu. »Statt Maulaffen feilzuhalten, könnten Sie dafür sorgen, seine Blöße zu bedecken.«

Nachdem man Vautrin auf den Bauch gelegt hatte, versetzte Fräulein Michonneau dem Kranken einen derben Schlag auf die Schulter, und die beiden verhängnisvollen Lettern erschienen weiß inmitten der stark geröteten Stelle.

»Da! Wie bequem haben Sie Ihre dreitausend Franken verdient!« rief Poiret, während er Vautrin hochhob und Fräulein Michonneau diesem das Hemd wieder anzog. »Uff, wie schwer er ist!« fuhr er fort und legte ihn aufs Bett zurück. »Still! – Wenn man eine Geldkasse fände?« sagte die alte Jungfer eifrig, und es schien, als wollten ihre Blicke die Wände durchbohren, so gierig prüften sie jeden Gegenstand im Zimmer; »wenn man unter irgendeinem Vorwand den Schreibtisch öffnen könnte?« fuhr sie fort. »Das wäre gewiß unrecht«, entgegnete Poiret. »Nein«, widersprach sie. »Das aller Welt geraubte Geld gehört niemandem mehr. Aber uns fehlt die Zeit. Ich höre schon die Vauquer.« »Hier ist Äther«, sagte Frau Vauquer. »Nein, ist das heute ein ereignisreicher Tag! Gott, der Mann da kann nicht krank sein; seine Haut ist weiß wie bei einem jungen Huhn.« »Wie bei einem Huhn?« wiederholte Poiret. »Sein Herz schlägt regelmäßig«, sagte die Witwe, indem sie dem Kranken die Hand aufs Herz legte. »Regelmäßig?« fragte Poiret erstaunt. »Es geht ihm gut.« »Finden Sie?« fragte Poiret. »Wahrhaftig, er scheint nur zu schlafen. Sylvia ist zum Arzt gelaufen. Sehen Sie doch, Fräulein Michonneau, wie er den Äther einatmet. Pah, es ist nur ein Krampfanfall gewesen. Sein Puls geht gut. Er ist stark wie ein Türke. Sehen Sie nur, Fräulein, welchen Haarpelz er auf der Brust hat; der Mann wird hundert Jahre alt! Seine Perücke sitzt noch immer fest. Aha, sie ist angeleimt! Man sagt, Rothaarige sind entweder sehr gute oder sehr schlechte Menschen. Dieser hier ist sicherlich sehr gut.« »Gut zum Hängen!« sagte Poiret. »Sie wollen sagen, am Halse einer hübschen Frau zu hängen«, rief Fräulein Michonneau hastig. »Gehen Sie doch fort, Herr Poiret! Es ist Frauensache, euch Männer zu pflegen, wenn ihr krank seid. Sie täten am klügsten, ein wenig spazieren zu gehen«, fügte sie hinzu. »Frau Vauquer und ich werden den lieben Vautrin versorgen.«

Poiret ging still und ohne Widerspruch hinaus, wie ein Hund, dem sein Herr einen Fußtritt versetzt hat. Rastignac war an die Luft geeilt, weil er zu ersticken meinte. Dieses zur festgesetzten Stunde verübte Verbrechen, – er hatte es verhindern wollen! Was war dazwischen gekommen? Was sollte er nun tun? Er zitterte, an dem Verbrechen Mitschuldiger zu sein. Die Kaltblütigkeit Vautrins entsetzte ihn noch immer.

› Wenn Vautrin nun stürbe, ohne etwas zu verraten?‹ fragte sich Rastignac.
Er eilte die Wege des Luxembourg hinab, wie von Hunden gehetzt.

»Halt da!« rief Bianchon ihn an. »Hast du den › Pilote‹ gelesen?« Der › Pilote‹ war ein von Herrn Tissot redigiertes radikales Blatt, das einige Stunden nach Erscheinen der Morgenblätter alle Tagesneuigkeiten nachdruckte und sie auf diese Weise den Departements vierundzwanzig Stunden früher zu lesen gab als die anderen Zeitungen.

»Es steht eine interessante Geschichte darin«, sagte der Assistent des Hospitals Cochin. »Der junge Taillefer hat mit dem Grafen Franchessini von der alten Garde ein Duell gehabt, und sein Gegner hat ihm zwei Säbelhiebe über die Stirn versetzt. Da ist nun die kleine Viktorine eine der reichsten Erbinnen in Paris. He, wenn man das gewußt hätte! Welch ein Hasardspiel ist doch der Tod! Ist es wahr, daß Viktorine ein Auge auf dich hatte, wie?« »Halt den Mund, Bianchon, ich werde sie niemals heiraten! Ich liebe eine entzückende Frau, ich werde geliebt, ich ...« »Du sagst das, als hättest du schon die Furcht, untreu zu werden. Zeige mir das Weib, das den Verzicht auf das Vermögen eines Taillefer wert ist!« »Ist denn die ganze Hölle hinter mir her?« schrie Rastignac. »Ja, was ist dir denn? Bist du toll? Gib mir die Hand,« sagte Bianchon, »ich muß dir den Puls fühlen! Du hast Fieber.« »Geh schnell zu Frau Vauquer«, sagte Eugen; »der Schurke von Vautrin ist vorhin wie tot umgefallen; man erwartet dich dringend.« »Ah,« sagte Bianchon und eilte davon, »du bestätigst mir da eine Vermutung, der ich sofort auf die Spur kommen muß!«

Der lange, einsame Spaziergang Rastignacs galt einer ernsten Selbstbetrachtung; er stellte sich sozusagen eine Gewissensfrage. Wenn er zögerte, sich prüfte, anstachelte, so ging wenigstens seine Redlichkeit aus dieser herben und schrecklichen Prüfung stark und geläutert hervor, wie ein Eisenbarren, der allen Vernichtungsversuchen widersteht. Er erinnerte sich der Bekenntnisse, die Vater Goriot ihm am vorigen Abend gemacht hatte, und daß seiner in der Rue d'Artois, nahe bei Delphine, eine Wohnung warte; er griff nach ihrem Brief, las ihn von neuem und küßte ihn.

› Diese Liebe ist mein Rettungsanker‹, sagte er sich. › Was hat der arme Alte doch für ein Herzeleid! Er spricht nicht von seinem Gram, doch wer erriete ihn nicht! Nun, ich will ihn umhegen wie einen Vater, ich werde ihm tausend Freuden bereiten. Wenn sie mich liebt, so kommt sie oft zu mir, um den Tag mit ihm zu verleben. Diese vornehme Gräfin Restaud ist nichtswürdig, sie behandelt ihren Vater wie einen Hausknecht. Geliebte Delphine! Sie ist besser gegen den guten Alten; sie ist es wert, geliebt zu sein. Ah, heute abend werde ich glücklich sein!‹

Er zog die Uhr und bewunderte sie.

› Alles ist mir geglückt! Wenn man sich innig und immer liebt, so darf man einander unterstützen; ich kann das Geschenk annehmen. Übrigens komme ich sicherlich vorwärts, dringe durch – und kann alles hundertfach zurückerstatten. In unserer Liebe ist kein Verbrechen, ist nichts, was selbst der strengsten Sittenauffassung zuwider wäre. Wie viele angesehene Leute gehen derartige Verbindungen ein. Wir betrügen niemanden. Was den Menschen erniedrigt, ist die Lüge. Lügen hieße hier entsagen. Sie hat sich längst von ihrem Manne losgesagt, und ich werde ganz einfach diesen Elsässer ersuchen, mir eine Frau zu überlassen, die er selbst doch nicht glücklich zu machen imstande ist.‹

Rastignacs Kampf dauerte lange. Als er sich Sieger fühlte, konnte er doch einer unbezwinglichen Neugier nicht widerstehen, die ihn beim Sinken der Nacht gegen halb fünf zum Hause Vauquer zurücktrieb, das für immer zu verlassen er sich zugeschworen hatte. Er wollte wissen, ob Vautrin tot sei.

Bianchon, der Vautrin ein Brechmittel gegeben, hatte den Mageninhalt des Kranken ins Hospital schaffen lassen, um ihn einer chemischen Analyse zu unterwerfen. Als er den Eifer sah, mit dem Fräulein Michonneau sich diesem Vorhaben widersetzte, verstärkte sich sein Mißtrauen. Vautrin wurde übrigens so schnell wieder hergestellt, daß an eine wirkliche Erkrankung gar nicht zu glauben war. Als Rastignac nach Hause kam, saß Vautrin bereits wieder im Speisesaal beim Kaminfeuer. Das außergewöhnliche Ereignis des Duells des jungen Taillefer hatte die Tischgäste, die gern Einzelheiten hören wollten, schneller als sonst versammelt; nur Vater Goriot fehlte. Man besprach Viktorines Zukunft. Als Eugen eintrat, begegneten seine Blicke denen Vautrins, der in seiner ganzen unverwüstlichen Kraft dasaß und mit seinem durchdringenden Blick an die bösen Saiten im Herzen des Studenten rührte, daß sie erzitterten.

»Nun, lieber Junge,« sagte der entsprungene Sträfling, »der Tod hat sich in mir geirrt. Nach Aussage der Damen habe ich einen Schlaganfall überstanden, der einen Ochsen hätte töten können.« »Sie können getrost sagen: einen Stier!« rief die Witwe Vauquer. »Sind Sie böse, mich noch am Leben zu sehen?« flüsterte Vautrin Rastignac zu, dessen Gedanken er zu erraten schien. »Hören Sie,« rief Bianchon, »Fräulein Michonneau sprach vorgestern von einem Manne mit dem Beinamen › Trompe-la-Mort‹; der Name stände Ihnen gut!«

Das Wort wirkte auf Vautrin wie ein Blitzschlag; er erbleichte, wankte, und sein bannendes Auge fiel wie ein Flammenstrahl auf Fräulein Michonneau, die unter der Wucht dieser Willenskraft zusammenbrach. Die alte Jungfer sank auf einen Stuhl. Poiret stellte sich schnell zwischen sie und Vautrin, denn er begriff, daß ihr Gefahr drohte, so wild und wütend blickte der Sträfling, nachdem er die sanfte Maske, unter der er seine wahre Natur verborgen, abgelegt hatte. Die Pensionäre, die nichts von dem Drama begriffen, standen verblüfft. In diesem Augenblick vernahm man den Tritt eines Männertrupps und das Klirren von Gewehren, die von Soldaten draußen aufs Pflaster niedergestellt wurden. Gerade als Collins Augen unwillkürlich einen Ausgang suchten und Fenster und Türen prüften, zeigten sich am Eingang des Salons vier Männer. Der erste war der Chef der Sicherheitspolizei, die anderen drei waren Gerichtsbeamte.

»Im Namen des Gesetzes!« sagte einer der Beamten. Ein Murmeln des Erstaunens folgte.

Bald herrschte wieder Totenstille. Die Pensionäre wichen zurück, um den drei Männern Platz zu machen, die alle drei die Hand in der Tasche und in der Tasche einen Revolver umspannt hielten. Zwei Gendarmen, die den Gerichtsbeamten gefolgt waren, besetzten die Tür zum Salon, zwei andere zeigten sich an der Tür, die zur Treppe führte. Vom Fußweg vor dem Hause hörte man Schritte und Waffenklirren der Soldaten. Jeder Fluchtversuch war also Trompe-la-Mort unmöglich gemacht; aller Blicke hingen an ihm. Der Polizeichef ging auf ihn zu und gab ihm einen so kräftigen Schlag auf den Kopf, daß die Perücke herunterfiel und Collins Schädel sich in abstoßender Nacktheit zeigte. Kurze rote Stoppelhaare verliehen dem Gesicht einen Ausdruck von Kraft und List und gaben ihm ein Sprühen und Leuchten, als werde es von Höllenflammen erhellt. Jeder begriff jetzt den ganzen Vautrin, seine Vergangenheit, seine Gegenwart und Zukunft, seine unversöhnlichen Anschauungen, seine Lebenslust, seine Überlegenheit, die der Zynismus seiner Gedanken und Handlungen ihm lieh, und die Widerstandskraft seiner robusten Natur. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, und seine Augen glühten wie die einer Wildkatze. Er bäumte sich in so kraftvoller Wildheit auf und stieß ein so gewaltiges Brüllen aus, daß sämtlichen Pensionären ein Schrei des Entsetzens entfuhr. Diese Gebärde eines kampfbereiten Löwen und der allgemeine Angstruf veranlaßten die Beamten, ihre Revolver zu ziehen. Als er die Hähne blitzen sah, erkannte Collin die Gefahr und lieferte einen Beweis höchster Selbstüberwindung. Schreckliches und majestätisches Schauspiel! Sein Mienenspiel bot ein Bild, das nur verglichen werden kann mit einem Dampfkessel, dessen Kraft zwar Berge versetzen könnte, die aber dennoch ein einziger kalter Wasserguß in nichts zerfließen läßt. Der Wasserguß, der seine Wut abkühlte, war eine blitzartige Überlegung. Er begann zu lächeln und betrachtete seine Perücke.

»Du hast heute nicht deinen höflichen Tag«, sagte er zu dem Polizeichef, winkte die Gendarmen mit einer Kopfbewegung herbei und hielt ihnen die Hände hin. »Meine Herren Gendarmen, legen Sie mir die Schellen oder Schrauben an! Ich nehme die Anwesenden zu Zeugen, daß ich keinen Widerstand leiste.«

Ein Murmeln der Bewunderung lief durch den Saal.

»Das macht dir wohl einen Strich durch die Rechnung, Herr Renommist?« »Ausziehen!« sagte der große Mann aus der Petite Rue Sainte-Anne voll Verachtung. »Weshalb?« fragte Collin. »Es sind Damen hier. Ich leugne nichts und ergebe mich ohne Widerstand.«

Er machte eine Pause und blickte auf die Versammelten, wie ein Redner, der überraschende Dinge zu sagen hat.

»Schreiben Sie, Papa Lachapelle«, wandte er sich an einen kleinen weißhaarigen Alten, der sich am Tische niedergelassen und die Akten vor sich ausgebreitet hatte. »Ich bekenne, daß ich Jacques Collin, genannt Trompe-la-Mort, bin, verurteilt zu zwanzig Jahren Kettenhaft; und ich habe soeben bewiesen, daß ich meinen Beinamen nicht gestohlen habe. Hätte ich nur die Hand erhoben,« wandte er sich an die Pensionäre, »so hätten die drei Spitzel da meinen ganzen Gehirnbrei in Mama Vauquers gute Stube gespritzt. Diese Esel wollten mich überlisten, mich!«

Frau Vauquer wurde übel bei diesen Worten.

»Mein Gott, das ist ja, um ohnmächtig zu werden! Und zu denken, daß ich noch gestern mit ihm im Theater war!« sagte sie zu Sylvia. »Mehr philosophische Ruhe, Mama!« entgegnete Collin. »War es ein Unglück, daß Sie gestern in meiner Loge saßen?« rief er. »Sind Sie besser als wir? Wir haben weniger Nichtswürdigkeiten auf dem Buckel als ihr im Herzen, ihr faulenden Glieder einer verderbten Menschenklasse! Der Beste von euch steht noch tief unter mir!« Seine Blicke ruhten auf Rastignac, dem er mit einer Anmut zulächelte, die gegen seinen rohen Gesichtsausdruck seltsam abstach. »Unser kleiner Handel läuft selbstredend weiter, mein Schatz!

Sie wissen:

Fanchette in ihrer Einfalt
Ist zum Entzücken schön ...

Seien Sie unbesorgt,« fuhr er fort, »ich weiß mir Rückendeckung zu verschaffen. Man fürchtet mich viel zu sehr, als daß man mich bestiehlt.«

Das Bagno mit seinen Sitten, seiner Sprache, seinem rohen Wechsel von Schmerz und Grauen, seiner furchtbaren Größe, seiner Vertraulichkeit und Gemeinheit sprach nun ganz plötzlich aus den Worten dieses Mannes, der nichts Menschliches mehr schien, sondern der Typus eines ganzen entarteten Volkes, eines wilden und dennoch überlegenen, rücksichtslosen und geschmeidig-listigen Volkes. Collin glich einem infernalischen Dichter, in dessen Werken alle menschlichen Leidenschaften sich spiegeln, ausgenommen eine einzige: die Reue. Sein Blick war der des gefallenen Engels, der immer den Kampf will. Rastignac senkte die Augen bei der vertraulichen Rede des Verbrechers, die seinen bösen Gedanken Worte lieh.

»Wer hat mich ausgeliefert?« sagte Collin, und sein furchtbarer Blick musterte die Versammelten. Er blieb auf Fräulein Michonneau haften: »Du warst es, alte Heuchlerin! Du hast mir den künstlichen Schlaganfall beigebracht, Canaille! ... Ich brauchte nur zwei Worte zu sagen, und du wärst in längstens acht Tagen um einen Kopf kürzer. Doch ich vergebe dir, ich bin Christ. Und übrigens bist du nicht der, der mich verkauft hat. Aber wer ist es? – Aha, ihr plündert da oben!« rief er, als er hörte, wie die Gerichtsbeamten seine Schränke erbrachen und sich seiner Sachen bemächtigten. »Haha, die Vögelchen sind flügge geworden, gestern aus dem Nest geflogen! Ihr werdet nichts auskundschaften. Meine Handelsbücher sind hier«, sagte er und schlug sich an die Stirn. »Ich weiß jetzt, wer mich verraten hat. Es kann kein anderer sein als dieser Schuft von › Seidenfaden‹. – Nicht wahr, Vater Packan?« fragte er den Polizeichef. »Das stimmt zu gut damit zusammen, daß die Geldscheine eine Zeit lang da oben lagen. Nichts mehr vorhanden, meine lieben Spitzel! Und › Seidenfaden‹, – der ist in vierzehn Tagen unter der Erde, und wenn ihr ihn auch von eurer ganzen Truppe bewachen ließet! – Was habt ihr ihr gegeben, der Michonnette?« fragte er die Polizeibeamten. »Tausend Taler? Ich bin mehr wert als das, du wurmstichige Ninon, Pompadour in Lumpen, Venus des Père-Lachaise! Hättest du mich gewarnt, so hätte ich dir sechstausend Franken gegeben. Ja, das hast du wohl nicht geahnt, du alte Seelenverkäuferin; selbstverständlich hätte ich da den Vorzug gehabt! Ja, ich hätte sie dir gegeben, um eine Reise zu vermeiden, die mir nicht paßt und die mich Geld kostet«, sagte er, während man ihm die Handschellen anlegte. »Die Leute da machen sich ein Vergnügen daraus, mich hier herumzuschleppen und auszuhorchen. Wenn sie mich sogleich ins Bagno schickten, wäre ich bald meinem Beruf zurückgegeben. Da unten würden sie alle ihre Seele dem Teufel verschreiben, um ihrem General zur Flucht zu verhelfen, dem guten Trompe-la-Mort! Ist einer unter euch, der gleich mir zehntausend Brüder hat, die alles für ihn täten?« fragte er mit Stolz. »Aber hier ist es auch gut mit mir bestellt«, sagte er, sich ans Herz schlagend; »ich habe niemals jemanden verraten! – Da, Spionin, sieh hin!« wandte er sich an die alte Jungfer. »Auf mich blicken sie mit Entsetzen, du aber machst ihnen Ekel. Friß, was du dir eingebrockt hast!«

Er machte eine Pause und betrachtete die Pensionäre.

»Seid ihr jammervoll anzusehen, ihr alle! Habt ihr noch nie einen Sträfling gesehen? Ein Sträfling vom Schlage Collins ist einer, der kein Feigling ist; er erhebt sich gegen die Mißstände in der menschlichen Gesellschaft, wie Jean-Jacques sagt, zu dessen Schülern ich mich mit Stolz zähle. Kurzum, ich stehe als ein einzelner gegen eine ganze Regierung mit ihren Gerichtshöfen und Gendarmen, und ich tanze ihnen allen auf der Nase herum.« »Teufel!« sagte der Maler, »er ist prächtig; ich wollte, ich könnte ihn zeichnen.« »Sage mir doch, du Edelknabe Seiner Durchlaucht des Henkers, du Hofmeister der › Witwe‹10,« wandte sich Collin an den Chef der Sicherheitspolizei, »sei ein guter Junge, sage mir, war es › Seidenfaden‹, der mich an euch verkauft hat? Ich möchte nicht, daß er für einen andern büßte; das wäre ungerecht.«

Jetzt traten die Polizisten, die in seinem Zimmer alle Fächer geöffnet und durchsucht hatten, wieder ein und sprachen leise mit dem Polizeichef.

Das Protokoll war beendet.

»Meine Herren,« sagte Collin, sich an die Pensionäre wendend, »sie werden mich abführen. Sie alle haben sich während meines Aufenthaltes hier sehr liebenswürdig erwiesen; ich werde mich dankbar zeigen. Leben Sie wohl! Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen ein Kistchen Provencerfeigen schicke.«

Er machte einige Schritte und kehrte sich dann um, um Rastignac anzublicken.

»Leb wohl, Eugen!« sagte er mit sanfter und trauriger Stimme, die seltsam mit dem rauhen Ton seiner bisherigen Reden kontrastierte. »Wenn ich dich belästigte, so hinterlasse ich dir dafür einen ergebenen Freund.«

Trotz seinen Handfesseln legte er sich aus, kommandierte wie ein Fechtmeister: »Eins, zwei!« und parierte. »Im Falle der Not wende dich dorthin. Mann und Geld, – über beides kannst du verfügen.«

Der merkwürdige Mensch wußte seine letzten Worte so possenhaft zu sagen, daß er von keinem, außer von Rastignac, verstanden werden konnte. Als das Haus von den Gendarmen, Soldaten und Polizeibeamten wieder geräumt war, blickte Sylvia, die ihrer Herrin die Schläfen mit Essig einrieb, verwundert auf die Pensionäre und sagte: »Nun, er war trotz allem ein Mann.«

Dieser Ausspruch brach den Zauber, der seit der unerwarteten und aufregenden Szene alle in Bann hielt. Man sah einander an und gewahrte plötzlich Fräulein Michonneau, die dürr und kalt wie eine Mumie beim Kamin saß, – mit gesenkten Augen, als fürchte sie, daß der Schatten ihres Augenschirmes nicht stark genug sei, ihre Züge zu verbergen. Jetzt verstand man ihn, den gemeinen Ausdruck in diesem Antlitz, das allen schon so lange zuwider war. Ein Gemurmel erhob sich, dessen Einmütigkeit den allgemeinen Abscheu verriet. Fräulein Michonneau hörte es und blieb. Bianchon beugte sich zu seinem Nachbar und sagte: »Ich esse nicht mehr hier, wenn das Weib da noch länger mit uns am Tische sitzen soll.«

Jeder, ausgenommen Poiret, billigte mit einem Kopfnicken den Ausspruch des Mediziners, der, im Bewußtsein, alle hinter sich zu haben, auf den alten Beamten zuschritt: »Sie stehen zu Fräulein Michonneau in freundschaftlicher Beziehung«, sagte er zu ihm; »reden Sie mit ihr, machen Sie ihr begreiflich, daß sie sich sofort zu entfernen hat.« »Sofort?« wiederholte Poiret erstaunt.

Dann näherte er sich der Alten und sagte ihr einige Worte ins Ohr.

»Aber meine Miete ist bereits bezahlt; ich lebe hier für mein Geld wie alle die andern«, sagte sie und warf den Pensionären einen giftigen Blick zu. »Das ist kein Hinderungsgrund. Wir werden zusammenlegen, um es Ihnen zurückzugeben«, sagte Rastignac. »Sie stehen auf seiten Collins. Es ist nicht schwer zu erraten, weshalb Sie ihm beistehen«, sagte sie mit einem listigen Blick.

Bei diesen Worten sprang Eugen auf, als wollte er sich auf die alte Jungfer stürzen und sie umbringen. Es war ihm ganz plötzlich ein Licht aufgegangen, was dieser nichtswürdige Blick besagen sollte.

»Lassen Sie sie doch!« riefen die Pensionäre.
Rastignac kreuzte die Arme und blieb stumm.

»Machen wir also Schluß mit dem Fräulein Judas«, sagte der Maler zu Frau Vauquer. »Wenn Sie die Michonneau nicht vor die Tür setzen, Frau Vauquer, so verlassen wir alle Ihre Baracke und werden überall erzählen, daß Sie hier nur Spione und Sträflinge haben. Andernfalls aber werden wir über die Sache schweigen, die schließlich in der besten Gesellschaft vorkommen kann, solange man die Galeerensträflinge nicht auf der Stirn brandmarkt und ihnen dadurch verbietet, sich als ehrbare Bürger aufzuspielen.«

Bei dieser Rede fand Frau Vauquer wunderbarerweise ihre Besinnung wieder, richtete sich auf, kreuzte die Arme und öffnete weit die ersichtlich tränenlosen Augen.

»Aber, mein lieber Herr, Sie wollen also den Ruin meines Hauses? Da ist doch schon der Herr Vautrin ... Oh, mein Gott,« unterbrach sie sich selbst, »ich kann nicht anders, als ihn bei seinem ehrenhaften Namen zu nennen! ... Sehen Sie,« fuhr sie fort, »da ist doch nun schon eine leere Wohnung, und Sie wollen, daß ich in dieser Jahreszeit, wo alles schon vermietet ist, noch zwei andere leer stehen haben soll ...« »Meine Herren, nehmen wir unsere Hüte und gehen wir zum Flicoteaux speisen«, sagte Bianchon.

Frau Vauquer berechnete im Augenblick, was für sie vorteilhafter sei, und ging auf Fräulein Michonneau zu: »Nun also, mein liebes, hübsches, kleines Fräulein, Sie wollen doch gewiß nicht, daß mein Unternehmen hier zugrunde geht, wie? Sie sehen, wie diese Herren mich zum Äußersten treiben; gehen Sie doch für heute abend auf Ihr Zimmer!« »Keineswegs, keineswegs,« riefen die Pensionäre, »wir wollen, daß sie augenblicklich das Haus verläßt!« »Aber sie hat noch nicht gespeist, das arme Fräulein«, sagte Poiret in mitleidigem Tone. »Sie soll speisen, wo es ihr paßt!« riefen mehrere Stimmen. »Hinaus mit ihr, der Spionin!« »Hinaus mit der Spionin!« »Meine Herren,« schrie Poiret, der sich plötzlich zu der ganzen Größe aufrichtete, die die Liebe den Schafböcken verleiht, »respektieren Sie in der Dame das weibliche Geschlecht!« »Spione haben kein Geschlecht«, sagte der Maler. »Herrliches Geschlechtorama!« »Zur Türorama mit ihr!« »Meine Herren, Sie sind höchst unhöflich! Wenn man die Leute vor die Tür setzt, so kann man das auch mit Anstand tun. Wir haben unser Geld bezahlt, wir bleiben!« sagte Poiret, indem er seine Kopfbedeckung nahm und sich auf einen Stuhl neben Fräulein Michonneau niedersetzte. »Wicht!« sagte der Maler mit komischer Geste, »kleiner Wicht, mach, daß du fortkommst!« »Marsch! Wenn ihr nicht geht, so gehen wir«, rief Bianchon.

Und die Pensionäre näherten sich alle zusammen der Tür.

»Fräulein, was wollen Sie eigentlich? Was soll denn werden?« rief Frau Vauquer. »Ich bin ruiniert! Sie dürfen nicht bleiben, sie werden gleich zu Tätlichkeiten übergehen.« Fräulein Michonneau erhob sich. »Sie geht!« »Sie geht nicht!« »Sie will gehen!« »Sie will nicht gehen!«

Diese Ausrufe, in Verbindung mit der feindseligen Haltung der Pensionäre, bewirkten, daß Fräulein Michonneau sich zum Aufbruch entschloß.

»Ich ziehe zu Frau Buneaud«, sagte sie giftig. »Gehen Sie, wohin es Ihnen beliebt, Fräulein«, sagte Frau Vauquer, die über die boshafte Wahl einer Pensionsanstalt, mit der sie selber rivalisierte und die sie glühend haßte, tief beleidigt war. »Gehen Sie zu Frau Buneaud; Sie finden dort einen Wein, der sauer ist wie Essig, und Fleischspeisen, die nur aus Abfällen bereitet sind!«

Schweigend stellten sich die Pensionäre in zwei Reihen auf und bildeten eine Gasse. Poiret blickte so zärtlich auf Fräulein Michonneau und zeigte sich so hilflos in seinem Bemühen, zu erraten, ob er ihr folgen oder bleiben solle, daß die anderen einander ansahen und in Lachen ausbrachen.

»Ks, ks, ks! Poiret!« rief der Maler. »Vorwärts hoppla, hopp!«
Der Museumsbeamte sang mit komischem Ausdruck:

Und auf nach Syrien machte sich
Der schöne, junge Dunois ...

»Gehen Sie nur mit, Poiret; Sie würden ja vor Sehnsucht sterben! Trahit sua quemque voluptas!« sagte Bianchon.

Fräulein Michonneau blickte Poiret an und machte eine Bewegung, als wolle sie seinen Arm nehmen; da konnte er nicht widerstehen, er trat auf sie zu und bot ihr den Arm. Man lachte und applaudierte. »Bravo, Poiret!« »Seht den alten Liebhaber!« »Adonis Poiret!« »Mutiger Poiret!«

In diesem Augenblick trat ein Dienstmann ein und übergab Frau Vauquer einen Brief. Sie las ihn und fiel in den nächsten Sessel. »Aber das ist ja, als würde das Haus in Brand gesteckt! Schon wieder ein Blitzschlag! Der junge Taillefer ist vor drei Stunden gestorben! Da habe ich die Strafe dafür, den Damen Glück gewünscht zu haben! Frau Couture und Viktorine wollen ihre Sachen zugeschickt haben; sie werden von jetzt an im Hause Taillefer wohnen. Fräulein Viktorine hat von ihrem Vater die Erlaubnis erhalten, Frau Couture als Gesellschaftsdame zu sich zu nehmen. Vier leere Zimmer, fünf Pensionäre verloren ...!«

Es sah aus, als wollte sie weinen. »Das Unglück ist bei mir eingekehrt!« schrie sie auf.
Man vernahm plötzlich das Rollen eines Wagens; er hielt vor dem Hause.
»Was kommt nun?« fragte Sylvia.
In der Tür zeigte sich Vater Goriot. Sein Antlitz strahlte vor Freude; er schien wie verjüngt.
»Vater Goriot zu Wagen?« sagten die Pensionäre; »das Ende der Welt ist da!«

Der Alte ging auf Eugen zu, der gedankenvoll in einer Ecke saß, und ergriff ihn beim Arm. »Kommen Sie!« sagte er in glückseligem Ton. »Sie wissen also gar nicht, was vorgefallen ist?« fragte ihn Eugen. »Vautrin ist ein entsprungener Sträfling und ist soeben wieder verhaftet worden, und der junge Taillefer ist tot.« »Nun, was geht das uns an?« entgegnete Vater Goriot. »Ich speise heute mit meiner Tochter, wir speisen beide bei Ihnen. Sie erwartet Sie, kommen Sie schnell!«

Er zog Rastignac so kräftig am Arm, daß er ihn zum Mitgehen zwang.
»Setzen wir uns zu Tisch!« rief der Maler.
Jeder nahm seinen Stuhl und setzte sich an die Speisetafel.

»Ist es zu glauben?« meldete nun die dicke Sylvia. »Heute ist ein Unglückstag: mein Hammelbraten ist angebrannt! Pah, Sie werden ihn auch so essen, da es nicht mehr zu ändern ist!«

Frau Vauquer erstarb das Wort im Munde, als sie anstatt der achtzehn Tischgäste nur noch zehn gewahrte; aber ein jeder versuchte sie zu trösten und aufzuheitern. Wenn die Auswärtswohnenden zunächst auch von Vautrin und den Tagesereignissen sprachen, so kam das Gespräch doch bald auf andere Dinge; man redete vom Duell, vom Bagno, von den Gerichten, von verbesserungsbedürftigen Gesetzen, von Gefängnissen und befand sich bald hundert Meilen entfernt von Jacques Collin, von Viktorine und ihrem Bruder. Obwohl sie nur zehn waren, lärmten sie für zwanzig; es war lauter als gewöhnlich, und das war der einzige Unterschied zwischen dem Diner von gestern und dem von heute. Die gewohnte Sorglosigkeit dieser egoistischen Leute, denen die Pariser Tagesereignisse morgen ein neues Opfer zuwerfen würden, bekam wieder die Oberhand, und sogar Frau Vauquer ließ sich von den zuversichtlichen Worten der dicken Sylvia beruhigen. –

Dieser ganze Tag war für Eugen wie ein seltsamer Traum; er konnte keine Ordnung in seine Gedanken bringen und wußte nicht, was er denken sollte, als er sich an der Seite Goriots im Wagen befand und die freudige Redseligkeit des Alten nach all den Aufregungen des Tages an sein Ohr schlug wie ferne Traumesworte.

»Seit heute morgen ist alles bereit. Wir speisen alle drei zusammen, alle drei! Begreifen Sie auch? Vier Jahre sind es, daß ich nicht mit meiner Delphine, mit meiner kleinen Delphine gespeist habe. Einen ganzen Abend soll sie nun mir gehören! Seit dem Morgen sind wir schon in Ihrer Wohnung tätig gewesen. Ich habe gearbeitet wie ein Tagelöhner, in Hemdärmeln. Ich half die Möbel einräumen. Ach, Sie wissen nicht, wie lieb sie sein kann bei Tisch; sie wird mich bedienen: › Hier, Papa, iß dies, es schmeckt gut.‹ Und vor Freude kann ich dann nicht essen. Oh, wie lange habe ich nicht mit ihr so friedlich beisammen sein können, wie wir es heute sein werden!« »Es ist ja heute, als stände die ganze Welt auf dem Kopf!« sagte Eugen. »Auf dem Kopf?« fragte Vater Goriot. »Ich meine, die Welt sei nie so gut und schön gewesen wie heute. In den Straßen sehe ich nur heitere Gesichter, man reicht einander die Hand, man küßt sich; alle Menschen sind glücklich, als sollten sie alle bei ihrer Tochter speisen und sich das entzückende Diner schmecken lassen, das sie in meiner Gegenwart beim Koch des Café Anglais bestellte. Aber ach, an ihrer Seite wird selbst der galligste Mensch süß wie Honig.« »Oh, ich fühle neues Leben in mir!« sagte Eugen. »Kutscher, wir haben Eile!« schrie Vater Goriot, die Fensterscheibe zum Kutschersitz öffnend. »Fahren Sie doch schneller; ich gebe Ihnen hundert Sous Trinkgeld, wenn Sie mich in zehn Minuten an Ort und Stelle bringen!«

Als der Kutscher diese Worte vernahm, durcheilte er die Straßen von Paris wie der Blitz.

»Nein, welch ein Schneckengang!« bemerkte Vater Goriot. »Wohin führen Sie mich eigentlich?« fragte Rastignac. »Zu Ihnen«, erwiderte Vater Goriot.

Der Wagen hielt Rue d'Artois. Der Alte stieg als erster aus und warf dem Kutscher mit der Freigebigkeit des Witwers, dem für sein Vergnügen nichts zuviel ist, zehn Franken hin.

»Kommen Sie, gehen wir hinauf!« sagte er zu Rastignac. Er führte ihn durch einen Hof und in das Rückgebäude eines schönen neuen Hauses, wo er im dritten Stockwerk vor einer Tür Halt machte.

Vater Goriot brauchte nicht zu klingeln. Therese, die Kammerzofe Frau von Nucingens, öffnete ihnen. Eugen sah sich in einer allerliebsten Junggesellenwohnung, bestehend aus einem Vorzimmer, einem kleinen Salon, einem Schlafzimmer und einem Studierzimmer, aus dessen Fenster man in den Garten blickte. In dem sehr hübsch und anmutig eingerichteten Salon gewahrte er beim Schein der Kerzen Delphine, die neben dem Kamin in einem Sessel saß. Sie legte den Fächer, den sie als Schutz gegen die Glut in der Hand gehalten hatte, auf den Kaminsims und sagte mit zärtlich bewegter Stimme: »So hat man Sie also holen müssen, mein Herr, der nicht verstehen wollte!«

Therese ging. Der Student nahm Delphine leidenschaftlich in die Arme, preßte sie an sich und weinte vor Freude. Dieser äußerste Gegensatz zwischen dem, was er hier sah, und dem, was er vorher gesehen und erlebt hatte, brachte die nervöse Reizbarkeit zum Ausbruch, die dieser Herz und Hirn aufregende Tag bei ihm geschaffen hatte.

»Ich wußte es ja, daß er dich liebt«, sagte Vater Goriot ganz leise zu seiner Tochter, während Eugen tief erschöpft in einen Sessel sank; er konnte nicht sprechen, nicht seine Gedanken sammeln; er fühlte sich wie in einem Zauberland. »Nun kommen Sie, Sie müssen sich alles anschauen«, sagte Frau von Nucingen. Sie nahm ihn beim Arm und führte ihn in ein Zimmer, dessen Teppiche, Möbel und Ziergegenstände genau dieselben waren wie in Delphines eigenem Schlafgemach. »Es fehlt ein Bett«, sagte Rastignac. »Ja«, sagte sie errötend und drückte ihm die Hand.

Eugen sah sie an, und sein junges Herz begriff, wieviel wahre Scham in einem liebenden Weibe wohnt.

»Sie sind anbetungswürdig!« flüsterte er ihr ins Ohr. »Ja, ich wage es zu sagen, verstehen wir uns doch so gut: Je tiefer und inniger ein Liebesbund ist, desto mehr bedarf er der Schleier des Geheimnisses. Behalten wir unser Geheimnis für uns, verraten wir es niemandem!« »Oh, ich bin niemand«, grollte Vater Goriot vorwurfsvoll. »Sie wissen, Sie sind eins mit uns ...« »Ah, das ist es, was ich hören wollte! Ihr müßt mich gar nicht beachten, versteht ihr wohl? Ich werde gehen und kommen wie ein guter Geist, der allgegenwärtig ist und dessen Dasein man fühlt, ohne ihn zu sehen. Siehst du nun, Delphine, Ninette, Herzenskind, wie recht ich hatte, als ich dir sagte: › In der Rue d'Artois ist eine hübsche Wohnung frei, wollen wir sie nicht für ihn einrichten?‹ Du wolltest nicht. Ja, ich bin der Schöpfer deines Glückes, wie ich der Schöpfer deines Daseins bin. Wenn die Väter wahrhaft glücklich sein wollen, müssen sie schenken, immer schenken.« »Wie?« fragte Eugen. »Ja, sie wollte nicht, sie hatte Angst vor dem Gerede der Leute; als ob die Welt ihr Glück aufwiegen könnte! Aber alle Frauen träumen von dem, was sie nun zur Tat werden läßt ...«

Vater Goriot redete noch weiter, aber niemand hörte ihn; Frau von Nucingen hatte Rastignac in das Arbeitszimmer entführt. Man hörte einen Kuß, so leise er auch gegeben wurde. Auch in diesem Zimmer, dessen Einrichtung mit der der übrigen Räume in Einklang stand, fehlte es an nichts.

»Hat man Ihre Wünsche erraten?« fragte sie, als sie wieder in den Salon zurückkehrten, um sich zu Tisch zu setzen. »Ja,« sagte er, »nur zu gut! Ach, diese Pracht, diese traumhaft schöne Wirklichkeit, all die Poesie eines jungen, vornehmen Daseins, ich fühle sie allzusehr, als daß ich ihrer nicht wert wäre; aber ich darf das nicht von Ihnen annehmen, und noch bin ich zu arm, um ...« »Oho, schon widersetzen Sie sich!« sagte sie mit scherzhaftem Vorwurf und setzte jenes schmollende Gesicht auf, mit dem die Frauen gewisse Bedenken verspotten wollen, um sie desto sicherer zu zerstreuen.

Eugen hatte heute so ernste Einkehr in sich gehalten, und die Verhaftung Vautrins, die ihm den tiefen Abgrund zeigte, in den er beinahe gestürzt wäre, hatte seine edle Gesinnung und sein Zartgefühl so sehr geweckt, daß er trotz dieser liebenswürdigen Zurechtweisung standhaft zu bleiben beschloß. Tiefe Traurigkeit erfaßte ihn.

»Wie,« sagte Frau von Nucingen, »Sie weigern sich? Wissen Sie, was eine solche Weigerung besagt? Sie mißtrauen der Zukunft, Sie wagen es nicht, sich an mich zu binden. Sie fürchten wohl, mein Vertrauen einmal zu täuschen? Wenn Sie mich lieben, wenn ich – Sie liebe, weshalb schrecken Sie da vor so kleinen Verpflichtungen zurück? Wenn Sie wüßten, welche Freude ich daran hatte, diese liebe, kleine Wohnung einzurichten, so würden Sie nicht zögern, sondern würden mich um Verzeihung bitten. Ich hatte Geld von Ihnen, und ich habe es gut angewendet, das ist alles! Sie glauben groß zu handeln, und Sie handeln kleinlich. – Sie werden weit mehr von mir verlangen ... Ah!« sagte sie, da Eugen ihr einen leidenschaftlichen Blick zuwarf, »und Sie machen wegen solcher Nichtigkeiten Umstände. Freilich, wenn Sie mich nicht lieben, dürfen Sie nichts annehmen. Ein Wort entscheidet mein Schicksal, reden Sie! – Lieber Vater, rede ihm doch vernünftig zu!« wandte sie sich nach einer Pause an ihren Vater. »Meint er, ich selbst sei auf meinen guten Ruf nicht ebenso bedacht wie er?«

Vater Goriot lächelte beim Anhören dieses liebenswürdigen Streites in trunkener Freude.

»Lieber Junge,« fuhr sie fort, Eugens Hand ergreifend, »Sie stehen vor einer unübersteigbaren Schranke, die Hand einer Frau öffnet Ihnen das Tor, und Sie weichen zurück! Aber Sie werden zu Erfolg kommen, Sie haben eine glänzende Zukunft, ich lese das auf Ihrer schönen Stirn. Können Sie mir denn nicht dann zurückgeben, was ich Ihnen heute leihe? Früher gaben die Damen ihren Rittern Wehr und Waffen, Schwerter, Helme und Rosse, damit sie in ihrem Namen in Turnieren fechten konnten. Nun, Eugen, was ich Ihnen anbiete, sind die Waffen unserer Zeit, Dinge, die jeder braucht, der es zu etwas bringen will. Ist die Bodenkammer, in der Sie gegenwärtig hausen, etwa hübsch? Sie wird wohl nicht viel besser sein als Papas Zimmer! Schauen Sie, wollen wir nicht essen? Wollen Sie mir durchaus weh tun? Antworten Sie doch!« sagte sie, seine Hand schüttelnd. »Mein Gott, Papa, überzeuge ihn doch, oder ich gehe weg und sehe ihn niemals wieder!« »Ich werde Sie überzeugen«, sagte Vater Goriot, aus seiner Ekstase erwachend. »Mein lieber Herr Eugen, Sie wollen sich vom Juden Geld leihen, nicht wahr?« »Ich muß wohl«, antwortete er. »Schön! Jetzt habe ich Sie!« entgegnete der Alte und zog eine alte, abgenutzte lederne Brieftasche hervor. »Ich habe mich zum Juden gemacht, ich habe alle Rechnungen bezahlt, hier sind sie. Sie schulden nicht einen Centime für alles, was Sie hier sehen. Es ist keine gar so große Summe, alles in allem fünftausend Franken. Ich leihe Sie Ihnen! Mir werden Sie das nicht verweigern, ich bin ja kein Weib. Sie stellen mir einen Schuldschein aus und geben mir später einmal das Geld zurück.«

Eugen und Delphine sahen einander an, Tränen traten in ihre Augen. Rastignac reichte dem biederen Alten die Hand und drückte sie ihm kräftig.

»Nun, was ist denn Besonderes daran! Seid ihr nicht meine Kinder?« sagte Goriot. »Wie hast du das nur gemacht, mein armer Vater?« fragte Frau von Nucingen. »Ja, also hört!« erwiderte er. »Als ich in dir den Entschluß erweckt hatte, ihm in deiner Nähe eine Wohnung zu nehmen, und als ich dich eine Ausstattung anschaffen sah wie für eine Braut, sagte ich mir: › Sie wird in Geldverlegenheiten kommen!‹ Der Anwalt sagte mir, daß der Prozeß gegen deinen Mann auf Herausgabe deines Vermögens länger als sechs Monate dauern wird. Schön. Ich verkaufte meine dreizehnhundertfünfzig Livres Rentenpapiere, verschaffte mir für fünfzehntausend Franken eine hypothekarisch gesicherte Leibrente von zwölftausend Franken, und mit dem Rest des Kapitals bezahlte ich eure Lieferanten, liebe Kinder. Ich selbst habe hier oben ein Zimmer für fünfzig Taler im Jahr und kann mit vierzig Sous am Tage fürstlich leben; ich behalte sogar noch Geld übrig. Ich habe keine Bedürfnisse, nicht einmal neue Kleider brauche ich. Ja, ja, seit vierzehn Tagen lache ich mir schon ins Fäustchen, wenn ich mir sage: › Wie werden sie glücklich sein!‹ Nun, und seid ihr denn nicht glücklich?« »Ach, Papa, Papa!« sagte Frau von Nucingen, ihrem Vater um den Hals fallend, der sie auf die Kniee zog. Sie bedeckte ihn mit Küssen, koste mit ihren blonden Locken seine Wangen und benetzte das alte, selige, strahlende Antlitz mit Tränen. »Geliebter Vater, was für ein Vater bist du! Nein, es gibt nicht zwei solcher Väter auf Erden. Eugen hatte dich bisher schon sehr lieb, was wird er jetzt sagen!« »Ach, meine Kinder,« sagte Vater Goriot, der seit zehn Jahren nicht mehr das Herz seiner Tochter an seinem schlagen gefühlt hatte, »ach, Delphinette, du willst wohl, daß ich vor Freude sterbe! Mein armes Herz zerspringt. Sehen Sie, Herr Eugen, schon sind wir quitt!« Und der Greis preßte seine Tochter so wild, so trunken an sich, daß sie aufschrie: »Oh, du tust mir weh!« »Ich tue dir weh?« sagte er erbleichend.

Auf seinem Antlitz lag ein tiefer Schmerz, ein übermenschliches Mitleid. Wollte man den Gesichtsausdruck dieses edlen Märtyrers aus Vaterliebe malen, so müßte man Vergleiche ziehen mit den Bildern, die die Fürsten unter den Malern geschaffen haben, um das Leiden des Welterlösers zu schildern. – Ganz sanft küßte Vater Goriot die Stelle, die seine Finger zu fest gedrückt hatten.

»Nein, nein, ich habe dir nicht weh getan?« fuhr er mit fragendem Lächeln fort; »du hast mir weh getan mit deinem Aufschrei!«

Eugen war über die unerschöpfliche Hingabe dieses Mannes wie versteinert; in kindlicher Bewunderung, die ein so schöner Vorzug der Jugend ist, blickte er auf ihn.

»Ich will, ich werde mich all dieser Liebe wert erweisen!« rief er aus. »Oh, mein Eugen, wie schön ist es, was Sie da sagen!« Und Frau von Nucingen küßte den Studenten auf die Stirn.

»Um deinetwillen hat er Fräulein Taillefer und ihre Millionen ausgeschlagen!« sagte Vater Goriot. »Ja, sie liebte Sie, die Kleine; und nun, wo ihr Bruder tot ist, ist sie steinreich.« »Ach, warum erzählen Sie das?« rief Rastignac. »Eugen,« flüsterte ihm Delphine ins Ohr, »jetzt bereue ich diesen Abend. Ach, wie sehr will ich Sie lieben, heute und immer!« »Dies ist der schönste Tag, den ich seit deiner Hochzeit erlebe!« rief Vater Goriot. »Nun mag der liebe Gott mich plagen, soviel es ihm gefällt; wenn nur ihr mir nicht Qual bereitet, so werde ich mir sagen: › Im Februar dieses Jahres hatte ich einen Augenblick des höchsten Glückes, eines Glückes, das andere Leute ihr Leben lang vergeblich suchen!‹ ... Sieh mich an, Fifine!« sagte er zu seiner Tochter. »Wie hübsch sie ist, nicht wahr? Sagen Sie mir doch, haben Sie viele Frauen gesehen, die so blühende Farben haben wie sie und ein so reizendes Grübchen? Nein, nicht wahr? Nun, sehen Sie, ich habe diese reizende Frau geschaffen! Und in Zukunft, wenn sie durch Ihre Liebe glücklich ist, wird sie noch tausendmal schöner sein. Jetzt will ich getrost zur Hölle fahren, mein Freund«, sagte er; »wollen Sie meinen Platz im Paradiese? Ich schenke ihn Ihnen. – Essen wir, essen wir doch«, fuhr er fort, »alles ist unser.« »Der arme Vater!« »Wenn du wüßtest, mein Kind,« sagte er, sich erhebend und zu ihr tretend, »wenn du wüßtest, wie leicht es dir ist, mich glücklich zu machen!« Er nahm ihren Kopf in beide Hände und küßte sie in ihre Locken. »Besuche mich manchmal, ich wohne ja hier oben, du brauchst nur einen Schritt zu tun. Versprich es mir, komm!« »Ja, lieber Vater.« »Sag es noch einmal!« »Ja, mein guter Vater.« »Sei still! Wenn es nach mir ginge, müßtest du es hundertmal wiederholen. Laßt uns essen!«

Der ganze Abend wurde mit Scherz und Kindereien verbracht, und Vater Goriot war der größte Narr von den dreien. Er legte sich auf die Erde, um seiner Tochter die Füße zu küssen; er sah ihr lange und tief in die Augen, er rieb seinen Kopf an ihrem Kleid, kurzum, er beging Narrheiten wie der allerjüngste, allerzärtlichste Liebhaber.

»Sehen Sie,« sagte Delphine zu Eugen, »wenn mein Vater bei mir ist, muß man sich ihm ganz widmen. Das wird wohl manchmal störend sein.«

Eugen, der schon einigemal eifersüchtige Regungen verspürt hatte, wußte diesen Ausdruck, den Inbegriff aller Undankbarkeit, nicht zu tadeln.

»Und wann ist die Wohnung fertig?« fragte Eugen und sah sich im Zimmer um. »Wir müssen uns also heute abend trennen?« »Ja; aber morgen kommen Sie zu mir speisen«, sagte sie mit listigem Lächeln. »Morgen ist Theaterabend.« »Ich werde ins Parterre gehen«, sagte Vater Goriot.

Es war Mitternacht. Frau von Nucingens Wagen wartete, Vater Goriot und der Student kehrten zu der Pension zurück; unterwegs unterhielten sie sich von Delphine und gerieten bei ihren leidenschaftlichen Naturen in einen förmlichen Wettstreit der Begeisterung. Eugen konnte sich nicht verhehlen, daß die Liede des Vaters, von keinem persönlichen Interesse getrübt, die seinige durch Ausdauer und Innigkeit übertraf. Für den Vater war die Angebetete stets rein und schön, und seine Hingabe bereicherte sich sowohl an der Vergangenheit wie an der Zukunft.

Sie fanden Frau Vauquer allein in der Ecke beim Ofen, zwischen Sylvia und Christoph. Die alte Wirtin saß da wie Marius auf den Trümmern Karthagos. Sie erwartete die beiden einzigen Pensionäre, die ihr noch geblieben waren, und klagte mit Sylvia um die Wette. Obgleich Lord Byron seinem Tasso ordentliche Wehklagen in den Mund gelegt hat, so sind sie doch weit entfernt von der tiefen Wahrheit und Aufrichtigkeit der Klageworte Frau Vauquers.

»So werden wir also morgen nur drei Tassen Kaffee zu bereiten haben, Sylvia. Du lieber Himmel, mein Haus wird zur Wüste, das Herz kann einem brechen! Was ist das Leben ohne meine Pensionäre? Nichts! Mein Haus seiner Bewohner beraubt, ausgeräumt, leer! Womit habe ich den Himmel erzürnt, daß er mir so viel Unheil schickt? Wir haben einen Vorrat an Bohnen und Kartoffeln für zwanzig Personen! In meinem Hause die Polizei! Wir müssen uns von jetzt an von Kartoffeln ernähren! Ich werde Christoph entlassen!«

Der Savoyarde, der eingenickt war, erwachte und fragte: »Madame?« »Armer Kerl! Er ist treu wie ein Hund«, sagte Sylvia. »Jetzt ist eine tote Zeit, die Wohnungen sind schon gemietet. Wo soll ich Pensionäre hernehmen? Ich verliere noch den Verstand! Und diese nichtswürdige Michonneau, die mir auch noch den Poiret entführt! Was hat sie nur mit dem Manne angestellt, daß er ihr wie ein Hündchen folgt?« »Ja, zum Teufel,« meinte Sylvia kopfschüttelnd, »diese alten Jungfern verstehen sich aufs Ränkeschmieden!« »Der arme Herr Vautrin, aus dem sie einen Sträfling gemacht haben,« fuhr die Witwe fort, »wahrhaftig, Sylvia, es ist mehr, als ich begreifen kann, ich glaube es noch nicht. Ein so heiterer Mann, der seinen Gloria mit fünfzehn Franken im Monat bezahlte, und immer auf Heller und Pfennig!« »Und der so freigebig war!« sagte Christoph. »Man irrt sich vielleicht in ihm«, sagte Sylvia. »Aber nein, er hat ja selber alles eingestanden«, entgegnete Frau Vauquer. »Und zu denken, daß alle diese Dinge sich hier bei mir ereignet haben, in einer Gegend, wo keine Katze sich blicken läßt! Meiner Seel, ich meine wirklich, ich träume! Denn siehst du, was haben wir nicht alles erlebt: wir haben gesehen, wie Ludwig XVI. gestürzt wurde, wie der Kaiser gestürzt wurde, wie er zurückkehrte und wieder gestürzt wurde, – alles das lag im Bereich des Möglichen; welche Macht aber könnte die Familienpensionen aus der Welt schaffen? Einen König kann man wohl entbehren, nicht aber Essen und Trinken; und wenn nun eine ehrbare Frau, geborene von Conflans, lauter gute Dinge auftischt, so muß doch das Ende der Welt gekommen sein, wenn ... Aber das ist es ja eben, das Ende der Welt ist da!« »Und zu denken, daß dieses Fräulein Michonneau, die Ihnen diesen schlechten Streich gespielt hat, wie man sagt, eine Rente von tausend Talern erhalten soll!« rief Sylvia. »Sprich mir nicht von ihr, sie ist eine Schurkin!« sagte Frau Vauquer; »und nun zieht sie gar zur Buneaud und zahlt ihr noch mehr als mir! Aber diese Person ist zu allem fähig, sie hat sicherlich einmal gestohlen und gemordet. Von Rechts wegen müßte sie ins Bagno an Stelle des armen lieben Herrn ...«

In diesem Augenblick läuteten Eugen und Vater Goriot an der Haustür.
»Ah, da sind meine letzten Getreuen!« sagte die Witwe seufzend.

Die beiden Getreuen, die nur noch eine schwache Erinnerung an die schrecklichen Vorgänge in der Pension hatten, verkündeten ohne Umschweife ihrer Wirtin, daß sie in die Chaussée-d'Antin verziehen würden.

»Ach, Sylvia,« sagte die Witwe, »das gibt mir den Rest! – Sie versetzen mir den Todesstoß, meine Herren! Es hat sich mir auf den Magen geworfen, es benimmt mir den Atem. Dieser Tag macht mich um zehn Jahre älter. Wahrhaftig, wahrhaftig, ich werde noch verrückt! Was fange ich mit den Bohnen an? – Ja, also, wenn ich von nun an allein bin, so mußt du morgen fort, Christoph. – Adieu, meine Herren, gute Nacht!« »Was hat sie nur?« fragte Eugen Sylvia. »Teufel, alle Welt zieht aus! Das hat ihr den Kopf verwirrt. Da, ich höre, daß sie weint. Das ist das erste Mal, daß sie Tränen vergießt, seit ich in ihrem Dienst stehe.«

Am nächsten Tag war Frau Vauquer nach ihrem eigenen Ausspruch › zur Vernunft gekommen‹. Wenn sie auch betäubt schien, wie eben eine Frau, die alle ihre Pensionäre verloren hat und deren Leben gewissermaßen entgleist ist, so hatte sie doch Haltung und zeigte, was wahrer Schmerz ist, Schmerz um geraubten Verdienst und um zerstörte Lebensgewohnheiten. Wahrhaftig, der Blick, mit dem ein scheidender Liebhaber die so vertrauten Räume seiner Geliebten umfängt, kann nicht trauriger sein als der, den Frau Vauquer auf ihre leere Tafel warf. Eugen tröstete sie, indem er ihr sagte, daß Bianchon, dessen Internat in einigen Tagen beendet sei, zweifellos seine Wohnung in ihrem Hause übernehmen werde; auch der Museumsbeamte habe oftmals den Wunsch geäußert, die Wohnung von Frau Couture zu beziehen, und in wenigen Tagen wären ihre Pensionäre sicherlich wieder vollzählig.

»Gott erhör Sie, mein lieber Herr! Aber das Unglück ist da. In weniger als zehn Tagen wird auch der Tod hier einkehren, Sie werden sehen!« sagte sie mit einem düsteren Blick in den leeren Speisesaal. »Wen wird er holen?« »Man sollte sich schleunigst davonmachen«, sagte Eugen leise zu Vater Goriot. »Madame,« sagte Sylvia, die verstört herbeigelaufen kam, »seit drei Tagen habe ich Mistigris nicht gesehen.« »Ah, wenn meine Katze tot ist, wenn sie uns davongelaufen ist, so ...«

Die arme Witwe sprach nicht zu Ende, sie rang die Hände und warf sich in ihren Sessel zurück, vollständig vernichtet von dieser entsetzlichen Ahnung.

Gegen Mittag erhielt Eugen ein elegantes Briefchen, das mit dem Wappen der Beauséants versiegelt war. Es enthielt eine Einladung für Herrn und Frau von Nucingen zu dem seit einem Monat angekündigten großen Ball bei der Vicomtesse. Der Einladung waren ein paar Worte für Eugen beigefügt:

› Ich denke mir, mein Herr, daß Sie es mit Vergnügen übernehmen werden, Frau von Nucingen meine Empfehlungen zu überbringen; beigeschlossen sende ich Ihnen die Einladung, um die Sie mich baten, und werde entzückt sein, die Bekanntschaft der Schwester Frau von Restauds zu machen. Bringe Sie mir also die hübsche kleine Frau und schenke Sie ihr nicht Ihre ganze Zuneigung; denn für die Gefühle, die ich Ihnen entgegenbringe, schulden Sie auch mir ein wenig Dank.

Vicomtesse von Beauséant.‹

› Nun‹, sagte sich Eugen, den Brief noch einmal durchlesend, › Frau von Beauséant sagt mir deutlich genug, daß sie ihn, den Baron von Nucingen, nicht zu empfangen wünscht.‹

Er begab sich sofort zu Delphine, glücklich, ihr eine Freude zu bereiten, die ihm sicherlich guten Lohn einbringen würde. Frau von Nucingen befand sich im Bade. Rastignac wartete im Boudoir, ein Opfer der so natürlichen Ungeduld eines feurigen jungen Mannes, der voller Sehnsucht ist nach dem endlichen Besitz einer seit einem Jahre umworbenen Geliebten. Derartige Aufregungen empfindet ein junger Mann nur einmal in seinem Leben. Das erste Weib, das sich einem Manne in allem Glanze der vornehmen Gesellschaft zeigt und das dann gewissermaßen doppelt Weib ist, hat weder Nebenbuhlerinnen noch Nachfolgerinnen. In Paris ist die Liebe anders als in anderen Gegenden. Weder Männer noch Frauen unterliegen hier den öden Gemeinplätzen, die man sonst wohl aus Gründen der Höflichkeit und sogenannter Uneigennützigkeit anzubringen liebt. Hier in Paris soll eine Braut nicht nur Herz und Sinne befriedigen, sondern sie weiß selbst recht gut, daß sie den tausend Eitelkeiten des Gesellschaftslebens gegenüber gewisse Verpflichtungen zu erfüllen hat. Hier vor allem ist die Liebe prahlerisch, kühn, verschwenderisch, marktschreierisch und prunkvoll stolz. Wenn alle Frauen am Hofe Ludwigs XVI. Fräulein von la Vallière um die hinreißende Leidenschaft beneideten, die diesen großen Fürsten vergessen ließ, daß das Paar seiner Spitzenmanschetten ihn zweitausend Taler kostete, als er sie zerriß, um dem Herzog von Vermandois den Eintritt ins Leben zu erleichtern, – was kann man da von der übrigen Menschheit verlangen? Seid jung, reich und von Adel, seid noch mehr, wenn ihr es könnt; je mehr Weihrauch ihr eurem Götzenbilde streut, desto mehr wird es euch gewogen sein, vorausgesetzt eben, daß ihr ein Götzenbild habt. Die Liebe ist eine Religion, und ihr Kult ist kostspieliger als der aller anderen Religionen; Amor ist immer in Eile, läuft an dir vorbei wie ein Gassenjunge, der es liebt, durch Verwüstungen seinen Weg zu bezeichnen. Der Luxus der Empfindsamkeit ist die Poesie der Dachkammern; was wäre die Liebe ohne diesen Reichtum? Gibt es auch Ausnahmen dieses drakonischen Pariser Gesetzes, so begegnet man ihnen doch nur in der Einsamkeit, bei jenen Seelen, die sich vom allgemeinen Brauch noch nicht haben fortreißen lassen, die neben klaren, fruchtbaren, unendlich fließenden Quellen wohnen; die, ihren grünen Schattenhängen treu, und glücklich, der Sprache des Ewigen zu lauschen, die ihnen aus allem, ja sogar aus ihnen selbst entgegentönt, geduldig ihrer Flügel harren. Rastignac aber, gleich allen jungen Leuten, die sich am Großen berauschen, wollte mit allen Waffen in die Schranken treten; er fühlte ein trunkenes Fieber in sich und die Kraft, das Leben zu beherrschen, aber er kannte weder die Mittel noch das Ziel seines Ehrgeizes. Alle, denen nicht etwa eine reine und heilige Liebe das Leben ausfüllt, kann dieser Durst veredeln; er vermag es, den persönlichen Eigennutz zu zerstören und sich die Größe des Vaterlandes zum Ziel zu setzen. Aber der Student war noch nicht auf der Höhe angelangt, die es dem Menschen gestattet, den Lauf des Lebens zu überblicken und zu beurteilen. Er hatte noch nicht einmal den lieblichen Zauber der frischen, frohen Anschauungen abzustreifen vermocht, der wie mit grünem Laube die Jugend eines Provinzlers umhegt. Er hatte noch immer gezögert, den Rubikon von Paris zu überschreiten. Trotz seiner brennenden Neugier hing seine Seele noch immer an der Vorstellung der schlichten, biederen Lebensführung eines Landedelmannes auf seinem Schlosse. Am vergangenen Abend aber, als er sich in seiner neuen Wohnung befand, waren seine letzten Bedenken geschwunden. So wie er sich schon lange der gesellschaftlichen Vorzüge erfreute, die eine edle Geburt verleiht, genoß er nun die materiellen Vorzüge des Besitzes; er hatte den Provinzmenschen abgestreift und sich eine Stellung gesichert, die ihn eine schöne Zukunft erblicken ließ. Als er nun hier in diesem hübschen kleinen Boudoir, das er auch ein wenig als sein eigen ansah, voller Ruhe und Behagen Delphine erwartete, fühlte er sich dem vor einem Jahre nach Paris gekommenen Rastignac so fern, daß er sich fragte, ob er wirklich noch er selber sei.

»Die gnädige Frau ist in ihrem Zimmer«, meldete ihm Therese.
Er erbebte.

Er fand Delphine frisch und ausgeruht auf einem Ruhebett neben dem Kamin. Wie er sie da so auf Wogen von Musselin ruhen sah, konnte er nicht umhin, sie mit jenen schönen Blumen Indiens zu vergleichen, die in der Blüte schon die Frucht hervorbringen.

»Willkommen, mein Freund!« rief sie ihm bewegt entgegen. »Raten Sie, was ich Ihnen bringe!« sagte Eugen, sich an ihre Seite setzend, und ergriff ihren Arm, um ihre Hand zu küssen.

Als Frau von Nucingen die Einladung gelesen hatte, lächelte sie erfreut. Sie heftete ihre feuchten Augen auf Eugen und schlang die Arme um seinen Hals, um ihn in einem Rausch befriedigter Eitelkeit an sich zu ziehen.

»Und Sie sind es – du«, flüsterte sie ihm ins Ohr; »aber Therese ist in meinem Ankleidezimmer, seien wir also vorsichtig! – Sie, dem ich dieses Glück verdanke? Ja, ich nenne es ein Glück. Ist es nicht mehr als ein Triumph befriedigter Eigenliebe, da es von Ihnen kommt? Niemand wollte mich dort in der obersten Gesellschaft vorstellen. Vielleicht finden Sie mich nun kleinlich, albern und leichtfertig, ganz Pariserin; aber bedenken Sie, mein Freund, daß ich Ihnen alles zu opfern bereit bin und daß ich nur darum danach verlange, im Faubourg Saint-Germain aufgenommen zu werden, weil Sie dort sind.« »Finden Sie nicht,« sagte Eugen, »daß Frau von Beauséant uns andeuten will, daß es ihr nicht erwünscht ist, den Baron von Nucingen auf ihrem Ball zu sehen?« »Allerdings ja«, sagte die Baronin, Eugen den Brief zurückgebend. »Wie diese Damen es verstehen, unverschämt zu sein! Aber was tuts, – ich werde hingehen. Meine Schwester wird dort sein; ich weiß, daß sie sich ein entzückendes Kleid machen läßt. Eugen,« fuhr sie mit leiser Stimme fort, »sie geht hin, um einen schrecklichen Verdacht zu widerlegen. Sie wissen nicht, was für Gerüchte über sie im Umlauf sind! Nucingen sagte mir heute morgen, daß man gestern ganz ungeniert im Klub davon sprach. Mein Gott, wie leicht büßt eine Frau, büßen ganze Familien ihre Ehre ein! Ich selbst fühle mich in der Person meiner armen Schwester angegriffen und verletzt. Nach gewissen Andeutungen soll Herr von Trailles Wechsel in Höhe von hunderttausend Franken ausgestellt haben; sie sind fast alle schon verfallen, und er wird gerichtlich verfolgt. In ihrer äußersten Not soll meine Schwester ihre Diamanten an einen Juden verkauft haben, – diese herrlichen Diamanten, die Sie wohl oft genug bewundert haben und die von Frau von Restaud, ihrer Schwiegermutter, stammen. Kurzum, seit zwei Tagen spricht man von nichts anderem als von dieser leidigen Geschichte. Ich begreife nun, daß Anastasia sich ein ganz besonders kostbares Kleid machen läßt, um bei Frau von Beauséant in allem Glanze und im Schmuck ihrer Diamanten zu erscheinen und aller Blicke auf sich zu lenken. Aber ich will nicht hinter ihr zurückstehen. Sie hat immer versucht, mich in den Schatten zu stellen; sie ist niemals gut zu mir gewesen, obwohl ich ihr so manchen Dienst erwiesen und ihr mit Geld ausgeholfen habe, wenn sie dessen bedurfte ... Doch lassen wir das, heute will ich ganz glücklich sein!«

Rastignac war noch um ein Uhr nachts bei Frau von Nucingen. Beim Lebewohl, nachdem sie all die süßen Liebesworte gesagt hatten, die voller Wiedersehensfreude sind, fügte sie mit schmerzlichem Ausdruck hinzu: »Ich bin so ängstlich, so abergläubisch – nennen Sie es, wie Sie wollen –, daß ich zittere, mein Glück mit irgendeiner schrecklichen Katastrophe bezahlen zu müssen.« »Kind!« sagte Eugen. »Ja, heute abend bin ich das Kind«, sagte sie lächelnd.

Eugen kehrte zum Hause Vauquer zurück, mit der Gewißheit, es anderntags für immer zu verlassen; er überließ sich also unterwegs den schönen Träumen, denen alle jungen Leute sich hingeben, solange sie noch den Geschmack des Glückes auf den Lippen spüren.

»Nun?« sagte Vater Goriot, als Rastignac an seiner Tür vorbeiging. »Nun«, erwiderte Eugen, »morgen werde ich Ihnen alles erzählen.« »Alles, nicht wahr?« rief der Alte. »Gehen Sie zu Bett! Morgen beginnt unser neues, glückliches Dasein!«

Am anderen Tage warteten Goriot und Rastignac nur noch auf den guten Willen eines Dienstmannes, um die Familienpension zu verlassen, als man gegen Mittag das Rollen eines Wagens vernahm, der vor dem Hause Vauquer anhielt. Frau von Nucingen stieg aus ihrem Wagen; sie erkundigte sich, ob ihr Vater sich noch hier befinde, und auf Sylvias bejahende Antwort eilte sie schnell die Treppe hinauf. Eugen befand sich in seinem Zimmer, ohne daß sein Nachbar davon wußte. Er hatte beim Frühstück Vater Goriot gebeten, auch seine eigenen Sachen wegschaffen zu lassen, mit dem Bemerken, ihn um vier Uhr in der Rue d'Artois wiedertreffen zu wollen. Als aber der Alte weggegangen war, um ein paar Träger zu holen, war Eugen, nachdem er für kurze Zeit im Kolleg gewesen, unbemerkt wiedergekommen; er wollte mit Frau Vauquer abrechnen, denn er befürchtete, daß Goriot in seiner Schwärmerei am Ende auch für ihn mit bezahlen werde. Die Wirtin war ausgegangen. Eugen stieg in sein Zimmer hinauf, um nachzusehen, ob nichts vergessen worden sei; und er beglückwünschte sich zu diesem Gedanken, als er in seinem Tischschubfach den Vautrin ausgestellten Wechsel fand, den er am Tage der Einlösung sorglos dort hineingeworfen hatte. Da kein Feuer im Ofen war, wollte er das Papier in kleine Stücke zerreißen. Als er die Stimme Delphines vernahm, hielt er inne, um zu lauschen, denn was für Geheimnisse sollte es zwischen ihnen geben? Nach den ersten Worten aber fand er die Unterhaltung zwischen Vater und Tochter zu interessant, ihr nicht genau zuzuhören.

»Ach, mein Vater,« sagte sie, »wärst du doch nur früher auf den Gedanken gekommen, über mein Vermögen Rechenschaft zu verlangen, damals, als es noch nicht zu spät war! ... Darf ich hier frei reden?« »Ja, das Haus ist leer«, erwiderte Vater Goriot mit versagender Stimme. »Was hast du denn, mein Vater?« fragte Frau von Nucingen. »Welch einen Hieb hast du mir versetzt!« entgegnete der Greis. »Gott verzeihe dir, mein Kind! Du weißt nicht, wie sehr ich dich liebe; denn wenn du es wüßtest, so hättest du mir das nicht gesagt, da doch wohl noch kein Grund zur Verzweiflung vorhanden ist. Was liegt denn so Eiliges vor, daß du mich hier aufsuchst, da du mich doch ein paar Minuten später in der Rue d'Artois hättest treffen können?« »Ach, mein Vater, wenn das Unglück hereinbricht, ist man nicht mehr Herr seiner Handlungen. Ich bin fast wahnsinnig! Dein Anwalt hat uns frühzeitig das Unglück aufgedeckt, das sicherlich demnächst eintreten wird. Deine geschäftliche Erfahrung wird uns jetzt notwendig sein, und ich bin zu dir gelaufen, wie ein Ertrinkender den rettenden Zweig zu erhaschen sucht. Als Herr Derville sah, daß Nucingen ihm tausend Hindernisse in den Weg legte, drohte er ihm mit einem Prozeß, indem er ihm sagte, daß die Ermächtigung des Gerichtspräsidenten dazu leicht zu erhalten sei. Daraufhin kam Nucingen heute morgen zu mir und fragte mich, ob ich seinen und meinen Untergang wolle. Ich antwortete ihm, daß ich von alledem nichts verstände, daß ich ein eigenes Vermögen besäße, in dessen Besitz ich zu gelangen wünschte, und daß alles, was sich auf diese Angelegenheit bezöge, meinen Anwalt angehe. Das war es doch, was zu sagen du mir angeraten hattest?« »Jawohl, ganz gut«, versetzte Vater Goriot. »Nun weiter«, fuhr Delphine fort; »er weihte mich in seine Geschäfte ein. Er hatte sein und mein ganzes Geld in kaum begonnenen Unternehmungen angelegt, die von vornherein großer Summen bedurften. Wenn ich ihn zwänge, meine Mitgift herauszugeben, so käme er in ungeheure Schwierigkeiten; wenn ich dagegen ein Jahr warten wolle, so verpflichte er sich auf Ehrenwort, mir den doppelten oder dreifachen Betrag meiner Mitgift auszuzahlen und das Vermögen in Grundbesitz anzulegen, worauf ich dann frei darüber verfügen könne. Mein lieber Vater, er war so aufrichtig, daß er mich erschreckte. Er bat mich um Verzeihung, er sagte, er gewähre mir völlige Freiheit, nach meinem Gefallen zu leben, unter der Bedingung, daß ich ihm erlaube, die Geschäfte unter meinem Namen fortzuführen. Um mir seinen guten Willen zu beweisen, schlug er vor, Herrn Derville, sooft ich wolle, Einblick in die Bücher zu gewähren. Kurz, er hat sich mir mit gebundenen Händen überliefert. Er verlangt, noch zwei Jahre selbst die Führung des Hauses zu behalten, und er beschwor mich, für mich selbst nicht mehr auszugeben, als er mir bewillige. Er bewies mir, daß er vor allem den Schein wahren müsse, daß er aber seine Tänzerin aufgegeben habe und daß er zur äußersten Sparsamkeit gezwungen sei, um das Ende seiner Spekulationen abzuwarten, ohne seinen Kredit zu erschüttern. Ich behandelte ihn schlecht und zweifelte seine Worte an, denn ich wollte ihn zum Äußersten treiben und alles in Erfahrung bringen. Er zeigte mir seine Bücher und weinte sogar. Niemals habe ich einen Mann in solchem Zustande gesehen. Er war kopflos, er sprach von Selbstmord, er war halb irrsinnig. Ich hatte Mitleid mit ihm.« »Und du glaubst diesen Albernheiten?« rief Vater Goriot. »Er ist ein Komödiant! Ich kenne deutsche Geschäftsleute: sie sind fast alle ehrlich und anständig; wenn sie aber unter ihrer freimütigen und biederen Miene den Schurken verbergen, so sind sie zehnmal schlimmer als die andern. Dein Mann täuscht dich. Er fühlt sich in die Enge getrieben, er spielt den Selbstmörder, und er wird trotz allem, selbst wenn die Geschäfte unter deinem Namen fortgeführt werden, noch mehr Herr der Dinge sein, als er es jetzt ist. Er wird sich diesen Umstand zunutze machen, um sich gewisse Vorteile zu sichern. Er ist ebenso durchtrieben wie unredlich; er ist ein Halunke! Nein, nein, man schafft mich nicht zum Père-Lachaise, solange meine Töchter von allem entblößt sind! Noch verstehe ich mich ein wenig auf Geschäfte. Er hat, sagt er, seine Gelder in Unternehmungen angelegt; nun gut, so muß er darüber Wertpapiere, Quittungen, Verträge besitzen. Er zeige sie und rechne ab mit dir! Wir werden die besten Unternehmungen auswählen, werden das Wagnis auf uns selber nehmen und die Urkunden unter dem Namen › Delphine Goriot, in Gütertrennung lebende Gattin des Barons von Nucingen‹ eintragen lassen. Ja, hält uns denn der Kerl für Dummköpfe? Meint er, ich könne auch nur zwei Tage lang den Gedanken ertragen, dich ohne Geld, ohne Brot zu wissen? Ich ertrüge es nicht einen Tag, nicht eine Nacht, nicht zwei Stunden! Wie, ich sollte vierzig Jahre meines Lebens gearbeitet, Säcke geschleppt, Ströme von Schweiß vergossen und alle erdenklichen Entbehrungen ertragen haben, damit heute mein Vermögen, mein Leben in Rauch aufgehen? Ich könnte sterben vor Wut! Bei allem, was im Himmel und auf Erden heilig ist, wir wollen die Sache ans Licht ziehen, die Bücher, die Kasse prüfen! Ich schlafe nicht, ich ruhe nicht, ich esse nicht eher, als bis ich überzeugt bin, daß dein Vermögen unverletzt vorhanden ist. Gott sei Dank lebst du in Gütertrennung! Du wirst Herrn Derville, einen wirklich ehrenhaften Mann, zum Anwalt haben. Bei Gott, du sollst deine hübsche kleine Million, deine fünfzigtausend Franken Rente bis an dein Lebensende behalten, oder ich schlage ganz gewaltigen Krach! Ja, wahrhaftig, ich würde mich selbst an die Kammer wenden, wenn die Gerichte uns nicht recht geben sollten. Dich hinsichtlich des Geldes ruhig und glücklich zu wissen, war das nicht der einzige Gedanke, der meine Leiden milderte, meinen Gram versüßte? Geld ist Leben, Geld ist alles! Was singt er uns denn vor, dieser dicke Klotz von einem Elsässer? Laß ihm nur keinen Heller nach, Delphine, diesem elenden Menschen, der dich an die Kette gelegt und unglücklich gemacht hat. Wenn er deiner bedarf, wollen wir ihn schon an die Leine nehmen und auf geraden Wegen halten. Mein Gott, wie mein Kopf brennt, mein Schädel steht in Flammen! Meine Delphine am Hungertuch! O meine Fifine, du! Zum Teufel, wo sind meine Handschuhe? Komm, gehen wir, ich will sofort alles sehen, die Bücher, den Geschäftsgang, die Kasse, die Korrespondenz. Ich werde mich nicht eher beruhigen, als bis man mir bewiesen hat, daß dein Vermögen nicht mehr gefährdet ist.« »Sei vorsichtig, lieber Vater! Ich wäre verloren, wenn man deine feindlichen Absichten oder gar deine Rachegelüste bemerkte. Er kennt dich, er fand es ganz natürlich, daß ich, deinem Rate folgend, um mein Vermögen Sorge trug; aber du siehst, er hat es nun einmal in Händen und hat es in die Hände bekommen wollen. Der Schurke ist ganz der Mann dazu, mit allen Geldern die Flucht zu ergreifen und uns mittellos zurückzulassen. Er weiß zu gut, daß ich ihn nicht verfolgen würde, um den Namen, den ich trage, nicht zu entehren. Er ist zugleich stark und schwach. Ich überblicke die Sachlage ganz gut; treiben wir ihn zum Äußersten, so bin ich verloren.« »Ja, ist er denn ein solcher Schuft?« »Ja, er ist es, mein Vater«, sagte sie, weinend in einen Stuhl sinkend. »Ich wollte es dir nicht bekennen, um dir den Kummer zu ersparen, mich an einen solchen Mann verheiratet zu haben. Sein Betragen und sein Gewissen, Seele und Körper, alles stimmt zueinander. Es ist schrecklich; ich hasse ihn, und ich verachte ihn. Ja, ich kann diesen gemeinen Menschen nach dem, was er mir gesagt hat, nicht mehr achten. Ein Mann, der fähig ist, derartige Handelsgeschäfte zu machen, wie er sie mir berichtete, hat nicht das mindeste Zartgefühl, und weil ich in seiner Seele gelesen habe, darum bin ich so besorgt. Er, mein Mann, hat mir klipp und klar weiteste Freiheit angeboten – du weißt, was das bedeutet! –, wenn ich ihn dafür im Falle der Not mit meinem Namen decken wolle.« »Aber es gibt doch noch Gesetze! Es gibt noch das Schafott!« rief Vater Goriot. »Ja, ich würde ihn selber hinrichten, wenn es keinen Henker gäbe.« »Nein, mein Vater, gegen ihn gibt es keine Gesetze. Ich will dir kurz und ohne die Umschweife, die er machte, seine Worte wiederholen: › Entweder alles ist verloren, und du bist zugrunde gerichtet, denn ich kann keinen anderen zum Mitschuldigen wählen als dich, oder du läßt mich meine Unternehmungen zu Ende führen.‹ Ist das nicht klar genug? Er vertraut mir noch! Er weiß, daß ich redlich genug bin, ihm sein Vermögen zu belassen und mich mit meinem eigenen zu begnügen; und doch muß ich mich unter dem Druck der Not zu dieser unredlichen und betrügerischen Gemeinschaft entschließen. Meine Gewissenhaftigkeit kauft er mir einfach ab und bezahlt sie mir damit, daß er mir gestattet, nach Gefallen mit Eugen zu leben. › Ich erlaube dir, Fehltritte zu begehen; erlaube du mir, meine unsauberen Geschäfte weiterzuführen und arme Leute zugrunde zu richten!‹ Ist diese Rede nicht deutlich genug? Weißt du, was er Geschäfte machen nennt? Er kauft unter seinem eigenen Namen Bauterrain, auf dem er dann durch vorgeschobene Auftraggeber Bauten aufführen läßt. Diese Strohmänner schließen mit den Unternehmern die Geschäfte ab; sie vereinbaren einen weit hinausgerückten Zahlungstermin und stellen gegen eine gewisse Entschädigungssumme meinem Mann eine Bescheinigung aus, daß er nunmehr Besitzer der Häuser sei, während sie sich mit den Unternehmern dadurch abfinden, daß sie Bankrott machen. Der Name des Hauses Nucingen dient dazu, die armen Bauunternehmer zu blenden. Ich habe das herausbekommen. Ich habe auch herausbekommen, daß Nucingen, um im Notfalle die Ausgabe ungeheurer Summen beweisen zu können, bedeutende Geldbeträge nach Amsterdam, London, Neapel und Wien geschickt hat. Wie könnten wir uns diese Summen zurückgewinnen?«

Eugen vernahm einen dumpfen Fall; Vater Goriot war in die Kniee gesunken.

»Mein Gott, was habe ich dir getan? Meine Tochter diesem Elenden ausgeliefert, der sie zu allem zwingen kann, wenn er will. – Verzeihung, mein Kind!« rief der Greis. »Ja, es ist vielleicht ein wenig deine Schuld, daß ich in diesem Abgrund stecke«, sagte Delphine. »Wir sind ja noch so unvernünftig, wenn wir heiraten! Kennen wir die Welt, die Menschen, die Gebräuche und Geschäfte? Die Väter sollten für uns denken. Doch, lieber Vater, ich will dir nichts vorwerfen, vergib mir dieses Wort! Hier bin ich die Schuldige. Nein, weine nicht, Papa!« sagte sie, den Vater auf die Stirn küssend. »Weine auch du nicht, meine kleine Delphine! Laß mich deine Augen mit meinen Küssen trocknen. Komm! Ich werde meine Besinnung schon wiederfinden und die Fäden, die dein Gatte so geschickt verwirrt hat, zu lösen wissen.« »Nein, laß mich nur machen; ich weiß ihn zu behandeln. Er liebt mich; schön, so werde ich meine Macht über ihn ausnützen und ihn dahin bringen, daß er mir sofort ein gewisses Kapital in Grundbesitz anlegt. Vielleicht er reiche ich, daß er unter meinem Namen das Gut Nucingen im Elsaß zurückkauft. Aber komm morgen, um seine Papiere und seine Bücher zu prüfen. Herr Derville versteht nichts von Handelsgeschäften ... Nein, komm nicht morgen! Ich will mich nicht wieder aufregen. Übermorgen ist der Ball bei Frau von Beauséant, und ich will mich schonen, um schön und ausgeruht zu sein und meinem lieben Eugen Ehre zu machen ... Komm, laß uns sein Zimmer anschauen!«

In diesem Augenblick hielt unten ein Wagen, und man hörte von der Treppe her die Stimme der Frau von Restaud, die zu Sylvia sagte: »Ist mein Vater zu Hause?«

Dieser Umstand rettete glücklicherweise Eugen, der schon beschlossen hatte, sich auf sein Bett zu werfen und zu tun, als ob er schliefe.

»Ach, lieber Vater, hat man dir etwas über Anastasia erzählt?« fragte Delphine, als sie die Stimme der Schwester erkannte. »Es scheint, als seien auch ihr besondere Dinge begegnet.« »Was nur?« sagte Vater Goriot. »Es wäre mein Tod! Mein armer Kopf kann so viel Elend nicht ertragen.« »Guten Tag, mein Vater«, sagte die Gräfin eintretend. »Ah, du hier, Delphine?«

Frau von Restaud schien verlegen, ihrer Schwester zu begegnen.

»Guten Tag, Stasie«, sagte die Baronin. »Findest du meine Anwesenheit so merkwürdig? Ich besuche meinen Vater täglich.« »Seit wann?« »Wenn du selbst kämst, würdest du es wissen.« »Ärgere mich nicht, Delphine«, sagte die Gräfin mit klagender Stimme. »Ich bin sehr unglücklich; ich bin verloren, mein armer Vater, oh, diesmal wirklich verloren!« »Was ist, Stasie, was hast du?« rief Vater Goriot. »Sage uns alles, mein Kind! – Sie wird ohnmächtig! – Delphine, geh, hilf ihr doch, sei gut zu ihr, ich werde dich noch lieber haben als bisher, wenn das überhaupt möglich ist!« »Meine arme Stasie«, sagte Frau von Nucingen, ihre Schwester in den Arm nehmend, »so sprich doch! Du siehst in uns die zwei einzigen Menschen, die dich aufrichtig genug lieben, dir alles zu verzeihen. Nur in der Familie lebt die wahre Liebe!«

Sie ließ die Gräfin Riechsalz einatmen, und sie kam wieder zu sich.

»Ich sterbe daran!« sagte Vater Goriot. »Kommt«, fuhr er fort und schürte das schwache Feuer im Kamin, »setzt euch alle beide hierher! Mir ist kalt. Was ist dir, Stasie? Sprich schnell, du tötest mich ...« »Also«, sagte das arme Weib, »mein Mann weiß alles! Denke dir, mein Vater, jener von Maxime ausgestellte Wechsel, von dem ich dir vor einiger Zeit erzählte, war nicht der erste. Ich hatte bereits viele solcher Wechsel eingelöst. Anfang Januar nun erschien mir Herr von Trailles besonders bekümmert. Er sagte mir nichts; aber es ist so leicht in den Herzen derer zu lesen, die wir lieben; ein Nichts genügt, auch gibt es Vorahnungen. Er war liebevoller und zärtlicher als jemals, er machte mich von Tag zu Tag glücklicher. Armer Maxime! Wie er mir später sagte, nahm er damals in Gedanken Abschied von mir: er wollte sich erschießen! Also ich quälte ihn, ich beschwor ihn, ich lag zwei Stunden zu seinen Füßen ... er bekannte mir, daß er hunderttausend Franken Schulden habe! O Papa, hunderttausend Franken! Ich dachte, ich würde wahnsinnig. Ich wußte, du hattest sie nicht, hatte ich dir doch alles schon genommen ...« »Nein«, sagte Vater Goriot, »ich hätte dir nicht helfen können, es sei denn, daß ich sie gestohlen hätte. Aber ich hätte es getan, Stasie! Ich werde es noch tun!«

Bei diesen trauervoll gesprochenen Worten, die wie das Röcheln eines Sterbenden klangen und von der Ohnmacht redeten, unter der die väterliche Liebe schmachtete, verstummten die Schwestern. Welche Eigensucht wäre auch bei solchem Verzweiflungsschrei kalt geblieben, der wie ein in einen Abgrund geschleuderter Stein unermeßliche Tiefen ahnen ließ?

»Ich beschaffte die Summe, indem ich mich an dem vergriff, was nicht mir gehörte, mein Vater«, sagte die Gräfin, in Tränen ausbrechend.

Delphine war gerührt und weinte am Halse ihrer Schwester.
»So ist also alles wahr?« sagte sie zu ihr.

Anastasia senkte den Kopf, Frau von Nucingen umarmte sie, küßte sie zärtlich und bettete sie an ihrem Herzen. »Hier wirst du immer Liebe finden!« sagte sie. »Meine Engel,« sagte Goriot mit schwacher Stimme, »warum konnte erst das Unglück euch versöhnen?«

Ermutigt von diesen Beweisen inniger Liebe, fuhr die Gräfin fort: »Um Maxime das Leben, um mir mein ganzes Glück zu retten, brachte ich jenem Herrn Gobseck, den du kennst, diesem mitleidlosen Höllenteufel, die Familiendiamanten des Herrn von Restaud, die seinigen und die meinigen, alle, und verkaufte sie. Verkaufte sie, verstehst du? Er war gerettet! Aber ich bin dem Tode verfallen. Restaud hat alles erfahren.« »Wieso? Durch wen? Ich will ihn umbringen!« schrie Vater Goriot. »Gestern ließ er mich auf sein Zimmer rufen. Ich ging hin ... › Anastasia,‹ sagte er mit einer Stimme ... oh, diese Stimme! ... ich wußte genug! – › wo sind deine Diamanten?‹ › Bei mir.‹ › Nein,‹ sagte er, mich fest anblickend, › sie sind da auf der Kommode.‹ Und er zeigte mir das Schmuckkästchen, das er mit seinem Taschentuch bedeckt hatte. › Du weißt, woher ich sie habe!‹ sagte er zu mir. Ich sank zu seinen Füßen, – ich weinte, ich fragte ihn, welchen Tod er mich sterben sehen wolle.« »Das hast du gesagt?« rief Vater Goriot. »Beim heiligen Namen Gottes, der jenige, der einer von euch etwas Böses antut, solange ich noch am Leben bin, kann gewiß sein, daß ich ihn bei lebendigem Leibe röste! Ja, ich werde ihn zerstückeln ...«

Vater Goriot schwieg, die Worte versagten ihm.

»Nun, liebe Schwester, er verlangte Schlimmeres von mir als sterben. Der Himmel bewahre eine jede Frau vor dem, was ich anhören mußte!« »Ich werde diesen Mann ermorden«, sagte Vater Goriot ruhig. »Aber er hat nur ein Leben, und er ist mir deren zwei schuldig. Nun weiter!« fuhr er fort, Anastasia anblickend. »Nun«, sagte die Gräfin, »nach einer Pause sah er mich an. › Anastasia,‹ sagte er zu mir, › ich will über die ganze Sache Schweigen bewahren, wir werden beisammen bleiben, denn wir haben Kinder. Ich werde Herrn von Trailles nicht töten, da ich ihn verfehlen könnte, und wenn ich mich seiner auf andere Weise entledigte, so würde das vielleicht gegen die menschliche Gerechtigkeit verstoßen. Ihn in deinen Armen töten hieße die Kinder entehren. Aber wenn dir daran liegt, weder deine Kinder, noch ihren Vater, noch mich zugrunde gehen zu sehen, so stelle ich dir zwei Bedingungen. Antworte: Gehört eines der Kinder mir?‹ Ich sagte ja. › Welches?‹ fragte er. › Ernst, unser Ältester.‹ › Gut‹, sagte er. › Schwöre mir nun, mir fernerhin in einem einzigen Punkte zu gehorchen!‹ Ich schwor. › Du wirst den Verkauf deines Vermögens unterzeichnen, sobald ich es verlangen werde.‹« »Unterzeichne nicht!« rief Vater Goriot; »du darfst das niemals unterzeichnen. Ah, Herr von Restaud Sie wissen ja gar nicht, was es heißt, eine Frau glücklich zu machen; sie muß ihr Glück suchen, da, wo es zu finden ist, und Sie bestrafen sie noch für Ihre eigene Unfähigkeit? ... Aber noch bin ich da, also halt! Ich werde mich ihm in den Weg stellen. – Sei nur ruhig, Stasie! Er will sich an seinen Erben halten. Schön, schön! so werde ich ihm seinen Sohn, der, zum Teufel! doch auch mein Enkel ist, entführen. Ich werde das Jungchen schon zu fassen kriegen. Ich werde ihn in mein Heimatdorf setzen und gut für ihn sorgen, darüber kannst du also beruhigt sein. Das Ungeheuer aber werde ich zur Nachgiebigkeit zwingen, indem ich ihm sage: › Jetzt hast du es mit mir zu tun! Willst du deinen Sohn zurück, so händige meiner Tochter ihr Vermögen wieder aus und laß sie nach Gefallen leben.‹« »Mein Vater!« »Ja, dein Vater! Ja, ich bin ein wahrer Vater! Daß dieser Narr von einem Edelmann es wage, meine Tochter zu mißhandeln! Donnerwetter! Ich fühle Tigerblut in mir, ich könnte diese beiden Männer zerfleischen! O meine Kinder, ist das euer Leben? Aber für mich ist es der Tod ... Was wird aus euch, wenn ich nicht mehr da bin? Die Väter sollten eigentlich ebensolange am Leben bleiben wie ihre Kinder. Mein Gott, wie ist deine Welt so schlecht bestellt! Und dennoch hast du einen Sohn, wie man uns sagt. Du solltest es nicht zugeben, daß wir in unseren Kindern leiden. Ach, meine Engel, danke ich eure Gegenwart nicht immer eurem Kummer? Nur in Tränen sehe ich euch. Nun gut, ja, ich sehe es, ihr liebt mich. Kommt, kommt nur her und beklagt euch! Mein Herz ist weit, es vermag viel zu fassen! Ja, soviel ihr mir auch das Herz durchbohrt, die Fetzen werden sich doch immer wieder zu einem neuen Vaterherzen formen. Wie sollte ich nicht euer Leid auf mich nehmen, für euch dulden? Ach, als ihr noch klein wart, wie wart ihr da glücklich ...« »Das war unsere einzige gute Zeit«, sagte Delphine. »Wo sind die Stunden, da wir im großen Speicher von den hohen Säcken herunterkugelten?« »Mein Vater, ich habe dir noch nicht alles gesagt«, flüsterte Anastasia dem Alten ins Ohr, der entsetzt in die Höhe fuhr. »Die Diamanten ließen sich nicht für hunderttausend Franken verkaufen. Maxime wird verfolgt. Zwölftausend Franken haben wir noch zu bezahlen. Er hat mir versprochen, vernünftig zu sein und nicht mehr zu spielen. Ich habe auf der Welt nichts mehr als seine Liebe, und ich habe sie so teuer bezahlt, daß ich sterben werde, wenn ich sie nun verlieren sollte. Ich habe ihm alles geopfert: mein Vermögen, meine Ehre, meine Ruhe, meine Kinder. Oh, hilf mir wenigstens so weit, daß Maxime frei und ehrenhaft dasteht, daß er weiter in jenen Kreisen leben kann, in denen es ihm möglich sein wird, sich eine neue Position zu schaffen. Wir haben Kinder, die gänzlich mittellos sein werden. Alles ist verloren, wenn man ihn nach Sainte-Pélagie schafft.« »Ich habe nichts mehr, Stasie, nichts, gar nichts mehr! Das Ende der Welt ist da. Ja, die Welt muß zusammenstürzen, es ist gewiß. Lauft, lauft und rettet euch! Oh, ich habe ja noch meine silbernen Schnallen und sechs Bestecke. Sonst habe ich nichts mehr als meine Leibrente von zwölfhundert Franken ...« »Was hast du denn mit deiner bisherigen Lebensrente gemacht?« »Ich habe sie verkauft, indem ich mir für das Nötigste nur diese kleine Rente zurückbehielt. Ich brauchte zwölftausend Franken, um Fifine eine Wohnung einzurichten.« »Dir, Delphine?« wandte sich Frau von Restaud an ihre Schwester. »Was hat das zu sagen?« entgegnete Vater Goriot; »die zwölftausend Franken sind ausgegeben.« »Ich errate,« sagte die Gräfin, »für Herrn von Rastignac! Ach, meine arme Delphine, geh nicht zu weit! Du siehst, wohin es mich gebracht hat.« »Meine Liebe, Herr von Rastignac ist ein junger Mann, der völlig außerstande ist, seine Geliebte zugrunde zu richten.« »Danke, Delphine ... In der Lage, in der ich mich befinde, hätte ich mehr von dir erwartet; aber du hast mich nie geliebt.« »Doch, sie liebt dich, Stasie!« rief Vater Goriot, »gerade vorhin hat sie es mir gesagt. Wir sprachen von dir, und sie behauptete, du seiest schön, sie selbst dagegen nur hübsch.« »Sie!« wiederholte die Gräfin, »sie ist eine kalte Schönheit.« »Wenn es so ist,« sagte Delphine errötend, »weshalb führst du dich dann so gegen mich auf? Du hast mich verleugnet, du hast dafür gesorgt, daß mir überall da, wo ich verkehren wollte, der Eintritt verwehrt wurde, kurz, du hast nicht die kleinste Gelegenheit versäumt, mir Schmerz zu bereiten. Und ich? Bin ich etwa gleich dir gekommen, um diesem armen Vater tausendfrankenweise sein Vermögen zu entlocken und ihn bis zu seinem jetzigen kläglichen Zustand herabzubringen? Das ist dein Werk, meine Schwester! Ich habe meinen Vater so oft besucht, wie ich konnte; ich habe ihn nicht vor die Tür gesetzt und kam nicht, ihm die Hände zu lecken, sobald ich ihn nötig hatte. Ich wußte nicht einmal, daß er diese zwölftausend Franken für mich ausgegeben hatte, und wenn Papa mir Geschenke machte, so habe ich sie doch nicht von ihm erbettelt.« »Du warst eben glücklicher als ich: Herr von Marsay war reich, das hast du recht wohl gewußt und dir zunutze gemacht. Du warst immer gemein wie das Geld. Lebt wohl, ich habe weder Schwester noch ...« »Still, um Gottes willen still, Stasie!« schrie Vater Goriot. »Nur eine Schwester wie du kann einem Dinge vorhalten, an die niemand in der Welt mehr glaubt; du bist ein Ungeheuer!« sagte Delphine. »Meine Kinder, meine Kinder, so schweigt doch, oder ich töte mich vor euren Augen!« »Höre, Stasie, ich verzeihe dir,« sagte Frau von Nucingen, »du bist eine unglückliche Frau. Aber ich bin doch besser als du. Mir das zu sagen, – gerade jetzt, wo ich mich, um dir beizustehen, zu allem fähig fühlte, fähig sogar, das Zimmer meines Gatten zu betreten, was ich weder für mich noch sonst für irgendwen auf der ganzen Welt fertiggebracht hätte ... Wirklich, damit setzt du deinen Schlechtigkeiten gegen mich die Krone auf; seit neun Jahren behandelst du mich schlecht!« »Kinder, meine Kinder, küßt euch doch!« sagte der Vater. »Ihr seid zwei Engel.« »Nein, laß mich!« schrie die Gräfin, die der Alte beim Arm genommen hatte, und machte sich aus seinen Händen los. »Sie hat weniger Mitleid für mich als selbst mein Mann. Man könnte meinen, sie sei die verkörperte Tugend!« »Es ist mir immer noch lieber, daß man von mir sagt, ich schulde Herrn von Marsay Geld, als zugeben zu müssen, daß ein Herr von Trailles mich mehr als zweihunderttausend Franken kostet«, entgegnete Frau von Nucingen. »Delphine!« rief die Gräfin und ging einen Schritt auf sie zu. »Du beleidigst mich, – und ich sage dir daraufhin die Wahrheit«, erwiderte die Baronin kalt. »Delphine! Du bist eine ...«

Vater Goriot eilte auf die Gräfin zu und legte ihr die Hand auf den Mund, um sie am Weitersprechen zu hindern.

»Um Gottes willen, Vater, was hast du denn heute morgen schon angefaßt?« sagte Anastasia. »Ja, ja, ich hätte dir nicht zu nahe kommen sollen«, sagte der arme Vater, seine Hände an den Hosenbeinen reibend. »Aber ich wußte nicht, daß ihr kämet; ich bin dabei, umzuziehen.«

Er war froh, sich einen Vorwurf zugezogen zu haben, der den Zorn der Tochter auf ihn selbst ablenkte.

»Ach«, fuhr er fort und sank in einen Stuhl, »ihr brecht mir das Herz! Ich sterbe, meine Kinder! Mein Kopf brennt wie Feuer. Seid doch gut, habt euch lieb! Ihr tötet mich sonst. Delphine, Stasie, hört doch, ihr hattet beide recht, hattet beide unrecht! Sieh, Dedel,« wandte er sich mit Tränen in den Augen zu der Baronin, »sie braucht zwölftausend Franken, schaffen wir sie ihr herbei. Seht euch doch nicht so an!« (Er sank vor Delphine auf die Kniee.) »Bitte sie mir zuliebe um Verzeihung,« flüsterte er ihr zu, »sie ist die Unglücklichere; bitte, tu's!« »Meine arme Stasie,« sagte Delphine, erschrocken über die wahnsinnige Schmerzensmiene ihres Vaters, »ich tat dir unrecht, komm, gib mir einen Kuß ...« »Ah, ihr legt mir Balsam aufs Herz!« rief Vater Goriot. »Doch woher zwölftausend Franken nehmen? Wenn ich mich vielleicht als Bürgen stellte?« »Nein, nein, lieber Vater!« wehrten beide Töchter ab. »Gott lohne dir diesen edlen Gedanken«, sagte Delphine; »unser eigenes Leben würde dazu nicht ausreichen, nicht wahr, Stasie?« »Und überdies wäre es ein Tropfen auf einen heißen Stein, mein Vater«, bemerkte die Gräfin. »So ist denn Blut nicht Geldes wert?« rief der Greis verzweifelt. »Ich würde mich hinopfern für ihn, der dich rettete, Stasie, ich verschreibe mich ihm! Ich morde, wenn er es von mir verlangt! Ich mache es wie Vautrin, lasse mich ins Bagno schicken! Ich ...« Er hielt wie vom Blitz getroffen inne. »Nichts mehr!« sagte er, sich das Haar raufend. »Wenn ich wüßte, wo es etwas zu stehlen gäbe ...; aber es ist nicht leicht, eine Gelegenheit ausfindig zu machen. Und dann braucht man Gehilfen, braucht Zeit, in eine Bank einzubrechen ... Also sterben! Ich kann nichts weiter als sterben! Ja, ich bin zu nichts mehr gut, ich bin nicht mehr Vater! Nein. Sie ruft mich, sie braucht mich! Und ich Elender habe nichts mehr. Du legtest dir eine Lebensrente zu, alter Schurke, und vergaßest deine Töchter! Du liebst sie also nicht? So verrecke nur, verrecke! Hund, der du bist! Ja, ich stehe tiefer als ein Hund, ein Hund hätte sich nicht so aufgeführt! Oh, mein Kopf ... er zerspringt!« »Aber Papa!« riefen die beiden jungen Frauen und hielten ihn fest, denn er rannte mit dem Kopf gegen die Wand. »So sei doch ruhig, sei doch vernünftig!« Er schluchzte. Entsetzt und fassungslos er griff Eugen den von Vautrin unterschriebenen Wechsel, dessen Stempel für eine weit höhere Summe ausgestellt war; er änderte die Zahl und stellte einen regelrechten Wechsel auf zwölftausend Franken an die Order Goriots aus und trat dann bei seinem Nachbar ein.

»Hier ist Ihr Geld, gnädige Frau«, sagte er, das Papier vorweisend. »Ich schlief, Ihr Gespräch weckte mich, und so erfuhr ich, was ich Herrn Goriot schulde. Hier der Wechsel, den Sie in Umlauf setzen können, ich werde ihn getreulich einlösen.«

Die Gräfin hielt das Papier in der Hand und rührte sich nicht.

»Delphine«, sagte sie endlich, bleich und bebend vor Zorn, vor Empörung, »Gott ist mein Zeuge, ich habe dir alles verziehen; aber dies! Wie, der Herr war hier, war zu Hause, und du wußtest das? Du nahmst die kleinliche Rache, ihm mein Geheimnis preiszugeben, mich mein Leben, das Leben meiner Kinder, meine Schmach, meine Ehre ausliefern zu sehen! Geh, du bist mir nichts mehr, ich hasse dich, ich werde dir alles erdenkliche Böse antun ... ich ...«

Der Zorn benahm ihr die Worte; die Zunge klebte ihr am Gaumen.

»Aber er ist ja mein Sohn, unser Kind, dein Bruder, dein Retter!« rief Vater Goriot. »Danke ihm, küsse ihn doch, Stasie! Sieh, ich küsse ihn«, fuhr er fort, Eugen wie rasend an sich pressend. »O mein Sohn, ich werde dir mehr als Vater sein, eine ganze Familie will ich dir sein! Ich möchte Gott sein, um dir die Welt zu Füßen zu legen. – So küsse ihn doch, Stasie! Er ist kein Mensch, er ist ein Engel, ein wahrer Engel!« »Laß sie gehn, lieber Vater, sie ist toll«, sagte Delphine. »Toll, toll! Und du, was bist denn du?« fragte Frau von Restaud. »Meine Kinder, ich sterbe, wenn ihr so fortfahrt«, rief der Greis und sank wie vom Schlag getroffen auf sein Bett.

»Sie töten mich!« flüsterte er.
Die Gräfin blickte auf Eugen, den dieser wilde Auftritt ganz fassungslos gemacht hatte.

»Mein Herr ...?« sagte sie in fragendem Tonfall, mit fragendem Blick und fragender Geste, ohne ihren Vater zu beachten, dem Delphine schnell die Weste öffnete. »Gnädige Frau«, kam er ihren Worten rasch zuvor, »ich werde bezahlen und schweigen.« »Du hast unseren Vater getötet, Stasie!« rief Delphine, auf den ohnmächtigen Greis deutend; ihre Schwester flüchtete. »Ich verzeihe ihr«, sagte der Biedermann, die Augen öffnend; »ihre Lage ist entsetzlich und könnte auch einem andern den Kopf verdrehen. Tröste Stasie, sei gut zu ihr, versprich es deinem armen, sterbenden Vater!« bat er Delphine und preßte ihr die Hand. »Was ist dir nur, was fehlt dir?« fragte sie ihn erschrocken. »Nichts, nichts,« erwiderte der Vater, »es wird vorübergehen. Ich habe einen so heftigen Druck auf der Stirn, eine Migräne ... Arme Stasie, welch eine Zukunft!«

In diesem Augenblick trat die Gräfin wieder ein und warf sich dem Vater zu Füßen. »Verzeih mir!« rief sie. »Steh auf!« sagte Vater Goriot; »du bereitest mir jetzt noch größere Qual als zuvor.« »Mein Herr«, wandte sich die Gräfin mit Tränen in den Augen an Rastignac, »der Schmerz machte mich ungerecht. Könnte Sie mir ein Bruder sein?« fragte sie und reichte ihm die Hand. »Stasie«, sagte Delphine, ihre Hand pressend, »meine kleine Stasie, laß uns das Geschehene vergessen!« »Nein«, entgegnete sie, »ich werde es nie vergessen.« »Ihr Engel, meine Engel!« rief Vater Goriot, »ihr nehmt mir den Schleier von den Augen, eure Stimmen rufen mich ins Leben zurück. Küßt euch noch einmal! – Wie ist es, Stasie, kann der Wechsel dich retten?« »Ich hoffe es. Sag, Papa, willst du ihn gleich unterschreiben?« »Nein, wie dumm ich bin, das zu vergessen! Aber verzeih es mir, Stasie, ich fühlte mich unwohl. Schicke mir Nachricht, wenn du dich aus der Not gerissen hast! Nein, ich werde selbst hingehen. Nein doch, ich gehe nicht, ich kann deinen Mann nicht mehr sehen, ich würde ihn umbringen. Geh schnell, mein Kind, und bringe Maxime zur Vernunft!« Eugen war schmerzlich verblüfft. »Die arme Anastasia ist immer leicht aufgebracht,« sagte Frau von Nucingen, »aber sie hat ein gutes Herz.« »Sie ist nur wegen des Wechsels zurückgekommen,« sagte Eugen Delphine ins Ohr. »Glauben Sie?« »Ich wollte, ich müßte es nicht glauben. Mißtrauen Sie ihr!« entgegnete er und blickte gen Himmel, als wollte er Gott die Gedanken anvertrauen, die er nicht auszusprechen wagte. »Ja, sie ist immer etwas komödiantenhaft gewesen, und mein armer Vater läßt sich stets von neuem von ihr täuschen.« »Wie geht es Ihnen, mein lieber Vater Goriot?« fragte Rastignac den Greis. »Ich möchte schlafen«, erwiderte dieser.

Eugen half Goriot ins Bett. Dann, als der Alte, die Hand Delphines haltend, eingeschlafen war, zog sich die Tochter zurück.

»Heute abend in der Oper«, sagte sie zu Eugen, »und du bringst mir dann Nachricht, wie es ihm geht. Morgen ziehen Sie um, mein Herr! Lassen Sie mich Ihr Zimmer ansehen ... Oh, wie entsetzlich!« sagte sie eintretend. »Sie haben es ja noch schlechter als mein Vater. Eugen, du hast dich edel benommen. Ich würde dich, wenn das möglich wäre, dafür noch inniger lieben; aber, mein Junge, wenn Sie zu Vermögen kommen wollen, dürfen Sie nicht so die zwölftausend Franken zum Fenster hinauswerfen. Der Graf von Trailles ist ein Spieler. Meine Schwester will das nicht sehen. Er hätte sich seine zwölftausend Franken dort suchen sollen, wo er auch sonst goldene Berge zu gewinnen oder zu verlieren weiß.«

Ein tiefer Seufzer rief sie an des Alten Bett zurück; er schien zu schlafen; doch als die beiden sich seinem Lager näherten, vernahmen sie die Worte: »Sie sind nicht glücklich!«

Ob er nun schlief oder wachte, die schmerzliche Innigkeit dieses Ausspruches ging seiner Tochter so zu Herzen, daß sie sich niederbeugte und den Vater auf die Stirn küßte. Er öffnete die Augen mit den Worten: »Das ist Delphine.« »Nun, wie geht es dir?« fragte sie. »Gut«, sagte er. »Sei unbesorgt, ich stehe nachher auf. Geht, geht, meine Kinder, seid glücklich!«

Eugen begleitete Delphine bis zu ihrem Hause; da ihn aber Goriots Zustand beunruhigte, so lehnte er es ab, mit ihr zu speisen, und kehrte in die Pension zurück. Er fand Vater Goriot unten im Speisesaal und dabei, sich zu Tisch zu setzen. Bianchon hatte sich so gesetzt, daß er das Gesicht des Nudelfabrikanten gut beobachten konnte. Als er ihn sein Brot ergreifen sah, um zu riechen, aus was für Mehl es bereitet sei, bemerkte er mit finsterer Miene, wie völlig geistesabwesend der Alte die gewohnte Geste ausführte.

»Komm, setze dich neben mich, Herr Mediziner«, sagte Eugen. Bianchon wechselte um so lieber den Platz, als er so dem Alten näher kam.

»Weißt du, was ihm fehlt?« fragte Rastignac. »Wenn ich mich nicht irre, geht es mit ihm zu Ende. Es muß irgend etwas mit ihm vorgegangen sein, eine starke seelische Erschütterung; er sieht aus, als sei er einem Schlaganfall nahe. Wenngleich der untere Gesichtsteil in Ruhe ist, so unterliegen die oberen Teile geradezu krampfhaften Zuckungen, die sich nach der Stirn zu konzentrieren, sieh nur selbst! Ferner lassen die Augen einen Andrang von Blutwasser nach dem Gehirn erkennen; sie sind entzündet, als seien sie voll Staub. Morgen früh werde ich mehr darüber wissen.« »Gibt es ein Mittel dagegen?« »Keins; vielleicht ließe sich der Tod hinausschieben, wenn es gelänge, das Blut nach unten, in die Beine zu ziehen; haben sich jedoch bis morgen abend die Symptome nicht geändert, so ist der arme Alte verloren. Kennst du die Veranlassung zu seinem Zustand? Er muß einen heftigen Schlag bekommen haben, dem seine Geisteskräfte nicht gewachsen waren.« »Ja«, sagte Rastignac, der sich erinnerte, wie erbarmungslos die beiden Töchter auf das Herz ihres Vaters losgeschlagen hatten. › Delphine aber liebt ihren Vater wenigstens‹, sagte sich Eugen.

Abends in der Oper ließ Rastignac ein paar andeutende Worte fallen, um Frau von Nucingen auf das traurige Ereignis vorzubereiten.

»Seien Sie ohne Sorge,« fiel sie Eugen ins Wort, »mein Vater ist kräftig. Wir haben ihn heute morgen nur etwas aufgeregt. Meine Schwester und mein Vermögen stehen in Frage. Begreifen Sie die Tragweite dieses Unglücks? Hätte ich nicht Ihre Liebe, die mich fühllos macht gegen Dinge, die mir bisher unerträglich schienen, so wäre ich schon nicht mehr am Leben. Heute gibt es für mich nur eine Furcht, nur eine Sorge: die Liebe zu verlieren, der allein ich meinen Lebensmut verdanke. Außerhalb dieser Empfindung ist mir alles gleichgültig. Sie sind mir alles, ich liebe niemanden auf der Welt außer Ihnen. Wenn ich mich glücklich fühle, reich zu sein, so ist es, um Ihnen besser zu gefallen. Zu meiner Beschämung muß ich es gestehen: ich bin viel mehr liebendes Weib als liebende Tochter. Warum? Ich weiß es nicht. All mein Leben beruht in Ihnen. Mein Vater gab mir ein Herz, Sie aber lehrten es schlagen. Mag die ganze Welt mich tadeln, was kümmert es mich, wenn Sie mich von einer Sünde freisprechen, zu der eine gewaltige Leidenschaft mich treibt? Bin ich eine entartete Tochter? O nein, es ist unmöglich, unsern guten Vater nicht zu lieben. Konnte ich es verhindern, daß er schließlich die traurigen Folgen unserer beklagenswerten Ehen gewahrte? Warum ließ er uns sie eingehen? War es nicht an ihm, die Einsicht zu haben, die seinen unerfahrenen Töchtern mangelte? Heute, ich weiß es, leidet er ebensosehr wie wir; doch was können wir tun? Ihn trösten? Wir können ihn nicht trösten, er läßt sich nicht trösten. Unsere stille Ergebung wäre ihm schmerzlicher als unsere Klagen und Vorwürfe. Es gibt Lebenslagen, deren Bitternis nicht zu beheben ist.«

Eugen blieb stumm; ihre naiven Worte, aus denen ein tiefes Liebesempfinden sprach, hatten ihn ergriffen. Sind die Pariserinnen auch oftmals falsch, eitel, selbstsüchtig, kokett und kalt, so ist es doch gewiß, daß sie da, wo sie wahrhaft lieben, seelenvoller sind als andere Frauen; alle ihre kleinen Fehler dienen dem einen tiefen Gefühl, dem Gefühl, das sie göttlich groß und erhaben macht. Auch das einfache klare Urteil, das der Frau eigen ist, sobald eine reine Leidenschaft ihren Blick klärt und sie ihrer Umgebung ferner rückt, verblüffte Eugen. Sein Schweigen kränkte Frau von Nucingen.

»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn. »Ich denke noch an das, was Sie soeben sagten. Ich hatte bisher gemeint, Sie inniger zu lieben, als Sie mich liebten.«

Sie lächelte und suchte sich gegen die Beseligung, die sie empfand, dadurch zu wappnen, daß sie die Unterhaltung auf ein ungefährliches Gebiet hinüberlenkte. Sie hatte noch nie die bebenden Herzenstöne einer jungen und aufrichtigen Liebe vernommen. Noch einige Worte – und sie hätte ihre Zurückhaltung aufgeben müssen.

»Eugen«, sagte sie, »wissen Sie denn nicht, was vorgeht? Ganz Paris ist morgen bei Frau von Beauséant. Die Rochefide und der Marquis d'Ajuda haben, um Aufsehen zu vermeiden, beschlossen, noch Schweigen zu bewahren; aber der König unterzeichnet morgen den Ehevertrag, und ihre arme Cousine ist noch immer ahnungslos. Sie muß ihre Gäste empfangen, und der Marquis wird nicht auf ihrem Ball erscheinen. Man spricht von nichts anderem als von dieser Angelegenheit.« »Und die Welt lacht und freut sich dieser Gemeinheit! Wissen Sie denn nicht, daß Frau von Beauséant daran sterben wird?« »Nein,« sagte Delphine lächelnd, »Sie kennen diese Art Frauen nicht. Aber ganz Paris wird bei ihr sein und darunter auch ich! Und Ihnen danke ich dieses Glück!« »Aber«, sagte Rastignac, »ist es nicht vielleicht nur so ein blinder Lärm, wie er in Paris so häufig ist?« »Morgen werden wir die Wahrheit wissen.«

Eugen kehrte nicht in die Pension zurück. Es drängte ihn zu sehr, sich seiner neuen Wohnung zu erfreuen. War er am vorigen Abend gezwungen gewesen, Delphine um ein Uhr nachts zu verlassen, so war es heute Delphine, die gegen zwei Uhr von ihm ging, um nach Hause zurückzukehren. Er schlief bis in den hellen Tag und empfing mittags Frau von Nucingen, die mit ihm frühstückte. Er war so voll von seinem Glück, daß er den Vater Goriot fast ganz vergessen hatte. Welch ein herrliches Fest war es für ihn, von allen den reizenden Dingen, die jetzt ihm gehörten, Besitz zu ergreifen. Daß Frau von Nucingen dabei war und sich an seiner Freude labte, verlieh allem einen ganz besonderen Wert. Gegen vier Uhr jedoch dachten die beiden Liebenden an Vater Goriot, denn es fiel ihnen ein, mit welch unendlicher Sehnsucht er darauf wartete, sein neues Zimmer hier im Hause zu beziehen. Eugen bemerkte, falls der Biedermann krank sei, müsse man ihn sofort hierherbringen, und verließ Delphine, um nach dem Hause Vauquer zu eilen. Weder Vater Goriot noch Bianchon waren bei Tisch.

»Hören Sie«, sagte ihm der Maler, »Vater Goriot hat es umgeworfen! Bianchon ist oben bei ihm. Der Alte erhielt Besuch von einer seiner Töchter, der Gräfin Restaurama. Er ging dann aus, und sein Zustand verschlimmerte sich bedenklich. So wird also voraussichtlich die Menschheit einer ihrer prächtigsten Zierden beraubt werden.«

Rastignac eilte nach der Treppe.

»He, Herr Eugen! Herr Eugen, die Madame ruft Sie!« schrie Sylvia. »Mein Herr«, redete ihn die Witwe an, »Sie und Herr Goriot hätten am fünfzehnten Februar ausziehen müssen. Das war vor drei Tagen, denn heute haben wir schon den achtzehnten; es ist also von Ihnen beiden ein neuer Monat zu bezahlen; wenn Sie aber für Vater Goriot einstehen wollen, so soll mir Ihr Wort genügen.« »Weshalb? Trauen Sie ihm nicht?« »Trauen! Wenn der Alte nicht mehr zur Besinnung kommt und stirbt, geben mir seine Töchter nicht einen Heller, und sein ganzer Nachlaß ist keine zehn Franken wert. Heute morgen hat er sein letztes Silberzeug verkauft, ich weiß nicht, warum. Er sah ganz verjüngt aus, – Gott verzeihe mir, ich glaube, er hat sich rot geschminkt.« »Ich bürge für alles«, sagte Eugen fröstelnd; er ahnte eine neue Katastrophe.

Rastignac stieg zu Vater Goriot hinauf. Der Greis lag auf seinem Bett, und Bianchon saß daneben.
»Guten Tag, Vater!« begrüßte ihn Eugen.

Der Alte lächelte ihm innig zu und erwiderte, indem er seine glasigen Augen auf ihn richtete: »Wie geht es ihr?« »Gut. Und Ihnen?« »Nicht schlecht.« »Ermüde ihn nicht!« sagte Bianchon, Eugen in eine Ecke führend. »Nun?« fragte ihn Rastignac. »Nur ein Wunder kann ihn retten. Der Blutwassererguß ins Gehirn ist erfolgt. Ich habe ihm Senfpflaster aufgelegt; glücklicherweise fühlt er sie, sie wirken.« »Kann man ihn von hier wegschaffen?« »Unmöglich. Man muß ihn liegen lassen und ihm jede Bewegung, jede Aufregung untersagen.« »Mein guter Bianchon«, sagte Eugen, »wir beide wollen ihn pflegen.« »Ich habe schon den Oberarzt vom Krankenhaus hergebeten.« »Nun, was sagt er?« »Er wird sich morgen abend er klären. Er hat mir versprochen, nach Erledigung seiner Geschäfte herzukommen. Leider hat der gute Alte heute morgen eine Dummheit begangen, über die er sich nicht aussprechen will. Er ist halsstarrig wie ein Maulesel. Wenn ich ihn frage, tut er, als verstehe er mich nicht, und spielt den Schlafenden, um nicht antworten zu müssen; hat er aber die Augen auf, so beginnt er zu ächzen und zu wimmern. Er ist morgens ausgegangen und zu Fuß durch die Stadt gelaufen; wo er gewesen ist, weiß man nicht. Er hat alle seine Wertgegenstände mitgenommen und sie verschachert. Dieses verflixte Geschäftemachen hat seine Kräfte überstiegen. Eine seiner Töchter war da.« »Die Gräfin?« fragte Eugen, »eine große Brünette mit feurigen Augen, hübschen kleinen Füßen, schlanker Figur?« »Ja.« »Laß mich einen Augenblick mit ihm allein«, sagte Rastignac. »Ich will ihn aushorchen, mir sagt er alles.« »Ich gehe inzwischen essen. Nur rege ihn nicht zu sehr auf; noch ist nicht alle Hoffnung aufzugeben.« »Sei unbesorgt!« »Sie werden sich morgen gut unterhalten«, sagte Vater Goriot zu Eugen, als sie allein waren. »Sie gehen auf einen großen Ball.« »Was haben Sie nur heute morgen angestellt, Papa, daß Sie heute abend krank im Bett liegen müssen?« »Nichts.« »Anastasia war da?« fragte Rastignac. »Ja«, erwiderte Vater Goriot. »Nun also, verbergen Sie mir nichts. Was hat sie von Ihnen gewollt?« »Ach«, entgegnete er und sammelte seine Kräfte, um weiterreden zu können, »sie war tief unglücklich. Sehen Sie, mein Sohn, seit der Geschichte mit den Diamanten hat sie nicht einen Sou mehr. Sie hatte sich für diesen Ball ein Prachtkleid bestellt, das ihr großartig stehen muß. Aber ihre Schneiderin, diese gemeine Person, wollte ihr keinen Kredit geben, und so hat ihre Kammerjungfer tausend Franken Anzahlung für sie ausgelegt. Arme Stasie, dahin mußte es mit dir kommen! Es zerriß mir das Herz. Die Kammerjungfer, die bemerkte, daß Restaud Stasie sein Vertrauen entzogen hatte, bekam Angst um ihr Geld und hat die Schneiderin überredet, das Kleid nicht eher auszuliefern, als bis die tausend Franken bezahlt sind. Morgen ist der Ball, das Kleid ist fertig, Stasie in Verzweiflung. Sie wollte sich mein Silberzeug ausleihen, um es zu versetzen. Ihr Mann wünscht, daß sie diesen Ball besucht, um ganz Paris die Diamanten zu zeigen, von denen es heißt, sie habe sie verkauft. Kann sie dem Ungeheuer sagen: › Ich schulde tausend Franken, bezahle sie!‹? Nein! Ich habe das wohl begriffen. Ihre Schwester Delphine wird in einem ganz entzückenden Kleide dort sein. Anastasia darf hinter der jüngeren Schwester nicht zurückstehen. Sie war ganz in Tränen gebadet, das arme Kind! Es hatte mich gestern so gedemütigt, die zwölftausend Franken nicht zu haben, daß ich gern den Rest meines elenden Lebens hingegeben hätte, um dieses Unrecht wieder gutzumachen. Sehen Sie, ich hatte die Kraft, alles zu ertragen; aber daß ich gestern kein Geld mehr hatte, das hat mir das Herz gebrochen. Nun habe ich doch noch getan, was ich konnte. Ich habe mein Silberzeug für sechshundert Franken verkauft, ferner habe ich dem Papa Gobseck meine Leibrente auf ein Jahr verpfändet gegen einmalige Auszahlung von vierhundert Franken. Pah, ich werde trockenes Brot essen! Das genügte mir, als ich jung war, das wird auch heute gehen. Wenigstens wird Stasie nun einen ungetrübten Abend haben. Sie wird reizend aussehen. Hier unter meinem Kopfkissen habe ich den Tausendfrankenschein. Wie wohl mir der Gedanke tut, hier unter dem Kopf das zu haben, was der armen Stasie Freude machen wird. Sie wird ihre schlechte Zofe vor die Tür setzen können. Hat man je so etwas gesehen: Dienstboten, die ihrer Herrschaft mißtrauen! Morgen bin ich wieder wohl. Stasie kommt um zehn. Ich will nicht, daß sie mich für krank halten, sie würden sonst nicht auf den Ball gehen, sondern mich pflegen wollen. Übrigens, hätte ich nicht für tausend Franken Arzneiausgaben haben können? Wieviel lieber gebe ich sie meinem Allheilmittel, meiner Stasie. Das wird sie in ihrem Elend trösten und mein Unrecht, mir eine Leibrente zugelegt zu haben, wieder gutmachen. Sie schmachtet im tiefsten Abgrund, und ich habe nicht mehr die Kraft, ihr herauszuhelfen. Oh, ich werde mich wieder auf den Handel werfen. Ich werde nach Odessa gehen, um Korn aufzukaufen. Das Getreide ist dort dreimal so billig wie bei uns. Wenn auch die Lebensmitteleinfuhr in natura verboten ist, so haben die guten Burschen, die die Gesetze machen, doch vergessen, die Fabrikation alles dessen zu untersagen, was man aus Getreide herstellen kann. Hehe ... das habe ich heute morgen entdeckt! Mit Stärke ist noch viel zu gewinnen.« › Er ist nicht bei Sinnen‹, sagte sich Eugen, den Greis betrachtend. »Kommen Sie, seien Sie jetzt ganz ruhig, reden Sie nicht mehr!« fügte er laut hinzu.

Sobald Bianchon zurückkehrte, ging Eugen zum Essen hinunter. Die Nacht über wachten sie abwechselnd bei dem Kranken; der eine studierte in seinen medizinischen Werken, der andere schrieb an seine Mutter und an seine Schwestern. Am anderen Morgen gestatteten, nach Bianchons Meinung, die Krankheitserscheinungen eine günstige Deutung; aber der Patient bedurfte unausgesetzter Überwachung und Pflege, einer Pflege, die nur von den beiden Studenten selbst ausgeführt werden konnte. Die einzelnen Maßnahmen hier näher wiederzugeben, verbietet die Prüderie unserer Zeit. Dem abgemagerten Körper des armen Alten wurden Blutegel angesetzt und Senfpflaster aufgelegt, man wandte Fußbäder und andere Mittel an, zu deren Ausführung es der ganzen Kraft und Aufopferung der beiden jungen Leute bedurfte. Frau von Restaud kam nicht; sie ließ ihr Geld durch einen Dienstmann holen.

»Ich dachte, sie würde selber kommen; aber es ist ganz gut so, sie hätte sich nur beunruhigt«, sagte der Vater, anscheinend beglückt. Gegen sieben Uhr abends kam Therese und brachte einen Brief Delphines:

› Was machen Sie denn, mein Freund? Kaum haben Sie mir Ihre Liebe geschenkt, so vernachlässigen Sie mich schon? Sie zeigten mir bei unseren Bekenntnissen von Herz zu Herz eine so edle Seele, daß Sie gewiß zu denen gehören, die treu bleiben, weil sie sehen, wie vielfältig unsere Gefühlsäußerungen zu sein vermögen; wie Sie so schön sagten, als wir gemeinsam das »Gebet des Moses« hörten: »Für die einen ist es nur ein Ton, für die anderen die Unendlichkeit in der Musik.« Vergessen Sie nicht, daß ich Sie heute abend erwarte, um mit Ihnen den Ball bei Frau von Beauséant zu besuchen! Der Ehevertrag des Herrn d'Ajuda ist tatsächlich heute bei Hofe unterzeichnet worden, und die arme Vicomtesse hat erst um zwei Uhr Kenntnis davon erlangt. Ganz Paris wird sich zu ihr begeben, gleichwie das Volk die Place de la Grève stürmt, wenn es dort eine Hinrichtung geben soll. Ist es nicht entsetzlich, nachschauen zu gehen, ob diese Frau ihren Schmerz zu verbergen, ob sie gut zu sterben weiß? Ich ginge gewiß nicht hin, mein Freund, wenn ich schon einmal bei ihr gewesen wäre; aber sie empfängt sicherlich nie wieder, und alle meine Anstrengungen wären vergeblich gewesen. Meine Lage ist also anders als die der übrigen Geladenen. Ferner gehe ich auch um Ihretwillen hin. Ich erwarte Sie. Wenn Sie in zwei Stunden nicht bei mir sind, so weiß ich nicht, ob ich Ihnen diesen Treubruch verzeihen kann.‹

Rastignac nahm eine Feder und antwortete wie folgt:

› Ich erwarte einen Arzt, um zu erfahren, ob Ihr Vater noch am Leben erhalten werden kann. Er liegt im Sterben. Ich werde Ihnen das ärztliche Urteil überbringen, und ich fürchte, daß es ein Todesurteil sein wird. Sie werden dann entscheiden, ob Sie den Ball besuchen können. Tausend Liebesgrüße.‹

Der Arzt kam um halb neun; er gab zwar kein günstiges Gutachten ab, doch glaubte er nicht, daß der Tod nahe sei. Er sagte, es würden abwechselnd Besserungszustände und Rückfälle eintreten, von denen Leben und Vernunft des Alten abhingen.

»Es wäre besser, sein Tod erfolgte gleich«, war das letzte Wort des Arztes.

Eugen überließ Vater Goriot der Sorgfalt Bianchons und ging, um Frau von Nucingen die traurige Nachricht zu überbringen, die jede Freude ersticken mußte, wie er in seinem schlichten Familiensinn vermeinte.

»Sagen Sie ihr, daß sie sich trotzdem vergnügen soll!« rief ihm Vater Goriot zu, der anscheinend im Schlummer gelegen hatte, sich aber aufrichtete, als Rastignac hinausging.

Der junge Mann trat tief bekümmert bei Delphine ein und fand sie frisiert und bis auf das Ballkleid zum Fest vorbereitet. Wie aber ein Maler mit seinen letzten Pinselstrichen selten ein Ende findet, so erforderten auch hier die letzten Kleinigkeiten die meiste Zeit.

»Wie, Sie sind noch nicht angezogen?« sagte sie. »Aber gnädige Frau, Ihr Vater ...« »Schon wieder mein Vater!« rief sie, ihn unterbrechend. »Sie werden mich nicht darüber belehren, was ich meinem Vater schuldig bin! Kein Wort mehr, Eugen! Ich höre Sie nicht früher an, als bis Sie sich angekleidet haben. Therese hat Ihnen alles zurecht gelegt; mein Wagen ist angespannt, benutzen Sie ihn! Wenn Sie fertig sind, holen Sie mich ab! Unterwegs sprechen wir dann von meinem Vater. Man muß sich zeitig auf den Weg machen, denn wenn wir in die Wagenreihe geraten, können wir froh sein, um elf Uhr an Ort und Stelle zu gelangen.« »Gnädige Frau ...« »Fort! Kein Wort weiter!« sagte sie und eilte in ihr Boudoir, wo sie eine Halskette suchen wollte. »So gehen Sie doch, Herr Eugen! Sie werden die gnädige Frau noch böse machen!« sagte Therese und schob den jungen Mann, der über diesen leichtfertigen Vatermord tief entsetzt war, zur Tür hinaus.

Während er sich ankleidete, stellte er traurige, mutlose Betrachtungen an. Die Welt erschien ihm als ein ungeheurer Sumpf, in den der, der hineingeriet, bis zum Halse versank.

› Sie ist voll scheußlicher Verbrechen‹, sagte er sich. › Vautrin ist edler als sie alle!‹

Er hatte Gelegenheit gehabt, die drei wesentlichen Lebensformen der menschlichen Gesellschaft kennen zu lernen: den Gehorsam, den Kampf und den Aufruhr, – die Familie, die große Welt und Vautrin. Und er wagte nicht, Partei zu ergreifen. Der Gehorsam war langweilig, der Aufruhr unmöglich und der Kampf ungewiß. Seine Gedanken trugen ihn zurück in den Schoß seiner Familie. Er gedachte der reinen Stimmungen jenes geruhigen Daseins und rief sich die heiteren Tage inmitten geliebter Menschen zurück, die am häuslichen Herd ein volles, ungestörtes, sorgloses Glück genossen. Trotz diesen Betrachtungen aber hatte er nicht den Mut, Delphine das Leben solcher reinen Seelen zu predigen, sie im Namen der Liebe zur Güte und Tugend zu erziehen. Schon trug seine neue Lebensauffassung ihre ersten Früchte; schon war sein Leben selbstsüchtig. Mit feinem Gefühl hatte er Delphines Herz erkannt; er ahnte, daß sie fähig sei, über die Leiche ihres Vaters hinweg auf den Ball zu gehen, und er hatte weder die Kraft, den Erzieher zu spielen, noch den Mut, ihr Mißfallen zu erregen, noch die Seelengroße, sie aufzugeben.

› Sie würde es mir nie verzeihen, wenn ich in diesem Falle recht behielte‹, sagte er sich.

Dann überdachte er die Aussprüche der Ärzte; er suchte sich einzureden, daß Vater Goriot nicht so gefährlich krank sei, wie er selbst wohl annehme. Mit allerlei Spitzfindigkeiten suchte er Delphine zu rechtfertigen. Sie wußte ja nicht, in welchem Zustand sich ihr Vater befand; wenn sie zu ihm ginge, würde der Alte selber sie auf den Ball schicken. Das unversöhnliche Gesetz verurteilt oft da, wo verständnisvolle Einsicht in die Besonderheiten des Familienlebens, der Charaktere und der jeweiligen Umstände ein scheinbares Verbrechen zu entschuldigen weiß. Eugen suchte sich selbst zu täuschen; er war bereit, seiner Geliebten sein mahnendes Gewissen zum Opfer zu bringen. Seit zwei Tagen hatte sich sein ganzes Leben verwandelt: das Weib war in sein Dasein eingetreten und hatte es völlig umgestaltet; die Familie und alles Vergangene traten nun in den Hintergrund. Rastignac und Delphine waren einander unter Umständen begegnet, die ganz dazu angetan gewesen waren, ihnen beiden innige Freude aneinander zu gewähren. Ihre langsam und stetig wachsende Liebe hatte durch das, was sonst die Leidenschaft ertötet, durch den Genuß, nur zugenommen. Im Besitze dieser Frau gewahrte Eugen, daß er sie bisher nur begehrt hatte, daß er sie erst seit dem Tage seines vollsten Glückes wahrhaft liebte: vielleicht ist Liebe nichts als Dankbarkeit für genossene Freude. Mochte diese Frau ein niedriger oder ein edler Mensch sein, er betete sie an um der Wonne willen, die sie ihm dargebracht, und um all der Seligkeit willen, die er von ihr empfangen hatte; ebenso liebte auch Delphine Rastignac, wie Tantalus den Engel geliebt haben würde, der seinen Hunger gestillt oder seinen brennenden Durst gelöscht hätte.

»Nun, wie geht es also meinem Vater?« fragte ihn Frau von Nucingen, als er im Ballanzug zurückgekommen war. »Sehr, sehr schlecht«, entgegnete er; »geben Sie mir einen Beweis Ihrer Zuneigung und lassen Sie uns zu ihm eilen!« »Also gut, ja,« sagte sie, »aber nach dem Ball! Mein guter Eugen, sei lieb, halte mir keine Predigt; komm!«

Sie fuhren weg. Einen Teil der Fahrt blieb Eugen schweigsam.

»Was haben Sie nur?« fragte sie. »Ich höre das Röcheln Ihres Vaters«, sagte er böse. Und mit der glühenden Beredsamkeit der Jugend berichtete er von der rohen Handlungsweise, zu der die Eitelkeit Frau von Restaud getrieben, von der tödlichen Krisis, die der Vater sich mit seiner letzten Aufopferungstat geholt hatte, und wie teuer Anastasias punkendes Kleid bezahlt worden sei. Delphine weinte.

› Ich werde häßlich sein‹, dachte sie. Ihre Tränen versiegten. »Ich werde meinen Vater pflegen und ihm nicht von der Seite gehen«, sagte sie. »Ah, so bist du, wie ich dich haben wollte!« rief Rastignac.

Fünfhundert Wagen beleuchteten mit ihrem Laternenschein die an das Palais Beauséant angrenzenden Straßen. An jeder Seite der hell strahlenden Einfahrt hielt ein berittener Schutzmann. Die große Welt strömte so zahlreich herbei, und jeder hatte es so eilig, die große Frau in der Stunde ihres Sturzes zu sehen, daß die im Erdgeschoß gelegenen Empfangsräume bereits überfüllt waren, als Frau von Nucingen und Rastignac sie betraten. Seit dem Tage, als der ganze Hof zu jener großen Dame eilte, der Ludwig XIV. ihren Geliebten entriß, hatte kein zerstörter Liebesbund so viel Aufsehen erregt wie der von Frau von Beauséant. Aber die letzte Tochter des quasi königlichen Hauses von Burgund zeigte sich ihrem Unglück überlegen und beherrschte bis zuletzt eine Welt, deren eitle Freuden sie sich nur zu eigen gemacht hatte, um sie in den Dienst ihrer Liebe zu stellen. Die schönsten Frauen von Paris belebten die Säle mit ihrem Prunk und ihrem Lächeln. Die vornehmsten Männer vom Hofe, Gesandte, Minister, mit Kreuz und vielfarbigen Ordensbändern geschmückte Berühmtheiten drängten sich um die Vicomtesse. Unter dem vergoldeten Getäfel dieses Palastes, der seiner Königin nun wie verödet schien, ertönten die heiteren Klänge der Musik. Frau von Beauséant stand an der Tür des ersten Empfangssaales, um ihre vorgeblichen Freunde zu begrüßen. In ihrem weißen, schmucklosen Kleid, mit dem schlicht aufgesteckten Haar schien sie vollkommen ruhig und verriet weder Schmerz noch Stolz noch falsche Freude. Keiner konnte in ihrer Seele lesen. Man hätte von einer Niobe aus Marmor sprechen können. Wohl hatte sie für ihre nahen Freunde manchmal ein überlegenes Lächeln; aber allen erschien sie ganz sie selbst und zeigte sich so ganz wie damals, als ihr noch das Glück gestrahlt hatte, daß selbst die Gefühllosen sie bewunderten, gleichwie die jungen Römerinnen dem Gladiator Beifall klatschten, der es verstand, lächelnd zu sterben. Die große Welt schien sich geschmückt zu haben, um einer ihrer Fürstinnen Lebewohl zu sagen.

»Ich fürchtete schon, Sie würden nicht kommen«, sagte sie zu Rastignac. »Gnädige Frau«, erwiderte er mit bewegter Stimme, denn ihre Worte klangen ihm wie ein Vorwurf, »ich bin gekommen, um als letzter zu bleiben.« »Gut!« sagte sie, ihn bei der Hand nehmend. »Sie sind vielleicht hier der einzige, dem ich mich anvertrauen kann. Mein Freund, lieben Sie eine Frau, die Sie ewig lieben können; verlassen Sie keine!«

Sie nahm Rastignacs Arm und führte ihn nach einem Ruhesitz im Spielzimmer.

»Gehen Sie zum Marquis!« sagte sie. »Jacques, mein Kammerdiener, wird Sie hinführen und Ihnen einen Brief für ihn aushändigen. Ich ersuche ihn um meine Briefschaften. Ich hoffe und glaube, daß er sie Ihnen ohne Aufnahme übergeben wird. Wenn Sie die Briefe haben, so gehen Sie damit auf mein Zimmer; man wird mich dann benachrichtigen.«

Sie erhob sich, um der soeben eintreffenden Herzogin von Langeais, ihrer besten Freundin, entgegenzugehen. Rastignac machte sich auf den Weg, begab sich zum Hause Rochefide, wo der Marquis sich vermutlich aufhielt, und ließ ihn herausbitten. Der Marquis nahm ihn mit in seine Wohnung, übergab dem Studenten ein Kästchen und sagte: »Sie sind alle darin.«

Er schien Eugen etwas sagen zu wollen, sei es, um ihn über den Ball und die Vicomtesse zu befragen, sei es, um ihm zu gestehen, daß seine Heirat ihn vielleicht schon reue, wie es tatsächlich später der Fall war; aber in seinen Augen leuchtete ein harter Stolz, und er hatte den beklagenswerten Mut, über seine edelsten Empfindungen das Geheimnis zu wahren.

»Sagen Sie ihr nichts von mir, mein lieber Eugen!«

Mit trauriger und herzlicher Miene reichte er Rastignac die Hand und machte ihm ein Zeichen, zu gehen. Eugen kehrte zum Palais Beauséant zurück und wurde in das Zimmer der Viecomtesse geführt, wo er die Vorbereitungen zu einer Reise gewahrte. Er setzte sich ans Feuer, betrachtete das Kästchen aus Zedernholz und versank in tiefe Schwermut. Frau von Beauséant erschien ihm wie eine Göttin aus der Ilias.

»Ah, mein Freund! ...« sagte die Vicomtesse beim Eintreten und legte die Hand auf Rastignacs Schulter.

Er sah seine Cousine in Tränen, die Augen schmerzlich erhoben, die Hände zitternd. Plötzlich ergriff sie das Kätzchen, setzte es ins Feuer und sah zu, wie es verbrannte.

»Sie tanzen! Sie sind alle pünktlich zurückgekehrt, der Tod aber läßt lange auf sich warten. Still, mein Freund!« sagte sie und legte Rastignac, der sprechen wollte, einen Finger auf den Mund. »Ich werde Paris und die große Welt nie mehr wiedersehen. Um fünf Uhr morgens reise ich ab, um mich in der Normandie zu vergraben. Seit drei Uhr mittags treffe ich bereits meine Vorbereitungen, muß Schriftstücke unterzeichnen und meine Geschäfte regeln; ich konnte niemanden hinschicken zu ...« Sie hielt inne. » ... so war meine Annahme also richtig, daß man ihn dort treffen würde, bei ...« Sie hielt wieder inne, von Schmerz überwältigt. In solchen Augenblicken ist alles in Leid erstickt, und gewisse Worte wollen nicht über die Lippen.

»Ja,« fuhr sie fort, »ich rechnete heute abend auf Sie; mit der Bitte um diesen letzten Dienst wollte ich Ihnen meine Freundschaft beweisen. Ich werde Ihrer oft gedenken, der Sie mir gut und edel, jung und rein erschienen sind inmitten einer Welt, die diese Eigenschaften kaum noch kennt. Ich hoffe, daß Sie manchmal an mich denken werden.« Ihre Blicke schweiften im Zimmer umher. »Hier«, sagte sie, »ist mein Handschuhkästchen. Sooft ich ihm ein Paar Handschuhe entnahm, um auf den Ball oder ins Theater zu gehen, fühlte ich mich schön, weil ich glücklich war; und wann immer ich das Kästchen berührte, geschah es mit anmutvollen, liebenswürdigen Gedanken: es enthält gar viel von mir, die ganze Seele einer Frau von Beauséant, die nicht mehr ist –: nehmen Sie es an, das Kästchen! Ich werde dafür sorgen, daß man es in Ihre Wohnung, Rue d'Artois, trägt. Frau von Nucingen sieht sehr schön aus heute abend; seien Sie ihr gut! Sollten wir uns nicht wiedersehen, mein Freund, so seien Sie überzeugt, daß ich für Sie, der sich mir stets freundlich erwiesen hat, beten werde. Gehen wir hinunter; man soll nicht glauben, daß ich weine. Ich habe die Ewigkeit vor mir und eine Einsamkeit, in der niemand von meinen Tränen Rechenschaft verlangt. Noch einen letzten Blick auf dieses Zimmer!«

Sie hielt inne und bedeckte die Augen mit der Hand. So stand sie ein Weilchen, dann trocknete sie sich die Augen, kühlte sie mit frischem Wasser und nahm den Arm des Studenten.

»Gehen wir!« sagte sie.

Rastignac war noch nie so ergriffen gewesen wie von dem edel verhaltenen Schmerz dieser königlichen Frau. Im Ballsaal angekommen, machte Frau von Beauséant mit Eugen die Runde, – eine letzte und zarteste Aufmerksamkeit, die sie ihm erwies. Bald gewahrte er die beiden Schwestern, Frau von Restaud und Frau von Nucingen. Die Gräfin erstrahlte in aller Pracht ihrer Diamanten, die sie nicht wenig brennen mochten: sie trug sie zum letzten Mal! Wie groß auch ihre Liebe, wie heftig ihr Stolz sein mochte, so konnte sie doch die Blicke ihres Gatten nicht gut ertragen. Dieses Schauspiel war nicht derart, daß es Rastignacs Gedanken heiterer gestimmt hätte; er erblickte hinter den Diamanten der beiden Schwestern das elende Lager, auf dem Vater Goriot schmachtete. Die Vicomtesse, die seine schmerzliche Miene einer anderen Ursache zuschrieb, entzog ihm ihren Arm. »Gehen Sie! Ich will Sie nicht eines Vergnügens berauben«, sagte sie.

Eugen wurde bald von Delphine in Anspruch genommen, die danach verlangte, die Huldigungen, die sie in diesem viel ersehnten Kreise erntete, dem Studenten zu Füßen zu legen.

»Wie finden Sie Stasie?« fragte sie ihn. »Sie hat ihren Vater bis aufs Lebensmark ausgesogen!« sagte Rastignac.

Gegen vier Uhr morgens leerten sich die Säle. Bald schwieg auch die Musik. Die Herzogin von Langeais und Rastignac fanden sich allein im großen Salon. Die Vicomtesse, die erwartete, nur noch den Studenten hier zu treffen, trat ein, nachdem sie von Herrn von Beauséant Abschied genommen hatte, der vor dem Schlafengehen zu ihr sagte: »Sie haben unrecht, meine Liebe, in Ihrem Alter sich in ein Kloster zu sperren. Bleiben Sie doch bei uns!«

Als Frau von Beauséant die Herzogin gewahrte, konnte sie einen Ruf der Überraschung nicht unterdrücken.

»Ich habe Ihre Absicht erraten, Klara«, sagte Frau von Langeais. »Sie reisen ab und kehren nie mehr wieder; aber Sie dürfen nicht weg, ehe wir uns ausgesprochen und einander verstanden haben.«

Sie nahm ihre Freundin beim Arm, führte sie in den benachbarten Salon, sah sie mit Tränen in den Augen an, preßte sie in die Arme und küßte sie auf beide Wangen.

»Ich will nicht kühl von Ihnen scheiden, liebe Freundin, ich hätte zu schwer daran getragen. Zählen Sie auf mich wie auf sich selbst! Sie waren groß heute abend, ich habe mich Ihrer würdig gefühlt und will es Ihnen beweisen. Ich habe Ihnen unrecht getan, ich war nicht immer gut zu Ihnen, verzeihen Sie mir, meine Liebe: ich nehme alles zurück, was Ihnen weh getan haben könnte; ich wollte, ich könnte in Wahrheit meine Worte zurücknehmen. Derselbe Kummer ist es, der unsere Seelen verbindet, und ich weiß nicht, wer von uns beiden unglücklicher ist. Herr von Montriveau war heute abend nicht hier, begreifen Sie? Wer Sie auf diesem Ball gesehen hat, Klara, der wird Sie nie vergessen! Ich selbst werde noch einen letzten Versuch wagen; mißlingt er mir, so gehe ich ins Kloster! Wohin gehen denn Sie?« »In die Normandie, nach Courcelles, Gott lieben und zu ihm beten, bis es ihm gefällt, mich aus der Welt zu rufen. – Kommen Sie, Herr von Rastignac!« sagte die Vicomtesse mit bewegter Stimme, da ihr einfiel, daß der junge Mann wartete. Der Student beugte das Knie, ergriff die Hand seiner Cousine und küßte sie.

»Leben Sie wohl, Antoinette!« sagte Frau von Beauséant, »ich wünsche Ihnen alles Glück. – Was Sie betrifft, Sie sind glücklich,« sagte sie zu dem Studenten, »Sie sind jung, Sie können noch an etwas glauben. Es ist schön, daß ich bei meinem Scheiden von dieser unserer Welt die Freude erleben darf, daß fromme und aufrichtige Wünsche mich begleiten.«

Es war gegen fünf Uhr, als Rastignac sich entfernte, nachdem er Frau von Beauséant zu ihrem Reisewagen begleitet hatte. Unter Tränen hatte sie ihm ihr letztes Lebewohl gesagt und damit bewiesen, daß auch hochstehende Leute nicht außerhalb der Gesetze leben, die das Menschenherz regieren, und daß auch ihnen der Kummer nicht fremd ist. Eugen kehrte zu Fuß nach dem Hause Vauquer zurück; das Wetter war feucht und kalt.

»Wir können den armen Vater Goriot nicht retten«, sagte Bianchon, als Rastignac bei seinem Nachbar eintrat. »Mein Freund,« sagte Eugen, nachdem er den schlafenden Greis betrachtet hatte, »bleibe du getrost bei dem bescheidenen Schicksal, auf das dein Verlangen sich zu beschränken weiß. Ich selbst bin in der Hölle und muß darin bleiben. Was man dir auch Schlimmes über die Welt berichtet, du darfst alles glauben. Kein Juvenal vermöchte diese von Gold und Edelsteinen strotzende grauenvolle Welt zu schildern.«

Am anderen Tage wurde Rastignac um zwei Uhr mittags von Bianchon geweckt, der ihn bat, bei Vater Goriot zu wachen, dessen Zustand sich im Laufe des Vormittags sehr verschlimmert hatte; er selbst müsse jetzt leider weggehen.

»Der gute Alte hat keine zwei Tage, vielleicht keine sechs Stunden mehr zu leben,« sagte der Mediziner, »und dennoch dürfen wir nicht ablassen, gegen die Krankheit zu kämpfen. Doch die betreffenden Medikamente sind teuer. Wohl sind wir seine Krankenpfleger, aber ich selbst habe keinen Sou mehr. Ich habe seine Taschen umgedreht, seine Fächer durchsucht: nichts! Ich habe ihn, als er gerade bei Besinnung war, gefragt; er sagt, er habe keinen Heller mehr zu eigen. Wieviel hast denn du?« »Noch zwanzig Franken«, erwiderte Rastignac; »aber ich werde sie im Spiel wagen, ich werde gewinnen.« »Wenn du verlierst?« »So werde ich von seinen Schwiegersöhnen und seinen Töchtern Geld fordern.« »Und wenn sie dir keins geben?« entgegnete Bianchon. »Das Geld ist jetzt nicht das Wichtigste: man muß den Alten von den Füßen bis zur Mitte der Schenkel in kochend heiße Senfumschläge hüllen. Wenn er schreit, so haben wir Hoffnung. Du weißt, wie das gemacht wird; übrigens kann Christoph dir helfen. Ich selbst werde beim Apotheker vorsprechen und ihm sagen, daß ich für alle Medikamente, die wir von ihm holen, gutstehe. Es ist schade, daß der arme Mann nicht mehr ins Krankenhaus gebracht werden konnte; da wäre er besser aufgehoben gewesen. Komm, damit ich dich noch unterweise, und gehe nicht eher von ihm, als bis ich zurückgekehrt bin!«

Die beiden jungen Leute traten in das Zimmer, in dem der Greis ruhte. Eugen war erschrocken über die Veränderung in diesem verzerrten und todesbleichen Antlitz.

»Nun, Papa?« fragte er, sich über das Lager beugend.

Goriot richtete seine trüben Augen auf Eugen und sah ihn aufmerksam an, ohne ihn zu erkennen. Der Student konnte den Anblick nicht ertragen; Tränen traten ihm in die Augen.

»Bianchon, sollte man nicht Vorhänge ans Fenster machen?« »Nein; er hat keine Empfindung mehr für Hell und Dunkel, für Hitze und Kälte. Dennoch brauchen wir ein Feuer für die Umschläge und manches andere. Ich werde dir Reisig schicken, bis wir Holz kaufen können. Gestern und heute nacht habe ich des armen Mannes und deinen ganzen Holzvorrat verbrannt. Es war feucht hier oben, das Wasser tropfte von den Wänden. Ich konnte kaum das Zimmer trocken bekommen; Christoph hat den Stall ausgekehrt, denn besser als ein Stall ist dies hier nicht. Ich habe mit Wacholder geräuchert, es stank gar zu sehr.« »Mein Gott!« sagte Rastignac, »und seine Töchter?« »Falls er zu trinken verlangt, so reiche ihm dies hier«, sagte der Mediziner, Rastignac einen großen weißen Krug zeigend. »Wenn er klagen und sein Leib heiß und hart sein sollte, so bringe ihm mit Christophs Hilfe ... du weißt schon. Sollte er etwa aufgeregt werden, viel sprechen und sogar phantasieren, so laß ihn nur in Ruhe! Das wäre gar kein schlechtes Zeichen. Aber schicke Christoph ins Krankenhaus Cochin! Einer von uns Ärzten, mein Kamerad oder ich, wird kommen, um ihm Moxa zu geben. Wir haben heute morgen, während du schliefst, eine lange Beratung mit einem Schüler von Doktor Gall, mit einem Oberarzt des Hôtel-Dieu und einem Oberarzt des Krankenhauses Cochin gehabt. Diese Herren glauben eigenartige Symptome bei dem Kranken entdeckt zu haben, und wir wollen den Krankheitsverlauf verfolgen, um uns über bestimmte, nicht unwichtige Fragen Aufklärung zu verschaffen. Einer der Herren behauptet, daß der stärkere Druck des Blutwassers auf bestimmte Organe ganz besondere Wirkungen hervorbringen könne. Sollte der Alte also zu reden anfangen, so höre gut zu und stelle fest, welchem Gedankengang seine Worte entspringen: ob es lediglich Erinnerungen sind oder Überlegungen und selbständiges Urteil, ob er von materiellen Dingen oder von Gefühlssachen spricht, ob er kaufmännische Berechnungen anstellt und an seinen früheren Beruf zurückdenkt, kurzum, sieh zu, uns genauen Bericht zu erstatten! Es ist möglich, daß die Krankheit das ganze Gehirn auf einmal ergreift, dann stirbt er bewußtlos, so, wie er es jetzt ist. Bei dieser Krankheit gibt es die sonderbarsten Abweichungen. Sollte die Bombe hier zum Platzen kommen,« sagte Bianchon und zeigte auf den Hinterkopf des Kranken, »so können sich recht eigenartige Erscheinungen einstellen: das Gehirn erlangt einen Teil seiner Fähigkeiten zurück, und der Tod greift nur langsam um sich. Das Blutwasser kann auch aus dem Gehirn in andere Organe abfließen, kann Wege nehmen, die erst nachträglich bei der Obduktion festgestellt werden können. Wir haben im Krankenhaus unter den Unheilbaren einen verblödeten Greis, bei dem die Ergießung in die Wirbelsäule erfolgt ist; er leidet namenlos, aber er lebt.« »Haben Sie sich gut unterhalten?« fragte Vater Goriot, der Eugen erkannte. »Oh, er denkt nur an seine Töchter«, sagte Bianchon. »Er hat heute nacht mehr als hundertmal zu mir gesagt: › Sie tanzen! Sie hat ihr Kleid bekommen!‹ Er nannte sie bei Namen. Zum Teufel, ich mußte weinen bei seinem ewigen › Delphine! Meine kleine Delphine! Stasie!‹! Mein Ehrenwort,« sagte der Mediziner, »es war, um in Tränen hinzuschmelzen!« »Delphine,« sagte der Greis, »nicht wahr, sie ist da? Ich wußte es wohl.«

Und seine Augen prüften mit wilden Blicken Tür und Wände.
»Ich gehe hinunter und werde Sylvia sagen, daß sie den Senfteig bereiten soll, der Augenblick ist günstig.«

Rastignac blieb allein bei dem Alten. Er saß am Fußende des Bettes und blickte nur immer auf diesen schrecklich anzusehenden Greisenkopf.

› Frau von Beauséant entflieht, der hier stirbt‹, sagte er bei sich selbst. › Die edlen Seelen ertragen nicht lange das Leben in dieser Welt. In der Tat, wie wären denn auch starke, reine Empfindungen mit jener niedrigen und oberflächlichen Gesellschaft vereinbar?‹

Vor seiner Erinnerung tauchten die festlichen Bilder vom Balle auf und standen in herbem Gegensatz zu dem dürftigen Sterbelager hier. Bianchon trat plötzlich wieder ein.

»Höre, Eugen, ich habe unseren Oberarzt gesprochen und bin sogleich wieder hierher geeilt, um dir folgendes mitzuteilen: Sollten sich Anzeichen von Vernunft zeigen, sollte er sprechen, so bette ihn vom Genick bis ans Kreuz in Senfteig und laß uns rufen!« »Guter Bianchon!« sagte Eugen. »Oh, es handelt sich um einen wissenschaftlich interessanten Fall!« entgegnete der Student der Medizin mit dem Feuereifer des Neulings. »So wäre ich also der einzige,« sagte Eugen, »der den armen Alten aus Liebe pflegt.« »Wenn du mich heute morgen gesehen hättest, würdest du das nicht sagen«, erwiderte Bianchon, ohne sich gekränkt zu fühlen. »Ärzte, die lange im Amte sind, sehen freilich nur die Krankheit; ich aber sehe auch noch den Kranken, mein lieber Junge.«

Er ging und ließ Eugen voll Besorgnis vor einer Krisis (die auch nicht lange ausbleiben sollte) bei dem Greis zurück.

»Ah, Sie sind es, mein lieber Freund«, sagte Vater Goriot, der Eugen plötzlich erkannte. »Geht es Ihnen besser?« fragte der Student, seine Hand nehmend. »Ja; vorhin war mir der Kopf wie in einem Schraubstock, aber jetzt ist mir freier. Haben Sie meine Töchter gesehen? Sie werden bald kommen; sie kommen gleich angelaufen, sowie sie mich krank wissen; sie haben mich so gepflegt damals, als sie noch meine Mädchen waren! Mein Gott, ich wollte, mein Zimmer wäre recht sauber zu ihrem Empfang! Da war ein junger Mann hier, der hat mein ganzes Holz und allen Torf verbrannt.« »Ich höre Christoph kommen,« sagte Eugen, »er bringt Ihnen Holz, das der betreffende junge Mann Ihnen sendet.« »Gut! Aber wie soll ich das Holz bezahlen? Ich habe nicht einen Sou, mein Junge. Ich habe alles hingegeben, alles. Ich bin auf anderer Barmherzigkeit angewiesen. – War sie wenigstens schön in ihrem Flitterkleid? – Ach, was für Schmerzen ich habe! – Danke, Christoph! Gott wird dirs lohnen, mein Lieber; ich, ich habe nichts mehr.« »Ich werde dich gut bezahlen, dich und Sylvia«, sagte Eugen dem alten Knecht ins Ohr. »Meine Töchter haben dir wohl gesagt, daß sie kommen werden, nicht wahr, Christoph? Geh noch einmal hin, ich gebe dir hundert Sous. Sage ihnen, daß ich mich nicht wohl fühle, daß ich sie noch einmal umarmen, noch einmal sehen möchte vor meinem Tode. Sage ihnen das, aber ohne sie zu sehr zu erschrecken.«

Auf ein Zeichen Rastignacs entfernte sich Chri stoph.

»Sie werden kommen«, sagte der Alte von neuem. »Ich kenne sie. Die gute Delphine, welchen Schmerz wird es ihr bereiten, wenn ich sterbe! Auch Stasie. Ich möchte nicht sterben, damit sie nicht weinen. Sterben, mein guter Eugen, das heißt: sie nie mehr wiedersehen. Da, wohin man nun geht, werde ich rechte Langeweile haben. Ohne seine Kinder zu sein, das ist es, was für einen Vater die Hölle bedeutet; und seitdem sie verheiratet sind, habe ich schon das Fegefeuer durchgemacht. Mein Paradies, das war die Rue de la Jussienne. Sagen Sie mir doch, wenn ich ins Paradies käme, könnte ich dann als Geist zur Erde zurückkehren und sie umschweben? Ich habe schon dergleichen sagen hören. Ist es wirklich wahr? Eben jetzt sehe ich sie bei mir, wie sie damals in der Rue de la Jussienne waren. Des Morgens kamen sie zu mir herunter › Guten Morgen, Papa‹, sagten sie. Ich nahm sie auf den Schoß und trieb allerlei Spaß mit ihnen; sie streichelten mich zärtlich. Wir frühstückten jeden Morgen, aßen jeden Mittag zusammen; kurzum, ich war Vater, ich erfreute mich meiner Kinder. Als sie noch in der Rue de la Jussienne waren, zankten sie nicht, sie wußten noch nichts von der großen Welt und liebten mich innig; lieber Gott, warum sind sie nicht kleine Kinder geblieben! – Oh, was für Schmerzen ich habe, der Kopf zerspringt mir! – Ach verzeiht, meine Kinder! Ich leide entsetzlich, und wie habt ihr mich an das Leid gewöhnt! Gott, wenn ich nur wenigstens ihre Hände fassen könnte, ich würde meinen Schmerz weniger spüren! – Glauben Sie, daß sie kommen werden? Christoph ist so ungeschickt! Ich hätte selbst gehen sollen. Er wird sie sehen, er. Aber Sie, Sie waren gestern auf dem Ball. Sagen Sie mir doch, wie sie ausgesehen haben! Sie wußten nichts von meiner Krankheit, nicht wahr? Sie würden nicht getanzt haben, die armen Kinder! – Ich will nicht länger krank sein, sie haben mich zu nötig. Das Vermögen einer jeden ist in Gefahr. Und welchen Männern sind sie ausgeliefert! Machen Sie mich gesund, machen Sie mich gesund! – Oh, wie ich leide ... Ach, ach! – Sehen Sie, man muß mich gesund machen, weil sie kein Geld haben, und ich weiß, wo ich ihnen welches verdienen kann. Ich werde nach Odessa gehen und dort Stärkemehl kaufen. Ich bin ein Schlauberger, ich werde Millionen gewinnen. – Oh, ich leide zu entsetzlich!« Goriot schwieg; er schien alle seine Kräfte zu sammeln, um sein Seelenleid zu überwinden. »Wenn sie hier wären, würde ich mich nicht beklagen«, sagte er. »Weshalb sollte ich mich beklagen?«

Eine leichte Ohnmacht befiel ihn und währte lange. Christoph kehrte zurück. Rastignac, der glaubte, daß Vater Goriot schliefe, ließ sich von dem Diener laut Bericht erstatten.

»Herr Rastignac,« sagte er, »zuerst bin ich zu der Frau Gräfin gegangen, die ich nicht sprechen konnte, sie hatte eine wichtige Unterredung mit ihrem Manne. Als ich darauf bestand, vorgelassen zu werden, kam Herr von Restaud selber und hat so zu mir gesprochen: › Herr Goriot stirbt? Schön, er könnte gar nichts Besseres tun. Ich habe mit Frau von Restaud wichtige Dinge zu erledigen, sie wird hinkommen, wenn wir zu Ende sind.‹ Er sah sehr zornig aus, der Herr. Ich wollte gehen, als die gnädige Frau selbst durch eine andere Tür eintrat und zu mir sagte: › Christoph, sage meinem Vater, daß ich mit meinem Mann eine wichtige Unterredung habe, ich kann jetzt nicht weggehen; es handelt sich um Leben und Tod meiner Kinder; aber sobald alles erledigt ist, komme ich.‹ Was die Frau Baronin betrifft, so konnte ich sie weder sehen noch sprechen. › Ach,‹ sagte mir die Kammerzofe, › die gnädige Frau ist erst um halb sechs vom Ball nach Hause gekommen, sie schläft; wenn ich sie vor zwölf wecke, so wird sie mich auszanken. Wenn sie nach mir klingelt, so will ich ihr sagen, daß es ihrem Vater schlechter geht. Es ist noch immer Zeit genug, ihr eine unangenehme Nachricht zu überbringen.‹ Ich hatte gut bitten, es war nichts zu machen! Ich verlangte den Herrn Baron zu sprechen, er war ausgegangen.« »Nicht eine seiner Töchter!« rief Rastignac. »Ich werde an alle beide schreiben.« »Nicht eine!« wiederholte der Greis, sich ein wenig aufrichtend. »Sie haben Unterredungen, sie schlafen, sie kommen nicht! Ich wußte es. Man muß sterben, um zu wissen, was das heißt: Kindesliebe ... Ach, mein junger Freund, heiraten Sie nicht, wünschen Sie sich keine Kinder! Sie geben ihnen das Leben, und sie bereiten Ihnen den Tod. Sie setzen sie in die Welt, und sie jagen Sie aus dieser hinaus. – Nein, sie kommen nicht! Seit zehn Jahren weiß ich das. Ich sagte es mir wohl manchmal, aber ich fürchtete mich, daran zu glauben.« Eine Träne rann ihm aus den Augen und blieb an den rot geschwollenen Lidern haften. »Ach, wenn ich reich wäre, wenn ich ihnen nicht mein Vermögen hingegeben hätte, sondern es noch besäße, so wären sie da, sie würden mich mit ihren Küssen ersticken! Ich würde in einem großen Hause wohnen, hätte schöne Zimmer, Dienstboten und ein wärmendes Feuer; und sie und ihre Männer sowie ihre Kinder wären ganz in Tränen. Alles das wäre mein. Aber so – nichts! Geld verschafft alles, selbst Kindesliebe. Oh, mein Geld, wo ist es? Hätte ich ein Vermögen zu hinterlassen, so würden sie sich meiner annehmen und mich pflegen; ich würde sie hören, sie sehen. Ach, mein liebes Kind, mein einziges Kind, meine Verlassenheit und mein Elend sind mir dennoch lieber! Findet einer selbst im Unglück Liebe, so kann er wenigstens gewiß sein, daß es wahre Liebe ist. Und doch, ich möchte reich sein, dann würde ich sie sehen. Übrigens, wer weiß? Sie haben beide Herzen von Stein. Ich hatte zu viel Liebe für sie, das rächt sich immer. Ein Vater sollte immer reich sein, er muß seine Kinder fest im Zaume halten, wie böswillige junge Pferde. Und ich lag auf den Knieen vor ihnen! Die Elenden! Nun setzen sie ihrem Benehmen die Krone auf. Wenn Sie wüßten, wie besorgt sie in der ersten Zeit ihrer Ehe um mich waren! – Oh, meine Schmerzen sind entsetzlich! – Ich hatte einer jeden von ihnen fast achthunderttausend Franken gegeben; weder sie noch ihre Ehegatten wagten es, roh gegen mich zu sein. Man empfing mich mit › Mein guter Vater‹ hier, › Mein lieber Vater‹ dort. An ihrem Tisch war stets für mich ein Gedeck bereit, ich speiste mit ihnen und ihren Gatten, die mich mit großer Achtung behandelten. Man nahm an, ich besäße noch einiges Vermögen. Weshalb? Ich hatte niemals von meinen Verhältnissen gesprochen. Ein Mann, der jeder seiner Töchter achthunderttausend Franken mitgibt, ist ein Mann, dem man schöntun muß. Und man bemühte sich sehr um mich, aber es galt nur meinem Gelde. Die Welt ist nicht schön. Ich habe sie kennen gelernt! Man führte mich zu Wagen in die Theater, und bei den Abendempfängen kam und ging ich, wie es mir behagte. Kurzum, sie bekannten sich als meine Töchter und nannten mich Vater. Ich habe meinen Verstand noch beisammen, o ja, nichts ist mir entgangen; ich begriff alles, und es zerriß mir das Herz. Ich sah wohl, daß alles Heuchelei und daß das Übel nicht zu heilen war. Ich fühlte mich an ihrer Tafel weniger wohl als drunten am Gesindetisch. Ich wußte nicht zu reden. Und wenn irgendeiner aus der Gesellschaft meinem Schwiegersohn zuflüsterte: › Wer ist dieser Herr da?‹, so hörte ich wohl die Antwort: › Das ist der Geldsack, mein Schwiegervater.‹ › Teufel auch!‹ sagte man und betrachtete mich mit jener Hochachtung, die man dem Reichtum zollt. Aber wenn sie sich meiner manchmal auch schämten, so wußte ich mir ihre Zuneigung doch immer wieder zu erkaufen. Übrigens, wer ist denn vollkommen? – Mein Kopf ist wie eine große schmerzende Wunde, ich leide jetzt die Qualen des Todes, mein lieber Herr Eugen, und dennoch sind sie nichts im Vergleich mit dem Leid, daß mir der erste Blick Anastasias brachte, der mir zu verstehen gab, daß ich eine sie beschämende Dummheit gesagt hatte: dieser Blick ließ mir das Blut in den Adern erstarren. Ich hatte alles wissen wollen vom Leben; aber was ich nun am besten wußte, das war, daß ich auf Erden überflüssig sei. Anderntags ging ich zu Delphine, um Trost zu suchen, und auch da beging ich eine Tölpelei, die sie in Zorn brachte. Es machte mich wahnsinnig! Acht Tage lang wußte ich nicht, was ich tun sollte. Ich wagte nicht, sie zu besuchen, aus Furcht vor ihren Vorwürfen. Und sehen Sie, nun bin ich von meinen Töchtern vor die Tür gesetzt worden. O mein Gott, der du den Jammer, das Leid kennst, das ich erduldet habe; der du die Faustschläge gezählt hast, die ich in dieser Zeit empfangen, in dieser Zeit, in der ich zum weißhaarigen Greis geworden bin, warum läßt du mich heute so viel dulden? Ich habe die Sünde schwer gebüßt, daß ich sie zu sehr liebte. Sie haben sich an meiner Liebe gerächt, sie haben mich wie Henkersknechte mit glühenden Eisen gemartert. Ja, ja, so dumm sind die Väter, ich liebte sie so sehr, daß ich immer wieder zurückkehrte, wie der Spieler zu den Karten. Mein Laster, – das waren meine Töchter; sie waren mir, was einem andern die Geliebte ist: einfach alles! Alle beide hatten sie immer irgendwelche Wünsche: Kleider, Schmuck; ihre Kammerzofen sagten es mir, und ich brachte also Geschenke, damit sie mich freundlich ansehen sollten. Aber trotz alledem hielten sie mir häufig genug Vorlesungen, wie ich mich in der Welt zu benehmen hätte. Sie schämten sich meiner und erröteten über mich. Das hat man davon, wenn man seinen Kindern eine gute Erziehung gibt. Ich konnte als Kind nicht einmal die Schule besuchen. – Ich habe unerträgliche Schmerzen! Um Gottes willen, einen Arzt, einen Arzt! Wenn man mir den Kopf spaltete, ich glaube, es würde besser werden. – Meine Mädchen, meine Mädchen! Anastasia, Delphine! Ich will sie sehen! Lassen Sie sie durch die Polizei holen, mit Gewalt! Das Recht ist auf meiner Seite, alles ist auf meiner Seite, die Natur und die Gesetze. Ich dulde sie nicht, diese Behandlung! Die Welt ginge zugrunde, wenn die Väter sich mit Füßen treten ließen; denn das ist gewiß: die Welt, die Gesellschaft, – alles beruht auf der Familie, alles stürzt zusammen, wenn die Kinder ihre Eltern nicht mehr lieben. Oh, nur sie sehen, sie hören, – ganz gleich, was sie mir sagen! Wenn ich nur ihre Stimme vernehme, so beruhigt sich mein Leid. Aber sagen Sie ihnen, wenn sie nachher hier sein sollten, sie dürften mich nicht so lieblos anblicken wie sonst. Ach, mein guter junger Freund, Sie wissen nicht, wie das tut, wenn das Gold sanftmütiger Blicke sich plötzlich in graues Blei verwandelt. Seit dem Tage, da ihre Augen nicht mehr auf mich niederstrahlten, ist es Winter um mich geworden; eisige Felder des Kummers hatte ich zu durchschreiten, und ich habe sie durchschritten! Ich habe gelebt, nur um gedemütigt, beleidigt zu werden. Ich liebe sie so sehr, daß ich alle Rücksichtslosigkeiten ertrug, wenn sie mir nur eine arme, kleine, beschämende Freude einbrachten. Ein Vater, der sich verstecken muß, um seine Kinder zu sehen! Ich habe ihnen mein ganzes Leben geschenkt, sie schenken mir heute nicht eine Stunde! Ich habe Hunger und Durst, mein Herz verschmachtet, und sie werden nicht kommen, um mir den Todeskampf zu erleichtern, denn ich fühle es, daß ich sterbe. Sie wissen also nicht, was es heißt, über den Leichnam des Vaters hinwegzuschreiten! Nun, es lebt ein Gott im Himmel, der uns Väter ungefragt rächen wird! – Oh, sie werden kommen! Kommt, meine Lieblinge, gebt mir noch einen Kuß, einen letzten Kuß, das Zehrgeld für euern Vater, der zu Gott für euch beten wird, der ihm sagen wird, daß ihr gute Kinder gewesen seid, der für euch eintreten wird! Alles in allem, sie selbst sind schuldlos. Sie sind schuldlos, mein Freund! Sagen Sie das aller Welt recht eindringlich, damit man sie um meinetwillen nicht behellige. Alles ist meine Schuld, ich habe sie daran gewöhnt, mich mit Füßen zu treten. Das gefiel mir nun einmal, und es geht niemanden etwas an, weder die menschliche noch die göttliche Gerechtigkeit. Gott wäre ungerecht, wenn er sie um meinetwillen verdammen wollte. Ich wußte nicht, mich zu benehmen, ich beging die Dummheit, meinen Vaterrechten zu entsagen. Ich hätte mich für sie bis zur Entehrung erniedrigt. Was wollen Sie! Die besten Naturen, die edelsten Seelen wären diesem väterlichen Leichtsinn verfallen. Ich bin ein nichtswürdiger Schwächling. Ich allein bin an der Herzlosigkeit meiner Töchter schuld, ich habe sie verzogen. Sie fordern jetzt das Vergnügen, wie sie früher, als sie klein waren, Bonbons forderten. Allen ihren Mädchenlaunen habe ich stets nachgegeben. Mit fünfzehn Jahren hatten sie schon Wagen und Pferde! Nichts wurde ihnen abgeschlagen. Ich allein bin schuldig, schuldig aus Liebe. Wenn ich nur ihre Stimmen hörte, so jubelte mein Herz. – Sie kommen, ja, sie kommen jetzt! Ich höre sie. Sie müssen ja kommen. Das Gesetz will es, daß man ans Sterbelager seines Vaters eilt, das Gesetz ist für mich. Es kostet sie ja nicht mehr als eine Ausfahrt; ich werde sie dafür bezahlen. Schreiben Sie ihnen, daß ich ihnen Millionen hinterlassen habe. Mein Ehrenwort, ja! Ich werde mich in Odessa als Nudelfabrikant niederlassen. Ich kenne mein Handwerk. Mein Vorhaben kann mir Millionen einbringen, denn ich habe ein besonderes Verfahren dabei im Auge. Und den Nudeln kann der Transport, im Gegensatz zu Korn oder Mehl, nichts anhaben. Hehe, die Stärke! Auch mit der Stärke lassen sich Millionen verdienen. Sie lügen also nicht, wenn Sie ihnen von Millionen sprechen, und selbst wenn sie nur aus Habgier kämen, so würde ich sie ja sehen, sehen! Ich will meine Töchter! Mir verdanken sie das Leben, sie sind mein!« rief er, sich mühsam aufrichtend. Sein Greisenhaupt mit dem spärlichen weißen Haar blickte unheimlich und drohend.

»Ruhe, mein lieber Vater Goriot, legen Sie sich wieder nieder!« sagte Eugen. »Ich werde ihnen schreiben. Sollten sie nicht kommen, so werde ich hingehen, sobald Bianchon zurück ist.« »Sollten sie nicht kommen ...«, wiederholte der Alte schluchzend. »Aber ich werde ja vorher sterben, sterben vor Wut! Ja, die Wut packt mich! Jetzt sehe ich mein Leben vor mir, wie es gewesen ist. Zum Narren haben sie mich gehalten, sie lieben mich nicht, sie haben mich nie geliebt! Da sie bis jetzt nicht gekommen sind, so werden sie später auch nicht kommen. Je länger sie zögern, desto weniger werden sie sich entschließen, mir diese Freude zu machen. Ich kenne sie; niemals haben sie verstanden, meinen Kummer, meine Schmerzen, mein Sehnen zu erraten, sie werden auch mein Sterben nicht erraten. Sie haben kein Gefühl für mein zärtliches Empfinden. Ja, jetzt sehe ich es klar: ich habe ihnen zuviel und zu innig gegeben, und das hat all mein Geben entwertet. Und wenn sie danach verlangt hätten, mir die Augen auszustechen, so würde ich ihnen gesagt haben: › Tut es!‹ Ich bin zu dumm! Sie glauben, daß alle Väter so sind wie ich. Man muß sich selbst nie entwerten; aber ihre Kinder werden mich einst rächen. Liegt es denn nicht in ihrem eigenen Interesse, hierher zu kommen? Überreden Sie sie doch, daß sie ihre Trägheit überwinden! Diese eine Unterlassungssünde bringt tausend andere Sünden mit sich ... Aber eilen Sie doch, sagen Sie ihnen, daß es Vatermord ist, nicht zu kommen! Sie haben an mir schon manchen Mord begangen, mögen sie es daran genug sein lassen. Rufen Sie ihnen doch zu: › He, Stasie! He, Delphine! Kommt zu eurem Vater, der so gut zu euch gewesen ist und der im Sterben liegt!‹ Nichts! Niemand! Soll ich denn sterben wie ein Hund? Das also ist mein Lohn: verlassen! Diese nichtswürdigen Geschöpfe, ich verabscheue, ich verfluche sie! Aus meinem Grabe, um Mitternacht, werde ich wieder aufstehen und sie verdammen. Und gewiß, mein Freund, ich habe recht. Was sage ich da? Haben Sie mir nicht gesagt, Delphine wäre hier? Sie ist die Bessere von beiden ... Sie, Eugen, sind mein Sohn. Ach, lieben Sie sie recht, seien Sie ihr wie ein Vater! Die andere ist sehr unglücklich. Und ihre Geldverhältnisse! – O mein Gott! Ich sterbe, ich halte zu viel aus! Schneiden Sie mir den Kopf ab, lassen Sie mir nur das Herz!« »Christoph, laufen Sie zu Bianchon,« rief Eugen, entsetzt von den furchtbaren Klagerufen des Alten, »und holen Sie mir einen Wagen! – Ich werde Ihnen Ihre Töchter holen, mein guter Vater Goriot, ich bringe sie Ihnen.« »Mit Gewalt, mit Gewalt! Rufen Sie die Wache zu Hilfe, Soldaten, alle, alle!« sagte er mit einem letzten Rest von Vernunft im Blick. »Sagen Sie der Regierung, dem Staatsanwalt, daß man sie herschafft; ich will es!« »Aber Sie haben sie ja vorhin verflucht.« »Wer sagt das?« entgegnete der Alte verblüfft. »Sie wissen gut, daß ich sie liebe, sie anbete. Sobald ich sie nur sehe, bin ich gesund ... Gehen Sie, mein lieber Nachbar, mein lieber Junge, eilen Sie! Sie, ja, Sie sind gut; ich möchte Ihnen so gern danken, ich habe aber nichts weiter zu vergeben als die Segenswünsche eines Sterbenden. Ach ja! Ich möchte wenigstens Delphine sehen, um ihr zu sagen, daß sie Ihnen gegenüber meine Schuld abträgt. Bringen Sie mir wenigstens die eine, wenn schon die andere nicht kommen kann! Sagen Sie ihr, daß Se sie nicht mehr lieben können, wenn sie nicht kommt. Sie hat Sie so lieb, daß sie kommen wird. – Zu trinken! Meine Eingeweide brennen. Legen Sie mir etwas Kühlendes auf den Kopf, – die Hand meiner Tochter, die mich retten könnte, ich fühle es ... Mein Gott, wer sollte ihr Vermögen verwalten, wenn ich dahinginge? Ich will für sie nach Odessa gehen, nach Odessa und meinen Handel mit Nudeln eröffnen.« »Trinken Sie!« sagte Eugen, den Sterbenden aufrichtend und ihn mit dem linken Arm stützend, während seine rechte Hand ihm einen kühlenden Trank reichte. »Sie lieben gewiß Ihren Vater und Ihre Mutter sehr«, sagte der Greis und preßte mit seinen welken Händen Eugens Rechte. »Begreifen Sie, daß ich sterben werde, ohne meine Töchter gesehen zu haben? Immer durstig sein und niemals trinken, das ist seit zehn Jahren mein Leben ... Meine beiden Schwiegersöhne haben mir meine Töchter getötet. Ja, seit meine Töchter geheiratet haben, sind sie für mich gestorben. Väter, ihr solltet euer Recht durch ein Gesetz zu wahren suchen! Verheiratet eure Töchter nicht, wenn ihr sie liebt, denn jeder Schwiegersohn ist ein Schurke, der eure Töchter verdirbt! Ja, keine Ehe mehr! Sie ist es, die uns unsere Töchter entfremdet, so daß wir sie nicht einmal mehr haben, wenn wir sterben. Schafft den sterbenden Vätern ein Gesetz, denn solches Leid ist furchtbar. Rache! Meine Schwiegersöhne sind es, die sie am Kommen verhindern. Tötet sie! Zum Tode mit dem Restaud, zum Tode mit dem Elsässer, sie sind meine Mörder! Tod euch, wenn ihr mir meine Töchter nicht gebt! Oh, es ist zu Ende, ich sterbe ohne sie. Sie! Stasie! Fifine! Kommt, o kommt! Euer Vater scheidet ...« »Mein guter Vater Goriot, beruhigen Sie sich, Sie dürfen sich nicht aufregen, liegen Sie recht still, denken Sie an nichts!« »Sie nicht sehen heißt sterben!« »Sie werden sie sehen!« »Wahrhaftig!« rief der Alte verstört. »Oh, sie sehen! Ich werde sie sehen, ihre Stimme hören. Ich werde glücklich sterben. Ja, ja, ich will gar nicht mehr leben, es liegt mir nichts mehr daran, meine Schmerzen werden zu groß. Aber sie sehen, ihr Kleid berühren, ach, nur ihr Kleid, wie wenig das ist; doch wenn ich nur etwas an ihnen fühle! Dürfte ich nur ihr Haar streicheln ... streicheln.« Sein Kopf fiel in die Kissen zurück, als hätte er einen Keulenschlag erhalten. Seine Hände irrten über die Decke, als suchten sie das Haar seiner Töchter. »Ich segne sie,« sagte er mit letzter Anstrengung, »segne sie ...«

Plötzlich streckte er sich. In diesem Augenblick trat Bianchon ein.
»Ich bin Christoph begegnet,« sagte er, »er wird dir einen Wagen besorgen.«

Dann blickte er auf den Kranken, hob ihm gewaltsam die Augenlider, und die beiden Studenten erblickten ein ausdrucksloses, gebrochenes Auge.

»Er wird nicht wieder zu sich kommen,« sagte Bianchon, »ich glaube es wenigstens nicht.« Er fühlte dem Alten den Puls und legte ihm die Hand aufs Herz. »Die Maschine geht unentwegt; aber in seiner Lage ist es ein Jammer; es wäre besser, wenn er stürbe.« »Meiner Seel, ja«, sagte Rastignac. »Was fehlt dir nur? Du bist ja totenbleich.« »Mein Freund, ich habe Rufe und Klagen vernommen ... Es gibt einen Gott!« »O ja, es gibt einen Gott, und er hat ein Paradies für uns bereit, denn sonst ist unsere Erde ein Unsinn. Wenn es nicht so furchtbar gewesen wäre, so würde ich in Tränen zerfließen, aber das Herz ist mir wie zugeschnürt.« »Sage mal, man wird vielerlei nötig haben; woher Geld nehmen?« Rastignac zog seine Uhr. »Hier, versetze sie schnell! Ich will mich nicht unterwegs aufhalten, damit ich keine Minute verliere, und Christoph wird gleich kommen. Ich habe keinen Heller. Bei meiner Rückkehr will der Kutscher bezahlt sein.«

Rastignac eilte die Treppe hinunter und fuhr nach der Rue du Helder zu Frau von Restaud. Die Erinnerung an das entsetzliche Schauspiel, dessen Zeuge er soeben gewesen war, steigerte seine Empörung. Als er das Haus betrat und nach Frau von Restaud fragte, erhielt er zur Antwort, daß sie nicht zu sprechen sei.

»Aber«, sagte er zu dem Kammerdiener, »ich komme von ihrem Vater, er liegt im Sterben.« »Mein Herr, der Herr Graf hat uns strengsten Befehl erteilt ...« »Wenn Herr von Restaud zu Hause ist, so sagen Sie ihm, in welchem Zustand sich sein Schwiegervater befindet, und benachrichtigen Sie ihn, daß ich ihn augenblicklich sprechen muß!«

Eugen wartete längere Zeit. › Er stirbt vielleicht in diesem Augenblick‹, dachte er.

Der Kammerdiener führte ihn in das ungeheizte Empfangszimmer, wo Herr von Restaud den Studenten stehend erwartete, ohne ihn zum Sitzen aufzufordern.

»Herr Graf,« sagte Rastignac zu ihm, »Ihr Herr Schwiegervater haucht in diesem Augenblick sein Leben aus, er liegt in einer elenden Kammer und hat nicht einmal Geld für ein wärmendes Feuer; er liegt tatsächlich in den letzten Zügen und verlangt nach seiner Tochter ...« »Mein Herr,« antwortete ihm der Graf von Restaud kühl, »Sie haben wohl bemerken können, daß ich für Herrn Goriot keine Zuneigung empfinde. Er wußte in meinem Hause nicht die Würde zu wahren, er ist geradezu mein Unglück, ich sehe in ihm den Feind meiner Ruhe. Mag er leben oder sterben, mir ist es gleichgültig. Sie sehen daraus, was ich für ihn empfinde. Mag die Welt mich tadeln, ich kümmere mich nicht um ihre Meinung. Ich habe gegenwärtig wichtigere Dinge zu erledigen, als darüber nachzudenken, was Narren oder Dummköpfe von mir sagen. Was Frau von Restaud anlangt, so ist sie außerstande auszugehen; übrigens wünsche ich auch nicht, daß sie das Haus verläßt. Sagen Sie ihrem Vater, daß sie ihn besuchen wird, sobald sie ihre Pflichten gegen mich, gegen mein Kind erfüllt haben wird. Wenn sie ihren Vater liebt, so kann sie in einigen Minuten frei sein.« »Herr Graf, es kommt mir nicht zu, Ihr Betragen zu richten, Sie haben über Ihre Frau zu gebieten; aber auf Ihre Ehrenhaftigkeit darf ich gewiß rechnen. So versprechen Sie mir denn, ihr mitzuteilen, daß ihr Vater nicht einen Tag mehr zu leben hat und ihr schon fluchte, weil er sie nicht an seinem Sterbelager sah!« »Sagen Sie es ihr selbst!« versetzte Herr von Restaud, bestürzt über Eugens entrüsteten Ton.

Der Graf führte Rastignac in den Salon, in dem die Gräfin sich gewöhnlich aufzuhalten pflegte. Er fand sie in Tränen gebadet; erschöpft und gebrochen lag sie in einem Sessel. Sie tat ihm leid. Ehe sie Rastignac ansah, warf sie auf ihren Gatten einen furchtsamen Blick, der deutlich verriet, daß ihre Kräfte seiner moralischen und physischen Tyrannei nicht mehr gewachsen waren. Der Graf zuckte mit den Achseln; sie faßte Mut, zu sprechen: »Ich habe alles gehört, mein Herr. Sagen Sie meinem Vater, wenn er wüßte, in welcher entsetzlichen Lage ich mich befinde, so würde er mir verzeihen ... Ich hatte diese neue schreckliche Not nicht erwartet, sie übersteigt meine Kräfte. – Aber ich werde mich bis zuletzt widersetzen!« wandte sie sich an ihren Gatten. »Ich bin Mutter. – Sagen Sie meinem Vater, daß mich ihm gegenüber kein Vorwurf trifft, obwohl der Schein gegen mich ist!« rief sie dem Studenten verzweifelt zu.

Eugen verbeugte sich vor dem Ehegatten und zog sich bestürzt zurück; er erriet, daß diese Frau einen verzweifelten Kampf kämpfte. Der Ton des Herrn von Restaud hatte ihm die Nutzlosigkeit jedes weiteren Drängens gezeigt, und er begriff, daß Anastasia nicht mehr frei über sich bestimmen konnte. Er eilte zu Frau von Nucingen und fand sie im Bett.

»Ich bin krank, mein armer Freund«, sagte sie zu ihm. »Ich habe mich bei der Heimkehr vom Ball erkältet; ich fürchte, ich habe eine Lungenentzündung; ich erwarte den Arzt.« »Und hätten Sie den Tod auf den Lippen,« fiel Eugen ihr ins Wort, »ich muß Sie zu Ihrem Vater schleppen; er ruft nach Ihnen! Könnten Sie nur den leisesten seiner Sehnsuchtsschreie vernehmen, so würden Sie sich nicht mehr krank fühlen!« »Eugen, mein Vater ist vielleicht doch nicht so krank, wie Sie sagen; aber ich wäre außer mir, wenn Sie dächten, daß ich unrecht an ihm handelte; ich werde darum tun, was Sie wünschen. Er, mein Vater, würde aber gewiß vor Kummer sterben, wenn meine Krankheit infolge dieses Ausganges tödlich verliefe. Also gut, ich werde kommen, sobald der Arzt hier gewesen ist ... Oh, warum haben Sie Ihre Uhr nicht mehr?« sagte sie, da sie die Uhrkette nicht gewahrte.

Eugen errötete.
»Eugen, Eugen, wenn Sie sie schon verkauft hätten, verloren ... Oh, das wäre wirklich schrecklich!«

Der Student beugte sich zu Delphine herab und sagte ihr ins Ohr: »Wollen Sie es wissen?« »Schön, Sie sollen es erfahren! Ihr Vater hat nicht mehr so viel, um sich das Leintuch zu kaufen, in das man ihn heute abend betten wird. Ihre Uhr ist versetzt, denn ich selbst hatte auch nichts mehr.«

Delphine sprang aus dem Bett, lief an ihren Schreibtisch, ergriff ihre Börse und hielt sie Rastignac hin. Sie klingelte dem Kammermädchen und rief: »Ich komme, Eugen, ich komme! Lassen Sie mir Zeit, mich anzuziehen; ich wäre ja ein Ungeheuer! Eilen Sie zurück, ich werde früher dort sein als Sie! – Therese,« rief sie, »sagen Sie Herrn von Nucingen, er möchte sofort heraufkommen, ich muß sogleich mit ihm sprechen.«

Eugen, der glücklich war, dem Sterbenden das Kommen wenigstens einer seiner Töchter anzuzeigen, langte fast heiter in der Rue Neuve-Sainte-Geneviève an. Er suchte in der Börse, um den Kutscher gleich bezahlen zu können. Die Börse dieses jungen, reichen, vornehmen Weibes enthielt nur siebzig Franken. Als er oben ankam, fand er Vater Goriot in den Armen Bianchons, dem ein Arzt und ein Wärter aus dem Krankenhause zur Hand gingen. Man brannte ihm den Rücken mit Moxa, diesem letzten, unnützen Versuchsmittel der Wissenschaft.

»Fühlen Sie das Brennen?« fragte der Mediziner. Vater Goriot, der das Eintreten des Studenten bemerkt hatte, rief: »Sie kommen, nicht wahr?« »Er erholt sich wieder,« sagte der Wärter, »er spricht.« »Ja,« erwiderte Eugen, »Delphine wird gleich hier sein.« »Er spricht immer nur von seinen Töchtern,« sagte Bianchon, »er schreit nach ihnen wie ein Verdurstender nach Wasser.« – »Genug,« sagte der Arzt zu dem Wärter, »wir können nichts mehr tun, er ist nicht zu retten.« Bianchon und der Wärter legten den Sterbenden auf sein armseliges Lager zurück. »Man sollte ihm aber reine Wäsche geben«, sagte der Arzt; »wenn es auch keine Hoffnung mehr gibt, so muß man in ihm doch den Menschen ehren. Ich komme wieder, Bianchon«, wandte er sich an den Studenten. »Sollte er wieder klagen, so geben Sie ihm Opium.«

Der Arzt und der Wärter entfernten sich.

»Vorwärts, Eugen! Mut, mein Junge!« sagte Bianchon zu Rastignac, als sie allein waren, »jetzt heißt es, ihm ein sauberes Hemd und reine Bettwäsche geben. Geh und sage Sylvia, daß sie das Nötige heraufbringt und uns helfen kommt.«

Eugen ging hinunter und fand Frau Vauquer und Sylvia dabei, den Tisch zu decken. Bei den ersten Worten Rastignacs hielt die Witwe inne in der Arbeit und setzte die sauersüße Miene einer argwöhnischen Krämersfrau auf, die weder ihr Geld verlieren noch ihren Kunden erzürnen möchte.

»Mein lieber Herr Eugen,« entgegnete sie, »Sie wissen ebensogut wie ich, daß Vater Goriot nicht einen Sou mehr hat. Es ist wirklich überflüssig, dem Alten, der im Sterben liegt, noch frische Wäsche zu geben, muß man ihm doch ohnedies ein Leichentuch opfern. Auch schulden Sie mir bereits hundertvierundvierzig Franken, rechnen Sie vierzig Franken für Leintücher und andere Kleinigkeiten hinzu, die Sterbekerzen und so weiter, alles das zusammen macht mindestens zweihundert Franken, die eine arme Witwe wie ich nicht entbehren kann. Seien Sie gerecht, Herr Eugen, ich habe in den letzten fünf Unglückstagen genug verloren! Ich würde zehn Taler darum geben, wenn dieser Alte da vor ein paar Tagen ausgezogen wäre, wie er beabsichtigte. Er vertreibt mir ja meine Pensionäre. Versetzen Sie sich doch in meine Lage: meine Pension, das ist mein Vermögen!«

Eugen eilte wieder zu Vater Goriot hinauf.

»Bianchon, wo ist das Geld für die Uhr?« »Es liegt da auf dem Tisch, es sind noch dreihundertsechzig und einige Franken; ich habe alles bezahlt, was wir schuldig waren. Der Versatzschein liegt unter dem Geld.« – »Hier, nehmen Sie,« sagte Rastignac, der voller Ekel wieder hinuntergeeilt war, »begleichen Sie unsere Rechnung! Herr Goriot wird nicht mehr lange bei Ihnen bleiben ... und ich ...« »Ja, er wird mit den Füßen voran hinausgetragen werden, der arme Mann«, sagte die Witwe, indem sie sich bemühte, ihre Freude über die empfangenen zweihundert Franken zu verbergen. »Vorwärts, kommen wir zu Ende!« sagte Rastignac. »Sylvia, nehmen Sie Bettwäsche und helfen Sie den Herren da oben! – Sie dürfen auch Sylvia nicht vergessen,« sagte Frau Vauquer dem Studenten ins Ohr, »sie hat schon zwei Nächte gewacht.« Kaum hatte Eugen den Rücken gekehrt, so lief die Alte der Köchin nach. »Nimm die Überzüge Nummer sieben und wende sie! Zum Teufel, die sind noch immer gut genug für einen Toten«, sagte sie ihr ins Ohr.

Eugen, der die Treppe schon hinaufgestiegen war, hatte die Worte der Witwe nicht vernommen.
»Greif zu!« sagte Bianchon zu ihm, »wir müssen ihm das Hemd ausziehen. Du mußt ihn aufheben.«

Eugen stellte sich an das Kopfende des Bettes und stützte den Alten hoch, während Bianchon ihm das Hemd auszog. Da machte der Greis eine Bewegung, als wolle er etwas auf der Brust festhalten; er stieß unverständliche, klagende Laute aus, so etwa, wie der heftige Schmerz eines Tieres sie finden mag.

»Oh,« sagte Bianchon, »er will die kleine haargeflochtene Kette, mit dem Medaillon daran, die wir ihm soeben abgenommen haben, um ihm Moxa aufzulegen. Armer Mann! Wir wollen sie ihm wiedergeben; sie liegt auf dem Kamin.«

Eugen holte die Kette aus aschblondem Haar, wahrscheinlich das der Frau Goriot. Auf der einen Seite des Medaillons las er die Inschrift › Anastasia‹ und auf der anderen › Delphine‹. Die Löckchen, die das Medaillon enthielt, waren von solcher Zartheit, daß sie aus den Kinderjahren der Mädchen stammen mußten. Als das Medaillon wieder die Brust des Greises berührte, vernahmen die beiden Anwesenden einen so tiefen und befriedigten Atemzug, daß dieser starke Gefühlsausdruck sie erschütterte. Es war eine der letzten bewußten Gemütsäußerungen des Alten, denn von nun an schien sein Empfinden sich in jene unbekannte Region zurückzuziehen, die der Ausgangs- und Endpunkt allen Empfindungslebens ist. Seine krampfverzerrten Züge zeigten den Ausdruck schmerzlicher Freude. Die beiden Studenten, gerührt von diesem mächtigen Gefühlsausbruch, hier, wo der Geist schon entflohen zu sein schien, vergossen ein paar heiße Tränen. Der Sterbende fühlte sie und stieß einen Freudenruf aus.

»Stasie! Fifine!« »Er lebt noch«, sagte Bianchon. »Wozu nützt ihm das?« fragte Sylvia. »Um zu leiden«, entgegnete Rastignac.

Bianchon gab seinem Kameraden ein Zeichen, seinem Beispiel zu folgen, dann kniete er hin und schob seine Arme dem Kranken unter die Kniee, während Rastignac den Alten an der anderen Seite des Bettes unter den Armen emporhob. Sylvia stand bereit, um unter dem Körper des Sterbenden das Leintuch vorzuziehen und durch ein sauberes zu ersetzen. Goriot, getäuscht durch die Tränen der jungen Leute, streckte mit letzter Kraft die Hände aus, fühlte auf jeder Seite des Bettes den Kopf eines der Studenten, ergriff sie beide heftig beim Haar und flüsterte: »Ah, meine Engel!« Mit diesen Worten entfloh die Seele dem Körper.

»Armer guter Mann!« sagte Sylvia, gerührt von diesem Sterbeseufzer, in dem die erhabene Liebe des Alten zum letzten Mal ihren Ausdruck fand, veranlaßt durch den unbeabsichtigten und schrecklichsten Betrug.

Dieses Vaters letzter Seufzer sollte ein Freudenseufzer sein. Das Leben, das ihn immer getäuscht hatte, narrte ihn bis zuletzt.

Vater Goriot wurde sorgsam auf sein Lager zurückgebettet. Sein Antlitz zeigte die schmerzlichen Züge, die nur der Kampf zwischen Leben und Tod zu prägen weiß und die von dem bewußten Ausdruck der Freude oder des Schmerzes gar sehr verschieden sind.

»So wird er wohl noch einige Stunden verharren und sterben, ohne daß man es gewahr wird; er wird nicht einmal mehr röcheln; die Gehirntätigkeit muß vollständig vorüber sein.«

Jetzt vernahm man von der Treppe her den Schritt und das hastige Atmen eines jungen Weibes.
»Sie kommt zu spät«, sagte Rastignac.
Es war nicht Delphine, es war Therese, ihre Kammerzofe.

»Herr Eugen,« sagte sie, »es hat zwischen dem gnädigen Herrn und der gnädigen Frau einen heftigen Streit gegeben, weil die arme Gnädige für ihren Vater Geld verlangte. Sie fiel in Ohnmacht, und als der Arzt kam, mußte er sie zur Ader lassen. Sie schrie fortwährend: › Mein Vater stirbt, ich muß ihn sehen!‹ Es war herzzerreißend.« »Genug, Therese. Jetzt, da es überflüssig ist, wird sie gewiß kommen; Herr Goriot ist nicht mehr bei Bewußtsein.« »Der arme Mann, so schlecht geht es ihm?« sagte Therese. »Sie haben mich hier nicht mehr nötig, ich gehe hinunter zum Mittagessen, es ist schon halb fünf«, sagte Sylvia. Draußen auf der Treppe stieß sie mit Frau von Restaud zusammen.

Die Gräfin bot einen traurigen Anblick. Sie trat an das von einer einzigen Kerze spärlich beleuchtete Sterbebett und weinte, als sie das Totenantlitz ihres Vaters gewahrte, in dem noch die letzten Lebensenergieen zuckten. Bianchon zog sich rücksichtsvoll zurück.

»Es war mir nicht leicht, wegzukommen«, sagte die Gräfin zu Rastignac.
Der Student nickte zustimmend mit dem Kopfe. Frau von Restaud ergriff die Hand ihres Vaters und küßte sie.

»Verzeihe mir, mein Vater! Du sagtest, meine Stimme würde dich noch aus dem Grabe zurückrufen, oh, so kehre noch einmal zum Leben zurück, um deine Tochter zu segnen. Höre mich! Es ist schrecklich! Dein Segen ist die einzige Liebe, die mir auf Erden noch zuteil werden kann. Alle Welt haßt mich, du allein liebst mich. Selbst meine Kinder werden mich hassen. Nimm mich mit dir, ich will dich in Liebe hegen und pflegen. Er hört nicht mehr ... ich bin toll ...«

Sie sank in die Kniee, und ihre Blicke hingen wie irrsinnig an dem Sterbenden.

»Das Maß meines Unglücks ist voll«, sagte sie, Eugen anblickend. »Herr von Trailles ist abgereist unter Hinterlassung ungeheurer Schulden, und ich wußte, daß er mich betrog. Mein Gatte wird mir niemals verzeihen, und er ist Herr über mein Vermögen. Alle meine Träume und Hoffnungen sind dahin! Ach, für wen geschah es, daß ich dieses einzige Herz betrog,« (sie zeigte auf ihren Vater) »das mich anbetete! Ich habe ihn verkannt, zurückgestoßen, ich tat ihm tausenderlei zuleide.« »Er wußte es«, sagte Rastignac.

In diesem Augenblick öffnete Vater Goriot die Augen, es war aber nur eine mechanische Bewegung. Die Gräfin schöpfte wieder Hoffnung; als sie aber das gebrochene Auge des Sterbenden sah, schrie sie auf: »Hat er mich gehört? – Ach nein«, fuhr sie schmerzlich fort und ließ sich zur Seite des Bettes nieder.

Da Frau von Restaud den Wunsch geäußert hatte, selbst bei ihrem Vater zu wachen, so ging Eugen hinunter, um etwas zu essen. Die Pensionäre waren schon alle versammelt.

»Nun,« fragte ihn der Maler, »es scheint mir, daß da oben ein kleines Sterborama vor sich geht, wie?« »Charles,« entgegnete Eugen, »ich finde, daß Ihre Scherze hier nicht am Platze sind.« »Sollen wir hier nicht einmal mehr lachen können?« erwiderte der Maler. »Was macht denn das, da Bianchon doch sagt, daß er nicht mehr bei Besinnung ist?« »Na ja,« mischte sich der Museumsbeamte ein, »er wird sterben, wie er gelebt hat.« »Mein Vater ist tot!« schrie die Gräfin durchs Haus.

Auf diesen Schreckensruf hin stiegen Sylvia, Rastignac und Bianchon die Treppe hinauf und fanden Frau von Restaud ohnmächtig. Nachdem sie die Gräfin wieder zur Besinnung gebracht hatten, trugen sie sie in ihren Wagen hinunter, der wartend vor dem Hause stand. Eugen empfahl sie der Sorgfalt Thereses, indem er dieser gebot, sie zu Frau von Nucingen zu bringen.

»Ja, nun ist er wirklich tot«, sagte Bianchon, als er wieder herunterkam. »Vorwärts, meine Herren, zu Tisch!« sagte Frau Vauquer, »die Suppe wird kalt.«

Die beiden Studenten setzten sich nebeneinander.

»Was muß man jetzt tun?« sagte Rastignac zu Bianchon. »Nun, ich habe ihm die Augen geschlossen und ihn richtig hingelegt. Wenn der Bezirksarzt den Totenschein ausgestellt hat, wird er ins Leichentuch genäht und begraben. Was sollte man denn anderes tun?« »Er wird nie mehr an seinem Brote schnüffeln«, sagte einer der Pensionäre, indem er die bewußte Bewegung Goriots nachahmte. »Donnerwetter, meine Herren,« sagte der Beamte, »tischen Sie uns doch nicht immer wieder den Vater Goriot auf, seit einer Stunde liegt er uns schon im Magen. Es ist eine der größten Annehmlichkeiten in Paris, daß man hier geboren werden, leben und sterben kann, ohne daß der liebe Nachbar sich darum kümmert. Genießen wir doch die Vorteile der Zivilisation. Heute gibt es hier gewiß sechzig Tote; wollen Sie um die Hekatomben von Paris klagen? Ist der Vater Goriot verreckt, um so besser für ihn! Verehren Sie ihn, so halten Sie bei ihm Totenwacht; aber uns andere lassen Sie in Ruhe essen.« »O ja,« sagte die Witwe, »für ihn ist es besser, daß er tot ist. Es scheint, der arme Mann hatte in seinem Leben viele Unannehmlichkeiten durchzumachen.«

Dies war die einzige Leichenrede, die man einem Menschen hielt, der nach Eugens Ansicht den Begriff › Vater‹ am vollkommensten verkörperte. Die fünfzehn Tischgäste begannen ihre gewohnte Unterhaltung. Eugen und Bianchon, die nur wenig essen konnten, vernahmen voll Ekel das Klappern der Messer und Gabeln, das Lachen und Schwatzen, sahen voll Abscheu die kauenden, gleichgültigen, sorglosen Gesichter. Sie gingen hinaus, um einen Geistlichen zu holen, der die Nacht über bei dem Toten wachen und beten sollte. Es galt, die letzten Pflichten gegenüber dem braven Alten mit der geringen Summe in Einklang zu bringen, über die sie verfügten. Um neun Uhr abends wurde die Leiche inmitten des kahlen Zimmers aufgebahrt, zu Häupten brannten zwei Kerzen, und der Geistliche hielt die Totenwacht. Ehe Rastignac schlafen ging, erkundigte er sich bei diesem nach den Kosten für Begräbnis und Gefolge und schrieb daraufhin sowohl an den Baron von Nucingen wie auch an den Grafen von Restaud ein paar Zeilen, indem er sie bat, einen Boten mit dem nötigen Gelde zu schicken und ihre Wünsche betreffs der Bestattung auszudrücken. Durch Christoph ließ er die Briefe an ihren Bestimmungsort bringen, legte sich dann völlig erschöpft zur Ruhe und schlief sogleich ein.

Am anderen Morgen sahen sich Bianchon und Rastignac genötigt, selber die Todesanzeige zu erstatten, die gegen Mittag ärztlich bestätigt wurde. Zwei Stunden später hatte noch immer keiner der Schwiegersöhne Geld oder sonstige Mitteilung gesandt, und Rastignac hatte schon die Gebühren für den Geistlichen bezahlen müssen. Da ferner Sylvia für das Einkleiden der Leiche zehn Franken verlangt hatte, berechneten Eugen und Bianchon, daß, wenn die Verwandten des Toten sich um nichts kümmerten, sie kaum genug hatten, die Beerdigungskosten zu bestreiten. Der Mediziner übernahm es also, die Leiche selber in einen Armensarg zu legen, den er sich vom Krankenhause kommen ließ, weil er ihn da besonders billig erhielt.

»Wir wollen der Bande einen Streich spielen!« sagte er zu Eugen. »Geh zum Père-Lachaise und kaufe eine Grabstelle für fünf Jahre und bestelle in der Kirche eine Leichenfeier und ein Begräbnis dritter Klasse. Wenn die Schwiegersöhne und die Töchter sich weigern, dir das Geld zu geben, so lassen wir auf den Grabstein eingravieren: › Hier ruht Herr Goriot, Vater der Gräfin von Restaud und der Baronin von Nucingen, beerdigt auf Kosten zweier Studenten.‹«

Eugen befolgte den Rat seines Freundes erst, nachdem ein Gang zu Herrn und Frau von Nucingen und zu Herrn und Frau von Restaud vergeblich gewesen war. Er durfte da wie dort die Schwelle nicht überschreiten. Die Türhüter beider Häuser hatten strenge Order.

»Die Herrschaften lassen heute niemanden vor; ihr Herr Vater ist gestorben, und sie sind in tiefste Trauer versetzt.«

Eugen kannte die Pariser Welt zur Genüge, um zu wissen, daß er nicht weiter vordringen durfte. Sein Herz zog sich schmerzlich zusammen, als er die Unmöglichkeit sah, bis zu Delphine zu gelangen.

› Verkaufen Sie irgendeinen Schmuck,‹ schrieb er für sie in der Wohnung des Türhüters auf einen Zettel, › und tragen Sie Sorge, daß Ihr Vater auf anständige Weise zur letzten Ruhe bestattet wird.‹

Er kuvertierte den Zettel und bat den Türhüter, den Brief an Therese für ihre Herrin zu übergeben. Statt dessen gab ihn der Mann dem Baron von Nucingen, der ihn ins Feuer warf. Nachdem er seine Anordnungen getroffen hatte, kehrte Eugen gegen drei Uhr zur Pension zurück und konnte eine Träne nicht zurückhalten, als er vor der Tür den kaum mit einem schwarzen Tuch bedeckten Sarg gewahrte, der in dieser einsamen Straße unbeachtet auf zwei Stühlen stand. Ein versilbertes Weihwasserbecken mit einem armseligen Weihwedel darin stand daneben. Die Tür war nicht einmal schwarz verhängt. Der Tote war eben ein Armer, für den es weder Gepränge noch Gefolge, weder Freunde noch Verwandte gab. Bianchon, der heute im Krankenhaus beschäftigt war, hatte Rastignac durch ein paar Zeilen wissen lassen, welche Vereinbarung er mit der Kirchenbehörde getroffen hatte. Der Freund teilte ihm mit, daß eine Messe unerschwinglich sei, daß man sich mit einer weniger kostspieligen Vesper begnügen müsse und daß er Christoph angewiesen habe, die nötigen Schritte zu tun. Als Eugen den Brief Bianchons zu Ende gelesen hatte und aufblickte, gewahrte er in den Händen Frau Vauquers das goldene Medaillon, das die Haarlocken der beiden Mädchen enthielt.

»Wie durften Sie es wagen, ihm das wegzunehmen?« sagte er zu ihr. »Mein Gott, hätte man das mit einscharren sollen?« entgegnete Sylvia; »es ist aus Gold.« »Gewiß,« erwiderte Eugen aufgebracht, »damit er wenigstens etwas von seinen Töchtern mit sich nimmt!«

Als der Leichenwagen kam, ließ Eugen den Sarg noch einmal öffnen und legte auf die Brust des Alten ein kleines Medaillonbild seiner Töchter aus der Zeit, da Delphine und Anastasia noch jung und rein gewesen waren und er sich nicht über sie zu beklagen gehabt hatte. Rastignac und Christoph und zwei Leichenträger waren das einzige Gefolge des Leichenwagens, der den armen Mann nach Saint-Etienne du Mont hinausfuhr, einer Kirche, die der Rue Neuve-Sainte-Geneviève benachbart war. Dort angekommen, wurde der Leichnam in einer kleinen, düsteren Kapelle niedergesetzt; und auch hier sah sich der Student vergeblich nach den beiden Töchtern Vater Goriots oder deren Gatten um. Er war allein mit Christoph, der sich verpflichtet glaubte, einem Manne, der ihm manch gutes Trinkgeld zu verdienen gegeben hatte, den letzten Dienst zu erweisen. Die beiden standen und warteten auf die zwei Geistlichen, den Chorknaben und den Küster. Rastignac drückte Christoph die Hand, er konnte nicht sprechen.

»Ja, Herr Eugen,« sagte Christoph, »er war ein guter und braver Mann, der nie ein böses Wort sagte und nie jemandem etwas zuleide tat.«

Die beiden Geistlichen, der Chorknabe und der Küster kamen und taten alles, was man in einer Zeit, da die Kirche nicht reich genug ist, unentgeltlich zu beten, für siebzig Franken bekommen kann. Man sang einen Psalm, das Libera, das De profundis. Die Leichenfeier dauerte zwanzig Minuten. Es gab nur einen einzigen Trauerwagen für einen der Geistlichen und einen Chorknaben, die jedoch Eugen und Christoph neben sich Platz machten.

»Da kein Gefolge da ist,« sagte der Priester, »können wir schnell fahren, damit wir uns nicht verspäten; es ist schon halb sechs.«

Als jedoch der Sarg in den Leichenwagen zurückgestellt war, erschienen zwei wappengeschmückte, doch leere Equipagen, der Wagen des Grafen von Restaud und der Wagen des Barons von Nucingen, und folgten dem Zuge zum Père-Lachaise. Um sechs Uhr wurde der Leichnam des Vaters Goriot in die Grube gesenkt; Kutscher und Diener seiner Töchter, die diesem Akte beigewohnt hatten, verschwanden, sobald der Priester das kurze Gebet gesprochen hatte, das man dem Alten für das Geld der Studenten schuldig war. Kaum hatten die beiden Totengräber ein paar Schaufeln voll Erde auf den Sarg geworfen, so richteten sie sich wieder auf, und einer von ihnen verlangte von Rastignac das schuldige Trinkgeld. Eugen durchsuchte seine Taschen, fand aber nichts mehr; er war genötigt, sich von Christoph zwanzig Sous zu borgen. Dieser an sich so geringfügige Vorfall versetzte Rastignac in furchtbare Qual und Trauer. Der Tag sank zur Neige, ein unangenehmer Nebel stieg auf; Eugen blickte auf das Grab und vergoß seine letzte Jünglingsträne, das heilige Opfer der schönen Regungen eines reinen Herzens, eine jener Tränen, die, wo sie auch hinfallen, bis in alle Himmel leuchten. Er kreuzte die Arme und starrte in das Nebelgewölk. Als Christoph ihn so nachdenklich sah, ging er davon. Allein geblieben, schritt Rastignac den hügelig angelegten Kirchhof hinauf und blickte auf Paris hinab, das sich an beiden Ufern der Seine ausbreitete und schon in einigen Lichtern flammte. Fast gierig blickten seine Augen nach der Gegend zwischen der Säule des Vendôme-Platzes und dem Dôme des Invalides, dorthin, wo jene schöne Welt sich breitete, in die er hatte eindringen wollen. Seine Blicke schienen den Honig dieses summenden Bienenstockes sehnsüchtig aufzusaugen, und er sprach die großen Worte: »Jetzt zu uns beiden!«

Und als erste herausfordernde Tat begab sich Rastignac zu Frau von Nucingen, um mit ihr zu dinieren.

Fußnoten

1 Gloria: kleine Tasse Kaffee mit über Zucker abgebranntem Kognak.

2 Marais: ein Pariser Stadtviertel.

3 trompe la mort: betrüge den Tod.

4 Kirchhof in Paris.

5 Unübersetzbares Wortspiel mit Poiret und poirier: Birnbaum.

6 Das Wortspiel wird fortgesetzt: entre la poire et le fromage: › zwischen Birne und Käse‹, eine Redensart, die › beim Nachtisch‹ bedeutet.

7 Sorbonne: Bezeichnung für die theologische und philosophische Fakultät der Pariser Universität.

8 tronche: Klotz. –

9 Platz in Paris, auf dem früher die Hinrichtungen stattfanden.

10 Ein Name voll grausiger Poesie, den die Sträflinge der Guillotine gegeben haben.

Quelle: Balzac, Honoré de: Vater Goriot. Leipzig 1950, S. 5-275.